Könnte es zu einem Anstieg der Inflation kommen?

von Agne Loibl, Fund Managerin, Erste Asset Management.

Anfang September kündigte die Fed eine tiefgreifende Änderung ihrer Politik an, nämlich die Implementierung von sogenanntem Average Inflation Targeting. Dies ermöglicht temporär höhere Inflationszahlen, ohne selbige bei 2% verankern zu müssen.

Woher kommt diese Initiative der Fed? Ist Inflation wieder ein Gesprächspunkt? In diesem Artikel besprechen wir die Anforderungen an die Fed-Politik für höhere Inflation.

Krisenmodus: Regierungen und Zentralbanken mussten reagieren

Die Pandemie brachte einen deutlichen Einbruch der Weltwirtschaft mit sich. Um das wirtschaftliche Wohl wiederherzustellen, boten die Zentralbanken volle geldpolitische Unterstützung an. Gleichzeitig brachten die Regierungen fiskalpolitische Instrumente zum Einsatz, nämlich großangelegte Konjunkturpakete.

  • Diese Pakete resultieren in riesigen Budgetdefiziten. Die OECD erwartet heuer fiskalische Primärdefizite von mehr als 10% in ihren Mitgliedsstaaten, was wiederum zu einem Anstieg der Staatsschuld als Prozentsatz des BIP von 28 Prozentpunkten führt.
  • Es wird vielerorts davon ausgegangen, dass die Ausgabenprogramme in den kommenden Jahren verlängert werden. Dies wird zusätzliche Verschuldung mit sich bringen.
  • Die Zentralbanken finanzieren praktisch diese Ausgaben. Seit Beginn der Krise haben die vier großen Zentralbanken (US Fed, EZB, BoE, BoJ) ihre Bilanzen durch den Ankauf von Vermögenswerten um USD 3,7 Billionen verlängert.
  • Die großen Zentralbanken sind nach wie vor die größten Käufer von Staatsschulden, ungeachtet der Rendite. Daher bleiben die langfristigen Zinsen der jeweiligen Emittentenstaaten trotz ansteigender Verschuldung niedrig.

Interessanter Weise hatten diese monetären und fiskalpolitischen Interventionen einen beschränkten Effekt auf die Inflation. Der Konsumentenpreisindex (KPI) ist seit Beginn der Pandemie in den größeren Ländern nicht gestiegen.

Eine neue wirtschaftliche Herangehensweise am Horizont

Auf den ersten Blick sieht es danach aus, als ob die entsprechenden Stellen nur das getan hätten, was in so einer Situation zu tun war. Doch wir denken, dass aus dieser Krise ein neues wirtschaftliches Modell im Rahmen eines Paradigmenwechsel erwachsen könnte. Dieser Wechsel wird Regierungen (Fiskalseite) und Zentralbanken (monetäre Seite) betreffen.

a) Fiskalseite

  • Die Pandemie war der „Was es auch koste“-Moment der Regierungen. Sie reagierten mit massiven Ausgaben, in deren Folge Sparkurse keine Tugend mehr darstellen.
  • Die breite Öffentlichkeit ist für diese Maßnahmen. Im Gegensatz zur globalem Finanzkrise von 2008, als „nur“ die Finanzinstitutionen unterstützt wurden, profitieren nunmehr viele Teile der Bevölkerung direkt.
  • Daher wird es für Regierungen möglich, ein deutlich höheres Volumen an Schulden und Primärdefiziten in Lokalwährung zu tragen. Wir nehmen an, dass die Regierungen dazu bereit sind.

b) Monetäre Seite – Einsatz neuer Instrumente

  • Um die Zinsen niedrig zu halten, können Banken die Renditekurve kontrollieren. Niedrige Zinsen bedeuten trotz steigender Verschuldung niedrige(re) Zinszahlungen. Wir gehen für absehbare Zeit von niedrigen oder sogar negativen Zinsen in den größten Volkswirtschaften aus.
  • Zusätzlich kann das Risiko steigender Inflation mittels des Konzepts von Average Inflation Targeting gemildert werden. Den Zentralbanken steht ein höheres Maß an Flexibilität beim Umgang mit der Zielrate zur Verfügung, ohne ihre Glaubwürdigkeit zu kompromittieren.
  • Für Anleger gibt es eingeschränkte Alternativen: alle vier großen Zentralbanken sind mit denselben wirtschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. In Anbetracht ähnlicher monetärer Lösungsansätze können die Investoren die niedrigen Zinsen nicht vermeiden. Der Großteil will eben in entwickelten Märkten investieren.

Der Weg zu hoher Inflation – und zurück

Um die Inflation zum Steigen zu bringen, müsste man die derzeitigen fiskalischen und monetären Maßnahmen verlängern:

  • Selbst nach einer signifikanten Wende der Wirtschaft zum Positiven würden die Regierungen und Zentralbanken auf dem von ihnen gewählten Kurs bleiben. Keine Seite will für ein „Abwürgen“ der Erholung verantwortlich gemacht werden.
  • Ein Anstieg der Inflation wäre ziemlich sicher das Ergebnis steigender Lohnkosten. Dies würde die Rückkehr zu Vollbeschäftigung und die Beibehaltung wirtschaftlichen Wachstums bedingen.
  • Wenn es zu höheren Inflationszahlen käme, so würden diese unserer Meinung nach für längere Zeit erhöht bleiben. Hohe Inflation wäre vorteilhaft für Regierungen, da der Schuldenstand in Prozent vom BIP einer Reduktion unterzogen würde.
  • Die jeweiligen Institutionen müssten dem Treiben ein Ende setzen: die Regierungen beendeten die fiskalen Maßnahmen (Primärdefizite), während die Zentralbanken die Zinsen erhöhten und die Maßnahmen zur Kontrolle der Renditekurve sowie die Anleiheankaufsprogramme beendeten.

Ist das ein wahrscheinliches Szenario?

Wir stellen eine signifikante Veränderung seitens der Zentralbanken bei der Beurteilung von Inflation fest. Die Ankündigung der Fed könnte man als die Eröffnung eines Pfades in Richtung höherer Inflation sehen. Wir würden uns auch ähnliche Statements von den anderen großen Zentralbanken erwarten.

Die Kombination aus vorherrschendem Zeitgeist auf der Fiskalseite und der Anwendung diverser Instrumente auf der monetären Seite könnte mittelfristig zu höherer Inflation führen.

Solange erhöhte Inflation nur kurzfristig geduldet wird, könnten die makroökonomischen Effekte positiv sein. Natürlich birgt dieser Weg ein gewisses Risiko – die Zentralbanken müssten die Situation genau verfolgen und bei Bedarf sehr kurzfristig eingreifen.

Warnhinweis: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu.


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Globale Aktienmärkte: Ausverkauf im Gange?

von Mobeen Tahir, Associate Director, Research, WisdomTree.

Die Bullen sind in diesem Monat noch nicht an die globalen Aktienmärkte zurückgekehrt. Das Gefühl wächst, dass eine Korrektur im Gange ist - insbesondere bei den US-Technologieaktien. Eine solche Stimmung kann den Ausverkauf über kurze Zeiträume verschärfen, bevor die Märkte wieder anziehen. Die Volatilität könnte in den nächsten Wochen aufgrund einer Kombination aus zusätzlichen taktischen Verkäufen, der Unsicherheit im Zusammenhang mit den bevorstehenden US-Wahlen und der wachsenden Angst vor zunehmenden Coronavirus-Infektionszahlen anhalten. Für Großbritannien und Europa ist der Brexit nun wieder als ein weiterer Risikofaktor nicht nur für die Märkte, sondern auch in Bezug auf die wirtschaftliche Erholung aufgetaucht. Anleger sollten daher weiterhin risikomindernde Absicherungen in Betracht ziehen.

"Die politische Feuerkraft der Zentralbanken bleibt jedoch intakt und wird entscheidend sein, wenn es darum geht, den Märkten Auftrieb zu geben, wenn sie sich drehen. Der Wendepunkt an den Märkten könnte durch einen oder mehrere der folgenden Faktoren ausgelöst werden: zusätzliche fiskalische Anreize in den USA, ein positiver Durchbruch bei Brexit und ermutigende Entwicklungen an der Impfstoff-Front".

Japans neuer Ministerpräsident Suga will Land mit altem Team und Reformen aus der Krise führen

In Japan hat am Mittwoch offiziell eine neue Ära begonnen: Japans neuer Regierungschef Yoshihide Suga wurde, wie erwartet, mit der Mehrheit seine Liberaldemokratischen Partei (LDP) zum Ministerpräsidenten gewählt und tritt damit die Nachfolge von Shinzo Abe an.

Abe hatte im Sommer nach fast achtjähriger Rekordamtszeit aus gesundheitlichen Gründen seinen Rücktritt angekündigt. Die Erfolge seiner „Abenomics“ genannten Wirtschaftspolitik wurden zuletzt durch die Corona-Pandemie wieder zunichte gemacht. Der 71jährige Suga übernimmt damit große Herausforderungen.

Die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt ist vor dem Hintergrund der Coronakrise in die schlimmste Rezession der Nachkriegszeit gerutscht. Japans Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist im zweiten Quartal um aufs Jahr hochgerechnet real 27,8 Prozent eingebrochen.

Das ist der stärkste Rückgang seit Beginn vergleichbarer Aufzeichnungen im Jahr 1980. Die Wirtschaft des Landes war bereits in den beiden Vorquartalen geschrumpft und steckt damit offiziell in einer Rezession. Schon vor der Coronakrise hatte Japan mit den Folgen des Handelskonflikts zwischen China und den USA und einer Erhöhung der Konsumsteuer zu kämpfen.

Japan in schlimmster Rezession der Nachkriegszeit

Japans Privatkonsum war im abgelaufenen Quartal um 8,2 Prozent im Vergleich zum Vorquartal geschrumpft. Da Japan keine harten Quarantäne-Maßnahmen verhängt hat, fiel der Konsumrückgang verhältnismäßig glimpflich aus.

Schwerer getroffen wurde aber die wichtige Exportwirtschaft des Landes. Laut jüngsten Regierungsdaten sind die Exporte im August um 14,8 Prozent eingebrochen. Das ist der sechste Monat in Folge mit einem zweistelligen Rückgang.

Ökonomen rechnen zwar für das laufende Quartal wieder mit einem Aufschwung von über 10 Prozent, diese Prognose ist aber mit Unsicherheit behaftet. Es bleibt noch abzuwarten, wie sich eine etwaige zweite Infektionswelle auf die Wirtschaft auswirken werde. Insgesamt erwarten Experten, dass es noch Jahre dauern könnte, bis sich Japan vollständig von der Krise erholt.

Um die Krise abzufedern hatte bereits die Regierung von Abe gigantische Konjunkturprogramme verabschiedet. Der neue Ministerpräsident Suga will nun die Wirtschaftspolitik seines Vorgängers und auch den Kurs der „Abenomics“ weiterführen. Unter diesem Schlagwort wollte Abe mit einem aufeinander abgestimmten Mix aus extrem expansiver Geldpolitik, schuldenfinanzierter Konjunkturprogramme und Reformen das Land aus der Stagnation holen.

Abenomics brachte expansive Geldpolitik und schuldenfinanzierte Konjunkturprogramme

Auf Wunsch Abes begann Japans Notenbank schon 2013 mit einer drastischen geldpolitischen Lockerung. Massive Ankäufe von Staatsanleihen sollten die Zinsen und den japanischen Yen niedrig halten, die Deflation bekämpfen und Liquidität in die Wirtschaft spülen.

Etwa 45 Prozent von Japans Staatsschulden hat die Notenbank bereits in ihren Büchern. Diese Niedrigzinspolitik ermöglichte Abe umfangreiche, schuldenfinanzierte Wirtschaftsprogramme. Dazu kamen Reformen am Arbeitsmarkt, Deregulierungen und ein von 39,5 auf 29,7 Prozent gesenkter Unternehmenssteuersatz.

Bis 2018 schlug sich das Programm auch tatsächlich in Wirtschaftswachstum, sinkenden Arbeitslosenquoten und steigenden Börsenkursen nieder. So hat der Nikkei-Index während Abes Amtszeit seinen Kurs mehr als verdoppelt und entwickelte sich damit besser als andere internationale Indizes.

Ein Kollateralschaden des Programms ist aber die drastisch gestiegene Staatsverschuldung. Mit einer Verschuldung von 237 Prozent des BIP führt Japan derzeit die OECD-Liste der höchstverschuldeten Länder klar an und liegt deutlich vor den nächstgereihten Ländern Griechenland (184 Prozent) und Italien (157 Prozent).

Suga will im Kampf gegen die Krise Konjunkturprogramm und Reformen fortführen

Japans neuer Ministerpräsident Suga will nun das Wirtschaftsprogramm seines Vorgängers im Wesentlichen weiterführen. Als wichtigste Punkte seiner Regierungsarbeit nannte er den Kampf gegen das Coronavirus und die Wirtschaftskrise.

Bereits unter Abe war Suga als Kabinettssekretär für die Umsetzung einiger Reformen verantwortlich und will nun weitere Reformvorhaben auf den Weg bringen. Schon angedeutet hat er die Schaffung einer neuen Behörde für Digitalisierung und eine Reform der zahlreichen Regionalbanken des Landes.

Neben der Wirtschaftskrise muss sich Suga auch anderen Problemen wie der Überalterung der Gesellschaft und außenpolitische Herausforderungen stellen. So ist das Verhältnis mit China, Nord- und Südkorea sowie Russland derzeit angespannt. Möglicherweise könnte er auch vorgezogene Parlamentswahlen in Japan ausrufen. Schließlich muss er auch entscheiden, was mit den wegen der Pandemie auf 2021 verschobenen Olympischen Spielen passieren soll.

Politikexperten und -insider beschreiben Suga als einen „trockenen“ und pragmatischen „Workaholic“, der Reformen „mit eiserner Hand“ umsetzt. Im Gegensatz zu seinen oft aus Politikerdynastien entstammenden Kollegen wie Abe kommt er aus verhältnismäßig einfachen Verhältnissen.

In der Öffentlichkeit genießt er große Unterstützung. Einer breiteren Öffentlichkeit bekannt wurde er aber erst im Vorjahr, als ihm die Verkündung des Namens der neuen Kaiserära „Reiwa“ den Spitznamen „Onkel Reiwa“ einbrachte.

Einige Analysten werfen ihm einen Mangel an Visionen vor, andere loben seinen Reformwillen. Seine Wahl verdankt er Beobachtern zufolge parteiinternen Machtgruppen, die ihn wohl als Garant für Stabilität und Kontinuität in der Krise sehen. Suga setzt nicht nur weiter auf das Konzept der „Abenomics“, auch an seinem Kabinett verändert Suga nur wenig und lässt die Besetzung wichtiger Schlüsselministerien gleich.

US-Investor Buffet investiert in japanische Aktien

Glückwünsche aus dem Ausland erhielt Suga schon von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel und Russlands Präsident Wladimir Putin. Vorschusslorbeeren bekam Japans Wirtschaftspolitik heuer aber auch schon von Warren Buffet.

Amerikas legendärster Investor hat laut einem Bericht der Financial Times schon Monate vor Abes Rücktrittsankündigung erstmals begonnen mit seiner Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway massiv in japanische Aktien zu investieren. Buffet, der für seine Investments in langfristige Turnarounds statt in kurzfristige Spekulationen berühmt ist, dürfte damit wohl auf den langfristigen Erfolg der Abenomics setzen.

Japanische Aktien mit dem ERSTE STOCK JAPAN erwerben

Der Fonds ERSTE STOCK JAPAN bietet die Möglichkeit breit gestreut in Unternehmen zu investieren, die an der Börse Tokyo gelistet sind. Wie bei jedem Aktienfonds besteht die Chance auf eine attraktive Wertsteigerung des investierten Kapitals, die möglichen Risiken wie z.B. hohe Kursschwankungen, Währungsrisiko durch den japanischen Yen, müssen im Auge behalten werden.

