Formen der gesellschaftlichen Differenzierung - Oder: Wie veränderte die Arbeit unser Leben bis heute?

Mit dem Einzug der industriellen Arbeitsteilung verlor der Mensch den identitätsverbindenden Bezug zu den von ihm gefertigten Waren. Die neue Art der Arbeit war fragmentiert und bezugslos. Der Arbeiter fertigte keine ganzen Produkte mehr, sondern kümmerte sich fließbandartig nur noch um einen Teil der zu verrichtenden Arbeit.

Unikate ade!

Damit erfuhr der Mensch einen Verlust seiner Identität, den er bisher an seine gestalterische Arbeit als ganzheitlichen Prozess knüpfte, was schließlich zur Entfremdung führte. Diese Erfahrung war insofern wichtig, als sich der individuelle Mensch nun als unersetzlicher Teil eines Ganzen begriff. Er – als metaphorisches Rad im Getriebe – verrichtete ein Werk, dass keiner so gut konnte, wie er selbst (Tannert 2005: 15). Diese individuelle Problematik des neuen Identitätsbezugs war dennoch ein kollektives Problem. Die Lösung fand sich in der Großstadt, in die die Menschen strömten, um in den dortigen Fabriken zu arbeiten. Dort sollte der neue Individualismus ideale Voraussetzungen finden, um sich neu auszurichten.
Die Großstadt mit ihrer Bilderflut und Sinnesreizen stellte für den Soziologen Georg Simmel den optimalen Rahmen dar, der von Geldwirtschaft und Anonymität eingespannt ist, um Individualismus neu zu definieren. Die Menschen gewöhnten sich an die intensiven Eindrücke aus Werbung und Angeboten, sie reagierten weniger emotional darauf, dafür umso mehr intellektuell nüchtern. Laut Simmel müsste es einen geradezu innerlich »atomisieren«, würde man jedem Gegenüber der Großstadt eine Gemütsregung abverlangen:
»In demselben Sinne wirkt ein unscheinbares, aber seine Wirkungen doch wohl merkbar summierendes Moment: die Kürze und Seltenheit der Begegnungen, die jedem Einzelnen mit dem anderen - verglichen mit dem Verkehr der kleinen Stadt - gegönnt sind.
Denn hierdurch liegt die Versuchung, sich pointiert, zusammengedrängt, möglichst charakteristisch zu geben, außerordentlich viel näher, als wo häufiges und langes Zusammenkommen schon für ein unzweideutiges Bild der Persönlichkeit im anderen sorgen.« (Simmel 1903)
Der Mensch der Großstadt integriert einen Abstandshalter zwischen der lauten, reizenden Außenwelt und seiner Innenwelt. Er reagiert gleichgültig zu Individuellem und sachlich zu Ereignissen (Tannert 2005: 15), paradoxerweise legt er aber auf seine persönliche Wirkung nach außen großen Wert – wobei die Mitmenschen sicherlich genauso gleichgültig mit der Umwelt verfahren. Simmel begründet dies mit der dominanten Geldwirtschaft und Verstandesherrschaft, denn beide begegnen Mensch wie Ding mit strikter Sachlichkeit. Fühlbar wird dies im dichtesten Gewühl der Großstadt, wenn Enge und körperliche Nähe eine geistige Distanz auslösen. Während in Kleinstädten und Kommunen einzelne Persönlichkeiten den wichtigen Faktor des Zusammenlebens ausmachen, ergibt sich die Bedeutung der Großstadt aus ihrer Unabhängigkeit solcher Personen (Tannert 2005: 17). Daraus ergeben sich zweierlei Lebensformen – zum einen die persönlich freie als anonyme Person einer Großstadt und zum anderen die Wichtigkeit des Einzelnen in einer Kleinstadt oder Gemeinde. Nach Simmel ist gerade die Großstadt ein Quell für Individualität, weil durch die Ausweitung der Beziehungskreise das Aufkommen zahlreicher neuer, auch temporärer Verbindungen zur »Selbstverwirklichung« beitragen (Tannert 2005: 16). 

