Warum sich das Quartier als eigene Assetklasse durchsetzen wird

von Jörn König, Managing Partner bei TME Associates, in IREBS Immobilienakademie's Publikation Standpunkt.

Unserem immobilienökonomischen Denken und Handeln liegt ein Stadtbild zugrunde, das unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung entstanden ist. Wir denken in Lagen und Assetklassen und bilden daraus wertbestimmende Faktoren. In Flächennutzungs- und Bebauungsplänen wird geregelt, welche Nutzungsart wie Wohnen, Gewerbe oder Industrie wo gebaut und betrieben werden darf. Diese Art der Differenzierung ist die Ursache für die bestehende „Lagen-Monotonie“ zentral orientierter Metropolregionen. Dabei fühlen sich Menschen von einem divers gewachsenen urbanen Umfeld weitaus mehr angezogen. Könnte also der Erfolg erster divers gestalteter urbaner Quartiere als Indiz für eine grundlegende immobilienökonomische Transformation verstanden werden? Eine Antwort lässt sich aus der ganzheitlichen Betrachtung der drei Komponenten Mensch, Arbeit, Immobilie (MAI) und deren Veränderung im Lauf der Menschheitsgeschichte ableiten.

Die Komponenten des MAI-Ökosystems

Der Mensch bildet in diesem Ökosystem der drei Komponenten die Konstante, denn die DNA des modernen Menschen ist ca. 300.000 Jahre alt. In diesem Zeitraum gab es kein Ereignis, das eine Evolution unserer DNA erfordert hat. In dieser Zeit war ein Überleben der alltäglichen Gefahren nur in Gruppen und mit einer klaren Führungsstruktur möglich. Erprobte Gewohnheiten waren überlebenswichtig und Territorien, die uns versorgten, wurden verteidigt. Führung, Gesellschaft, territoriales Denken und Gewohnheiten sind daher ein Teil von uns. Darüber hinaus sind Menschen mit humanen Fähigkeiten ausgestattet. Diese werden Maschinen auch in Zukunft nicht besitzen: Empathie, Selbstkritik, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit oder zum selbstständigen Lösen komplexer Probleme. Das wohl aber wichtigste Alleinstellungsmerkmal in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, etwas bewusst zu erleben. Erlebnisse sind Teil unseres Belohnungssystems. Deshalb handeln und entscheiden Menschen erlebnisbasiert. Wir nennen diese Fähigkeit die „Human Experience“.

Arbeit wiederum bildet im MAI-Ökosystem die Variable. Sie dient per Definition der Existenzsicherung und unterliegt im Gegensatz zur DNA des Menschen einer stetigen Veränderung. Ursprung der Arbeit ist das Jagen und Sammeln. Mit den ersten technischen Entwicklungen und dem daraus generierten Fortschritt hat sich auch die Arbeit weiterentwickelt. Zuerst haben Werkzeuge dem Menschen das Leben erleichtert, dann veränderten Maschinen die vom Einsatz der Muskelkraft geprägte Arbeit, und seit Einzug der Informationstechnologie unterliegt auch die geistige Arbeit einem steten Wandel. Im Lauf der Zeit sind Berufe entstanden, wieder verschwunden und dafür neue entstanden. Einige der heute fest etablierten Berufe werden schon bald nicht mehr von Menschen ausgeübt bzw. verschwinden ganz.

Die dritte Komponente im MAI-Ökosystems ist die Immobilie – per Definition eine Klimaschutzhülle, nicht mehr und nicht weniger. Höhlen bilden den Ursprung der Immobilie, die der Mensch als Schutz vor den Elementen nutzte, als er noch nicht in der Lage war, Häuser zu bauen. In Verbindung mit anderen Entwicklungen lernte der Mensch dann, Häuser an Orten zu errichten, die wesentliche Voraussetzungen erfüllten, um ihn zu ernähren. So stehen Mensch, Arbeit und Immobilie im ursprünglichen MAI-Ökosystem in einem ausgeglichenen Kräfteverhältnis zueinander. Alle drei Komponenten sind weitestgehend immobil und bilden eine räumliche Einheit, denn auch Menschen konnten sich nur innerhalb eines engen Radius fußläufig bewegen. Deshalb wurden Immobilien dort gebaut, wo sich Mensch und Arbeit befinden.

Auf Basis dieses ausgeglichenen MAI-Ökosystems sind die ersten von Menschen erschaffenen Siedlungen entstanden. Ausgangslage der frühzeitlichen Quartiere war regelmäßig ein Impuls mit „Pull-Effekt“, wie z. B. ein Handelsort an einer Furt. Es entstanden Quartiere mit einer gewachsenen „Quartiers-Diversität“, die in Summe eine vollständige Versorgung ihrer Bewohner ermöglichte. Es gab im Wesentlichen Gemeinschaftshäuser wie Kirchen, Herbergen und Handwerkshäuser. Sie bilden den Grundstein der heutigen Immobilienwirtschaft und der Assetklassen, wie sie an der IREBS erforscht und gelehrt werden.

Das MAI-Ökosystem im Wandel

Mit Beginn der Industrialisierung geriet das Kräfteverhältnis der Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie ins Ungleichgewicht, da der Mensch zunehmend mobil wurde. Die Komponenten Arbeit und Immobilie blieben jedoch weitestgehend immobil und bildeten nun eine Einheit – mit explosionsartigem Wachstum. Der Mensch verlangte nach Mobilität und Konsumgütern, die industriell produziert wurden. Unsere heutigen Städte schossen aus dem Boden. Menschen mussten sich plötzlich an die Orte begeben, an denen sich die zur Arbeit notwendige Technik sowie Maschinen oder Rohstoffe befanden.

So entstand die heutige „Lagen-Monotonie“ zentral konzentrierter Metropolregionen, die unsere Kulturlandschaft prägen: hochpreisige Lagen wie Stadt- oder Stadtteilzentren und Cityentlastungslagen für weniger hochwertige Anforderungen wie Produktion, Back-office oder „klassenspezifische“ Wohnstädte. Über Flächennutzungs- und Bebauungspläne wird klar definiert, welche Immobilientypen wo gebaut und betrieben werden dürfen. Es gibt Industriegebiete, Gewerbegebiete, Wohngebiete, Sondergebiete und Kerngebiete.

Mit Beginn des Digitalzeitalters erfährt das MAI-Ökosystem gerade einen erneuten Wandel. Das Kräfteverhältnis zwischen den Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie verlagert sich in Richtung Mensch, denn auch Arbeit wird zunehmend mobil. So stellen künstliche Intelligenz und mobile Technik das uns vertraute Ökosystem gewaltig auf den Kopf. Plötzlich können wir ortsungebunden überall dort arbeiten, wo wir möchten. Auch die klassische Produktion unterliegt dieser Veränderung, indem linearen Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben, die nicht oder nicht allein von künstlicher Intelligenz erledigt werden können. Das sind insbesondere dynamische Prozesse und Interaktionen, die humane Fähigkeiten erfordern.

Der Mensch im Fokus

Jetzt rückt der Mensch mit seiner 300.000 Jahre alten Genetik, seinen humanistischen Fähigkeiten und seiner „Human Experience“ in den Fokus. Wir fordern entsprechend unserem menschlichen Naturell immer mehr – örtliche und zeitliche – Flexibilität, Work-Life-Integration und die Bereitstellung der dafür notwendigen mobilen Arbeitsmittel. Wir möchten selbst entscheiden können, wann, wo und wie wir arbeiten. Wir bilden Aktivitätsmodule, bei denen wir viele vormals als Freizeit definierte Aktivitäten in den Arbeitsalltag einbeziehen – Aktivitätsmodule wie Konzentration, Erledigungen, Erholung, Fort- und Weiterbildung, Kreativität, Sport, Gesundheit, Netzwerk und Kollaboration, die jeweils ein spezifisches Flächen- und Serviceangebot erfordern. Diese Anforderungen stehen jedoch im Widerspruch zur bestehenden „Lagen-Monotonie“. Denn wir möchten nicht mehr in monokulturellen Bürostädten ohne jegliche urbane Infrastruktur arbeiten, aber gleichermaßen auch nicht mehr in monokulturellen Wohnstädten wohnen. Wir fühlen uns entsprechend unserer DNA am wohlsten in einem divers geprägten Umfeld mit einer ausgewogenen wirtschaftlichen und sozialen Durchmischung. Denn diese angeborene Form der Sozialkompetenz ist tief in uns Menschen verwurzelt und gar mitverantwortlich für die Überlebensfähigkeit unserer Spezies.

Dies gilt ebenso für die „Human Experience“, denn Menschen handeln und entscheiden erlebnisbasiert. Deshalb setzen sich erlebnisbasierte Produkte auch gegenüber praktischen Produkten durch – ganze Industrien wie die Touristik basieren auf diesem Prinzip. So kann z. B. ein Erlebnis als „Pull-Effekt“ potenzielle Konsumenten gezielt an einen spezifischen Konsumort locken. Die „Human Experience“ ist der Grund, warum wir uns von Quartieren angezogen fühlen, in denen wir „Quartiers-Diversität“ als städtisches Lebensgefühl erleben können.

Als logische Schlussfolgerung steigt die Nachfrage nach räumlich definierten Quartieren, mit gestalteter „Quartiers-Diversität“, die in Summe die vollständige Versorgung der Quartiersnutzer ermöglicht – Quartiere zum Leben und Arbeiten als moderner Lebensraum, der die industrialisierungsbedingte „Lagen-Monotonie“ nach und nach ersetzt.

Das Quartier als „Home of Corporate”

Zukunftsorientierte Unternehmen setzen den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, gestalten eine auf Menschlichkeit und Diversität ausgerichtete Unternehmenskultur und nutzen die sich daraus entwickelnde Schwarmintelligenz. Sie schaffen ein „Integrated Working Environment“, also eine ganzheitliche Arbeitswelt, die ein Umsetzen der Aktivitätsmodule ermöglicht.

Viele Unternehmen haben unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung ihre Erfolgsgeschichte an dem Ort geschrieben, an dem ihr Gründer lebt oder lebte. Unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung und dem damit verbundenen Wandel im MAI-Ökosystem müssen sich diese Unternehmen nun neu erfinden, um zu überleben.

Die Zunahme von dynamischen Prozessen bei gleichzeitiger Abnahme von linearen Tätigkeiten diversifiziert die Anforderungen an Expertise. Die Unternehmen fokussieren ihre Kernkompetenzen und bedienen sich für darüberhinausgehende Aufgabenstellungen externer Experten. Um eine räumliche Nähe zum intellektuellen Austausch zwischen eigenen und externen Experten zu ermöglichen, wird eine Kombination aus exklusiv genutzten Corporate-Bereichen und offenen Bereichen für Externe benötigt, sogenannte „Blurring Boundaries“, also fließende Grenzen zwischen intern und extern.

Auch wenn Co-Working-Anbieter bereits funktionale Lösungen für diese Anforderung anbieten, laufen Unternehmen unter dem Dach einer Plattform Gefahr, ihre eigene, erfolgsrelevante Unternehmenskultur einzubüßen. Deshalb prüfen viele Unternehmen den Ansatz, ein diverses Quartier, um die eigengenutzten Flächen herum zu gestalten, z. B. einen urbanen Campus. Das Unternehmen mit seiner Kultur, seinen Menschen, seiner Kompetenz und seiner Produktwelt bildet bei diesem Modell den „Pull-Effekt“, um die Infrastruktur und weitere Menschen sowie die benötigten Experten anzuziehen. Eine auf dieser Basis gestaltete „Quartiers-Diversität“ schafft für alle Beteiligten das urbane Lebensgefühl, um gerne am Unternehmensstandort zu sein, zum Arbeiten und Wohlfühlen. Zum Beispiel schlägt Siemens mit dem Konzept „Siemensstadt 2.0“ diesen Weg ein und entwickelt an den Standorten Berlin und Erlangen divers genutzte Quartiere. Adidas wiederum hat mit dem Adidas-Campus bereits Fakten geschaffen und zieht mit der „World of Sports“ internationale Talente nach Herzogenaurach.

Quartiersentwicklung

Die Entwicklung eines Quartiers mit „Quartiers-Diversität“, also einem gesunden Mix aus Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Geschäften des täglichen Bedarfs, mit ausreichender kritischer Masse, um Umsatz zu generieren und lebendig zu wirken, kann nicht nach Lehrbuch erfolgen. Allein durch die erforderliche Nutzungsvielfalt und den längeren Zeithorizont wird deutlich, wie viel komplexer Quartiersentwicklungen im Gegensatz zu beispielsweise der Entwicklungen reiner Büroareale sind. Eine Quartiersentwicklung bedarf eines „Initialereignisses“, eines Charakters, USPs oder „Pull-Effekts“, der eine kritische Nutzermasse auch außerhalb der üblichen Bürozeiten sicherstellt. Das kann das zuvor erwähnte Unternehmen sein oder ein Kultur-Hotspot wie die Konzerthalle mit Containerdorf im Werksviertel München.

Im Fall einer „Greenfield“-Entwicklung muss der „Pull-Effekt“ in Form einer Vision für z.B. die zukünftige Nutzung einer ehemaligen Gleisfläche neu erfunden werden. Es erfordert einen Charakter, der das zukünftige Quartier prägt und besonders macht. Dieser kann etwa durch Kleinkunstwerkstätten, Pop-up-Kultur, Erlebnis-Gastronomie oder einer einzigartigen Sport-Welt entstehen. Dieses Quartier-Konzept spielt bereits früh im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs als Basis zum Erwerb eines Entwicklungsgrundstücks eine wichtige Rolle. Bei Konzeptionierungen von Entwicklungen im Bestand dagegen ist die Geschichte und die ehemalige Nutzung von Bedeutung. Konkret geht es um die Einbeziehung bestehender oft denkmalgeschützter Gebäude(teile), die dem Quartier einen Charakter verleihen können. Ein Beispiel dazu ist die Lokstadt in Winterthur.

Die anzugliedernden Nutzungsarten erfordern dann die Planung und Umsetzung eines ganzheitlichen Nutzungskonzepts. Die Dominanz einer spezifischen Nutzungsart, wie nur Singlehaushalte oder nur klassische Büroflächen würde „Quartiers-Diversität“ verhindern. Wichtig ist deshalb die Einbeziehung moderner Nutzungsarten wie Flexible Offices zur temporären Nutzung oder spezifischer Wohnformen wie Serviced Apartments. Erfolgsentscheidend sind das Maß an Qualität und der Servicelevel der jeweiligen Aktivitätsmodule im Quartier. Im Idealfall kann eine solche Entwicklung dazu führen, dass sich unterentwickelte Randlagen durch die Integration ganzheitlicher, qualitativ hochwertiger Konzepte zu hochpreisigen Spitzenquartieren entwickeln. Sie erfüllen dann alle Kriterien der heutigen Citylagen, bringen jedoch weniger Einschränkungen durch gegebene, gewachsene Strukturen mit sich.

In gewachsenen Strukturen wie einem Cityquartier ist eine potenzielle Wertsteigerung des Quartiers abhängig von der Bereitschaft der multiplen Eigentümer, ihre eigenen Interessen denen des Quartiers unterzuordnen. Das Quartier, als heterogen gewachsene Struktur, muss zu einer zentral gemanagten Einheit zusammenwachsen. Benachbarte Gebäude mit identischem Nutzungscharakter werden nicht mehr im direkten Wettbewerb zueinanderstehen dürfen, sondern müssen als Bestandteil des Quartiers jeweils „Aufgaben“ zur Qualitätssteigerung des Gesamtkonzepts übernehmen. Dazu fehlt zweifelsohne noch der wirtschaftliche Druck und es klingt daher sehr weit entfernt.

Das Quartier als Assetklasse

Für RE Investment Manager bietet sich die Chance, das Quartier als Produkt, also als eigenständige Assetklasse zu etablieren bzw. eine neue Assetklasse zu besetzen, die noch keinem hochkompetitiven Umfeld und damit verbundener Blasenbildungsgefahr ausgesetzt ist. Mit Einzelinvestitionen oberhalb von 500 Millionen Euro kann Anlagedruck effektiv abgebaut werden.

Expertise, zumindest über die einzelnen Nutzungsarten, die ein diverses Quartier vereint, ist in den RE-Investment-Management-Gesellschaften vorhanden. Notwendig ist auch Entwickler-Expertise, denn Quartiere werden als solche noch nicht wirklich zum Erwerb angeboten, und wenn, dann als Forward Deal in überschaubarer Anzahl. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kann ein Quartier z. B. durch den Einkauf von klimaneutralem Strom ressourcenschonend betrieben werden. Auch Trends wie „Urban Farming”, „Urban Living”, „Flexible Office“ oder ein klimaneutrales Mobilitätskonzept können in einem Quartier renditefähig implementiert werden und zur Senkung der Gesamt-CO2-Bilanz beitragen.

Herausfordernd ist jedoch die Platzierung, denn es gibt aktuell nur wenig Vergleichbares, das eine seriöse Risikoverifizierung zulässt. Auch werden sich die etablierten Bewertungs- und Finanzierungsmodelle verändern müssen. Quartiersnutzer werden kaum langfristige Mietverträge über fest definierte Flächen in Gebäuden abschließen, die heute als Bewertungsgrundlage für Kredite und Investments Verwendung finden. Büros werden in Zukunft eine heterogene Nutzerstruktur aufweisen, zusammengesetzt aus Einzelpersonen und individuellen Gruppen, die unterschiedliche Flächenarten temporär nutzen. Dies hat zur Folge, dass sich der Wert der einzelnen Immobilie nicht mehr über die Bonität des Hauptmieters definiert. Die Auslastung des Quartiers als Ganzes und die Rolle der Immobilie im Quartier werden deshalb zukünftig die maßgeblichen Wertindikatoren sein.

Darüber hinaus wird ein Aufbrechen der gelebten Silostrukturen notwendig, da die „klassischen“ Assetklassen wie Büro oder Residential im Quartier nicht einzeln, sondern im Zusammenspiel als Ganzes, eben im Quartiers-Zusammenhang zu betrachten sind.

Quartiersmanagement

Quartiersentwicklungen bieten nicht nur Investoren und Entwicklern, sondern auch für Facility-Management-Dienstleister neue bzw. erweiterte Geschäftsmöglichkeiten. Im Rahmen des Quartiersmanagements müssen nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Quartiere unter Quartiersgesichtspunkten gemanagt und bewirtschaftet werden. Wenn sich Nutzer frei in den von ihnen gebuchten Bereichen oder Einheiten eines Quartiers bewegen und dort Services in Anspruch nehmen, muss dafür eine entsprechende Abrechnungsgrundlage geschaffen und gemanagt werden.

Vergleichbar ist die Aufgabenstellung mit der eines Center-Managements, das eine Mall zu managen hat, in der die Konsumenten sich frei in den individuell von ihnen gebuchten Einrichtungen und Shops bewegen und bedienen können. Jegliche Inanspruchnahme von Leistungen und Services ist in einem Nutzungsvertrag zu regeln und zentral abzurechnen. Mehrere Tausend Nutzer eines Quartiers oder urbanen Campus bedeuten in diesem Zusammenhang auch mehrere Tausend individuelle Nutzungsverträge, die geschlossen, verwaltet und abgerechnet werden müssen. Das Leistungsbild besteht dann neben den klassischen FM Dienstleistungen auch aus der Bewirtschaftung einer Vielzahl weiterer Sondernutzungen wie z. B. Cafés oder Popup-Stores.

Eine wesentliche Herausforderung ist abschließend das Betriebsmodell. Die erfolgsrelevante „Quartiers-Diversität“ ist nur dann gegeben, wenn auch der Betrieb des Quartiers und die damit verbundenen Services aufeinander abgestimmt sind. Dazu gehören auch Pay-per-Use-Konzepte für Flächen und Services. Die RE Investment Manager müssen entscheiden, ob sie den Betrieb klassisch vergeben, sich im Rahmen eines Partnermodells mit einbringen oder ihn gar mit einem eigenen Gewerbe selbst übernehmen.

Rückblickend ist die Einstiegsfrage nun klar zu bejahen: Der Erfolg divers gestalteter urbaner Quartiere ist mehr als nur ein Indiz für eine immobilienökonomische Transformation, weg von einzelnen Assetklassen hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Quartiere als eigene Assetklasse.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IRE|BS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Jörn König

Der Architekt Jörn König ist Managing Partner bei TME Associates und verantwortet als CHRO die Personalstrategie der Gruppe. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Arbeitswelten und die Zukunft der Arbeit. In seinem Beratungssegment Integrated Working Environment (kurz IWE), fasst er die Belange der Arbeitswelt unter den Gesichtspunkten von Menschen, Arbeit und Immobilie zusammen und definiert über das „MAI-Ökosystem“ die Grundlagen für Veränderungen in der Immobilienwirtschaft.

Ausländische Asset Manager in Deutschland – ihre größten Herausforderungen prae Covid-19

von Hagen Gerle, Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche.

Spezifische Anforderungen von Kundenseite, die fondsbezogene Regulierung und der Zugang zu Vertriebspartnern sind die größten Herausforderungen für ausländische Fondsgesellschaften auf dem deutschen Markt – oder waren es zumindest bis zum Beginn des Coronavirus-Lockdowns. Die höchste persönliche Schwierigkeit für Mitarbeiter und Dienstleister von Investmentgesellschaften war bis dato der Umstand, dass Deutschland sehr dezentralisiert ist und viele unterschiedliche Finanzzentren hat.

Das sind die Kernergebnisse der Umfrage „Welche Hürden müssen ausländische Fondshäuser auf dem deutschen Markt überwinden?“, welche die spezialisierte Kommunikationsberatung Gerle Financial Communications (GFC) initiiert hat. An der Online-Umfrage beteiligten sich zwischen Januar und März dieses Jahres Vertreter von 18 Unternehmen, die bei ausländischen Fondshäusern arbeiten oder für diese Dienstleistungen erbringen, vor allem im Vertrieb.

Die teilnehmenden Investmentfirmen stammen aus Europa (neun Unternehmen), Nord- und Südamerika (acht) sowie Asien (eine Firma) und repräsentieren ein gesamtes weltweit verwaltetes Vermögen von rund 4,3 Billionen Euro (Stand Dezember 2019).

