Metaverse: die nächste große Revolution

Marktkommentar von Alison Porter, Portfolio Manager bei Janus Henderson Investors: Das Metaverse ist in aller Munde. Für uns ist das wie ein Déjà-vu, da wir miterlebt haben wie Unternehmen und Investoren in den vergangenen Jahren immer wieder von den heißesten Trends angelockt wurden, um eine Investmentstory zu verkaufen. Wird es dieses Mal anders sein? Das Metaverse ist ein nebulöser Begriff; Investoren haben zahlreiche Definitionen entwickelt und die Gewinner und Verlierer bestimmt. Grundsätzlich sehen wir langfristige Wachstumschancen und einige sehr disruptive Merkmale. Dennoch ist hervorzuheben, dass das Metaverse in naher Zukunft einen evolutionären Charakter hat und sich die Revolution wahrscheinlich erst auf längere Sicht vollzieht.

Die Definition des Metaverse

Angetrieben durch die Konvergenz mehrerer langfristiger, säkularer Wachstumsthemen schreitet die technologische Entwicklung rasant voran. Die ultimative Erscheinungsform dieser Konvergenz bestimmter Internet-Transformationsthemen, nämlich Augmented Reality (AR), Virtual Reality (VR) und starke Zunahme der Plattformen, ist das Metaverse. Eine virtualisierte digitale Welt, die parallel zur realen Welt existiert, aber auch mit dieser interagiert und sichere Lebens- und Arbeitserlebnisse bietet.

Metaverse versus Internet: die wichtigsten Unterschiede

  • Persistent
  • Synchron und live
  • Dezentralisiert – keine Begrenzung der gleichzeitig aktiven Benutzer
  • Jeder Nutzer hat ein individuelles Gefühl der Präsenz
  • Vollständig funktionierende Wirtschaft
  • Virtuell oder Augmented, eine Erlebniswelt, die sowohl die digitale als auch die reale Welt, private und öffentliche Netze sowie offene und geschlossene Plattformen umfasst
  • Beispiellose Kompatibilität von Daten, digitalen Objekten/Gütern und Inhalten

Evolution und Revolution

Wir betrachten das Metaverse als Evolution, so wie die früheren Entwicklungen hin zum Internet, zum Mobilfunk und zur Cloud. Der Übergang zum Metaverse wird auch bestimmte Branchen revolutionieren, mit zahlreichen potenziellen Auswirkungen sowohl im Tech-Sektor als auch darüber hinaus. Die Verbindung des Metaverse mit Blockchain und die Entwicklung zur nächsten Iteration des Internets (Internet 3.0) mit weniger zentralisierten Netzwerken ist potenziell sehr disruptiv für bestehende Plattformbetreiber. Es wird beträchtliche, adressierbare Märkte eröffnen, die die Technologie in den nächsten 20 Jahren verändern kann. Der adressierbare Markt für das Metaverse hat keine strukturelle Obergrenze, sondern wird durch die Vorliebe für digitale gegenüber physischen Erfahrungen begrenzt und könnte sich auf Billionen von Dollar belaufen.

Das Aufkommen zahlreicher Anwendungsmöglichkeiten, Geräte und Plattformen wird dazu führen, dass viele neue und aufregende Unternehmen im Metaverse Marktführer werden und bestehende Technologie-„Gewinner“ sich neu erfinden. Die Verbreitung neuer Wearable-Technologien und des Internet der Dinge wird die Anwendungsmöglichkeiten erhöhen. Der zunehmende Einsatz von Blockchains, digitalen Zwillingen und Identitäten wird zu größeren Umwälzungen in den Bereichen soziale Kontakte, Unterhaltung, Bildung, Bauwesen und Immobilien sowie im Finanzwesen führen. Schon jetzt beobachten wir eine steigende Nachfrage nach Technologien wie Mapping und Asset Tracking, die die Interaktion zwischen der digitalen und der realen Welt steuern und Omnichannel-Shopping sowie Lifecycle-Management von Waren ermöglichen. In der Tat leben viele Millennials und die Generation Z (Gen Z) bereits in einem teilweisen parallelen digitalen Universum.

Verbindung zur Nachhaltigkeit

Die Entwicklung zum Metaverse hat auch eine sehr interessante Schnittstelle zur Nachhaltigkeit. In einer inflationären Welt, in der Ressourcen begrenzt sind, könnte der virtuelle statt der reale Konsum ein wichtiger Faktor für die Dekarbonisierung werden. Der digitale Konsum, insbesondere wenn er auf den kohlenstofffreien Plattformen von Großunternehmen wie Microsoft und Alphabet (Google) stattfindet, könnte erhebliche Umweltvorteile mit sich bringen. Allerdings könnten ein derartiger Anstieg des digitalen Konsums und ein geringerer Bedarf an physischen Gütern und Erfahrungen schwierige soziale Folgen mit sich bringen, die aufmerksam beobachtet werden müssen.

Was das Metaverse für Investoren bedeutet

Langfristig könnten die Vorteile, von denen große Plattformen wie Apple und Alphabet profitieren, an Bedeutung verlieren, aber kurz- bis mittelfristig werden sie wahrscheinlich als wichtige Katalysatoren für den Übergang zum Metaverse dienen. Der Wettbewerb zwischen den großen Technologiekonzernen um die Positionierung im Metaverse wird erbittert sein. Die Unternehmen werden ihre Finanzkraft nutzen, um in die durch das Metaverse gebotenen Chancen zu investieren. Wir glauben, dass dies in den nächsten 18 bis 24 Monaten noch deutlicher werden wird. Meta Platforms investiert stark in die Schaffung einer neuen Plattform, die im Gegensatz zu Facebook, Instagram oder WhatsApp nicht auf Geräten und Betriebssystemen von Apple (iOS) oder Google (Android) laufen muss. Die Investition ist sowohl offensiv als auch defensiv für das Kerngeschäft des Unternehmens (wie die früheren Übernahmen von WhatsApp und Instagram durch Meta).

Darüber hinaus benötigt das Metaverse möglicherweise kein geschlossenes Betriebssystem und auch keine kontrollierte App-Umgebung (ironischerweise könnten Sicherheits- und Datenschutzmaßnahmen Facebook bei der Entwicklung eines zukunftsweisenden Konzepts zugutekommen). Microsoft scheint für den Übergang zum Metaverse in der Arbeitswelt und Industrie gut positioniert zu sein, während bei den Verbrauchern Apple, Google und Facebook einen Vorteil haben. So hat Apple zum Beispiel einen Vorsprung bei der Steuerung von Technologieänderungen und der Integration seiner Hardware- und Softwareexpertise, da Verbraucher und Entwickler ungeduldig auf die Einführung von AR/VR-Wearables warten.

Die Prognosen über einen adressierbaren Markt in Billionenhöhe werden sich für Start-ups und neue Plattformen wie Unity, EPIC und Roblox als unwiderstehlich erweisen. Alle früheren Innovationswellen waren mit Hype-Zyklen verbunden, die zu überzogenen Bewertungen führten, vom Dotcom-Boom bis zur Robotik. Wir erwarten, dass das Metaverse nicht anders sein wird.

Umgang mit dem technologischen Hype-Zyklus

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Quelle: Janus Henderson Investors. Die schwarze Linie stellt die Kurve des Hype-Zyklus dar. Die blaue gepunktete Linie stellt die Adoptionsrate einer Innovation im Laufe der Zeit dar. Nur zu Illustrationszwecken.

Während das Metaverse bedeutende neue Investmentchancen bietet, gehen wir davon aus, dass die Erwartungen der Anleger in Bezug auf die Geschwindigkeit der Einführung zu enthusiastisch sein werden (siehe Abbildung, durchgezogene schwarze Linie), während die Akzeptanz des Metaverse bei den Verbrauchern viel beständiger sein wird (gepunktete blaue Linie). Wir sind gegenüber dem kurzfristigen Hype um das Metaverse vorsichtig. Langfristig verstehen wir es jedoch als eine Verlagerung hin zur vollständigen Digitalisierung, die immer mehr Möglichkeiten für Tech-Investoren eröffnet.

 

eToro Macro Insights: Bitcoin caught in double sell-off

NOWHERE TO HIDE: All asset classes, bar commodities, have been swept up in a sharp sell off. Risk-aversion spiked as the Fed accelerated its inflation-driven interest rate pivot and tightened financial conditions. Bitcoin’s (BTC) fall started earlier (six months), been deeper (-60% from $69,000), significantly worsened by current contagion from the UST stablecoin depeg, but is also the least surprising (10th ‘crash’ of decade). Retail crypto ownership is very high and resilient. But institutional ownership is still low and could take advantage of the current crash. This has been raising asset correlations of what is still only a $500 billion asset, or 5% the value of mined gold. 

NEW OWNERSHIP: Global retail ownership of crypto is big, broad, and resilient to volatility, per our retail beat survey. An average 29% invest 31% of their portfolios in the asset. 2nd only to local equities as the most owned asset. By contrast US institutional allocations are under 5%. Early adopters like Canada have broader (71% per 2021 KPMG study) but not deep (2% of portfolios) ownership. Open bitcoin futures are a proxy for this growth. Volumes are steadily growing, and the current price crash is a potential key opportunity for under-exposed institutions to step up.

RISING CORRELATION: Bitcoin’s correlation with other asset classes held by institutional investors, like equities, has naturally been on the rise. But this is slow (see chart) and the underlying relationship is far from high levels. This still gives Bitcoin important diversification attributes in a portfolio. Current spiking correlations are much higher than this ‘new-normal’ as market stress surges. This is yet another contrarian sentiment indicator that we see adjusting as markets calm.

All data, figures & charts are valid as of 11/05/2022

Blog post: https://etoro.com/news-and-analysis/in-depth-analysis/macro-insights-bitcoin-caught-in-double-sell-off/

See all our recent research: https://www.etoro.com/investing/etoro-plus-in-depth-analysis/

Author: Ben Laidler, TWTR @laidler_ben

Märkteunteruns: Geldpolitik und Aktienmärkte

Kapitalmarktkommentar von Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG: Die Fed hat nach dem ersten Schritt im März nun auch im April die Zinsen angehoben. Aufgrund der hohen Inflation wurde das Tempo erhöht: Statt wie üblich um einen Viertelprozentpunkt wurde der Leitzins um einen halben Prozentpunkt angehoben. Eine Anhebung in diesem Ausmaß gab es zuletzt vor mehr als 20 Jahren – ein durchaus außergewöhnlicher Vorgang also. Daran wird man sich gewöhnen müssen. Die meisten Beobachter erwarten auch bei den nächsten Meetings Anhebungen um 0,5 %. Der Leitzins wird dann zwölf Monate nach der ersten Anhebung bei rund 3 % liegen. Sollte diese Erwartung Realität werden, dann sind wir live beim aggressivsten Zinsanhebungszyklus seit den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts dabei. Selbst vor dem Platzen der Dotcom- und der Immobilienblasen waren die Zinsen nicht in einem solchen Tempo angehoben worden. Die Aktienmärkte liegen unterdessen im Schnitt rund 10 % unter ihren Höchstständen. Innerhalb dessen gibt es wohl große Unterschiede auf Basis von Ländern, Sektoren und Faktoren. Insgesamt muten die Kursrückgänge im Verhältnis zu früheren geldpolitisch induzierten Abschwüngen aber noch moderat an. Im Jahr 2018 etwa, der letzten vergleichbaren Episode, wurde der Kursrückgang bei minus 20 % erst durch eine geldpolitische Kehrtwende gestoppt. Ein solcher Politikschwenk könnte in der aktuellen Situation inflationsbedingt allerdings länger auf sich warten lassen. Deshalb stehen uns wohl aktienseitig noch einige schwierige Wochen und Monate bevor, bis im Verlauf des zweiten Halbjahres ein Durchschreiten der Tiefstände wahrscheinlich ist. Bis dahin ist eine vorsichtige Positionierung angebracht.

Staatsanleihen: Zinsanhebungspfad zu aggressiv

Staatsanleiherenditen sind seit Anfang März abermals deutlich angestiegen und die Renditen für deutsche Staatsanleihen mit zweijähriger Laufzeit sind erstmals seit August 2014 wieder positiv. Gleichzeitig sind sowohl die kurz-, als auch die langfristig gepreisten Inflationsraten weiterhin sehr hoch und dementsprechend Zahl und Tempo der erwarteten Zinsanhebungen in den USA und Europa. Wir malen vorerst kein Rezessionsbild, schätzen aber den gepreisten Zinsanhebungspfad als zu aggressiv ein. 

Unternehmensanleihen: Bankanleihen bieten Möglichkeiten

Unternehmensanleihen verlieren an Attraktivität. Innerhalb der EUR Investmentgrade Unternehmensanleihen präferieren wir Bankanleihen und da vor allem verbriefte deutsche Bankanleihen (AAA Pfandbriefe). Diese präsentieren sich hinsichtlich ihrer Ertragserwartungen momentan attraktiver als andere Papiere dieser Assetklasse.

Emerging-Markets-Anleihen machen Krieg in der Ukraine und Geldpolitik zu schaffen

Die Aussichten bei Schwellenländer-Hartwährungsanleihen haben sich eingetrübt. Grund dafür sind der Krieg in der Ukraine, zunehmend schwächere Wirtschaftsprognosen in Asien, ein starker USD sowie die erwartete recht straffe Geld- und Zinspolitik. 

Entwickelte Aktienmärkte: Erwartete Zinsanhebungen belasten Märkte

Die internationalen Aktienmärkte haben sich zuletzt deutlich schwächer präsentiert. Im Mittelpunkt steht dabei weniger der Ukraine-Krieg als vielmehr die anstehenden (weiteren) Zinsanhebungen. Wir sehen das restriktiver werdende Liquiditätsumfeld als einen der größten Belastungsfaktoren für die nächsten Monate. Im Gegensatz zu den Anleihemärkten sehen wir dieses Thema auf der Aktienseite noch nicht ausreichend in den Kursen reflektiert.

Schwellenländer-Aktienmärkte ohne nennenswerte Bewegungen

Emerging-Markets-Aktien treten seit Jahresbeginn mehr oder weniger auf der Stelle. Aktien bzw. Regionen, die einen Rohstoffbezug haben, können sich dabei recht gut behaupten. Aktien, die an der lokalen chinesischen Wirtschaft hängen, tun sich deutlich schwerer. Die aktuelle Covid-Lage in China, dessen Politik weiter auf vollkommene Abschottung bei Auftreten von Krankheitsfällen liegt, belastet diese Unternehmen schwer. Die Entwicklung von Emerging-Markets-Aktien war im abgelaufenen Monat im Einklang mit entwickelten Aktienmärkten.