Der ERSTE STOCK JAPAN erzielte in den letzten 5 Jahren eine Wertsteigerung von 4,5 Prozent pro Jahr. Im heurigen Jahr liegt er wegen der Corona-Verwerfungen vom Frühjahr noch 4,5 Prozent im Minus (Quelle: Reuters Eikon), hat aber stark aufgeholt.

Warnhinweis: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des Fonds zu.


Wichtige rechtliche Hinweise

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Krankheitsfeld Alzheimer – spannend für Anleger?

von Kai Brüning, Senior Portfolio Manager Healthcare, apoAsset.

Die Alzheimer-Krankheit ist die häufigste Demenzform und eine neurodegenerative Erkrankung, für deren Entwicklung das Alter der größte Risikofaktor ist. Je höher die Lebenserwartung der Menschen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit an Alzheimer zu erkranken. Dementsprechend haben sowohl die Gesellschaft als auch die Forschung ein begründetes Interesse, diese tödliche Krankheit zu besiegen. Vor diesem Hintergrund waren die Bemühungen der forschenden Industrie in der Vergangenheit immens, einen Wirkstoff zu entwickeln, der das Fortschreiten der Krankheit stoppt oder zumindest verlangsamt.

Schwerpunkt der letzten Jahre: Immuntherapeutische Ansätze

Die höchsten Investitionen flossen in den vergangenen Jahren in immuntherapeutische Ansätze, die die Ablagerung von Beta-Amyloid im Gehirn verhindern sollen. Es konnten zwar in Tiermodellen und frühen Studien bei kleinen Patientengruppen immer wieder aussichtsreiche Daten präsentiert werden, die Veröffentlichung der finalen Phase-3-Studien erwiesen sich jedoch regelmäßig als El Dorado für Short-Seller. Es wurde entweder kein statistisch signifikanter Effekt erzielt oder es traten wie im Falle von Gamma-Sekretase-Inhibitoren Nebenwirkungen auf, die zu einem Abbruch der Studie führten. Biogen und Lilly sind die beiden letzten Aufrechten, die noch Studien basierend auf der Beta-Amyloid-Hypothese zu berichten haben. Bei diesen noch offenen Studien wird bewusst sehr früh im Krankheitszyklus behandelt, um dadurch hoffentlich einen positiven Effekt zu erzielen.

Alternative Behandlungsmethoden: Misserfolge dämpfen Begeisterung der Investoren Alternative Behandlungsmethoden, die entweder auf der Beta-Amyloid-Hypothese aufsetzen oder aber vollkommen andere Mechanismen wie die Rolle des Tau-Proteins verfolgen, sind in der Erforschung. Sie haben jedoch das Problem, dass durch die Misserfolge die Begeisterung von Investoren für das Thema Alzheimer gegenwärtig sehr abgekühlt ist und die Finanzierung schwierig geworden ist. ClinicalTrials.gov weist gegenwärtig 92 aktive, von der Industrie durchgeführte Studien zu Alzheimer aus, die sich in den Phasen 2 oder 3 der klinischen Entwicklung befinden. Das vergleicht sich mit 745 Studien, die alleine für die Indikation Lungenkrebs aktiv sind.

Wachsamer Blick auf die Forschung lohnt

Es ist schwer eine Prognose abzugeben, jedoch wird der erste Erfolg einer Alzheimertherapie in einer breit angelegten Studie einen Dammbruch auslösen und den Fokus wieder auf dieses Krankheitsfeld richten.


Über Kai Brüning, Senior Portfolio Manager Healthcare, apoAsset

Kai Brüning ist seit 2011 Senior Portfolio Manager Healthcare der apoAsset und Mitglied der Life Science Kommission der Deutschen Vereinigung für Finanzanalyse und Asset Management (DVFA). Der Diplom-Kaufmann und DVFA Investment Analyst verfügt über 20 Jahre Investment-Erfahrung im weltweiten Gesundheitsmarkt. Als mehrfach ausgezeichneter Fondsmanager verantwortet er unter anderem die globalen Gesundheitsfonds apo Medical Opportunities, apo Digital Health, apo Medical Balance sowie apo Emerging Health

Über die Apo Asset Management GmbH

Die Apo Asset Management GmbH (apoAsset) ist einer der führenden Anbieter von Anlageprodukten mit Gesundheitsprofil. Seit über 20 Jahren entwickelt und managt das Unternehmen Investmentfonds für private und institutionelle Anleger. Weitere, langjährige Schwerpunkte sind Multi-Asset-Fonds sowie Rentenfonds. apoAsset wurde vielfach ausgezeichnet, unter anderem vom Anlegermagazin „Focus Money“ als eine der besten Fondsanlage-Gesellschaften Deutschlands. Die Fondsmanager der apoAsset bilden zusammen mit der Beteiligung am Biotech-Investment-Spezialisten Medical Strategy GmbH, einem hochkarätigen wissenschaftlichen Beirat sowie den Gesellschafter Deutsche Apotheker- und Ärztebank eG und Deutsche Ärzteversicherung AG ein europaweit einzigartiges Netzwerk für Gesundheits-Investments. Derzeit verwalten das Unternehmen ein Fondsvermögen von insgesamt rund 3,5 Mrd. Euro. Weitere Informationen unter www.apoasset.de.

Zweite Welle trifft Europa

In den meisten Volkswirtschaften der Welt setzt sich die wirtschaftliche Erholung fort, mit weiterhin abnehmender Dynamik. Während in China die Industrieproduktion bereits im zweiten Quartal wieder das Vor-Corona-Niveau erreicht hatte, dürfte dies in den USA und in der Eurozone noch etwas dauern. Noch deutlich schlechter sieht es beim Dienstleistungssektor aus. Für die Gesamtwirtschaft rechnet man seitens der EZB für die Eurozone erst für Ende 2022 mit einer Wirtschaftsleistung, die dem vor der Pandemie entspricht. Seitens der Fed wird für die kommende Sitzung keine Änderung der Geldpolitik erwartet. Es könnten sich aber in der „forward guidance“ erste Elemente aus der kürzlich in Jackson Hole kommunizierten veränderten Inflationsstrategie der Fed wiederfinden. Die US-Notenbank will ja künftig auch ein längeres moderates Überschießen der Inflationsrate über ihren Zielwert tolerieren und zugleich wurde das gesamtwirtschaftliche Arbeitsmarktziel komplexer definiert.

Covid-19 Pandemie: Zweite Welle in Europa, nur leichte Verbesserungen in den USA

In Europa ist die vielbeschworene zweite Welle der Covid-19 Pandemie jetzt angekommen, während man in den USA weiter kaum der ersten Welle Herr wird. Fast überall in Europa ziehen die Zahlen der bestätigten Neuinfektionen markant an und in Spanien oder Frankreich liegen sie bereits über den Werten der ersten Welle vom Frühjahr. Einzuschränken ist jedoch, dass diese Daten nicht 1:1 vergleichbar sind. Sehr viel umfangreichere, schnellere und genauere Tests als damals bedeuten, dass die Dunkelziffern nicht erfasster Infizierter heute vermutlich sehr viel kleiner sind als im Frühjahr, wo im Grunde fast nur die offensichtlich Erkrankten überhaupt getestet wurden. Daher zeigt heute auch ein sehr viel größerer Anteil der Getesteten als im Frühjahr schwache oder gar keine Symptome der Krankheit. Zudem sind inzwischen die Behandlungsmethoden stark verbessert worden und die Sterberaten sind generell erheblich geringer als zu Beginn der Pandemie befürchtet. Dennoch besteht kein Anlass für ein entspanntes Zurücklehnen. Denn zum einen laufen die (bislang noch relativ niedrig bleibenden) Todesfälle den Infektionen rund vier Wochen nach. Und zum anderen bleibt das Eindämmen des Multiplikators der Infektionen (der vielzitierte R-Wert) entscheidend. Daher haben viele Länder ihre Gegenmaßnahmen, Reisebeschränkungen und Kontakteinschränkungen zuletzt wieder deutlich verschärft, am extremsten Israel. Dort wurde ein kompletter dreiwöchiger Lockdown verkündet, beginnend mit dem kommenden Freitag. Die Todesfallzahlen würden eine solch drastische Maßnahme (noch) nicht nahelegen, aber Spitäler und Gesundheitspolitiker im Land fürchten ein explosionsartiges Ausbreiten der Pandemie, sollte jetzt nicht drastisch gegengesteuert werden.

Ob und inwiefern großflächige Lockdowns auch in Europe zurückkehren werden, lässt sich gegenwärtig nicht absehen. Wirtschaftlich und politisch wären diese sehr schwierig und vermutlich wird man sie nach Möglichkeit allenfalls regional begrenzt und möglichst kurz verhängen. Sie bleiben aber als drastische Notfallmaßnahme eine Handlungsoption, wenn sich der R-Wert anders nicht reduzieren lässt. Zur Erinnerung: Ohne jegliche Maßnahmen liegt er für SARS-CoV-2 bei ca. 2,5 (zum Vergleich. Masern ca. 8-10); angestrebt werden Werte von maximal eins oder knapp darüber. In Ländern wie Spanien, Frankreich, Großbritannien oder auch Österreich liegt er inzwischen wieder bei ca. 1,2 bis 1,3.

Impfstoffe: viele Bemühungen, aber insgesamt wenig Neues

Ein wirksamer Impfstoff würde die Situation grundlegend verbessern. Für den 22. Oktober wird erwartet, dass die US-amerikanische FDA einen oder mehrere Impfstoffe im beschleunigten Verfahren zulässt. Trotz bereits erfolgter erheblicher Vorarbeiten wird es danach aber noch dauern, bis er in größeren Mengen verfügbar sein wird, voraussichtlich erst im ersten Quartal 2021. Der Hersteller mit den derzeit höchsten bereits installierten Fertigungskapazitäten (rund zwei Milliarden. Dosen) ist Astra Zeneca. Allerdings gehört deren Impfstoff, basierend auf den bisherigen Tests und Studien, nicht zu den aussichtsreichsten Präparaten. Rätselraten und teils große Skepsis (vor allem im Westen) herrscht weiterhin gegenüber dem in Russland bereits im August zugelassenen Impfstoff „Sputnik V“. Dessen Phase-3-Test ist vor wenigen Tagen angelaufen, etwas, das normalerweise vor einer Zulassung erfolgt bzw. erfolgen sollte. Einige westliche Wissenschaftler haben statistische Anomalien in den von Russland veröffentlichten Daten ausgemacht, die ihrer Einschätzung nach auf Fehler oder Manipulationen hindeuten. Die russischen Entwickler weisen dies zurück. Mehr Klarheit werden wohl nur die Phase-3-Resultate bringen. Es ist zwar relativ wenig wahrscheinlich, aber trotzdem durchaus möglich, dass die beobachteten Anomalien der geringen Zahl an Probanden in den ersten Testphasen geschuldet waren. Vorschnelle Urteile in die eine oder andere Richtung sind daher wenig hilfreich.

Finanzmärkte und Covid-19

Für die Finanzmärkte scheint Covid-19 in den letzten Wochen an Relevanz verloren zu haben. Rückschläge bei Impfstoffen, wie vor wenigen Tagen bei Astra Zeneca, führten kaum zu Marktreaktionen, auch nicht die steigenden Fallzahlen in Europa (oder die anhaltend hohen Infektions- und Todesfälle in den USA und Lateinamerika). Der Grundkonsens scheint zu sein, dass irgendein Impfstoff wohl bald verfügbar ist, Covid-19 damit spätestens binnen zwei bis drei Quartalen stark an Brisanz verlieren wird und man über diese Periode jetzt bereits hinwegsieht. Zugleich muss man sich vergegenwärtigen, dass die steigenden Aktienindizes fast überall vor allem auf jene Unternehmen zurückzuführen sind, die unter der Pandemie kaum leiden oder sogar davon profitieren. Demgegenüber haben sich viele zyklische Aktien vergleichsweise wenig erholt und die meisten davon preisen keineswegs schon wieder eine boomende Weltwirtschaft ein. Diese Diskrepanz zwischen den Sektoren erklärt auch sehr viel von der relativ stärkeren Entwicklung großer US-Indizes (mit ihrem sehr viel größeren Gewicht von Technologiewerten) gegenüber Europa oder den Schwellenländern (die sehr viel mehr „old economy“-Unternehmen und Finanzaktien enthalten).

Konsistent damit ist auch, dass die jüngste Korrektur bei den Highflyern in den USA fast spurlos am Rest der Welt vorüberging. (Weitere Erklärungsfaktoren für die Marktbewegungen speziell in den USA der letzten Wochen sind in massiven spekulativen Bewegungen, etwa an den Optionsmärkten, auf die hier aus Platzgründen nicht weiter eingegangen wird). Denkbar wäre im optimistischen Szenario, dass die Aktienmärkte jetzt eine – auch saisonal nicht untypische – Phase erhöhter Volatilität durchlaufen (nicht zuletzt dank der anstehenden US-Wahlen) und sich dabei ein Favoritenwechsel vollzieht: weg von den bisherigen Highflyern (den inzwischen zumeist sehr teuren Technologiewerten), hin zu den bislang stark zurückgebliebenen, zyklischen Werten, die von einer weltwirtschaftlichen Normalisierung besonders profitieren sollten. In einem weniger positiven Szenario erweisen sich die Impfstoffhoffnungen als zu ambitioniert, es kommt neuerlich zu größeren volkswirtschaftlichen Einschränkungen und die Märkte müssen einen Teil ihrer optimistischen Projektionen wieder auspreisen.

Freundliche Anleihen, wenig Kursbewegung

Recht wenig Bewegung gab es an den Anleihemärkten, dafür aber fast durchwegs leicht steigende Anleihekurse. Lediglich britische (Staats-)Anleihen stachen negativ heraus, nachdem das lange Zeit kaum noch präsente Thema „Brexit“ zuletzt wieder akut wurde und die britische Seite und die EU vor einer neuerlichen Konfrontation stehen.

Minuszeichen gab es bei vielen Rohstoffen, speziell beim Ölpreis. Das reflektiert einerseits saisonale Muster (Ende der sommerbedingten höheren Benzinnachfrage) und andererseits die abnehmende weltwirtschaftliche Erholungsdynamik.

Durchaus passend in diesem Makrobild legte der US-Dollar wieder leicht zu, nachdem er sich ja im Sommer deutlich abgeschwächt hatte. Anzumerken ist allerdings, dass diese Schwäche vor allem gegenüber dem Euro auftrat und gegenüber den Schwellenländerwährungen bislang kaum stattfand.

Taktische Positionierungen

Wir bleiben in Erwartung einer volatileren Marktphase in den Herbst hinein bei Aktien bei einer leichten Untergewichtung, wobei diese regional vor allem in Nordamerika besteht. Die Unternehmensergebnisse werden wohl erst im Frühjahr 2021 wieder positives Wachstum aufweisen. Neben zahlreichen technischen Indikatoren und Stimmungsumfragen, die auf eine überkaufte Marktsituation bzw. eine schon überhitzte Anlegerstimmung hinweisen, sind zuletzt auch die politischen Risiken wieder angestiegen.

Trotz der weiter stattfindenden Spreadeinengungen der letzten Monate bleiben wir bei Spread-Produkten (vor allem Unternehmensanleihen sowie Emerging-Markets-Anleihen in Hartwährung) stark übergewichtet. Wir behalten unsere Übergewichtung bei Euro-Investmentgrade, von Emerging-Markets-Hartwährungsanleihen und von Euro-Peripherie-Staatsanleihen daher bei und stocken diese bei High-Yield-Unternehmensanleihen in US-Dollar noch leicht auf. Hingegen werden globale Staatsanleihen (USA und andere nicht-EU-Länder) jetzt untergewichtet.

