Digitalisierte Arbeitswelt

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Die analoge Welt der Vergangenheit ist im Wandel – Digitalisierung gilt als neuer Megatrend. Dabei wird der Terminus „Digitalisierung“ vor allem in zweierlei Kontext verwendet: Zum einen geht es um digitale Daten, deren Umwandlung und Darstellung sowie die digitale Weiterentwicklung, das digitale „Aufrüsten“ von Instrumenten und Geräten. Zum anderen ist die digitale Revolution ein viel diskutiertes Thema, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung betrifft, begleitet von Schlagwörtern wie „digitale Wende“ oder „Computerisierung“.

Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren zu vielfachen, grundlegenden Veränderungen im Wirtschaftsleben geführt, wie zur Vereinfachung von Kopier- und Distributionsmöglichkeiten von Inhalten, zur Verschmelzung von Virtualität und Realität und schließlich zu einer Neugestaltung der Arbeitswelt. Viele Unternehmen und Branchen wurden zu rigorosen Einschnitten und Anpassungsprozessen gezwungen – um beispielsweise gegenüber neuen Playern, die für ihr Unternehmen keine eigenen Gerätschaften, Fahrzeuge oder Immobilien benötigen, konkurrenzfähig zu bleiben. Als Beispiele für die – bedingt durch die Digitalisierung – neuen Rahmenbedingungen in der Wirtschaft seien der Aufstieg der sozialen Netzwerke sowie der Trend zu einerseits Automatisierung/Robotik und Künstlicher Intelligenz andererseits genannt.

Die Aspekte der Veränderung durch die Digitalisierung sind vielschichtig. Unternehmen, die hinter sozialen Netzwerken stehen, erstellen keine oder nur in geringem Ausmaß eigene Inhalte. Der von den Usern generierte Content wird analysiert und zur – für Werbezwecke verwendeten – Personalisierung genutzt. Hinter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ stehen eine fortschreitende Roboterisierung, automatisierte Prozessketten und das „Internet der Dinge“. Schließlich erlauben Big Data und Künstliche Intelligenz aktuelle und detaillierte Analysen in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

EINE NEUE ARBEITSWELT

Die Arbeitswelt wird immer digitaler und globaler, sie hat bereits einen dynamischen Wandel hinter sich und wahrscheinlich einen noch dynamischeren vor sich. Zu den zuletzt auch durch die Corona-Pandemie verschuldeten wesentlichen Änderungen der vergangenen Monate und Jahre zählen nicht nur massive Steigerungen bei E-Commerce, kontaktlosem Bezahlen und Essenszustellungen nachhause, sondern auch viele Aspekte der täglichen Arbeit, des täglichen Agierens auf geschäftlicher Ebene. Das oft zitierte und postulierte papierlose Büro scheint immer mehr Wirklichkeit zu werden, es eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten einer Zusammenarbeit „auf Distanz“.

INDIVIDUELLE ARBEITSEINTEILUNG

Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt zur verstärkten Möglichkeit einer individuellen Einteilung und Strukturierung der Arbeit. Diejenigen, die in der Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten sind, werden als „digitale Nomaden“ bezeichnet. Sie können von überall aus arbeiten und haben den Vorteil, nicht an stationäre Geräte gebunden zu sein. Aber für die meisten der täglich mit einem Computer arbeitenden Beschäftigten hat flexibles Arbeiten mittlerweile eine neue, wenngleich nicht derart ausgeprägte Dimension erreicht. Heimarbeit und Büroarbeit nebeneinander sind inzwischen auch von Seiten der Arbeitgeber immer mehr toleriert, teils sogar erwünscht. Man kann eine stete Weiterentwicklung weg von den klassischen Arbeitsmodellen, die bisher meist auf strikte Abläufe und Präsenzzeiten – man spricht oft von „9 to 5“-Jobs – gesetzt haben, beobachten.

HINDERNISSE BEI DER UMSETZBARKEIT VON HEIMARBEIT

Im Detail betrachtet, gibt es einige Hindernisse bei der Umsetzbarkeit einer digitalen Arbeitswelt zuhause. Denn der Trend zu Homeoffice oder Homeworking hat vielfältigste Aspekte, und nicht für alle Berufstätigen besteht überhaupt die Möglichkeit zur Heimarbeit. Unter dem finanziellen und damit sozialen Gesichtspunkt sind die Leistbarkeit von Raum und Equipment sowie die notwendige Ungestörtheit wesentliche Themen. Es stellt sich die Frage, ob der notwendige Raum für den Arbeitsplatz überhaupt vorhanden ist und wie die letztendlich großteils vom Arbeitnehmer bzw. von der Arbeitnehmerin zu finanzierende technische Ausstattung ausgestaltet ist, die ein effizientes Arbeiten zuhause überhaupt erst möglich macht. Zudem sind Ablenkungen durch Familie und Mitbewohner zum Teil schwer in den Griff zu bekommende Probleme.

VORTEILE UND CHANCEN

Zu den großen Vorteilen der Digitalisierung zählt zunächst die erhöhte Flexibilisierung, die nicht nur die Arbeitszeiten und das örtliche Umfeld, sondern den gesamten Arbeitsablauf betrifft. Diese neue Umfeldsituation kann zu besserer Motivation und zu einer Steigerung der Kreativität führen. Durch den Wegfall von Arbeitswegen ergibt sich eine mitunter deutliche Zeitersparnis, das Einsparen der Fahrzeit zum Arbeitsplatz bedeutet ein Mehr an Freizeit. Die vermehrte Anwesenheit zuhause und die Zeitersparnis können wiederum zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen.

SOZIALE FOLGEN

Mit der Digitalisierung wird die Arbeit dezentralisiert. Mitarbeitende erhalten die Chance, ihren Arbeitsalltag selbst zu bestimmen und zu gestalten, sie können nicht nur selbst festlegen, wann und wo sie arbeiten, sondern auch wie. Aber genau diese Entwicklung ist auch eine große Herausforderung an das eigene (Zeit-)Management.

Zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in Zusammenhang mit einem höheren Anteil an Homeworking zählt ein potenzieller Rückgang an sozialen Kontakten, da die Kommunikation teils erschwert ist oder aktiv gesucht werden muss. Damit verbunden ist das Risiko einer akzentuierten Vereinsamung. Dazu zählt auch der Effekt des „Cocoonings“, des Sich-Zurückziehens aus der Zivilgesellschaft in das häusliche Privatleben. Dieser Trend ist generell in als bedrohlich empfundenen Krisenzeiten verstärkt zu beobachten und wird durch die aktuelle Pandemie zusätzlich befeuert.

Das Auseinanderhalten von Arbeitszeit und Freizeit und die permanente Erreichbarkeit sind oft vor allem für an Homeworking nicht gewöhnte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Herausforderung. Oft ist der Arbeitsalltag nur mangelhaft strukturiert. Das physische Verlassen des Arbeitsplatzes als Signal zur Beendigung der täglichen Arbeit fällt weg, ein psychologisch gefährliches Kontinuum stellt sich ein.

Der Aufbau einer Teamkultur wird durch ein hohes Ausmaß an Heimarbeit konterkariert. Die Teammitglieder müssen sich stärker um Kontakte bemühen, die bei einer gemeinsamen Präsenz im Büro automatisch gegeben wären.

EFFIZIENZ

Ohne physische Nähe zu der Kollegenschaft effizient zu arbeiten, ist durch die verbesserten Möglichkeiten des externen Zugriffs auf Daten und Systeme mittlerweile sehr einfach geworden. Auch der Kommunikationsaspekt – verbal wie visuell – kann zumindest theoretisch bereits gut abgebildet werden. Die digitale Arbeitswelt unterstützt die bereits in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz zu flacheren Hierarchien, auch können sich bestehende Kompetenzprofile verändern.

IT-VERSTÄNDNIS

Voraussetzung für das effektive Arbeiten zuhause ist neben dem Vorhandensein einer entsprechenden IT-Infrastruktur das Verständnis der sich immer schneller weiterentwickelnden IT-technischen Systemlandschaft. IT-Schulungen haben in diesem Kontext einen noch höheren Stellenwert, vor allem Ältere sind mit den entsprechenden Skills auszustatten, um in der digitalisierten Arbeitswelt erfolgreich sein zu können. Dem für den extern Arbeitenden rund um die Uhr verfügbaren IT-Support kommt hohe Bedeutung zu.

ÖKOLOGISCHE ASPEKTE DER NEUEN ARBEITSWELT

Die technische Ausstattung zweier Arbeitsplätze für jeden Mitarbeiter birgt große ressourcentechnische Nachteile. Auf der anderen Seite hat der Wegfall der An- und Abreise zum Arbeitsplatz positive ökologische Aspekte. Vor allem der individuelle Straßenverkehr sollte durch den Trend zum Homeworking rückläufig sein.

Eine verbesserte IT-Landschaft, die bereits erwähnte Duplizierung der Arbeitsplätze, aber auch jede zusätzliche Datenspeicherung und jede Erhöhung der Serverkapazität bedeuten nicht nur einen immer größeren ökologischen Fußabdruck des technischen Equipments selbst, sondern auch immer höhere Aufwendungen an Energie. Dabei kann man zwischen dem Stromverbrauch der Datenzentren (Cloud), der Haushalte und Wirtschaft über Endgeräte und jenem des Internets unterscheiden. Vor allem der Energieverbrauch der Datenzentren ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Der IT-bezogene Stromverbrauch, also der gesamte Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), verursacht nach Schätzungen der französischen Non-Profit-Organisation „The Shift Project“1 etwa 3,7 % aller Treibhausgasemissionen weltweit, die Steigerungsraten betragen aber rund 9 % jährlich gegenüber einem Gesamtwachstum des globalen Stromverbrauchs von mittel- bis langfristig erwarteten 3 %2.

DIGITALISIERTE ARBEITSWELT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITS- DIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die fortschreitende Digitalisierung birgt zwar das Potenzial für die Effizienzsteigerung von Prozessen, andererseits wächst wachstumsbedingt der Energiebedarf der Informations- und Kommunikationstechnologien sprunghaft und bewegt sich deutlich über dem allgemeinen Wirtschaftswachstum.

S (Social)

Das Profitieren von der fortschreitenden Digitalisierung ist einerseits an eine geeignete IT-technische Ausstattung und andererseits an entsprechendes Know-how gebunden. Diese Kombination von höhere Einkommensschichten bevorzugenden Faktoren kann soziale Ungleichheiten verstärken.

G (Governance)

Digitalisierung und Datensicherheit sind zwei eng verwobene Themen. Regeln und Initiativen zum Thema Datensicherheit können sowohl von Unternehmens- wie auch von staatlicher Ebene kommen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist Digitalisierung ein wesentliches Zukunftsthema. Der Sektor IT ist in nachhaltigen Investments strukturell übergewichtet.


1) Quelle: https://theshiftproject.org/en/article/lean-ict-our-new-report/
2) Quelle: IEA, BP

„It's all about risks“: Absolut Return auf der Basis von Aquakultur

von Reinhard Liebing, Geschäftsführer der SUSTAINABLE INVESTING TRUST STEUERBERATUNGSGESELLSCHAFT mbH.

Durch Innovationen, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Elektrifizierung, Prozessoptimierung von CO2 intensiven Prozessen, und Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft kann eine nachhaltigere Zukunft gestaltet werden. Wie schnell und wie weit diese Veränderungen gehen werden, kann derzeit noch nicht gänzlich abgeschätzt werden. Das ökonomische und technische Umfeld steht vor größten Herausforderungen. Hinzu kommen das andauernde Niedrigzinsumfeld und die politischen Unsicherheiten sowie die Klimaveränderungen und ihre physischen Auswirkungen. Langfristige Trends wie das globale Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung, und die nachhaltige Ernährung können hierbei allerdings als eine Richtschnur dienen, um die Chancen der Veränderungen auch positiv zu begreifen.