Deutsche Kunden haben besondere Erwartungen und Anforderungen

In der Befragung nannte mehr als ein Viertel (26 Prozent) der Teilnehmer die besonderen Anforderungen deutscher Fondskunden – etwa in Bezug auf das Reporting für gesonderte Anteilklassen, individuelle Zielgruppen und obligatorische Kennzahlen – als die größte Herausforderung, gefolgt von der fondsspezifischen Regulierung und dem Zugang zu den richtigen Vertriebspartnern mit jeweils 22 Prozent. „Informationsmaterial in deutscher Sprache“ landete auf dem dritten Rang (17 Prozent).

„Ob Deutschlands Dezentralität mit seinen verschiedenen Finanzzentren nach Covid-19 noch eine Hürde für ausländische Asset Manager sein wird, bleibt abzuwarten.“
Hagen Gerle, Geschäftsführer Gerle Financial Communications

Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) bezeichnete Deutschlands dezentrale Struktur mit seinen verschiedenen Finanzzentren als die höchste persönliche Hürde, die sie zu nehmen hatten, als sie nach Deutschland kamen. „Das ist allerdings eine Hürde, die angesichts von Social Distancing, stark eingeschränktem Reiseverkehr und dem wachsenden Zuspruch für Online-Seminare und Video-Konferenzen künftig niedriger ausfallen könnte“, sagt GFC-Geschäftsführer Hagen Gerle.

Qualifiziertes Personal einzustellen (16 Prozent), die deutsche Sprache (13 Prozent) und das deutsche Steuerwesen (neun Prozent) folgten mit weitem Abstand. Einen passenden Job für den Lebenspartner (eine Nennung) oder Zugang zu guten Schulen für die Kinder zu finden (keine Nennung) stellten offensichtlich keine Schwierigkeiten dar.

ESG und Regulierung machen mehr Arbeit als im Heimatmarkt

Im Vergleich zu ihren Heimatmärkten sind vor allem die Regulierung sowie das Sichten und Auswählen von nachhaltigen und sozial verantwortlichen Investments (ESG/SRI) für ausländische Fondsgesellschaften in Deutschland aufwändiger. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (56 Prozent) haben danach mit den Themen „Regulierung“ sowie „ESG/SRI“ in Deutschland mehr Arbeit als in ihren jeweiligen Heimatländern. „Digitalisierung“ (88 Prozent) sowie „New Work“ (65 Prozent), also neue flexible Arbeitskonzepte, bereiten hierzulande hingegen weniger oder genauso viel Arbeit wie in den Ursprungsländern der Asset Manager.

„Als wir die Umfrage starteten, war natürlich nicht abzusehen, welche tiefgreifenden Folgen Covid-19 haben würde. Und die Frage nach den ,größten Herausforderungen für ausländische Asset Manager auf dem deutschen Markt‘ zu beantworten, schien uns im Verlauf der Krise nicht mehr angemessen“, kommentiert Gerle. „Zumal sich diese Herausforderungen ganz stark, speziell für kleinere Gesellschaften, auf den reinen Fortbestand reduzieren.“

Zwar repräsentiere eine Anzahl von 18 Antworten nur einen kleinen Teil der ausländischen Asset Manager und ihren Blick auf die deutsche Fondsbranche. „Da die Teilnehmer unserer Befragung aber eine gute Bandbreite abdecken – von globalen Top-Ten-Häusern bis hin zu spezialisierten Investmentboutiquen aus aller Welt – geben sie einen interessanten Einblick in die Schwierigkeiten, welche ausländische Asset Manager bei ihrem Start in Deutschland haben – nach wie vor einem der am stärksten gefragten Märkte weltweit“, sagt Kommunikationsberater Gerle. Es werde sicher aufschlussreich werden, die Frage nach den höchsten Hürden in einem Jahr erneut zu stellen und dann den Einfluss von Covid-19 auf das Geschäft in Deutschland festzuhalten.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 05. Juni 2020.

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften. 2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main: Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

Requirements for Security Token Issuance

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Security tokens have been introduced from this legal perspective in part one of this article. This part focuses on the security token offering requirements.

Services of token issuer and token generator

Token issuer are persons who publicly offer tokens on behalf of third parties. This includes not only sales, but also other forms of offering, such as an award for a fee or a gift (eg, airdrop). A possible application is trading venues that carry out ICOs or IEOs for their customers.

In addition, persons who carry out their own issuance must also register if the equivalent value of the tokens issued in one year exceeds or will exceed CHF5 million.

As far as we understand under token issuer mainly of utility tokens (ICO or IEO in case the token issue is conducted primarily by a known exchange) and security tokens (STO) fall those who issue tokens professionally in the name of a client or in their own name in the amount of CHF5 million or more to be issued within a period of 12 months.

In general, every token issuer has to be registered in the FMA register. The obligation does not apply in cases in which the issuer sells his own tokens for the amount less than CHF5 million within twelve months to the public.

Services of a registered token generator who generates tokens technically are also needed within the TVTG framework. Project planning fundraising using tokens could either seek the registration as token generator or use services of the registered token generator on site. Requirements for token issuer registration can be summarised as follows:

Personal, management and shareholders have to be reliable in terms of bankruptcy and criminal law. An organisation structure with defined areas of responsibility, including procedures for dealing with conflicts of interest must exist. Furthermore, a minimum capital of 50,000 Francs, 100,000 Francs and 250,000 Francs have to be at the company’s disposal if tokens with a total value respectively of up to and including CHF5 million, of more than CHF5 million and of more than CHF25 million are issued within a period of 12 months. 

Publication of basic information and notification for token issuance 

Article 30 TVTG contains an obligation to prepare, report and publish basic information which should contain information about the tokens to be issued and associated rights.

An issuer of tokens that are offered to the public is obliged to create and publish appropriate basic information in advance. The corresponding obligation to provide information serves to protect users and is intended to adequately inform the interested public about the purpose of the token issue and the associated opportunities and risks.

The central difference between a securities prospectus according to Securities Prospectus Act and basic information according to TVTG is that basic information according to TVTG must be brought to the attention of the FMA in good time before the token issue; the information must also be published, eg, on the issuer's website. However, no formal approval of the information by the FMA is required.

Assumingly publication of the basic information is the major requirement for ICO/IEO or an STO which does not need to publish a prospectus, ie, raising from CHF5 million to CHF/EUR8 million.

TVTG provides for an exemption to publish basic information for the case if there is already an obligation to publish qualified information about the public offering of tokens according to other laws. Additionally, token issuer must notify the FMA of any token issuance in advance.

Requirements under prospectus regulations and access to single market

Liechtenstein as part of the European Economic Area (EEA) has to implement the European Directives into national legislation, which is the case with EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG).

This section is based mainly on existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980), as well as FMA’s instructions and communication to be found at FMA’s website.

In summer 2018, the FMA approved a first securities prospectus for security tokens in the entire European Union. These securities prospectuses combine the features of classic securities prospectuses on the one hand and the elements of blockchain technology on the other.

Existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980) can only be applied to security tokens if their security characteristics are fulfilled. The security property is generally assessed based on the three criteria of transferability, standardisation and tradability.

Securities

When offering securities to the public or admitting securities to trading in a regulated market, information disclosure is key to investor protection as it eliminates information asymmetries between investors and issuers.

In the public offering of securities, information disclosure is of central importance to investor protection, as it eliminates the information asymmetry between investors and issuers. Offering securities to the public generally requires preparation and publication of a securities prospectus under the EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG) (Article 1, Paragraph 1 EWR-WPPDG).

A public offering of securities in Liechtenstein may therefore only take place if previously according to the provisions of Regulation (EU) 2017/1129 and the Delegated Regulation (EU) 2019/980 and Delegated Regulation (EU) 2019/979 prospectus drawn up and approved has been published.

Prospectus Content

The minimum content of the prospectuses is specified in the Annexes to Delegated Regulation (EU) 2019/980. The Annexes to the Delegated Regulation (EU) 2019/980 contain in particular the registration forms, the securities descriptions and information on the minimum content. The type of the underlying asset is decisive, ie, depending on the focus and orientation of the security, the relevant appendices must be observed.

A securities prospectus must be approved by the FMA and published as required by law in order to be considered valid. There is no obligation to publish a prospectus if an exemption applies under Article 1 of Regulation (EU) 2017/1129. In any case, a security prospectus may be published voluntarily in order to extend the offer to the whole EEA.

Exemptions to the prospectus obligation can be found in Article 1, Paragraph 4 Regulation (EU) 2017/1129 and Article 3 EEA-WPPDG.

The most frequently used exemptions are private placement not falling under description of the public offering and exclusively qualified investors are approached. Offer of securities to the public means a communication to persons in any form and by any means, presenting sufficient information on the terms of the offer and the securities to be offered, so as to enable an investor to decide to purchase or subscribe for those securities. This definition also applies to the placing of securities through financial intermediaries.

However, such exempted offers of securities to the public should not benefit from the passporting regime under the regulation. 

Resale of securities

It is important to mention, that subsequent resale of securities which were previously the subject of one or more of points (a) to (d) of Article 1(4) shall be considered as a separate offer and the definition set out in point (d) of Article 2 shall apply for the purpose of determining whether that resale is an offer of securities to the public. The placement of securities through financial intermediaries shall be subject to publication of a prospectus unless one of the exemptions listed in points (a) to (d) of Article 1(4) applies in relation to the final placement.

No additional prospectus shall be required in any such subsequent resale of securities or final placement of securities through financial intermediaries as long as a valid prospectus is available in accordance with Article 12 and the issuer or the person responsible for drawing up such prospectus consents to its use by means of a written agreement.

Voluntary prospectus approval

If a further public resale on a trading platform is planned, it could be recommended to obtain a voluntary prospectus approval. Where an offer of securities to the public or an admission of securities to trading on a regulated market is outside the scope of this Regulation in accordance with Article 1(3), or exempted from the obligation to publish a prospectus in accordance with Article 1(4), 1(5) or 3(2), an issuer, an offerer or a person asking for admission to trading on a regulated market shall be entitled to voluntarily draw up a prospectus in accordance with this Regulation.

Since Liechtenstein is an EEA member, the prospectus, including any supplements, is valid in any number of EEA member states without an additional approval procedure for a public offer or admission to trading (European passport). The FMA shall send the necessary documents to the competent authorities of the host Member State and the European Securities and Markets Authority (ESMA) within one working day of receipt of the application or approval.

Conclusions

Security token offering requirements in Liechtenstein look as follows in brief:

  • securities prospectus registration is required with FMA if token qualifies as security;
  • registration as token issuer in case of professional activity or issuance over CHF5 million;
  • basic information publication in case of issuance under CHF5 million/other exemptions from prospectus obligation; and
  • notification of the token issuance.

Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

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Medizinische Grundversorgung

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Die medizinische Grundversorgung der breiten Bevölkerung zählt zu den Hauptaufgaben aller Staaten weltweit. In normalen Umfeldsituationen ist dieses Ziel in der Regel erreichbar, wenngleich in einigen, vor allem wirtschaftlich schwachen Ländern der Welt oft kaum finanzierbar. In einigen Ländern ist der Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung – im Englischen als „Access to Medicine“ bezeichnet – daher keine Selbstverständlichkeit.

Auf Grund dieses Problems steigt in den letzten Jahren der Druck auf die großen, internationalen Pharmakonzerne, kostengünstige Modelle für eine Versorgung mit Medikamenten bereitzustellen. Zugleich wird von der Pharmabranche immerwährende Innovation und hohe Qualität gefordert.

Die Kosten, die der Staat einerseits und die Privaten andererseits für Gesundheit aufwenden, schwanken zwischen den einzelnen Ländern sehr stark. Auch weist die Bedeutung von staatlichen versus privat finanzierten Ausgaben für Gesundheit je nach Staat große Unterschiede auf.

SDG: GESUNDES LEBEN FÜR ALLE

Die definierten Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) betonen ebenfalls die adäquate medizinische Grundversorgung für die breite Bevölkerung. Das dritte Entwicklungsziel ist dem Thema Gesundheit gewidmet und folgendermaßen formuliert: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.“ Eines der Subziele betrifft dabei speziell das Thema Gesundheitsversorgung.

HOHE RESEARCHKOSTEN

Wie aber ist die strategische Ausrichtung der Pharmakonzerne von der Diskussion rund um einen möglichst kostengünstigen „Access to Medicine“ betroffen? Für die Pharmakonzerne sind im Zusammenhang mit dem Geschäft mit neuen Medikamenten Themen wie Researchkosten zur Entwicklung neuer Wirkstoffe, Patente und Zulassungen von Medikamenten in den einzelnen Ländern generell von Bedeutung. Es sollte nicht vergessen werden, welche umfangreichen Kosten für Pharmaunternehmen mit der Entwicklung neuer Medikamente verbunden sind. Weltweit müssen die Produkte der Pharmakonzerne aufwendige Testphasen der nationalen Gesundheitsbehörden durchlaufen. Der immanente Kostendruck hat die Konzentration der Branche vorangetrieben, Zusammenschlüsse und Übernahmen von Pharmaunternehmen waren in den vergangenen Jahren an der Tagesordnung.

GLOBALISIERUNG UND LIEFERKETTEN

Auch in der Pharmaindustrie zeigten sich in den letzten Jahren rund um die Themen Globalisierung und Optimierung des Produktionsprozesses Phänomene wie Auslagerungen von Produktionsschritten oder der gesamten Herstellung und eine zunehmende Komplexität der Produktion.

Mit den Einschränkungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr wird das Lieferketten-Management immer schwieriger zu kontrollieren. Auslagerungen von Produktionsprozessen führen zu neuen oder erst jetzt erkennbaren Risiken, denn die Entscheidung der Unternehmen, verstärkt auf die Alternative des Outsourcings zu setzen und die eigene Fertigung zu reduzieren, basiert auf der Annahme eines freien Warenverkehrs. Handelseinschränkungen, wie durch Pandemien oder Umweltkatastrophen in der Vergangenheit, zeigen die potenzielle Verwundbarkeit des Systems.

Es scheinen aber zum Teil gerade auch die Angst vor Umweltbelastungen oder das Ausweichen in Regionen mit weniger strengen Auflagen in den Bereichen Umweltschutz und Mitarbeiter zu sein, die die Verlagerung von Produktionen aus den Industrieländern in andere Länder verstärken. Als Beispiel in diesem Zusammenhang sei die Produktion von Antibiotika genannt, die aktuell fast ausschließlich in den Ländern China und Indien erfolgt.

Die Öffentlichkeit hat die Rolle der Pharmakonzerne in den letzten Jahren zunehmend kritisch interpretiert, die Branche wurde in Bezug auf den Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung verstärkt unter die Lupe genommen. Der „Access to Medicine Index“ beispielsweise fokussiert auf eine Beurteilung der zwanzig weltweit führenden Pharmaunternehmen entsprechend ihren Bemühungen, ihre Medikamente in Entwicklungsländern besser zugänglich zu machen.

CORONAVIRUS

Die aktuelle Pandemie, die unter Namen wie Corona-Krise oder Covid-19-Pandemie bekannt geworden ist und uns seit Monaten in Atem hält, hat die bereits dargestellten Themen rund um die Finanzierung des Gesundheitswesens und die Forschungsdynamik seitens der Pharmaindustrie noch einmal in den Vordergrund gerückt.

Bei der Analyse der unterschiedlichen Verbreitung und Mortalität von Covid-19 wurde unter anderem die Qualität der jeweiligen staatlichen Gesundheitssysteme – gemessen etwa an verfügbarem Personal, Betten, Größe der Intensivstationen und Qualität der vorhandenen Geräte – als wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus ins Treffen geführt. Weitere Theorien rund um das unterschiedliche Ausmaß des Ausbruches der Pandemie betrafen auch das jeweilige Klima der Regionen und das Ausmaß der Umweltverschmutzung. Durch schlechte Luft bereits an Atemwegserkrankungen leidende Menschen – so die auf dem Thema Umweltverschmutzung aufbauende These – könnten natürlich umso anfälliger für ein Virus wie SARS-CoV-2 sein. Auch demografische und soziale Unterschiede könnten die Ausbreitung und Mortalität des Virus beeinflussen. Ein hoher Anteil von alten Personen an der Bevölkerung könnte die genannten Statistiken ebenso negativ beeinflussen wie eine starke soziale Verflechtung, sprich das häufige Zusammenleben von jungen und alten Familienmitgliedern in einem Haushalt.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob auch die Zahlen und Statistiken aus den einzelnen Ländern und Regionen selbst tatsächlich vergleichbar sind. So wird weltweit mit veröffentlichten Daten, beispielsweise der Anzahl der durchgeführten Tests, der damit verbundenen Dunkelziffer sowie nicht zuletzt der Definition der Todesfälle, auf sehr unterschiedliche Art und Weise umgegangen.

Auf wissenschaftlicher Ebene ist die Frage einer möglichen Mutation des Virus und einer damit eventuell verbundenen erhöhten Aggressivität respektive Mortalität in die Diskussion miteingebracht worden.

FOLGEN VON CORONA FÜR DEN SEKTOR „GESUNDHEIT“

Was die Corona-Krise jedenfalls verändert hat, ist einerseits die Bereitschaft von Entscheidungsträgern, zumindest vorübergehend mehr in das Gesundheitssystem zu investieren, und andererseits, von den Pharmaunternehmen noch viel mehr und schneller Lösungen für ein aktuelles Problem zu erwarten. Der Ruf nach Medikamenten zur Behandlung von Covid-19 und Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 wurden bereits wenige Wochen oder sogar Tage nach dem ersten bekannten Ausbruch des Virus in China laut.

In diesem Zusammenhang könnten sich mit der Covid-19-Pandemie auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. So haben einige der global bedeutendsten Pharmaunternehmen die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Herstellung und Bereitstellung von Impfstoffen, Diagnostika und Behandlungen für das Coronavirus angekündigt. Zunächst haben fünfzehn Unternehmen der Branche vereinbart, Teile ihrer firmeneigenen Datenbanken zur Verfügung zu stellen. Unterstützt wird das Projekt rund um den Covid-19-„Therapeutics Accelerator“ zur Beschleunigung der Forschungsinitiativen von der Gates Foundation sowie den Unternehmen Wellcome und Mastercard.

MEDIZINISCHE GRUNDVERSORGUNG IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die Produktion von Pharmazeutika ist bei fehlenden Umweltschutzmaßnahmen oft mit massiver Umweltverschmutzung verbunden, was die Themen Globalisierung und Produktionsverlagerung in den Mittelpunkt rückt. Auch die nicht fachgerechte Entsorgung von Altmedikamenten birgt negatives Potenzial.

S (Social)

Der kostengünstige Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung ist ein wichtiges humanitäres Anliegen, gleichzeitig muss aus Sicht der Pharmaindustrie die Forschung nach neuen Medikamenten und Handlungsmethoden finanziert werden. Private und öffentliche Finanzierung der Gesundheitssysteme stehen in vielen Staaten nebeneinander und führen zu sozialen Spannungen.

G (Governance)

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind in einer alternden Gesellschaft eine immer dominantere Position der nationalen Budgets. Medizinische Versorgung und Risikovorsorge für Extrembelastungen des Gesundheitswesens sind dabei abzuwägen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist die nachhaltige Ausgestaltung des Gesundheitswesens ein wichtiges Thema. In unseren nachhaltigen Investments zählen Unternehmen dieses Sektors zu den wesentlichen Investments, oft sind Titel im Bereich Gesundheit im Vergleich zum Gesamtmarkt übergewichtet.


Die aktuelle Ausgabe von Raiffeisen Capital Management's NACHHALTIG INVESTIEREN zum Thema Covid-19 und Gesundheit finden Sie links als PDF.

Security Token Offering for Fundraising and Assets Tokenisation under Liechtenstein Blockchain Act

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

After over 80% of unregulated initial coin offerings (ICOs) turned out to be scams, regulated security token offerings (STOs) became more popular. It turned out that almost every asset can be linked with token as entry in a decentralised register which leads to the appearance of security token, tokenised or digital security.

Security tokens, together with cryptocurrencies, are a fairly new topic in financial market reality and law. The potential of the security tokens or assets tokenisation markets is claimed to be worth billions. In 2018-19 we have seen the rise of security token offering both as a method of fundraising and an attempt to make some illiquid assets such as real estate more liquid. Global STO research with statistics was provided by a swiss tokenisation platform Blockstate, which can be used as illustration for the above statements.

Switzerland and Liechtenstein, as countries with reputable financial markets, recognised the potential of asset tokenisation for their financial market early in its development, and have done much work to provide relevant legal frameworks. In 2018-2019 around fifteen STOs were conducted in Switzerland and around seven in Liechtenstein. The Principality of Liechtenstein as possible jurisdiction for initial coin offerings (ICO) and blockchain projects in general got on the radars together with Switzerland as it published ICO fact sheet in 2017. 

One of the first prospectuses on security token issue in Europe was approved by regulators starting from August 2018, ie, prospectus of the NEON Exchange by Financial Market Authority (FMA) Liechtenstein.

Also the “Alpine Malta” attracted attention of the international and especially European crypto-community, when it announced to be one of the first countries in the world to adopt a special legislation on blockchain namely the Token and TT Service Provider Act (Token and Trustworthy Technology Service Provider Act, TVTG, Blockchain Act), also called the Liechtenstein Blockchain Act, which has been enforced from the beginning of 2020, creating one of the world’s first safe and regulated environment for token related services.

This forward-thinking act creates legal security and trust for blockchain service providers as well as protects investors from fraud. The Liechtenstein Blockchain Act serves as an optimal environment for established companies as well as start-ups and investors to take their businesses to the next level by creating an excellent, innovation-friendly and technology-neutral framework.

Unique Civil Law for Tokens

The Liechtenstein Blockchain Act seems to be quite a unique regulation giving first the civil law definition for token, blockchain and blockchain transactions.

