Die Ernährung der Zukunft – wird Fleisch zum nächsten Stranded Asset?

Ein Beitrag von Damian Pilka, Spezialist Investmentfonds, anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober 2019 zu Problemen in der Landwirtschaft. Der zweite Teil des Beitrags zu Lösungen und Produkten folgt in der kommenden Woche.

In der öffentlichen Debatte über Maßnahmen gegen den Klimawandel diskutieren Politiker*innen und Expert*innen besonders gerne über den Ausbau der Erneuerbaren Energie und den Verzicht auf Kohle sowie den Umstieg auf das Elektroauto. Doch mit E-Autos allein, die mit 100 Prozent Solar- oder Windstrom angetrieben werden, wird der Wandel zu einer CO2-neutralen Wirtschaft nicht gelingen. Eine ebenso große Herausforderung ist die Art und Weise, wie wir Nahrung produzieren. Denn in der Landwirtschaft liegen die CO2-Emissionen in etwa achtmal höher als im gesamten privaten Verkehr und fast doppelt so hoch wie im gesamte Transportsektor.

Die gute Nachricht: Es scheint sich in der Branche etwas zu ändern, haben doch Discounter wie Lidl oder Aldi immer mehr Öko-Produkte oder vegane Lebensmittel im Angebot. Am Kapitalmarkt feierte das amerikanische Unternehmen Beyond Meat, ein Hersteller veganer Burgerpatties aus Erbsenproteinen, jüngst ein vielbeachtetes Börsendebüt. Die schlechte Nachricht: Weltweit gibt es eine langfristige Tendenz zu mehr Fleischkonsum, Fettleibigkeit und ungesundem Essen. Angesichts dieser Relevanz und Widersprüchlichkeit lohnt ein näherer Blick: Wie wird sich die Ernährung ändern? Geht es um Anpassungen oder grundlegenden Wandel? Und welche Branchen sind davon genau betroffen? Ist die Fleischproduktion, wie wir sie heute kennen, vielleicht gar das nächste Stranded Asset aus Investorensicht?


Abbildung 1: Quelle EPA: https://www.epa.gov/ghgemissions/global-greenhouse-gas-emissions-data

Teil 1: Die Landwirtschaft der Gegenwart: Probleme über Probleme


Tierproduktion mit höchstem Flächenverbrauch

2000m² - das ist die Anbaufläche, die jedem Menschen auf der Welt rechnerisch zur Verfügung steht. Die Formel dahinter ist einfach: Die Gesamtfläche landwirtschaftlich nutzbarer Fläche, das sind ca. zwei Drittel der Landmasse, geteilt durch die Weltbevölkerung. Auf dieser Fläche lassen sich 8.500kg Kartoffeln, 2.500kg Bohnen oder Futtermittel für 250kg Fleisch anbauen. Von den Kartoffeln werden 9 Menschen durchschnittlich satt, vom Fleisch nicht einmal ein einziger Mensch. In der Praxis wird die landwirtschaftliche Fläche ungleich genutzt. Mehr als 40 Prozent wird für die Nutztierhaltung benötigt, nur 7 Prozent dagegen für die Herstellung pflanzlicher Produkte. Dabei liefern pflanzliche Produkte 80 Prozent die für Menschen nötige Energie und sogar 70 Prozent der nötigen Proteine.


Abbildung 2: Quelle: Our World in Data Base on UN Food and agricultural Organization (FAO) Statistics https://ourworldindata.org/uploads/2013/10/Land-use-graphic-01-01-01.png 

Hohe CO2-Emissionen in der Rindertierhaltung

Es ist also vor allem die Nutztierhaltung, für die der Großteil der Fläche verbraucht wird – und die auch eine Vielzahl an Problemen verursacht. Mehr als 80 Prozent der gerodeten Waldflächen werden zur Produktion von Rindfleisch genutzt. Das Ausmaß dieser Zerstörung ließ sich im Sommer in Brasilien beobachten. Neben sozialen Folgen wie der Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen oder unrechtmäßiger Landnahme ist auch die ökologische Bilanz verheerend. Statt dass diese mit hoher Biodiversität gesegneten Flächen Kohlenstoffdioxid binden, dient das dort angebaute Soja in der Regel als Futtermittel für Tiere in der Massentierhaltung und führt zu erheblichen Treibhausgasemissionen. So werden beim Anbau der Futtermittel massiv Pestizide und Düngemittel eingesetzt. Das Futtermittel muss transportiert werden. Und schließlich produziert eine Kuh in der intensiven Massentierhaltung 2-5 Tonnen CO2-Äquivalente. Zur Veranschaulichung: Weltweit gibt es zwischen 1-1,4 Milliarden Kühe. Das entspricht Treibhausgasemissionen 2-6 Mrd. Tonnen CO2. Der jährliche CO2-Ausstoß von Deutschland beträgt im Vergleich 800 Mio. Tonnen.