Bevölkerungswachstum, Überfischung, und Aquakultur

Aktuell leben ca. 7,6 Mrd. Menschen auf unserem Planeten. 2030 werden es ca. 8,6 Mrd. Menschen sein. 2050 werden voraussichtlich ca. 9,8 Mrd. Menschen unseren Planten bevölkern. Ein Wachstum um ca. 30 % bei konstanten Ozeanen und Meeren.

Aufgrund der massiven Überfischung sind die Ozeane und Weltmeere an ihrer Grenze. Bedingt durch das Bevölkerungswachstum entsteht eine zunehmende Nachfrage nach Meeresfrüchten als wertvolle Proteinquelle. So wächst die Nachfrage nach Meeresfrüchten und Fisch aktuell doppelt so schnell wie die Zunahme des Bevölkerungswachstums.

Aquakultur gehört nach einem Research Dokument der Rabobank aus dem Jahr 2018 zu den schnellsten wachsenden Sektoren zur Erzeugung von tierischen Proteinen. In nur 6 Jahren hat sich der Wert seit 2010 bis 2016 um fast 100 Mrd. US$ auf ca. 232 Mrd. US$ erhöht (eine durchschnittliche Wachstumsrate von ca. 10 %). In den Jahren davor dauerte es 15 Jahre, für einen Zuwachs von ca. 94 Mrd. US$.

Zu den Zugangswegen für Investoren zählen insbesondere börsengelistete Gesellschaften, Direktbeteiligungen, oder Fondsinvestments. Allerdings ist das Universum der Fondsinvestments mit entsprechenden Managern noch überschaubar.

Mehr als die Hälfte der konsumierten Meeresfrüchte stammt heute bereits aus der Aquakultur. Die bisherige Aquakultur in Teichen und Seegehegen ist stark von den Umweltbedingungen abhängig und unterliegt in deren Folge hohen Produktionsschwankungen.

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen aus 2018 haben 93% der Wildbestände die maximale Fangquote erreicht. Folglich ist die Steigerung der Produktion von Meeresfrüchten aus Aquakultur unerlässlich, um die gestiegene Nachfrage von ca. 33 Mio. Tonnen pro Jahr bis 2030 befriedigen zu können.

Fische – effizient und nachhaltig aufzuziehende Tiere

Fische gehören zu den am effizientesten aufzuziehenden Tieren, da ihr Futterverwertungsverhältnis so niedrig ist. Das Futterverwertungsverhältnis ist die Futtermenge, die ein Tier benötigt, um ein Kilogramm Körpergewicht zu erreichen. Aufgrund jahrelanger Forschung über die spezifischen Ernährungsbedürfnisse ist der Atlantische Lachs heute das am effizientesten aufzuziehende Tier mit dem niedrigsten Futterverwertungsverhältnis. Typischerweise benötigt Atlantischer Lachs 1,15 kg Futter, um 1 kg Körpergewicht zu erreichen. Schweine brauchen mehr als doppelt so viel Futter wie Lachse, um 1 kg zuzunehmen, während Schafe fast sechsmal so viel fressen müssen.

Quelle: https://www.skretting.com/en/faq/how-much-wild-fish-is-needed-to-feed-farmed-fish/

Fisch hat auch einen relativ hohen Ernteertrag im Vergleich zu anderen Zuchttieren. Der Ernteertrag ist der Prozentsatz des Tieres, der nach der Entfernung ungenießbarer Teile genutzt werden kann. So hat beispielsweise atlantischer Lachs einen Ertrag von ca. 86%. Huhn hat im Vergleich dazu einen Ernteertrag von nur 47 %.

Lachsaufzucht in Off- und On-Shore Aquakulturen

Im Mittelpunkt der Off-Shore Aquakultur steht die Aufzucht des atlantischen Lachs. Lachse benötigen eine Wassertemperatur von 2-20 Grad Celsius. Daher kann Lachs nur in bestimmten Regionen der Welt, wie Norwegen, Schottland, Chile, und Kanada aufgezogen werden. Die Aufzucht der Lachse im Meer ist jedoch nicht unproblematisch. So werden gegen Parasiten wir die Lachslaus erhebliche Mengen an Chemikalien und Pestiziden eingesetzt, um diese zu bekämpfen. Nach vorliegenden Schätzungen werden von den Gestehungskosten für 1 Kilogramm Lachsfleich ca. 25 % für die Bekämpfung der Lachslaus im Meer aufgewendet. Darüber hinaus belasten die Exkremente der Lachsfarmen das Meerwasser. Aufgrund der Stürme auf See entkommen häufiger größere Fischmengen aus den Gehegen. So sind bei einem der letzten Stürme im August dieses Jahrs vor Schottland Lachsfarmen vom Weltmarktführer Mowi schwer beschädigt worden. Etwa 30.000 Lachse starben in Folge des Sturmes und ca. 50.000 Lachse entkamen aus den Netzen. Ähnliche Vorkommnisse vor Britisch Columbia haben dazu geführt, dass die kanadische Regierung plant die Genehmigungen für die Off-Shore Aquakultur vor Britsch Columbia einzustellen, da die Zuchtlachse für die Meere und die Wildlachse ernstzunehmende Belastungen darstellen. So weist der Premierminister Justin Trudeau in einem Schreiben vom 13. Dezember 2019 die Ministerin für Fischerei an, „mit der Provinz Britisch Columbia und den indigenen Gemeinschaften zusammen zu arbeiten, um einen verantwortungsvollen Plan für den Übergang von der offenen Netzgehe-Lachszucht in den Küstengewässern Britsch-Kolumbiens bis 2025 zu erstellen, und mit der Arbeit an der Einführung des ersten kanadischen Aquakulturgesetztes überhaupt zu beginnen.“

Eine Alternative zu der Off-Shore Aufzucht ist die landbasierte Aufzucht der Lachse in sogenannten Kreislaufanlagen, die bereits weltweit im Einsatz sind. Swiss Lachs, eine Indoor Lachsaufzucht im bündnerischen Misox, ist hierfür ein Erfolgsbeispiel, das aktuell sogar noch ausgebaut werden soll. Diese Kreislaufsysteme bestehen aus Aufzuchtbecken, die durch Rohre an ein Filtersystem (in der Regel Biofilter) miteinander verbunden sind. Wasser zirkuliert fortlaufend und bildet insoweit einen geschlossenen Kreislauf. Das Wasser wird ständig gefiltert und bei fortschrittlicher Technik ist nur ein minimaler Anteil an Wasser nachzufüllen. Pumpen lassen das Wasser zirkulieren und erzeugen in den Becken eine künstliche Strömung, die dem natürlichen Bewegungsdrang der Fische entgegenkommt. Durch die Abgeschlossenheit der Systeme wird sichergestellt, dass keine schädlichen Umwelteinflüsse auf die Tiere einwirken. Insofern bedarf es auch keiner Antibiotika und Zusatzstoffe wie Pestizide oder Hormone. Zugleich verbietet sich beim Einsatz von Biofiltern die Verwendung von Antibiotika.

Bislang wachsen alle geschlüpften Lachse zunächst an Land auf und werden erst später ins Meer ausgesetzt. Da in einigen Regionen der Welt mittlerweile keine weiteren Lizenzen für Off-Shore Lachsfarmen vergeben werden, wachsen die jungen Lachs in diesen Regionen der Welt nun schon fast 2 Jahre an Land auf, um die verbleibende Zeit bis zur „Ernte“ im Meer zu verbringen.

Aquakultur – Risikomanagement, Nachhaltigkeit, und Skalierbarkeit der Assetklasse

Bei landbasierten Kreislaufanlagen sind vier zentrale Risikotypen zu beachten:

  • Operationale Risiken, bspw. Technologische Probleme, Biologische Herausforderungen wie Krankheiten, Parasiten, Produktqualität wie Farbe, Geschmack, Struktur
  • Marketing und Vertriebsrisiken, wie Kundenakzeptanz, Preisrisiken, Vermarktungsrisiken
  • Regulatorische Risiken, wie Genehmigungen, Akzeptanz auf lokaler Ebene, Wasserver- und entsorgung
  • Finanzielle Risiken, bspw. hohe Investitionskosten und Profitabilität

Die meisten der vorstehenden Risiken lassen sich mit einem kompetenten und erfahrenen Team, einem passenden Standort und einem Industriepartner mit langjähriger Erfahrung in der Entwicklung und der Umsetzung von Aquakultur Kreislaufanlagen erfolgreich managen, wenn zudem ein starkes Business- und Marketing Konzept vorliegt.

In der Praxis sehen wir Projekte, bei denen nachhaltiger Landlachs unter Berücksichtigung der SDGs in Deutschland zu attraktiven Erträgen aufgezogen werden kann. Dieser Landlachs wächst bspw. in Ostdeutschland in Regionen auf, die hervorragende Wasserqualitäten und -mengen besitzen. Für geplante erste 5.000 Tonnen Jahresproduktionen liegen in dem Fall zudem schon schriftliche LOI´s für jährliche Abnahmemengen von über 7.000 Tonnen von größten deutschen Handelsorganisationen vor.

Fertigstellungsrisiken werden durch entsprechende Fertigstellungsgarantien bonitätsstarker Bauunternehmen abgesichert und der Betrieb der Anlagen in der Anlaufphase durch Funktionsgarantien von Weltmarktführern aus der Aquakulturindustrie reduziert.

Nachhaltig erzeugte landbasierte Lachsaufzucht mit skalierbarer erprobter Technologie für die Märkte der Regionen bittet attraktive Renditen mit einem hohen SDG Impact. Biosicherheit in Kombination mit Biofutter und Transparenz der Nahrungsmittelproduktionsketten lässt sich somit erreichen. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein kompetentes und erfahrenes Team, dass gemeinsam die Herausforderungen der Aquakultur managend. Wie die Covid 19 Pandemie zeigt, unterliegen ganze Wirtschaftsstrukturen wie Luftfahrt, Transport und Touristik biologischen Risiken, die durch entsprechende Hygienekonzepte gesteuert werden müssen. Eine ganzheitliche Betrachtung der wirtschaftlichen Eco-Systeme verknüpft mit den ökologischen Eco-Systemen vor dem Hintergrund der vorhandenen Megatrends ist ein Schlüssel in eine nachhaltigere Welt.

Adaption und der Klimawandel

von Dominik Benedikt, Senior Research Analyst der Erste Asset Management.

Gewisse Auswirkungen des Klimawandels könnten mit hoher Sicherheit eintreten, entweder weil die physikalischen Veränderungen schon zu weit fortgeschritten sind, um diese noch aufzuhalten, oder weil die Kosten um sie aufzuhalten exorbitant wären.

Dies ist der Grund, warum die internationalen Verträge wie das Klimaabkommen von Paris vom 1,5 – 2°C Ziel sprechen, aber niemals vom +/- 0°C-Ziel. Es geht darum den Klimawandel auf ein erträgliches Ausmaß zu beschränken, nicht (mehr) darum ihm gänzlich Einhalt zu gebieten. Wir müssen uns daher auf die neue Realität, wie im Weinbau, einstellen und uns dafür umstellen.

Die Prozesse dieser Umstellung werden unter dem Begriff Adaption zusammengefasst, dem letzten der fünf großen Themenblöcke des Erste Green Invest, die ich für Sie über die letzten Wochen beleuchten durfte. Während das Beispiel des Weinbaus gewissermaßen noch ein Luxusproblem umreißt, geht es in anderen Bereichen ums Überleben, wie in der Medizin und dem Küstenschutz.

Trockene Füße

Etwa zwei Drittel der Niederlande sind Überschwemmungsgebiet. Die modernen Schutzbauten gehen auf die 1920er Jahre zurück, selbst wenn die ersten Pläne dafür schon 17. Jahrhundert entstanden waren. Die so genannten Zuiderzeewerke trennten mit Hilfe hoher Dämme und Deiche die flachen Gewässer vor der niederländischen Küste von der Nordsee.