The law uses the term "Trustworthy Technology" (or TT) for blockchain and possible future technologies. These are technologies through which the integrity of tokens, the clear assignment of tokens to TT Identifiers and the disposal of tokens is ensured. A TT identifier allows for the clear assignment of Tokens ("public key"), whereas a TT key allows for disposal of Tokens ("private key").

A token container model was developed alongside the Blockchain Act, meaning a token can represent rights to all possible assets.

A “token” is a piece of information on a TT System which can represent claims or rights of memberships against a person, rights to property, or other absolute or relative rights, and is assigned to one or more TT Identifiers.

Key points for effective transfer of tokenised assets are:

  • the holder of the private keys has right of disposal (Verfügungsgewalt) over the token; 
  • they are presumed to be the authorised person with “proprietor’s rights” (Verfügungsberechtigte) over the token; and
  • the disposal over the token effects the disposal over the right represented by the token.

Security Tokens from a Legal Perspective

Though when introducing token container model the government wanted specifically not to provide any classifications of tokens, the classical swiss classification from FINMA ICO Guidelines should be mentioned.

FINMA introduced ICO guidelines with major simplified classification of tokens based on its content for the sole purpose of financial market law:

  • utility tokens;
  • security or asset tokens; and
  • payment tokens.

Utility token's give access to services or infrastructure also used for crowdfunding, as donations more known as initial coin offering (ICO) (ie, Bluenote, Smart Valor, Tezos, Ubex etc). Security or asset tokens represent shares in a company, claim or financial instrument (Mt Pelerin, Healthbank, Nexo, HYGH, BlockState, Swiss Alps Mining, eLocations, BlueShare etc). Payment tokens function as a means of payment (Bitcoin, Ether, Ducascopy etc).

A more detailed classification is to be found in the Conceptual Framework for Legal and Risk Assessment of Crypto Tokens ("BCP Framework").

Intense discussions took place in Liechtenstein and Switzerland regarding the legal nature of security tokens. In conclusion, the Liechtenstein government proposed to include uncertified security (or book-entry security) with all the functions of a traditional security of public faith with new articles in Final Part of the Persons and Company’s law (PGR).

The basis of a genuine book-entry security is an electronic register in which both the issue and the transfer of book-entry securities must be recorded. At the same time, Section 81a, Final Part PGR, creates a new interface between the TVTG and securities law. Because the value right register can also be kept on the basis of a blockchain or TT system, such systems are particularly suitable for this purpose because they enable a clear and seamless assignment of legal title to each book-entry security and cannot be manipulated.

Consequently, the issuing of securities and the clearing and settlement of securities transactions on TT Systems are considered to be one of the key potential applications for TT technologies.

Behind the security token could be various types of traditional securities, such as registered shares, participation certificates or profit participation certificates (Swiss and Liechtenstein equivalents of non-voting shares), bonds, collective investment scheme shares and also new uncertificated securities which could be created using tokenisation, ie, derivatives as rights to future income, rights to future commissions (Neon/Nash exchange), derivative security with features of a structured bond (Crowdli project about real estate investments), etc.

Asset tokenisation models for real estate as well as for other illiquid and quite expensive assets such as collectable cars, art objects, precious metals and stones can look as follows:

  • Tokenisation of bonds;
  • Tokenisation of company equity;
  • Tokenisation of collective investment scheme shares;
  • Tokenisation of co-ownership in a specific object;
  • Tokenisation of future revenue streams etc.

Conclusions

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Part two of this article focuses on the security token offering requirements in Liechtenstein.

Risks related to application of blockchain technology are mostly in relation to the technology itself, the lack of security tokens trading platforms and the globally fragmented regulations.

Though potential risks of technological and economic nature exist, the potential of tokenisation to transform the assets world is quite large. For now, the market remains in its early stages, with the lack of secondary market holding back the development. Overall, only the application of the new regulations in the real world will provide proof of the success of the regulators approach.


Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

Rechtsanwälte Lennert Partners

Lettstrasse 37, 9490 Vaduz, Liechtenstein
Tel: +423 231 13 03
Fax: +423 231 13 08
Email: blockchain@rlp.li
Web: www.blockchain.rlp.li

Nachhaltigkeit und verbundene Risiken im Finanzsektor Luxemburgs

von Mevlüde-Aysun Tokbag und Fabian Frankus, beide Wildgen S.A.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind bekannt und führen unter anderem zu „Fridays for Future“ und zur Thematisierung auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Wie aber wirkt sich das auf den Finanzsektor aus?

Die so oft kritisierte Finanzindustrie, die von Gesetzes wegen zu einer ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation und einem angemessenen Risikomanagementsystem verpflichtet ist, kann sich diesem Aufruf zu mehr Nachhaltigkeit nicht mehr entziehen und will dies offenbar auch nicht. Die Einbeziehung der Nachhaltigkeit und der damit verbundenen Risiken in den Finanzsektor spiegeln den gesellschaftlichen Wandel wider, wobei der Finanzsektor an den zum Teil selbst festgelegten Zielen gemessen werden wird.

Nachhaltigkeit – Begriff und Bedarf

Der Begriff Nachhaltigkeit als solcher ist nicht unbekannt und jeder wird sich hiermit in Bezug auf sein eigenes Handeln bereits auseinandergesetzt haben. Unternehmensbezogen versteht man unter Nachhaltigkeit, im Sinne von Environmental, Social and Governance („ESG“), ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis ökologische und sozialgesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet bzw. bewertet werden. In anderen Worten: Wie können Gewinne umwelt- und sozialverträglich erwirtschaftet werden? Für die Finanzindustrie stellt sich daher die Frage, wie sie ESG-konform, d.h. verantwortungsvoll, investieren kann.

Diese Frage ist mangels einer einheitlichen Definition von ESG keine einfache und wird daher durch die einzelnen Akteure des Finanzsektors sehr unterschiedlich beantwortet. Dies ist auch der Weite der einzelnen unter ESG zusammengefassten Themen geschuldet, denn ESG meint nicht nur Umweltthemen, wie den Klimawandel, sondern umfasst auch Arbeitsbedingungen in Unternehmen und Unternehmensführung. So ist das Ergebnis einer Bestandsaufnahme der Fondsindustrie nicht überraschend. Es gibt eine Vielzahl an Fonds, die sich selbst als ESG-konform, grün, nachhaltig o.ä. bezeichnen. Oftmals werden hierbei zwar einzelne ESG-Faktoren berücksichtigt, aber das Prädikat „nachhaltig“ kann nicht vergeben werden. Dennoch ist es wichtig festzustellen, dass sich die Finanzindustrie dieses Themas bereits seit längerem angenommen hat.

Indes ist das gestiegene Bewusstsein für ESG innerhalb der Finanzindustrie nicht nur dem Verständnis von der eigenen Verantwortung geschuldet, sondern vielmehr ein Selbstzweck. Der gesellschaftliche Wandel und das Bewusstsein für ESG, das hiermit einhergeht, haben einen „neuen“ Anlegertypus geschaffen. Diese „neue“ Art von Anlegern bevorzugt es, in ESG-konforme Anlagen zu investieren, die sich an ihren ethischen Vorstellungen von nachhaltigen Investitionen orientieren. Daher ist es für die Finanzindustrie eine neue Herausforderung, diese Anleger für sich zu gewinnen und folglich die gewohnten Pfade zu verlassen. Dass diese Anleger oftmals bereit sind, eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen, wenn sie sich über die ESG-Konformität sicher sind, ist nur ein schwacher Trost, denn Anleger erwarten Rendite. Rendite ist auch auf ESG-konforme Weise zu erreichen und diejenigen Akteure, die sich diesem Thema bereits widmen, scheinen sich einen Vorteil zu Ihrer Konkurrenz – nicht nur im Werben um Investoren – zu erarbeiten, in dem sie einen sich verändernden gesetzlichen Rahmen antizipieren.

Rechtsrahmen in Luxemburg

Derzeit ist es jedoch nicht gewährleistet, dass ESG-Investitionen tatsächlich nachhaltig sind, auch wenn die diversen Akteure des luxemburgischen Finanzsektors den für sie geltenden gesetzlichen Bestimmungen, die unter anderem im allgemeinen Sinne, eine ordnungsgemäße Geschäftsorganisation und ein angemessenes Risikomanagementsystem vorschreiben, unterliegen. Denn bis dato besteht in Luxemburg „lediglich” eine Pflicht für die Akteure des Finanzsektors, alle wesentlichen Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu überwachen, zu steuern und zu kommunizieren. Die Nachhaltigkeitsrisiken im ESG-Sinne sind jedoch aufgrund eines bisher fehlenden Rechtsrahmens (noch) nicht zu berücksichtigen, auch wenn diese bereits auf die bekannten Risikoarten einwirken. Dementsprechend erfolgt auch keine nachhaltigkeitsbezogene Beaufsichtigung solcher Anlagen.

In Bezug auf die Nachhaltigkeitsrisiken und die von den Akteuren durchzuführenden Risikoidentifikations-, Risikosteuerungs- und Risikocontrolling-Prozesse bedeutet dies konkret, dass zum Beispiel Kreditrisiken (Geschäftsmodell des Kreditnehmers wird durch Nachhaltigkeitsrisiken beeinflusst), Marktrisiken (Marktstimmung führt aufgrund regulatorischer Maßnahmen zu Abwertungen), Liquiditätsrisiken (zwingende Veräußerung von Aktiva nach massiven Geldabfluss zur Schadensbeseitigung nach Naturkatastrophen), versicherungstechnische Risiken etc. unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken neu bewertet werden müssen, um ESG-konform zu sein und in der Folge neue Anleger für sich zu gewinnen.

Derzeitige Marktpraxis in Luxemburg

Im luxemburgischen Finanzsektor sind die Begriffe „Nachhaltigkeit“ bzw. ESG, wie bereits gesagt, nicht unbekannt, trotz eines mangelnden Rechtsrahmens.

So hat die Luxemburger Börse bereits im Jahre 2016 die erste globale Plattform für grüne, sozial verantwortliche und nachhaltige Wertpapiere gegründet: Die Luxembourg Green Exchange. Dies bedeutet, dass an der luxemburgischen Börse grüne, soziale oder nachhaltige Wertpapiere gehandelt werden können.

Auch können in Luxemburg Fondspromoter bereits seit 2016 ein Anlagekennzeichnungssystem nutzen, mit dem sie ein für Investoren sichtbares Zeichen für nachhaltige und transparente Anlagen setzen. Die beiden in diesem Bereich relevanten staatlichen Labels des LuxFLAG-Anlagekennzeichnungssystem sind das Climate Finance Label und das ESG Label. Mit dem Climate Finance Label wird den Investoren versichert, dass ein Fonds mindestens 75% seines Gesamtvermögens in direktem Zusammenhang mit dem Klimaschutz und/oder der Anpassung an den Klimawandel investiert. Mit dem ESG Label wird den Investoren die Gewissheit gegeben, dass ein Fonds sein Vermögen während des gesamten Anlageprozesses tatsächlich unter Berücksichtigung von ESG–Aspekten anlegt.

Als Beispiel für diesen in Luxemburg bereits etablierten Markt, können verschiedene Produkte von Bankhäusern wie auch anderen Institutionellen genannt werden.

Ein sich wandelnder Markt bedarf eines geänderten Rechtsrahmens

Die Bedürfnisse der Investoren erfordern einen klaren Rechtsrahmen.

Wie so oft ist es die EU-Gesetzgebung, die einen solchen Rahmen schafft. In Bezug auf die Nachhaltigkeit im Finanzsektor sind es vor allen Dingen zwei Verordnungen, die diesen Zusammenhang berücksichtigen. Zum einen die Verordnung (EU) 2019/2089 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 zur Änderung der Verordnung (EU) 2016/1011 hinsichtlich EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte (die “ESG-Referenzwerteverordnung”). Zum anderen die Verordnung (EU) 2019/2088 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor (die “Verordnung”).

Durch die Verordnung (EU) 2016/1011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2016 über Indizes, die bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten als Referenzwert oder zur Messung der Wertentwicklung eines Investmentfonds verwendet werden, und zur Änderung der Richtlinien 2008/48/EG und 2014/17/EU sowie der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 (die „Referenzwerteverordnung“) wurde ein gemeinsamer Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität von Indizes eingeführt, die als Referenzwert bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden (Artikel 1 der Referenzwerteverordnung).

Wie der vollständige Name der Referenzwerteverordnung (siehe vorherigen Absatz) erahnen lässt, gelten Indizes, welche bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden, als Referenzwerte. Unter der Referenzwerteverordnung gilt jede Zahl als Index, (i) die veröffentlicht oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, (ii) ganz oder teilweise, durch Anwendung einer Formel oder einer anderen Berechnungsmethode oder durch Bewertung bestimmt wird und (iii) auf der Grundlage eines Wertes oder mehrerer Basispreise, einschließlich geschätzter Preise, tatsächlicher oder geschätzter Zinssätze, Quotierungen und verbindlicher Quotierungen oder sonstiger Werte oder Erhebungen erfolgt. Die Referenzwerteverordnung hatte – nicht nur, aber auch in Anbetracht der Skandale um die Referenzwerte LIBOR und EURIBOR – zum Ziel, einen präventiven Regulierungsrahmen zu schaffen, Interessenkonflikte und Manipulationsspielräume bei der Bereitstellung von Referenzwerten zu vermeiden und die Ermittlung von Referenzwerten transparenter zu machen. An dieser Stelle kann darauf hingewiesen werden, dass der LIBOR zum Jahreswechsel 2021/2022 eingestellt wird.

Die ESG-Referenzwerteverordnung verfolgt die gleichen oben genannten Ziele der Referenzwerteverordnung und ergänzt diese um ESG-Kriterien.

Bezogen auf die Referenzwerte ändert die ESG-Referenzwerteverordnung die Referenzwerteverordnung insofern ab, als dass sie EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte, einführt. Diese Änderungen wurden notwendig, um einen harmonisierten Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität der wichtigsten Kategorien von Referenzwerten für CO2-arme Investitionen zu schaffen und um hierdurch das reibungslose Funktionieren des Binnenmarktes zu gewährleisten. In anderen Worten: Durch die Änderungen der Referenzwerteverordnung wird ein Regulierungsrahmen eingeführt, in dem auf EU-Ebene Mindestanforderungen an EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmte EU-Referenzwerte festgelegt werden.

Somit enthält die Referenzwerteverordnung (durch die ESG-Referenzwerteverordnung) nunmehr auch ESG-Kriterien für Finanzinstrumente. Die neuen Bezeichnungen „EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel“ und „Paris-abgestimmter EU-Referenzwert“ sind für Anleger in der gesamten EU leicht erkennbar und verlässlich, da nur Administratoren, die die Anforderungen der Referenzwerteverordnung erfüllen, diese Bezeichnungen bei der Vermarktung von EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmten EU-Referenzwerten in der EU verwenden dürfen. An dieser Stelle darf auf unseren Artikel über eine die Referenzwerte betreffende Mitteilung der CSSF verwiesen werden.

Die Verordnung dagegen richtet sich an die in Artikel 2 Nr. 1 der Verordnung aufgeführten Finanzmarktteilnehmer. Mit dieser Verordnung werden harmonisierte Vorschriften für Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater über Transparenz bei der Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken und der Berücksichtigung nachteiliger Nachhaltigkeitsauswirkungen in ihren Prozessen und bei der Bereitstellung von Informationen über die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten festgelegt (Artikel 1 der Verordnung).

Diese beiden Verordnungen finden – so wie es ihnen eigen ist – unmittelbare Anwendung in den Mitgliedsstaaten der EU, sodass die hierin festgehaltenen Pflichten durch die betroffenen Akteure und für die Instrumente auch in Luxemburg zwingend sind. Angemerkt sei jedoch, dass die Verordnung erst ab dem 10. März 2021 gilt, wobei die Referenzwerteverordnung seit dem 10.Dezember 2019 Anwendung findet.

Konkret bedeutet dies in Bezug auf die Transparenzpflichten der Verordnung, dass die Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken die Transparenzanforderungen erhöhen. So enthält die Verordnung Transparenzbestimmungen zu

  • den Strategien für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Unternehmens,
  • der Vergütungspolitik im Zusammenhang mit der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Finanzprodukts,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale in vorvertraglichen Informationen,
  • der vorvertraglichen Informationen bei nachhaltigen Investitionen,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen auf Internetseiten, und
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen in regelmäßigen Berichten.

Den Adressaten der Verordnung wird die Veröffentlichung einer Vielzahl der genannten Punkte betreffenden Information auf ihrer Internetseite vorgeschrieben. Auch müssen in den vorvertraglichen Informationen zusätzliche Erläuterungen mitaufgenommen werden und unter gewissen Umständen müssen auch die regelmäßigen Berichte zusätzliche Angaben enthalten. Ein Mehr, bezogen auf die Instrumente, ist dann bereits durch die Referenzwerteverordnung sichergestellt.

Dieses „Mehr“ an Transparenz seitens der Akteure wird den Anlegern zu Gute kommen, da die Vergleichbarkeit der ESG-Anlagen in der EU vereinfacht wird. Auch wird sich die Spreu vom Weizen trennen, d.h. etwaige schwarze Schafe im derzeitigen ESG-Umfeld werden vom Markt verdrängt werden.

In Luxemburg besteht, wie bereits erwähnt, derzeit (noch) keine national eigene Pflicht zur Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken, außer den EU-Verordnungen.

Aufgrund dieser europarechtlichen Vorgaben ist jedoch davon auszugehen, dass die lokale Aufsichtsbehörde der Finanzwelt (CSSF) sich bereits dem Thema angenommen hat. Daher dürfte die Veröffentlichung nationaler Bestimmungen oder entsprechender Vorgaben nur eine Frage der Zeit sein.

Vielleicht kann man auch das deutsche Nachbarland als Vorbild nehmen, welches bereits seitens der eigenen Aufsicht (BaFin) entsprechende Vorgaben erst kürzlich herausgegeben hat.

Zu sämtlichen allgemeinen Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Fragen sowie Rechts- und Anwendungsfragen zu den angesprochenen europarechtlichen und nationalen Veröffentlichungen stehen die Autoren Ihnen zur Verfügung.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 25. März 2020.

Mevlüde-Aysun Tokbag

Mevlüde-Aysun Tokbag ist Partnerin & Rechtsanwältin bei Wildgen S.A. und hat mehr als 10 Jahre Erfahrung im Fonds- sowie Finanzmarktrecht, überwiegend im grenzüberschreitenden Deutsch-Luxemburgischen Rechtsverkehr. Seit 2015 leitet Frau Tokbag auch den kanzleiintern neu gegründeten German Desk und betreut mit ihrem Team, bestehend aus mehreren Rechtsanwälten, vorwiegend deutsche Unternehmen, Versicherungsgesellschaften sowie Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in ihren luxemburgischen Projekten.

Fabian Frankus

Fabian Frankus ist Associate & Rechtsanwalt bei Wildgen S.A. Als Mitglied des kanzleiinternen German Desk berät er insbesondere deutschsprachige Mandanten bei ihren luxemburgischen Projekten im Bereich Investmentfonds und im Gesellschaftsrecht.

„Frankreich nimmt eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt“

Im nachhaltigen Finanzbereich nimmt Frankreich eine Vorreiterrolle ein, so Stefan Fritz, Spezialist Investmentfonds der GLS Bank, einem bedeutenden Akteur nachhaltiger Finanzen in Deutschland, sowie zuvor Analyst des französischen Researchzentrums Novethic in Paris, wo er für die Auditierung des FNG Siegels zuständig war. Im Interview mit AEF info erklärt er die unterschiedlichen Ansätze zwischen den Ländern. Während Frankreich aufgrund gesetzlicher Initiativen eine Vorreiterrolle eingenommen hat, setzt der deutsche Markt auf freiwillige Initiativen. Aber die europäische Sustainable Finance Initiative könnte die Situation grundlegend verändern.

Welche gesetzlichen Mittel gibt es in Frankreich, die es nicht in Deutschland gibt?

In Deutschland gibt es bisher wenige Instrumente, die den Markt für nachhaltige Geldanlagen gesetzlich regulieren. Hier nimmt Frankreich europaweit eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt. Dies gilt besonders für den so genannten Artikel 173, der institutionelle Anleger mit mehr als 500 Mio. Euro verwalteten Vermögens verpflichtet, über die Klimawirkung ihrer Investments zu berichten. Diese 2016 umgesetzte Regulierung folgt in Frankreich einer langen Tradition. Bereits 2010 mussten Vermögensverwalter im Rahmen des loi grenelle 2 gegenüber Investoren angeben, wie sie Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien berücksichtigen.

Der deutsche Gesetzgeber hält sich mit gesetzlicher Regulierung dagegen sehr zurück und vertraut eher auf Brancheninitiativen. Diese unterschiedliche Vorgehensweise zeigt sich sehr gut an Zertifizierungssystemen für nachhaltige Investmentfonds. In beiden Ländern gibt es am Markt etablierte Siegel, die einen Mindeststandard für Nachhaltigkeit definieren. In Frankreich ist der Staat der Träger dieser Siegel. Das Umweltministerium verwaltet ein Siegel für Klimafonds (label greenfin), das Finanzministerium ein weiteres für allgemeine Nachhaltigkeitsfonds (label ISR). Demgegenüber hat im deutschsprachigen Raum der Branchenverband selbst, das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), ein Siegel für Nachhaltigkeitsfonds an den Markt gebracht (FNG Siegel).

Wie ist die Qualität bei der Erhebung, Nutzung, Darstellung und Kommunikation von Nachhaltigkeitsinformationen?

Die meisten Vermögensverwalter, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, hängen von den Nachhaltigkeitsdaten externer Researchagenturen ab. Diese sind mittlerweile alle fest in amerikanischer Hand. Das französische Haus vigeoeiris wurde vor rund einem Jahr von Moody´s mehrheitlich erworben. Der bekannteste deutsche Anbieter, die oekom research AG, gehört seit Anfang 2018 zu ISS ESG, einem der wichtigsten Stimmrechtsberater der Welt. Diese Agenturen bieten standardisierte ESG-Analysen für Unternehmen an, die in den wichtigsten Indizes weltweit gelistet sind. Kleinere Unternehmen werden nur zum Teil abgedeckt. Hier herrschen Qualitätsunterschiede. Die Bewertungsansätze unterscheiden sich je nach Motivation der Anbieter (Risikominimierung, Reputationsschutz, Erzielung einer Nachhaltigkeitswirkung) teilweise sehr stark. Wir hinterfragen diese Ansätze intern durchaus kritisch. 

Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist zudem, dass es in Deutschland bedeutend seltener interne ESG-Researchabteilungen gibt. Die GLS Bank ist hier eher die Ausnahme als die Regel. Aufgrund des geringeren gesetzlichen Drucks berichten deutsche Anbieter auch weniger über die Nachhaltigkeitsleistung ihrer Investments. Insbesondere die Klimareportings französischer Häuser sind deutlich ausgefeilter und umfangreicher. Wir bei der GLS Bank versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und ermitteln, ob unsere Anlagen und Finanzierungen im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen sind.

Seit einigen Jahren bemühen sich Anbieter zudem, verstärkt den Impact ihrer Investitionen darzustellen, vor allem im Hinblick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Diese Reportings sind aber mit großer Vorsicht zu genießen.

Tragen die staatlichen Siegel in Frankreich zur Förderung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft im Land bei? Welche Auswirkungen hat dies auf europäischer Ebene? 

Ein Blick von außen ist schwierig. Sicherlich haben die beiden staatlichen Siegel in Frankreich das Transparenzniveau erhöht und auch geholfen, ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit am Markt zu etablieren. Dabei konnte der Staat auf wichtige Erfahrungen zurückgreifen, die das Researchunternehmen Novethic, bei dem ich viele Jahre arbeitete, mit den ersten Nachhaltigkeitssiegeln sammelte.

Vor allem das staatliche Klimasiegel Greenfin hat das Potenzial, hohe Standards bei Klimainvestments zu etablieren. Denn es schließt konsequent Kernkraft und jegliche Form fossiler Energie, also auch Erdgas, aus. Die Geschäftsaktivitäten, die als klimafreundlich gelten, sind eher restriktiv gewählt und orientieren sich an der Climate Bond Initiative. Ebenfalls fordert es eine hohe Transparenz ein. Dieses Anspruchsniveau sollte auch bei der derzeitigen Diskussion eines europäischen Ecolabels für Klimafonds vorherrschen. Erste Zwischenergebnisse zeigen leider eine andere Tendenz.

Wie schätzen Sie die Arbeit des "Sustainable Finance Beirats" ein? Hat er einen Einfluss auf die Branche?

Der Sustainable Finance Beirat ist ein knapp 40-köpfiges Gremium aus Branchenexperten. Sein Ziel ist sehr ambitioniert. Er soll der Bundesregierung Empfehlungen an die Hand geben, wie Deutschland zu einem in Europa führenden Sustainable Finance-Standort ausgebaut werden kann. Anfang März 2020 hat er einen Zwischenbericht veröffentlicht, der vielfältige Vorschläge und zwei konkrete Ziele adressiert: Die Wirtschaft nachhaltig zu transformieren und widerstandsfähiger zu machen. Dazu werden konkrete Handlungsansätze formuliert. Beispielsweise schlagen die Experten vor, die KfW zu einer transformativen Förderbank umzuwandeln. Oder Investoren sollen im Risikomanagement Klimaaspekte stärker berücksichtigen.

Die Arbeit des Beirats ist in der nachhaltigen Finanzmarktszene in Deutschland definitiv ein Thema. Der Zwischenbericht geht in die richtige Richtung, ihm fehlt aber eine klare Zukunftsperspektive. Als GLS Bank haben wir unsere Einschätzung zum Zwischenbericht auf unserer Homepage veröffentlicht.

Welchen Einfluss hat die Sustainable Finance Initiative der EU-Kommission auf Deutschland, insbesondere die Einführung der EU-Taxonomie?

An der europäischen Sustainable Finance Regulierung führt kein Weg vorbei. Das ist den Akteuren am deutschen Finanzmarkt sehr bewusst. Sie ist daher der wesentliche Treiber für die Entwicklung nachhaltiger Investments in Deutschland. Auch wenn die Taxonomie rechtlich (noch) nicht bindend ist, beschäftigen sich Marktteilnehmer jetzt intensiv mit der Frage, wie sie die gesetzlichen Transparenz- und Taxonomie-Vorgaben in ihrem Investmentprozess umsetzen können. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat zudem ein vielbeachtetes Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken verfasst.

Als einer der Pioniere für nachhaltige Finanzen in Deutschland freuen wir uns einerseits über die Dynamik. Andererseits begleiten wir die Entwicklung kritisch und fragen uns, ob die Gesetzesmaßnahmen tatsächlich zu einer nachhaltigeren europäischen Wirtschaft führen. Bisher sind die Vorhaben sehr auf die Minimierung von Klimarisiken ausgerichtet, nicht auf die nachhaltige Transformation der Wirtschaft im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft.

Kann die Coronakrise die Situation in Deutschland grundlegend ändern?

Wir befinden uns derzeit in einer historischen Ausnahmesituation, deren Folgen schwer abschätzbar sind. Deswegen tue ich mich schwer, Prognosen abzugeben. Hoffnungsfroh stimmt mich aber zu sehen, wie beherzt und tatkräftig die Politik handelt, um das gesundheitliche Wohl der Gesellschaft sicherzustellen. Wenn die Politik diese Entschlossenheit auch bei der Bekämpfung der Klimakrise zeigt, dann blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!


Dies ist eine deutsche Übersetzung. Das französische Originalinterview findet sich hier: https://www.aefinfo.fr/depeche/626208

Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 600 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 31.03.2020).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

„Viele Aktien weisen stabile saisonale Muster auf, die wir nutzen wollen“

„An der Börse gibt es sehr viele Saisonalitäten“, hat Seasonax-Capital-Gründer Dimitri Speck herausgefunden. Gemeinsam mit seiner Mitgründerin Tea Muratovic hat er es sich zur Aufgabe gemacht, solche Saisonalitäten aufzudecken und zu nutzen. Hedgework hat sie nach ihrer Strategie befragt.

HEDGEWORK: Seasonax Capital möchte sich die Saisonalitäten an den Finanzmärkten zunutze machen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Dimitri Speck: Wir nutzen empirisch überprüfbare Zusammenhänge, um nachhaltig Outperformance zu generieren. Dadurch werden subjektive Einschätzungen und emotionale Faktoren minimiert. Dabei sind wir früh auf Saisonalität gestoßen, aber auch auf Trendfolge. Beides gehört, wie auch akademische Studien zeigen, zu den besten Investmentstrategien.

HEDGEWORK: Die bekanntesten Saisonalitäten sind wohl das Sell-in-May und die Jahresendrally. Aber das reicht sicherlich nicht für eine Anlagestrategie. Welche weiteren Saisonalitäten haben Sie identifiziert?

Tea Muratovic: Das Konzept der Saisonalität ist nichts Neues – im Gegenteil. Im Rohstoffhandel werden Saisonalitäten schon lange berücksichtigt. Nehmen Sie Heizöl. Naturgemäß ist Heizöl im Sommer bei warmen Temperaturen billiger, weil die Nachfrage geringer ist. Aber den wenigsten Anlegern ist bekannt, dass auch Einzelaktien saisonale Verläufe aufweisen. Wir waren selbst überrascht, als wir feststellten, dass viele einzelne Aktien oft stabile saisonale Muster aufweisen, die abweichend vom saisonalen Trend des Gesamtmarktes verlaufen. Das ermöglicht Investoren zu jeder Zeit des Jahres – also auch in eigentlich saisonal schwachen Phasen –, aussichtsreiche Titel zu selektieren. Außerdem haben Investoren bei Aktien eine viel größere Auswahl und können somit sinnvoll diversifizieren. Sie sind also nicht auf ein einzelnes, relativ selten auftretendes Muster wie „Sell in May“ angewiesen.

HEDGEWORK: Wie lässt sich logisch erklären, dass es solche Saisonalitäten gibt?

Muratovic: Die unternehmensspezifischen Gründe, weshalb einzelne Aktien zu bestimmten Zeiten im Jahr besonders stark steigen, sind sehr vielfältig. Sie reichen von Messen, denen Kaufaufträge folgen, über Zulieferer, die sich zeitversetzt über Aufträge freuen, hin zu Fest- und Feiertagen, in deren Vorfeld produziert werden muss. Es kann aber auch sein, dass eine mittelständische Brauerei immer wieder nach dem Sommer überraschend gute Quartalszahlen aufweist, weil die Anleger der Trinkfreude bei hohen Temperaturen zu wenig Beachtung schenken. Der Vielfalt an Gründen sind keine Grenzen gesetzt. Wir haben immer wieder Investoren angetroffen, denen einzelne saisonale Trends bei Aktien, die sie intensiv über Jahre verfolgen, aufgefallen sind. Daher suchen wir systematisch nach saisonal outperformenden Aktien.

HEDGEWORK: Können Sie Beispiele geben, wie Sie die identifizierten Saisonalitäten nutzen können?

Muratovic: Der Sportartikelhersteller Adidas beispielsweise weist einen starken saisonalen Effekt auf. Hätte man in den vergangenen 15 Jahren die Adidas-Aktie jeweils am 12. März gekauft und am 27. April wieder verkauft, hätte man fast jedes Jahr einen hohen Gewinn genau in dieser Periode erzielt. Der einzige Ausreißer war das Jahr 2014, wie man im Chart sehen kann. Da fragt man sich doch, warum man eine Aktie ein ganzes Jahr halten sollte, wenn nur eine bestimmte Periode das Gros der Performance bringt? 

HEDGEWORK: Und das Jahr für Jahr?

Muratovic: Natürlich beruhen solche Beobachtungen auf Vergangenheitswerten und solche saisonalen Muster geschehen nicht jedes Jahr. Aber es ist erstaunlich, wie oft sie vorkommen. Wir nutzen diese Marktanomalien aus und bilden auf dieser Basis unser Portfolio.

Grafik 1: Interaktiver saisonaler Chart der Adidas Aktie: www.seasonax.com

 

HEDGEWORK: Sie sagen, Sie suchen systematisch nach unentdeckten Saisonalitäten – wie geht das vor sich?

Speck: Wir haben verschiedene Algorithmen zur Saisonalität entwickelt. Viele dieser Softwarelösungen bieten wir mittlerweile im Internet unter www.seasonax.com, aber auch in Bloomberg und Thomson Reuters Eikon – als einer der wenigen Softwareanbieter überhaupt, denn das meiste setzen diese Dienstleister bekanntlich selbst um. Am Anfang steht jedoch das Screening nach unbekannten aussichtsreichen Mustern.

HEDGEWORK: Gibt es einen Erfolgsnachweis für Ihre Anlagestrategie?

Speck: Wir haben viele Jahre selbst nicht gewusst, ob die Saisonalität von Einzelaktien für Investoren nutzbar ist – bis wir einen recht aufwendigen Walk-Forward-Prozess programmiert haben. Vereinfacht gesprochen haben wir für den simulierten Handel von S&P 500 Aktien im Jahre 2000 die Saisonalität der Jahre 1985 bis 1999 herangezogen, für den des Jahres 2001 die der Jahre 1986 bis 2000 usw. Dieser Handelsansatz wurde dann mit unveränderten Parametern out-of-sample auf zehn andere Universen von asiatischen Aktien über kanadische Minenwerte bis hin zu US-Aktien ab 1950 appliziert. Dabei zeigte sich immer eine ordentlichen Outperformance. Seitdem weiß ich, dass Saisonalität auf Einzelaktien funktioniert.

HEDGEWORK: Sie haben auch einen Fonds aufgelegt, der Ihrer Strategie folgt. Wie groß ist der Inzwischen und welche Performance kann er aufweisen?

Muratovic: Der Seasonax Global Selection ist ein diversifizierter Aktienfonds mit Fokus auf Large und Mid Caps in Europa und den USA mit aktivem Investmentansatz. Das Ziel ist, mit innovativen Handelslogiken, die auf saisonalen und zyklischen Mustern basieren, attraktive Erträge zu generieren. Im Fonds halten wir stets rund 20 Aktien. Unsere Strategie beruht dabei darauf, dass wir die einzelnen Aktien nicht ganzjährig im Depot halten. Wie schon erwähnt hat Adidas eine starke saisonale Periode von März bis Ende April. Danach gehen wir raus und nehmen andere Aktien mit positiven saisonalen Trends ins Portfolio. Unsere durchschnittliche Haltedauer beträgt 1,5 Monate. 

Grafik 2: Die Jahresperformance ausgewählter Indizes im Vergleich zum Seasonax Global Selection Fund (WKN: A2PF04).

 

HEDGEWORK: Gibt es weitere Auswahlkriterien bei Ihren Investitionsentscheidungen – oder ist das allein die Saisonalität?

Muratovic: Wichtig für den Erfolg der Strategie ist – neben einer ausreichenden Anzahl saisonal profitabler Aktien – das Loslösen von Emotionen bei den Investitionsentscheidungen. Jede Aktienauswahl wird nochmals manuell überprüft anhand verschiedener Parameter. Dazu zählen:

  • Eine Historie von mindestens 10 Jahren muss vorhanden sein
  • Das durchschnittliche Handelsvolumen der letzten 30 Tagen wird als Liquiditätskriterium berücksichtigt
  • Ausreißer werden entfernt – sofern es sich um Einmaleffekte gehandelt hat, wie etwa bei Infineon im Jahr 2009
  • Eine ausreichende Aktiendiversifizierung hinsichtlich Sektoren wird berücksichtigt.

HEDGEWORK: Wie Sie schon sagten, weist der Fonds eine hohe Umschlagshäufigkeit auf. Wie schaffen Sie es dabei, die Transaktionskosten im Griff zu behalten?

Speck: Im Schnitt schichten wir das Portfolio neun Mal jährlich um. Unsere Strategie beruht schließlich darauf, dass wir einzelnen Aktien nur in ihren besten saisonalen Phasen im Depot halten. Um dennoch die Transaktionskosten überschaubar zu halten, haben wir angemessene Konditionen ausgehandelt, vermeiden bestmöglich jeden Market-Impact und handeln zu den besten Tageszeiten – wir optimieren also auch hier gewissermaßen die Orders auf Basis von Intraday-Saisonalitäten.


Tea Muratovic

ist seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen des Kapitalmarkts tätig und verfügt über einen umfangreichen Hintergrund im internationalen Marktumfeld. Als Mitbegründerin von Seasonax Capital erhielt sie 2019 den österreichischen Frauen-Investorenpreis. Sie setzt sich als Mentorin junger Menschen ein und steht für Vielfalt im Bankwesen.

Dimitri Speck

hat sich auf Mustererkennung beziehungsweise die Saisonalität bei Charts und auf die Entwicklung von Handelssystemen für institutionelle Anleger spezialisiert und wurde für seine Arbeit bereits vielfach ausgezeichnet. Er hat verschiedene Fachartikel und Fach-bücher zum Thema publiziert.

Seasonax Capital

wurde nach Jahren der Forschung zum Thema saisonale Investments im Jahr 2018 von Dimitri Speck, Tea Muratovic und Christoph Zenk gegründet. Schwerpunkt des Hauses ist die Identifikation bisher kaum genutzter Marktanomalien und deren möglichst robuste Umsetzung in Anlagestrategien. Für ihre Fondsinnovationen wurde die Investment-fonds-Boutique bereits mehrmals ausgezeichnet.

COVID-19: Wie kann Künstliche Intelligenz helfen?

von Prof. Dr. Martin Vogt, Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Equity Partner und Scientific Advisor bei CURE S.A. und Independent Director.

Die COVID-19-Pandemie betrifft momentan fast die gesamte Welt und verändert auf dramatische Art und Weise unser Leben, Handeln und Arbeiten. Noch gibt es kein Medikament und keinen Impfstoff gegen die Krankheit.

Im Kampf gegen die Krankheit setzt Deutschland deshalb vor allem auf das Tragen eines Mundschutzes, auf Abstandsregeln sowie eine geplante Tracking App. Gerade die App lässt aufhorchen: Wie kann KI in Corona-Zeiten auch für Unternehmen genutzt werden?

Kann Künstliche Intelligenz in Corona-Zeiten helfen?

Die kurze Antwort lautet: Ja! Künstliche Intelligenz kann sowohl bei der Bekämpfung der Krankheit als auch beim Umgang mit der Krankheit helfen. Zudem können (Finanz-)Unternehmen gerade jetzt Künstliche Intelligenz auf verschiedene Weisen nutzen. Mehr denn je gilt: Kreativität zahlt sich aus.

Im Folgenden sollen aus der Fülle der Anwendungsmöglichkeiten zwei herausgegriffen und im Zusammenhang mit COVID-19 und der Finanzbranche beleuchtet werden: Bilderkennung und Social Media Intelligence. Zunächst wird generell beschrieben, wie die Methoden zur Bekämpfung von COVID-19 helfen können, und anschließend werden spezifische Anwendungsfälle für den Finanzsektor herausgearbeitet.

Bilderkennung zur COVID-19-Bekämpfung

COVID-19 ist eine Lungenkrankheit. Forscher entwickeln derzeit einen Algorithmus zur Erkennung von Mustern, der auf Basis von Computertomografieaufnahmen Hinweise auf COVID-19 erkennen soll (siehe ZEIT-Beitrag). Hierzu werden Bilder der Lunge von Menschen mit COVID-19-Erkrankung verwendet, um ein Neuronales Netz zu trainieren. Die Basisidee dabei ist wie folgt: Ein Bild besteht aus Pixeln. Je nachdem, welche Pixel hell oder dunkel sind, wird ein anderes Objekt beschrieben. So stellt etwa das folgende Bild einen Sneaker dar (siehe Klassifikation).

Das Bild besteht aus 28 mal 28 = 784 Pixeln und die Werte geben an, wie dunkel oder hell eine Stelle ist. Diese 784 Pixel können nun genutzt werden, um ein Neuronales Netz zu trainieren. Beispielsweise könnte der Algorithmus lernen: Bilder von Sneakern sind links oben tendenziell hell.

Allgemein besteht ein Neuronales Netz aus verschiedenen Schichten: Input Layer, Hidden Layer und Output Layer (siehe Abbildung).

Die 784 Pixel des Sneakers werden in je einen Input-Neuron gespeist. Diese Neuronen werden über Gewichte und Aktivierungsfunktionen mit den Hidden-Neuronen und dem/den Output Neuron(en) verbunden. Sowohl bei der COVID-19-Anwendung als auch dem Sneaker-Beispiel wird supervised learning verwendet: In dem Trainingsdatensatz ist bekannt, ob ein Patient an COVID-19 erkrankt ist oder nicht. Dieses Wissen wird genutzt, um die Gewichte des Neuronalen Netzes geeignet einzustellen. Nach erfolgtem Training sowie einer Testphase kann das Modell verwendet werden, um Bilder neuer Patienten zu analysieren und auf eine Erkrankung zu schließen.

Bilderkennung in der Finanzwelt

Bildanalysen sind nicht nur zur Entdeckung von Krankheiten nützlich, sondern können auch in verschiedenen Abteilungen im Marketing, Vertrieb und dem Risikocontrolling eingesetzt werden.

Da die Reisemöglichkeiten momentan eingeschränkt sind, nutzen Unternehmen verstärkt andere Kanäle, wie z.B. Social Media, um potenzielle Kunden zu erreichen. Auch hier kann die Bilderkennung dabei helfen, den Marketing- und Produktmix zu optimieren, etwa indem folgende Fragen beantwortet werden: Wie oft wird mein Logo im Vergleich zur Konkurrenz gezeigt? In welchem Zusammenhang? Welche Gegenstände oder wie viele Personen sind noch auf dem Foto zu erkennen?

Eine weitere spannende Anwendungsmöglichkeit ergibt sich im Rahmen des Portfolio- und Risikomanagements durch die Auswertung von Satellitendaten. Hierdurch können gerade bei Real Asset-Fonds wie Immobilien- oder Infrastrukturfonds der momentane visuelle Status und der visuelle Projektfortschritt von der Ferne aus beobachtet werden. Insbesondere in Zeiten von Reisebeschränkungen kann dies eine nützliche Ergänzung zu den klassischen Datenquellen darstellen.

Die folgenden Abbildungen sollen die Anwendungsmöglichkeiten verdeutlichen. Das obere Bild zeigt ein Satellitenfoto der Stadt Frankfurt. In dem unteren Bild wurde ein einfaches Clusterverfahren angewendet, um einzelne Farbcluster zu bilden. Ganz deutlich ist etwa der Main zu erkennen. In weiteren Schritten der Analyse können nun etwa alle Gewässer oder Häuser automatisch markiert werden. Solche Analysen können auch als Basis für verschiedene Wirtschaftsanalysen dienen, etwa um aus der Anzahl der Schiffe, der Füllmenge gewisser Lagerplätze oder dem Umschlag eines Hafens Rückschlüsse auf die Weltwirtschaft bilden zu können.


Quelle: SentinelHub

Social Media Intelligence zur Bekämpfung von COVID-19

Neben Bildern können natürlich auch Texte ausgewertet werden. Durch die Auswertung zahlreicher Quellen konnte etwa die Firma BlueDot den Ausbruch von COVID-19 vor allen anderen vorhersagen. Hierzu wurden insbesondere auch Digital Media-Daten verwendet. Eine mögliche solcher Datenquellen bilden Twitter-Tweets.

Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der Luxemburger Agentur CURE S.A. wurde dieser Ansatz aufgegriffen und getestet, ob die Zahl von Grippe-Fällen mittels Social Media-Daten geschätzt werden kann. Hierzu wurden die offiziellen Daten des Robert-Koch Instituts (RKI) mit Daten aus Twitter und Google Trends verglichen. Um die Twitter-Daten zu erhalten, wurden etwa Tweets mit einer bestimmten Kombination aus Hashtags wie Kopfweh oder Fieber ermittelt und normiert. Die untere Abbildung zeigt eindrucksvoll, dass ein Zusammenhang insbesondere zwischen den Twitter- und den RKI-Daten zu erkennen ist. Die Schwierigkeit einer solchen Analyse besteht vor allem auch darin, geeignete Daten zu ermitteln und aufzubereiten.

