Wie Sie mit superkomplexen Fragen umgehen? Supereinfach!

In diesem Beitrag erfahren Sie, wie Sie auf Interviewfragen antworten sollten, mit denen Journalisten Sie unter Druck setzen wollen. Situationen wie die hier skizzierte können Sie auch in Mitarbeiter- oder Kundenmeetings erleben – und die Lösung dort ebenso nutzen.

Kürzlich beim Interviewtraining mit einem Finanzexperten: Er sitzt am Tisch, ich gegenüber. Den kritischen Journalisten mimend frage ich: „Warum wollen Sie sich ausgerechnet mit diesem Wettbewerber zusammenschließen? Kannibalisieren Sie sich nicht, weil Sie im Grunde das Gleiche anbieten? Wenn ich richtig informiert bin, überschneiden sich nicht nur Ihre Dienstleistungsportfolios, sondern sogar die Kundenlisten, richtig? Wäre es nicht besser gewesen, in den USA nach Fusionskandidaten zu suchen, um den dortigen Markt schneller erschließen zu können, statt ausgerechnet mit einem Unternehmen aus Ihrem Frankfurter Nachbarbürohaus zusammenzugehen? Ihre Pressemitteilung zu den strategischen Hintergründen war nicht besonders überzeugend. Können Sie die nochmal erklären?“

Jetzt erstmal Luft holen. Das waren sechs Sätze, darunter fünf Fragen und insgesamt 40 Sekunden Fragezeit – in einem Rutsch. Kein Journalist fragt so verrückt, glauben Sie? Och, das mache ich seit 17 Jahren. Immer wieder, mit Kalkül. Und es geht noch etwas krasser:

Verbreitete Komplexität

Die Kommunikationswissenschaftlerin Prof. Dr. Brigitte Biehl* hat errechnet, dass Journalistenfragen bei Pressekonferenzen von DAX-Unternehmen im Analysezeitraum durchschnittlich 56 Sekunden lang waren! Lediglich 15 Prozent der Journalistenfragen kamen mit einem einzigen Fragezeichen und ohne Vorrede daher. Also ungefähr so: „Warum wollen Sie sich ausgerechnet mit diesem Wettbewerber zusammenschließen?“

Eigentlich haben Journalisten in ihrer Ausbildung gelernt, dass sie einfach und klar fragen müssen, wenn sie von Interviewpartnern klare Antworten wollen. Die Krux für sie: Sogenannte simple questions bringen geübte Interviewte kaum unter Druck.

Allerdings setzen gewiefte Journalisten, insbesondere aus den Politik- und Wirtschaftsressorts, ihre Interviewpartner gerne unter Druck. Und das funktioniert viel besser mit Mehrfachfragen, also Fragen(-reihen), die aus mehreren Teilen bestehen und/oder verschachtelt sind. (Über schlecht vorbereitete Journalisten, die ungeplant Mehrfachfragen stellen, reden wir hier nicht.) Sogenannte multiple questions und supercomplex questions machten bei den von Kommunikationsprofessorin Biehl analysierten DAX-Konferenzen satte 70 Prozent der Journalistenfragen aus.

Völlig aus dem Takt gekommen

Einen Frageschwall, wie ihn mein Interviewtrainingsgast übungshalber ertragen musste, kann sich natürlich kein Mensch auf Anhieb merken. Trotzdem meinte er, alle fünf Fragen auf einmal gestellten Fragen auch in einem Rutsch beantworten zu müssen. Dabei kam er sichtbar unter Stress, redete sich um Kopf und Kragen, wurde unzufrieden mit sich und vermasselte auch den Rest des Interviews. Das soll Ihnen nicht passieren, liebe Leserinnen und Leser – ob sie nun supercomplex questions von Journalisten, Kunden oder Vorgesetzten beantworten sollen.

Sie antworten, worauf Sie wollen

Die Lösung: Getreu dem Motto “Wenn du es eilig hast, laufe langsam“ antworten Sie einfach in aller Ruhe nur auf jenen Teil der Mehrfachfrage, der Ihnen am liebsten ist. Mein Kunde entschied sich im zweiten Antwortversuch für den ersten Frageteil („Warum wollen Sie sich ausgerechnet mit diesem Wettbewerber zusammenschließen?“) Er begründete die Fusion strukturiert, sympathisch, kurz. Punkt.

Was mit dem Fragenrest passiert? Auch darauf fanden wir Antworten, allerdings am Nachdenktisch. Im Realfall ist es Ihr gutes Recht, zunächst nur einen Teil der Mehrfachfrage zu beantworten. Wenn Ihr Gesprächspartner mehr hören will, kann er nachhaken. Angenommen, er fragt nun alle offen gebliebenen Fragenteile wiederum in einem Rutsch, beantworten Sie – freundlich und in aller Ruhe – wiederum nur Ihren „Lieblingsteil“.

In aller Regel geben die Absender von supercomplex questions dann recht schnell auf, weil Sie sich ihren Fragenwust genauso schlecht merken können wie Sie. Testen Sie’s mal!

Viel Erfolg
Mario Müller-Dofel


 * Prof. Dr. Brigitte Biehl ist auch Vortragsrednerin sowie Kooperationspartnerin von DIALEKTIK for Business.

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Über den Autor

  • Mario Müller-Dofel

    Mario Müller-Dofel

    geschäftsführender Trainer bei DIALEKTIK for Business

    Mario Müller-Dofel unterstützt vor allem Unternehmensberater, Rechtsanwälte und Investmentprofis vor (Pitch-) Präsentationen, Vertriebsgesprächen, Verhandlungen, Vorträgen, Meetings und anderen Dialogen unter Performancedruck.

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