Durch den Bau von Poldern konnten beachtliche Landflächen gewonnen werden. Doch bereits 1937 stellte sich heraus, dass Teile der Schutzbauten unzureichend waren, ein Umstand den 1953 tausende Menschen mit ihrem Leben bezahlten. Die Niederlande antworteten mit dem Bau der noch fortgeschritteneren Deltawerke, die erst 1997 abgeschlossen wurden. Die Bauwerke wurden von der Amerikanischen Gesellschaft der Zivilingenieure sogar zu einem modernen Weltwunder erklärt.

Dennoch und trotz aller sukzessiven Verstärkungen der Schutzbauten, erkannten die niederländischen Ingenieure zuletzt, dass weiterhin Schwächen im Küstenschutz bestehen. Um den erwartbaren Folgen des Klimawandels – ein nur rund ein Meter höherer Meeresspiegel bis 2100 – zu widerstehen, müssen die aktuellen Dämme etwa auf die zehnfache Stärke ertüchtigt werden.

Andere Regionen können mit den gegenwärtigen Methoden nicht mehr geschützt werden. Stattdessen werden gewisse Gebiete aufgegeben und als Überflutungsbecken definiert. Das Ziel ist mit sanftem Küstenschutz dort Erfolg zu haben, wo die bisherigen schweren Verbauungen angesichts steigender Wasserspiegel nicht mehr funktionieren oder nicht mehr finanzierbar sind.

Unternehmen für Küstenschutz

Ein Unternehmen, das in diesem Bereich besonders aktiv ist, ist die niederländische Royal Boskalis, in die auch der ERSTE GREEN INVEST investiert ist. Das Unternehmen widmet sich allen Bereichen des Küstenschutzes. Es widmet sich insbesondere auch der Entwicklung neuer Lösungen sanften Küstenschutzes unter Berücksichtigung natürlicher Gegebenheiten, etwa durch künstliche Mangroven oder Korallenriffe.

Damit entstehen potentiell lebensrettende Antworten für ärmere Entwicklungsländer wie Bangladesch. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass das Land bis 2050 rund elf Prozent seiner Landfläche an das steigende Meer verlieren wird. Rund 15 Millionen Menschen werden durch diesen Anstieg des Wassers um nur 50cm ihre Heimat verlieren.

Aktuell arbeitet das Unternehmen an einem Pilotprojekt in Java, das als Low-Tech Lösung bei einer Vielzahl betroffener Küsten- oder Inselstaaten in Südostasien und Afrika dienen könnte, für die harte Verbauungen wie in den Niederlanden unfinanzierbar sind.

Adaption ist überall nötig

Viele Aspekte der Adaption stecken noch in den Kinderschuhen, werden aber mit Fortschreiten des Klimawandels immer bedeutender. Dies betrifft die Landwirtschaft und die damit verbundene Ernährungssicherheit, ebenso wie den Tourismus, gerade etwa in den Alpen.

Die Tropenmedizin wird durch die Ausbreitung von Tropenkrankheiten nach Europa an zentraler Bedeutung gewinnen, und die Pharmaforschung entsprechend umdenken müssen. Aber auch so banale Themen wie der steigende Bedarf an Klimatisierung verlangen nach neuen Lösungen, um nicht durch energiefressende Klimaanlagen, den Klimawandel noch zusätzlich zu befeuern.

All dies sind Risiken, aber auch Chancen, für jene Unternehmen, die dafür Lösungen liefern. Aktuell macht der Themenblock Adaption nur rund 9% des ERSTE GREEN INVEST aus. Ein Anteil, der aber mit Sicherheit über die nächsten Jahre mit der Bedeutung des Themas steigen wird.


Der ERSTE GREEN INVEST investiert weltweit vor allem in Unternehmen aus dem Bereich Umwelttechnologie. Der Investmentprozess des Fonds basiert auf fundamentaler Unternehmensanalyse. Die Titelauswahl erfolgt mit Fokus auf Unternehmen welche vor allem in den Bereichen EnergieWasser, Abfall & RecyclingTransformation und Adaption tätig sind. Eine messbare positive Auswirkung (Impact) auf Umwelt beziehungsweise Gesellschaft steht bei der Investmententscheidung im Vordergrund.

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Die GLS Bank: Investitionen im globalen Süden

von Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, GLS Bank.

Die GLS Bank ist als sozial-ökologische Universalbank bekannt, die viele soziale und ökologische Projekte in Deutschland finanziert und transparent darüber berichtet. Weit weniger bekannt ist, dass die Bank in den vergangenen Jahren auch verschiedene Instrumente und Aktivitäten entwickelt hat, um in Ländern des Globalen Südens (im Finanzmarkt Emerging Markets genannt) als gesellschaftlich verantwortungsbewusster Investor zu wirken. Ein Überblick.

Der GLS AI – Mikrofinanzfonds: Die finanzielle Teilhabe stärken

Im Dezember 2015 hat die GLS Bank einen Mikrofinanzfonds ins Leben gerufen.  Der Fonds will Menschen den Zugang zu Finanzdienstleistungen weltweit ermöglichen. Damit verfolgt der Fonds bewusst ein entwicklungspolitisches Ziel: Nur wer Zugriff auf Kredite, Sparangebote oder Versicherungen hat, kann auch am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Der Fokus liegt auf benachteiligten Bevölkerungsgruppen, vor allem in entlegenen Gebieten.

Bei der Kreditvergabe wird besonders auf faire Kreditkonditionen Wert gelegt. Dazu hat die GLS Bank spezielle Anlagerichtlinien für Mikrofinanz erarbeitet, die von einem Anlagebeirat festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Zu den Ausschlusskriterien zählen u.a. ausbeuterische Kinderarbeit, Raubbau in (Regen-)Wäldern, Verletzung der Landrechte indigener Bevölkerungen oder intransparente Kostengestaltung. Um einer Überschuldung der Kreditnehmer*innen vorzubeugen, ist der Fonds nur sehr begrenzt in Ländern mit erhöhtem Aufkommen von Mikrokrediten aktiv. Der Fonds beabsichtigt eine breite geographische Streuung. Über die Hälfte der Kredite werden in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen in Südeuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika vergeben.

Der Fonds hat mittlerweile ein Volumen von knapp 190 Mio. Euro und verzeichnete auch im Rahmen der Corona-Pandemie monatlich Nettozuflüsse.

Platzierung und Zeichnung von Anleihen strukturierter Entwicklungshilfefonds

Die GLS Bank unterstützt strukturierte Entwicklungshilfefonds bei der Platzierung von Anleihetranchen und agiert auch selbst als Investor. Bei den als Private-Public-Partnerships ausgestalteten Fonds handelt es sich um moderne Instrumente der Entwicklungsfinanzierung: Öffentliche Investoren wie das BMZ oder die KfW stellen das Eigenkapital in den Junior-Tranchen bereit. Die Senior-Tranche steht privaten Investoren zur Verfügung. Sie können Inhaberschuldverschreibungen ab einer Investitionssumme von 200.000 Euro erwerben. Dieser Mechanismus bietet einen hohen Schutz, da die Anleihegläubiger erst im Risiko sind, wenn das Eigenkapital des Fonds aufgebraucht ist. Der Risikopuffer beträgt in der Regel 65 bis 80 Prozent. Die Platzierung erfolgt ausschließlich im Rahmen eines Private Placements und eine Zeichnung ist nur für so genannte "well-Informed Investors" möglich.

Inhaltlich finanzieren die Fonds kleingewerbliche Institute in benachteiligten Regionen im globalen Süden so wie der SANAD Fonds (arabisch für “Unterstützung“). Dieser fördert die Beschäftigung, insbesondere für junge Menschen, im Mittleren Osten und in Nordafrika. Mehr als 90 Prozent der Endkredite werden an Kleinstunternehmen (weniger als 10.000 US Dollar) vergeben. Wie bei den GLS Fonds gibt es auch hier strenge Positiv- und Ausschlusskriterien (keine Waffen, Zwangsarbeit, Glücksspiel, usw.) Darüber hinaus werden mittels eines Technical Assistance Programms Institute und Endkreditnehmer geschult und weitergebildet.

GLS Bank Klimafonds: Zeichnung von Anleihen mit hohem Impact

Der GLS Bank Klimafonds leistet auch in Ländern des globalen Südens einen Beitrag zum Klimaschutz. Dazu zeichnet der Fonds selektiv auch Anleihen von Unternehmen, mit denen klimafreundliche Vorhaben in Ländern des Globalen Süden finanziert werden.

  • Die Hylea-Gruppe: das Unternehmen aus Bolivien ist auf den Anbau sowie Vertrieb von Paranüssen spezialisiert. Die zu 100 Prozent ökologische Produktion leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Die nusstragenden Bäume dienen als CO2-Speicher. Der Paranussbaum kann nur in einem intakten Ökosystem überleben. Die wirtschaftliche Nutzung des Baumes bildet somit einen Anreiz, den Regenwald zu schützen, und macht Rodungen mit anschließender land- oder viehwirtschaftlicher Nutzung unattraktiv.
  • Die Africa GreenTec AG: Das Unternehmen baut und betreibt Solarkraftwerke in Form mobiler Solarcontainer in Südmali. Nur 17 Prozent der dortigen Bevölkerung haben Zugang zu Strom. Dieser wird in der Regel mithilfe von Dieselkraftwerken und -generatoren erzeugt. Mit Emission der Anleihe will das Unternehmen Solarcontainer finanzieren, mit denen mindestens 250.000 Menschen vor allem in ländlichen Gebieten dezentral mit Solarstrom versorgt werden können. Die Wartung und Pflege erfolgen durch einen regionalen Partner. Für diese Arbeiten werden Servicemitarbeiter aus der Region entsprechend ausgebildet.

Technical Assistance und Mission Investing Forum

Auch über die Investition und Platzierung hinaus fördert die GLS Bank Aktivitäten im Globalen Süden:

  • Für ihren GLS AI – Mikrofinanzfonds hat sie eigene Technical Assistance Maßnahmen ins Leben gerufen. Der Begriff umfasst technisch Beratungs- und Unterstützungsdienstleistungen für Mitarbeitende von Finanzinstituten oder der Bevölkerung in den Regionen. Mit diesen Programmen leistet die Bank konkrete Hilfe vor Ort oder ermöglicht den Wissenstransfer zwischen den Kontinenten.
  • Mit den Einnahmen aus dem GLS Bank Klimafonds unterstützt die GLS Bank auch Klimaschutzprojekte in Afrika und Lateinamerika. Die Projekte verbinden Klimaschutz mit sozialen Aspekten. Dazu zählen dieses Jahr der Aufkauf und die biodynamische Bewirtschaftung von Regenwald zum Schutz vor Rodungen in Peru oder die finanzielle Förderung von Solarkiosken und Biogasanlagen, welche einen Ersatz für den Einsatz von Dieselgeneratoren oder für das Verbrennen von Feuerholz darstellen.
  • Seit 2012 veranstaltet die GLS Bank jährlich das Mission Investing Forum in Bochum. Dafür ging die Bank eine Partnerschaft mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen ein. Es werden abwechselnde inhaltliche Schwerpunkt gesetzt, um aktuell relevante Fragestellungen rund um Stiftungen aufzugreifen, u.a. zu Finanzierungsmöglichkeiten in Afrika.

Nicht nur die GLS Bank, sondern auch die GLS Treuhand ist aktiv in Ländern des Globalen Südens. Die GLS Treuhand will gemeinsam mit Stifter*innen und Spender*innen grundlegenden, gesellschaftlichen Wandel anregen, hin zu einer sozial gerechten, friedlichen und ökologischen Welt. Dies tut sie in ihren Handlungsfeldern mit Beratung und Förderung. Vor dem Hintergrund hat sie mehrere Stiftungen ins Leben gerufen, um u.a. Projekte in Ländern des Globalen Südens zu fördern. Ausführliche Informationen unter: https://www.gls-treuhand.de/


Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von rund 630 Mio. Euro und zusätzlich den B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 02.09.2020).