Social Media Intelligence in der Finanzwelt

Darüber hinaus bieten Social Media-Kanäle gerade in Zeiten des Social Distancing die Möglichkeit der kontinuierlichen Kommunikation mit dem Kunden. Die verstärkte Nutzung von Textanalysen (Text Mining) von Social Media-Daten eröffnet somit Finanzunternehmen, ähnlich wie bei der Bildanalyse, vielfältige Chancen gerade im Marketing, Vertrieb oder Risikomanagement und hilft bei der Beantwortung zahlreicher Fragen, etwa: Wie wird mein Unternehmen im Vergleich zum Wettbewerb wahrgenommen? Welche Reichweite hat meine Vertriebskampagne? Wie wurde meine ESG-Initiative gesehen? Welche Reputationsrisiken gibt es in den Sozialen Medien? Welche Kritikpunkte gibt es an meinem Unternehmen? Welche Influencer beschäftigen sich besonders mit meinem Unternehmen und welche Aussagen treffen diese? Was denken meine Kunden über ein bestimmtes Produkt? Gibt es bei Investments Hinweise auf ESG-Verletzungen? Zusätzlich können Textanalysen genutzt werden, um wesentliche Informationen aus längeren Texten, wie Verträgen, Gesetzen oder Zeitungsartikeln, zu ziehen und diese für die Kostenoptimierung zu nutzen.

Als Beispiel sind in der oberen Abbildung die häufigsten Wörter dargestellt, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in seinen letzten 500 Tweets verwendet hat. Eindeutig ist der Bezug zum Coronavirus zu erkennen. Neben der einfachen Darstellung der Häufigkeit können vielfältige Analysen durchgeführt werden. So können etwa die gewählten Emotionen (positiv/negativ) oder Wortkorrelation mit hinzugenommen werden. Darüber hinaus bietet Twitter die Möglichkeit, Informationen über Follower zu analysieren. Die untere Landkarte etwa stellt verschiedene Follower von Jens Spahn auf der Weltkarte dar. Firmen können dies nutzen, um zum Beispiel herauszufinden, wo über ein bestimmtes Thema geschrieben wird.

Fazit

Durch die COVID-19-Pandemie (Corona) verändern sich momentan Lebens- und Arbeitswelt dramatisch. Künstliche Intelligenz kann zum einen dabei helfen, die Krankheit zu diagnostizieren, früher zu erkennen und etwa mit Hilfe einer Tracking-App zu bekämpfen. Zum anderen können Unternehmen KI nutzen, um sich auf die veränderte Situation einzustellen. Hier ist insbesondere die Auswertung von Bild- und Social Media-Daten zu nennen.

Ergänzend können Unternehmen eventuell freigewordene Kapazitäten aber auch dafür in Anspruch nehmen, den Übergang in das Digitale Zeitalter zu beschleunigen. So könnten etwa Vorhersagemodelle für Bedarfsvorhersagen, Kundenanalysen, Risikoanalysen oder die Durch- bzw. Einführung anderer Auswertungen genutzt werden.

Der Königsweg bei der Datenanalyse ist übrigens die Multi Source Estimation, das heißt die Einbeziehung verschiedener Datenquellen und Datenformate in eine Analyse. Zum Beispiel können im Rahmen des Marketings Bilder (etwa Satellitendaten) mit Zahlen (etwa Verkaufszahlen) und Texten (etwa Social Media) miteinander verbunden werden. Dadurch lassen sich zahlreiche tiefgehende Analysen durchführen.

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 07. Mai 2020.


Prof. Dr. Martin Vogt

Prof. Dr. Martin Vogt ist Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, und ist zudem Equity Partner und Scientific Advisor bei CURE S.A. und Independent Director. In diesen Rollen untersucht er insbesondere die Themen Predictive Analytics, Machine Learning und Data Science sowie deren Anwendungen in der (Finanz-)Wirtschaft. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche tätig. Prof. Vogt ist Certified Financial Risk Manager (FRM), Diplom-Mathematiker und hält einen Doktor in Statistik.

Künstliche Intelligenz: Anwendungsfälle in der Finanzwelt

von Prof. Dr. Martin Vogt, Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director.

Das Thema Künstliche Intelligenz beherrscht momentan die Schlagzeilen der Zeitungen. Auf der einen Seite steht dabei die Faszination gegenüber den neuen Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Angst etwa vor Arbeitslosigkeit oder Überwachung. Der Titel der Süddeutschen Zeitung Online (08. Juli 2019) „Künstliche Intelligenz: Entlasten oder Entlassen?“ fasst diesen Tenor sehr gut zusammen. Obwohl viel über Künstliche Intelligenz geschrieben wird, bleiben die Hintergründe der neuen Technik oft im Dunklen.

Was ist Künstliche Intelligenz?

Die luxemburgische Finanzaufsichtsbehörde CSSF (Commission de Surveillance du Secteur Financier) definiert Künstliche Intelligenz in ihrem White Paper „Artificial Intelligence: Opportunities, Risks and Recommendations for the Financial Sector“ im Einklang mit dem Financial Stability Board: “The theory and development of computer systems able to perform tasks that traditionally have required human intelligence.” Die Grundidee Künstlicher Intelligenz nach dieser Definition ist also, die Intelligenz der Menschen mit Hilfe von Computern nachzubauen. Darunter werden etwa die folgenden Fähigkeiten verstanden (siehe Tabelle):

Bei der Einteilung der Künstlichen Intelligenz gibt es im Wesentlichen zwei große Bereiche: Machine Learning und Symbolic Learning. Symbolic Learning basiert auf einer formalen Beschreibung, etwa mit Hilfe von Formeln. So könnte ein Roboter die Programmierung erhalten, bei einem Hindernis umzudrehen. Im Unterschied hierzu verwendet Machine Learning große Datenmengen, um zu lernen. So können einige Tausend Kreditkartenrechnungen dabei helfen, ein Modell zu trainieren, um Unregelmäßigkeiten wie Betrug zu erkennen.

Wo kann Künstliche Intelligenz verwendet werden?

Es gibt zahlreiche Anwendungsfälle für Künstliche Intelligenz in der Finanzwelt. Die CSSF erwähnt einige davon in ihrem White Paper (siehe Tabelle).

Fallbeispiel: Twitter und Hauck & Aufhäuser

Im Folgenden wird exemplarisch skizziert, wie die Tweets von Hauck & Aufhäuser (Twitter-Account @Privatbank1796) analysiert werden können. Twitter bietet eine Schnittstelle, über die Daten heruntergeladen und analysiert werden können. Neben dem Text der Tweets beinhalten die Daten zahlreiche weitere Informationen, wie das Datum der Erstellung oder den Standort des Twitter-Nutzers. Für das Fallbeispiel wurden am 03.12.2019 alle 2464 Tweets des Accounts @Privatbank1796 der Hauck & Aufhäuser heruntergeladen und aufbereitet.

Anschließend wurden die Wortkorrelationen gebildet. Aus der Abbildung ist zu erkennen, dass etwa das Wort „schwächer“ häufig im Zusammenhang mit „Börsen“ und den „USA“ verwendet wurde.

Abb.: Wortzusammenhänge der Hauck & Aufhäuser Tweets

Solche Analysen können im Rahmen des Vertriebs dazu dienen, das eigene Produkt besser einschätzen zu können, Wettbewerber zu analysieren oder Reputationsrisiken zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Zusätzlich können zahlreiche weitere tiefergehende Analysen durchgeführt werden, etwa über die Struktur der Follower oder die verwendeten Sentimente (Emotionen).

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 10. Dezember 2019.


Prof. Dr. Martin Vogt

Prof. Dr. Martin Vogt ist Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director. In diesen Rollen untersucht er insbesondere die Themen Machine Learning und Data Science sowie deren Anwendungen in der (Finanz-)Wirtschaft. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche tätig. Prof. Vogt ist Certified Financial Risk Manager (FRM), Diplom-Mathematiker und hält einen Doktor in Statistik.

Vom Nice-to-Have zum Must-Have – ESG-Kommunikation im Asset Management

von Julie Didier und Louis W. Wagner Ley, Yuzer Group.

Ob nun als jüngstes Leitmotiv des jährlichen Mahnbriefes von BlackRock-CEO Lawrence Fink oder als dominanter Gegenstand führender Fachkongresse – das Thema Nachhaltigkeit ist innerhalb der letzten Jahre in der Finanzbranche endgültig angekommen und hat sich auch in der Unternehmenskommunikation als Aspekt von interner wie auch externer Bedeutung etabliert. Besonders im Asset Management nehmen die ESG-Elemente (ESG = Environmental, Social, Governance) eine tragende Rolle ein, stellen Vermögensverwalter aber auch vor eine wichtige Frage: Wie können sie Investoren ihr Angebot praxisbezogen und individualisiert schmackhaft machen?

Anspruchsvollere Investoren fordern zunehmend Transparenz

Mit der zunehmenden Präsenz des ESG-Komplexes haben sich auch die Anforderungsprofile von Investoren geändert. Transparenz und Differenzierung sind Grundvoraussetzungen im Nachhaltigkeitsbereich, zudem reichen die Wünsche der Anspruchsgruppen kontinuierlich über die Bereitstellung eines simplen Nachhaltigkeitsberichtes hinaus: Unternehmensrelevante Nachhaltigkeitsziele gilt es mit interpretier- und vergleichbaren Daten zu belegen; strategisch relevante Initiativen müssen glaubwürdig dokumentiert und in die Gesamtstrategie integriert werden. Einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG zufolge waren Ende 2018 allein in Europa bereits knapp EUR 500 Mrd. Assets under Management (AuM) in über 2.800 nachhaltigen Fonds investiert1 – Tendenz steigend, denn vor allem die Nachfrage von Investoren steigt unaufhaltsam. Dennoch gilt es auch weitere Qualitätsdimensionen zu beachten, wenn diese Nachfrage für die eigenen Produkte gezielt genutzt werden soll.

Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit, Verständlichkeit und Dialogangebot

In Zeiten, in denen Unternehmenskommunikation zunehmend über multimediale Inhalte funktioniert, hat dies notwendigerweise auch Konsequenzen für die ESG-Kommunikation. Die alleinige Kommunikation mittels eines gesonderten Berichts ist nicht mehr ausreichend, ein Nachhaltigkeitsbericht darf nicht mehr als separates Medium verstanden und wahrgenommen werden. Insbesondere die interaktive Einbettung eines integrierten Berichts, der Geschäfts- und Nachhaltigkeitsdaten verbindet, signalisiert den strategischen Stellenwert der Nachhaltigkeit im Unternehmen. Doch vor der eigentlichen Umsetzung sollte die strategische Komponente zunächst klar definiert sein (s. Infografik).

Infografik: Das Fundament der ESG-Kommunikation

Ein integriertes Kommunikations-Framework bezieht die langfristige Zielsetzung, eine klar definierte Investitionsstrategie und unterschiedliche Stakeholder-Ansprüche gleichermaßen mit ein und untergliedert diese jeweils in einem zweiten Schritt.

Informationen sollten auf der Unternehmenswebsite und über Social Media-Kanäle eingebettet werden, um das große Potenzial der interaktiven Vermittlung von Inhalten voll auszuschöpfen (oft nutzen Asset Manager hierzu LinkedIn und Twitter als Hauptkanäle). Ein Link zu den Social Media-Plattformen, um Inhalte zu teilen und weiter zu verbreiten, ermöglicht zudem die nutzerfreundliche Vermittlung von Nachhaltigkeitszielen. Ein Interview oder eine Videobotschaft des CEO zur Nachhaltigkeitsstrategie kann zusätzlich für eine glaubwürdige Verankerung sorgen.

Zu den Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit und Dialogangebot tragen Feedbackmöglichkeiten bei, beispielsweise in Form von kurzen Umfragen, Kontaktformularen oder Kontaktdaten von Ansprechpersonen. Auch hier bietet sich die Integration sozialer Medien gut an, um die direkte und persönliche Ansprache zu fördern. Die Verständlichkeit von Inhalten kann hier insbesondere durch Video-Elemente und interaktive oder animierte Grafiken gestärkt werden. Wie eine Fidelity-Umfrage jüngst zeigte, gibt es für potenzielle Investoren gerade bei ESG-Investments eine hohe Hemmschwelle. Hier können Anbieter punkten, die durch eine „Verständlichkeitsoffensive“ solchen Hemmnissen aktiv entgegenwirken.

Kohärente Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Jede Form der Kommunikation bedarf der Glaubwürdigkeit. Insbesondere in Zeiten des sogenannten „Greenwashing“ – also unternehmerischer Bemühungen, durch Marketing und PR ein „grünes“ Image zu erlangen, ohne jedoch entsprechende Maßnahmen in der Wertschöpfungskette zu verankern – ist es daher umso essenzieller, dem Kunden Vertrauen zu verschaffen. Dies vermag speziell die Verifizierung präsentierter Daten durch unabhängige dritte Parteien wie Labels oder Ratings zu leisten. Ausführungen anerkannter Richtlinien (z.B. der United Nations Global Compact oder die UN Principles for Responsible Investment (PRI)), die sich dynamisch in Online-Berichte integrieren lassen, dienen somit der Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsleistungen und stellen ein zusätzliches Bekenntnis zu etablierten ESG-Maßnahmen dar.

Entspricht die Strategie jedoch nicht vollständig den ESG-Kriterien, ist auch die Anpreisung nachhaltiger Fonds unzureichend. Hier sollte auf eine bedachte Kommunikation zurückgegriffen werden, Schritte für eine nachhaltige Strategie gehören ausführlich dokumentiert.

Pioniergeist statt Standard

Damit ist zwar die strategische Komponente berücksichtigt – doch welche Themen interessieren die Stakeholder überhaupt? Welche Kundengruppen sind auf welchen Kanälen wirklich aktiv? Diese grundlegende Frage gilt es im Voraus jeder Kommunikation zu beantworten. Frequenz, Umfang und Multimedialität der Informationen geben hier Aufschluss über den Stellenwert der Nachhaltigkeit seitens der Vermögensverwalter.

Die für jede Stakeholder-Gruppe relevanten Inhalte können vorab durch ein sogenanntes Materiality-Assessment identifiziert werden2 und ermöglichen so eine zielgenaue Ansprache. Neue Kundengruppen können durch die Inhaltsvermittlung über ein exakt definiertes Targeting in Verbindung mit Social Media-Anzeigen auf LinkedIn oder Twitter erschlossen werden; dabei sollten allerdings im Vorfeld sämtliche Kanäle grundlegend in Betracht gezogen werden, um einer einseitigen und eintönigen Kommunikation vorzubeugen. Ein durchdachtes, innovatives und individualisiertes Kommunikationskonzept, von der strategischen Ebene bis hin zur kreativen Umsetzung, ist unerlässlich, um den Investor vom Wert nachhaltiger Investments zu überzeugen und etwaige Hemmschwellen abzubauen.

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 09. März 2020.


1) KPMG Report: European Responsible Investing Fund market 2019 – A focus on „tagged“ sustainable funds, p. 8-9.
2) Bereits 2018 veröffentlichte der US-amerikanische Rat für Nachhaltigkeitsberichterstattungsstandards, das Sustainability Accounting Standards Board (SASB), den weltweit ersten Satz branchenspezifischer Standards sowie eine Klassifizierung wesentlicher ESG-Kriterien. So sind für Unternehmen bspw. im Lebensmittelhandel Treibhausgasemissionen, Energiemanagement, faire Arbeitspraktiken sowie faires Marketing wesentlich, während bei Internet- und Mediendiensten neben Energiemanagement auch Datensicherheit und Kundenschutz eine essenzielle Rolle spielen. Diese unterschiedlichen Anforderungen gilt es im Vorfeld festzulegen und die Strategie darauf abzustimmen. Quelle: Harvard Business Review, „The Investor Revolution“, May-June 2019 Issue.

Julie Didier

Julie Didier ist seit Juni 2019 Managing Partner bei Yuzer Group, einer sich auf strategische Kommunikation und digitales Marketing spezialisierende Beratungsagentur. Zuvor hat sie als Head of Marketing & Communication bei der nachhaltigen Finanzassoziation LuxFLAG gearbeitet. Julie besitzt einen Abschluss in Marketing und Kommunikation der Universität St. Gallen und hat eine Weiterbildung in digitaler Marketingstrategie an der Harvard Universität absolviert.

Louis W. Wagner Ley

Louis W. Wagner Ley ist Co-Founder und Managing Partner bei Yuzer Group. Zuvor war er bei Credit Suisse im Asset Management sowie im Mid-Market M&A für EMEA-domizilierte Kunden tätig. Er hält einen Master of Science in Financial Economics der Erasmus University Rotterdam sowie einen Bachelor of Arts in Volkswirtschaft der Universität Zürich.

Investieren in Megatrends: Virus trifft auf Mega-Trends

von Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Megatrends verändern die Welt grundlegend und nachhaltig. Sie wirken nicht nur auf einige wenige Bereiche, sondern betreffen alle Ebenen der Gesellschaft und damit auch die der einzelnen Menschen. Um mit der Zukunft Schritt halten zu können, müssen Unternehmen rasch auf diese Entwicklungen eingehen oder diese im Idealfall antizipieren. Unternehmen, die das schaffen, sind für Investoren von großem Interesse, denn sie stehen für Zukunftsfähigkeit und Wachstum. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien ist ein globaler Aktienfonds, der in solche Unternehmen investiert.

Auch langfristiges Investieren erfordert zuweilen sehr rasches Agieren

Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien setzt bekanntlich auf die großen langfristigen Zukunftstrends, die unser aller Leben nachhaltig verändern werden und versucht, diejenigen Unternehmen herauszufiltern, die davon besonders stark profitieren sollten. Dieser langfristige Investmenthorizont schließt aber natürlich nicht aus, dass das Fondsmanagement nicht auch kurzfristig agieren kann bzw. muss. Im Gegenteil, dies ist ja zuweilen geradezu erforderlich. Beispielsweise, wenn sich Marktpositionen von Unternehmen im schnelllebigen Technologiesektor verändern oder sich neue technologische Entwicklungen abzeichnen. Oder aber, falls so einschneidende und unvorhersehbare Ereignisse auftreten wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie.

Auf diese Pandemie und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise war keiner vorbereitet. Niemand konnte sie kommen sehen, weder Regierungen, noch Unternehmen oder Finanzmärkte. Vor allem die Ausgangs- und Reisebeschränkungen sowie staatlich angeordnete Schließungen von Geschäften und Unternehmen haben binnen kürzester Zeit sowohl unser Privat - als auch Wirtschaftsleben stark verändert. Es wäre absurd, würden Fondsmanager dem nicht Rechnung tragen und die Investments in den Fonds entsprechend anpassen.

Es kommt dem Raiffeisen-MegaTrends-Aktien dabei zugute, dass er mit den drei großen Mega-Trends „demografischer Wandel“, „Klimawandel“ und „technologischer Wandel“ relativ krisenresistent aufgestellt ist. Das kann man bislang auch gut an der Wertentwicklung des Fonds ablesen. Natürlich hat auch er deutlich nachgegeben, aber längst nicht so stark wie der breite Markt. An dieser Stelle muss natürlich angemerkt werden, dass Performanceergebnisse der Vergangenheit keine verlässlichen Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung des Fonds aussagen.

Viele Mega-Trends sind relativ krisenresistent

Der demografische Wandel beinhaltet viele Investments in Pharma- und Gesundheitsaktien, ein Bereich, der gerade jetzt wichtiger denn je ist. Die Kurse der allermeisten Aktien in diesem Sektor sind viel weniger zurückgegangen und einige haben sogar kräftig zugelegt. Auch der Bereich Klimawandel hält sich in der jetzigen Krise bislang recht stabil. Die Bereitstellung von Erneuerbarer Energie, Wasseraufbereitung oder Kläranlagen müssen auch in der Krise funktionieren und unterliegen kaum Nachfragerückgängen. Der Mega-Trend „technologischer Wandel“ ist, insgesamt gesehen, ebenfalls weniger anfällig in der Krise. So werden zwar jetzt vielleicht weniger Handys verkauft, weil die Shops geschlossen haben, aber die Software für Unternehmen oder Hardware für Telekominfrastruktur wird natürlich weiterhin nachgefragt, teilweise sogar verstärkt. Völlig immun gegen einen länger anhaltenden Abschwung ist aber auch der Technologiesektor natürlich nicht, jedenfalls nicht in allen Bereichen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns und anderer von den Regierungen angeordneter Eindämmungsmaßnahmen sind dramatisch. Generell erwarten die Unternehmen, mit denen wir bislang kommuniziert haben, eher keine rasche, V-förmige Erholung der Wirtschaft, also eine schnelle Rückkehr zur Situation vor Ausbruch der Pandemie. Sie rechnen eher mit einer schrittweisen Verbesserung der Wirtschaft, nachdem die Maßnahmen wieder aufgehoben bzw. gelockert werden.