Abbildung 3: Emission der Länder Quelle: https://www.climatewatchdata.org/ghg-emissions?gases=178&source=43
Anzahl der Kühe: https://www.statista.com/statistics/263979/global-cattle-population-since-1990/ https://www.dw.com/en/roughly-15-billion-cows-on-the-planet/a-39865474
Methan je Kuh: Journal of Environmental Protection http://file.scirp.org/Html/4-6702462_51796.htm

Weitere Folgen: Gesundheitsschäden, Tierwohl, prekäre Arbeitsverhältnisse, Stress

Nicht nur aus klimatischer oder ökologischer Sicht ist die Tierproduktion bedenklich. Verarbeitetes Fleisch (Geräuchertes Fleisch, Salami, usw.) wurde von der Weltgesundheitsorganisation als ebenso krebserregend wie z.B. Asbest oder Tabak eingestuft. Der hohe Gehalt an gesättigten Fettsäuren (insbesondere in Milch- und Eierprodukten) erhöht die Risiken für Herz- und Kreislauferkrankungen und für Insulinresistenzen, besser bekannt als Diabetes Typ II. Die Behauptung, Fleisch oder tierische Produkte wären für die menschliche Ernährung notwendig, ist wissenschaftlich nicht mehrheitsfähig. Laut vieler Ernährungsgesellschaften (insbesondere der großen US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics) ist eine pflanzliche Ernährung in allen Lebensabschnitten für eine ausreichende Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen geeignet. Der Konsum von tierischen Produkten ist damit eine Wahl, keine Pflicht.

Auch stellt sich die ethische Frage nach dem Tierwohl. In der von Wissenschaftlern verfassten „Cambridge Declaration on Consciousness” heißt es, dass „nicht-menschliche Tiere“ die gleiche Wahrnehmung des Bewusstseins haben wie Menschen. Damit wurde explizit nicht ausgedrückt, dass Tiere menschliche Intelligenz aufweisen, jedoch in der Lage sind zu fühlen und sich ihrer Selbst bewusst sind. Obwohl es für die Gesundheit also nicht notwendig ist und zudem enorme Ressourcen verbraucht, ist die industrialisiere Tötung von empfindungsfähigen Wesen gesellschaftlich akzeptiert. Jede Sekunde werden 20 Tiere in Deutschland geschlachtet. Insbesondere die Zustände in der Massentierhaltung widerlaufen aufs Extremste der Deklaration. Denn dort werden systematisch Ferkel ohne Betäubung kastriert, männliche Küken bei vollem Bewusstsein ebenso wie hochschwangere Milchkühe getötet oder für Kosmetische Zwecke Tierversuche unternommen.

Hinzu kommt, dass die Angestelltenverhältnisse vieler Mitarbeiter*innen in Schlachthäusern durch Werkverträge mit ausländischen Sub-Unternehmern prekär sind, sie häufig an Posttraumatischen Stress leiden. In keinen anderen Branchen ist die Quote höher als in der Fleischindustrie. Und bei all diesen Herausforderungen wurde immer noch nicht diskutiert, wie wir den Hunger in der Welt mit dieser verschwenderischen Produktion von Lebensmittel bekämpfen wollen.

Doch wie sehen Lösungen aus? Welche neuen Produkte und Anbieter drängen an den Markt? Welche Auswirkung kann dies auf die derzeitige Landwirtschaft haben? Lesen Sie dazu kommende Woche im zweiten Teil, wie sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahren verändern wird.


Damian Pilka ist seit 2013 als Wertpapierspezialist in der Angebotsentwicklung der GLS Bank tätig. Der ausge-bildete Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Finanzwirtschaft ist insbesondere für die Be-treuung und Auflage von Alternativen Investmentsfonds zuständig.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Wie die GLS Bank zu Ernährung und Landwirtschaft steht

Wie in ihren öffentlich zugänglichen Anlage und Finanzierungsbedingungen festgeschrieben, investiert in und finanziert die GLS Bank Unternehmen, die in der Erzeugung, Verarbeitung und dem Handel von und mit landwirtschaftlichen Produkten und gesunden Lebensmitteln gemäß den anerkannten Richtlinien der ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft tätig sind. Der Einsatz von Mineraldüngern, Pestiziden sowie gentechnisch veränderten Organismen, Massentierhaltung und industrielle Fleischverarbeitung sind durch diese Richtlinien ausgeschlossen. In ihren politischen Forderungen verlangt die GLS Bank eine konsequente Abgabe auf die Nutzung von Pestiziden und Stickstoffdünger. Sie unterstützt die Ackergiftkampagne des Bündnisses für enkeltaugliche Landwirtschaft.
Die GLS Bank ist in keinem der im Artikel erwähnten Unternehmen investiert (Stand 17.10.2019).