Weiterführende Informationen:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de
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Totgesagte leben länger – zur VOB/B nach Einführung des neuen Baurechts

Vor jeder Baumaßnahme steht die Prüfung des Baurechts. Veränderung in dem regulatorischen Umfeld haben folglich gewaltige Wirkungen für die Branche. Aktuell streiten sich Juristen über die Sinnhaftigkeit der VOB/B, manche empfehlen den verdienten Ruhestand für diese Ordnung, um nicht gleich von Ableben zu sprechen. In den aktuell hohen Wellen der Corona-Pandemie können die vermeintlich kleinen Wendemanöver innerhalb des Rechtsrahmen zwar schnell aus dem Blickfeld geraten, es lohnt jedoch gerade deswegen darauf zu achten. In diesem Standpunkt der IREBS Immobilienakademie nimmt Niklas Langguth, Rechtsanwalt und Mitgründer der Kanzlei Langguth & Burbulla Rechtsanwälte PartG mbB, Stellung zum neuen Baurecht und ob es sich lohnt in die Totenklage für die VOB/B einzustimmen.

Wenn Gesetze sich ändern, sind Berater nicht weit, die gleich das ganze Fachgebiet neu erfinden wollen.

Viele Juristen haben das neue Baurecht des BGB zum Anlass genommen, die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB/B) grundlegend infrage zu stellen. Teilweise werden nur einzelne Klauseln, teilweise sogar die VOB/B insgesamt für AGB-rechtswidrig gehalten (und wären damit im Verhältnis zum Verwender unwirksam), weil ein Widerspruch zum gesetzlichen Leitbild des neuen Baurechts bestünde. Statt der bis vor kurzem üblichen modifizierten VOB/B, werden zunehmend modifizierte BGB-Werkverträge empfohlen. Dieser Abgesang auf die VOB/B scheint verfrüht, wenn man die Alternativen in den Blick nimmt und die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägt.

Zwei Alternativen zur modifizierten VOB/B stehen im Raum.

Der Bund hat sich entschieden, künftig nur noch auf Basis der VOB/B im Ganzen auszuschreiben (frei jeglicher Modifikation). Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass die Einzelklauseln aufgrund gesetzlicher Privilegierung nicht mehr der AGB-Kontrolle unterliegen (vgl. § 310 Abs. 1 Satz 3 BGB). Das mag zwar für den Bund funktionieren. Im kaufmännischen Rechtsverkehr ist eine solche Gestaltung aber in der Regel zu unflexibel; denn schon kleinste Änderungen, die sich bei Bauverträgen nur schwer vermeiden lassen, führen zu einer modifizierten VOB/B und damit zu einem Verlust der gesetzlichen Privilegierung. Zudem wird die VOB/B von vereinzelten Autoren auch im Ganzen infrage gestellt, so dass auch diese radikale Lösung keine letzte Sicherheit bietet.

Für den Rechtsverkehr jenseits öffentlicher Aufträge wird daher vielfach vorgeschlagen, modifizierte BGB-Werkverträge nach neuem Recht zu vereinbaren. Das ist zwar grundsätzlich machbar, aber auch dieser Weg ist mit rechtlichen und operativen Risiken verbunden.

Zum einen ist bei solchen modifizierten BGB-Klauseln (die ihrerseits in der Regel auch als AGB zu qualifizieren sind) ebenfalls nicht gesichert, dass sie später vor Gericht halten. In der rechtswissenschaftlichen Literatur wird zu den wenigen Paragraphen des neuen Baurechts nahezu alles vertreten, was sich argumentieren lässt. Eine gefestigte Rechtsprechung gibt es zu den allermeisten Fragen noch nicht und es wird noch viele Jahre dauern, bis sich eine halbwegs verlässliche Rechtsprechung dazu entwickelt hat. Ein modifizierter BGB-Werkvertrag birgt deshalb nur scheinbar einen Sicherheitsvorteil gegenüber einem modifizierten VOB/B-Vertrag. Hinzu kommt, dass man zur VOB/B auf eine zwar im Kontext des alten Rechts ergangene, aber immerhin über Jahrzehnte hinweg entwickelte Rechtsprechung zurückgreifen kann.

Zum anderen sollten juristische Berater nicht aus den Augen verlieren, wie tief die VOB/B in der Baubranche verwurzelt ist. Die Praktiker vor Ort, die Nachträge schreiben, Fristen setzen und Mängel rügen, kennen die VOB/B und werden sie voraussichtlich noch lange anwenden, erfahrungsgemäß unabhängig davon, ob die VOB/B vertraglich vereinbart worden ist oder nicht. Ein in der Branche über Jahrzehnte erlerntes und allseits angewandtes Wissen wird man nicht mit ein paar Mitarbeiterschulungen aus den Köpfen bekommen. Die VOB/B bietet damit den Vorteil, dass sie auf der Baustelle oft bis hinunter zum Polier angewandt und gelebt wird und dort auf praktische Erfahrung und Akzeptanz trifft. Das ist aus Sicht der Praxis nicht selten sogar wichtiger als die Frage, ob die Klausel letzten Endes hält. Letzteres entscheidet sich nämlich oftmals erst nach fünf Jahren Prozess vor dem Oberlandesgericht, wenn das Bauwerk längst eröffnet ist. Zudem nützt auch die schönste BGB-Werkvertragsklausel im Prozess nichts, wenn sie auf der Baustelle nicht oder – oft noch schlimmer – falsch angewendet wird.

Bei Lichte besehen und im Vergleich mit den zur Verfügung stehenden Alternativen spricht deshalb nach wie vor viel für den modifizierten VOB/B-Vertrag.

Dass der Bundesgerichtshof die VOB/B in Bausch und Bogen „kippen“ wird, ist derzeit nicht abzusehen. Im Gegenteil: Bislang scheint der BGH seine Rechtsprechung zur VOB/B so umzustellen, dass die VOB/B nicht mit dem Leitbild des neuen Bauwerkvertragsrechts des BGB kollidiert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die vielbeachtete und teilweise auch kritisierte Entscheidung aus dem Sommer 2019, in welcher der BGH seine bisherige Rechtsprechung zur Preisbildung von Nachträgen nach der VOB/B mit einem Paukenschlag umgestellt hat: In Abkehr von der bisherigen, über Jahrzehnte gefestigten Rechtsprechung regelt die VOB/B nach neuester Rechtsprechung die Bepreisung von Nachträgen nicht, diese gebe nur vor, dass die Urkalkulation bei der Preisbildung zu berücksichtigen sei (Urteil vom 08.08.2019 – VII ZR 34/18). Damit hat der Bundesgerichtshof einen der Hauptansatzpunkte der VOB/B-kritischen Stimmen ausgehebelt. Die Entscheidung lässt erahnen, dass der BGH dazu neigt, die VOB/B auch nach Einführung des neuen Baurechts nicht insgesamt infrage zu stellen, sondern allenfalls punktuelle Korrekturen vorzunehmen.

Bedeutet das also, alles bleibt beim Alten? Nicht ganz! An einigen wenigen Stellen hat sich das gesetzliche Leitbild tatsächlich so stark verändert, dass man über eine vertragliche Modifikation einzelner VOB/B-Klauseln nachdenken sollte, um das Risiko der Unwirksamkeit zu umgehen. Auch enthält das neue Baurecht einige Regelungen, die neben der VOB/B anwendbar sind und die überdacht sein wollen, wenn man unter dem Regime des neuen Baurechts einen modifizierten VOB/B-Vertrag schließt. Zum Beispiel fehlt dem nachträglichen Leistungsabruf des Auftraggebers gemäß § 1 Abs. 3 VOB/B die Beschränkung auf zumutbare Leistungen im Sinne des § 650 b Abs. 1 Satz 2 BGB. Oder man kann § 12 Abs. 3 VOB/B sicherer gestalten, indem man dem Transparenzgebot Rechnung trägt und das Recht auf Bauzustandsfeststellung gemäß § 650 g Abs. 1 BGB einbezieht. Es gilt also das neue Baurecht zu berücksichtigen, indem man die VOB/B über eine vertragliche Modifikation behutsam nachschärft und die Entwicklung der Anwendungspraxis auf den Baustellen im Auge behält.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IREBS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Niklas Langguth

Niklas Langguth ist Rechtsanwalt seit dem Jahr 2005. Im Jahr 2017 gründete er zusammen mit Herrn Dr. Rainer Burbulla die Kanzlei Langguth & Burbulla Rechtsanwälte PartG mbB in Düsseldorf. Die Boutique-Kanzlei ist spezialisiert auf das gewerbliche Immobilienrecht. Tätigkeitsschwerpunkt von Rechtsanwalt Langguth ist das private Baurecht.

Transition: Nachhaltige Veränderung bringt finanziellen Erfolg

von Dominik Benedikt, Senior Research Analyst der Erste Asset Management.

Eines der Schulbeispiele nachhaltiger Investoren berichtet von der Transformation von Alcoa, der Aluminum Company of America. Paul O’Neill tritt 1987 als neuer CEO an, um das in finanzielle Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu sanieren. Bei seiner ersten Investorenpräsentation erklärt er, dass der Erfolg des Unternehmens fortan an nur einer Zahl zu messen sei: der Rate an Arbeitsunfällen.

Investoren, die mit ihm stattdessen über seine Ziele zu klassischen finanziellen Kennzahlen sprechen wollen, schmettert er ab. Einer der anwesenden Investoren berichtete später, sofort zum Telefon gehechtet zu sein, um alle Anteile seines Investmenthauses an Alcoa zu verkaufen. Die Firma habe einen „wild gewordenen Hippie zum Chef gemacht, der die Firma zerstören werde“. Die anderen Teilnehmer sollen es ihm gleich getan haben. Ein schlechter Rat: wer bei O’Neills Amtsantritt 100 Dollar in Alcoa-Aktien investiert hat, hätte bis zu seinem Rücktritt 1999, 100 Dollar an Dividenden und 500 Dollar an Kursgewinnen lukriert.

Zufall?

Die akademischen Studien, die sich seither mit dem Fall auseinandergesetzt haben, sagen nein. Viel mehr habe O’Neill einen mit fast allen Unternehmensprozessen verwobenen Faktor identifiziert, die Arbeitssicherheit. Der Fokus darauf hat geholfen Prozesse zu optimieren und Effizienz zu steigern. Durch seine Ansage an alle Mitarbeiter ihn direkt zu kontaktieren, sollte das nötige Budget für Verbesserungen fehlen oder sich das lokale Management querstellen, wurden Blockaden im ganzen Unternehmen aufgebrochen.

Trotz der zusätzlichen Investitionen in Sicherheit, verdreifachte sich Alcoas Nettogewinn im ersten Jahr des Programms. Während O’Neills Amtszeit ist die Unfallrate des Unternehmens um knapp 90% gesunken, auf ein Zwanzigstel des US-Durchschnitts – trotz des scheinbar unumgänglichen, vielfach erhöhten Risikos in der Schwerindustrie.

Arbeitssicherheit schön und gut, aber der Klimawandel?

Natürlich ist Alcoa als immer noch extrem CO2-intensives Unternehmen kein Umwelttitel (und im ERSTE GREEN INVEST nicht investiert), selbst wenn die Firma das Ziel gesetzt hat die CO2-Intensität seiner Aluminiumproduktion bis 2030 zu halbieren. Doch auch hier werden Transformationsprozesse in Gang gesetzt die sowohl dem Kampf gegen den Klimawandel aber auch dem langfristigen finanziellen Erfolg des Unternehmens dienen werden.

Zusammen mit Apple und Rio Tinto hat das Unternehmen eine Technologie entwickelt Aluminium nur unter Ausstoß von Sauerstoff, statt der üblichen hohen prozessbedingten CO2-Emissionen, zu produzieren. Das erste kommerziell so produzierte Aluminium wurde Ende 2019 an Apple geliefert. Alcoa geht davon aus die Technologie ab 2024 vermarkten zu können.

Sollte diese Technik sich durchsetzen, wird sie langfristig dazu beitragen die gesamte Aluminiumindustrie aus Klimasicht vom Problem zur nachhaltigen Lösung umzuformen.