Rohstoffmärkte: Assetklasse wird Rolle als Inflationsschutz gerecht

Die Rohstoffmärkte präsentieren sich weiterhin sehr fest. Die deutlichen Preisanstiege erklären sich mit der wichtigen Rolle Russlands bei vielen Rohstoffen, wobei das Angebotsbild auch vor der dramatischen Eskalation in der Ukraine schon angespannt war. Die Assetklasse wird damit einmal mehr ihrer Rolle als Inflationsschutz gerecht. Auf Sektorebene ist der Energiesektor am stärksten betroffen.

Die Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. ist die Asset Management-Gesellschaft der Raiffeisen Bankengruppe Österreich und eine der führenden heimischen Fondsgesellschaften. Aktuell (per Ende April 2022) hält sie Assets under Management in Höhe von 43,9 Mrd. Euro. Das Unternehmen ist in wichtigen europäischen Märkten vertreten und wird von Ratingagenturen und Wirtschaftsmedien immer wieder für die hohe Qualität der Fonds ausgezeichnet. Die Raiffeisen KAG ist Mitglied der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative (www.raiffeisen-nachhaltigkeit.at). Mehr Informationen finden Sie unter www.rcm.at

 

Warum der Kryptomarkt weiter taumeln wird – und dennoch Grund für Optimismus besteht

Ein Marktkommentar von Karim AbdelMawla, Research Associate, 21shares: Es war kein Leichter Monat für den Kryptomarkt – zumindest gemessen an den Zahlen: Der gesamte Markt verlor seit 2. April rund 16 Prozent an Marktkapitalisierung und erreichte am 18. April einen Tiefpunkt von 1,39 Billionen US-Dollar, kletterte danach aber wieder auf einen Wert von fast 1,82 Billionen. Auch Bitcoin und Ethereum büßten seit letztem Monat 16,6 Prozent und 18,9 Prozent an Wert ein. Tatsächlich blieb diese Entwicklung jedoch nicht auf den Kryptomarkt beschränkt: Für den S&P 500, einen der wichtigsten amerikanischen Aktienindizes, war der April der schlechteste Monat der letzten 52 Jahre: Er verlor im Vergleich zu Jahresbeginn 13,3 Prozent. In dieser Research Note erklären wir, was die Bitcoin-Community und der DeFi-Markt mit dieser Entwicklung zu tun haben und geben einen Ausblick in die Zukunft. 

Die Marktkapitalisierung des gesamten Krypto-Marktes im April

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Quelle: CoinMarketCap

 Wie Miner und Anleger gerade agieren – das erklären zwei Kennzahlen

 Großanleger nutzten den Moment, als der Bitcoin unter die 40.000 Dollar-Marke fiel, zwar zum Einstieg. Das führte jedoch nicht dazu, dass das Kryptoasset diese Marke wesentlich überstieg. Zugleich verkauften überraschend viele Bitcoin-Miner – mehr als jemals in den vergangenen zwei Jahren[1] - ihre langfristig gehaltenen Positionen. Das ist auch am sogenannten Miners' Position Index (MPI) ersichtlich, der die gesamte Geldmenge der von Minern verkauften Positionen misst (siehe untenstehende Grafik). Darüber hinaus verkauften auch diverse Krypto-Fonds Positionen im Wert von rund 97 Millionen Dollar – eine Entwicklung, die als Reaktion auf die Entscheidung der Zentralbank Fed zurückzuführen ist, ihre Anleihen zum Schutz gegen die Inflation um 95 Milliarden Dollar im Monat zu reduzieren.[2]

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Miners’ Position Index (MPI)

Ein Ende der Preisschwankungen am Markt ist noch nicht absehbar, und könnte im Gegenteil noch für die nächsten Monate weitergehen, da die Fed ihre Zinsen im Mai um 50 Basispunkte anheben will.[3] Darüber hinaus könnte auch ein weiterer Faktor für die Kursabfälle – in der Grafik an den roten „Kerzen“ ersichtlich – verantwortlich sein: Der Rückgang chinesischer Aktien, Rohstoffe und des Yuan. Die restriktive Covid-19-Politik der Volksrepublik wurde am 25. April noch verschärft, wodurch die industrielle Produktion zum Stillstand kam, Lieferketten unterbrochen wurden und sehr wahrscheinlich auch BTC-Bestände verkauft wurden.

 Bitcoin/TetherUS-Kurs, Binance

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 Network Value to Transaction (NVT)-Indikator

 Während der Miners' Position Index und die Kurse von Krypto-Assets aufschlussreiche Zahlen sind, gibt es eine weitere Kennzahl, auf die unser Research Team in diesen Wochen einen ganz genauen Blick wirft: Der sogenannte NVT (Network Value to Transaction)-Indikator. Dieser misst den zweijährigen Median des Wertes, der durch die Division des Gesamtwerts des Netzwerks durch sein tägliches Transaktionsvolumen entsteht, und multipliziert ihn dann mit dem aktuellen Transaktionsvolumen. Betrachtet man den Wert über 28 und 90 Tage, so kann man sagen, dass sich in beiden Fällen Anzeichen für eine Bodenbildung offenbaren. Diese Entwicklung ging historisch gesehen Phasen voraus, in denen Bitcoin eine Rallye einleitete, wie durch die blauen Kreise im Diagramm unten im Januar 2019, Mai 2020 und September 2021 angezeigt. Es wird noch einige Zeit dauern, bis sich der anhaltende Crossover der 28-Tage-Linie über die 90-Tage-Linie bestätigt, daher werden wir diese Entwicklung genau beobachten.

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NVT-Indikator

 Ereignisse des Monats im dezentralen Finanzsystem DeFi

Stablecoins en vogue

Das Wiederaufleben der algorithmischen Stablecoins war für uns  der bemerkenswerteste Vorgang des Monats. Die Betreiber hofften, genau aus dem Modell Kapital zu schlagen, das Luna mit seiner entsprechenden, an den Dollar gekoppelten UST-Währung eingeführt hat. Es ist zu erwarten, dass dies einen neuen Anreiz für die Kapitalrotation der Investoren schaffen wird. Denn alternative L1-Blockchains, deren Betreiber hoffen, neue Nutzer und Liquidität anzuziehen, werden ein ähnliches Prinzip anwenden, wie es bereits Anchor von Terra angeboten hat und was auch durch den Start des USN Mainnet[4] von Near deutlich wird: Near ergänzt durch eine erwartete Spanne von 10-20 Prozent Jahresrendite (APY, Annual Percentage Yield) in Staking-Renditen durch sein Geldmarktprotokoll. Auch die Ankündigung des Unternehmens TRON, seine eigene Variante namens USDD[5] zu starten, zeigt, wie alternative L1s das steigende Interesse an Stablecoins als Chance sehen, neue Nutzer und Nachfrage für ihr Netzwerk anzuziehen. TRON wird Investoren voraussichtlich eine Jahresrendite von 30 Prozent bieten und plant zudem, seinen Bestand an Krypto-Sicherheiten im Wert von zehn Milliarden US-Dollar nach dem Vorbild der Treasury-Reserve von Terra zu stärken.

400 Millionen Dollar Finanzierungsrunde bei Circle

Die positive Entwicklung der Stablecoins wurde nicht nur von der Aufregung rund um die Nachrichten über die neuen algorithmischen Währungen und ihre lukrativen Jahresrenditen in den Schatten gestellt. Auch das Unternehmen hinter USDC, Circle, hatte seinen Anteil an der Aufmerksamkeit. Zunächst wurde bekannt, dass Circle eine von Blackrock, Fidelity Management, Fin Capital und Marshall Wace angeführte Finanzierungsrunde in Höhe von 400 Millionen Dollar[6] abgeschlossen hat. Es wird erwartet, dass die neue Finanzierungsrunde dem Emittenten helfen wird, seine Wachstumsbemühungen zu verstärken und seine Marktlücke mit dem führenden Stablecoin USDT zu verringern.

Ein weiterer Teil des Deals sieht vor, dass Blackrock der primäre Vermögensverwalter der USDC-Bargeldreserven wird[7]. Zusätzlich wird geprüft, wie USDC als rationalisierte Ressource innerhalb des traditionellen Finanzwesens mit weiteren Anwendungen genutzt werden kann. Kurz nachdem das Unternehmen seine Expansionspläne in Großbritannien veröffentlicht[8] hat, wurde bekannt, dass Circle zudem die Einführung[9] eines Stablecoins in Pfund Sterling in Erwägung zieht, um sein aufkeimendes Ökosystem zu ergänzen-

 Circle wird damit voraussichtlich weiterhin an der Marktdominanz der Kryptowährung Tether nagen, da Circle seine gesamten Barmittel erfolgreich in Bargeld und Bargeldäquivalente umgeschichtet hat – eine wichtige Voraussetzung, um bei der Aufsichtsbehörde gut dazustehen. Aufgrund dieser systematischen Umstellung, die der Emittent im letzten Jahr schrittweise vorgenommen hat, kommt Circle Veröffentlichungen zufolge dem Ziel näher, als vollwertige Bank mit voller Rücklage zu operieren[10], nachdem das Verfahren zur Erlangung einer Bundesbanklizenz gut vorangekommen ist. Schließlich wurde berichtet, dass die Muttergesellschaft von WorldPay, FIS, die für die Verarbeitung von mehr als zwei Billionen US-Dollar pro Jahr verantwortlich ist, Händlern nun die Abrechnungen in USDC[11] ermöglicht. Twitter folgte dem Beispiel von Worldpay mit der Ankündigung, dass das Unternehmen den ihren Content-Autoren Zahlungen[12] in USDC auf Polygon in Aussicht stellt.

 DeFi Hackerangriffe offenbaren Sicherheitslücken  

Abgesehen vom Wachstum Entwicklungen der Stablecoins rücken auch die schieren Geldsummen, die durch DeFi-Hacks verloren gegangen sind, immer mehr in den Fokus der Öffentlichkeit. Zurecht, schließlich wurden bereits mehr als 1,2 Milliarden Dollar[13] durch bei Smart-Contracts auftretende Bugs erbeutet. Erschwerend kommt hinzu, dass diese Zahl nur das erste Quartal dieses Jahres umfasst, wie aus dem jüngsten Bericht der Bug-Bounty-Plattform ImmuneFi hervorgeht und einen Anstieg von fast 700 Prozent[14] seit 2021 bedeutet. Beim jüngsten Vorfall handelte es sich um den sogenannten „Beanstalk“-Angriff, bei dem ein Hacker über 70 Millionen Dollar aus dem Stablecoin-Protokoll abzog[15], indem er eine Sicherheitslücke bei Flash Loans (DeFi Darlehen) ausnutzte und das Geld über die DeFi App Tornado Cash abhob. Tornado Cash ist ein dezentrales Protokoll, das zur Verschleierung der Transaktionsspuren verwendet wird, um die Privatsphäre zu schützen. Obwohl diese an sich hochgelobte App zur Wahrung der Privatsphäre bereits früher zum Waschen gestohlener Gelder genutzt wurde, unternimmt Tornado Cash nun mit der Integration[16] des Oracle Chainalysis (Oracles sind externe  Datenlieferanten) konkrete Schritte, um die Tarnung geplünderter Gelder zu erschweren. Alle Adressen, die mit vom Office of Foreign Assets Control (OFAC) sanktionierten Einrichtungen in Verbindung stehen, werden demzufolge für die Interaktion mit Tornado Cash gesperrt. Dies ist eine zeitgemäße Entwicklung, wenn man bedenkt, dass die Hacker, die im vergangenen Monat in den Ronin-Bridge-Hack verwickelt waren, mit der bekannten nordkoreanischen Blackhat-Gruppe Lazarug in Verbindung[17] standen.

  Ausblick – Was wir erwarten

  In den kommenden Tagen rechnen wir damit, dass der Kryptomarkt als Reaktion auf die nächste geplante Zinserhöhung der Fed und die Auswirkungen der Lieferkettenkrise einen weiteren, durchaus starken Dämpfer erleiden wird. Die Politik von Fed-Präsident Jerome Powell könnte einen weiteren turbulenten Monat für Kryptowährungen bedeuten. Obwohl Krypto-Händler dabei sind, die möglicherweise bevorstehende, nächste Zinserhöhung von 75 Basispunkten bereits einzupreisen, bleibt abzuwarten, ob der Markt eine Reihe von schnell aufeinanderfolgenden Zinserhöhungen innerhalb eines kurzen Zeitrahmens wirklich vollständig eingepreist hat, oder weitere Kursabfälle die Folge sein werden. Die vor der nächsten Sitzung veröffentlichten Daten dürften Aufschluss darüber geben, wie aggressiv die FED vorgehen wird.

 In jedem Fall sind wir sicher, dass die größten Krypto-Assets – schon angesichts der bereits heute bestehenden Krypto-Akzeptanz sowohl auf staatlicher als auch auf Unternehmensebene – solche Zinserhöhungen ausharren können. Angesichts dieser fortschreitenden Adoption wird es auch spannend zu beobachten sein, wie Terras Anchor-Protokoll Betreiber anderer L1-Blockchains dazu anregen werden, vergleichbare Mechanismen zu Liquiditäts-Mining-Programmen zu übernehmen, die dazu dienen, Unmengen an Liquidität und neue Nutzer anzuziehen. Aber auch andere potentiellen Entwicklungen werden wir mit Spannung beobachten – darunter das am 5. Mai erwartete, nächste Produkt von TRON, sowie die fortschreitende Entwicklung des Stablecoin TRUST Act, eines Gesetzesentwurfs des US-Senators Patrick Toomey, der zu einer weiteren Etablierung von Stablecoins führen könnte.[18] 

 

[18] https://www.coindesk.com/policy/2022/04/06/top-us-lawmaker-proposes-sweeping-stablecoin-regulation-framework/#:~:text=Patrick%20Toomey%20(R%2DPa.,agencies%20could%20approach%20companies%20issuing

Karim AbdelMawla ist Research Associate bei 21 Shares, wo er Einblicke in das globale Kryptoasset-Ökosystem bietet. Er studierte Internationale Beziehungen und Journalismus. Vor 21Shares arbeite Karim als Forschungspraktikant am Cambridge Center for Alternative Finance. Dort wirkte er an der Veröffentlichung der 3. globalen Kryptoasset Benchmarking-Studie über die globale Digital Asset-Industrie mit. Karim studiert zudem derzeit im Master über Blockchain und digitale Währung an der Universität von Nikosia.