US Notenbank Fed: Neuer politischer Rahmen birgt Potenzial für Fehlinterpretationen

von Kevin Flanagan, Head of Fixed Income Strategy, WisdomTree.

Die Federal Reserve (Fed) veröffentlichte Ende letzten Monats im Zusammenhang mit der Jackson-Hole-Rede des Vorsitzenden Powell ihren neuen politischen Rahmen, formell bekannt als "Statement on Longer-Run Goals and Monetary Policy Strategy". Danach ist es nicht überraschend, dass die Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) im September keine neuen Schlagzeilen brachte. Die Schlüsselfrage ist nun, wie die Fed diesen neuen Ansatz tatsächlich umsetzt. Es gibt wirklich keinen Präzedenzfall, an dem man sich orientieren könnte. Zudem bergen die "Sitzungsdirektiven" ein erhebliches Potenzial für Fehlinterpretationen durch die Märkte.

Zur Erinnerung: Im Mittelpunkt dieses neuen Rahmens werden die politischen Entscheidungsträger nun ein durchschnittliches Inflationsziel von 2 Prozent "im Laufe der Zeit" verwenden. Um die Erklärung der Fed selbst zu zitieren: "Nach Zeiten, in denen die Inflation dauerhaft unter 2 Prozent lag, wird eine angemessene Geldpolitik wahrscheinlich darauf abzielen, für einige Zeit eine Inflation von mäßig über 2 Prozent zu erreichen". Okay, klingt gut in der Theorie, oder? Das dachte ich auch...

Was heißt das wirklich? Ich möchte nicht übermäßig kritisch sein oder das Risiko eingehen, das Pferd vom Schwanz her aufzuzäumen. Aber nach meiner Erfahrung können politische Entscheidungsträger nicht die größte Erfolgsbilanz vorweisen, wenn es um die Umsetzung neuer politischer Initiativen geht. Es ist einfach, die verschiedenen Einrichtungen aus der Bilanz laufen zu lassen, wenn sie nicht mehr genutzt werden. Aber es wird knifflig, wenn tatsächlich Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Die Kommunikation – bekannt als „Forward Guidance“ – wird von entscheidender Bedeutung sein. Erinnert sich jeder an den Wutanfall von 2013? Wie ich bereits erwähnt habe, ist die Wahrscheinlichkeit von Fehlinterpretationen durch den Markt hoch. Was genau bedeutet "eine angemessene Geldpolitik wird wahrscheinlich darauf abzielen, für einige Zeit eine Inflation von mäßig über 2 Prozent zu erreichen"? Was bedeutet "mässig darüber"? Sind das 2,25 bzw. 2,5 Prozent oder sogar noch mehr? Was bedeutet übrigens "für einige Zeit"? Drei Monate, sechs Monate, ein Jahr?

Ein weiterer wichtiger Aspekt, den es zu berücksichtigen gilt, ist, dass die von Powell geführte Fed gezeigt hat, dass sie anfällig für Marktreaktionen ist. Dazu eine weitere Reise in die Vergangenheit: die letzte Zinserhöhung im Jahr 2018 – wissen Sie noch, wie gut das gelaufen ist? Nur sieben Monate später hat die Fed sie wieder rückgängig gemacht!

Unterm Strich gebe ich bereitwillig zu, dass die Fed in nächster Zeit die Zinsen nicht erhöhen und/oder ihre Käufe im Rahmen der quantitativen Lockerung (QE) nicht reduzieren wird. Die Auswirkungen dieses neuen politischen Rahmens dürfen jedoch nicht unterschätzt werden. Die Reaktion des Anleihenmarktes auf "die Dinge heiß laufen lassen" hat definitiv das Potenzial, den besten Plänen der Politiker einen Strich durch die Rechnung zu machen. Wollen Sie einen weiteren lustigen Leckerbissen? Powells Amtszeit als Vorsitzender endet Anfang 2022. Mit anderen Worten, er ist vielleicht nicht einmal mehr da, wenn es darum geht, diesen neuen Ansatz tatsächlich umzusetzen.

Droht uns die säkulare Stagnation?

von Zak Tim Kay Salmutter, Senior Portfolio Manager der Erste Asset Management.

Geht’s der Wirtschaft gut, geht’s uns allen gut. Doch wie gut wird es der Wirtschaft in den kommenden Jahren gehen? Ein von einigen Ökonomen als realistisch erachtetes Szenario ist, dass wir in eine Phase der „säkularen Stagnation“ eintreten werden. Oder bereits eingetreten sind. Was ist damit gemeint?

Säkulare Stagnation ist gekennzeichnet durch lang anhaltendes („säkulare“) niedriges Wirtschaftswachstum („Stagnation“). Normalerweise senken Zentralbanken während Rezessionen bzw. Phasen niedrigen Wachstums die Zinsen, sodass es attraktiver wird für Unternehmen Kapital aufzunehmen und Investitionen zu tätigen. In einer säkularen Stagnation ist das jedoch nicht möglich.

Wenn die Leitzinsen bereits sehr niedrig sind können sie nicht mehr um mehrere Prozentpunkte abgesenkt werden. Das führt zu der scheinbar paradoxen Situation, dass Leitzinsen bei null Prozent zu hoch sind, um einen Umschwung herbeizuführen. Somit bleiben Zinsen anhaltend niedrig, ohne jedoch eine nachhaltigen Stimulierung der Wirtschaft zu induzieren.

Renditen von 10-jährigen Staatsanleihen bereinigt um die Inflation

Quelle: Bloomberg, EAM

Warum investieren Unternehmen so wenig?

Hier gibt es mehrere Gründe. Niedriges oder gar negatives Bevölkerungswachstum führen dazu, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage und somit die Notwendigkeit für Investitionen geringer ausfallen. Investitionen rentieren sich also weniger.

Zudem befindet sich auch das Produktivitätswachstum in den OECD-Staaten seit mehreren Jahren in einem sinkenden Trend. Dies mag angesichts des merklichen technischen Fortschritts überraschen.

Doch es hat sich in der Vergangenheit gezeigt, dass technologischer Fortschritt oft erst mit merklicher Verzögerung von einigen Jahren oder Jahrzehnten breitflächig in der Wirtschaft ankommt. Zudem schlagen sich einige Fortschritte nicht im Bruttoinlandsprodukt (BIP) beziehungsweise in höheren Gewinnen von Unternehmen wider.

Man denke hier an etwa an die vielen kostenlosen digitalen Dienste. Schließlich ist es die letzten Jahrzehnte zu einer erhöhten Marktkonzentration in einigen Industrien gekommen. Je mehr Marktmacht Unternehmen haben, desto weniger ist es notwendig Investitionen zu tätigen um konkurrenzfähig zu bleiben.

Produktivitätswachstum in den USA? und der Eurozone?

Legende: USA, Eurozone, Trend

Quelle: OECD. Warnhinweis: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu.

Was kann getan werden?

Geldpolitik stößt in einer säkularen Stagnation an seine Grenzen. In einer bargeldlosen Gesellschaft wäre es theoretisch denkbar, Zinssätze deutlich unter null zu senken, womit auch Investitionen mit niedrigen Ertragserwartungen rentabel wären. Dieser unter Ökonomen diskutierte Fall dürfte aber auf absehbare Zeit ein theoretischer bleiben.

Eine andere bereits jetzt praktizierte Möglichkeit ist, durch Stützungskäufe von Wertpapieren seitens der Zentralbanken die Renditeaufschläge für Kreditrisiko (Risikoprämien) zu senken.

Somit wird auch über diesen Kanal die Kapitalaufnahme für Unternehmen günstiger. Die Kehrseite für Anleger: die Renditen an den Märkten werden immer geringer. Zudem stehen dem womöglich begrenzten Nutzen dieser Strategie auch Risiken gegenüber. Die Bewertung, also das Verhältnis von Ertrag zum Risiko, wird immer teurer. Das heißt, auch das Risiko von starken Überbewertungen (Blasen) nimmt zu.

Diese Tendenz verstärkt zudem die Ungleichheit innerhalb der Gesellschaft, da gerade jene profitieren, die bereits viel Vermögen haben. Zentralbanken müssen mit diesem Instrument also äußerst vorsichtig umgehen, um nicht mehr Schaden anzurichten als zu helfen.

Als Alternative zur ultra-expansiven Geldpolitik würde sich eine stärkere Rolle für die Fiskalpolitik anbieten. Staatliche Investitionen in Infrastruktur etwa, auch in Hinblick auf die Probleme des Klimawandels, könnten die fehlende Nachfrage seitens der privaten Haushalte und Unternehmen zum Teil ersetzen.

Zudem könnten solche Investitionen auch die Rentabilität für Privatinvestitionen erhöhen. Wirtschaftsinstitutionen wie der Internationale Währungsfonds (IMF) – ehemals nicht für die Befürwortung nachfrageorientierter Wirtschaftspolitik bekannt – haben die Notwendigkeit einer stärkeren Rolle für den Staat erkannt. Ob der politische Wille angesichts aktueller Rekordschuldenstände gegeben ist, bleibt abzuwarten.

Fazit

Der beschriebene Fall der säkularen Stagnation ist nicht nur ein theoretischer. Das Paradebeispiel einer Volkswirtschaft die sich seit mehreren Jahren in einer solchen Situation befindet ist Japan. Die Hauptmerkmale der säkularen Stagnation finden sich hier alle wieder: niedriges Bevölkerungswachstum, niedriges Wirtschaftswachstum, niedrige Zinsen, niedrige Inflation. Und generell niedrige Erträge an den Kapitalmärkten. Europa scheint sich klar in eine ähnliche Richtung hinzubewegenDie USA dürfte nicht weit davon entfernt sein.

Die Situation wurde durch COVID-19, trotz positiven Aspekten wie etwa einer forcierten Beschleunigung in der Digitalisierung, insgesamt wohl noch einmal verschärft. Trends wie sinkendes Bevölkerungswachstum werden auf längere Zeit hinaus nur schwer umkehrbar sein, ebenso wie die Machtlosigkeit der Zentralbanken.

Ob das Japan-Szenario mittelfristig abwendbar ist wird sich zeigen. Wenn überhaupt dürfte dies am ehesten mit mehr Wettbewerb, einer weniger ungleich verteilten Gesellschaft und einem Paradigmenwechsel hin zu einer deutlich größeren Rolle für staatliche Investitionen gelingen.


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Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Rentenmärkte: Stärkerer Euro dämpft Fremdwährungsertrag

Zuletzt ist es mangels neuer Impulse an den Märkten etwas ruhiger geworden, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns. Die globalen Notenbanken leisten ganze Arbeit, wobei die Aussagen der US-Notenbank zu ihrer neuen strategischen Ausrichtung etwas Renditeauftrieb bei langen Laufzeiten ergab. Und die – wenn überhaupt – niedrigen laufenden Staatsanleihe-Renditen liefern wenig Puffer bei selbst nur leichten Renditeanstiegen. Für Euro-Investoren schlägt sich auch der seit Jahresbeginn schwächere US-Dollar (minus 6 %) im Ertrag der US-Papiere nieder.

Generell gibt es aber weiter gute Nachfrage nach Anleihen mit Renditeaufschlag, sogenannten Spread-Produkten wie Emerging-Market- oder Unternehmensanleihen, wenn auch die Sommermonate etwas ruhiger verliefen. Europäische High-Yield-Anleihen beispielsweise liegen zwar seit Jahresbeginn noch im Minus, können aber Monat für Monat aufholen. Die Investorenstimmung hat bereits seit längerem ins Positive gedreht, die Jagd nach Rendite ist ungebrochen. Aktuell drückt nur der starke Euro die Fremdwährungserträge.

Geld-/Kapitalmarkt: Noch lange keine Zinsschritte?

Die Federal Reserve hat auf ihrer jährlichen, stets vielbeachteten und heuer großteils virtuellen Konferenz in Jackson Hole, Wyoming, unter dem Titel „Navigating the Decade Ahead“ ihren neuen geldpolitischen Kurs erläutert: Sie will künftig ein flexibles durchschnittliches Inflationsziel verfolgen, worunter der Preisauftrieb seinen bisherigen langfristigen Zielwert von 2 % für gewisse Zeit überschreiten kann. Folglich sind bei einer Rückkehr des Arbeitsmarkts zu alter Stärke nicht zwingend Zinsmaßnahmen zu erwarten, solange Inflationsanstiege deutlich über 2 % ausbleiben.

Davon sind wir mit Inflationsraten um 1 % aktuell weit entfernt, erste Zinsschritte werden daher noch länger warten können. Dennoch ist die US-Zinskurve bereits etwas steiler geworden, die Renditen längerer Laufzeiten haben zuletzt leicht angezogen.

Wenig Neues hingegen bei der EZB, diese ist weiter aktiv bei ihrer Liquiditätsversorgung durch die neuen Ankaufprogramme (PEPP) bzw. Refinanzierungsgeschäfte für Banken (TLTRO).

Staats- und Unternehmensanleihen: Suche nach Rendite

Die stärksten positiven Treiber werden unserer Meinung nach die stimulierenden Notenbankmaßnahmen, die nach der Sommerpause wieder stärker ausfallen sollten, sowie weiterhin verbesserte Konjunkturdaten sein. Damit bleiben „Spread-Assets“ wie Emerging-Market- oder Unternehmensanleihen am Anleihen-Markt weiterhin die attraktivsten Segmente und wir bleiben daher bei diesen Anleihen stark übergewichtet. Dazu erhöhen wir das Übergewicht von High-Yield-Anleihen in US-Dollar moderat, das Übergewicht bei Euro-Unternehmensanleihen und Hartwährungsanleihen aus Emerging Markets bleibt unverändert bestehen.

Ein intakter Primärmarkt, hohe Cash-Bestände der Unternehmen, Stützungskäufe der Notenbanken und bessere Konjunkturindikatoren, deren rasche Erholung von Analysten nach wie vor nicht antizipiert werden kann, sprechen für Unternehmensanleihen. Am High-Yield-Markt wurden Ausfallsraten von über 15 % erwartet. Gepreist werden nur noch 4,4 % (Europa) bzw. 6,9 % (USA).

Emerging Markets: Vor allem Anleihen attraktiv

Asien, die wichtigste Region der Emerging Markets ist global gesehen bisher am besten durch die Krise gekommen. Die Kombination aus hartem Lockdown und konsequentem Tracing haben dazu geführt, dass man wohl dort am ehesten von einer v-förmigen Erholung sprechen kann. In Asien kommt es zwar auch zu einem leichten Rückgang bei der Gewinnentwicklung, Lateinamerika und Osteuropa verzeichnen aber vergleichsweise dramatische Gewinneinbrüche.

Auf der Suche nach real positiven Renditen drängten sich Emerging-Market-Hartwährungsanleihen nahezu auf. Unser Übergewicht von dieser Anleiheklasse bleibt weiterhin aufrecht, dagegen sind europäischen Staatsanleihen weiter untergewichtet.

Das größte Risiko für die Ertragserwartung dieser Positionierung sind wohl ein wieder stärker auflodernder Konflikt zwischen den USA und China und die damit verbundenen Kollateralschäden für den globalen Handel, unter Umständen noch vor der anstehenden US-Präsidentschaftswahl.

Vier Gründe in Japan zu investieren

Über japanische Aktien gibt es viele Mythen und Missverständnisse. Japan verbinden viele Investoren mit schwachem Wachstum, alternder Bevölkerung und Deflation und erwarten daher geringe Investmentchancen – zu Unrecht. Die vier größten Mythen über den japanischen Aktienmarkt deckt Sophia Li, Portfoliomanagerin bei First State Stewart Asia, auf.