Wer sich nicht verändert…

Der Klimawandel verändert gerade die Spielregeln für viele Industrien der „Old Economy“, nicht zuletzt in Form des europäischen Green Deals, der vorsieht Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent umzubauen. Unternehmen, die diese Zeichen nicht sehen (wollen) riskieren langfristig die Licence to Operate, also die gesellschaftliche und regulatorische Berechtigung für ihr Geschäftsmodell. Ein Beispiel dafür sind fossile Energieträger, wie etwa Kohle.

Während das Geschäft mit letzterer durch keine Transformation zu retten ist – es ist schlicht inkompatibel mit dem 1,5°C-Ziel der Pariser Klimakonferenz, sind es Energieerzeuger sehr wohl.

Das nachhaltigste Unternehmen der Welt?

Orsted ist ein dänischer Energieversorger, der bis 2017 als DONG Energy, kurz für Dansk Olie og Naturgas A/S, firmierte. Der Name war Programm, und das Unternehmen vorallem der Energiegewinnung aus fossilen Energieträgern verschrieben. Vor zwanzig Jahren hatte DONG knapp einen doppelt so hohen CO2-Ausstoß pro produzierter kWh Strom als der Schnitt der großen europäischen Versorger – ein immenses Risiko aufgrund des beginnenden EU-Emissionshandels und den damit verbundenen. Nur die reinen Besitzer von Kohlekraftwerken standen noch schlechter da, illustriert durch den Niedergang der ehemals stolzen deutschen Betreibern von Stein- und Braunkohlekraftwerken.

Im Gegensatz zu diesen hat Orsted die Zeichen der Zeit erkannt, und über die letzten zehn Jahre sein Geschäftsmodell radikal umgebaut. Fossile Energieträger wurden durch erneuerbare ersetzt. Statt 85% fossiler Energie 2009, dem Jahr in dem die Transformation begann, produziert Orsted heute mehr als 85% des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern. Bis 2025 soll die Stromproduktion gänzlich klimaneutral sein. Dabei ist das Unternehmen zum weltweiten Marktführer für Offshore-Windkraftwerke geworden und in der Entwicklung der Netze und Speicherlösungen für eine rein erneuerbares Elektrizitätssystem.

Zusätzlich tritt Orsted auch auf gesellschaftlicher und politischer Advokat für den Umbau unseres Energiesystems auf, da ohne diesen der Kampf gegen den Klimawandel praktisch vorab verloren wäre. All dies hat dem Unternehmen in Studien die Zuschreibung als möglicherweise nachhaltigstes Unternehmen der Welt eingebracht. Auch der ERSTE GREEN INVEST ist investiert.

Es besteht keine Nachfrage nach Kohle, Diesel und Konsorten.

Dieses Postulat mag absurd klingen, steht am im Herzen des Erfolgs von Transformationsprozessen im Angesicht des Klimawandels. Nachfrage besteht nach Energie um Haushalte, Wirtschaft oder Verkehr in Bewegung und warm zu halten. Nichts besagt, dass diese aus fossilen Quellen stammen muss, im Gegenteil.

Es besteht auch keine Nachfrage nach Dieselmotoren. Der Kunde kauft die Möglichkeit angenehm, in schöner Schale und mit gewisser Fahrfreude von A nach B zu kommen, wann immer er will. Kann diese Leistung etwa durch die Elektromobilität oder in weiterer Folge autonomes Fahren besser abgedeckt werden, so werden diese Lösungen den Markt übernehmen.

Gerade die Automobilindustrie ist massivem Transformationsbedarf unterworfen. Das Überleben der traditionellen Anbieter hängt davon ab, ob sie diese schaffen. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2050 40% der globalen Fahrzeugflotte autonome Fahrzeuge sein werden. Die Kosten pro gefahren Kilometer sollen dadurch zwischen 40 und 80% sinken, je nachdem wie diese eingesetzt werden. Davon können nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Hersteller profitieren: es wird mehr Budget für margenstarke Premiumfahrzeuge frei. (Dass dabei auch klimaschonendes Aluminium für den Leichtbau nötig sein wird, erinnert an die Vernetzung all dieser Prozesse.)

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen, etwa in der Bauwirtschaft oder der IT. Wir kaufen Lösungen für Simulationen, Datenverarbeitung, Vernetzung oder auch nur den Konsum von Katzenvideos, nicht aber ressourcenhungrige Computerchips.

Transition – ein Kernthema

Der erfolgreiche Kampf gegen den Klimawandel hängt unmittelbar davon ab, wie große Teile der „alten“ Wirtschaft diesen Schritt in die Zukunft schaffen. Nur die reinen Lösungsanbieter alleine, werden dies nicht schaffen. Aus diesem Grund ist Transformation bzw. Transition eines der wichtigsten Kernthemen des ERSTE GREEN INVEST. Aktuell ist rund ein Viertel des Fonds in diesem Bereich investiert, übertroffen nur von der Energie.


Der Finanzsektor leistet mit der gezielten Steuerung von Investitionen einen wesentlichen Beitrag, um beim Klimawandel einen Umkehrtrend zu erreichen. In unserer neuen Serie blicken wir auf eines der Schwerpunktthemen des neuen Umweltfonds ERSTE GREEN INVEST.

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Mikrofinanz 2020: Welchen Einfluss hat Corona?

Ende vergangenen Jahres führte altii einen Podcast mit Martin Feige, Teamleiter Angebotsentwicklung und -management Investmentfonds und Research der GLS Bank, zur Entwicklung der Mikrofinanzmärkte. Seitdem hat sich viel getan. Die Welt ist eine andere geworden. Zeit für ein Update.

Herr Feige, als wir im November über Mikrofinanzen sprachen, konnte niemand ahnen, was kurze Zeit später auf uns zurollte. Lassen Sie uns kurz Revue passieren. Wann wurde Corona ein Thema für die Mikrofinanzmärkte?

Die Corona-Pandemie ist ja in unterschiedlichen Wellen verlaufen. Nach China haben sich die Auswirkungen vor allem in den Industrieländern und an den internationalen Kapitalmärkten gezeigt. Nach und nach wurde dann deutlich, dass es sich um eine weltweite Herausforderung handelt.

Anfangs war der Einfluss auf die Mikrofinanzmärkte noch sehr schwer abzuschätzen. Die Kurse vieler Mikrofinanzfonds wirkten im Vergleich zu Aktienfonds beispielsweise hochstabil. Spätestens ab April wurden die Folgen für die Länder bzw. Volkswirtschaften, in denen der GLS AI – Mikrofinanzfonds investiert ist, immer sichtbarer. Maßnahmen wie Grenzschließungen, Ausgangssperren und daraus resultierende Betriebsschließungen hinderten Endkreditnehmer*innen zunehmend daran, ihren Geschäftstätigkeiten nachzugehen.

Erfreulicherweise reagierte die Politik in Schwellen- und Entwicklungsländern sehr schnell. Supranationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank haben milliardenschwere Hilfspakete geschnürt.

Was bedeutete dies für die Mikrofinanzinstitute?

Mikrofinanzinstitute mussten damit rechnen, dass sich die Maßnahmen auf die Zahlung von Zinsen und Tilgungen auswirken. Durch in verschiedenen Ländern angeordnete Zahlungsaufschübe (Moratorien) konnten Endkreditnehmer*innen ihre Zahlungen über mehrere Wochen aussetzen. Dies hatte Auswirkungen auf die Kreditbücher von Mikrofinanzinstituten und beeinflusste mitunter die Zahlungen der Institute an den Fonds.

Wie haben Sie mit Ihrem Fonds darauf reagiert?

Wie bereits in den vergangenen Jahren haben wir unseren Fokus auf ein aktives Risikomanagement sowie soziale Wirkung gelegt. Unser Fondsmanagement hat den Austausch mit den Partnerinstituten intensiviert. Da unsere Investmentmanager*innen direkt vor Ort arbeiten, sind sie bestens mit dem Markt vertraut. Dadurch konnten wir schnell erfassen, ob es Auffälligkeiten beim Zahlungsverhalten von Instituten gibt. Zu bedenken ist, dass manche Effekte im Kreditportfolio der Institute erst mit einer gewissen Zeitverzögerung sichtbar sind. Umso wertvoller ist dieser enge Austausch, um mögliche negative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Ebenso legt das Fondsmanagement seit Auflage, und auch jetzt in der Pandemie, höchsten Wert auf eine breite Risikostreuung. Im Portfolio befinden sich momentan 70 Institute aus 35 Ländern. Aufgrund der breiten geographischen Streuung und der Tatsache, dass Corona-bedingte Effekte in verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzten, können negative Entwicklungen in einem Land portfolioweit abgefedert werden. Dies kam dem Fonds zu Gute.

Soweit die ökonomische Sichtweise: Wie werden sie der sozial-ökologischen Mission des Fonds gerecht?

Gerade in diesen schwierigen Zeiten wollen wir bewusst unserer Verantwortung als sozial verantwortlicher und langfristiger Investor gerecht werden. Wir stehen den Instituten als ein verlässlicher Finanzierungspartner zur Seite. Zwei Maßnahmen haben wir uns dabei vorgenommen:

Zum einen wollen wir weiter Kredite auszahlen. Denn um die Wirtschaft während der Krise aufrechtzuhalten und danach wiederzubeleben, ist die Liquiditätsversorgung von Partnerinstituten und Endkreditnehmer*innen existenziell wichtig.

Zudem planen wir bei Bedarf und in Abstimmung mit weiteren Kreditgebern alle Werkzeuge der Kreditrestrukturierung – von der Verlängerung der Laufzeiten bis hin zur Stundung von Zinsen – auszunutzen, um notleidende Institute finanziell zu unterstützen.

Und wie ist das Ergebnis?

Bisher ist es für ein endgültiges Fazit sicherlich zu früh. Einige Entwicklungen bestätigen uns aber in unserer Fondsstrategie.

Der Fonds hat zum einen in der heißen Krisenphase mehrere Institute mit Darlehen versorgt, im April beispielsweise an drei Institute über 7 Mio. Euro, im Mai dann weitere zwei Kredite. Diese erfolgten an Kunden, mit denen bereits Geschäftsbeziehungen bestanden.

Ebenfalls konnten wir Kreditkonditionen neu verhandeln. Nehmen wir das Beispiel Mexiko. Dort haben wir sechs Partnerinstitute. Gemeinsam mit internationalen Kreditgebern haben wir bei drei Instituten vereinbart, fällige Kreditraten um 6 bis 12 Monate in die Zukunft zu schieben. Und das bei unverändertem Zinssatz. Dies ermöglicht den Instituten, einen höheren Spielraum bei der Bewältigung der Krise zu haben.

Wie haben ihre Anleger reagiert? Gab es nennenswerte Änderungen bei den Fondsvolumina?

Wir bemühen uns seit Beginn der Krise, unsere Anleger*innen besonnen und sachlich zur aktuellen Lage zu informieren. Wir weisen klar auf die Risiken hin, ohne aber Panik schüren zu wollen. Diese Strategie scheint aufzugehen. In jedem Monat haben wir Nettomittelzuflüsse verzeichnet. Das Fondsvolumen beläuft sich mittlerweile auf 186 Mio. Euro – im Vergleich zu 165 Mio. Euro Ende 2019. Zu beachten ist, dass der Fonds eine sehr granulare Anlegerstruktur aufweist. Auch die Renditekennzahlen des Fonds sind stabil. Seit Auflage im Dezember 2015 erzielte der Fonds einen guten Ertrag. Dies ist natürlich keine Garantie für die zukünftige Entwicklung. Wir wissen alle, dass Kurse schwanken können und die Pandemie noch nicht vorüber ist. Doch gibt die aktuelle Entwicklung Hoffnung, sowohl für den Fonds als auch für die Mikrofinanzmärkte.

Herr Feige, herzlichen Dank für das Gespräch.