Über 21Shares

21Shares verfügt über die weltweit größte Palette an börsengehandelten Kryptowährungsprodukten (ETPs). Mit der Notierung des ersten Kryptowährungsindices an der SIX Swiss Exchange im Jahr 2018 leistete 21Shares Pionierarbeit und erweitert sein Produktportfolio seitdem konsequent mit innovativer Forschung und zukunftsweisenden Ansätzen. 21Shares möchte allen Anlegern eine einfache, sichere und regulierte Möglichkeit für den Kauf, Verkauf und Leerverkauf von Kryptowährungen über bestehende Bank- und Maklerkonten bieten. Onyx, die Emissionsplattform von 21Shares wird sowohl von 21Shares als auch von Drittpartnern für die Emission und das operative Geschäft mit Kryptowährungs-ETPs weltweit genutzt.

Weitere Informationen: https://21shares.com/ 

Europas Streben nach Energieunabhängigkeit erzeugt Anlagechancen

Ein Marktkommentar von ODDO BHF AM: Die Europäische Kommission hat am 08.03. den Notfallplan „REPowerEU“ vorgestellt. Dieser hat zum Ziel, die russischen Gasimporte im kommenden Jahr um 65 Prozent zu reduzieren und markiert einen strategischen Durchbruch für die Energieunabhängigkeit Europas. „Dieser rasante Umbruch unterstreicht die mit der Thematik des ökologischen Wandels verbundenen Wachstumsperspektiven, insbesondere durch die Nutzung sauberer Energien und die Suche nach Lösungen für Energieeffizienz“, schreibt Nicolas Jacob, Portfoliomanager des ODDO BHF Green Planet, in einem aktuellen Marktkommentar.

Diversifikation und Substitution der Gasversorgung

Ein zentrales Ziel des Plans ist die Diversifikation der Gasversorgung. Von aktuell 155 Milliarden Kubikmetern Gas, die jährlich aus Russland importiert werden, sollen allein 60 Milliarden Kubikmeter durch den Wechsel zu anderen Lieferanten wie Norwegen und Aserbeidschan sowie Flüssiggasimporte ersetzt werden. Daneben gehe es darum, die generelle Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen durch einen Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energien zu reduzieren. Damit könne nicht nur die Abhängigkeit von Russland verringert, sondern auch der CO2-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent reduziert werden, wie es auch der „Fit for 55“-Plan der EU vorsieht. „Dies könnte den Wachstumsaussichten des Versorgungssektors Rückenwind geben, da dieser von dem hierfür notwendigen Ausbau der Kapazitäten für erneuerbare Energien profitiert“, schreibt Nicolas Jacob. Konkret sollen noch 2022 im Äquivalent 20 Milliarden Kubikmeter russisches Gas durch den Ausbau der Windenergie und der Solarenergie eingespart werden. Durch den beschleunigten Ausbau werde auch die Produktion von grünem Wasserstoff vorangetrieben. Jacob zufolge lassen sich dadurch bis 2030 weitere 25 bis 50 Milliarden Kubikmeter russischen Gases ersetzen.

Chancen bei Versorgern und erneuerbarer Energien

Nicolas Jacob sieht in Europa Anlagechancen bei Unternehmen, die gut aufgestellt sind, um von Europas Streben nach Energieunabhängigkeit und der dadurch verstärkten Nutzung erneuerbarer Energien zu profitieren. So sei das dänische Unternehmen Orsted weltweit führend in der Entwicklung, dem Bau und dem Betrieb von Offshore-Windparks und plane die Produktion von grünem Wasserstoff voranzutreiben. Jacob zufolge erziele das Unternehmen aktuell mehr als 90 Prozent seiner Einnahmen in Europa. Investmentchancen sieht er auch bei Versorgern und Netzbetreibern wie der spanischen Iberdrola, die weltweit in den Bereichen Netze (Übertragung und Verteilung) und erneuerbare Energien tätig ist, oder der portugiesischen EDP, die in der Erzeugung, Übertragung und Verteilung von Strom aktiv ist. Der Konzern erwirtschafte rund 70 Prozent seines Geschäfts in Europa und plane bis 2025 8 Milliarden Euro in neue Kapazitäten für erneuerbare Energien in Europa zu investieren.

Prof. Dr. Claudia Kemfert: Energiewende ist das beste Friedensprojekt

Der Krieg in der Ukraine zeigt uns, dass der Ausbau der erneuerbaren Energien nicht nur energiepolitisch, sondern auch sicherheitspolitisch zwingend geboten ist. Bedeutend mehr Investitionen müssen in erneuerbare Energien fließen, sind sich Prof. Dr. Claudia Kemfert, Leiterin der Abteilung Energie, Verkehr und Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und Professorin an der Leuphana Universität und Karsten Kührlings, Geschäftsführer der GLS Investments einig. Doch wie können wir jetzt unsere Energieversorgung transformieren? Und wie können private Anleger*innen mit ihrem Kapital einen Beitrag leisten – zum Klima, zur Sicherheit und für Gerechtigkeit? Alles das erfahren Sie im Interview mit Claudia Kemfert und Karsten Kührlings.

Frau Professor Kemfert, der Krieg in der Ukraine hat die Debatte rund um die Transformation unserer Energieversorgung angeheizt. Als Energieökonomin ist Ihre Stimme gefragt. Wie sehen Sie die aktuelle Lage?

Claudia Kemfert: Die Bilder des Kriegs machen mich immer noch fassungslos. Ich stehe in Solidarität hinter den Menschen in der Ukraine.

Aus Energiesicht sind die schlimmsten Befürchtungen wahr geworden: Unsere Abhängigkeit von Russland in der Energieversorgung ist in den letzten Jahren immer größer geworden. Jetzt müssen wir schnellstmöglich von den Lieferungen fossiler Energien aus Russland wegkommen.

Sie plädieren schon lange für den rascheren Ausbau erneuerbarer Energien in Deutschland. Zudem engagieren Sie sich im Nachhaltigkeitsbeirat des B.A.U.M. Fair Future Fonds. Was ist Ihnen daran wichtig?

Claudia Kemfert: Schon weit vor dem Krieg in der Ukraine – seit zwei Jahrzehnten- haben wir eindringlich auf die Notwendigkeit hingewiesen, unsere Energieversorgung zu transformieren in Richtung erneuerbare Energien und Nachhaltigkeit. Der B.A.U.M. Fair Future Fonds investiert in kleine und mittelständische Unternehmen mit klar nachhaltigen Unternehmensstrategien. Das sind vor allem auch Hersteller erneuerbarer Energien. Auch überzeugt mich der Prüfprozess mit strengen Nachhaltigkeitskriterien. Besonders spannend an meiner Tätigkeit ist es, gemeinsam mit weiteren Expert*innen solche Unternehmen aus verschiedenen Perspektiven zu beleuchten. Hier bringe ich den Blick für den Energiesektor mit: Hat das Unternehmen eine tragfähige Klimastrategie? Wie wirkt sich das Geschäftsfeld auf unsere Klimaziele aus?

Herr Kührlings, die GLS Investments hat neben dem B.A.U.M. Fair Future Fonds auch noch andere nachhaltige Investmentfonds im Angebot. Was zeichnet Ihre Angebote neben dem strengen Auswahlprozess aus?

Karsten Kührlings: Wir investieren ausschließlich in Unternehmen mit zukunftsweisenden Geschäftsmodellen. Dabei streben wir möglichst langfristige Beteiligungen an und haben ein sehr breit gestreutes Portfolio. Für uns bedeutet Nachhaltigkeit nicht nur die Einsparung von CO2, sondern wir blicken ganzheitlich auf die Unternehmen. Um eine nachhaltige Entwicklung voranzutreiben, gilt es zukunftsweisende Branchen zu betrachten und dabei verschiedene Perspektiven einzunehmen. Unser Analyst*innen im Nachhaltigkeitsresearch sind dabei sehr streng: Im Zweifel entscheiden sie gegen den Kandidaten.

Mit Ihrem Ansatz schließen Sie also Atomenergie und Erdgas aus?

Karsten Kührlings: Kürzlich hat die Europäische Union Atomenergie und Erdgas als nachhaltige Übergangstechnologien definiert. Für uns sind Atomenergie und Erdgas jedoch ganz klar nicht nachhaltig: Investitionen in rückwärtsgewandte Technologien hindern uns am Umstieg auf erneuerbare Energien. Deswegen investieren wir nicht in Atomkraft- oder Gaskonzerne. Übrigens birgt Atomenergie noch ganz andere Risiken – das sehen wir gerade jetzt an den atomaren Gefahren, die in der Ukraine durch die russische Invasion entstanden sind.

Am Krieg in der Ukraine erkennen wir das enorme Konfliktpotenzial, das fossil-atomare Energien mit sich bringen. Was macht Öl, Gas und Atomenergie so gefährlich, Frau Kemfert?

Claudia Kemfert: Das Verbrennen fossiler Energien führt zu einem schnelleren Klimawandel. Das allein ist extrem gefährlich. Extreme Klimakatastrophen, die sich menschengemacht ereignen, verursachen sehr viel menschliches Leid und hohe wirtschaftliche Schäden.

Hinzu kommt, dass Atomenergie für militärische Zwecke missbraucht werden kann. Das wird uns aktuell durch die brutalen Auseinandersetzungen in der Ukraine vor Augen geführt. Wir überweisen seit Jahrzehnten sehr viel Geld an Russland für Öl, Kohle und Gaslieferungen. Diese Abhängigkeit ist fatal. Nur eine Vollversorgung mit erneuerbaren Energien schafft dauerhaft Frieden, stärkt Demokratie und Freiheit. Zudem sichert sie Wohlstand und Frieden auf der Welt. Die Energiewende ist das sinnvollste Friedensprojekt, welches wir weltweit haben.

Was muss geschehen, um in der Energieversorgung unabhängiger von Ländern wie Russland zu werden?

Claudia Kemfert: Wir müssen unsere Energie aus vielen unterschiedlichen Ländern importieren. Zugleich müssen wir schleunigst unsere heimischen Energieträger, insbesondere die erneuerbaren Energien, ausbauen. Dazu müssen wir mehr Flächen für Windenergie ausweisen, Genehmigungsverfahren erleichtern und die finanziellen Beteiligungsmöglichkeiten für Kommunen verbessern.

Energie aus anderen Ländern beziehen und Energie klimafreundlich erzeugen: Reichen diese beiden Schritte für die Klimawende aus?

Claudia Kemfert: Die Energieerzeugung ist nur die eine Seite. Ebenfalls entscheidend ist der Energieverbrauch. Wir müssen unseren eigenen Energiebedarf hinterfragen. Wenn alle Heizungen in Deutschland um ein Grad heruntergedreht werden, können wir unseren Öl- und Gasverbrauch um bis zu fünf Prozent senken. Auch im Verkehrssektor müssen wir weg von Benzin und Diesel hin zur Elektromobilität. Gleichzeitig muss der Schienenverkehr gestärkt werden. Ähnlich ist es im Gebäudesektor: Bei der energetischen Gebäudesanierung können große Mengen fossiler Energien eingespart werden.

Trotz des anhaltenden Kriegs in der Ukraine importiert Deutschland täglich weiterhin Öl und Gas für Millionen Euro aus Russland. Viele Menschen fordern mittlerweile ein Embargo auf russische Energieimporte. Was sehen Sie das?

Claudia Kemfert: Wir müssen uns so schnell wie möglich von den Lieferungen fossiler Energien aus Russland abwenden. Aktuelle Modellrechnungen zeigen, dass eine Lieferunterbrechung kompensiert werden kann. Um längerfristig ohne Gas und Öl aus Russland auszukommen, müssen wir die erwähnten Maßnahmen beschleunigen. Wir brauchen jetzt eine schnellstmögliche Abkehr von fossilen Energien – das ist die einzig mögliche Antwort auf diesen fossilen Energiekrieg.

Ein Embargo geht mit einem Booster für den Ausbau der erneuerbaren Energien in Deutschland einher?

Claudia Kemfert: Ja, unbedingt! Es muss einhergehen! Wir brauchen einen Booster für erneuerbare Energien, das Ausbautempo muss vervierfacht werden, ausreichende Mengen ausgeschrieben, Genehmigungsverfahren erleichtert und finanzielle Beteiligungsmodelle ermöglicht werden.

Herr Kührlings, wie wirken sich die aktuellen Energieunsicherheiten auf den Kapitalmarkt aus?

Karsten Kührlings: Das Umfeld am Kapitalmarkt war bereits vor dem Krieg nicht besonders zuträglich für Hersteller erneuerbarer Energien: Lieferkettenprobleme und Zinserhöhungen haben den meist sehr kapitalintensiven Unternehmen zugesetzt. Das Geschäft der Ölkonzerne lief hingegen weiterhin gut – auch mit Einsetzen des Kriegs in der Ukraine verschlechterte sich die Situation nicht. Die Kurse der Waffen- und Rüstungshersteller sowie der Produzenten fossiler Energien stiegen.

Die Annahme, dass dem Ausbau erneuerbarer Energien politisch eine höhere Priorität eingeräumt wird, spiegelt sich in den Erwartungen an den Aktienmärkten wider. Obwohl sich die Bestellbücher der Hersteller erst mittelfristig füllen werden, ist ein deutlicher Aufwärtstrend spürbar. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass sich Investitionen in menschliche Grundbedürfnisse langfristig auch ökonomisch auszahlen. Auch im Energiesektor ist dies der Fall.

Wäre eine nachhaltige Geldanlage, aus Ihrer Sicht, Frau Kemfert, im Falle eines Embargos auf Energieimporte im Endeffekt sogar resistenter?

Claudia Kemfert: Durchaus. Konventionelle Geldanlagen bergen erhebliche finanzielle Risiken durch indirekte Beteiligungen an fossilen Energieunternehmen. Wirklich nachhaltige Geldanlagen schließen sowohl fossile Energien als auch Unternehmen der Waffen- und Rüstungsindustrie aus.

Dennoch plädieren viele Fachleute, dass westliche Demokratien Waffen brauchen, um Frieden zu sichern – das offenbare der Ukraine-Krieg. Sollten Waffen dann nicht eigentlich auch als nachhaltig gelten, weil sie zur Sicherung demokratischer und friedlicher Strukturen hierzulande beitragen?