Starkes Gegensteuern des Fondsmanagements

Die Auswirkungen der Krise auf die einzelnen Bereiche der Wirtschaft sind natürlich sehr unterschiedlich und hängen nicht zuletzt davon ab, wie lange sie noch andauert. Einzelne Branchen sind faktisch völlig lahmgelegt, wie beispielsweise Luftfahrt, Tourismus, Gastronomie. In anderen sind die Bedingungen etwas besser bzw. erträglicher, etwa in der Bauwirtschaft, der Lebensmittelindustrie oder bei Herstellern von Verpackungen. Wir haben bereits zu Beginn der Korrektur an den Aktienmärkten unsere Investments in Unternehmen der Reisebranche (zum Beispiel Booking.com oder Do&Co) sehr konsequent abgebaut und verkauft. Stattdessen hat das Fondsmanagement in defensivere Bereiche investiert, wie etwa Supermarktketten (wie Tesco, Carrefour). Auch den Bereich Luxusgüter haben wir deutlich reduziert. Vor Corona wurden bis zu 40 % aller Umsätze in diesem Sektor von Chinesen auf Reisen getätigt. Diese fallen jetzt erst einmal weg und es ist ungewiss, wann sie sich wieder beleben werden. Auch im Bereich Einzelhandel haben wir uns von einigen Aktien getrennt, so zum Beispiel von Fast Retailing, einer japanischen Modekette unter dem Namen Uniqlo, da ein Großteil dieser Verkaufsläden derzeit geschlossen ist. Stattdessen haben wir recht viele Aktien im Pharmasektor gekauft, vor allem Unternehmen, die versuchen, Medikamente oder Impfstoffe gegen das Coronavirus zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise Gilead Sciences oder Regeneron. Zugekauft wurden aber auch Unternehmen, die online Gesundheitsdienste anbieten, wie beispielsweise Ping An Good Doctor (Chinas größte Online-Gesundheitsplattform) oder Alibaba Health. Die generelle Ausrichtung des Fonds ist mit den zusätzlichen Investments in Pharmaunternehmen und Lebensmitteleinzelhändlern sicherlich defensiver geworden als zuvor, da wir derzeit nicht von einer sehr schnellen, kräftigen V-förmigen wirtschaftlichen Erholung ausgehen. In Branchen wie Tourismus oder Gastronomie werden wir vorerst noch nicht (wieder) investieren. In Banken und Ölunternehmen (die von der Krise ebenfalls besonders hart betroffen sind), waren wir bislang schon nicht investiert, und das wird auch bis auf weiteres so bleiben.

Fazit

Das Coronavirus wird die großen Megatrends nicht dauerhaft stoppen, auch wenn es derzeit die Welt fest in seinem Griff hält. Es gibt daher auch keinen Grund, die Investmentphilosophie des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien zu ändern. Vorausschauendes, flexibles Agieren und Reagieren bei einschneidenden Ereignissen gehört zu dieser jedoch fix dazu. Und sollte sich beispielsweise herauskristallisieren, dass einzelne Zukunftstrends doch nachhaltiger und für längere Zeit negativ von der Pandemie betroffen sein werden, dann wird das Fondsmanagement dem selbstverständlich Rechnung tragen.


Ursprünglich war für diesen Megatrends-Newsflash das Thema „Investieren in 5G-Technologien“ vorgesehen. Die Coronavirus-Pandemie und die daraus resultierenden Marktbewegungen stellen jedoch einen so gravierenden und nachhaltigen Einschnitt dar, dass es stattdessen ein Update zur Positionierung des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien gibt.

Federated Hermes, SASB and CERES: ESG guidance during Coronavirus

Just as investors are getting to grips with the importance of environmental, social and governance issues (ESG) to their investment strategies, economic orthodoxy has gone out of the window as the world fights to control the coronavirus pandemic.

Some say that this means ESG issues, such as climate change, human rights in supply chains, diversity and executive pay, will slip back down the agenda as governments focus on resurrecting their economies. But others say that the pandemic and its knock-on effects reinforce the need for investors to consider these issues.

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“Never has the need to build a more sustainable, inclusive economy been clearer or more urgent,” says Mindy Lubber, CEO of sustainable investing non-profit Ceres. “This pandemic is a painful reminder of our universal interconnectedness, our vulnerability to the seismic risks and sudden shocks our current capital markets systems expose us to, and the need for mass mobilization to tackle a common crisis.”

And there is growing evidence that companies with good performance on ESG are faring better in the face of the extreme economic shock and they are more resilient not just to this shock but to other disruptions such as the ongoing climate emergency. Bloomberg and MSCI say that ESG indexes and funds have outperformed their benchmarks.

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Investors seem unlikely to abandon their interest in ESG, not least because the pandemic is the latest ESG issue to make its presence felt on financial markets and the wider economy. The impact of ESG issues is increasingly easy to see as more and better data becomes available and technologies such as artificial intelligence and machine learning help to analyse it.

Both individual investors such as Blackrock and coalitions such as Climate Action 100+ have targeted companies in order to get them to take ESG issues seriously.

Nigel Green, CEO of $12bn financial advisory group De Vere, says that “the coronavirus pandemic will trigger a ‘skyward surge’ in sustainable, responsible and impactful investing over the next 12 months for three key reasons. First, before the pandemic, research has revealed that investments that score well in terms of ESG credentials often outperform the market and have lower volatility over the long-run. Since the Covid-19 public health emergency up-ended the world, the latest broad analysis shows that ESG funds have typically continued to outperform others.”

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“Second, the coronavirus pandemic has underscored the vulnerability and fragility of societies and the planet. It has underscored that increasingly companies will only survive and thrive if they operate with a nod from the wider court of public approval.

Green adds that “demographic shifts will support the trend.  Millennials cite ESG investing as their top priority when considering investment opportunities. This is crucial because the biggest-ever generational transfer of wealth – likely to be around $30trn - from baby boomers to millennials will take place in the next few years. ESG investing was already going to reshape the investment landscape in this new decade – but the coronavirus will quicken the pace of this reshaping.”

This whitepaper was made in association with the upcoming ESG Investment Summit North America, an event by Reuters Events. For more information, please visit the website or get in touch with a member of the team.


Contact

Dominic Grocott
Head of ESG Investment – Reuters Events
+44 7535656597 
Dominic.grocott@reutersevents.com

ESG-Ratings: Welche Fragen sich Anleger*innen stellen sollten

von Stefan Fritz und Jakob Heidecke, beide GLS Bank.

Nachhaltigkeit erobert den Mainstream-Finanzmarkt. Damit gewinnt auch die Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen an Bedeutung. Die zunehmende Relevanz dieser sogenannten ESG-Ratings ist auch der Politik nicht verborgen geblieben. Die EU-Kommission schrieb eine Marktstudie aus. Den Zuschlag erhielt laut Branchenmedien das britische Beratungsunternehmen sustainAbility. An sich ist dies natürlich eine begrüßenswerte Entwicklung. Schließlich sollten nachhaltige Geschäftsmodelle von Investoren gefördert werden. Doch ein näherer Blick auf diese Ratings ist ratsam. Das zeigt nicht zuletzt der erste Rechtsstreit zwischen einem Anbieter von ESG-Ratings sowie dem von ihm bewerteten Unternehmen. Anleger*innen sollten verschiedene Aspekte und Fragen im Blick haben:

Welchen Einfluss haben Geschäftsziele des Researchanbieters auf ESG-Ratings?

Zu Beginn der 2000er Jahre war der Markt für Nachhaltigkeitsresearch von zahlreichen kleinen Häusern geprägt. Viele von ihnen verfolgten einen ethischen Ansatz. Zwei Beispiele: Die oekom research AG (heute ISS ESG) entwickelte ihr Bewertungsverfahren aus dem Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden, einem ethischen Kriterienkatalog, der von Ökonomen, Philosophen und Theologen entwickelt wurde. Das französische Haus Vigeo (heute Vigeo Eiris) wurde 2002 gemeinsam von Investoren, Gewerkschaften und Unternehmen gegründet, um die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen zu ermitteln.

Im Laufe der vergangenen 10 Jahre haben sich die Marktstrukturen radikal verändert. Schritt für Schritt betraten große amerikanische, börsennotierte Finanzdienstleister die Bühne. Mit ihrer Finanzkraft kauften sie nach und nach kleine Anbieter auf. 2010 kaufte MSCI Riskmetrics, 2016 erwarb S&P Trucost, 2017 beteiligte sich Morningstar an Sustainalytics, 2018 schluckte ISS die oekom Research AG und vergangenes Jahr übernahm Moody's Anteile am britisch-französischen Haus Vigeo Eiris. Die Folge: Heute zeichnet sich der Markt durch ein Oligopol weniger Anbieter aus, die mittlerweile allesamt in amerikanischer Hand liegen.


Quelle: Dr. Judith Ströhle: Die Ursprünge unterschiedlicher Ratingansätze. Erschienen in: Absolute Impact, Ausgabe 04/2019.

Es stellen sich Fragen: Inwieweit bewahren die neuen Eigentümer die ursprüngliche ethische Motivation ihrer Akquisitionen? Viele Researchhäuser betonen zunehmend das finanzielle Risiko schwacher Umwelt- und Sozialleistungen von Unternehmen und Staaten. Geht es also bei ESG-Ratings darum, das finanzielle Risiko von Nachhaltigkeitskriterien aufzuzeigen? Oder sollen die Unternehmen am besten bewertet werden, deren Geschäftsmodell zukunftsweisende Lösungen haben? Je nach Antwort können ESG-Ratings stark variieren.

Fördert die derzeitige Abdeckung von ESG-Ratings am Markt die Finanzierung wirklich nachhaltiger Geschäftsmodelle?

Viele nachhaltige Fondsanbieter und Investoren richten sich nach Benchmarks. Bei Aktienfonds ist das häufig der MSCI World Index. Das Auswahlverfahren beginnt also damit, dass die Anbieter von den rund 1.600 Indextiteln diejenigen mit dem schlechtesten ESG-Rating aussortieren. Aus den verbliebenen Titeln setzen sie dann ihr Portfolio zusammen. Um für Fondsanbieter und Investoren überhaupt in Frage zu kommen, müssen Researchanbieter die ESG-Ratings aller Unternehmen großer Indizes bereitstellen. Ihr Fokus liegt demnach auf großen börsennotierten Unternehmen. Kleinere Unternehmen fallen häufig durch das Raster, da sie aufgrund mangelnder Handelbarkeit oder zu hohem finanziellen Risiko seltener nachgefragt werden. Das klassische Prinzip von Nachfrage und Angebot eben.


Quelle: Coffey, Brendan, Here Are Fund Managers’ Favorite ESG Stocks (2019)

Doch müssen für den Weg zu mehr Nachhaltigkeit nicht neue Geschäftsmodelle gefördert werden? Muss das Geld nicht dorthin fließen, wo es tatsächlich gebraucht wird; in kleine, junge Unternehmen, die ein zukunftsweisendes Geschäftsmodell haben; Unternehmen, die über Anleiheemissionen oder Kapitalerhöhungen frisches Kapital einnehmen und direkt in wirkungsstarke Projekte investieren? Soll nicht die Zukunftsfähigkeit eines Geschäftsmodells und nicht die Börsenkapitalisierung der Ausgangspunkt eines Investmentprozesses sein? Würde sonst nicht eher der Status quo gefördert? In welcher Weise haben Researchhäuser darauf eine Antwort?

Scoring-Modelle mit hoher Divergenz

Anbieter von ESG-Scorings müssen sich immer wieder gegen den Vorwurf wehren, ihre Bewertungen seien unpräzise und würden stark voneinander abweichen. Während die Ratings großer Kreditratingagenturen in der Regel sehr nahe beieinander liegen, sei die Korrelation von ESG-Ratings vergleichsweise gering. Dafür gibt es viele Gründe. Während Kreditratings nur die Kreditausfallwahrscheinlichkeit messen und auf standardisierten Verfahren beruhen, spielen bei ESG-Ratings unterschiedliche Faktoren eine Rolle:

  • Zielsetzung des Ratings: Es gibt unterschiedliche Zielrichtungen eines ESG-Ratings. Anleger*innen sollten sich fragen: Zielt das Rating darauf ab, finanzielle Risiken zu vermeiden, die sich aus ESG-Aspekten ergeben? Oder soll es Unternehmen ermitteln, die eine hohe ökologische und soziale Wirkung erreichen?
  • Gewichtungen von ESG-Kriterien: Es gibt keinen Standard, wie bestimmte Umwelt- und Sozialaspekte berücksichtigt und gewichtet werden sollen. Je nach Ziel des ESG-Ratings kann dies erheblich variieren. Manche Anbieter gewichten Sozialaspekte höher, andere Umweltaspekte. Einer der Hauptkritikpunkte an der EU-Taxonomie ist derzeit, dass Klimaaspekte einen zu hohen Einfluss haben und Sozialaspekte nur im schwachen Maße Beachtung finden.
  • Qualität und Verfügbarkeit von Daten: Die Qualität der berichteten Daten kann sich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterscheiden. Große multinationale Konzerne haben häufig ein umfassendes Berichtswesen, mit dem sie umfangreich über ihre ESG-Leistungen Auskunft erteilen. Bei kleineren Unternehmen fehlen nicht selten die Kapazitäten, um sich mit ESG-Reportinganforderungen auseinanderzusetzen. Deswegen wird am Markt kolportiert, dass es eine positive Verzerrung von ESG-Ratings für große Unternehmen gäbe. Anleger*innen müssen also vor allem bei kleinen Unternehmen sehr genau hinterfragen, ob eine schlechte Bewertung auf schwache Sozial- oder Umweltleistungen zurückzuführen ist oder schlichtweg auf fehlende Angaben.
  • Betrachtungsweise: Manche Anbieter nehmen innerhalb einer bestimmten Gruppe an Unternehmen (Indizes, Branchen, Ratinguniversum) eine relative Verteilung von ESG-Ratings vor. Das Ergebnis ist dann einer Standardnormalverteilung sehr ähnlich. Das wäre wie das Ergebnis einer Klassenarbeit, bei der es genauso viele Einser wie Sechser, Zweier wie Fünfer, Dreier wie Vierer gibt. Der Notenschnitt läge in der Mitte. Demgegenüber gibt es Anbieter, die unabhängig von solchen Gruppen eine absolute ESG-Bewertung vornehmen. Um im Bild der Notenverteilung zu bleiben, gäbe es vielleicht keine Einser und Zweier, dafür einige Dreier und Vierer und sehr viele Fünfer und Sechser. Der Schnitt wäre demnach sehr viel schlechter. 


Quelle: Eccles, Robert G. and Stroehle, Judith, Exploring Social Origins in the Construction of ESG Measures (July 12, 2018). Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3212685

Fazit und wie die GLS Bank zu ESG-Ratings steht:

Die ESG-Bewertung von Unternehmen wird immer relevanter am Kapitalmarkt. Dies ist ein richtiger und wichtiger Schritt, um Unternehmen zu nachhaltigerem Handeln zu bewegen. Jedoch sollten Anleger*innen die unterschiedlichen Motivationen und Methoden der Anbieter von ESG-Ratings am Markt hinterfragen. Die GLS Bank selbst überprüft jedes Investment im Detail auf sozial-ökologische Kriterien. Statt allerdings quantitativ Plus- und Minuspunkte zu verrechnen, wählt die Bank die Einzelfallentscheidung als bewusstes Arbeitsprinzip. In einem interdisziplinär zusammengesetzten Anlageausschuss diskutieren und entscheiden renommierte Nachhaltigkeitsexpert*innen, auf Basis von quantitativen und qualitativen Indikatoren, ob Unternehmen in das GLS Anlageuniversum aufgenommen werden oder nicht. Dies mag auf den ersten Blick wenig systematisch wirken. Aber es beugt einem mechanischen und einseitigen Bewertungsschema vor. Schließlich kann ein ESG-Scoring nie die realen Gegebenheiten eines Unternehmens in seiner Komplexität erfassen.

Statt also ausschließlich auf ESG-Scorings zu vertrauen, stellen die Expert*innen die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells selbst in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Sie wollen Gelder dorthin lenken, wo sie am stärksten gebraucht werden. Deswegen werden auch kleinere Unternehmen aufgenommen, die eine hohe direkte Wirkung entfalten, jedoch nur vereinzelt von den Bewertungsansätzen der ESG Ratingagenturen erfasst werden. Auf diese Weise will die GLS Bank in ihrem Investmentfondsgeschäft die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft fördern und einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten.


Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Über Jakob Heidecke

Jakob Heidecke ist im Nachhaltigkeitsresearch der GLS Bank tätig. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Prüfung neuer Emittenten sowie dem kontinuierlichen Monitoring des GLS Anlageuniversums. Zuvor absolvierte er einen M.Sc. Studiengang im Bereich Sustainable Finance an der Universität Maastricht.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 31.03.2020).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

www.gls-fonds.de/klima
investmentfonds@gls.de

CO2-Kompensation

Die beim Flugverkehr wie bei jeder Form der Energienutzung aus fossilen Energieträgern entstehenden CO2-Emissionen können nicht gänzlich verhindert, jedoch an anderer Stelle eingespart werden. Durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten, also die Finanzierung von Treibhausgas mindernden Investitionen, werden CO2-Emissionen im Ausmaß der verursachten Emissionen reduziert und somit eine CO2-Kompensation erreicht, so Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG. Es geht also um die Finanzierung von Aktivitäten, die den Ausstoß von Treibhausgasemissionen gegenüber dem Business-as-usual-Szenario vor Ort tatsächlich verringern und damit die eigenen Emissionen ausgleichen helfen.

UNTERSCHIEDE BEI DER BERECHNUNG

Die Berechnungen der Kosten für eine CO2-Kompensation sind sehr unterschiedlich. Ein Marktcheck des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in Deutschland zur Kompensation von Flugreisen zeigt, dass nur drei spezialisierte Dienstleister die Emissionen von Flügen korrekt berechnen und auf die Qualität der CO2-Ausgleichsprojekte achten. Generell kann gesagt werden, dass Fluggesellschaften durchwegs einen zu niedrigen CO2-Wert zur Kompensation angeben. Wer die CO2-Emissionen seines Urlaubs kompensieren möchte, sollte sich daher an die spezialisierten Kompensationsagenturen halten.

Empfehlenswerte Anbieter einer CO2-Kompensation unterstützen beispielsweise ausschließlich solche Kompensationsprojekte, die mit dem „Gold Standard“ zertifiziert sind. Der Gold Standard ist ein Qualitätsstandard für CO2-Kompensationsprojekte, der sicherstellt, dass die Projekte den derzeit höchsten Ansprüchen gemäß dem Clean Development Mechanism, für den die Vereinten Nationen die Kriterien festgelegt haben, entsprechen. Generell kennzeichnen Gold-Standard-Projekte zusätzlich soziale und Umweltaspekte, die zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beitragen. Dieser Standard findet bei UN-registrierten Projekten als Zusatzstandard (Gold Standard CER) und seit 2006 auch im freiwilligen Markt zum Teil Anwendung (Gold Standard VER, Voluntary Emission Reductions). Während der Zertifikatstyp CER auch im internationalen Emissionshandel verwendet wird und daher eine hohe Projektqualität und Transparenz garantiert, gibt es bei der freiwilligen Kompensation auch sogenannte verifizierte Emissionsreduktionen (VER). VER werden zwar von Sachverständigen überprüft, einheitliche Standards und ein zentrales Anerkennungsverfahren fehlen aber.

QUALITÄTSKRITERIEN

Zur Erfassung der Güte von Qualitätsstandards müssen viele Eigenschaften geprüft werden. Das Kriterium der „Zusätzlichkeit“ bedeutet, dass die Klimaschutzmaßnahme des Projekts ohne die zu erwartenden Erlöse aus dem Verkauf der Zertifikate nicht stattgefunden hätte. Weiters muss eine Emissionseinsparung dauerhaft sein. Bei Wald- und Moorschutzprojekten existieren Risiken wie Waldbrände, Schädlingsbefall oder illegale Abholzung. Vertrauenswürdige Qualitätsstandards nutzen zur Entwicklung von Klimaschutzprojekten nur genehmigte Vorgaben (Methodologien), die unabhängig und extern geprüft wurden,Transparenz ist in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung, sie dient sowohl der Überprüfbarkeit als auch der Nachvollziehbarkeit.

Klimaschutzprojekte können entweder Ex-ante-Zertifikate (vor der realisierten Minderung) oder Ex-post-Zertifikate (nach der tatsächlichen Minderung) ausgeben. Ex-ante-Kompensationen bergen das Risiko, dass die Emissionsminderungen nicht wie geplant realisiert werden. Jedenfalls sind Doppelzählungen zu vermeiden und Stakeholder in die Realisierung der Klimaschutzprojekte miteinzubeziehen. Ein Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung am Projektstandort, wie etwa auf Basis der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), ist wünschenswert.

Eine realistische Berechnung der CO2-Emissionen ist Bedingung, um eine angemessene Kompensation für eine Flugreise zu erreichen. Dabei sind zumindest die Flugdistanz, die Zwischenlandungen und der RFI-Faktor relevant. Der RFI-Faktor, der Radiative Forcing Index, berücksichtigt den erhöhten Treibhauseffekt durch die großen Flughöhen. Viele Fluggesellschaften kalkulieren diesen Faktor bei der Berechnung der Treibhausgase nicht mit ein. Bei der Betrachtung aller Emissionen des Flugverkehrs zusammen ergibt sich aus der Berücksichtigung des RFI, dass die Erwärmungswirkung des Flugverkehrs im Durchschnitt rund drei- bis fünfmal größer ist als der aus dem reinen CO2-Ausstoß errechnete Effekt.

Generell kann man zwei Angebotstypen für Kompensationszahlungen unterscheiden. Die meisten Anbieter einer CO2-Kompensation finanzieren Klimaschutzinvestitionen vor allem in Entwicklungsländern. Für diese ist der bereits erwähnte Gold Standard eine wichtige Orientierung für die Qualität der Projekte. Selten werden zur Kompensation auch Emissionszertifikate aus dem Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) aufgekauft und gelöscht.

FLUGVERKEHR IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN ESG

  • E (Environment): Der in der Luftfahrtindustrie verwendete Treibstoff Kerosin ist ein nicht unbedeutender Faktor in der Diskussion zum Thema Klimawandel, der Anteil des Flugverkehrs am Treibhauseffekt wird auf 3,5 % geschätzt. Dazu kommt die durch die Flugbewegungen hervorgerufene Verunreinigung von Luft und Wasser.
  • S (Social): Vor allem Anrainer sind von der Lärmbelästigung durch den Flugverkehr betroffen. Durch regulatorische Besserstellungen wie die Nicht-Besteuerung von Flugtreibstoff werden die sogenannten Billigflüge ermöglicht, die für weite Teile der Bevölkerung eine wichtige Komponente des subjektiv empfundenen Wohlstandes darstellen.
  • G (Governance): Nationale Carrier und prestigeträchtige Flughafenbauten verhindern oft den im Vergleich zu anderen Transportmitteln fairen Umgang mit dem Thema Flugverkehr durch die jeweiligen Regierungen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist die nachhaltige Ausgestaltung des Transportwesens ein wesentliches Thema. In unseren Investments zählen Fluglinien derzeit nicht zu den investierten Branchen.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Flugverkehr“ finden Sie links als PDF.