Kleider machen Leute: Die Flucht vor der Anonymität

Genau jene Kreise ziehen mit der Ausweitung von sozialen Beziehungen, der entfesselten Geldwirtschaft und der feingliedrigeren Arbeitsspezialisierung einen neuen Zirkel um die Bedürfnisse der Menschen. Der Entfremdung von der Arbeit, den anderen und sich selbst möchte der einzelne mit »persönlichen« Attributen entgehen. Diese müssen für jedermann sichtbar sein, gar übertrieben werden, um der Anonymität den Kampf anzusagen und »die Persönlichkeit zu retten« (Simmel). Der Widerspruch von wachsender Egalisierung und eigenem Besonderheitsgehabe wird immer extremer. Schließlich wird die Arbeit immer spezieller, sodass der Arbeiter immer mehr isoliert arbeitet z.B. in Call-Centern (Tannert 1998: 26 – 27). Das Außen wird also immer wichtiger. David Riesman spricht daher auch von »außengeleiteten« Menschen, die ihre Orientierung im Außen suchen, um sich darin verorten und platzieren zu können. Nicht mehr verinnerlichte Überzeugungen lenken den Menschen, sondern Impulse von außen, wie der Lebensstil Gleichaltriger oder Idole aus den Massenmedien – diese werden damit zum Kompass für das eigene Verhalten und Dafürhalten, das sich nur durch Konsum zum Ausdruck bringen lässt. Dadurch wird Identität nicht mehr von innen, sondern primär von außen geformt (vgl. Riesman 1965: 1. Kapitel). Ohne Konsum – kein Lebensgefühl, keine Zugehörigkeit, keine gesellschaftliche Mitsprache, die sich durch gekaufte Codes äußert. Wir sprechen nicht mehr miteinander, aber wir sprechen die gleiche Sprache, wenn wir Burberry, Nike oder Zara tragen. Diese Identität nach Auswahl von Konsumartikeln hängt mit dem Adjektiv »postmodern« oder »postindustriell« zusammen. In der Soziologie – der Beobachtungsforschung, wie Menschen leben und sich verhalten im Laufe der Zeit – führt man dies auf den Prozess steigender Differenzierung und Pluralisierung zurück. Dieser prozesshafte Anstieg umfasst unsere Orientierungsweise in der Welt, Wertesysteme, Einstellungen, Lebensstile und die Art und Weise, wie wir miteinander umgehen (Tannert 1998: 27).
Das Problem des gleichzeitigen Wunsches besonders zu sein, aber die gleichen Mittel (Konsumprodukte) zu benutzen mündet im Konflikt des Widerspruchs. Dieser Lauf im Hamsterrad der ewigen Differenzierung (heute Burberry – morgen Superdry) wird zur Bewältigung, zur persönlich bedeutsamen Aufgabe und zum Problem. Die Tendenz zum Narzissmus wird zur wichtigen Lebenspragmatik. Sie nährt modernes Selbstvertrauen, Ich-Stärke und Eigenständigkeit. Und dazu braucht es Geld.

Stand-By-Körper

Der Mensch braucht den Schmuck des Überflusses, weil er in einem Gefüge aus Do´s und Dont´s steckt, aus dem er nicht auszubrechen vermag. Die Rationalisierung, die sich auf immer feinere Lebensbereiche überstülpt, schnürt den Körper in ein Korsett aus Ver- und Geboten, die als Druckmittel fungieren, um den Menschen zu »einfältigen stummen Dienern« zu machen (Kamper 1982: 12). Der »Dumme« ist dabei stets der Körper, der für seine Unzulänglichkeiten bestraft wird, um die geforderten Leistungen des Kopfes zu bewerkstelligen (ebd.): weniger Schlaf, effizientere Kost und weniger Hedonismus. Körperliche Bedürfnisse werden auf Distanz gehalten und nach Kamper für unwichtig erklärt. Heute noch wird dem Körper diktiert, was er zu tun habe, um die gewünschte Leistung zu vollbringen. Die Rede ist von Wellness als terminfixierte Entspannung oder Yoga-Sessions, bei denen der Kopf in bewussten Leerlauf tritt und der Körper stoischen Bewegungsabläufen Folge zu leisten hat. Aber auch die sturköpfige Idee vom strammen Max muss erst an Sportgeräten vollzogen werden, damit aus dem Durchschnittlichen etwas Ikonisches oder zumindest etwas Repräsentatives werden kann.

Alexandra Bayer
Kommunikationsdesign B.A.
Informationsdesign M.A.
University of Applied Science Würzburg
alexandra.bayerfh@gmail.com

Über den Autor

  • Alexandra Bayer

    Alexandra Bayer

    Informationsdesignerin

    Heutzutage mangelt es uns nicht mehr an Informationen. Das Internet ist voll davon. Vielmehr braucht es Lotsen, die inmitten des Dickichts aus Inhalten erkennen, wo es sich lohnt hinzusehen. Alexandra Bayer lotst im altii-Blog dem Lifestyle entgegen. Ihre Themen sind die großen Erzählungen an die wir fraglos glauben. Kapital, Wohlstand und Fitness stehen auf der Agenda.

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