Karsten Kührlings: Unsere Investitionen sind zukunftsweisend und menschendienlich. Waffen, mit denen Leben getötet wird, gehören definitiv nicht dazu. Wir lehnen Geschäfte und Profite durch Investments im Militär- und Aufrüstungsbereich entschieden ab.

Zukunftsweisend und menschendienlich sind Investitionen in die Transformation der Wirtschaft sowie eine friedenstiftende Energiewende in ganz Europa ohne Kohle- und Atomenergie, Erdöl und Gas. Was wir brauchen ist eine langfristige Zukunftsvision für Europa für Frieden, Freiheit und Klimagerechtigkeit.

Woran erkennen Anleger*innen, ob eine nachhaltige Geldanlage auch wirklich auf erneuerbare Energien setzt und nicht doch Atomenergie oder Erdgas produzierende Unternehmen oder gar Waffenhersteller finanziert?

Karsten Kührlings: Anleger*innen sollten sich die Ausschlusskriterien der Investmentfonds genau ansehen: Sind fossile Energien und Waffenproduzenten klar definiert und als Investition des Fonds ausgeschlossen? Die hierzu notwendigen Unterlagen sollten öffentlich zugänglich sein. Zudem sollte erkennbar sein, in welche Unternehmen der Fonds investiert. Bei der GLS Investments veröffentlichen wir hierzu jährlich Investitionsberichte mit Beschreibungen der Unternehmen in unseren Fonds.

Falls dennoch Zweifel an einem Anbieter vorherrschen, können unabhängige Bewertungen helfen. Der Fair Finance Guide Deutschland hat beispielsweise eine Bewertungsmethodik für die Kredit- und Anlagepolitik von Banken entwickelt. Hier lohnt sich ein Blick in die Ergebnisse.

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Über die GLS Investments
Die GLS Investment Management GmbH, kurz GLS Investments, vereint als 100%ige Tochter der GLS Bank die Kompetenzen zum Management sozial-ökologischer Investmentfonds. Sie gehört zu den strengsten Akteuren am Markt und ist verantwortlich für das GLS Anlageuniversum, das auf Basis eines mehrstufigen, integrierten sozial-ökologischen Auswahlprozesses erfolgt. Anschließend prüft und bewertet ein Team aus Finanzspezialisten die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Unternehmen. Diese Expertise fließt in das Management der vier bereits bestehenden Investmentfonds. Die GLS Investments hat ihren Sitz in Bochum und ist weltweit tätig. Die bisher aufgelegten Investmentfonds investieren aktuell rund 1,4 Mrd. Euro in Unternehmen und Länder, die eine positive gesellschaftliche Wirkung entfalten und nachhaltige Entwicklung fördern (Stand: 31.03.2022).
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Über die GLS Bank
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"Die Energiepreise werden mittelfristig wieder sinken"

Die Energiewende als gemeinsamer Kraftakt, ein Kommentar von Christian Rom, Portfoliomanager des Renewable Energy Fonds bei DNB Asset Management. Die Corona-Krise und der tragische Krieg in der Ukraine zwingen Europa zu deutlich mehr Tempo in Richtung Ressourceneinsparung und Klimaneutralität: Welche Rolle spielen bei der Erreichung dieser Ziele Investoren und ihr Wunsch, nachhaltigen Impact zu erzielen? Und welche Auswirkungen hat die neue Situation auf den Energie-Mix?

Die Karten für den Energie-Mix in Europa müssen mit Blick auf die Versorgungssicherheit durch fossile Brennstoffe komplett neu gemischt werden. Denn die drohenden Versorgungsengpässe aufgrund möglicher Lieferstopps für russisches Erdgas und Sorgen um die Bezahlbarkeit von Energie alarmieren derzeit Schlüsselbranchen in ganz Europa, angefangen bei Chemie über die Metallindustrie bis hin zur Glasproduktion. Parallel dazu erreichen die Belastungen von Corona und das verheerende Geschehen in der Ukraine auch die Verbraucher: So verzeichnet die Eurozone Inflationsraten in Rekordhöhe. Stärkster Treiber sind die hohen Kosten für Energie.

Längere Laufzeiten von Kohlekraftwerken unvermeidbar

Dieses Umfeld – Europa bezieht bis zu 40 Prozent des Gases aus Russland – unterstreicht eindrücklich die Notwendigkeit, sowohl regionale als auch fossile Energieabhängigkeiten zu reduzieren und die Energiewende wirklich zu beschleunigen. Die aktuelle Lage erinnert auch an die vergangene, starke Abhängigkeit der USA und China vom instabilen Osten vor den Schiefergas- und Ölfunden vor etwa zehn Jahren.

Um das Ziel der Energieunabhängigkeit zu erreichen, sind zumindest kurzfristig durchaus negative Auswirkungen auf die weltweiten Eimissionen zu erwarten, wenn etwa veraltete Technologien wie Kohlekraftwerke zur Verstromung in Europa länger als geplant genutzt werden müssten. Doch obwohl es etwa aufgrund langwieriger Genehmigungsverfahren zumindest innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre schwierig sein wird, die erneuerbaren Energien, wie Offshore-Windkraftanlagen, und deren Versorgungskanäle zu skalieren, ist ein Vorstoß zur Verringerung von Abhängigkeiten mittelfristig als Katalysator für eine insgesamt beschleunigte Dekarbonisierung und Diversifizierung der Energieversorgung erkennbar.

Plug Power, Vestas, Sika: Das sind die Game Changer

Umso mehr ist die gesamte Bandbreite erneuerbarer Energien in der Pflicht. Wir brauchen Windkraft und Solarenergie, Biokraftstoffe, grünen Wasserstoff und moderne Wärmepumpen. Wir benötigen Investitionen in unabhängige erneuerbare Energieerzeuger, Independent Power Producer (IPPs), in disruptive Technologien zur Erzeugung und Speicherung von Energie, in den Ausbau der Netze, aber auch in innovative Produkte und Werkstoffe, Dienstleistungen und Software zur Erreichung von mehr Energieeffizienz.

Investoren wünschen sich neben langfristigen Wachstumsaussichten und Gewinnen eine nachhaltige positive Wirkung auf die Transformation hin zum Netto-Null-Ziel, sprich zur Kohlenstoffneutralität.

Ein Beispiel ist das Unternehmen Plug Power, führend bei Brennstoffzellen, revolutioniert mit einer disruptiven Technologie zur Erzeugung, Speicherung und Betankung von grünem Wasserstoff den Gabelstapler-Markt mit Kunden wie Walmart, Amazon oder Carrefour in Europa. Das Unternehmen profitiert von seiner Produktüberlegenheit gegenüber batteriebetriebenen Gabelstaplern und hat Kapital zu sehr attraktiven Preisen aufgenommen, um mit Hilfe weiterer Subventionen durch den Build-back-Better-Plan von Präsident Joe Biden grauen, das heißt nicht klimaneutral hergestellten Wasserstoff durch grünen auszutauschen. Und ein Blick in die Zukunft zeigt weiteres Potenzial – etwa bei der Herstellung grünen Ammoniaks, der den globalen Düngemittelmarkt komplett verändern könnte. Weitere Beispiele sind Vestas, ein weltweit führender Hersteller von Windturbinen aus Dänemark, das Schweizer Unternehmen Sika, das energiesparende Materialien für die Baubranche liefert, aus dem Bereich der seltenen Erden nachhaltige Unternehmen wie die australische Lynas, LeydenJar und AMG Advanced Metallurgical Group aus den Niederlanden oder aus dem Schalter- und Sensorenbereich Amphenol Corp sowie Schneider Electric SE.

Energiepreise werden wieder sinken

Trotz steigender Energiepreise werden durch die Umstellung auf erneuerbare Energien die Energie- und Strompreise mittelfristig wieder sinken. Wind- und Solarenergie sind bereits seit Jahren auf Kostenbasis wettbewerbsfähig geworden – so lagen die Grenzkosten in 2020 für den Betrieb eines Gas- oder Kohlekraftwerks bei 90 bis 100 US-Dollar pro Megawattstunde, für Wind und Solar dagegen bei 40 bis 50 US-Dollar pro Megawattstunde, ein Trend, der gerade erst begonnen hat und sich in den nächsten Jahren fortsetzen wird. Blickt man auf den Energiemix im Laufe der Jahrhunderte sieht man den Ersatz von Holz auf Kohle sowie von Kohle auf Erdölgase. In weiteren fünfzig bis siebzig Jahren wird der größte Teil aus erneuerbaren Energien bestehen.

Schock auf Schock – wie reagieren die Märkte?

Kommentar von Patrick Moonen, Principal Strategist, bei NN Investment Partners: Die Aktienmärkte wurden dieses Jahr schon zweimal erschüttert. Zunächst gab es einen Inflationsschock, der zu einer Kehrtwende in der Geldpolitik führte – von extrem akkommodierend zu wesentlich restriktiver. Wir gehen derzeit davon aus, dass der US-Leitzins bis zum Jahresende 2,5 % erreichen wird. Diese Phase war durch schwächere Märkte gekennzeichnet, wobei die Eurozone besser abschnitt als der US-Markt. Mit dem Krieg in der Ukraine, der erhebliche Auswirkungen auf die Rohstoffpreise hatte, kam der geopolitische Schock. Diese Risiken setzen die Kaufkraft der Verbraucher und das Vertrauen der Unternehmen unter Druck, wobei Europa anfälliger ist als die USA, wie die relativ schwache Performance in der Eurozone deutlich zeigt. Die globalen Märkte reagierten mit einer drastischen Korrektur und fielen innerhalb eines Monats um 10 %, ehe sie im Zuge der verlangsamten Eskalation des Konflikts ihren Tiefpunkt erreichten. Die ersten Friedensgespräche führten sogar zu einer kräftigen Markterholung, die die vorherigen Verluste wieder ausglich – ein typisches Muster bei geo-politischen Ereignissen. Ein deutlicher Abschwung, während die Anleger die Folgen zu bewältigen versuchen, gefolgt von einer Erholung, nachdem sich die Märkte auf den Konflikt eingestellt haben. Darüber hinaus ebneten eine geringe Marktaktivität und ein zurückhaltendes Investitionsklima den Weg für eine gewisse Eindeckung von Short-Positionen gegen Ende des ersten Quartals. Die Frage ist: Wie geht es weiter?

Die Invasion löste einen Stagflationsschock für die Weltwirtschaft aus, wobei die USA stärker von inflationären Folgen und die Eurozone von Stagnation betroffen sein könnten. Eine Kombination aus hoher Inflation, rückläufigem Wachstum, hawkishen Zentralbanken und rasch steigenden Anleiherenditen ist ein ernsthafter Belastungsfaktor für Aktien. Wir gehen davon aus, dass die Margen der Unternehmen aufgrund höherer Inputkosten und veränderter Konsummuster hin zu Produkten mit niedrigeren Margen zunehmend unter Druck geraten werden. Darüber hinaus könnten sich die Lieferkettenprobleme durch die chinesische Null-Corona-Strategie und die damit einhergehenden Lockdowns über die Jahresmitte hinaus ausweiten. Insgesamt hat sich das Rendite-Risiko-Verhältnis bei Aktien erheblich verschlechtert, und die Anleger müssen möglicherweise eine höhere Risikoprämie zahlen, um dies auszugleichen. Je länger der Ukraine-Konflikt anhält, desto stärker werden die Auswirkungen auf die Wirtschaft sein.

Glücklicherweise war die Wirtschaft stabil, als diese Schocks einsetzten. Die Industrieländer profitieren von der Wiedereröffnung nach der Pandemie, der Arbeitsmarkt ist stabil und der Unternehmenssektor ist dank starker Bilanzen und rekordverdächtiger Gewinnmargen stabil. Zudem sind Aktien zumindest teilweise eine Absicherung gegen die Inflation, und wir gehen davon aus, dass die Dividenden entsprechend den nominalen Gewinnen steigen und die Aktienrückkäufe weitergehen werden. Dies könnte als Puffer gegen die zunehmenden Schwierigkeiten wirken.

Das Gleichgewicht dieser Kräfte könnte sich jedoch nachteilig auswirken, insbesondere wenn die Inflation weiterhin nach oben tendiert und der Konflikt anhält. In einem solchen Umfeld scheint Vorsicht geboten zu sein. Wir sind gegenüber Aktien neutral eingestellt, haben aber unser defensives Verhalten allmählich ausgebaut. Wir sind untergewichtet in Aktien der Eurozone und übergewichten die Sektoren Gesundheitswesen und Basiskonsumgüter. Das wachstumsstarke Segment, das empfindlich auf Anleiherenditen reagiert, ist untergewichtet.

Märkteunteruns: Gegenwind für Aktienmärkte

Kapitalmarktkommentar von Ingrid Szeiler, CIO der Raiffeisen KAG*. Das abgelaufene erste Vierteljahr war für Anlegerinnen und Anleger kein Honiglecken. Sowohl Aktien als auch Anleihen mussten spürbar Federn lassen. Wer international investiert, profitierte wenigstens von einem etwas festeren US-Dollar. Dass die Assetklasse der Rohstoffe im ersten Quartal der positive Ausreißer war, ist für viele ein schwacher Trost. Einerseits sind Rohstoffe in vielen Portfolien nach wie vor eine Randerscheinung und andererseits wiegen höhere Energiepreise im Alltag für die Masse der Menschen wesentlich schwerer als Veranlagungsgewinne. Nicht zuletzt haben die Rohstoffpreise auch einen starken Einfluss auf die Inflationsrate. Diese lag in der Euro-Zone zuletzt bei 7,5 Prozent und war damit mehr als dreimal so hoch wie der Zielwert der Notenbank. Das gilt auch für die USA und andere Länder. Daher überschlagen sich diverse Notenbanker regelrecht mit Ankündigungen einer restriktiveren Geldpolitik. Die Aktienmärkte verkraften diese Ankündigungen bis zuletzt recht gut. Das wird auch einer der Gründe sein, weshalb die Währungshüter so forsch auftreten. Dass dabei die Staatsanleihen unter die Räder kommen, liegt in der Natur der Sache. Schon jetzt ist der Kursverfall am Anleihemarkt nach einigen Kriterien in der Geschichte beispiellos. Es ist allerdings nur eine Frage der Zeit, bis auch die Aktienmärkte einknicken werden. Sei es über eine eingeschränkte Liquidität oder über eine Eintrübung des Wachstumsausblicks, ein Anziehen der Geldpolitik ist im Marktzyklus in aller Regel ein Vorläufer für Rücksetzer am Aktienmarkt. Aktuell sind die Zinsen noch sehr niedrig, was durchaus dazu führen könnte, dass sich die Aktienmärkte bis auf Weiteres noch halten können. Die Zeit arbeitet in dieser Phase des Zyklus aber gegen die Märkte. 