„Der japanische Aktienmarkt ist kaum erforscht. Deshalb ist ein Großteil seiner ‚verborgenen Juwelen‘ unentdeckt, hochqualitative Unternehmen, die nachhaltig wachsen. Wer diese finden will, muss hinter die Mythen blicken und die Eigenschaften des japanischen Aktienmarktes kennen.

Mythos 1: Stagnierendes Wirtschaftswachstum drückt Renditen

Investoren befürchten, dass geringes Wirtschaftswachstum mit geringen Aktienrenditen einhergeht. Doch Unternehmen können auch in einer stagnierenden Wirtschaft wachsen. Zwar korrelieren Unternehmensgewinne und Aktienpreise meist mit dem Bruttoinlandsprodukt, japanische Unternehmen aufgrund des geringen Wachstums der Volkswirtschaft zu meiden, ist jedoch unbegründet.

Seit den späten 90er Jahren ist das japanische Bruttoinlandsprodukt nur um vier Prozent gewachsen, die Unternehmensgewinne im gleichen Zeitraum jedoch um 180 Prozent. Lukrative Titel können sogar in schrumpfenden Sektoren gefunden werden. Das macht es für Bottom-up-Investoren, die recherchebasiert investieren, einfacher, Alpha zu generieren.

Mythos 2: Alternde Bevölkerung behindert Wachstum

Der zweite Mythos ist eng mit dem ersten verknüpft. Investoren fürchten, dass das hohe Durchschnittsalter in Japan die Produktivität und Investitionsquote der Volkswirtschaft reduziert und gleichzeitig die Sozial- und Gesundheitsausgaben treibt. Es stimmt, dass Japans Bevölkerung überdurchschnittlich alt ist. Die Vereinten Nationen erwarten, dass bis 2050 38 Prozent der Japaner älter als 65 Jahre sein werden. Schon heute liegt ihr Anteil bei 28 Prozent.

Diese vermeintliche Zeitbombe wird jedoch nicht zünden, denn sie ist Politik und Wirtschaft gut bekannt, sodass sie entschärft werden kann. Sie wissen, dass der Anteil der Ruheständler steigt, während derer der Arbeitnehmer sinkt. Japans Regierung und Unternehmen hatten genug Zeit, um Lösungen zu finden, von denen andere alternde Volkswirtschaften lernen können.

Beispielsweise konzentrieren sich japanische Hersteller in der Regel nicht auf den Binnenmarkt. Ihre Produkte stehen weltweit für Innovation und Qualität. Besonders hoch ist der Marktanteil japanischer Unternehmen im asiatisch-pazifischen Raum, wo 60 Prozent der Weltbevölkerung leben – mit stark wachsendem Einkommen.

Zudem gibt es einige Sektoren, die von der demografischen Entwicklung profitieren, und die damit auch für Investoren interessant sind. So ist Japan weltweit führend in der Automatisierung. Mehr als die Hälfte aller Industrieroboter und computergesteuerten Systeme werden dort hergestellt.

Mythos 3: Geringes Unternehmertum verringert Anlagechancen

Der dritte Mythos ist, dass sich aufgrund der geringen Zahl von Unternehmensgründungen wenig Chancen für Investoren finden. In Japan ist das Gegenteil der Fall. Richtig ist, dass es Venture-Capital-Investoren in Japan schwer haben. Die jüngeren Generationen arbeiten lieber in einem sicheren Job in einem typisch japanischen Großunternehmen, als das Risiko einzugehen, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Das deflationäre Umfeld scheint das Bedürfnis der Gesellschaft nach Sicherheit zu verstärken. Die geringe Nachfrage nach Venture Capital reduziert das Angebot, was Unternehmensgründungen wiederum erschwert – ein Teufelskreis.

Für Investoren kann dieser unterentwickelte Kapitalmarkt aber von Vorteil sein. Besonders in Nischensektoren mit geringer Marktgröße gibt es oft nur ein oder zwei dominante Unternehmen und keinen drohenden Wettbewerb. Aktieninhaber können daher konstant hohe Cashflows erwarten.

Mythos 4: Japan hat keine qualitativen Unternehmen

Der vierte Mythos über den japanischen Aktienmarkt basiert darauf, dass dieser unterdurchschnittlich gut erforscht ist. Die japanische Managementphilosophie unterscheidet sich deutlich, sodass es verfehlt wäre, Aktien nach westlichen Qualitätskriterien zu selektieren. Investoren brauchen tiefe Kenntnisse und müssen Kultur und Gesellschaft verstehen, um japanische Geschäftsmodelle analysieren zu können.

So handelt das Management nicht primär im Sinn der Aktionäre, indem es ihre langfristigen Renditen maximiert, sondern im Sinn der Stakeholder. Es wird durch tiefere Ziele als finanzielle Anreize motiviert. Diese nachhaltig orientierte Unternehmensführung führt zu langfristig erfolgreichen Unternehmen, die qualitativ hochwertige Produkte und Dienstleistungen bieten und ihren internationalen Marktanteil kontinuierlich steigern. Das begünstigt wiederum stabile und hohe Renditen. Dafür müssen Investoren aber hinter die üblichen Finanzkennzahlen schauen.

Die Existenz dieser Mythen illustriert, wie wenig der japanische Aktienmarkt erforscht ist. Dass sie sich leicht widerlegen lassen, deutet auf zahlreiche vielversprechende Titel hin. Genau diese Kombination bietet Investoren die Chance, Alpha zu generieren – vorausgesetzt sie sind bereit, langfristig und forschungsbasiert zu investieren.“


Über First State Investments

First State Investments ist eine globale Vermögensverwaltungsgesellschaft mit Erfahrung in verschiedenen Anlageklassen und spezialisierten Anlagesektoren. In Australien ist First State Investments mittlerweile unter dem Namen First Sentier Investors tätig. First State Investments bietet eine Auswahl von Anlagelösungen für institutionelle Investoren und Kleinanleger weltweit, darunter Aktien-, Anleihe-, Multi-Asset-Anlagen und Anlagen in nicht börsennotierten Infrastrukturwerten.

Verlauf der Corona-Krise in den Mikrofinanzmärkten

Anleger*innenbrief zum GLS AI – Mikrofinanzfonds (Stand 10.09.2020)

Vor fünf Monaten haben wir uns in einem Anlegerbrief an Sie gewandt, um Sie über die aktuelle Lage an den Mikrofinanzmärkten sowie die Entwicklung des GLS AI – Mikrofinanzfonds zu informieren. Gerne möchten wir Ihnen in diesem Schreiben ein Update zu den vergangenen fünf Monaten geben und erläutern, wie wir in diesen turbulenten Zeiten der Mission des Fonds weiterhin gerecht werden und das uns anvertraute Geld in Ihrem Sinne bestmöglich verwalten.

Ab April wurden die Folgen für die Länder bzw. Volkswirtschaften, in denen der GLS AI – Mikrofinanzfonds investiert ist, immer sichtbarer. Maßnahmen wie Grenzschließungen, Ausgangssperren und daraus resultierende Betriebsschließungen hinderten Endkreditnehmer*innen zunehmend daran, ihren Geschäftstätigkeiten nachzugehen. Dies führte folglich zu großen Schwierigkeiten bei der Bedienung der ursprünglich vereinbarten Mikrokreditraten. Durch angeordnete Zahlungsaufschübe (Moratorien) in verschiedenen Ländern konnten Endkreditnehmer*innen ihre Zahlungen über mehrere Wochen aussetzen. Dies hatte Auswirkungen auf die Kreditbücher von Mikrofinanzinstituten und beeinflusste mitunter die Zahlungsfähigkeit der Institute an den Fonds. Wir sowie weitere internationalen Geldgeber der Mikrofinanzinstitute reagierten sehr schnell und zeigten eine hohe Flexibilität bei den zügig anberaumten Neuverhandlungen der Kreditkonditionen.

Das Fondsmanagement: Aktive Risikosteuerung und Fokus auf soziale Wirkung

Im täglichen Fondsmanagement legen wir seit Krisenausbruch weiterhin höchsten Wert auf ein aktives Risikomanagement, ohne dabei die soziale Wirkung zu vernachlässigen. Wir stehen im engen Austausch mit den Instituten und arbeiten zudem mit Expert*innen vor Ort zusammen, die bestens mit dem Markt vertraut sind und dadurch bei Bedarf auch Informationen über die reguläre monatliche Berichterstattung der Mikrofinanzinstitute hinaus liefern. Konsequent verfolgen wir den Ansatz der breiten geographischen Streuung weiter, um Klumpenrisiken im Portfolio zu vermeiden. Im Portfolio befinden sich momentan 70 Institute aus 35 Ländern. Zugleich haben wir verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Instituten als ein verlässlicher und sozial verantwortlicher Finanzierungspartner zur Seite zu stehen.

Die Maßnahmen zeigen positive Wirkung – sozial wie ökonomisch

Einerseits hat die Liquiditätsversorgung von Endkreditnehmer*innen in Krisenzeiten eine hohe Dringlichkeit. Daher hat der Fonds mehrere Institute mit Darlehen versorgt, die diese an ihre Kunden*innen weiterreichen konnten. Der Fonds hat im April beispielsweise Kredite an drei Institute über knapp 8 Mio. Euro, im Mai dann zwei weitere Kredite ausgezahlt. Neugeschäft wurde dabei wohlgemerkt nur selektiv und nach einer noch intensiveren Kreditprüfung auf Instituts- und gesamtwirtschaftlicher Ebene als bisher mit langjährigen Bestandskunden abgeschlossen. Im Blickpunkt standen dabei insbesondere die Auswirkungen und die ergriffenen Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise in dem jeweiligen Land sowie die angepasste Geschäftsplanung der Mikrofinanzinstitute.

Andererseits war die sehr effektive Zusammenarbeit mit internationalen Geldgebern wichtig. Gemeinsam mit den Instituten wurden Kreditkonditionen neu verhandelt, um so den Instituten den notwendigen höheren Spielraum zur Bewältigung der Krise zu geben. So wurden mit den Instituten temporäre Aussetzungen von Kreditrückzahlungen in der Regel für 6 bis 12 Monate vereinbart, häufig bei unverändertem Zinssatz. Diese Maßnahme hat im hohen Maße zur finanziellen Stabilität der Institute beigetragen.

Das Ergebnis stimmt – bei aller gebotenen Vorsicht – bisher optimistisch: Bei der großen Mehrheit der Mikrofinanzinstitute ist eine Stabilisierung bzw. leichte Aufwärtstendenz in den Berichten zu Ende Juli 2020 zu erkennen. Der Großteil der Anfragen auf Zahlungsaufschübe der Institute wurde mittlerweile erfolgreich bearbeitet. Es hat bisher keine Ausfälle im Fonds gegeben und nur vereinzelt Bewertungsabschläge.

Ausblick und Dank an die Anleger*innen

Bisher ist es für ein endgültiges Fazit sicherlich zu früh. Die Corona-Pandemie ist noch nicht ausgestanden. Kaum ein Institut weist bereits wieder Finanzkennzahlen auf Vorkrisenniveau auf. Doch gibt die aktuelle Entwicklung Anlass zu berechtigter Hoffnung, sowohl für den Fonds als auch für die Mikrofinanzmärkte. Die Renditekennzahlen des Fonds sind bislang unverändert stabil. Seit Auflage im Dezember 2015 erzielte der Fonds einen guten Ertrag und eignet sich damit insbesondere für langfristig orientierte Anleger*innen. Auch zukünftig wird der Schutz Ihres Geldes und der sozial verantwortungsvolle Umgang mit Ihrem Kapital die oberste Maxime des Fondsmanagements bleiben.

Erlauben Sie uns am Ende ein herzliches Wort des Dankes: Gerade in diesen Zeiten ist wirkungsvolles Investieren, das auf einen langfristigen Zeitraum ausgerichtet ist, wichtiger denn je. Mit einem besonnenen Anlageverhalten nehmen Anleger*innen eine sehr wichtige Rolle ein. Wir haben uns sehr gefreut, dassso viele von Ihnen einen Beitrag zur finanziellen Teilhabe von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern leisten wollen – auch und gerade in der Krise! Seit Jahresbeginn ist das Fondsvolumen von 165 Mio. Euro auf 188 Mio. Euro zu Ende August gestiegen. Für Ihr Vertrauen möchten wir uns sehr herzlich bedanken. Seien Sie versichert, dass wir uns auch künftig mit Leidenschaft dafür einsetzen, der Mission des Fonds, sowohl ökonomisch als auch sozial, gerecht zu werden.

Corona-Pandemie steigert Tempo des strukturellen Wandels

Die Krise hat Unternehmen weltweit verdeutlicht, wie wichtig Widerstandsfähigkeit und Flexibilität für sie sind – besonders angesichts der weiter anhaltenden wirtschaftlichen Unsicherheit. Für Immobilieninvestments im asiatisch-pazifischen Raum (APAC) hat diese Erkenntnis bereits angestoßene Trends noch beschleunigt. Jonathan Hsu, Head of Research Asia bei M&G Real Estate, erklärt, worauf Anleger jetzt achten sollten:

In der APAC-Region traf COVID-19 besonders die Volkswirtschaften, die in erster Linie vom Tourismus und der verarbeitenden Industrie leben. Eine Rezession scheint daher auch für die fünf Industrieländer der Region wahrscheinlich. Allerdings gehen wir davon aus, dass die starken fiskalischen und monetären Stützungsprogramme der Regierungen, sowie ein adäquater Umgang mit der Pandemie dafür sorgen werden, dass sich diese Märkte ab dem ersten Halbjahr 2021 wieder recht schnell erholen. Dies dürfte sich auch positiv auf die Stimmung der Investoren auswirken.

Höhere Anforderungen beflügeln Logistikimmobilien

Der Logistiksektor hat sich während der Pandemie als widerstandsfähig erwiesen. Das liegt vor allem am stark gewachsenen Online-Handel und der gestiegenen Nachfrage nach kurzfristigen Mietverträgen. Um wichtige Güter zu bevorraten und handlungsfähig zu bleiben, brauchten Mieter mehr Platz. In den APAC-Industrieländern führte das in diesem Jahr bisher zu stabilen Vermietungsraten und steigenden Mieten in Märkten mit sehr niedrigen Leerständen wie im Großraum Tokio.

Einzelhändler und Hersteller sind dabei, die Stabilität ihrer Lieferketten und Vertriebsnetze zu stärken. In Australien, Japan oder Südkorea bewerten etliche Unternehmen ihre Produktions- oder Lagerstätten jetzt neu. Dieser Prozess kann die Nachfrage auf den jeweiligen heimischen Logistikmärkten weiter ankurbeln. Zudem sinkt durch die steigende Automatisierung die Abhängigkeit von Arbeitskräften.

Bevölkerungsreiche Märkte mit wenigen erstklassig gelegenen und ausgestatteten Logistikimmobilien wie Tokio, Osaka, Sidney, Melbourne und Seoul sollten von diesen strukturellen Veränderungen profitieren. Standort, Größe und Qualität der Objekte werden dabei entscheidend sein. Besonders hochwertige Immobilien in unmittelbarer Nähe der wichtigsten Verkehrsknotenpunkte, wie Häfen, aber auch in Verbrauchernähe, die gleichzeitig genügend Platz für automatisierte Fertigungsanlagen bieten, werden zukünftig das Potenzial für höhere Mieten und Preise haben.