Climate positive motivated credit strategies - Diem Green Credit

For fixed income and credit portfolios, the discussion about ESG remains minimal, explains Jessica Eistrand in this altii interview. Therefore, Ulf Erlandsson speaks about the Diem Green Credit Strategy as an alternative answer to the challenges of ESG investments for institutional investors.

Die CORONA-KRISE: Welche Auswirkungen hat dies für Anleger*innen?

Interview mit Karsten Kührlings, Leiter Investmentfonds & Research der GLS Bank, zur aktuellen Marktentwicklung (Stand: 19.03.2020)

Herr Kührlings, diese Tage sind nichts für Anleger*innen mit schwachen Nerven. Können Sie uns kurz die Hintergründe für die Kursrückgänge erläutern?

Es gibt zwei Ursachen für die massiven Kursrückgänge. Einerseits ergeben sich erhebliche wirtschaftliche Verwerfungen aus der Corona-Pandemie. Diesen kann sich kaum ein Unternehmen auf der Welt entziehen. Zum zweiten findet ein massiver Ölpreisverfall statt, der auf eine wirtschaftliche Auseinandersetzung zwischen Russland und Saudi-Arabien zurückzuführen ist.

Welche Branchen sind besonders betroffen?

Alle, wenn auch im unterschiedlichen Ausmaß. Unter dem Ölpreisverfall leiden insbesondere die großen Ölkonzerne. Auch Aktien von Unternehmen aus dem Rohstoffsektor, der Konsumgüterindustrie oder der Finanzindustrie sind im hohen Maße rückläufig. Dies gilt ebenso für Unternehmen aus der Luftfahrt- und Tourismusindustrie.

Was bedeutet die aktuelle Marktentwicklung für GLS Investmentfonds?

Selbstverständlich konnten sich auch unsere Fonds nicht der aktuellen Marktentwicklung entziehen und haben signifikante Kursrückgänge verzeichnet. Im Vergleich zu gängigen Marktindizes ist die Marktentwicklung unserer Fonds aber durchaus nicht so schlecht. Wir investieren bewusst in zukunftsweisende Geschäftsfelder, wie sie in unseren Anlage- und Finanzierungsgrundsätzen beschrieben sind. Das sind Unternehmen, die Telearbeitslösungen anbieten statt Dienstreisen, Erzeuger Erneuerbarer Energien statt fossiler Energien. Im Portfolio befinden sich keine Fluglinien, keine Kreuzfahrten, keine Anbieter von Massentourismus. Wir haben auch sehr granulare Portfolien, um bewusst Klumpenrisiken zu vermeiden. Insbesondere in Krisenzeiten zahlt sich das aus.

Wie reagieren die Anleger*innen?

Unsere Berater*innen sind im engen Austausch mit unseren Kund*innen. Viele haben derzeit Gesprächsbedarf. Insgesamt reagieren unsere Investoren aber sehr besonnen. Wir verzeichnen keine Mittelabflüsse. Im Gegenteil, in den vergangenen Tagen haben wir sogar Mittelzuflüsse gehabt.

Das heißt, es gibt derzeit keinen Grund angesichts der aktuellen Marktentwicklung Anteile zu verkaufen?

Wir können hier keine pauschalen Kauf- und Verkaufsempfehlungen aussprechen. Dafür gibt es ja Beratungsgespräche. Ganz allgemein lässt sich sagen: Bei aller Sorge sollten Anleger*innen nicht vergessen, dass Panik-Verkäufe so ziemlich das schlechteste sind, was sie ihrem Vermögen antun können. In der Regel stabilisieren sich die Kurse nach Panikperioden. Anleger*innen sollten daher ihre Anteile als langfristiges Investment betrachten und auch größere Schwankungen aushalten. Dies entspricht auch unserer eigenen Anlagephilosophie. Wir verstehen uns als Buy- and Hold-Investor, der starke nachhaltige Unternehmen langfristig begleitet. Diesem Grundsatz werden wir auch in den kommenden Monaten treu bleiben. Denn wir sind überzeugt, dass die Aussichten für Aktien langfristig weiterhin gut sind.

Ist vielleicht sogar der Zeitpunkt gekommen, nachzukaufen?

Es ist ja eine alte Börsenweisheit, dass Kursrückgänge auf lange Sicht ein Mittel sein können, um Fondsanteile nachzukaufen. Doch müssen Anleger*innen sich einer Gefahr bewusst sein: Wenn sie zu früh kaufen und die Kurse weiter fallen, greifen sie in ein „fallendes Messer“. Deswegen raten viele Börsenexpert*innen, nicht alles auf einmal zu investieren, sondern über einen längeren Zeitraum sukzessive nachzukaufen.

Wie werden sich die Börsen in der Zukunft entwickeln?

Die derzeitige Situation ist für alle Beteiligten neu. Daher sind seriöse Aussagen über die Kursverläufe derzeit nicht möglich. Viele Experten, etwa große Investmenthäuser oder Börsenjournalisten, publizieren regelmäßig Markteinschätzungen, an denen sich Anleger*innen orientieren können. Wir haben organisatorisch alle Voraussetzungen geschaffen, um auch in den kommenden Wochen und Monaten im vollen Maße einsatzbereit zu sein. Unsere Portfolioberatung wird wie bereits in den vergangenen Tagen und Wochen den Markt sehr genau beobachten und vorsichtig im Interesse der Anleger*innen agieren.


Weitere Informationen zur Kursentwicklung der Fonds:

Informationen zu Chancen und Risiken: Die hier vorliegenden Aussagen dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Fondsanteilen dar. Investmentfonds weisen auf Grund ihrer Zusammensetzung und ihrer Anlagepolitik ein nicht auszuschließendes Risiko erhöhter Volatilität auf, d.h. in kurzen Zeiträumen nach oben oder unten stark schwankender Anteilpreise. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Alleinige Grundlage für den Anteilerwerb sind die Verkaufsunterlagen (Wesentliche Anlegerinformationen, Verkaufsprospekt, Jahres- und Halbjahresbericht) zum Investmentvermögen. Verkaufsunterlagen zu allen Investmentvermögen sowie den ökonomischen Kennzahlen sind kostenlos bei Ihrem Berater / Vermittler, der zuständigen Verwahrstelle / Depotbank oder bei Universal-Investment unter www.universal-investment.com bzw. IP Concept unter www.ipconcept.com erhältlich.

Karsten Kührlings

Karsten Kührlings hat in den vergangenen fünf Jahren das Investmentfondsgeschäft der GLS Bank aufgebaut. Der gelernte Diplom-Kaufmann (FH) ist seit 2013 bei der GLS Bank tätig. Zuvor hat er bei der Sparkasse Mülheim das Wertpapiergeschäft geleitet. Er sitzt in mehreren Gremien (Anlageausschüssen) und ist Vorsitzender des Verwaltungsrates des GLS AI – Mikrofinanzfonds. Herrn Kührlings finden Sie auf Xing und LinkedIn.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds sowie den B.A.U.M. Fair Future Fonds an.

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

www.gls-fonds.de/klima
investmentfonds@gls.de

Runter mit der Produktbrille

Die Immobilienwirtschaft muss ihre Produktbrille gegen eine Dienstleistungsbrille austauschen, so Prof. Dr. Tobias Just, FRICS, Universität Regensburg und IREBS Immobilienakademie, in IREBS Immobilienakademie's Publikation Standpunkt.

Immobilien sind vielleicht der Inbegriff des Haptischen. Ihre Materialität gibt uns das Gefühl von Sicherheit und Beständigkeit, und das gilt sowohl für die private Wohnnutzung als auch für die gewerbliche Immobiliennutzung. Und dennoch fußt ein großer Teil der Immobilien­wirtschaft letztlich auf Dienstleistungen, nämlich auf der befristeten Überlassung von Raum gegen ein Entgelt. Das Produkt Immobilie ist so nur Mittel zum Zweck für die Wertschöpfung oder den Konsum, der auf den Flächen ermöglicht wird. In der Vergangenheit war die Pro­duktperspektive auf Immobilien, auf das Haptische, hinreichend, wenn die Anforderungen der Nutzer sehr ähnlich waren und über einen relativ langen Zeitraum stabil. Doch es spricht vieles dafür, dass diese Perspektive nicht mehr ausreicht, um den Herausforderungen der (v. a. gewerblichen) Immobilienwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten gerecht zu werden. Viele gewerbliche Immobiliennutzer sehen sich aktuell in einem Marktumfeld, das unsicher ist, sich schnell wandelt und einen raschen Fokuswechsel erfordert. Kostendisziplin ist dann zwar weiterhin eine notwendige Bedingung für die Geschäftserbringung der Immobilien­nutzer, aber nicht mehr hinreichend, wenn Kosteneinsparungen durch fehlende Flexibilität erkauft werden müssen. 

In der Vergangenheit ließ sich die Hauptdienstleistung der Immobilienwirtschaft häufig hin­reichend durch das Produkt „Fläche in Quadratmeter“ abbilden. Doch in den letzten Jahren traten neue Dienstleistungsbedürfnisse der Kunden hinzu: Risikoübernahme, Flexibilität, Unterstützen im Kerngeschäft durch Aufgabenübernahme und vielleicht auch Konsum­nutzen. Es ist unwahrscheinlich, dass sich diese Entwicklung umkehrt. Die Entwicklung zu Co-Formaten spiegelt nichts anderes als ein Bedürfnis nach Fristentransformation und Risikoübernahme. Das Immobilienunternehmen wird dann zur Flächenbank, und wie eine Bank gründliche Kundenanalyse als Risikomanagement betreibt, müssen dies auch Immobilienunternehmen lernen.

Daten gehen ungenutzt in Luft auf

Die Immobilienwirtschaft muss also ihre Produktbrille gegen eine Dienstleistungsbrille aus­tauschen. Das elementare Bestimmungsmerkmal der meisten Dienstleistungen ist, dass der Kunde bei der Gutserstellung direkt beteiligt ist. Selbstreferenzielle, reine Immobilienkon­ferenzen ermöglichen diese Integration nicht. 

Bei diesem Brillenwechsel kann die Immobilienwirtschaft sowohl von der Automobilbranche als auch von der IT-Branche lernen. Die Automobilunternehmen haben es in den letzten Jahrzehnten verstanden, nicht nur das Konzept der Massenindividualisierung umzusetzen, sondern auch die Finanzierung und die Wartung der Fahrzeuge zu eigenen Geschäftsfeldern auszubauen. Das Auto wirkt günstig, die Dienste nicht. Die Informations- und Kommuni­kationsunternehmen haben dies letztlich dahingehend perfektioniert, dass sie den Kunden ein Kernprodukt „Smartphone“ mit all den tollen Apps anbieten, letztlich aber neue Geschäftsmodelle auf der Basis der vermeintlich en passant eingesammelten Daten ent­wickelt haben. Daten sind nämlich nicht das neue Öl. Sie sind viel besser, denn sie lassen sich nicht verbrauchen, sondern werden durch intensive Nutzung wertvoller. In Gebäuden entstehen unglaublich viele Daten, die aktuell wie die Mehrzahl der Sonnenstrahlen einfach ungenutzt in Luft aufgehen. 

Gewimmel nur für kurze Zeit

Auf den ersten Blick ließe sich vermuten, dass die Vielzahl der möglichen Dienste auch sehr viele neue Nischenanbieter schaffen wird. Dafür spricht das lebhafte Gewimmel bei den Proptech-Unternehmen. Dies ist kurzfristig möglich, langfristig unwahrscheinlich. Sowohl die Bankenbranche (Fristentransformation und Risikoübernahme) als auch die IT-Branche (Daten als Geschäftsmodell) und die Automobilbranche (Massenindividualisierung) sind durch sehr massive Skaleneffekte gekennzeichnet, die zu hoher Branchenkonzentration führten. Wenige Große halten sich ein Heer von kleinen, abhängigen Zulieferern. Auch diese Entwicklung dürfte mit der Idee „Real Estate as a service“ verbunden sein. Das muss nicht so weit gehen wie in den genannten Branchen, die Richtung dürfte aber stimmen. 

Doch bei all dieser Lernempfehlung sollte nicht vernachlässigt werden, dass beim Wohn­segment die oben skizzierten Aspekte wohl nur für ein Nischensegment gelten. Für den größten Teil des Wohnungsmarktes bedeutet Kundenverständnis die Einsicht, dass Wohnen als zu teuer wahrgenommen wird. Hier hieße es, vielleicht weniger von Google oder Apple, sondern eher von Aldi oder Lidl zu lernen. Oder ließe sich Wohnen durch Datenüberlassung subventionieren?


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IRE|BS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Prof. Dr. Tobias Just FRICS

Prof. Dr. Tobias Just FRICS ist Wissenschaftlicher Leiter und Geschäftsführer der IREBS Immobilienakademie und Lehrstuhlinhaber für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg.
IREBS Immobilienakademie GmbH, Kloster Eberbach, 65346 Eltville
Telefon: 06723 9950-30
E-Mail: tobias.just@irebs.de
www.irebs-immobilienakademie.de

„EU Green Deal: neue Regeln zur Nachhaltigkeit bei Finanzprodukten“

EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen will die EU bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent entwickeln. Dabei soll die Finanzwirtschaft eine zentrale Rolle spielen. Was konkret auf die Fondsbranche bezüglich Lenkung der Kapitalströme oder Offenlegungspflichten für Asset Manager zukommt, erläutert Dr. Magdalena Kuper im Interview zum 172. Hedgework.

HEDGEWORK: Die Finanzbranche soll einen maßgeblichen Beitrag dazu leisten, die europäische Wirtschaft klimaneutral zu gestalten. Was kommt da auf die Branche zu?

Dr. Magdalena Kuper: Das wird für die Branche wohl zum größten Regulierungsprojekt der nächsten Jahre. Die EU möchte Kapitalströme in nachhaltige Wirtschaftsbereiche und Produktionsverfahren lenken. Ihr Ziel ist, die EU-Wirtschaft bis 2050 klimaneutral zu machen. Der Fondswirtschaft als bedeutender Kapitalsammelstelle kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Sie steuert bereits ihren Teil zur Finanzierung nachhaltiger Aktivitäten von Unternehmen bei. Leitlinien für verantwortliches Investieren hat die Fondsbranche schon seit 2012. Die Bewertung von Chancen und Risiken von Wertpapieren und Sachwerten – auch unter nachhaltigen Aspekten – gehört zu den Kernkompetenzen von Asset Managern.

HEDGEWORK: Erste Stimmen werden laut, dass die Politik zu lange untätig geblieben sei und nun die Finanzbranche vorschiebe, um Versäumtes auszubaden. Wie ist das einzuordnen?

Kuper: Wie gesagt, nachhaltiges Investieren ist für die Fondswirtschaft nicht neu, und sie leistet ihren Beitrag. Aber es ist eine Gratwanderung. Asset Manager sind in erster Linie den finanziellen Anlagezielen und -bedürfnissen ihrer Kunden verpflichtet. Da gibt es einige Schnittmengen, aber auch Grenzen. Das sollten Politik und Regulierer im Auge behalten. Die Erreichung der Klimaziele beispielsweise ist eine umweltpolitische Aufgabe, die der Kapitalmarkt alleine nicht stemmen kann. Dafür müssen zum einen Anleger bereit sein, ihre Geldanlagen in den Dienst der EU-Klimaziele zu stellen, zum anderen ausreichend geeignete Investitionsprojekte zur Verfügung stehen. Die Politik wird letztlich auch die Realwirtschaft und die Verbraucher in die Pflicht nehmen müssen. Das wird nicht ohne gesellschaftspolitische Debatte gehen, und auch nicht von jetzt auf gleich.

HEDGEWORK: Kommen wir zur Taxonomie, dem Herzstück der Regulierung. Was legt sie fest?

Kuper: Die Taxonomie ist ein Klassifizierungssystem für ökologisch nachhaltige Aktivitäten von Unternehmen. Sie bewertet also einzelne Geschäftszweige eines Unternehmens, nicht das Unternehmen als Ganzes. Ein Geschäftszweig ist demnach ökologisch nachhaltig, wenn er zu einem von insgesamt sechs ökologischen Zielen beiträgt. Dabei darf er allerdings keines der anderen Ziele wesentlich schädigen. Außerdem müssen soziale Mindeststandards wie die UN-Leitprinzipien zu Wirtschaft und Menschenrechten eingehalten werden.

HEDGEWORK: Welche Umweltziele sind das?

Kuper: Das sind die Abschwächung des Klimawandels, die Anpassung an den Klimawandel, die nachhaltige Nutzung und der Schutz von Wasser und Meeren, die Überleitung zu einer Kreislaufwirtschaft, die Müllvermeidung und das Recycling, die Vermeidung und Kontrolle von schädlichen Umweltemissionen sowie der Schutz des Ökosystems. 

HEDGEWORK: Das klingt ambitioniert. Wie konkret sind die EU-Vorgaben schon?

Kuper: Teilweise schon sehr konkret. Im letzten Jahr hat die Expertengruppe der EU-Kommission einen Bericht veröffentlicht, der einen Teil von „E“, also der Ökologie, in „ESG“ abdeckt. Allein das sind schon über 400 Seiten Papier, obwohl es vorerst um nur zwei der insgesamt sechs ökologischen Ziele und nur sieben besonders klimarelevante Branchen wie die Energie-, Transport- und Immobilienwirtschaft geht. Definiert werden insgesamt 69 wirtschaftliche Aktivitäten mit teils umfangreichen Kriterien und Grenzwerten für den CO2-Ausstoß. Dieser Katalog soll noch im März 2020 finalisiert werden und ab Anfang 2022 gelten. Die Kriterien zu den vier weiteren Umweltzielen müssen bis Ende 2022 feststehen. Wir gehen zudem davon aus, dass weitere Branchen mit erheblichen CO2-Emissionen wie die Luftfahrtindustrie und Hochseeschifffahrt noch in den Katalog aufgenommen werden. 

HEDGEWORK: Bislang reden wir nur über Klimaschutz. Wann kommen die Kriterien für S und G?

Kuper: Die EU-Kommission soll bis Ende 2021 über die notwendigen Schritte zur Einrichtung einer sozialen Taxonomie berichten. Allerdings wäre es sinnvoll, die Anforderungen dabei an die Unternehmen als Ganzes zu knüpfen und nicht, wie bei der ökologischen Taxonomie, an einzelne wirtschaftliche Aktivitäten. Gute Unternehmensführung ist hingegen bisher nicht als alleiniges Ziel für nachhaltige Produkte anerkannt. Die EU-Regeln setzen vielmehr voraus, dass Fonds, die ökologische oder soziale Themen fördern, in Unternehmen mit guter Corporate Governance investieren.

HEDGEWORK: Dürfen Asset Manager künftig nur noch in Unternehmen mit taxonomie-konformen grünen Aktivitäten investieren?

Kuper: Nein. Die Asset Manager können selbst entscheiden, ob sie die Taxonomie auf die Anlagestrategie ihrer nachhaltigen Fonds anwenden wollen. Wer sich dagegen entscheidet, muss dies lediglich in den Fondsunterlagen klarstellen. Nachhaltige Fonds müssen aber den Anteil des Portfolios offenlegen, der in ökologisch nachhaltige Aktivitäten nach der Taxonomie investiert ist. Außerdem gibt es Abstufungen. Nicht nur „grüne“ Aktivitäten von Unternehmen wie etwa die Stromerzeugung aus Solarenergie gelten als nachhaltig im Sinne der Taxonomie, sondern auch Übergangstechnologien wie die Zement- oder Stahlproduktion und Hilfsaktivitäten wie beispielsweise die Produktion mehrfachverglaster Fenster für energieeffiziente Gebäude. 

HEDGEWORK: Von wem werden Asset Manager die taxonomie-relevanten Daten erhalten?

Kuper: Das ist teilweise noch offen. Immerhin schreibt die Taxonomie eine Berichtspflicht für Unternehmen aus der EU vor. Das ist aber nur ein erster Schritt. Denn Asset Manager investieren weltweit, und nur 7000 der weltweit 50.000 börsennotierten Unternehmen haben ihren Hauptsitz in der EU. Damit Asset Manager ihre Transparenzpflichten gegenüber den Anlegern erfüllen können, müssten die Datenlücken für Nicht-EU-Unternehmen noch geschlossen werden. Auch in der EU müssen die Unternehmensberichte weiter standardisiert werden. Die EU-Kommission will die dafür notwendigen Maßnahmen im Zuge der Überarbeitung der EU-Richtlinie über die nicht-finanzielle Berichterstattung in Kürze konsultieren.

HEDGEWORK: Offenbar haben die EU-Regulierer hierbei noch einen langen Weg vor sich. Wie beurteilen Sie die Marktentwicklung in Deutschland?

Kuper: Nachhaltige Anlagen sind für die Fondswirtschaft ein Wachstumsmarkt. Laut unserer Herbstumfrage halten 60 Prozent der befragten Asset Manager Nachhaltigkeit für einen großen Wachstumstreiber der Branche, noch vor niedrigen Zinsen (58 Prozent) und alternativen Produkten (51 Prozent). Für das Angebot nachhaltiger Fonds spielen für 66 Prozent der Befragten die Vorgaben institutioneller Anleger und für 46 Prozent die Nachfrage von Privatanlegern eine große Rolle. Im Neugeschäft der Publikumsfonds hatten nachhaltige Produkte 2019 bereits einen Anteil von 40 Prozent.

HEDGEWORK: Welchen Anteil haben nachhaltige Fonds am Vermögen der Publikumsfonds insgesamt?

Kuper: Bislang sind zwar erst rund 3 Prozent des verwalteten Vermögens der offenen Publikumsfonds von über 1100 Milliarden Euro in nachhaltige Fonds angelegt. Der Anteil am Vermögen dürfte aber deutlich steigen. Denn die EU will, dass alle Berater voraussichtlich ab Mitte 2021 die Nachhaltigkeitspräferenzen ihrer Kunden im Rahmen der Anlageberatung und Vermögensverwaltung abfragen müssen. Die finanziellen Anlageziele und -bedürfnisse des Kunden bleiben allerdings vorrangig.