Staatsanleihen: Zinsanhebungspfade der Notenbanken werden steiler

Staatsanleiherenditen sind seit Anfang März abermals deutlich angestiegen. Dafür sind u.a. die (aufgrund hoher Inflationserwartungen) immer steiler werdenden Zinsanhebungspfade der Notenbanken verantwortlich. Auch in der Euro-Zone sind in den nächsten 12 Monaten mehrere Zinsanhebungen eingepreist. Deutlich aggressiver wird aber die US-Notenbank den Leitzins anheben.

Unternehmensanleihen: Risikoprämien sinken nach starken Anstiegen wieder kräftig

Die Risikoprämien von Unternehmensanleihen sind nach starken Anstiegen zuletzt wieder kräftig gesunken. Vor allem langfristige Investoren dürften hier als Käufer aufgetreten sein. So sind die Risikoprämien von Euro-Investmentgrade-Unternehmensanleihen im historischen Vergleich hoch, während deren (Ausfalls-)Risiken weiterhin als niedrig einzustufen sind. Gleichzeitig ist die risikoärmere Alternative – Staatsanleihen – zunehmend unattraktiver geworden.

Emerging-Markets: Schwellenländer-Hartwährungsanleihen im Vergleich attraktiv

Schwellenländer-Hartwährungsanleihen haben sich zuletzt wieder recht gut entwickelt. Wenn es zu keiner weiteren signifikanten Eskalation kommt, erachten wir Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen als weiterhin attraktive Wahl im Vergleich zu anderen Anleihen, beispielsweise US-Staatsanleihen.

Entwickelte Aktienmärkte in Anbetracht der Nachrichtenlage überraschend fest

Angesichts der Nachrichtenlage (Ukraine-Krieg, Covid-Beschränkungen in China und jüngste Notenbankmeldungen) präsentierten sich die internationalen Aktienmärkte in den letzten Wochen überraschend fest. Für die mittelfristige Aktienmarktentwicklung sehen wir aktuell besonders den zunehmend aggressiver werdenden Zinspfad der Notenbanken als Gefahrenbereich. Die (geplante) Rücknahme der sehr expansiven Maßnahmen der letzten Jahre scheint an Tempo zu gewinnen.

Schwellenländer-Aktienmärkte mit teilweise deutlicher Erholung

Schwellenländer-Aktien konnten sich im März erholen. Insbesondere Rohstoff lastige Länder der Emerging Markets, wie etwa der brasilianische Markt, sind seit Jahresbeginn sogar deutlich im Plus. Dies ist auch durch das Gewinnwachstum unterstützt, das in Lateinamerika merkbar nach oben zeigt. Die relative Entwicklung der gesamten Schwellenländer versus entwickelte Märkte schaut aber immer noch wenig erbaulich aus. Hier setzt sich der Negativtrend ungebrochen fort. Der russische Aktienmarkt hat mittlerweile keine Relevanz mehr für die Emerging Markets.

Rohstoffmärkte: Angespanntes Angebot treibt Preise

Die Rohstoffmärkte – und das betrifft nicht nur Gold – werden aktuell ihrem Ruf als Versicherung gegen geopolitische Krisen mehr als gerecht. Die deutlichen Preisanstiege erklären sich mit der wichtigen Rolle Russlands bei vielen Rohstoffen. Dies insbesondere vor dem Hintergrund, dass das Angebotsbild bereits vor dieser dramatischen Eskalation angespannt war. Auf Sektorebene ist der Energiesektor am stärksten betroffen.

* Die Raiffeisen KAG steht für Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.

Die Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H. ist die Asset Management-Gesellschaft der Raiffeisen Bankengruppe Österreich und eine der führenden heimischen Fondsgesellschaften. Aktuell (per Ende März 2022) hält sie Assets under Management in Höhe von 44,8 Mrd. Euro. Das Unternehmen ist in wichtigen europäischen Märkten vertreten und wird von Ratingagenturen und Wirtschaftsmedien immer wieder für die hohe Qualität der Fonds ausgezeichnet. Die Raiffeisen KAG ist Mitglied der Raiffeisen Nachhaltigkeits-Initiative (www.raiffeisen-nachhaltigkeit.at). Mehr Informationen finden Sie unter www.rcm.at.

 

Bieten Osteuropa-Bonds Chancen?

Beitrag von Anton Hauser: Der Krieg in der Ukraine zehrt an den Nerven der Anleihen-Investor:innen. Besonders im Blickfeld stehen derzeit Staatsanleihen aus Zentral- und Osteuropa. Schließlich wurde Russland mit schwerwiegenden Sanktionen bedacht, die den Handel zum Erliegen brachten. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels, wie Anton Hauser, Fondsmanager des auf Osteuropa Staatsanleihen ausgerichteten ERSTE BOND DANUBIA im Special-Interview für OUR VIEW darlegt.

Anleihen aus Staaten in und um die Krisenregion haben schon bessere Zeiten gesehen. Wie haben sich die Sanktionen ausgewirkt?

Es kam natürlich zu Kursverlusten, wobei russische Anleihen selbstverständlich am meisten gelitten haben. So wurde bei Hartwährungsanleihen ein Zahlungsausfall eingepreist und der Rubel verlor stark. Der Handel in Lokalwährungsanleihen wurde ausgesetzt. Mit der Wiederaufnahme diese Woche sollten wir allerdings ein klareres Bild über die Preisentwicklung in diesem Segment bekommen. Währungen und Anleihen in den übrigen zentral- und osteuropäischen Ländern konnten die ursprünglichen, teils heftigen Kursverluste inzwischen wieder teilweise wettmachen.

Nun hat Russland entgegen den Erwartungen eine am 16. März fällige Kuponzahlung geleistet, wobei aber allerlei Schwierigkeiten auftraten. Wie sieht es mit weiteren Zahlungsverpflichtungen aus?

Ja, es war ein hin und her in den letzten Tagen. Zuerst hieß es, Russland wolle seinen Verpflichtungen nachkommen, aber „unfreundlichen Staaten“ gegenüber nur in Rubel. Dann hat man sich doch dazu entschlossen, in US-Dollar zu zahlen. Es war aber nicht sicher, ob die Zahlungen erfolgreich sein werden. Letztendlich haben die Investor:innen mit einer kleinen Verzögerung ihr Geld bekommen. Immerhin.

Spielt Russland im Portfolio des ERSTE BOND DANUBIA noch eine Rolle?

Wir gehen von einem Zahlungsausfall aus, deswegen sind die im Portfolio enthaltenen Anleihen im einstelligen Prozentbereich bewertet. Per Ultimo Februar betrug der Anteil russischer Staatsanleihen noch cirka 9% des Fondsvermögens. Wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass aufgrund der EU Kapitalmarkt-Sanktionen der Handel derzeit teilweise nicht möglich ist.

Spannend bleibt die Frage, ob Russland den weiteren Zahlungsverpflichtungen in US-Dollar nachkommen wird: Bis Ende März stehen noch mehrere Kuponzahlungen an und am 2. April wird eine Anleihe im Volumen von 2 Milliarden US-Dollar fällig. Bei einigen dieser Zahlungen besteht für den russischen Staat auch die rechtlich abgesicherte Möglichkeit, in Rubel zu zahlen, was helfen sollte, einen möglichen Zahlungsausfall zumindest zu verschieben.

Welche Alternativen haben Sie in der Allokation? Osteuropa ist doch die Wachstumsregion „vor der Haustür“?

Mit dem Abbau russischer Papiere liegt der Fondsschwerpunkt nun verstärkt auf Ost- und Südosteuropa. Auch dort sind Anleihen und Währungen unter Druck geraten. Diese Verluste sind aufgrund der wirtschaftlichen Perspektiven dieser Länder und der geringen wirtschaftlichen Verflechtung mit Russland nur teilweise gerechtfertigt. Es gibt nach wie vor ein enormes Aufholpotenzial der zentral- und osteuropäischen Länder. Die Menschen sind fleißig, wollen sich etwas schaffen. Man braucht sich nur anzusehen, was in Ländern wie Slowenien, Ungarn, Tschechien oder Slowakei in den letzten drei Jahrzehnten geschehen ist. Die haben in Wirtschaftsleistung und Lebensstandard enorm aufgeholt.

Was spricht generell für osteuropäische Staatsanleihen?

Die durchschnittliche Bonität der Länder ist solide, die Staatsverschuldung verglichen mit der Eurozone oder den USA gering. Die Laufzeiten der Anleihen in lokalen Währungen sind mit rund fünf Jahren im Schnitt kürzer als bei Staatsemissionen, die in Euroland begeben werden. Eine gute Karte in Zeiten steigender Zinsen! In Tschechien etwa liegt die durchschnittliche Rendite bei rund 3,5%. In Polen waren es zuletzt gut 4,5%, in Rumänien rund 6% (alle Angaben Bloomberg, Stand 18.3.2022). Diese Renditeniveaus sollten die vorherrschenden höheren Inflationsraten gut kompensieren können.

https://blog.de.erste-am.com/bieten-osteuropa-bonds-chancen/ 

 

„iPhones auf Rädern“: Wie vernetzte Elektroautos Einnahmen generieren

Marktkommentar von N. Owuraka Koney, Equity Research Analyst bei Jennison Associates: „Das immense Wachstum der Elektroautoindustrie hat eindeutig die Aufmerksamkeit der Investoren auf sich gezogen. Viele E-Automobilaktien haben sich in den letzten Jahren extrem gut entwickelt. Dennoch scheinen viele Analysten und Investoren die wirklichen Chancen im Bereich der Elektrofahrzeuge noch nicht erkannt zu haben. Was übersehen sie?

Es gibt heute über eine Milliarde Autos auf den Straßen. Einen wiederkehrenden Einkommensstrom generieren dabei allem voran Tankstellen, Reparaturwerkstätten und Versicherungsunternehmen, nicht jedoch der Hersteller. Seine Beziehung zum Kunden endet, sobald das Auto vom Parkplatz gefahren wird. Diese Beziehung ist gerade dabei, sich radikal zu ändern.

Mit vollständig vernetzten Elektrofahrzeugen und autonomen Fahrzeugen können Automobilhersteller über die Lebensdauer von zehn bis 15 Jahren Einnahmen generieren. Autos werden sozusagen zu „iPhones auf Rädern“. Wie bei der Entwicklung vom Klapphandy zum Smartphones, kann der Hersteller auf der Plattform nunmehr Dienste aufbauen oder laufende Abonnements vertreiben. So betreibt der Hersteller die Ladestation selbst, verwandelt die Werkstatt in ein hauseigenes Service-Center und stellt die Versicherung über die Telematik des Autos bereit.

Einnahmen über die gesamte Lebensdauer

Dies kann ein grundlegender Wandel in der Branche sein, mit weitreichenden Auswirkungen von der Preisgestaltung bis hin zur Wettbewerbsdynamik.

Ein Beispiel: Ein Unternehmen verkauft zehn Millionen Autos pro Jahr, alle elektrisch oder mit Verbrennungsmotor, aber ohne die notwendige Hardware zur vollständig Vernetzung oder zum autonomen Fahren – sozusagen Klapphandys, deren Ertragspotenzial am Tag der Anschaffung größtenteils erschöpft ist. Ein anderes Unternehmen verkauft zwar nur eine Million Autos pro Jahr, jedoch sind diese allesamt elektrisch, voll vernetzt mit der Hardware für volle Autonomie – sozusagen Smartphones, die über die gesamte Lebensdauer hinweg attraktive Einnahmenströme generieren. Allein schon deswegen kann das vermeintlich kleinere Unternehmen für Investoren deutlich wertvoller sein.

Denn es kommt in Zukunft nicht mehr darauf an, wie viele Autos man baut. Es kommt darauf an, wie viele intelligente, vollständig vernetzte Autos der Hersteller produziert. Denn das ist es, was das langfristige Monetarisierungspotenzial ausmachen wird. Es braucht also künftig nicht mehr nur Unternehmen, die ein attraktives Produkt mit ansprechendem Design und Zugang zu Kapital haben. Vielmehr müssen Investoren jene Unternehmen identifizieren, die über die größte Basis an langfristig monetarisierbaren Anlagen verfügen, da diese Unternehmen ein deutlich höheres Potenzial für wiederkehrenden Einnahmen und Gewinnströmen haben.“

Umstellung auf Erneuerbare Energie könnte zu niedrigeren Strompreisen führen

Ein Marktkommentar von Christian Rom, Portfoliomanager des DNB Fund Renewable Energy bei DNB Asset Management: „Der tragische Krieg in der Ukraine erhöht das Risiko einer globalen Energiekrise und nährt Spekulationen über ein stärkeres Wachstum der erneuerbaren Energien, um den globalen Brennstoffmix weniger abhängig von russischen fossilen Brennstoffen zu machen. Der Konflikt gibt Anlass zur Sorge um die Sicherheit und Erschwinglichkeit der Energie und veranlasst die Investoren zu einer Einschätzung, wie sich dies auf die Energiewende auswirken könnte. Da 30 bis 40 % des europäischen Gasbedarfs aus Russland stammen, könnte ein Vorstoß zur Verringerung der Abhängigkeit von russischem Gas als Katalysator für eine beschleunigte Dekarbonisierung und Netto-Null-Pläne wirken. Kurzfristig erwarten wir jedoch einen Anstieg der Emissionen aus der Kohleverstromung, da die Länder Kohle als Energieträger erhöhen, um die Energiesicherheit zu gewährleisten.

Die Diversifizierung der Energieversorgung könnte sich positiv auf die erneuerbaren Energien auswirken, da sie Investitionen nach sich zieht und den Gesamtkapazitätszuwachs im nächsten Jahrzehnt erhöht. Deutschland hat bereits Pläne angekündigt, die Dekarbonisierung zu beschleunigen, indem es seine Pläne zur Erreichung von 100 % erneuerbarer Energie um 15 Jahre vorverlegt.

Eine Umstellung auf erneuerbare Energien könnte auch zu niedrigeren Strompreisen führen. Schon vor der Krise waren erneuerbare Energieträger bei den Kosten wettbewerbsfähig im Vergleich zu Gas. Im letzten Jahr sind die Gaspreise erheblich gestiegen. Auch die Ölpreise sind aufgrund der aktuellen geopolitischen Lage drastisch in die Höhe geschnellt.