Martin Feige, Teamleiter Angebotsentwicklung und -management der GLS Bank, ist ein Spezialist für die Auflage nachhaltiger Publikumsfonds. 2015 hat er gemeinsam mit seinen Kolleg*innen den GLS AI - Mikrofinanzfonds aufgelegt. Die GLS Bank ist Pionier im Bereich nachhaltiger Finanzen. Sie wurde 1974 gegründet und verfolgt sozial-ökologische Ziele. Das Ökologische und Nachhaltigkeit steht im Mittelpunkt des Handelns.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von rund 580 Mio. Euro und zusätzlich den B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.06.2020).

Weiterführende Informationen:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de
Newsletter-Anmeldung GLS Fonds

Hinweise zur Wertentwicklung:

Year to date

2019

2018

2017

2016

Seit Auflage

0,5

2,0

0,7

1,7

1,6

7,0

Angaben zur Anteilklasse A in Prozent, Stand 31.07.2020. Die hier vorliegenden Daten dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Fondsanteilen dar. Der Fonds weist ein nicht auszuschließendes Volatilitätsrisiko auf. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Alleinige Grundlage für den Anteilerwerb sind die Verkaufsunterlagen (Wesentliche Anlegerinformationen, Verkaufsprospekt, Jahres- und Halbjahresbericht) zum Teilfondsvermögen. Verkaufsunterlagen zu allen Investmentvermögen der IP Concept sowie den ökonomischen Kennzahlen sind kostenlos bei Ihrem Berater / Vermittler, der zuständigen Verwahrstelle / Depotbank oder bei IP Concept unter www.ipconcept.com erhältlich.

Empfehlung der GLS: Dieser Teilfonds ist unter Umständen für Anleger nicht geeignet, die ihr Geld innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten aus dem Teilfonds wieder zurückziehen wollen.

 

Folgen der Corona-Krise – was auf Immobilienfonds jetzt zukommt

von Robert Guzialowski, Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG.

Das ganze Ausmaß, in dem sich die derzeitige Krise auf die Wirtschaft und die einzelnen Sektoren auswirkt, ist noch unklar. Das gilt auch für den Immobilienmarkt, dessen einzelne Segmente sowie für Immobilienfonds. Allerdings lassen sich aus einer Vorher- und Nachher-Perspektive auf die Corona-Krise Tendenzen erkennen.

Immobilienfonds stehen weiterhin hoch im Kurs

Immobilienfonds erfreuten sich in den vergangenen Jahren wachsender Beliebtheit. Eine der Hauptursachen dafür waren die niedrigen Zinsen. Deshalb, und weil sich die Konjunkturaussichten zuletzt eingetrübt hatten, galten Immobilien als sichere Anlageklasse. Entsprechend hoch waren die Investitionsvolumina. Bei Wirtschaftsimmobilien (u.a. Büro, Logistik, Hotel) erreichte das Transaktionsvolumen im Jahr 2019 mit 72,6 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Lediglich im Einzelhandelsbereich waren Schwächen auszumachen; er litt, mit Ausnahme des Nahrungsmittelsegments, unter dem verstärkten Trend zum Online-Handel, weshalb sich dort das Transaktionsvolumen zuletzt das zweite Jahr in Folge verringerte. Dagegen stand der Wohnsektor bei Investoren ebenfalls hoch im Kurs, was einen Kaufpreisanstieg von zuletzt 9,5 Prozent zur Folge hatte.

Insgesamt lässt sich über fast alle Nutzungsklassen hinweg deshalb feststellen, dass sich die einzelnen Immobiliensegmente vor der Corona-Krise einer anhaltend hohen und wachsenden Nachfrage gegenübersahen. Doch wie sich schon in der Finanzkrise zeigte, bleiben auch Immobilien von Krisen nicht unberührt. So hat sich nach einer Umfrage von Savills das Transaktionsvolumen bei Wohn- und Gewerbeinvestments im April im Vergleich zum Vorjahr von 5,1 Mrd. Euro auf 2,3 Mrd. Euro mehr als halbiert.

Wie beeinflusst Corona die künftige Miet- und Preisentwicklung?

Die wichtigste Ursache für diese Entwicklung: Die derzeitige Unsicherheit über die künftige Miet- und Preisentwicklung. Aktuellen Schätzungen zufolge sind je nach Immobiliensegment Preiskorrekturen von bis zu 20 Prozent denkbar. Es stellt sich also die Frage, wie viel Sicherheit Immobilienfonds nun bieten? So hatte die hohe Nachfrage für die Zeit vor Corona zu deutlich steigenden Kaufpreisen geführt. Doch weil die Mieten bei Neuverträgen nicht im gleichen Maße wie die Immobilienpreise nach oben gingen, könnte der eine oder andere Objektwert unter Umständen inzwischen zu hoch angesetzt sein.

Dazu kommt, dass der Immobilienmarkt zwar auch dieses Mal im Vergleich zu den volatileren Märkten zeitlich nachgelagert reagierte. Anders als in der Vergangenheit war der Abstand aber geringer. Am deutlichsten zeigte sich das im Hotel-Bereich. So führte der Lockdown schnell zu einem massiven Einbruch bei den Hotelübernachtungen. Das wiederum hatte Mietausfälle zur Folge. Nun drohen Insolvenzen der Pächter und womöglich eine Konsolidierung des Marktes, die auch Auswirkungen auf Hotel-Investoren haben wird.

Immobilienfonds sehen sich deshalb bereits immer zahlreicheren Anfragen von Mietstundungen oder -verhandlungen gegenüber. Das könnte zu Umsatzeinbußen für Immobilien-AIF führen. Wie stark sich die Corona-Pandemie letztlich auf den Hotelmarkt und somit die Performance der sie haltenden Fonds auswirken wird, hängt von der Dauer des Lockdowns ab. Jedoch sind die Übernachtungszahlen in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. Langfristig ist deshalb mit einer Rückkehr zu diesem positiven Trend und einer Erholung des Hotelsektors zu rechnen.

Das könnte im Einzelhandel, soweit es den Nicht-Lebensmittelbereich betrifft, anders aussehen. Auch dort sind Ausfälle von Mietzahlungen festzustellen. Wie erläutert, hatte es dieses Segment, das unter einem veränderten Konsumverhalten leidet, auch vor der Krise schon nicht leicht. Jetzt ist denkbar, dass sich dieser strukturelle Wandel durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Das könnte eine steigende Zahl von Insolvenzen und Ladenschließungen bedeuten. Die Folge wären erhöhte Leerstände und möglicherweise eine deutliche Korrektur bei den Mieten und Preisen. Die Auswirkungen auf Immobilienfonds könnten hier deshalb womöglich nicht nur temporär sein.

Optimistischer Ausblick für Logistik- und Wohnimmobilien

Positiver stellt sich die Lage bei Büro-, Logistik- und Wohnimmobilien dar. Trotz der spürbaren Auswirkungen und den ungewissen Aussichten für die nahe Zukunft sollten sich diese aller Voraussicht nach relativ schnell erholen – und entsprechend sollten Immobilienfonds durch diese Segmente auch nicht allzu stark beeinträchtigt werden. Gerade für die Bereiche Logistik und Wohnen sind die langfristigen Prognosen eher positiv. Wegen des zunehmenden Trends zum Online-Handel und der sich abzeichnenden Tendenz zur Regionalisierung von Lieferketten, eine Folge der De-Globalisierung, dürfte die Nachfrage nach Logistikobjekten sogar eher zunehmen.

Zugleich ist die Mietnachfrage bei Wohnimmobilien vielerorts stabil. Auch wenn die Renditen niedrig sind, könnte hier ein wachsendes Interesse sicherheitsorientierter Anleger zu weiter steigenden Preisen führen. Etwas gemischter fällt das Bild bei Büroimmobilien aus. Aufgrund der durch den Lockdown erzwungenen Umstellung auf Heimarbeit ist im Bürosektor ein gewisser Rückgang bei der Flächennachfrage zu erwarten – Stichwort Desk Sharing. Dem entgegen steht derzeit zwar die geringe Leerstandsquote, weshalb es vorerst nicht zu starken Preiskorrekturen kommen dürfte. Doch dürfte dieser Leerstands-Puffer aufgrund hoher Fertigungszahlen bei Büroimmobilien im kommenden Jahr aufgezehrt werden. Langfristig könnte sich das Bild deshalb eintrüben.

Fazit

Die Auswirkung der Krise auf die Gesamtwirtschaft für den Immobiliensektor wird entscheidend sein. Kommt es zu einem schweren Konjunktureinbruch, der Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen trifft, dann wird dies nicht ohne Folgen für die Immobilienmärkte bleiben. Dennoch gilt diese Anlageklasse als sicherer Hafen. Denn als Sachwerte bieten Immobilien gerade in Krisenzeiten ein höheres Maß an Stabilität als viele andere Anlageklassen. Immobilienfonds sollten aus dieser Krise deshalb gestärkt hervorgehen.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 16. Juni 2020.

Robert Guzialowski

Robert Guzialowski ist Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG. Er verantwortet neben Vertrieb und Kundenmanagement der AIF-Verwahrstelle die Begleitung der KVGen von der Aufnahme der Geschäftsbeziehung über das Onboarding bis hin zu den Fondstransaktionen. Robert Guzialowski ist Rechtsanwalt und veröffentlicht regelmäßig zu aufsichtsrechtlichen Entwicklungen.

Investieren in Megatrends: Telehealth

von Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Es ist allgemein bekannt, dass die Überalterung der westlichen Welt rapide voranschreitet. Weniger bekannt ist eventuell die Tatsache, dass es sich dabei um technikaffine Senioren handelt, die die Gesellschaft prägen. Während im Jahr 2011 nur ca. 12 Prozent der US-Amerikaner über 65 Jahren das Internet genutzt haben, waren es nur 7 Jahre später bereits 67 Prozent (Quelle: PEW Research Center). Die demografische Entwicklung in den Emerging Markets steht im krassen Gegensatz zur Überalterung des Westens: 90% der globalen Bevölkerung unter 30 entfällt auf diese Regionen (Quelle: Euromonitor International).

Zudem wächst auch der globale Wohlstand. Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 bereits 61 % der Weltbevölkerung dem „Mittelstand“ angehören. Die steigenden Einkommen werden auch die Nachfrage nach Technologie aber auch nach medizinischen Dienstleistungen enorm wachsen lassen.

Ein ideales Umfeld für das Thema Telehealth

Diese Entwicklungen erfordern selbstredend Innovationen im Healthcare-Sektor, um die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen. Telehealth kann dies ermöglichen. Unter Telehealth versteht man die Nutzung von Telefonkonferenzen, mobilen Apps und anderen digitalen Technologien zur Ermöglichung virtueller Gesundheitsversorgung.

Gemäß einer Studie der Harvard Medical School entfallen im Durchschnitt 106 Minuten auf einen Arztbesuch (Anreise, Wartezeit, etc.). Telehealth spart nicht nur Zeit und Geld, es ist auch rund um die Uhr verfügbar. Darüber hinaus ermöglicht Telehealth eine einfachere Versorgung von weniger mobilen Menschen. Durch Roboter-assistierte Chirurgie-Systeme wie sie etwas von INTUITIVE SURGICAL INC eingesetzt werden, kann auch das gegenseitige Infektionsrisiko gesenkt werden.

Quantensprung in der Gesundheitsversorgung

Für Telehealth bieten sich unzählige Anwendungsfälle:

  • Ärztemangel: Alleine in den USA werden bis 2032 122.000 Ärzte benötigt.
  • Versorgung ländlicher Regionen: Viele Gebiete in den USA aber auch in den Schwellenländern sind durch schließende oder nicht vorhandene Spitäler unterversorgt.
  • Notfallambulanzen: 20 % aller Besuche von Notfallambulanzen könnten über Telehealth verhindert werden.
  • Chronische Erkrankungen: Telehealth könnte bei einigen chronischen Krankheiten wie beispielsweise Asthma, Diabetes oder psychologische Erkrankungen) zu Kosteneinsparungen führen.