Schnellerer Wandel im Einzelhandel erfordert aktive Vermögensverwaltung

Die Einzelhandelsbranche hat die Auswirkungen von COVID-19 auf allen Märkten zu spüren bekommen. Zu einem Zeitpunkt, da sie bereits unter strukturellen Veränderungen litt, beschleunigte die Pandemie die Konsolidierung noch. Überleben werden die Handelsunternehmen, die digitale Strategien, wie beispielsweise den Allkanal-Vertrieb, bereits erfolgreich eingeführt und ihre Geschäftspraktiken überdacht haben. Weil die Grenzen zwischen digitalem und physischem Einzelhandel immer mehr verschwimmen, werden Händler von ihren Vermietern erwarten, variablere Messgrößen, wie unter anderem die Kundenfrequenz, in die Verträge einbeziehen. Seit der Pandemie haben einige Vermieter eigene E-Commerce-Plattformen aufgebaut, damit Einzelhändler ihr Verkaufsnetz erweitern konnten. Es werden also zukünftig solche Vermieter im Einzelhandel erfolgreicher sein, die schnell auf die sich verändernden Bedürfnisse ihrer Mieter eingehen können.

Wir gehen auch davon aus, dass Einzelhändler stärker auf eine vielfältige Zielkundenbasis am Standort achten werden, was Einkaufszentren in den Vorstädten von Singapur, Australien oder auch in Hongkong attraktiver machen könnte. Für Einkaufsstraßen, die stark von Touristen abhängig sind, wie das Ginza-Viertel in Tokio oder das Myeongdong-Viertel in Seoul, sollte es in den nächsten zwölf bis 24 Monaten Mietkorrekturen geben.

Premium-Büros weiter stark gefragt

Während der Pandemie konnten viele Unternehmen über einen längeren Zeitraum die Möglichkeiten von Home-Office-Lösungen testen. Nun passen sie die Raumnutzung den neuen Bedürfnissen an – vor allem mit Blick auf Größe, Standort und Qualität. Die Ansprüche an die Ausstattung, beispielsweise mit Heizungs-, Lüftungs- und Klimaanlagen, oder Serviceleistungen, werden steigen. Noch ist es zu früh, eine verlässliche Aussage über die Folgen der Krise zu machen, aber wir erwarten nicht, dass Büros überflüssig werden. Für die Zusammenarbeit und den Wissensaustausch bleibt das persönliche Miteinander wichtig. Außerdem ist es in der APAC-Region gar nicht allen Büroangestellten möglich, produktiv von zu Hause aus zu arbeiten: Der Trend geht gerade in den großen Städten Japans oder in Hongkong zu kompaktem Wohnraum, der oft von mehreren Generationen einer Familie gemeinsam genutzt wird. In Tokio zum Beispiel misst die durchschnittliche Wohnung 65,9 Quadratmeter, rund 20 Prozent der 6,8 Millionen Haushalte der Stadt leben auf weniger als 20 Quadratmetern.

Insgesamt gehen wir davon aus, dass zentrale Lagen mit einem hohen Anteil an Premium-Objekten vergleichsweise widerstandsfähig bleiben: Die Geschäftsbezirke einiger Mega-Städte wie Tokio, Osaka oder Seoul haben aktuell sehr geringen Büroleerstand. In Märkten mit hohem Angebotsdruck, wie Sidney, Melbourne, Hongkong und Singapur hingegen könnten die Mieten in den nächsten zwölf bis 18 Monaten zurückgehen.

Trotz Corona: Bedarf an Wohnimmobilien in Städten steigt weiter

Besonders in Japan hält der Trend zum Stadtleben auch nach Ausbruch der Pandemie an, nachdem Studien ergeben haben, dass die Wohnungsdichte offenbar nicht wesentlich zur raschen Ausbreitung von COVID-19 beiträgt. Die Städte punkten mit kürzeren Wegen zur Arbeit, mehr Freizeitangeboten und dem Zugang zu Dienstleistungen wie Lieferungen von Produkten nach Hause. Zudem gilt in Japan, wo Naturkatastrophen wie Erdbeben an der Tagesordnung sind, die stabilere Infrastruktur in den Städten als sicherer für die Bewohner. Arbeitsmöglichkeiten für Angestellte werden sich wahrscheinlich auch weiterhin auf Städte wie den Großraum Tokio oder Osaka konzentrieren, was diese Standorte für die Generation Z attraktiv macht.

Mehrfamilienwohnungen in Japan profitieren von einer stabilen Nachfrage und einem positiven Mietwachstum. Die Krise hat daran nichts geändert. Da der Arbeitsmarkt nach wie vor gesund ist, werden die Vermietungszahlen nicht signifikant sinken. Dieser Sektor hat bereits in vergangenen Abschwungphasen starke Resilienz gezeigt.

Aber auch dieser Bereich der Immobilienwirtschaft könnte sich durch die mögliche Zunahme der Home-Office-Lösungen strukturell verschieben. Größere Wohnungen könnten beliebter werden, weil für das effektive Arbeiten von Zuhause aus mehr Platz benötigt wird und es immer mehr Haushalte mit Doppelverdienern gibt. Als attraktiv gelten auch Objekte mit intelligenten Systemen zur Überwachung der Luftqualität oder des Strom- und Wasserverbrauchs. Der steigende Bedarf an solchen Wohnungen könnte Mieter auf die kostengünstigeren Lagen ausweichen lassen – so im Großraum Tokio auf Yokohama. Durch ihren defensiven Charakter in turbulenten Zeiten dürften gut gelegene erstklassig ausgestattete Mehrfamilien-Wohneinheiten im Großraum Tokio und Osaka auch in den nächsten drei Jahren stabile Erträge liefern.“

Volatiler Herbst?

Die Urlaubssaison neigt sich dem Ende zu, aber von einer Sommerpause am Aktienmarkt war nichts zu bemerken, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns. So stieg der Weltaktienindex auf Eurobasis seit der letzten kleinen Korrektur Mitte Juni um immerhin 10 %, während im selben Zeitraum der amerikanische Aktienindex S&P 500 um satte 16 % und der Technologiemarkt-Index NASDAQ sogar um 25 % auf Dollarbasis nach oben kletterte.

Die US-Aktienmärkte erreichten also im Verlauf des Sommers neue Allzeithöchststände. Dass diese inmitten einer schweren Krise der Realwirtschaft zustande kommen – genau genommen in der schwersten Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg – ist trotz der Maßnahmen von Regierungen und Notenbanken bemerkenswert.

Die Marktindizes von Europa, der Pazifikregion und der Emerging Markets sind hingegen von Höchstständen oder gar Allzeithöchstständen noch ein Stück weit entfernt. Abgesehen von dieser regionalen Divergenz zwischen den USA und dem Rest der Welt gibt es aber weitere ungewöhnliche Detailaspekte. Zunächst ist der Auslöser der Wirtschaftskrise – das Coronavirus – bis dato weiter auf dem Vormarsch, wobei jüngst mit global 25 Millionen Infektionen eine neue Rekordmarke überschritten wurde. Auch ist noch kein effektiver Impfstoff ausreichend getestet und zugelassen.

Die Unternehmensergebnisse werden wohl erst im Frühjahr 2021 wieder positives Wachstum aufweisen. Neben zahlreichen technischen Indikatoren und Stimmungsumfragen, die auf eine überkaufte Marktsituation bzw. eine schon überhitzte Anlegerstimmung hinweisen, sind zuletzt auch die politischen Risiken wieder angestiegen. Wir bleiben daher in Erwartung einer volatileren Marktphase in den Herbst hinein bei Aktien leicht untergewichtet.

Aktien: Hoffnung beflügelt

Alle Blicke sind auf den US-Markt gerichtet, der bereits wenige Monate nach dem Covid-19-Schock neue Allzeithochs erreichen konnte. Dies gilt nicht nur für die Tech-Börse NASDAQ, sondern mittlerweile auch für den breiten Markt S&P 500, obwohl oft relativ wenige Aktien den Markt nach oben treiben.

Generell haben in den traditionell umsatzschwächeren Sommermonaten die Börsen weiter zugelegt.

Alle? Fast alle. Lediglich Lateinamerika und Russland (jeweils mit hohem negativen Währungsbeitrag) und damit auch Osteuropa waren schwächer, China und damit Asien notierten deutlich fester. China publiziert bereits positive Konjunktur-Frühindikatoren, wie auch die USA und teilweise Europa. So konnten auch Märkte der „Old Economy“ wie der DAX oder der Dow-Jones-Index gut zulegen.

Aktuell werden globale Höchststände bei den Covid-19-Infektionen gemeldet, aber die Erwartung einer raschen Konjunkturerholung, wesentlich gestützt durch staatliche Mittel und die Hoffnung auf rasche Verfügbarkeit eines Covid-19-Impfstoffs beflügeln die Märkte. Derzeit.

Globale Konjunktur: Es ist noch nicht überstanden

Im Gegensatz zu den viel beachteten Einkaufsmanagerindizes, die unter anderem in den USA wieder über die Expansionsschwelle angestiegen sind und dementsprechend Zuversicht versprühen, fallen die Umfragen unter Geschäftsführern und kleinen Unternehmern eher verhalten aus. Auch wenn hier nach dem starken Einbruch ebenfalls eine deutliche Erholung der Stimmungslage einsetzte, so sind die jüngsten Umfragewerte wieder schwächer ausgefallen.

Generell stellt sich die Frage der nachhaltigen Wirtschaftserholung bis die Pandemie mit einem effektiven Impfstoff eingedämmt ist. Eine schlagartige Verbesserung nach dem Lockdown mit Unterstützung der Finanzhilfen war zu erwarten, eine schnelle Rückkehr zum Vorkrisenniveau ist hingegen fraglich.

Auch die Entwicklung der künftigen Erwartung seitens der US-Konsumenten zeigt wieder – anders als in Europa – deutlich nach unten und die US-Konsumenten zeigen sich derzeit auch im Hinblick auf geplante größere Anschaffungen recht zurückhaltend.

Aktien USA und Europa: Konzentration auf wenige Sektoren

Die Rally am (US-)Aktienmarkt hat sich im August entgegen der Erwartung noch einmal beschleunigt, wenngleich es an neuen fundamentalen Impulsen mangelt. Die Phase der positiven Überraschungen sowohl in der Konjunkturlage wie auch bei den Unternehmensergebnissen wird sich wohl nicht derart fortsetzen können.

Doch die Outperformance der amerikanischen Aktien hält weiter an, dies hängt sowohl mit der Indexzusammensetzung (hohes Gewicht von Wachstumswerten aus den Sektoren Technologie, Healthcare etc.) als auch der besseren Gewinnentwicklung zusammen. Diese Entwicklung hat sich in den letzten Wochen beschleunigt.

Die Bewertung der Wachstumswerte ist bereits sehr hoch und vereinzelt kommt es zu Exzessen, die an die Dotcom-Bubble vor 20 Jahren erinnern, wie beispielsweise Kurssprünge bei Ankündigung von Stocksplits oder Börsengängen über Spezialvehikel. Wir sehen das als Anzeichen von Übertreibungen und sind daher vorsichtig, also in amerikanischen Titeln weiter untergewichtet.

Spannung vor US Wahlen steigt

von Gerhard Winzer, Chefvolkswirt der Erste Asset Management.

Die US-Wahlen im November sind nicht nur aus weltpolitischer Sicht ein wichtiges Ereignis. Der Wettlauf zwischen Biden und Trump um das Präsidentenamt beeinflusst auch das Geschehen an den Finanzmärkten.

Umfragen zugunsten der Demokraten

In den Umfragen liegt Präsidentschaftskandidat Biden 8 bis 10 Prozentpunkte vor Trump. Mögliche Begründung: die negative wirtschaftlichen Entwicklung gepaart mit dem mangelhaften Management der Coronakrise und den nationalen Protesten beziehungsweise Unruhen.

Allerdings war der Abstand vor einigen Wochen größer. Während der Vorsprung in den Umfragen also eher für Biden spricht, deutet der schrumpfende Abstand darauf hin, dass die Wahl für Trump noch nicht verloren ist. Die Wirtschaft erholt sich, und die Wahlkampfrhetorik ist äußerst scharf beziehungsweise polarisierend. Ein wahrscheinlicher zusätzlicher Steueranreiz noch vor den Wahlen könnte die gefallene Konsumentenstimmung heben.

Zudem impliziert das US-Wahlsystem, dass eine Mehrheit auf nationaler Ebene gar nicht nötig ist um die Wahl zu gewinnen. Der Präsident und der Vizepräsident werden von Wahlmännern bestimmt, die die Bundesstaaten repräsentieren.

Die relative Mehrheit eines Kandidaten pro Bundesstaat bedeutet, dass alle Wahlmänner dieses Bundesstaates für den Kandidaten votieren. Die Wahlmänner pro Bundestaat ergeben sich aus der Summe der Mitglieder im Senat und im Repräsentantenhaus. 100 Senatoren und 435 Repräsentanten ergeben 535 Wahlmänner.

Dazu kommen noch 3 Wahlmänner für den Distrikt Columbia (Sitz der Bundesregierung). Für den Wahlsieg ist eine absolute Mehrheit von 270 Wahlmännern nötig. Die Swing States wie Florida sind daher heiß umkämpft.

Wie wirkt sich der Wahlausgang auf die Börse aus?

Tatsächlich haben einige Wochen nach dem Wahlausgang die Aktienindizes nach einem Sieg eines demokratischen Präsidenten oftmals schlechter abgeschnitten als unter einem republikanischen Präsidenten. Ein republikanisches Wahlprogramm wird gemeinhin -vielleicht fälschlicherweise – als eher unternehmensfreundlich angesehen.

Dieser Effekt ist jedoch in der Vergangenheit schnell verschwunden. Historisch betrachtet kann kein klarer Zusammenhang zwischen einer politischen Partei und der Entwicklung der Aktienmärkte während der gesamten Präsidentschaft erkannt werden.

Das hat weniger mit angekündigten beziehungsweise umgesetzten Wahlprogrammen zu tun. Auf der republikanischen Seite stechen die Stagflation in den 1970ern (Nixon, Ford) und die Rezessionen in den Jahren 2001 (Tech Bubble) und 2007 (Finanzkrise) hervor. Auf der demokratischen Seite fallen die Boomjahre unter Clinton und die Erholung nach der Finanzkrise unter Obama auf.

Wahlprogramme: Protektionismus gegen Regulierung

Nur oberflächlich betrachtet stellen die Vorschläge der Demokraten ein größeres Risiko für die Aktien dar als die Vorschläge der Republikaner. Die Senkung der Unternehmenssteuer unter Trump soll mit einer Anhebung von 21% auf 28% teilweise rückgängig gemacht werden.

Das Gesundheitssystem soll reformiert werden. So soll es auch eine Wahlmöglichkeit für eine staatliche Krankenversicherung geben. Auch eine generell negative Haltung gegenüber Unternehmen mit einer zu großen Marktmacht (Oligopol) zieht sich durch den Wahlkampf (Thema: Zerschlagung von Big Tech). Zudem sollen neue Öl- und Gasförderungen limitiert werden und soll der Mindestlohn von US-Dollar 7,25 auf US-Dollar 15 pro Stunde angehoben werden.

Auf der Seite der Republikaner stehen eine ökonomische Abkopplung von China, mehr Mittel für die Polizei, Bekämpfung der Einwanderung und ein geringeres Verteidigungsbudget für Auslandseinsätze.

Beide Seiten argumentieren für Investitionsprogramme für die Infrastruktur. Bei den Demokraten liegt ein Schwerpunkt auf der erneuerbaren Energie mit dem Ziel die Kohlenstoffdioxidemissionen zu reduzieren. Beide Parteien treten für eine Beschränkung der Medikamentenpreise ein.

Es ist unklar, ob die beabsichtigten Steuererhöhungen und schärferen Regulierungen der Demokraten stärker wirken als der Protektionismus (sowie der Rückzug der USA aus internationalen Organisationen) und der Konflikt mit China.

Zudem werden nicht alle Vorschläge in einem Wahlprogramm umgesetzt. Das gilt umso mehr als nur für den Fall, dass der Präsident und die Mehrheit im Senat derselben Partei angehöhren. Die Wahrscheinlichkeit für eine tatsächliche Umsetzung würde steigen. Derzeit halten die Republikaner die Mehrheit im Senat.