Solarenergie, Windkraft und andere erneuerbare Energieerzeuger (IPPs = Independent Power Producer) sind die klaren Gewinner. Netzstabilität und Energiespeicherung werden jedoch eine Herausforderung darstellen, da die derzeitigen Verteilungs- und Übertragungsnetze weltweit nicht für erneuerbare Energien gebaut wurden. Erhebliche Investitionen in das Netz und in Speichermöglichkeiten werden notwendig sein, um die Stabilität zu gewährleisten und Ungleichgewichte in der Versorgung während des Tages auszugleichen, die durch die Schwankungen der Sonnen- und Windenergie und durch Nachfragespitzen beim Laden verursacht werden.

Wir erwarten auch eine stärkere Konzentration auf die Energieeffizienz. Weniger Energie zu verbrauchen ist eine Möglichkeit, die Energiesicherheit zu verbessern und Emissionen zu reduzieren. Wir gehen davon aus, dass die aktuellen Ereignisse den Einsatz von erneuerbaren Energien, Wärmepumpen und grünem Wasserstoff beschleunigen könnten. Auch der Ausbau der Infrastruktur für Liquid Natural Gas (LNG) könnte sich dadurch beschleunigen.

Gut aufgestellte Unternehmen: Vestas und Plug Power

Zwei Unternehmen, die in diesem Bereich zu den langfristigen Gewinnern gehören könnten, sind Vestas und Plug Power. Vestas ist der weltweit führende Hersteller von Windturbinen, der über den gesamten Zyklus hinweg nachweislich die besten Renditen erwirtschaftet. Dies wurde u. a. durch eine nachgewiesene Kostenreduzierung mittels technologischer Innovation und Optimierung der Lieferkette erreicht. Insgesamt ist es eine konsolidierte Branche mit einem bedeutenden Anteil an langfristig wiederkehrenden, mit hohen Margen ausgestatteten Dienstleistungseinnahmen. Offshore-Windkraft sehen wir als nächste große Wachstumschance für den Sektor. Die Kostenwettbewerbsfähigkeit der Windenergie lässt instabile Subventionsprogramme hinter sich, die in der Vergangenheit die Boom/Bust-Zyklen übertrieben haben.

Plug Power ist ein führendes Unternehmen im Bereich Brennstoffzellen, Elektrolyse, Erzeugung von grünem Wasserstoff sowie Speicherung und Betankung von Flüssigwasserstoff. Wir glauben, dass Wasserstoff-Brennstoffzellen und elektrolytische Verfahren disruptive Technologien darstellen bei denen Plug Power durch den Aufbau des Nischenmarktes für große Gabelstapler in Distributionszentren einen First-Mover-Vorteil erzielt. Wasserstoff-Brennstoffzellen bieten dem Kunden einen Mehrwert auf dem heutigen Gabelstaplermarkt und ermöglichen es Plug Power, seine Lösungen durch reale Erfahrungen unter rauen Bedingungen zu verbessern. Wenn sich die Technologie verbessert und die Gesamtkosten durch die Skalierungseffekte von Herstellungsprozessen und Lieferketten sinken, können die Brennstoffzellen des Unternehmens in verschiedenen Wertschöpfungsnetzen konkurrieren.“

Investmentupdate: Gewisse Stabilisierung trotz anhaltenden Bombardements

Beitrag von Erste AM Communications: Auch wenn die Volatilität und Verunsicherung an den Kapitalmärkten weiterhin besonders hoch bleibt, so ist seit letzter Woche doch eine gewisse Stabilisierung und zuletzt auch eine leichte Erholung der Aktienmärkte zu verzeichnen. Der primäre Treiber für die gegenwärtige Anlegerstimmung ist und bleibt der Ukraine-Krieg, bei welchem trotz der anhaltenden russischen Bombardements ukrainischer Städte zumindest auf der diplomatischen Seite erste Fortschritte erkennbar sind. Sowohl Russland als auch die Ukraine zeigten sich zuletzt kompromissbereit und vor allem die Aussage Putins, dass die Besetzung der Ukraine nicht sein Ziel sei, lassen doch berechtigte Hoffnungen auf erfolgreiche Friedensverhandlungen aufkommen. Es scheint als würden die harten Wirtschaftssanktionen des Westens ihre Wirkung entfalten – bei einer laut dem Wirtschaftsministerium geschätzten Inflation von 12,5% ist es somit wenig verwunderlich, dass Putin die Russen bereits auf hohe Arbeitslosigkeit und schwierige Zeiten vorbereitet.

Quelle: Refinitiv Datastream

Rohstoffmärkte etwas beruhigt

Einhergehend mit den jüngsten Fortschritten haben sich auch die Rohstoffmärkte zuletzt merklich beruhigt – so notierte beispielsweise der Rohölpreis der Nordseesorte Brent zuletzt wieder bei rund 100 USD nach zwischenzeitlich fast 140 USD. Doch auch auf diesen Niveaus wird der Druck auf die Inflation hoch bleiben und aus diesem Grund hat gestern die amerikanische FED erwartungsgemäß die Zinswende eingeleitet. Jerome Powell hob den amerikanischen Leitzins um 0,25% an und präsentierte sich als forscher Bekämpfer der Inflation, welche in den USA auf zuletzt 7,9% hochschoss. Immerhin 7 Zinsschritte werden nun im kommenden Jahr erwartet. Entgegen dem Lehrbuch zeigten sich die Aktienmärkte dennoch freundlich, was vor allem damit zu tun haben dürfte, dass man der US-Konjunktur letztlich auch eine straffere Geldpolitik zutraut.

China vermehrt im Fokus

Neben den bereits erwähnten Einflussfaktoren geriet zuletzt auch China wieder vermehrt in den Fokus der Anleger. Zum einen macht sich auch im Reich der Mitte die Omikron-Variante breit, wodurch bedingt durch die Null-Covid-Strategie der Regierung in Peking zuletzt zahlreiche Regionen in den Lockdown mussten. Auch die Region Shenzen, welche den drittgrößten Containerhafen der Welt bzw. wichtige Technologiezentren beheimatet steht beispielsweise still und sorgt somit für weitere Belastungen der ohnehin angespannten Lieferkettenproblematik. Die lokalen Aktienmärkte erleben in den letzten Tagen dennoch ein regelrechtes Kursfeuerwerk, nachdem offiziellen Aussagen zufolge die Finanzmärkte stabilisiert, der Immobilien- und Technologiesektor unterstützt sowie die Wirtschaft weiter angekurbelt werden sollen.

Zahlreiche Unsicherheitsfaktoren

Auch wenn sich die allgemeine Nachrichtenlage in den letzten Tagen allmählich verbessert hat, so ist für uns eine Erhöhung der Risikoquoten gegenwärtig wohl noch etwas zu früh. Zum einen sind wir durchaus aktiv und breit diversifiziert veranlagt und andererseits dürften in der kurzen Frist zahlreiche Unsicherheitsfaktoren in Bezug auf den Krieg in der Ukraine aber auch hinsichtlich der konjunkturellen Situation bestehen bleiben. Die Volatilität dürfte somit weiter anhalten.

Wichtige rechtliche Hinweise: Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Europa setzt auf Wasserstoffenergie

Beitrag von Pascal Menges, Head of Equity Investment Process and Research, Lombard Odier Investment Managers: Der Krieg in der Ukraine, steigende Gaspreise, Pleite gegangene Energieversorger und horrende Energierechnungen für die Verbraucher - die Energiekrise in Europa ist unerbittlich. Im Moment spricht alles für eine Beschleunigung der Energiewende.

So haben beispielsweise Iberdrola und BP1 vor kurzem Investitionen in neue Kraftwerke zur Erzeugung von grünem Wasserstoff auf der iberischen Halbinsel bzw. in Großbritannien angekündigt. BP, einer der größten Öl- und Gaskonzerne der Welt, erwägt ebenfalls die Produktion von grünem Wasserstoff in Raffinerien in Deutschland, Spanien und den Niederlanden2 und will bis 2030 10 % des Marktes für kohlenstoffarmen Wasserstoff erobern3.

Europa bleibt das Zentrum der Wasserstoffentwicklung. Mehr als die Hälfte der angekündigten Projekte und geschätzte Investitionen in Höhe von 130 Mrd. USD entfallen auf Europa. Dennoch haben alle anderen Regionen mit einem Anstieg der Projektankündigungen um über 75 % proportional mehr zugelegt4.

Quellen.

1. Hydrogen Insights Report, Juli 2021

2. Jede Bezugnahme auf ein bestimmtes Unternehmen oder ein bestimmtes Wertpapier stellt keine Empfehlung zum Kauf, Verkauf, Halten oder zur direkten Investition in das Unternehmen oder die Wertpapiere dar. Es sollte nicht davon ausgegangen werden, dass die ausgesprochenen Empfehlungen in der Zukunft gewinnbringend sein werden oder der Performance der in diesem Dokument besprochenen Wertpapiere entsprechen

3. https://www.bloomberg.com/news/articles/2021-11-29/bp-plans-green-hydrogen-base-in-u-k-as-transition-speeds-up

4. https://www.bp.com/en/global/corporate/news-and-insights/reimagining-energy/hydrogen-and-the-energy-transition.html

Zwei stagflationäre Schocks: Pandemie und Ukraine-Krieg

Beitrag von Gerhard Winzer: Innerhalb von zwei Jahren wurde die Weltwirtschaft mit zwei negativen Entwicklungen, beziehungsweise Schocks konfrontiert. Erstens, die Pandemie (SARS-CoV-2), zweitens, ein geopolitischer Schock (Ukraine), der wiederum einen Rohstoffpreisschock ausgelöst hat. Die Auswirkungen sind stagflationär. Der Begriff Stagflation beschreibt einen volkswirtschaftlichen Zustand, der einer Stagnation (stagnierendes Wirtschaftswachstum) in Kombination mit (hoher) Inflation entspricht.

Erholung und Inflation vor der Invasion

Die Auswirkung der Pandemie war letztendlich stagflationär. Ohne die Pandemie wäre das Bruttoinlandsprodukt (BIP) höher und die Inflation niedriger. Die überraschend anhaltend hohe Inflation (OECD: 7,1% p.a. im Jänner 2022) hat zu Beginn des Jahres auch noch einen Mini-Zinsschock verursacht (zunehmenden Leitzinsanhebungserwartungen). Mit dem Abklingen der Omikron-Variante haben im Februar die zyklischen Wirtschaftsindikatoren auf eine abermalige Beschleunigung des Wirtschaftswachstums hingewiesen (nach der Abschwächung zwischen Dezember und Jänner) und das Basisszenario „Fortsetzung des Erholungsszenarios“ bestätigt. Der globale Einkaufsmanagerindex (Fertigung und Services) ist im Februar auf 53,4 nach 51,1 im Jänner angestiegen. Zudem deuteten die Preis-Komponenten des Einkaufsmanagerindex auf einen anhaltend hohen Inflationsdruck hin (Output Prices bei 60,0 nach 59,6). Gleichzeitig wiesen die Arbeitslosenraten in den USA (Februar: 3,8%) und der Eurozone (Jänner: 6,8%) auf einen engen Arbeitsmarkt hin. Das wiederum deutet auf ein zunehmendes Lohnwachstum. Zu guter Letzt verweist in den USA der weitere Anstieg der Beteiligungsrate (62,3%, Vor-Pandemie: 63,4%) auf eine langsame Verbesserung der Angebotsseite am Arbeitsmarkt.

Massive Auswirkungen durch Einmarsch Russlands in die Ukraine

Der Einmarsch Russlands in die Ukraine stellt auf mehreren Ebenen ein einschneidendes Ereignis dar. Vielleicht wird nun auch der Wert von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit besser erkennbar. Der Westen greift zwar nicht militärisch ein, der Einsatz finanzpolitischer Waffen (Sanktionen) und die Lieferung von Waffen in die Ukraine bedeutet jedoch einen neuen Kalten Krieg. Die Beziehungen des Westens mit Russland sind anhaltend gestört. Ebenso steigt aufgrund der Sanktionen bei jenen Staaten, die sich nicht zum Westen zählen, die Motivation sich von der Abhängigkeit des US-Dollar und anderer Reservewährungen zu emanzipieren. Die Wahrscheinlichkeit für einen asiatischen Währungsblock rund um den Renminbi hat zugenommen. Neben der geostrategischen Stärkung Chinas scheinen auch die supranationalen Organisationen NATO und EU gestärkt. Das impliziert unter anderem, dass die zugesagten NATO-Verteidigungsausgaben tatsächlich erfüllt werden, dass eine mögliche Erweiterung der NATO wahrscheinlicher geworden, und der Exit eines weiteren EU-Landes sowie das Auseinanderbrechen der Eurozone weniger wahrscheinlich geworden sind. Weitere Rettungsschirme würden im Bedarfsfall geschnürt werden. Ebenso hat die Motivation zugenommen, mehr in die Energiesicherheit und in die Verteidigung (auch außerhalb der NATO) zu investieren. Die staatlichen und privaten Investitionsquoten werden im Trend der kommenden Jahre wahrscheinlich höher sein als im Ausgangsszenario, aber wahrscheinlich auch die Budgetdefizite.

Einbruch der russischen Wirtschaft

Die Sanktionen des Westens treffen die russische Wirtschaft schwer. Denn sie erzwingen eine noch größere Autarkie. Einige russische Banken wurden vom Interbanken Nachrichtensystem SWIFT ausgeschlossen. Ebenso wird das Auslandsvermögen von immer mehr russischen Staatsbürger:innen (Oligarch:innen) eingefroren. Auch ein großer Teil der Fremdwährungsreserven der russischen Zentralbank ist eingefroren. Zudem pausieren oder beenden ausländische Firmen die Beziehungen mit Russland. Das bedeutet einen Einbruch des Handels und des BIP (Arbeitsannahme: -9% in diesem Jahr) sowie eine Beeinträchtigung der Lieferketten. Auch eine Kreditbremse droht. S&P hat die Kreditwürdigkeit auf CCC- herabgestuft. Der Wechselkurs des Rubel gegenüber dem US-Dollar ist eingebrochen (63% seit Jahresanfang). Der Druck auf die russische Regierung ist sicherlich angestiegen, denn sie kann nicht mehr für Stabilität und Wohlstand sorgen.