Hohe Nutzungsbereitschaft der Patienten

Doch nicht nur aus medizinischer und politischer Sicht ist Telehealth enorm attraktiv, auch Konsumenten zeigen starkes Interesse. Laut Studienergebnissen möchten 76 % der potenziellen Patienten Telehealth zukünftig verwenden, wobei die Zufriedenheit bei bereits erfolgter Anwendung mit über 70 % besonders hoch ist. TELADOC HEALTH, INC. erzielt dabei unter den Direct-to-Consumer Brands die beste Kundenzufriedenheit. Generell konnten gemäß einer Studie 84 % der Anwender ihr medizinisches Problem mittels Telehealth lösen.

Covid-19 öffnet neue Türen

Trotz allem muss die neue Technologie noch einige Hürden überwinden: Unter Patienten herrscht oft mangelndes Bewusstsein hinsichtlich der Verfügbarkeit von Telehealth und Regulationen schränken die Branche ein – speziell in der EU. Die Corona-Pandemie tritt nun aber als „Game-Changer“ auf. Bis Ende des Jahres werden in den USA 1 Milliarde Telehealth-Interaktionen erwartet. Die Online-Arztbesuche von neuen Usern auf der chinesischen Plattform PING AN HEALTHCARE stieg von Dezember 2019 bis Jänner 2020 um 800 %! Auch die Politik erkannte die weitreichenden Vorteile und möchte diese Innovation nun auch fördern.

Der ungeahnte Wachstumsmarkt in Zahlen

Die Konsequenz all dieser Entwicklungen spiegelt sich in der außergewöhnlichen Performance der Branche wider. McKinsey & Company schätzt das Marktpotenzial gar auf eine Viertel-Billion US-Dollar. Im 1. Quartal 2020 stellten Investoren dem Sektor außerbörslich 788 Mio. US-Dollar an finanziellen Mitteln zur Verfügung (das sind knapp 260 % mehr als im Vorjahresquartal). Dies verdeutlicht das Interesse an der Technologie und das Potenzial der wirtschaftlichen Entwicklung.

Darüber hinaus öffnet sich bereits die nächste Wachstumschance für Telehealth: Veterinärmedizin für Haus- und Nutztiere. Wir stehen somit erst am Beginn eines entscheidenden Umbruchs des Gesundheitssektors.

Fazit

Telehealth bietet unzählige Lösungsmöglichkeiten für die steigenden Anforderungen in der Gesundheitsbranche und zugleich viel Wachstums- und Ertragspotenzial für Investoren. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien ist in mehrere Unternehmen investiert, die davon direkt oder indirekt profitieren können und die aus Sicht des Fondsmanagements für die Zukunft aktuell besonders gut aufgestellt sind.

Der Umbruch des Healthcare-Sektors steht dabei noch in seinen Startlöchern. Daher sind auch in diesem Markt eine kontinuierliche sorgfältige Beobachtung und eine gute Unternehmensauswahl durch das Fondsmanagement vonnöten. Die mit Aktieninvestments grundsätzlich verbundenen Risiken gelten selbstverständlich auch für die Unternehmen, die sich im Bereich Telehealth engagieren.

Warum sich das Quartier als eigene Assetklasse durchsetzen wird

von Jörn König, Managing Partner bei TME Associates, in IREBS Immobilienakademie's Publikation Standpunkt.

Unserem immobilienökonomischen Denken und Handeln liegt ein Stadtbild zugrunde, das unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung entstanden ist. Wir denken in Lagen und Assetklassen und bilden daraus wertbestimmende Faktoren. In Flächennutzungs- und Bebauungsplänen wird geregelt, welche Nutzungsart wie Wohnen, Gewerbe oder Industrie wo gebaut und betrieben werden darf. Diese Art der Differenzierung ist die Ursache für die bestehende „Lagen-Monotonie“ zentral orientierter Metropolregionen. Dabei fühlen sich Menschen von einem divers gewachsenen urbanen Umfeld weitaus mehr angezogen. Könnte also der Erfolg erster divers gestalteter urbaner Quartiere als Indiz für eine grundlegende immobilienökonomische Transformation verstanden werden? Eine Antwort lässt sich aus der ganzheitlichen Betrachtung der drei Komponenten Mensch, Arbeit, Immobilie (MAI) und deren Veränderung im Lauf der Menschheitsgeschichte ableiten.

Die Komponenten des MAI-Ökosystems

Der Mensch bildet in diesem Ökosystem der drei Komponenten die Konstante, denn die DNA des modernen Menschen ist ca. 300.000 Jahre alt. In diesem Zeitraum gab es kein Ereignis, das eine Evolution unserer DNA erfordert hat. In dieser Zeit war ein Überleben der alltäglichen Gefahren nur in Gruppen und mit einer klaren Führungsstruktur möglich. Erprobte Gewohnheiten waren überlebenswichtig und Territorien, die uns versorgten, wurden verteidigt. Führung, Gesellschaft, territoriales Denken und Gewohnheiten sind daher ein Teil von uns. Darüber hinaus sind Menschen mit humanen Fähigkeiten ausgestattet. Diese werden Maschinen auch in Zukunft nicht besitzen: Empathie, Selbstkritik, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit oder zum selbstständigen Lösen komplexer Probleme. Das wohl aber wichtigste Alleinstellungsmerkmal in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, etwas bewusst zu erleben. Erlebnisse sind Teil unseres Belohnungssystems. Deshalb handeln und entscheiden Menschen erlebnisbasiert. Wir nennen diese Fähigkeit die „Human Experience“.

Arbeit wiederum bildet im MAI-Ökosystem die Variable. Sie dient per Definition der Existenzsicherung und unterliegt im Gegensatz zur DNA des Menschen einer stetigen Veränderung. Ursprung der Arbeit ist das Jagen und Sammeln. Mit den ersten technischen Entwicklungen und dem daraus generierten Fortschritt hat sich auch die Arbeit weiterentwickelt. Zuerst haben Werkzeuge dem Menschen das Leben erleichtert, dann veränderten Maschinen die vom Einsatz der Muskelkraft geprägte Arbeit, und seit Einzug der Informationstechnologie unterliegt auch die geistige Arbeit einem steten Wandel. Im Lauf der Zeit sind Berufe entstanden, wieder verschwunden und dafür neue entstanden. Einige der heute fest etablierten Berufe werden schon bald nicht mehr von Menschen ausgeübt bzw. verschwinden ganz.

Die dritte Komponente im MAI-Ökosystems ist die Immobilie – per Definition eine Klimaschutzhülle, nicht mehr und nicht weniger. Höhlen bilden den Ursprung der Immobilie, die der Mensch als Schutz vor den Elementen nutzte, als er noch nicht in der Lage war, Häuser zu bauen. In Verbindung mit anderen Entwicklungen lernte der Mensch dann, Häuser an Orten zu errichten, die wesentliche Voraussetzungen erfüllten, um ihn zu ernähren. So stehen Mensch, Arbeit und Immobilie im ursprünglichen MAI-Ökosystem in einem ausgeglichenen Kräfteverhältnis zueinander. Alle drei Komponenten sind weitestgehend immobil und bilden eine räumliche Einheit, denn auch Menschen konnten sich nur innerhalb eines engen Radius fußläufig bewegen. Deshalb wurden Immobilien dort gebaut, wo sich Mensch und Arbeit befinden.

Auf Basis dieses ausgeglichenen MAI-Ökosystems sind die ersten von Menschen erschaffenen Siedlungen entstanden. Ausgangslage der frühzeitlichen Quartiere war regelmäßig ein Impuls mit „Pull-Effekt“, wie z. B. ein Handelsort an einer Furt. Es entstanden Quartiere mit einer gewachsenen „Quartiers-Diversität“, die in Summe eine vollständige Versorgung ihrer Bewohner ermöglichte. Es gab im Wesentlichen Gemeinschaftshäuser wie Kirchen, Herbergen und Handwerkshäuser. Sie bilden den Grundstein der heutigen Immobilienwirtschaft und der Assetklassen, wie sie an der IREBS erforscht und gelehrt werden.

Das MAI-Ökosystem im Wandel

Mit Beginn der Industrialisierung geriet das Kräfteverhältnis der Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie ins Ungleichgewicht, da der Mensch zunehmend mobil wurde. Die Komponenten Arbeit und Immobilie blieben jedoch weitestgehend immobil und bildeten nun eine Einheit – mit explosionsartigem Wachstum. Der Mensch verlangte nach Mobilität und Konsumgütern, die industriell produziert wurden. Unsere heutigen Städte schossen aus dem Boden. Menschen mussten sich plötzlich an die Orte begeben, an denen sich die zur Arbeit notwendige Technik sowie Maschinen oder Rohstoffe befanden.

So entstand die heutige „Lagen-Monotonie“ zentral konzentrierter Metropolregionen, die unsere Kulturlandschaft prägen: hochpreisige Lagen wie Stadt- oder Stadtteilzentren und Cityentlastungslagen für weniger hochwertige Anforderungen wie Produktion, Back-office oder „klassenspezifische“ Wohnstädte. Über Flächennutzungs- und Bebauungspläne wird klar definiert, welche Immobilientypen wo gebaut und betrieben werden dürfen. Es gibt Industriegebiete, Gewerbegebiete, Wohngebiete, Sondergebiete und Kerngebiete.

Mit Beginn des Digitalzeitalters erfährt das MAI-Ökosystem gerade einen erneuten Wandel. Das Kräfteverhältnis zwischen den Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie verlagert sich in Richtung Mensch, denn auch Arbeit wird zunehmend mobil. So stellen künstliche Intelligenz und mobile Technik das uns vertraute Ökosystem gewaltig auf den Kopf. Plötzlich können wir ortsungebunden überall dort arbeiten, wo wir möchten. Auch die klassische Produktion unterliegt dieser Veränderung, indem linearen Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben, die nicht oder nicht allein von künstlicher Intelligenz erledigt werden können. Das sind insbesondere dynamische Prozesse und Interaktionen, die humane Fähigkeiten erfordern.

Der Mensch im Fokus

Jetzt rückt der Mensch mit seiner 300.000 Jahre alten Genetik, seinen humanistischen Fähigkeiten und seiner „Human Experience“ in den Fokus. Wir fordern entsprechend unserem menschlichen Naturell immer mehr – örtliche und zeitliche – Flexibilität, Work-Life-Integration und die Bereitstellung der dafür notwendigen mobilen Arbeitsmittel. Wir möchten selbst entscheiden können, wann, wo und wie wir arbeiten. Wir bilden Aktivitätsmodule, bei denen wir viele vormals als Freizeit definierte Aktivitäten in den Arbeitsalltag einbeziehen – Aktivitätsmodule wie Konzentration, Erledigungen, Erholung, Fort- und Weiterbildung, Kreativität, Sport, Gesundheit, Netzwerk und Kollaboration, die jeweils ein spezifisches Flächen- und Serviceangebot erfordern. Diese Anforderungen stehen jedoch im Widerspruch zur bestehenden „Lagen-Monotonie“. Denn wir möchten nicht mehr in monokulturellen Bürostädten ohne jegliche urbane Infrastruktur arbeiten, aber gleichermaßen auch nicht mehr in monokulturellen Wohnstädten wohnen. Wir fühlen uns entsprechend unserer DNA am wohlsten in einem divers geprägten Umfeld mit einer ausgewogenen wirtschaftlichen und sozialen Durchmischung. Denn diese angeborene Form der Sozialkompetenz ist tief in uns Menschen verwurzelt und gar mitverantwortlich für die Überlebensfähigkeit unserer Spezies.

Dies gilt ebenso für die „Human Experience“, denn Menschen handeln und entscheiden erlebnisbasiert. Deshalb setzen sich erlebnisbasierte Produkte auch gegenüber praktischen Produkten durch – ganze Industrien wie die Touristik basieren auf diesem Prinzip. So kann z. B. ein Erlebnis als „Pull-Effekt“ potenzielle Konsumenten gezielt an einen spezifischen Konsumort locken. Die „Human Experience“ ist der Grund, warum wir uns von Quartieren angezogen fühlen, in denen wir „Quartiers-Diversität“ als städtisches Lebensgefühl erleben können.