Mittelfristige Erholung dominiert kurzfristige Störgeräusche

Bis zu den Wahlen könnte eine scharfe Rhetorik, vor allem gegenüber China, negative Auswirkungen auf die Marktstimmung haben. Nach den Wahlen könnte ein Wahlsieg Bidens in der ersten Reaktion auf die Kurse drücken: Kursbewegungen werden manchmal von Schlagzeilen mit geringer Substanz („Steuererhöhung“, „Regulierung“) beeinflusst.

Ebenso könnte Trump eine etwaige Wahlniederlage nicht akzeptieren und vor Gericht gehen. Auch eine solche Unsicherheit wäre nachträglich für die Marktstimmung. Auf längere Sicht wird ausschlaggebend sein, wie kräftig die wirtschaftliche Erholung in den kommenden Jahren ausfallen wird.

Dafür ist vor allem eine Schlüsselgröße ausschlaggebend: Die staatliche Budgetbilanz. Je mehr eine expansive Budgetpolitik (hohes Budgetdefizit) umgesetzt wird – dafür stehen im Grunde beide Parteien – desto günstiger ist der Ausblick für die wirtschaftliche Erholung und damit für die Aktien.


Unser Dossier zum Thema Markt Updates mit Analysen unserer Investment Profis: https://blog.de.erste-am.com/dossier/updates-investment-division/

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Gibt die Volatilität bei Tech-Aktien Anlass zur Sorge?

von Chris Gannatti, Head of Research, Europe, WisdomTree.

Über den jüngsten Ausverkauf von US-Tech-Aktien wurde viel berichtet. Tatsächlich haben einige der nach Marktkapitalisierung größten Unternehmen innerhalb von zwei Tagen erheblich an Wert verloren1:

  • Apple verlor fast 8 Prozent.
  • Microsoft fiel um mehr als 7,5 Prozent
  • Amazon verzeichnete einen Wertverlust von mehr als 6,7 Prozent.

Diese Wertverluste erregten viel Aufmerksamkeit, weil es größtenteils die genannten Titel waren, die viele der verschiedenen Referenzindizes nach den von Covid-19 induzierten Markttiefs vom 23. März 2020 zu Höchstständen geführt hatten. Apple schrieb kürzlich mit einer Marktkapitalisierung von über zwei Billionen USD Schlagzeilen, als erstes Unternehmen überhaupt.

Tatsache ist, dass viele Technologieunternehmen im Vergleich zu den Erwartungen gute Ergebnisse erzielt haben. So beispielsweise das Cloud Computing; da viele gezwungen waren, für längere Zeit von zu Hause aus zu arbeiten, haben zahlreiche Software-as-a-Service-Unternehmen im Jahresvergleich ein unglaubliches Umsatzwachstum erzielt. Zoom-Videokommunikation - typisch für ein Unternehmen, das Remote-Arbeiten und Familien dabei helfen soll, in Kontakt zu bleiben - hat im Zeitraum bis zum 30. Juni 2020 ein Umsatzwachstum von 355 Prozent gegenüber dem Vorjahr erzielt.

Vor der Pandemie begann Zoom Video Communications das Jahr 2020 mit einer Marktkapitalisierung von etwa 18,8 Milliarden USD. Am 4. September 2020 betrug diese Zahl bereits mehr als 100 Milliarden USD – eine Kursrally von über 400 Prozent. Es ist zwar schwierig, ähnlich etablierte Unternehmen zu finden, die ähnlich hohe Zahlen wie Zoom erzielt haben, aber es gibt zahlreiche softwareorientierte Cloud-Unternehmen, die im Jahr 2020 Renditen von über 100 Prozent erzielt haben, einige Beispiele dafür sind Fastly mit 303 Prozent, Docusign mit 192 Prozent, Zscaler mit 189 Prozent, Crowdstrike mit 151 Prozent oder Shopify mit 145 Prozent.

Jedes dieser Unternehmen verzeichnet laut den letzten Geschäftszahlen ein starkes Umsatzwachstum gegenüber dem Vorjahr. Das Problem, das sich bei bereits so starken Erträgen auftut, ist jedoch, dass es immer schwieriger werden wird, die Erwartungen kontinuierlich zu übertreffen. Bemerkenswert ist auch, dass Fastly zum Beispiel eine Marktkapitalisierung von 8,5 Milliarden USD und Zscaler eine Marktkapitalisierung von 17,5 Milliarden USD hat. Das sagt uns, dass solche Unternehmen auch anfällig für allgemeine Marktbewegungen nach oben oder unten sein können - mit einer hohen Sensibilität.

Die Covid-19-Pandemie dauert immer noch an, und 2020 wird aus wirtschaftlicher Sicht als historisch schwierige Krise in die Geschichte eingehen. Etwas Volatilität nach rekordhohen Aktienmarktspitzen ist nur natürlich.


1) 2nd September to 4th September 2020

"Der EZB bleibt nur die Hoffnung, dass der Euro abwertet"

Anthony O'Brien, European Rates and Currency Strategist, First State Investments, kommentiert die für Donnerstag anberaumte Leitzins-Entscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB):

Von der Sitzung der EZB am Donnerstag werden wenige geldpolitische Neuigkeiten erwartet. Der zuletzt gestiegene Euro bereitet der EZB Sorge und manch einer glaubt, die Maßnahmen könnten einen Fall der Währung auslösen. Kann die EZB also den Euro schwächen? Wir glauben das nicht. Die Zurückhaltung der EZB wird entweder als harter geldpolitischer Kurs oder – noch schlimmer – als machtlos gewertet werden. Die jüngste Inflationsrate der Eurozone von minus 0,2 Prozent ist zum ersten Mal seit Mai 2016 wieder deflationär. Es wird erwartet, dass die neuen Prognosen der EZB-Experten für den Harmonisierten Verbraucherpreisindex (HVPI, Harmonised Index of Consumer Prices) deutlich unter dem Zielwert liegen werden.

Das würde normalerweise eine weitere Lockerung durch den EZB-Rat bedeuten. Doch hat die EZB noch nicht einmal die Hälfte des 1.350 Milliarden Euro schweren Pandemie-Notfallkaufprogramms (PEPP, Pandemic Emergency Purchase Programme) ausgeschöpft und scheint ihre Ankäufe auch nicht beschleunigen zu wollen. Deshalb gehen wir nicht davon aus, dass das Programm in nächster Zeit aufgestockt wird. Da der Offenmarktausschuss der US Notenbank Federal Reserve (FOMC, Federal Open Market Committee) sein neues geldpolitisches Rahmenprogramm nächste Woche mit zusätzlichen Lockerungen unterstreichen könnte, bleibt der EZB nur die Hoffnung, dass der Euro abwertet.

Home Office: Vorsicht mit Antworten von der Stange

von Prof. Dr. Tobias Just, FRICS, Universität Regensburg und IREBS Immobilienakademie.

In Deutschland arbeiten rd. 15 Millionen Menschen auf etwa 410 Mio. m2 Büromietfläche1. Zwar arbeiteten auch vor 2020 viele Menschen hin und wieder von zu Hause aus, doch erst im Zuge der Corona-Pandemie wurde das Heimbüro für viele Arbeitskräfte alternativlos. Die Erfahrungen, die in dieser Lockdown-Zeit gemacht wurden, waren sicherlich gemischt; tägliche Reisezeiten wurden verkürzt, Abstimmungen mussten auf neuen elektronischen Wegen erfolgen, die Frage nach der Vereinbarkeit von Arbeit und Familie wurde in jeder Stunde neu verhandelt und nicht nur zu den richtungweisenden Entscheidungen der Familien- und Karriereplanung.

Vor allem aber haben viele Unternehmen und deren Führungskräfte die Berührungsängste mit dem Thema Home Office ablegen müssen und sich damit auf eine Lernkurve begeben, die zuvor oft aus Vorsicht oder Vorurteil vermieden wurde und Mitarbeiter brauchten keinen Heldenmut aufzubringen, um ihren Wunsch nach Home Office zu äußern. Nun ist es mit Erfahrungen wie mit märchenhaften Geistern in Flaschen; sind sie erst einmal gemacht (befreit), ist es unmöglich so zu tun, als gäbe es die Erfahrung nicht: Der Geist bleibt dauerhaft außerhalb der Flasche. Hier endet dann aber auch schon die Analogie zwischen Erfahrungen und Flaschengeistern, denn es liegt in erster Linie an uns, was wir aus unseren3 neuen Erfahrungen machen, sprich wie wir die Lernkurve emporklettern. Entsprechend ist die erste Botschaft dieses Standpunkts, dass alles, was wir bisher über Home Office in den wenigen Monaten gelernt haben, eben nur erste Schritte entlang eines längeren Lernweges gewesen sind.

Wie könnten die weiteren Schritte aussehen? Die Analysten von Catella (2020) haben in einer aktuellen Studie ermittelt, dass zwei von drei Befragten ein bis drei flexible Tage und 20% der Befragten sogar vollständig freie Einteilung von Arbeitszeit und Arbeitsort als wünschenswerteste Arbeitsorganisation bevorzugen. Diese zusätzliche Flexibilität könnte es den Unternehmen ermöglichen, mit den festen Büroflächen zu haushalten, und dies wiederum könnte die Büroflächennachfrage spürbar reduzieren. Würde z.B. jeder Mitarbeiter tatsächlich zwei Tage von zu Hause arbeiten und würde dann nur jede zweite Fläche der dadurch vorübergehend frei werdenden Flächen in bestehenden Büroräumen flexibler verplant werden, z.B. in Form von geteilten Büroarbeitsplätzen oder durch vermehrte Anmietung von Co-Working-Flächen, könnte dies ein Fünftel der Büroflächennachfrage langfristig reduzieren – 80 Mio. m2 Mietfläche oder sieben Mal das Büroangebot in Frankfurt, unter sonst gleichen Bedingungen versteht sich.

In diesem Standpunkt von Prof. Dr. Tobias Just, FRICS, Universität Regensburg und IREBS Immobilienakademie, geht es jedoch nicht darum zu schätzen, wie stark die Büroflächennachfrage in den nächsten Jahren sinken könnte (oder nicht), sondern es geht darum zu argumentieren, dass es sehr viele unterschiedliche Antworten auf die Frage nach einer angemessenen Home Office Quote in einem Unternehmen geben sollte und dass eine staatliche Einmischung hier mehr schaden als helfen kann. Letztlich hängt es von den individuellen Lernschritten und Bedürfnissen in den Teams und den Unternehmen ab.

Spezifische Anforderungen

Letztlich handelt es sich bei Büroimmobilien für ein Unternehmen um einen elementaren Produktionsfaktor. Die konkrete Entscheidung für oder wider eine spezifische Betriebsstätte sollte sich daran orientieren, ob der durch diese Entscheidung zusätzlich erwartete Gewinn im Vergleich zu jeder anderen Alternative höher oder niedriger ausfällt. Dies klingt trivial, doch leider sind hinter dieser Aussage eine ganze Reihe von Managemententscheidungen verborgen, über die aktuell vergleichsweise wenig diskutiert wird. Handelt es sich bei dieser Gewinngröße um den kurzfristig erzielbaren Zusatzgewinn, z.B. den Gewinn innerhalb eines Jahres oder wird eine diskontierte Größe aus vielen Jahreszusatzgewinnen maximiert? Entsteht der Effekt eher aus Umsatzzuwächsen oder aus Kostensenkungen oder aus einer Mischung aus beiden und ließen sich diese Effekte ggf. auch durch andere Maßnahmen realisieren? Diese Frage ist wichtig, da Kostensenkungen häufig verlässlicher geschätzt werden können als Umsatzveränderungen. Hängt das Ergebnis von politischen Rahmensetzungen ab oder ggf. vom Fehlen solcher Rahmensetzungen?

Konkreter: Natürlich könnten die Kosten für ein Unternehmen sinken, wenn ein Unternehmen weniger Bürofläche anmieten muss und die Mitarbeiter ihre private Wohnfläche in den Dienst des Unternehmens stellten, sprich, wenn die Privatwohnung zu einem Betriebsmittel würde. Das Unternehmen würde ja auch Geld sparen, wenn wir unsere privaten Rechner oder Drucker zur Arbeit mitbrächten. Dies gilt jedoch nur dann, wenn der Gesetzgeber diese Auslagerung dauerhaft toleriert. Aktuell müssen bei Telearbeitsplätzen, gemäß der Arbeitsstättenverordnung für arbeitsvertraglich vereinbarte Telearbeitsplätze , strengere Vorgaben hinsichtlich Sicherheit und Arbeitsplatzanforderungen eingehalten werden als bei mobilen Arbeitsplätzen. Dies lädt regelrecht zu regulatorischer Arbitrage ein und dürfte mittelfristige Regeländerungen bewirken. Dann könnten Regeln hinsichtlich Arbeitssicherheit oder der steuerlichen Behandlung dieser Betriebsmittel verschärft werden. Es ist nachvollziehbar, dass im Zuge der Pandemie mehr toleriert wurde als langfristig zu erwarten wäre. Krisenzeiten sind keine Zeiten für Erbsenzähler.

Die Kosten dürften auch nur dann sinken, wenn keine zusätzlichen Transaktionskosten in Form weiterer Abstimmungen, vermehrter Kontrollen oder daraus folgend höherer Ausgaben für Fehlerkorrekturen entstehen. Es ist plausibel, dass die Phase sehr großer Unsicherheit während des Lockdowns kein hinreichender Verhaltensproxy für Mitarbeiter und Führungskräfte für hoffentlich zukünftige Normaljahre darstellt. Mitarbeiter könnten in entspannten Jahren ihre Handlungsspielräume stärker ausnutzen als während der Phase hoher Arbeitsplatzunsicherheit, und Führungskräfte könnten sich unwohler mit dem möglicherweise empfundenen Macht- und Kontrollverlust fühlen als während der Ausnahmephase. Der Erfolg von Home-Office hängt dann nicht nur von technischen Parametern wie Raum- und IT-Verfügbarkeit ab, sondern wahrscheinlich noch viel stärker davon, welche Mentalitäten und welche konkreten Tätigkeiten in einem Team vorliegen und erbracht werden müssen.

Diese weichen Faktoren dürften gerade dort wichtig sein, wo die Büroarbeitskraft nicht nur fest definierte Arbeitspakete erledigt, sondern wo sich die Güte des Arbeitsergebnisses eben nicht im Vorhinein zu 100% bestimmen lässt, wo Zufälligkeiten im Miteinander ein unerwartetes Ergebnis aufzeichnen, wo die Interaktion von Menschen kreative Lösungen finden lässt oder dazu führt, dass ein neues Problem überhaupt erkannt wird.

Manchmal kommt es im täglichen Miteinander zu teamübergreifenden zufälligen Spillover-Effekten: Sie unterhalten sich mit der Controllerin beim Mittagessen und erkennen plötzlich eine Lösung für eine Marketingfrage, vielleicht, weil die Controllerin ungeahnt gerade eine Webseite für ihren Sportverein aufgesetzt hat und ein verwandtes Problem hat lösen müssen. Solche zufälligen Berührpunkte sind darüber hinaus deswegen wichtig, weil sie den Zusammenhalt im Team stärken können. Für eine Führungskraft kann die Distanzführung dann anspruchsvoller sein als die Präsenzführung, weil Unstimmigkeiten weniger deutlich werden, Reibungen verdrängt werden; wobei „anspruchsvoll“ natürlich Managementsprech dafür ist, dass sich Mitarbeiter unverstanden fühlen könnten, dass die Motivation leidet oder dass vieles einfach ungesagt bleibt. Dort, wo kreatives Arbeiten entscheidend ist, müssen oft sehr unterschiedliche Menschen zusammengebracht werden und dies ist managementintensiv. Unzureichende Führung reduziert die Produktivität, denn Transaktionskosten steigen. Daher ist es wohl unwahrscheinlich, dass die von Alipour et al. (2020) ermittelten Home-Office Potenziale von über 50% für Deutschland mehr sind als eine Orientierung für eine technische Obergrenze und keineswegs eine plausible Schätzung des Erwartbaren.