Rohstoffpreisschock

Die Invasion in der Ukraine bedeutet ähnlich wie die Pandemie einen stagflationären Schock und ist eine neue große Quelle der Unsicherheit. Der Anteil am globalen BIP von Russland und der Ukraine beträgt lediglich 3%. Die Sanktionen des Westens beinträchtigen massiv jene Exporte, die keine Rohstoffe sind, sowie den Zugang zu den globalen Finanzmärkten. Dennoch haben ausgeprägte Preisanstiege bei den Rohstoffen stattgefunden. Der Index für Industriemetalle ist seit Jahresanfang um 24%, jener für die Energie um 48% und jener für landwirtschaftliche Güter um 26% angestiegen (Quelle: Bloomberg Commodity Price Indices). Russland ist ein führender Produzent von Öl, Gas, Metallen und Getreide. Letzteres gilt auch für die Ukraine. Der treibende Faktor ist eine angestiegene Risikoprämie für mögliche Produktions- / Exportausfälle, d.h. Befürchtungen von Rohstoff-Sanktionen des Westens und Exportbeschränkungen seitens Russlands. Zudem ist eine Selbstbeschränkung westlicher Unternehmen (Banken, Versicherungen, Transportunternehmen, Handelsfirmen) aufgrund der Rechts- und Reputationsrisiken erkennbar. Die weitere Entwicklung der Rohstoffpreise wird vor allem von der Art der Sanktionen des Westens und möglichen Gegensanktionen Russlands bestimmt werden. Beides hängt unter anderem vom Kriegsverlauf in der Ukraine ab.

Hohe Inflation und gedämpfte Erholung

Die starken Preisanstiege bei den Rohstoffen werden die Inflationsraten in den kommenden Monaten auf einem hohen Niveau halten (global bei rund 6% p.a.). Im Basisszenario könnte heuer die globale Inflation um rund 1 Prozentpunkt höher sein (Q422: 5% p.a.) als im Vor-Ukraine Szenario. Die EMU ist stärker betroffen (+1,5 Prozentpunkte auf 4% p.a.). Die Risiken sind nach oben gerichtet. Die hohen Inflationsraten dämpfen die Kaufkraft und reduzieren die Konsumentenstimmung. Für das globale reale BIP-Wachstum wird im Vergleich zum Vor-Ukraine Szenario eine Reduktion um rund 1 Prozentpunkt veranschlagt (Q422: 3% p.a.). Die EMU ist stärker betroffen (-2 Prozentpunkte auf 2,5% p.a.). Die Risiken sind nach unten gerichtet. Vor allem im Fall von Versorgungsunterbrechungen würden die Risiken für eine Rezession ansteigen.

Dilemma für Zentralbanken

Die Zentralbanken sind mit einem Dilemma konfrontiert. Die Inflationsraten sind überraschend hoch, getrieben von den Rohstoffpreisen. In einigen Ländern (USA) sind bereits jetzt Überwälzungseffekte von den pandemiegetriebenen Kosten auf andere Preiskomponenten erkennbar. Unternehmen werden versuchen, die höheren Rohstoffkosten weiterzugeben. Arbeitnehmer:innen werden höhere Löhne fordern. Weil die Arbeitslosenraten bereits niedrig sind und das Basisszenario „Fortsetzung der Erholung“ lautet, ist eine Überwälzung auf andere Preiskomponenten wahrscheinlicher geworden.

Gleichzeitig wird das Wirtschaftswachstum von dem Rohstoffpreisschock beeinträchtigt, haben die Rezessionsrisiken zugenommen und ist die Unsicherheit auf dem Finanzmarkt angestiegen.

Erste moderate Leitzinsanhebungen bis Jahresende erwartet

Die Inflationsentwicklung in diesem Jahr kann die Zentralbanken wenig beeinflussen. Ziel ist es, die Sekundärrundeneffekte gering und die Inflationserwartungen möglichst stabil zu halten. Das neutrale Zinsniveau soll möglichst schnell erreicht werden. Die Ukraine-Krise dämpft, aber verhindert nicht den Ausstieg aus der ultra-expansiven geldpolitischen Haltung. Die Wahrscheinlichkeit von überraschend restriktiven Schritten ist gesunken (+50 Basispunkte Anhebung durch die Fed; Leitzinsanhebungen auf restriktives Niveau). Arbeitsannahmen: Die Fed hebt den Leitzinssatz auf 1,5% bis Ende 2022 an, Beginn des Quantitative Tightening (Reduktion der Zentralbankbilanz) im Sommer, auch die EZB hebt bis Ende Dezember den Leitzinssatz an (auf -0,25%). Am vergangenen Mittwoch hat die kanadische Zentralbank den Leitzinssatz wie erwartet um 0,25 Prozentpunkte auf 0,5% angehoben. Fed-Chairman Powell hat eine Leitzinsanhebung am 16. März angekündigt. EZB-Präsidentin Lagarde wird am kommenden Donnerstag wohl in einer vorsichtigen Weise formulieren. Eine Anhebung der Inflationsprojektionen dürfte jedoch die Möglichkeit für Leitzinsanhebungen aufrechterhalten.

Ambitioniertes Wachstumsziel in China

Unterstützung für die Weltwirtschaft kommt von China. Die Regierung hat das Wachstumsziel für das Bruttoinlandsprodukt für heuer auf 5,5% gesetzt. Das ist ambitioniert, denn andere Prognosen liegen bei rund 5%. Aus diesem Grund sind mehr wirtschaftsunterstützende Maßnahmen auf der fiskalischen und geldpolitischen Seite wahrscheinlicher geworden.

Zusätzliche Unsicherheit erhöht Risikoprämien an den Kapitalmärkten

Die zusätzliche Unsicherheit erhöht die Risikoaversion auf den Märkten. Im Einklang damit sind die Volatilitätsindizes und die Risikoprämien für Aktien, Anleihen und Wechselkurse angestiegen. Das drückt auf die Bewertungen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis. Generell gilt: solange das Erholungsszenario Bestand hält, bleibt der Ausblick für Risk Assets positiv.

Wichtige rechtliche Hinweise:

Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

märkteunteruns - März 2022

In der aktuellen Ausgabe von märkteunteruns analysiert das Team der Raiffeisen Capital Management (RCM) die Kapitalmärkte. In der taktischen Asset Allocation wurde bislang ein positiver Ausblick für die Finanzmärkte gegeben. Die Entwicklungen der letzten Tage erfordern jedoch eine Neubewertung. Was bedeutet die aktuelle Situation für die Kapitalmärkte und wie positioniert sich die RCM taktisch? 

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Kontakt

Christiane Flehberger, MA, BSc, CEFA
Prokurist
Leitung Institutionelles Geschäft
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Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.
Mooslackengasse 12, 1190 Wien | t +43 1 71170-2613 |
christiane.flehberger@rcm.at | www.rcm.at

Atomkraft ist ESG-konform, Bitcoin soll verboten werden - man kann nur noch mit dem Kopf schütteln

Marktkommentar der DLC Distributed Ledger Consulting GmbH: Aktuell wird in der Brüsseler Politik ein Papier diskutiert, in dem die Grundlage für einen faktischen Bann von Bitcoin in der EU gelegt wird. So werden Kryptowerte zu Anfang des Papiers in „sustainable“ und „unsustainable“ eingestuft – auf Seite 92 des Dokuments steht dann geschrieben, dass die durch denselben Regulierungsvorschlag eingeführten „crypto-asset service provider“ ab dem 1. Januar 2025 keine Kryptowerte mit „environmentally unsustainable consensus mechanisms“ mehr prozessieren/verwahren sollen dürfen. Da davon auszugehen ist, dass der Konsensmechanismus von Bitcoin als „unsustainable“ eingestuft werden wird, käme dies einem faktischen Verbot von Bitcoin in der EU gleich. 

Warum ist diese Entwicklung so ungeheuerlich? Weil es bei Bitcoin um mehr als ein Asset geht. Es geht darum, den Menschen den Zugang zu einer Werteinheit zu verwehren, die – im Gegensatz zu allen Fiatwährungen –  nicht politisch willkürlich manipulierbar ist. Zwar ist es wenig überraschend, dass sich die Staaten die Lizenz zum Gelddrucken nicht kampflos aus der Hand nehmen lassen – und auch die Taktik, den zweifelsohne hohen Stromverbrauch von Bitcoin als Angriffsvektor zu nutzen, war vorhersehbar. Nahezu zeitgleich Atomkraft unter gewissen Prämissen als ESG-konform einzustufen, entbehrt allerdings nicht einer gewissen Skurrilität.

Dr. Sven Hildebrandt, Geschäftsführer der DLC Distributed Ledger Consulting GmbH kommentiert: „Das von den EU-Politikern angeschobene Bitcoin-Verbot besorgt mich insbesondere mit Blick auf die jüngeren Generationen und deren Verhältnis zur Europäischen Union. Denn es sind vor allem die jungen Leistungsträgerinnen und Leistungsträger, die sich nach einer wirklichen Trennung von Geld und Staat sehnen – das zeigen die Statistiken rund um Investments wie Bitcoin und andere Kryptowerte deutlich. Die jungen Menschen vertrauen ihr Geld lieber regelbasiertem und somit berechenbaren Computercode an, als sich auf die Versprechungen der Politik zu verlassen. Eine Ableitung, die ich bei insgesamt knapp 200 Regelverstößen zur Einhaltung der Geldwertstabilität seit Gründung der EU durchaus nachvollziehbar empfinde.“

Es bleibt zu hoffen, dass die Politikerinnen und Politiker, die sich vielleicht aus Unwissenheit mit durchaus ehrenwerten Beweggründen für ein solches Gesetz eingesetzt haben, noch einmal innehalten und reflektieren, welchen immensen Schaden sie mit dieser Entscheidung der Generation ihrer Kinder und Enkelkinder zufügen würden.

Über die DLC Distributed Ledger Consulting

Die Distributed Ledger Consulting GmbH (DLC) bietet semiprofessionellen und professionellen Finanzmarktakteuren vollumfängliche Beratungsdienstleistungen rund um Distributed Ledger Technologien (DLT) wie beispielsweise Blockchains. Neben genereller Beratung zum Thema DLT und deren Integration in bestehende Prozesse widmet sich die DLC allen mit Digital Assets assoziierten Themen im Finanzmarktumfeld. Dies sind beispielsweise die Verwahrung von Digital Assets sowie das Assessment unterschiedlicher Token, Fonds und Digital-Asset-Manager. Mit Kooperationspartnern werden darüber hinaus auch steuerliche und regulatorische Fragestellungen abgedeckt. Die DLC ist in unterschiedlichen Verbänden und Vereinigungen aktiv, namentlich der ISO (International Organization for Standardization), dem DIN (Deutsches Institut für Normung), der INATBA (International Association for Trusted Blockchain Applications), der ITSA (International Token Standardization Association) und weiteren. Darüber hinaus ist die DLC exklusiver Partner von BTC-Echo, der führenden Blockchain-Medienplattform im deutschsprachigen Raum, für das Thema Token-/Smart-Contract-Audits.

Militärischer Konflikt Russland-Ukraine

Beitrag von Erste AM Investment Division / Erste AM Communications

Russland hat am Donnerstag eine militärische Invasion in der Ukraine begonnen. Laut Medienberichten sind militärische Ziele in der Ukraine aus der Luft und vom Boden angegriffen worden. Derzeit sieht es danach aus, als würden sich die Angriffe auf militärische Ziele bzw. militärische Infrastruktur konzentrieren.

Gleichzeitig warnte Putin die westlichen Länder, die zuvor erste Sanktionen verhängt hatten, vor einem Eingreifen und drohte offen mit einer sofortigen russischen Antwort und harten Konsequenzen. Die Ukraine hat das Kriegsrecht ausgerufen.

US-Präsident Joe Biden wird heute mit seinen G7-Amtskolleg:innen über die weitere Vorgangsweise beraten und sich im Anschluss daran an die Öffentlichkeit wenden. Die EU hat in der Zwischenzeit den Angriff auf die Ukraine aufs Schärfste verurteilt und mit weiteren Sanktionen gedroht.

Kursrückgänge an den Börsen – Staatsanleihen, Gold- und Ölpreis steigen

Die Finanzmärkte reagieren dem Lehrbuch entsprechend mit Kursrückgängen von Aktien, Preisanstiegen von Rohöl, einem Verfall des russischen Rubel, einer Festigung des US-Dollar sowie Kursanstiegen von kreditsicheren Staatsanleihen.

Das heißt, die Risikoprämien (Bewertungen) für geopolitische Spannungen, Wirtschafts- und Inflationsrisiken sind angestiegen. Eine rasche Lösung scheint nicht in Sicht. Sanktionen des Westens sind zwar langfristig nützlich, aber kurzfristig werden sie den Weg der Diplomatie wohl nicht ersetzen können. Daher ist davon auszugehen, dass die Unsicherheit über die weiteren Entwicklungen hoch bleiben wird.

Werden Zinserhöhungen nach hinten verschoben?

Die restriktiveren Maßnahmen der Zentralbanken könnten sich zeitlich nach hinten verschieben. Denn es ist wahrscheinlicher geworden, dass die Zentralbanken zumindest weniger schnell aus der ultra-expansiven Haltung aussteigen als noch vor ein paar Tagen gedacht.

Im Fall von weiteren Verwerfungen sind sogar zusätzliche Unterstützungsmaßnahmen (Ankaufsprogramme, günstige und unbegrenzte Liquiditätsversorgung) wahrscheinlich.

Bewertungen für chancenreiche Anlagen nun günstiger

Aktien befanden sich bereits einige Wochen vor der Ukraine-Krise im Korrekturmodus. Die Erwartungen schnellerer und stärkerer Leitzinsanhebungen hatten ihnen zugesetzt. Durch die erneuten Rückschläge im Zuge des Russland-Ukraine Konflikts haben sich die Bewertungen von chancenreichen Anlageklassen auf adäquatere Niveaus zurückgebildet.

Die Erfahrung zeigt, dass Aktien vor allem in Rezessionen anhaltende Kursrückgänge verzeichnen. Solange ein Wirtschaftsabschwung vermieden werden kann, bleibt der Ausblick für chancenreiche Assetklassen verhalten positiv.

Kursschwankungen werden anhalten

Wir gehen davon aus, dass die Volatilität in nächster Zeit anhalten wird, wenn die führenden Politiker:innen ihre Reaktion auf die Eskalation abwägen und bekannt geben. In der historischen Betrachtung haben geopolitische Krisen im Allgemeinen nicht verhindert, dass sich die Aktienkurse mittelfristig nach oben bewegt haben.