Als logische Schlussfolgerung steigt die Nachfrage nach räumlich definierten Quartieren, mit gestalteter „Quartiers-Diversität“, die in Summe die vollständige Versorgung der Quartiersnutzer ermöglicht – Quartiere zum Leben und Arbeiten als moderner Lebensraum, der die industrialisierungsbedingte „Lagen-Monotonie“ nach und nach ersetzt.

Das Quartier als „Home of Corporate”

Zukunftsorientierte Unternehmen setzen den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, gestalten eine auf Menschlichkeit und Diversität ausgerichtete Unternehmenskultur und nutzen die sich daraus entwickelnde Schwarmintelligenz. Sie schaffen ein „Integrated Working Environment“, also eine ganzheitliche Arbeitswelt, die ein Umsetzen der Aktivitätsmodule ermöglicht.

Viele Unternehmen haben unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung ihre Erfolgsgeschichte an dem Ort geschrieben, an dem ihr Gründer lebt oder lebte. Unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung und dem damit verbundenen Wandel im MAI-Ökosystem müssen sich diese Unternehmen nun neu erfinden, um zu überleben.

Die Zunahme von dynamischen Prozessen bei gleichzeitiger Abnahme von linearen Tätigkeiten diversifiziert die Anforderungen an Expertise. Die Unternehmen fokussieren ihre Kernkompetenzen und bedienen sich für darüberhinausgehende Aufgabenstellungen externer Experten. Um eine räumliche Nähe zum intellektuellen Austausch zwischen eigenen und externen Experten zu ermöglichen, wird eine Kombination aus exklusiv genutzten Corporate-Bereichen und offenen Bereichen für Externe benötigt, sogenannte „Blurring Boundaries“, also fließende Grenzen zwischen intern und extern.

Auch wenn Co-Working-Anbieter bereits funktionale Lösungen für diese Anforderung anbieten, laufen Unternehmen unter dem Dach einer Plattform Gefahr, ihre eigene, erfolgsrelevante Unternehmenskultur einzubüßen. Deshalb prüfen viele Unternehmen den Ansatz, ein diverses Quartier, um die eigengenutzten Flächen herum zu gestalten, z. B. einen urbanen Campus. Das Unternehmen mit seiner Kultur, seinen Menschen, seiner Kompetenz und seiner Produktwelt bildet bei diesem Modell den „Pull-Effekt“, um die Infrastruktur und weitere Menschen sowie die benötigten Experten anzuziehen. Eine auf dieser Basis gestaltete „Quartiers-Diversität“ schafft für alle Beteiligten das urbane Lebensgefühl, um gerne am Unternehmensstandort zu sein, zum Arbeiten und Wohlfühlen. Zum Beispiel schlägt Siemens mit dem Konzept „Siemensstadt 2.0“ diesen Weg ein und entwickelt an den Standorten Berlin und Erlangen divers genutzte Quartiere. Adidas wiederum hat mit dem Adidas-Campus bereits Fakten geschaffen und zieht mit der „World of Sports“ internationale Talente nach Herzogenaurach.

Quartiersentwicklung

Die Entwicklung eines Quartiers mit „Quartiers-Diversität“, also einem gesunden Mix aus Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Geschäften des täglichen Bedarfs, mit ausreichender kritischer Masse, um Umsatz zu generieren und lebendig zu wirken, kann nicht nach Lehrbuch erfolgen. Allein durch die erforderliche Nutzungsvielfalt und den längeren Zeithorizont wird deutlich, wie viel komplexer Quartiersentwicklungen im Gegensatz zu beispielsweise der Entwicklungen reiner Büroareale sind. Eine Quartiersentwicklung bedarf eines „Initialereignisses“, eines Charakters, USPs oder „Pull-Effekts“, der eine kritische Nutzermasse auch außerhalb der üblichen Bürozeiten sicherstellt. Das kann das zuvor erwähnte Unternehmen sein oder ein Kultur-Hotspot wie die Konzerthalle mit Containerdorf im Werksviertel München.

Im Fall einer „Greenfield“-Entwicklung muss der „Pull-Effekt“ in Form einer Vision für z.B. die zukünftige Nutzung einer ehemaligen Gleisfläche neu erfunden werden. Es erfordert einen Charakter, der das zukünftige Quartier prägt und besonders macht. Dieser kann etwa durch Kleinkunstwerkstätten, Pop-up-Kultur, Erlebnis-Gastronomie oder einer einzigartigen Sport-Welt entstehen. Dieses Quartier-Konzept spielt bereits früh im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs als Basis zum Erwerb eines Entwicklungsgrundstücks eine wichtige Rolle. Bei Konzeptionierungen von Entwicklungen im Bestand dagegen ist die Geschichte und die ehemalige Nutzung von Bedeutung. Konkret geht es um die Einbeziehung bestehender oft denkmalgeschützter Gebäude(teile), die dem Quartier einen Charakter verleihen können. Ein Beispiel dazu ist die Lokstadt in Winterthur.

Die anzugliedernden Nutzungsarten erfordern dann die Planung und Umsetzung eines ganzheitlichen Nutzungskonzepts. Die Dominanz einer spezifischen Nutzungsart, wie nur Singlehaushalte oder nur klassische Büroflächen würde „Quartiers-Diversität“ verhindern. Wichtig ist deshalb die Einbeziehung moderner Nutzungsarten wie Flexible Offices zur temporären Nutzung oder spezifischer Wohnformen wie Serviced Apartments. Erfolgsentscheidend sind das Maß an Qualität und der Servicelevel der jeweiligen Aktivitätsmodule im Quartier. Im Idealfall kann eine solche Entwicklung dazu führen, dass sich unterentwickelte Randlagen durch die Integration ganzheitlicher, qualitativ hochwertiger Konzepte zu hochpreisigen Spitzenquartieren entwickeln. Sie erfüllen dann alle Kriterien der heutigen Citylagen, bringen jedoch weniger Einschränkungen durch gegebene, gewachsene Strukturen mit sich.

In gewachsenen Strukturen wie einem Cityquartier ist eine potenzielle Wertsteigerung des Quartiers abhängig von der Bereitschaft der multiplen Eigentümer, ihre eigenen Interessen denen des Quartiers unterzuordnen. Das Quartier, als heterogen gewachsene Struktur, muss zu einer zentral gemanagten Einheit zusammenwachsen. Benachbarte Gebäude mit identischem Nutzungscharakter werden nicht mehr im direkten Wettbewerb zueinanderstehen dürfen, sondern müssen als Bestandteil des Quartiers jeweils „Aufgaben“ zur Qualitätssteigerung des Gesamtkonzepts übernehmen. Dazu fehlt zweifelsohne noch der wirtschaftliche Druck und es klingt daher sehr weit entfernt.

Das Quartier als Assetklasse

Für RE Investment Manager bietet sich die Chance, das Quartier als Produkt, also als eigenständige Assetklasse zu etablieren bzw. eine neue Assetklasse zu besetzen, die noch keinem hochkompetitiven Umfeld und damit verbundener Blasenbildungsgefahr ausgesetzt ist. Mit Einzelinvestitionen oberhalb von 500 Millionen Euro kann Anlagedruck effektiv abgebaut werden.

Expertise, zumindest über die einzelnen Nutzungsarten, die ein diverses Quartier vereint, ist in den RE-Investment-Management-Gesellschaften vorhanden. Notwendig ist auch Entwickler-Expertise, denn Quartiere werden als solche noch nicht wirklich zum Erwerb angeboten, und wenn, dann als Forward Deal in überschaubarer Anzahl. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kann ein Quartier z. B. durch den Einkauf von klimaneutralem Strom ressourcenschonend betrieben werden. Auch Trends wie „Urban Farming”, „Urban Living”, „Flexible Office“ oder ein klimaneutrales Mobilitätskonzept können in einem Quartier renditefähig implementiert werden und zur Senkung der Gesamt-CO2-Bilanz beitragen.

Herausfordernd ist jedoch die Platzierung, denn es gibt aktuell nur wenig Vergleichbares, das eine seriöse Risikoverifizierung zulässt. Auch werden sich die etablierten Bewertungs- und Finanzierungsmodelle verändern müssen. Quartiersnutzer werden kaum langfristige Mietverträge über fest definierte Flächen in Gebäuden abschließen, die heute als Bewertungsgrundlage für Kredite und Investments Verwendung finden. Büros werden in Zukunft eine heterogene Nutzerstruktur aufweisen, zusammengesetzt aus Einzelpersonen und individuellen Gruppen, die unterschiedliche Flächenarten temporär nutzen. Dies hat zur Folge, dass sich der Wert der einzelnen Immobilie nicht mehr über die Bonität des Hauptmieters definiert. Die Auslastung des Quartiers als Ganzes und die Rolle der Immobilie im Quartier werden deshalb zukünftig die maßgeblichen Wertindikatoren sein.

Darüber hinaus wird ein Aufbrechen der gelebten Silostrukturen notwendig, da die „klassischen“ Assetklassen wie Büro oder Residential im Quartier nicht einzeln, sondern im Zusammenspiel als Ganzes, eben im Quartiers-Zusammenhang zu betrachten sind.

Quartiersmanagement

Quartiersentwicklungen bieten nicht nur Investoren und Entwicklern, sondern auch für Facility-Management-Dienstleister neue bzw. erweiterte Geschäftsmöglichkeiten. Im Rahmen des Quartiersmanagements müssen nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Quartiere unter Quartiersgesichtspunkten gemanagt und bewirtschaftet werden. Wenn sich Nutzer frei in den von ihnen gebuchten Bereichen oder Einheiten eines Quartiers bewegen und dort Services in Anspruch nehmen, muss dafür eine entsprechende Abrechnungsgrundlage geschaffen und gemanagt werden.

Vergleichbar ist die Aufgabenstellung mit der eines Center-Managements, das eine Mall zu managen hat, in der die Konsumenten sich frei in den individuell von ihnen gebuchten Einrichtungen und Shops bewegen und bedienen können. Jegliche Inanspruchnahme von Leistungen und Services ist in einem Nutzungsvertrag zu regeln und zentral abzurechnen. Mehrere Tausend Nutzer eines Quartiers oder urbanen Campus bedeuten in diesem Zusammenhang auch mehrere Tausend individuelle Nutzungsverträge, die geschlossen, verwaltet und abgerechnet werden müssen. Das Leistungsbild besteht dann neben den klassischen FM Dienstleistungen auch aus der Bewirtschaftung einer Vielzahl weiterer Sondernutzungen wie z. B. Cafés oder Popup-Stores.

Eine wesentliche Herausforderung ist abschließend das Betriebsmodell. Die erfolgsrelevante „Quartiers-Diversität“ ist nur dann gegeben, wenn auch der Betrieb des Quartiers und die damit verbundenen Services aufeinander abgestimmt sind. Dazu gehören auch Pay-per-Use-Konzepte für Flächen und Services. Die RE Investment Manager müssen entscheiden, ob sie den Betrieb klassisch vergeben, sich im Rahmen eines Partnermodells mit einbringen oder ihn gar mit einem eigenen Gewerbe selbst übernehmen.

Rückblickend ist die Einstiegsfrage nun klar zu bejahen: Der Erfolg divers gestalteter urbaner Quartiere ist mehr als nur ein Indiz für eine immobilienökonomische Transformation, weg von einzelnen Assetklassen hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Quartiere als eigene Assetklasse.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IRE|BS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Jörn König

Der Architekt Jörn König ist Managing Partner bei TME Associates und verantwortet als CHRO die Personalstrategie der Gruppe. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Arbeitswelten und die Zukunft der Arbeit. In seinem Beratungssegment Integrated Working Environment (kurz IWE), fasst er die Belange der Arbeitswelt unter den Gesichtspunkten von Menschen, Arbeit und Immobilie zusammen und definiert über das „MAI-Ökosystem“ die Grundlagen für Veränderungen in der Immobilienwirtschaft.