Im Umkehrschluss bedeutet dies jedoch keineswegs, dass die aufgezeigten Kosten-Nutzen-Überlegungen stets in Richtung klassisches Büro zeigen müssen. Wertvolle zufällige Begegnungen sind auch außerhalb des Büros möglich, Manager können die geringere Kontrollintensität auch produktiv nutzen und empfundene Verantwortung und Freiheit können Mitarbeiter beflügeln. Weil Lernkurveneffekte von der kumulierten Produktionsleistung abhängen, ist es sogar wahrscheinlich, dass die Vorteile von (mehr) Home-Office sich erst allmählich entfalten.

Wichtig bleibt jedoch stets: Die optimale Lösung für ein konkretes Team hängt stark von den beteiligten Persönlichkeiten, ihren Erfahrungen, ihrer Technikaffinität, ihrem sozialen Miteinander, von den konkreten Projekten, von den gelebten Unternehmenswerten und wohl auch von der Marktphase ab. Das sind viel zu viele Parameter für Lösungen von der Stange für alle Unternehmen/Abteilungen/Menschen.

Ein Recht auf Home-Office würde dieser Vielschichtigkeit dann auch nicht gerecht, weil Arbeitnehmer unabhängig von den oben skizzierten Wirkungsmechanismen im Team Entscheidungen mit Teamwirkung treffen könnten. Ist dies mit Ineffizienzen verbunden, entstünden Beschäftigungsrisiken nicht nur für den betroffenen Mitarbeiter, sondern auch für die mittelbar betroffenen Teammitglieder.

Sicher ist, dass mehr Mitarbeiter und mehr Vorgesetzte nun über Home-Office als ganz normale Form des Arbeitens nachdenken und in ihre Strategie selbstverständlich einbinden und nicht mehr nur als Sonderlocke für wenige Ausnahmefälle. Dies hat zweifelsfrei eine quantitative Komponente für die Nachfrage nach herkömmlicher Bürofläche. Entscheidender dürften jedoch zwei qualitative Komponenten sein: Zum einen, welche Büroflächen werden künftig besonders stark nachgefragt werden, und zum anderen, wie organisieren wir künftig die Büroarbeit, um den vergrößerten Möglichkeitenraum auch zu nutzen. Sie ahnen es vielleicht, auch zu diesen zwei qualitativen Aspekten dürfte es keine Holzschnittantworten geben, sondern es wären zum Team passende Managementantworten erforderlich. Kurz gesagt, mehr Optionen eröffnen idealtypisch Kostensenkungspotenzial, führen jedoch zu mehr Managementanforderungen und leider leben wir in einer realen und nicht in einer idealtypischen Welt. Fehleinschätzungen hinsichtlich der Teammentalitäten und Projektanforderungen können zu Mehrkosten führen.

Für Immobilienmarktakteure folgen daraus (u.a.) vier Botschaften: Erstens, der Wert von Flexibilität von Büroflächen wird eher steigen. Dies ist durchaus eine gute Nachricht für Co-Working-Formate. Zweitens, wenn es Unsicherheit hinsichtlich Standardlösungen auf Nutzerebene gibt, werden Anbieter von maßgeschneiderten Lösungen, die das Geschäftsmodell der künftigen Nutzer kennen, belohnt. Drittens, weil es aktuell noch schwer ist, die quantitativen Flächenimplikationen einzuschätzen, sollten Investoren ihre Risikoprämie für Büroimmobilien eher nach oben gegenüber der Benchmark (z.B. Wohnen) anpassen. Viertens, es lohnt sich in der Post-Corona-Zeit sich noch mehr mit den Geschäftsmodellen und den Arbeitsmodellen der potenziellen Nutzer zu beschäftigen. Immobilienexpertise ist auch Nutzerexpertise.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IREBS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Prof. Dr. Tobias Just FRICS

Prof. Dr. Tobias Just FRICS ist Wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der IREBS Immobilienakademie und Lehrstuhlinhaber für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg.
IREBS Immobilienakademie GmbH, Kloster Eberbach, 65346 Eltville
Telefon: 06723 9950-30
E-Mail: tobias.just@irebs.de
www.irebs-immobilienakademie.de

China: Weiterer Aufstieg oder Spitze erreicht?

von Péter Oszlay, Chief Investment Officer Erste AM Hungary.

Für alle diejenigen, die mutig genug sind, langfristige Meinungen über die Weltwirtschaft zu formulieren, ist die zukünftige Rolle Chinas einer der bedeutendsten Faktoren.

Die Frage ist weit davon entfernt, ein Spezialthema für gut unterrichtete Insider zu sein. Die ansteigende internationale Präsenz und der Einfluss Chinas ist mittlerweile gut belegt, zumal der Weltmarkt mit Konsumgütern „Made in PRC“ überschwemmt wurde und Chinatowns in vielen städtischen Gebieten auf der Welt gleichsam aus dem Nichts entstanden sind.

Auf Basis von Kaufkraftparitäten ist China bereits Nummer 1

Auf Basis von Kaufkraftparitäten ist China mit einer jährlichen Wirtschaftsleistung von 27,3 Billionen USD bereits die größte Volkswirtschaft der Welt und liegt damit laut IWF um 20% über der Vergleichszahl aus den USA. In nominellen Zahlen auf US-Dollar-Basis liegen die USA nach wie vor vorne, und das chinesische BIP beträgt zwei Drittel jenes der USA.

Aber der Abstand wird seit vielen Jahren geringer, und der Verlust des Nummer 1-Status ist für die USA nach etwa 150 Jahren ein durchaus realistisches Langfrist-Szenario.

Viele sind der Überzeugung, dass es sich bei diesem Szenario um eine unabwendbare Tatsache handelt, da der Aufstieg Chinas weitergehen wird. Es stellt sich allerdings die Frage, ob diese Erwartungen auf Fundamentaldaten beruhen oder einfach eine Extrapolation vergangener Trends darstellen.

So manch einer wird sich an eine ähnliche Geschichte aus den 1980ern erinnern, als das Wirtschaftswunder Japan ein heißes Thema war und viele US-Unternehmen in Sorge darüber waren, ihre Vormachtstellung gegenüber ihren japanischen Wettbewerbern zu verlieren. Dieser von vielen erwartete Paradigmenwechsel fand aber nie statt, da der japanischen Wirtschaft in den frühen 1990ern die Luft ausging.

Size matters“

Natürlich könnte es diesmal anders sein. Zunächst muss man festhalten, dass in diesem Fall die Größe wirklich von Bedeutung ist. Mit der weltgrößten Bevölkerungsanzahl und steigender geopolitischer Bedeutung befindet sich China in einer besseren Position, die USA und deren Hegemonie herauszufordern, als es Japan jemals war.

Viele von uns glauben, dass in zehn Jahren chinesische Unternehmen den Markt in diversen zukunftsorientierten Branchen dominieren werden (Biotechnologie, Telekommunikation, Cloud-Technologie, Robotik, alternative Energien). Daher könnte China nicht nur die größte Volkswirtschaft der Welt sein, sondern seine Unternehmen könnten den Markt mit ihrem Know-how dominieren.

Wirtschaftsmacht – Ranking

Quelle: https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)30677-2/fulltext

“Peak China”-Szenario

Andere von uns sind sich nicht so sicher. Die Wahrscheinlichkeit eines „Peak China“-Szenarios nimmt zu und geht von deutlichem Gegenwind für zukünftige chinesische Aufholbestrebungen aus. In der Tat sieht man, dass viele der Faktoren, die in den letzten 50 Jahren die Treiber des chinesischen Projekts waren, nunmehr ins Stottern gekommen sind bzw. sogar den Rückwärtsgang eingelegt haben.

Sehen wir uns beispielsweise die Bevölkerung an, welche mit 1,4 Milliarden die größte der Welt ist. Neueste Trends sind nicht allzu positiv bezüglich einer steigenden Bevölkerungszahl: In den letzten 30 Jahren hat sich das Bevölkerungswachstum von 1,8% auf 0.4% verringert und sinkt weiter.

Während derselben Periode ist das Alter im Median von 25 auf 38 Jahre gestiegen. Laut den jüngsten Schätzungen wird die chinesische Bevölkerung bald hinter jener von Indien zurückfallen und gegenüber jener aus den USA schrumpfen.

Ein neuer kalter Krieg?

Ein weiteres Beispiel ist der Welthandel, der in den letzten 50 Jahren stark angestiegen ist und China zu einem Zentrum der globalen Produktion gemacht hat. Fallende Transport- und Kommunikationskosten ermöglichten eine rasche Globalisierung. Allerdings hat sich das Wachstum globaler Handelsvolumina im letzten Jahrzehnt deutlich verringert.

Die derzeitige COVID-Pandemie wird vermutlich weitere Herausforderungen schaffen, da Regierungen und Unternehmen ihre Lieferketten einer Neueischätzung unterziehen werden, um Unterbrechungsrisiken gering zu halten.

Spannungen zwischen den USA und China sind auch nicht gerade hilfreich. Wir gehen davon aus, dass sich selbige in den kommenden zehn Jahren weiter verschärfen werden, ungeachtet dessen, wer in Washington und Peking an den Hebeln der Macht sitzt.

In der Tat ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass diese Spannungen in eine Art kalten Krieg münden werden, zwar ohne direkte militärische Konfrontation zwischen den beiden Ländern, aber mit Blockbildungen und eventuell sogar Stellvertreterkriegen.

Der chinesischen Regierung kommt eine Schlüsselrolle zu

Natürlich weiß die chinesische Regierung seit geraumer Zeit, dass sich die Wirtschaft nicht mehr auf dieselben Faktoren verlassen kann, um ihr exorbitantes Wachstum aufrecht zu erhalten. Daher werden enorme Anstrengungen unternommen, um die Hauptreiber der wirtschaftlichen Expansion in Richtung Inlandskonsum, Technologie und Innovation zu verlagern und so die berühmte Falle des mittleren Einkommens zu vermeiden, aus der es für viele andere Länder kein Entrinnen gab.

Obwohl wir bereits einige vielversprechende Ergebnisse gesehen haben, bestehen Zweifel hinsichtlich des langfristigen Erfolgs dieses Projekts. Die Kräfte des freien Marktes sind nach wie vor beschränkt, und die Volkswirtschaft unterliegt noch immer zentraler Planung, was zu groben Ineffizienzen, der Fehlallokation von Ressourcen, Überkapazitäten in verschiedenen Segmenten, der Schaffung von Zombieunternehmen und Problemen hinsichtlich der nachhaltigen Strukturierung von Fremdkapital führt.

Es ist nicht gesagt, dass marktorientierte Reformen, wie sie in den 1970ern begonnen wurden, weitergeführt werden. Ganz im Gegenteil: es besteht allerorts die Sorge, dass das Regime unter der Führung Xi Jinpings autoritärer wird.

Chinesische Anlagegüter beeinflussen die Anlageverwaltung

Aus Anlegersicht kann man China und seinen Einfluss auf die Weltwirtschaft und Märkte in den kommenden zehn Jahren nicht ignorieren, egal, welches Szenario eintritt. Chinesische Anlagegüter verdienen jetzt und zukünftig den Status einer eigenen Klasse, sowohl in den Gedanken der Investoren als auch in der Produktpalette der Investmentgesellschaften.

Allerdings gilt jetzt mehr denn je: die vergangene Wertentwicklung ist kein Indikator für die zukünftige Performance.


Alle Artikel unserer neuen Serie “ Longterm Outlook“: https://blog.de.erste-am.com/dossier/longterm-outlook/

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Sollten wir uns über Reinfektionen Sorgen machen?

von Markus Auer, Discretionary Portfolio Management der Erste AM.

Kürzlich tauchte der erste dokumentierte Fall einer offenbaren Reinfektion mit SARS-CoV-2 in Hongkong auf. Einen Tag später meldeten auch Belgien und die Niederlande jeweils eine Reinfektion. Ist es an der Zeit, sich über die erworbene Immunität und die Wirksamkeit des Impfstoffs Sorgen zu machen? Es gibt drei Szenarien, wie sich dies entwickeln könnte.

Szenario 1: Schlechte Tests – keine Sorge

Selbst der am weitesten fortgeschrittene PCR-Test zur Diagnose von Covid-19 ist mit einer falsch-positiven Rate von 0,08% bei weitem nicht perfekt. Da einer von 125 Tests ein falsches Positiv ergibt, ist es nicht schwer, sich ein Szenario vorzustellen, in dem jemand als reinfiziert erklärt wird, obwohl die Person in Wirklichkeit entweder noch kein Covid-19 hatte oder/und es jetzt nicht hat.

Selbst bei zwei Tests ist die Wahrscheinlichkeit eines doppelten falsch-positiven Ergebnisses mit 1 zu 15 000 Fällen immer noch groß. Die Chancen für ein dreifach falsches Positiv liegen bei 1 zu 2 Millionen. Da Millionen Menschen weltweit infiziert sind, die Falsch-Positiv-Rate manchmal bis zu 4% beträgt und es keine Möglichkeit gibt, eine vermeintliche Primärinfektion zu überprüfen, ist es ziemlich überraschend, dass wir nicht schon früher mehr „Reinfektionen“ gesehen haben.

Szenario 2: Keine Absolutheit im wirklichen Leben – keine Sorge

Die reale Welt ist chaotisch und funktioniert nicht in Absoluten. So wie es wahrscheinlich nie einen 100% wirksamen Impfstoff geben wird, ist es unvernünftig anzunehmen, dass es bei Millionen von Infizierten nicht einen kleinen Prozentsatz von Menschen geben wird, die aufgrund einer Kombination von bisher unbekannten Umweltfaktoren, Komorbiditäten und einfachem Pech keine Immunität gegen SARS-CoV-2 entwickeln werden.

Selbst bei Masern, einer Krankheit, von der bekannt ist, dass sie nach einer Infektion oder Impfung eine lebenslange Immunität hervorruft, gibt es seltene berichtete Fälle von Reinfektionen (neuere Beiträge dazu in Clinical and Vaccine Immunology und NEJM).

Szenario 3: Kurze Immunität – ein wenig Sorge

Abgesehen von dem katastrophalen Szenario einer verstärkten Reinfektion, wie es beim Dengue-Fieber beobachtet wird, wofür wir keine Indizien haben, würde der schlimmste Fall nahe legen, dass die Immunität gegen SARS-CoV-2 nur von kurzer Dauer ist (6-12 Monate).

Dies bedeutet nicht automatisch, dass Impfstoffe nicht in der Lage sind, eine länger anhaltende Immunität hervorzurufen. Im Gegensatz zur Grippe scheint SARS-CoV-2 nicht viel zu mutieren, und der wahrscheinliche Grund dafür, dass die Immunität kurzlebig sein könnte, ist, dass der Körper die entsprechenden Antikörper nicht aufrechterhält. Dies impliziert, dass eine größere Dosis des Impfstoffs oder jährliche Auffrischungsimpfungen desselben Impfstoffs ausreichen könnten, um das Problem zu lösen.

In diesem Fall wird die Bekämpfung der Pandemie eher zu einem logistischen als zu einem medizinischen Problem. Im Falle von Auffrischungsimpfstoffen müssten die weltweiten Produktionskapazitäten für Impfstoffe erheblich ausgebaut werden, um jährlich 6-7 Milliarden Menschen impfen zu können.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass es keinen Grund zur Annahme gibt, dass die drei bisher bekannten Fälle mehr als Ausreißer sind, es sei denn, wir sehen einen massiven Anstieg von Hunderten von gemeldeten Reinfektionsfällen. Ein Ende der Pandemie und eine solide wirtschaftliche Erholung auf mittlere Sicht sind nach wie vor das wahrscheinlichste Szenario.


Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

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„Kryptowährungen als Vorboten für eine völlig neue Assetklasse"

„Kryptowährungen werden zunehmend zu einer anerkannten Anlageklasse, weshalb viele Anleger diese als eine alternative Anlagemöglichkeit mit erheblichem Performance- und Diversifikationspotenzial betrachten“, betont Felix Fernandez, CEO von OpenMetrics und Referent beim 177. Hedgework. Im Interview erklären er und Dr. Tobias Setz, CTO, wie sich Kryptowährungen in traditionelle Anlageportfolios integrieren lassen.

HEDGEWORK: Herr Fernandez, das allgemeine Interesse an Kryptowährungen hat – nicht zuletzt durch den deutlichen Wertverlust des Bitcoin – zuletzt spürbar nachgelassen. Zu Recht, oder zu Unrecht?

Fernandez: Ich denke, man kann zunächst zu Recht von einer Ernüchterung der Investoren sprechen. Das historische Interesse an Kryptowährungen war primär durch die ungewöhnlich hohen Renditen in der Vergangenheit getrieben und dies hat Investoren dazu bewogen, sich zu engagieren und die ebenfalls hohen Risiken hinzunehmen. Für einige Zeit haben die großen Kryptowährungen allerdings faktisch keine bzw. eine negative Rendite bei immer noch relativ hohen Risiken gezeigt. Insofern ist es verständlich, dass der ursprüngliche Hype etwas nachgelassen hat.

HEDGEWORK: Welche Bedeutung messen Sie Kryptowährungen bei?

Setz: Aus einer rein quantitativen Sicht zeigen Kryptowährungen einen gewissen Diversifikationseffekt bzw. Ertragspotenzial und können daher eine sinnvolle Ergänzung für ein Multi-Asset-Portfolio sein, sofern man die Risiken aktiv steuert. Meines Erachtens sind Kryptowährungen nur die Vorboten für eine völlig neue Assetklasse – der Digital Assets – und daher vermutlich nicht mehr wegzudenken. Allerdings sehe ich diese digitalen Assets im Wesentlichen als eine Erweiterung des bestehenden Investmentuniversums und nicht als Ersatz für bestehende Assetklassen. Langfristig jedoch sollte man Kryptowährungen als neue, eigenständige Assetklasse betrachten und sich mit einer sinnvollen Integration in Investoren-Portfolios beschäftigen.

HEDGEWORK: Sind Kryptowährungen auch ein Thema für institutionelle Anleger?

Fernandez: Sofern regulatorisch zugelassen, grundsätzlich ja. Hinreichende Marktreife, also Liquidität und ein transparenter Handel, sind dabei die Grundvoraussetzung. Zudem wären liquide Derivate ein Muss, um die notwendige Risikosteuerung für größere Portfolios effizient umsetzen zu können.

HEDGEWORK: Auf welche Unterschiede bei den einzelnen Kryptowährungen sollte man achten?

Fernandez: Wenn es nicht nur um experimentelles Investieren in das breite Universum von hunderten von Kryptowährungen geht, dann spielen meiner Ansicht nach Marktkapitalisierung und transparenter Handel die zentrale Rolle. Technische Unterschiede mögen die zukünftige Entwicklung der einzelnen Kryptowährungen beeinflussen, aber aus Sicht eines Investors zählt primär die Nutzung als zuverlässig investierbares Asset.

HEDGEWORK: Welche Art, in Kryptowährungen zu investieren, empfehlen Sie?

Fernandez: Ich denke, für einen Großteil der Investoren ist ein direktes Investment in einzelne Kryptowährungen vermutlich zu komplex und von der Abwicklung her risikobehaftet. Insofern würde ich empfehlen in 1:1-Proxys, also Index-Tracker ETFs oder Zertifikate zu investieren, die liquide sind und transparent gehandelt werden. Sofern man das Risikomanagement nicht selbst machen kann oder möchte, sollte man sich nach Anbietern von risikogesteuerten Indizes umsehen, entweder auf einzelne Kryptowährungen oder entsprechende Baskets.

HEDGEWORK: Sie betonen die Diversifikationseigenschaften von Kryptowährungen. Wie genau sehen die aus?

Setz: Langfristig betrachtet zeigt etwa der Bitcoin eine geringe Korrelation zu Aktienmärkten (ca. 0,24) und kaum eine Korrelation zu Gold (ca.0,07). Allerdings sind Korrelationen nicht stabil, gerade in der aktuellen Krise haben Kryptowährungen die Abwärtsbewegung des Aktienmarktes Anfang 2020 faktisch mitgemacht. Insofern muss man sich das immer in einem Portfoliokontext und möglichst langfristig ansehen. Die Korrelationen zwischen liquiden Kryptowährungen sind tendenziell hoch und bewegen sich bei negativen Marktbewegungen weitgehend im Gleichklang miteinander. Hier ist meiner Einschätzung nach der Diversifikationseffekt eher gering. Zukünftig wird sich zeigen, ob sich im wachsenden Universum von Krypto-Assets weitere, liquide Instrumente mit Diversifikationspotenzial entwickeln.

HEDGEWORK: Wie lassen sich diese Vorteile noch nutzen?

Setz: Wie bereits beschrieben, erscheint es – zumindest historisch betrachtet – sinnvoll, Kryptowährungen in Multi-Asset-Portfolios zu integrieren. Bei richtigem Einsatz bzw. in Kombination mit einer dedizierten Risikosteuerung kann man bei begrenzter Down-Side ein signifikantes Up-Side-Potenzial generieren.

HEDGEWORK: Haben Sie damit bereits Erfahrungen vorzuweisen?

Fernandez: Wir beschäftigen uns seit mehreren Jahren mit der Risikosteuerung von unterschiedlichsten Assetklassen und haben dies für Kryptowährungen in den letzten zwei Jahren intensiv untersucht. Hierzu sind wir seit Anfang 2020 mit führenden Anbietern im Austausch und arbeiten konkret an investierbaren Krypto-Indizes bzw. durch Kryptowährungen ergänzte Multi-Asset-Portfolios für unsere Kunden.

HEDGEWORK: Welchen Anlegergruppen empfehlen Sie den Einsatz von Kryptowährungen?

Fernandez: Reinsortige Kryptowährungen sind nach meiner Ansicht nur etwas für professionelle Investoren bzw. Asset-Manager, die in der Lage sind, die damit verbundenen Risiken sinnvoll zu managen. Privatanleger sollten – in einem seriösen Anlagekontext – Kryptowährungen nur als kleine Beimischung zu ihrem Gesamtportfolio sehen, am besten in einem liquiden, börsengehandelten Proxy mit Risikosteuerung.

HEDGEWORK: Welche Ergebnisse lassen sich damit erwarten?

Fernandez: Langfristig zeigt eine risikokontrollierte Beimischung von Kryptowährungen zu einem Multi-Asset-Portfolio aus Aktien, Anleihen und Edelmetallen eine potenziell hohe Up-Side mit einer relativ geringen Down-Side. Seit 2018 befinden wir uns bei den großen Kryptowährungen allerdings in einer eher negativen Seitwärtsphase. Nichtsdestotrotz: Sollten die Kryptowährungen wieder an Wert steigen, kann eine sinnvolle und risikokontrollierte Beimischung die Gesamtrendite eines Portfolios erheblich verbessern, ohne dass insgesamt die Risikoparameter signifikant zunehmen. Im Übrigen: Wer sich für konkrete Use-Cases interessiert, findet auf unserer Website einige unserer Publikationen dazu.


Die Aufzeichnung des 177. Hedgeworks können Sie hier herunterladen.

Felix Fernandez hat ein Diplom in technischer Informatik von der Fachhochschule Frankfurt mit der Spezialisierung auf Software-Simulationsumgebungen. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Börsenbranche bei der Deutschen Börse AG und war Anfang 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Rmetrics Association Zürich tätig. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit dem Transfer von akademischen Forschungsergebnissen in reale Anwendungen für die Finanzindustrie. Seit November 2016 ist er als CEO von OpenMetrics Solutions verantwortlich für die Geschäftsleitung und Produktentwicklung.

Dr. Tobias Setz hat einen Master-Abschluss in Computational Science and Engineering (mit einer Spezialisierung in theoretischer Physik und Finanzmathematik) sowie einen Doktortitel in Physik von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Seine Dissertation schrieb er am Institut für Theoretische Physik innerhalb der Econophysics Gruppe. Er ist Co-Autor mehrerer Artikel und Bücher und war langjähriger Betreuer der Rmetrics Open Source Software-Bibliotheken. Seit November 2016 ist Tobias der Hauptarchitekt des Technologie-Frameworks von OpenMetrics Solutions und verantwortlich für die Implementierung von State-of-the-Art-Lösungen für Investment-Professionals.

OpenMetrics ist ein 2016 gegründetes ETH Spin-Off mit Schwerpunkt auf fortschrittlichen statistischen Methoden und Financial Engineering, das führende institutionelle Investoren und Vermögensverwalter in den Bereichen Risikosteuerung und Portfoliomanagement berät. Die Methoden und Verfahren werden als Saas Risiko- und Portfoliomanagement angeboten, damit können Marktteilnehmer diese sehr schnell in ihre internen Prozesse und Systeme integrieren. Die Basistechnologien von OpenMetrics basieren auf der neuesten wissenschaftlichen Forschung der ETH Zürich und angeschlossener Universitäten. Großer Wert wird dabei auf einen kontinuierlichen Transfer von akademischer Forschung in finanzmarktrelevante Produkte und Dienstleistungen gelegt. 

Rochade im Dow Jones

Am Montag vor Handelsstart gibt es gleich mehrere Änderungen im Dow Jones: Die Aktien des Softwarekonzerns Salesforce, des Biotech-Unternehmens Amgen und des Mischkonzerns Honeywell werden neu in den berühmtesten Aktienindex der Welt aufgenommen.

Die Ölfirma Exxon Mobil, die Pharmafirma Pfizer und der Rüstungs- und Luftfahrtkonzern Raytheon müssen den Dow im Gegenzug verlassen. Auslöser der Rochade ist der Aktiensplit der kürzlich auf Rekordhochs gestiegenen Apple-Aktie, der ebenfalls am Montag vollzogen wird.

Die Aktien des iPhone-Herstellers haben zuletzt rasant zulegt und damit Börsengeschichte geschrieben. Zum ersten Mal war ein US-Unternehmen am Aktienmarkt über zwei Billionen US-Dollar wert. Angesichts dieses Kursanstiegs will Apple jetzt seine Aktien in kleinere Einheiten splitten.

Jeder Inhaber einer „alten“ Apple-Aktie, erhält vier neue Aktien. Die Aktienzahl vervierfacht sich damit, der Kurs der Aktie viertelt sich im Gegenzug. Mit solchen Splits wollen Unternehmen stark gestiegene Aktien leichter handelbar machen. Außerdem werden die Titel damit auch psychologisch günstiger. Viele Kleinanleger scheuen sich etwa davor, Aktien, die mehrere hundert Dollar wert sind, zu kaufen.

Gewichtung von Apple sinkt auf ein Viertel

Mit dem Split sinkt aber auch die Gewichtung der Apple-Aktie im Dow Jones auf ein Viertel. Denn der zweitälteste US-Börsenindex ist verhältnismäßig einfach gestrickt und als sogenannter „Kursindex“ konzipiert. In andere Worten: Der Index ist im Prinzip quasi ein arithmetischer Durchschnittswert der Kurse der in ihm enthaltenen Aktien.

Lediglich ein Berichtigungsfaktor für den Gesamtindex sorgt dafür, dass der Dow auch bei Änderungen keinen „Knick“ aufweist. Anders als bei anderen bekannten Aktienindizes werden Marktkapitalisierung, Dividenden, Aktiensplits und ähnliches nicht durch entsprechende Korrektur- oder Gewichtungsfaktoren der einzelnen Aktien berücksichtigt. Die absolute Höhe der Aktienkurse ist der einzige Einflussfaktor auf die Gewichtung im Dow.

Mit dem Höhenflug der Apple-Aktie ist damit auch ihre Gewichtung im Dow rasant auf zuletzt rund 12 Prozent gestiegen und machte sie zum mit Abstand wichtigsten Titel im Index. Mit dem Aktiensplit würde nicht nur die Apple-Gewichtung, sondern auch die Gewichtung des IT-Sektors generell im Dow stark sinken. Um diese Lücke zu schließen hat der Indexbetreiber S&P Dow Jones die am Montag anstehenden Indexänderungen beschlossen.

Änderungen sollen Bedeutung der boomenden IT-Branche im Index sichern

Die Rochade mit der Aufnahme von Salesforce soll laut S&P den Apple-Split kompensieren und dafür sorgen, dass der Dow auch weiterhin eine gutes Abbild der US-Wirtschaft darstellt. Und dort hat sich die Bedeutung der Branchen im Lauf der Zeit stark gewandelt.

Die Corona-Krise mitsamt Quarantänemaßnahmen und Home Office haben den Boom der IT-Unternehmen dabei noch weiter gestärkt. Nicht umsonst hat der technologielastige Nasdaq-Index zuletzt laufend neue Rekordstände erreicht, während Aktien klassischer Industriezweige deutlich schlechter abschnitten.

So konnte die Aktie des Dow-Neulings Salesforce seit Jahresbeginn schon rund 70 Prozent zulegen. Salesforce dominiert in den USA den Markt für Kundenmanagement-Software (CRM) und konnte mit seinen Cloud-Lösungen stark vom Trend zum Home-Office profitieren.

Unternehmen müssen nun verstärkt auf Rechnerkapazitäten und Anwendungen aus der Cloud setzen, damit Mitarbeiter aus der Ferne interagieren können. Das Unternehmen hat erst vor wenigen Tagen seinen Geschäftsausblick angehoben. Es erwartet nun für das laufende Geschäftsjahr (bis Jänner 2021) Erlöse zwischen 20,7 und 20,8 Milliarden Dollar und damit ein Plus von bis zu 22 Prozent.

Auch der Biotech-Konzern Amgen könnte von der Corona-Krise profitieren und hat nach einem überraschend guten Quartal seine Jahresprognose angehoben. Im zweiten Quartal ist der Umsatz von Amgen trotz der Corona-Pandemie um 6 Prozent auf 6,2 Mrd. Dollar gestiegen. Auch im Rennen um das Geschäft mit Coronavirus-Medikamenten will Amgen mitmischen.

Essenszulieferer Delivery Hero ersetzt Wirecard im DAX

Nicht nur im Dow, auch im DAX kam es zuletzt zu einer Änderung. Seit einer Woche ist der deutsche Essenslieferdienst Delivery Hero im deutschen Leitindex enthalten und ersetzt damit den wegen eines Bilanzskandals insolventen Zahlungsabwickler Wirecard. Wie die IT-Branche zählen auch Essenlieferdienste zu den Profiteuren der Coronapandemie. So stieg der Segmentumsatz bei Delivery Hero dank des Bestellbooms in der Coronakrise im ersten Halbjahr um 94 Prozent auf fast 1,1 Mrd. Euro. Allerdings schreibt das 2011 gegründete Unternehmen noch rote Zahlen und das laufende Geschäft deckt bisher die Kosten nicht.

Delivery Hero betreibt in mehr als 40 Ländern Bestellplattformen für Essen lokaler Anbieter. Trotz der Verluste setzt der Lieferdienst seine Einkaufstour in der Welt fort und hat zuletzt den Online-Lebensmittelmarktplatz Instashop aus Dubai übernommen.


Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

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