Investieren Sie mehr! Zeit.

Im Mai meldete sich der Regionalchef eines Finanzdienstleisters bei mir. Sein Briefing: „Einer meiner Berater wird künftig Videostatements fürs Internet abgeben. Aber er soll erstmal proben.“ Daraufhin ich: „Weiß er, was er sagen soll?“ Der Chef: „Ja klar, er ist ein absoluter Experte in seinem Fach.“ Nochmal ich: „Also beherrscht er seinen Text?“ Antwort: „Normalerweise ist er ein guter Redner.“ Der Berater kam, war gut gelaunt. Noch. 

Unterschätzte Nervosität

 Das Training war auf 2,5 Stunden in der Mittagszeit angesetzt. Theorie des Auftraggebers: Wenn ein Videostatement 90 Sekunden dauert, müssen 180 Übungsminuten reichen. Und nun die Praxis vor der Kamera:     

 Übung 1: Der Finanzberater bricht seine Rede nach 30 verkrampften Sekunden ab. Begründung: „Sorry, ich bin noch nicht so konzentriert.“

 Übung 2: Er bricht nach 75 Sekunden ab, weil er sich wiederholt verhaspelt hat. Sein Kommentar: „Gibt’s ja nicht! Die Kamera macht mich nervöser als ich dachte.“

 Übung 3: Er zieht das Statement durch, redet aber doppelt so lange wie geplant. Kommentar: „Ich hätte nie gedacht, dass ich so lange für die paar Worte brauche! Irgendwie komme ich nicht auf den Punkt.“

 Bis hierhin sind inklusive Einführung, Kurzanalysen und Pausen zwischen den Übungen mehr als 60 Minuten vergangen. Jetzt nimmt mein Kunde eine längere Auszeit, er braucht Abstand, Ruhe, Kaffee. Und versucht sich kürzere Textversionen einzutrichtern. 

 Es folgen zwei weitere, bessere Übungen. Aber er spricht immer noch viel zu lange – und das ganz anders als normalerweise: angestrengt, steif, ohne Esprit, weil er sich einzig darauf konzentriert, sich ja nicht wieder zu verhaspeln und den Text endlich binnen 90 Sekunden abzuspulen. Trotz des Fortschritts in der zweiten Halbzeit bleibt er unzufrieden mit sich.  

 Sinnloser Frust

 Was lernen wir daraus? Dass ein guter Redner auch ein schlechter sein kann. Hauptgrund dafür: Die meisten sogenannten Rhetorikprobleme haben nichts mit Rhetorik zu tun, sondern mit mangelnder Vorbereitung. Um es ganz deutlich zu sagen: Meist reicht es nicht, wenn Sie vor einem Redetraining nur ungefähr wissen, was Sie sagen möchten. Sie sollten es genau wissen! Und ja, dafür müssen Sie schon mal zwei Heimübungsstündchen vorab investieren. Oder die Aufnahmen frusten Sie.  

 1000 Zeichen für 90 Sekunden

 Wenn Sie für ein Statement(-training) das Beste aus sich herausholen möchten, gehen Sie wie folgt vor (das gilt auch für Aufnahmen mit Teleprompter):

 1.   Schreiben Sie Ihr Statement wortwörtlich auf. Nur dann können Sie die Qualität genau prüfen. Trifft es die Zielgruppe wirklich? Ist der Einstieg zu lang? Fehlen Kernwörter oder Botschaften? Wie wirkt der Schlussappell? Im Videotraining/am Aufnahmetag können Sie Ihr Statement kaum noch korrigieren und neu einüben. 

 2.   Üben Sie den Text in den Tagen dem Training/der Aufnahme mindestens 20-mal laut. Er wird Ihnen durch die Wiederholungen immer leichter fallen, Sie verhaspeln sich immer weniger, äußern sich zunehmend „flüssig“ und werden später vor der Kamera kaum Lampenfieber haben. Nehmen Sie Ihre Übungen mit dem Smartphone-Mikro auf, hören Sie sie an und verbessern Sie sich. Hey, das kann Spaß machen!  

 3.   Beschränken Sie sich. Wahrscheinlich merken Sie beim Üben schnell, dass Ihr Text zu lang ist. Also kürzen Sie ihn. Die Zeitvorgabe hilft Ihnen, sich zu beschränken. Richtwert: Für 1000 Textzeichen brauchen Sie circa 90 Sekunden schön gestaltete Redezeit.

 4.   Texten Sie Passagen um, die Sie nicht deutlich aussprechen können. Ansonsten brechen Sie sich die Zunge, was man Ihnen im Bild sicher anmerken wird.  

 5.   Jetzt gehen Sie gut gewappnet zum Kameratraining. Weil Sie nun viel weniger auf Ihren Statement-Text achten müssen (die Worte sprudeln fast von selbst), können Sie vor der Kamera vor allem an Gestik und Mimik und Ihrem Sprechverhalten feilen.    

 Nach Ihrer kleinen Übungszeit-Investition vor den Kameraaufnahmen werden Sie viel überzeugender wirken als „mein“ Finanzberater im Mai. Er kommt Mitte Juni nochmal, um seinen Fehlversuch wettzumachen.

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Über den Autor

  • Mario Müller-Dofel

    Mario Müller-Dofel

    geschäftsführender Trainer bei DIALEKTIK for Business

    Mario Müller-Dofel unterstützt vor allem Unternehmensberater, Rechtsanwälte und Investmentprofis vor (Pitch-) Präsentationen, Vertriebsgesprächen, Verhandlungen, Vorträgen, Meetings und anderen Dialogen unter Performancedruck.

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