Abschläge aufgrund geopolitischer Stress-Ereignisse hatten in der Vergangenheit bei gut gestreuten Portfolios keine bleibenden Effekte.

Erste AM: Positionen in Fonds und Depots bleiben vorerst unverändert

Deshalb lassen wir in unseren Multi Asset Fonds und Vermögensverwaltungsdepots unsere aktuelle Positionierung vorerst unverändert. Dies gilt insbesondere, da noch nicht alle Konsequenzen, wie z.B. Sanktionsmaßnahmen oder weiterer Verlauf der militärischen Handlungen absehbar sind.

Dennoch werden wir die weiteren Schritte aller Konfliktparteien und deren Auswirkungen genau beobachten und gegebenenfalls Veränderungen vornehmen.

In unseren Fonds und Portfolien sind wir aktuell breit diversifiziert über Anlageklassen, Regionen, Sektoren und Währungen hinweg. Generell können dadurch idiosynkratische (unsystematische) Risiken verringert werden.

Weiters halten wir auch defensive Veranlagungen, die sich in diesem Umfeld positiv entwickeln können, wie zum Beispiel Gold, US-Dollar-Positionen oder Staatsanleihen.

Wichtige rechtliche Hinweise:

Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen.

Sanktionen werden in Russland wenig Wirkung erzielen

Autor: Paul McNamara, Investment Director, Manager für Schwellenländeranleihen und -währungen, sowohl für Long-Only- als auch für Non-Constrained-Strategien, GAM Investments

Zürich, 24.02.2022 - "Wir glauben nicht, dass die russische Wirtschaft besonders anfällig für Sanktionen ist. Mit einer sehr geringen Staatsverschuldung, einem Zahlungsbilanzüberschuss und der stärksten Devisenreserveposition unter den Schwellenländern ist Russland nicht in nennenswertem Umfang von externem Kapital abhängig, so dass Sanktionen, die auf eine Verringerung der Kapitalzuflüsse abzielen, wenig Wirkung zeigen werden.

Abgesehen davon können Sanktionen erhebliche Schwankungen auf den Finanzmärkten verursachen, und die Preisschwäche der russischen Vermögenswerte in diesem Jahr spiegelt die eingepreisten Sanktionen wider.

Bisher haben sich die europäischen Sanktionen, insbesondere die – zumindest vorübergehende – Entscheidung, die Nord-Stream-2-Gaspipeline nach Deutschland nicht zu genehmigen, am aggressiven Ende unserer Erwartungen bewegt, obwohl es noch einige Zeit dauern wird, bis wir zuversichtliche Schlussfolgerungen ziehen können.

Gegenwärtig scheint es wahrscheinlich, dass die Bedingungen für ausländische Investitionen in russische Vermögenswerte schwieriger werden, aber solche Investitionen werden aus heutiger Sicht legal bleiben. Die Bewertungsniveaus bleiben wichtig, und trotz der Fundamentaldaten sind wir eher geneigt, die Positionierung zu reduzieren als zu erhöhen. Wir warten auf die Ankündigung weiterer Sanktionen.“

Über GAM

GAM ist eine führende unabhängige, reine Vermögensverwaltungsgruppe. Das Unternehmen bietet aktive Anlagelösungen und -produkte für Institutionen, Finanzintermediäre und Privatkunden über die folgenden drei Unternehmen an: Investment Management, Fund Management Services und Wealth Management. Per 31. Dezember 2021 hat GAM 605 Vollzeitbeschäftigte in 14 Ländern und betreibt Anlagezentren in London, Cambridge, Zürich, Hongkong, New York, Mailand und Lugano. Die Vermögensverwalter werden von einem umfassenden weltweiten Vertriebsnetz unterstützt. Die Aktien von GAM (Symbol «GAM») mit Sitz in Zürich sind an der SIX Swiss Exchange notiert. Per 31. Dezember 2021 verwaltet die Gruppe Vermögen in Höhe von CHF 100 Milliarden (USD 109.4 Milliarden).

www.gam.com 

Russlands aktueller Vorstoß in die Ukraine: Was nun?

Kommentar von Marco Willner, Head of Investment Strategy, und Marcin Adamczyk, Head of Emerging Market Debt, bei NN Investment Partners

Am 21. Februar unterzeichnete der russische Präsident Wladimir Putin ein Dekret zur Anerkennung der ukrainischen Separatistengebiete Donezk und Luhansk. Russische Truppen rückten als „Friedenstruppen“ in die beiden Gebiete ein. Diese Maßnahmen stellen eine Eskalation der Ukraine-Krise und das Ende des Minsker Rahmenabkommens von 2014 für den Frieden in der südöstlichen Donbass-Region des Landes dar. Was könnte das für die Kapitalmärkte bedeuten?

Angesichts der jüngsten Entwicklungen ergeben sich drei Schlüsselfragen:

  • Wird Russland die Unabhängigkeit der gesamten Donbass-Region anerkennen? Die Separatisten halten nur ein Drittel der Region. Im Moment sieht es so aus, als würde die russische Regierung mit der vollständigen Anerkennung der beiden Separatistengebiete warten.
  • Wie wird die ukrainische Armee auf die russischen Truppen in Donezk und Luhansk reagieren? Wenn die russischen Truppen innerhalb des bereits von den Separatisten gehaltenen Gebiets bleiben, könnten sich die militärischen Auseinandersetzungen in Grenzen halten. Sollten die russischen Truppen jedoch in die nicht besetzten Teile der beiden Regionen vordringen, wäre eine militärische Eskalation wahrscheinlich.
  • Welche Sanktionen werden die USA und Europa verhängen? Derzeit sind Sanktionen gegen einzelne Mitglieder der russischen Führung sowie Wirtschafts- und Finanzsanktionen im Gespräch - darunter ein Verbot russischer Hightech-Importe und der Ausschluss Russlands aus dem internationalen Finanzsystem Swift. Im Falle längerer militärischer Auseinandersetzungen zwischen russischen und ukrainischen Truppen außerhalb des von Separatisten gehaltenen Teils der Donbass-Region sind weitere Sanktionen wahrscheinlich.

Angesichts der Dynamik der Situation gehen wir von drei Szenarien für die Entwicklung in den kommenden vier Wochen aus. Der wahrscheinlichste Fall ist ein relativ moderates Szenario, bei dem die russischen Truppen in den Separatistengebieten bleiben. In diesem Basisszenario würden die USA und Europa begrenzte Sanktionen verhängen, wie z. B. Beschränkungen für russische Staatsbürger. Ein anderes realistisches Szenario ist das der Eskalation. Sollten die russischen Truppen weiter in die nicht von den Separatisten gehaltenen Teile der Donbass-Region vordringen, würde die ukrainische Armee entschlossen antworten. Die USA würden mit weitreichenden Sanktionen reagieren, zum Beispiel mit Wirtschaftssanktionen und möglicherweise dem Ausschluss aus dem Swift-System. Im „Tail-Risk“-Szenario würde Russland in weitere Gebiete eindringen, sogar in die Hauptstadt Kiew. In diesem Extremfall würden die Sanktionen auch den Energiesektor betreffen.

Bislang waren die Marktreaktionen auf den Konflikt moderat und rational. Russische Aktien, bei denen das Sanktionsrisiko eingepreist ist, waren am stärksten betroffen. Russische Credit Default Swaps und der Rubel waren bisher weniger betroffen. Die Marktreaktionen außerhalb der betroffenen Region fielen moderat aus. Die europäischen Aktien tendierten in diesem Jahr aus verschiedenen Gründen schwach (-7,7 %), jedoch geringer im Vergleich zu US-Aktien (-8,7 %). Gleichzeitig ist der Ölpreis aufgrund der starken Nachfrage und der niedrigen Lagerbestände in diesem Jahr stark angestiegen (+26 %). Es ist schwer zu sagen, wie groß die Auswirkungen der Ukraine-Krise sind. Insgesamt haben die Märkte bisher verhalten auf die Krise reagiert.

Solange die russischen Truppen in den Separatistengebieten bleiben, dürften die Marktreaktionen auch weiterhin moderat ausfallen. Sollte sich ein Risikoszenario verwirklichen, würde die erste Reaktion höchstwahrscheinlich in erheblichen Korrekturen bei risikoreichen Anlagen und einer Flucht in sogenannte sichere Häfen bestehen. Die Sektoren Energie und Rohstoffe wären in diesen Szenarien am stärksten betroffen. Eine vorübergehende Eskalation könnte zu einem späteren Zeitpunkt attraktive Einstiegsmöglichkeiten schaffen. Auf der makroökonomischen Seite würde die Eskalation wahrscheinlich zu einem weiteren Inflationsschub und möglicherweise zu einem schwächeren Wachstum in Europa in den kommenden Quartalen führen. Die Zentralbanken stünden dann vor einem noch schwierigeren Spagat zwischen Inflationsbekämpfung und Wirtschaftsförderung.

Dies ist weder der richtige Zeitpunkt für Investoren, weitere Risiken einzugehen, noch in Panik zu verfallen. Der weitere Verlauf dieses Konflikts ist höchst ungewiss und bedarf einer genauen Beobachtung.

Schwellenländeranleihen: größtes Risiko sind russische Angriffe auf das von der Ukraine kontrollierte Donbass-Gebiet

Unserer Meinung nach wäre in diesem Stadium das harmloseste Szenario, wenn die russische Armee nicht über die bereits besetzten Gebiete hinausginge. Die Ukraine könnte beschließen, nicht zurückzuschlagen, und acht Jahre De-facto-Kontrolle durch russische Bevollmächtigte über diese Region würden offiziell werden. Diese Situation würde die Möglichkeit für eine Fortsetzung der Diplomatie schaffen und eine Deeskalation ohne einen tatsächlichen militärischen Konflikt ermöglichen. Die Ukraine könnte weiterhin als unabhängiges Land agieren und eng mit dem Westen zusammenarbeiten. Wir gehen davon aus, dass die Sanktionen der USA und der EU in diesem Szenario moderat ausfallen würden.

Ein pessimistischeres Szenario wäre, dass Russland die Gebietsansprüche der Volksrepublik Donezk und der Volksrepublik Luhansk in vollem Umfang anerkennt und die russische Armee in die jetzt von der Ukraine kontrollierten Donbass-Gebiete einmarschiert, woraufhin die Ukraine wahrscheinlich zurückschlagen würde. Der Konflikt könnte sich über den Donbass ausdehnen, und die russische Armee könnte in andere ukrainische Städte einmarschieren. In diesem Szenario würden wir mit schärferen Sanktionen gegen Russland rechnen, was den Druck auf russische Anleihen und die Währung erhöhen würde. Dies könnte möglicherweise eine breitere Risikoaversion auslösen, die sich direkt auf russische und ukrainische Anlagen auswirken und ein Ansteckungsrisiko für andere EM-Assets mit sich bringen würde.

Fixed Income: Flucht in Bunds, Treasuries

Angenommen, der Konflikt beschränkt sich auf die östlichen Provinzen der Ukraine, so ist die offensichtlichste Marktreaktion eine Flucht in sichere Häfen, die zu niedrigeren Renditen für deutsche Bundesanleihen und vielleicht auch für US-Treasuries führt. Dies deckt sich mit dem, was wir in den letzten Tagen beobachtet haben.

Trotz der zusätzlichen Problematik des Inflationsdrucks infolge steigender Energiepreise wird die EZB unserer Meinung nach weniger hawkish als bisher vorgehen. Dies wird niedrigere Renditen begünstigen und zu steileren Renditekurven führen. Bei den Renditeaufschlägen für die Länder der Eurozone wird unserer Ansicht nach die risikoaverse Stimmung an den Märkten vorherrschen. Sollten sich die Spreads jedoch zu schnell und zu stark ausweiten, würden wir mit einem Eingreifen der EZB und einer Unterstützung der schwächeren Länder, höchstwahrscheinlich mit QE-Instrumenten, rechnen.

Wir scheuen uns derzeit vor großen, exponierten Anlagepositionen, da die Unsicherheit groß ist. Wahrscheinlich würden wir auf eine erste Reaktion nach dem Angriff nicht mit einer Positionierung für niedrigere Renditen und breitere Spreads reagieren. Wir würden eher die Chancen niedrigerer Zinsen und breiterer Spreads nutzen, um uns für eine Kehrtwende zu positionieren, da wir nicht glauben, dass dieser Konflikt die aktuelle Wirtschafts- und Marktentwicklung nachhaltig aus dem Gleichgewicht bringen wird.

Europäische Aktien könnten Kursverluste erleiden, später aber wieder ansteigen, sofern es nicht zu einer weiteren Eskalation kommt

Europäische Aktien reagieren in der Regel übermäßig auf geopolitische Spannungen und dürften im Falle eines russischen Einmarsches in der Ukraine deutlich an Wert verlieren. Ein solcher Ausverkauf würde sehr aggressiv und schnell erfolgen. Wenn nichts weiter passiert, würden die Aktienmärkte in Europa und anderswo steigen und die Banken würden aufgrund steigender Zinsen wieder eine Outperformance erzielen.

Die derzeitige Dominanz an den Aktienmärkten wird von zyklischen Sektoren wie Energieaktien, Erstausrüstern und Banken bestimmt. Ein stärkerer Konflikt würde sich längerfristig so sehr auf die Rohstoffpreise auswirken, dass es zu einer Konjunkturabschwächung käme, wodurch sich die Dominanz von „zyklischen Growth-“ auf „säkulare Growth“-Titel verlagern würde.

Die Spannungen werden hauptsächlich über die Rohstoffe ausgetragen, da auf Russland etwa 10 % der weltweiten Ölproduktion und 40 % des europäischen Gases entfallen. Russland ist auch ein wichtiger Akteur bei Stickstoff, Palladium, Nickel und Kali. Rohstoff- und Energieunternehmen werden als sicherer Hafen angesehen und würden von Preissteigerungen profitieren. In unseren wichtigsten europäischen Aktienstrategien haben wir Energie- und in geringerem Maße auch Rohstoffwerte übergewichtet, sodass wir keine größeren Auswirkungen sehen dürften.

Obwohl Russland nur einen sehr begrenzten Anteil an den Assets des europäischen Bankensektors hat, könnte jede Eskalation eine Flucht in deutsche Bundesanleihen und US-Treasuries auslösen. Insgesamt schwächere Märkte würden zu einer deutlichen Underperformance des Bankensektors führen; wir müssten unsere derzeitige Gleich- oder Übergewichtungsposition in Banken überdenken.