HEDGEWORK: Wäre ein einheitliches Nachhaltigkeitslabel hilfreich?

Kuper: Grundsätzlich ja. Labels sind im Vertrieb hilfreich, wenn sie Beratern und Kunden den Vergleich nachhaltiger Produkte erleichtern und wenn sie auch im grenzüberschreitenden Vertrieb anerkannt sind. Die EU entwickelt derzeit ein EU-Ecolabel für ökologisch nachhaltige Anlagen. Die Vorschläge für die Anlagekriterien sind aber sehr eng gefasst und lassen nur ein eingeschränktes Anlageuniversum zu. Ob das Ecolabel sich unter diesen Umständen im Markt durchsetzen wird, ist eher fraglich. Mit Label-Vorgaben, die die Titelauswahl und damit die Risikostreuung im Portfolio zu stark einschränken, und folglich die Risiken für die Anleger erhöhen, wäre niemandem geholfen.


Dr. Magdalena Kuper

ist Abteilungsdirektorin Recht beim deutschen Fondsverband BVI, für den sie bereits seit über 15 Jahren viele Regelungsvorhaben mit Relevanz für die Fondsbranche begleitet hat.

BVI

Der deutsche Fondsverband BVI vertritt die Interessen von 114 Fondsgesellschaften und Asset Managern mit knapp 3,4 Billionen Euro Anlagekapital für Privatanleger, Versicherungen, Altersvorsorgeeinrichtungen, Banken, Kirchen und Stiftungen. 

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Investieren in Megatrends: Smart Farming

von Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Der Klimawandel und seine Auswirkungen, die wachsende Erdbevölkerung und knappe Ressourcen sind gewaltige und immer drängendere Probleme der Menschheit. Wir werden den radikalen Veränderungen und Herausforderungen in unserer (Um)Welt mit ebenso radikalen Innovationen und neuen Ideen begegnen müssen. Um beispielsweise die weiterwachsende Weltbevölkerung zu ernähren, muss sich laut der deutschen Landwirtschaftsgesellschaft die Lebensmittelherstellung in 30 bis 40 Jahren verdoppeln. Doch wie, wenn wir die Anbaufläche kaum noch ausweiten können? Es braucht eine Revolution, die „dritte grüne Revolution“, wie Smart Farming auch bezeichnet wird. Smart Farming kann helfen, vorhandene Ressourcen sehr viel sparsamer zu nutzen, die Umwelt zu schonen und damit auch einen Beitrag zum Bremsen des Klimawandels leisten. Und: Auch Investoren kann es gute Erträge bescheren. Keine Frage – damit ist Smart Farming natürlich auch ein Fall für den Raiffeisen-MegaTrends-Aktien!

Der Bauernhof wird digitalisiert

Unter Smart Farming wird im weitesten Sinne ein ganzes Bündel an neuen Technologien und Methoden in der Landwirtschaft zusammengefasst. Einer der Schlüsselaspekte dabei ist die Digitalisierung der Landwirtschaft. Es geht dabei (noch) nicht um Gemüse aus dem 3D-Drucker, sondern darum, mit Hilfe digitaler Technik sehr viel ressourcenschonender, effizienter und umweltverträglicher zu „landwirtschaften“.

Lösung für den Arbeitskräftemangel am Land?

Diese Art der Landwirtschaft ist ganz und gar keine verrückte Idee irgendwelcher (amerikanischer) Mega-Farmen. Sie ermöglicht es tatsächlich, mehr Menschen mit weniger Kosten und geringerem Ressourcenverbrauch umweltfreundlicher und gesünder zu ernähren. Großbetriebe haben zweifellos einige Vorteile, die dafür notwendigen Investitionen zu stemmen. Smart Farming kann aber auch kleineren Familienbetrieben zu höherer Wettbewerbsfähigkeit und Produktivität verhelfen, zumal diese Technologien immer erschwinglicher werden. Nicht zuletzt bietet sich damit auch eine Lösung für ein weithin unterschätztes Problem in den Industriestaaten: dem wachsenden Arbeitskräftemangel in der Landwirtschaft (unter anderem bedingt durch die Abwanderung in Städte beziehungsweise die schwindende Attraktivität landwirtschaftlicher Berufe).

Zentrale Technologiebereiche des Smart Farming erleben gerade einen noch nie dagewesenen Höhenflug!

Big Data

Das Sammeln, Auswerten und Reagieren auf Unmengen von Daten aus der Überwachung von Nutztieren, Feldern oder Umwelteinflüssen erleichtert und optimiert die Arbeit der Betriebe. Gleichzeitig kann durch genaues Tracking aller Arbeitsschritte die Produktion lückenlos nachverfolgt und beobachtet werden – eine passende Lösung für die stark wachsenden Transparenzanforderungen von Konsumentinnen und Konsumenten ebenso wie von Regulierungsbehörden.

Automatisierung und künstliche Intelligenz

Landwirtschaftliche Flächen sind bestens geeignet für den Einsatz von Drohnen sowie selbstfahrenden Fahrzeugen. Sie bieten meist eine ebene und relativ leicht überschaubare Umgebung. Das gilt vor allem für die großen Ebenen Nordamerikas und Russlands (aber natürlich nicht nur dort).

Präzisionsfarming (precision farming)

Durch eine zielgerichtete und auf Umgebung, Wetter und Bodenverhältnisse zugeschnittene Bewirtschaftung der Nutzflächen sinkt der Einsatz von Dünger, Wasser und Pflanzenschutzmitteln beziehungsweise Arzneimittel in der Tierzucht drastisch. Idealerweise sind am Ende in Brot, Äpfeln, Steak und Co. so gut wie keine Schadstoffe mehr nachweisbar. Das schont zum einen die Umwelt und die Budgets der Landwirtinnen und Landwirte. Zum anderen profitieren die Gesundheit der Bevölkerung sowie alle Tiere und Pflanzen.

Die Landwirtschaft der Zukunft ist „smart“

Speziell in den Agenden der Regierungen stark aufstrebender Regionen und Milliardenvölker, wie China oder Indien, nimmt Ernährungssicherheit seit jeher einen hohen Stellenwert ein. Gezielte Investments und Förderungen des Staates in Smart Farming erhöhen zusätzlich die Nachfrage nach Produkten und Dienstleistungen für die E-Landwirtschaft.

Ist Smart Farming damit ein Allheilmittel oder ein Selbstläufer? Keineswegs! Die bisherigen Erfahrungen zeigen, dass man Smart Farming auch tatsächlich smart betreiben muss. Alles und jedes wahllos ohne vorherige Kosten-Nutzen-Analyse zu digitalisieren oder zu automatisieren zahlt sich nicht aus. Zudem stellen sich viele rechtliche, regulatorische und unternehmerische Fragen, speziell in Bezug auf Schutz und Eigentümerschaft der gewaltigen Datenmengen. Ungeachtet dessen ist die Frage längst nicht mehr, ob Smart Farming die Landwirtschaft der Zukunft ist, sondern wie die Umsetzung genau erfolgt und in welche Richtungen die Entwicklungen auf einzelnen Gebieten gehen werden. Wie bei allen technologischen Megatrends ist Smart Farming für Investoren daher keineswegs ein Selbstläufer, sondern eine genaue Beobachtung der technologischen Trends und der einzelnen Unternehmen ist unerlässlich.

Smart Farming im Raiffeisen-MegaTrends-Aktien

Wir sind der Ansicht, dass das Angebot von Dienstleistungen und Produkten rund um Smart Farming in den nächsten Jahren kräftig steigen wird. Der Markt für landwirtschaftliche Roboter aller Art könnte sich in den kommenden fünf Jahren sogar versechsfachen.

Mit Idex Corp., AGCO und Lindsay Corp. sind wir in Unternehmen investiert, die die Kernbereiche des Smart Farming abdecken. Sie entwickeln insbesondere vernetzte Landschaftsmaschinen, Bewässerungssysteme und Sensoren zur Überwachung der landwirtschaftlichen Aktivität. Notwendige Robotik-Technologie stammt darüber hinaus von der japanischen Firma Nidec.

Diese Unternehmen sind ihrerseits auch auf Anwendungen von anderen High-Tec-Unternehmen – wie Infineon, Taiwan Semiconductor, U-Blox und Nividia – angewiesen.

Die Speicherung und Sicherung der generierten Datenberge kann über Cloudlösungen, beispielsweise von Cisco Systems oder Amazon, erfolgen.

Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien strebt danach, durch ständiges Durchleuchten der Märkte die aufstrebenden „shooting stars“ im Smart-Farming-Sektor zu identifizieren. Diese Aktien zeichnen sich durch ihr enormes Wachstumspotenzial und im Vergleich dazu relativ günstigen Bewertungen aus. Erfüllt ein Titel diese Anforderungen nicht mehr, fällt er aus dem Fonds, um den Weg für neue Ideen frei zu machen.

Fazit

Smart Farming bietet Lösungsmöglichkeiten für gleich mehrere drängende Menschheitsprobleme und zugleich viel Wachstums- und Ertragspotenzial für Investoren. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien ist in mehrere Unternehmen investiert, die davon direkt oder indirekt profitieren können und die aus Sicht des Fondsmanagements für die Zukunft aktuell besonders gut aufgestellt sind. Der technologische Umbruch ist dabei noch in vollem Gange. Daher sind auch in diesem Markt eine kontinuierliche sorgfältige Beobachtung und eine gute Unternehmensauswahl durch das Fondsmanagement vonnöten. Die mit Aktieninvestments grundsätzlich verbundenen Risiken gelten selbstverständlich auch für die Unternehmen, die sich im Bereich Smart Farming engagieren.

Law passed to regulate rental housing market in Berlin

Dr. Benjamin Schirmer and Dr. Julius Städele, LL.M., both lawyers at CMS, one of the leading commercial law firms in Germany, explain the regulation of Berlin's housing market in IRE|BS Immobilienakademie's publication Standpunkt.

Following months of political wrangling, on 30 January 2020 the Berlin House of Representatives passed the “Law on the Revision of Statutory Provisions for Rent Limitation” for the Federal State of Berlin. The new statute constitutes rent-control legislation under public law. Its purpose is to influence market developments with the aim of ensuring that housing remains affordable until the situation in the Berlin housing market eases. In addition to a rent freeze, i.e. a freezing of the rents as agreed at a certain reference date, the legislation also provides for absolute rent ceilings covering new and existing rents, thereby implementing a rent cap.

The law incorporates the key provisions approved by the Berlin Senate on 18 June 2019. The draft bill, which was initially introduced on 28 November 2019 after lengthy discussions, was substantially amended in the course of the subsequent legislative process. For the most part, the law will enter into force the day after its promulgation in the Berlin Law and Ordinance Gazette, which is expected to happen in February 2020. The rent cap for existing rents comes into force nine months after promulgation of the law.

I. Key provisions

The main provisions of the law, which is limited to five years, can be summarised as follows:

The law applies to all housing, with the exception of publicly funded housing and new construction, i.e. housing ready for first-time occupation on or after 1 January 2014. A total of around 1.5 million rented apartments will be covered by the law.

The law provides for a rent freeze (section 3 of the law) which is conceived as a statutory prohibition within the meaning of section 134 of the German Civil Code (BGB). Accordingly, the law imposes a ban on any rent (i.e. net rent excluding heating but including all additional charges) that exceeds the rent agreed with legally binding effect as at 18 June 2019 (the “reference date”). If a stepped or index-linked rent was agreed, the amount of rent due at the reference date applies. If this permitted rent is less than EUR 5.02 per square metre of living space, the rent may increase by EUR 1 when the apartment is re-let, provided it has two modern features (such as a fitted kitchen or high-quality sanitary fixtures). The increase must not lead to a rent that exceeds EUR 5.02 per square metre.

The maximum limits resulting from the rent freeze will increase annually from 1 January 2022 by the rate of inflation, but by no more than 1.3%. The rent ceilings likewise stipulated by the new legislation (see below) may not be exceeded.

The rent freeze is buttressed by rent ceilings which may not be exceeded when housing is re-let or let for the first time (section 4 of the law). This represents a rent cap on new lettings. The ceilings are detailed in the rent table set out in the law. This table stipulates the permissible rent, based on the date on which the apartment was ready for first-time occupation and on its fittings (section 6 of the law). The maximum permissible rent ranges from EUR 3.92 for first-time occupation up to 1918 without central heating and without a bathroom to EUR 9.80 for first-time occupation from 2003 to 2013 with central heating and bathroom. For housing with modern fittings (see above), an additional EUR 1 on the maximum rent is permitted. A rent increase due to modernisation is permissible if the rent-freeze compliant rent does not increase by more than EUR 1 per square metre and at the same time the relevant rent ceiling is not exceeded by more than EUR 1 (section 7 of the law).

The law does not provide for any distinction to be made depending on the location of the housing. An apartment on downtown Kurfürstendamm is subject to the same criteria as an apartment on the outer fringes of the city.

During the legislative process, substantial amendments were made to the provision relating to excessive rents, i.e. the rent cap for existing rents (section 5 of the law). Rent is excessive if it exceeds the maximum permissible rent by more than 20%, taking the area into account, and has not been approved. The area (poor/average/good) is only a factor with regard to the rent cap for existing rents: in poor and average areas, the rent ceiling is reduced by EUR 0.28 or EUR 0.09, respectively, while EUR 0.74 is added for good areas. It was originally envisaged that the relevant Senate Department would reduce the rent at the tenant’s request. The law now merely states that excessive rent is prohibited. Here again, this can be regarded as a statutory prohibition within the meaning of section 134 of the German Civil Code (BGB). As a result, it is necessary for the tenant to challenge excessive rent demands made by the landlord and to recover any excessive rent payments from the landlord. The disputes arising in this context are a matter for the civil courts. The competent Senate Department will monitor compliance with the ban on excessive rent and may, ex officio, take any measures necessary for enforcing the prohibition. The rent cap in relation to existing rents does not come into force until nine months after promulgation of the law.

A hardship clause provides that a higher rent may be approved to avoid undue hardship (section 8 of the law). Investitionsbank Berlin is responsible for this aspect. The law stipulates that undue hardship exists if maintaining the level of rent permitted by the law would result in long-term losses for the landlord or materially erode the value of the asset. The possibility that a higher rent may be charged in individual cases is cushioned by the possibility of a rent subsidy for the tenant concerned (section 9 of the law).

Lastly, the law provides for administrative offences, in particular for demanding undue rent. These offences are punishable with a fine of up to EUR 500,000 (section 11 of the law).

II. Concerns about the constitutionality of the law

As expected, political disputes have continued after publication of the draft bill and the amendments made during the legislative process have failed to dispel concerns around the constitutionality of the law.

In addition, the authority of the Federal State of Berlin to enact such legislation has been widely questioned. It is argued that the German federal government has already enacted definitive provisions by way of the rent regulations laid down in the German Civil Code. It is certainly the case that as a result of the new law landlords can no longer make use of the option of increasing the rent within the constraints of the “rent brake”. There is also a view that the law interferes disproportionately with landlords’ fundamental right of ownership. Linking the rent freeze to the reference date of 18 June 2019, meanwhile, has led to a discussion about retroactive effect, which the German constitution only permits within narrow limits.

The opposition in the Berlin House of Representatives has announced that it will ask the Berlin Constitutional Court to conduct an abstract judicial review of the law. An application to this effect is expected to be submitted before the summer break. Regardless of this move, it is possible that the Federal Constitutional Court will also be confronted with the new law in the context of civil court proceedings between tenants and landlords or through separate applications. Only a ruling at the highest level will deliver legal clarity. 

III. Consequences in practice

Until the constitutionality of the law has been definitively assessed, landlords should comply with its provisions.

Even at this stage, the initial effects of the law on the Berlin housing market are already evident – although not the effects intended by the law. Many landlords have reduced their investment in new builds and in modernisation and refurbishment. There are also cases of landlords agreeing two rents simultaneously: a “rent-cap rent” which meets the requirements of the law, and a “normal” rent in the event that the law fails to meet the constitutionality test. Lastly, there are already signs of a more cautious valuation of Berlin real estate.

The law now has to demonstrate that it can work in practice. It remains to be seen how many tenants will actually take civil court action against rents that are illegal under the law and what role the Berlin administration will play in enforcing the law. The Berlin administration will have to find workable answers to many unresolved issues. That includes dealing with unsettled rent claims in the event that the law is not upheld.


This article was first published by IRE|BS Immobilienakademie. Please find a PDF here.

Dr. Benjamin Schirmer

Benjamin Schirmer’s practice focuses on environmental, planning and construction law and specifically on infrastructure and energy sector projects. In case of large trans¬actions, he coordinates teams across CMS offices and practice areas and acts as a personal contact for all regulatory issues. His clients include public bodies as well as private companies across all industries.
Tel: +49 30 20360 2606
E-Mail: benjamin.schirmer@cms-hs.com

Dr. Julius Städele, LL.M. (Cambridge)

Julius Städele specialises in public commercial law and procurement, advising public authorities as well as German and international companies on all aspects of public and procurement law. He also represents clients in administrative proceedings and legal disputes and advises them in transactions.
Tel: +49 30 20360 2606
E-Mail: julius.staedele@cms-hs.com

Klimareporting von Investoren: Was man von Frankreich lernen kann

Die Diskussion am deutschen Kapitalmarkt zu klimafreundlichen Investments nimmt immer mehr Fahrt auf. Im Interview stellte Tobias Baumann aus der Portfolioberatung der GLS Bank den Ansatz des GLS Bank Klimafonds vor. Unter Branchenkennern heißt es oft, dass französische Investoren bei der Darstellung von Klimarisiken europaweit führend sind. Schon 2015 hat der französische Gesetzgeber Finanzinstitute mit mehr als 500 Mio. Euro an verwalteten Vermögen dazu verpflichtet, über die Klimarisiken ihrer Investments zu berichten („Artikel 173“). Seitdem schauen Investoren auch hierzulande jedes Jahr auf die Entwicklungen am französischen Markt. Gibt es dort Ansätze und Maßnahmen, von denen auch deutsche Finanzmarktakteure lernen können? Das französische Researchunternehmen Novethic veröffentlicht jedes Jahr eine Studie, in dem es über die neuesten Klimareportings großer Investoren berichtet. Dazu hat es die Berichtsdaten von 72 der größten Investmenthäuser Frankreichs mit einem verwalteten Vermögen von mehr als 2.000 Mrd. Euro ausgewertet.

Hier sind die wesentlichen Erkenntnisse der jüngsten Studie:

Erkenntnis 1: Die Richtlinien der Task Force on Climate-related Financial Disclosure werden immer beliebter

Am deutschen Finanzmarkt weitgehend unbemerkt, tagte bereits 2017 unter dem Vorsitz des amerikanischen Präsidentschaftskandidaten Michael Bloomberg eine hochrangige Arbeitsgruppe mit einem klaren Ziel: Standards für Klimareportings weltweit zu etablieren. Ihr Name: Task Force for Climate-related Financial, kurz TCFD. Ein Investor sollte gemäß den TCFD-Richtlinien Auskunft auf vier Fragen geben: 1) Spielen klimabezogene Risiken in der Unternehmenspolitik und Führungsgremien eine Rolle? 2) Finden diese Risiken Eingang in die Unternehmensstrategie und 3) im Risikomanagement? 4) Mit welchen Kennzahlen werden sie gemanagt? Obwohl der französische Gesetzgeber keine Vorgaben zum Rahmenwerk der Klimaberichterstattung macht, richten sich immer mehr Investoren nach diesem Standard, vorrangig die Anbieter mit dem ehrgeizigsten Klimareporting. Auch die aktuellen Regulierungsvorhaben auf EU-Ebene orientieren sich an diesen Richtlinien.


Quelle: Novethic

Erkenntnis 2: Messung des CO2-Fußabdrucks auch in Frankreich eine Herausforderung

Sosehr die TCFD-Richtlinien an Akzeptanz gewinnen, so sehr bleibt die Messung und Darstellung des CO2-Fußabdrucks eine Herausforderung. Heterogene Berechnungsmethoden, geringe Abdeckung und verschiedene Darstellungsformen machen die Vergleichbarkeit sehr schwierig – eine Einschätzung, welche die GLS Bank teilt. Zwar berichten rund zwei Drittel der Befragten über diese Kennzahl. Doch herrschen zwischen den Assetklassen deutliche Unterschiede. Am weitesten verbreitet ist die Erhebung der Kennzahl für Unternehmensanleihen und Aktien, wohingegen bei Infrastruktur- und Immobilieninvestments nur wenige Investoren dazu Daten erheben. Häufig werden die hauseigenen Daten mit Benchmarks verglichen, um die Klimaleistung des Portfolios darzustellen.  Allerdings ist die Aussagekraft dieser Vergleiche sehr begrenzt, da der Benchmark selbst keine ESG-Kriterien berücksichtigt. Nichtsdestotrotz nutzen immer mehr Investoren die Kennzahl als ein Instrument, um den Fortschritt ihrer Klimaanstrengungen zu messen und zu überwachen.

Erkenntnis 3: Es gibt unterschiedliche Strategien, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren

Es gibt unter französischen Investoren sehr unterschiedliche Ansätze, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren. Die Studie unterscheidet vier Ansätze:

  1. Stockpicking: Die Investoren legen ihr Geld in Unternehmen mit geringen Treibhausgasemissionen an, z.B. Technologieunternehmen. Oder sie schließen die Unternehmen mit den höchsten Treibhausgasemissionen aus, z.B. durch den Ausschluss von Kohle.
  2. CO2-neutrale Zielsetzungen: Dieser neue Trend besteht darin, dass Investoren durch die Bündelung verschiedener Maßnahmen (Energieeffizienz, Emissionsreduzierung, Kompensation) bis zu einem bestimmten Zeitpunkt einen neutralen CO2-Fußabdruck erzielen wollen. Bisher ist dieser Ansatz nicht sehr ausgeprägt. Mit der Net-Zero Asset Owner Alliance, die im September 2019 startete, könnte hier eine neue Dynamik entstehen.
  3. Absolute Reduktionsziele: Dabei will der Investor seinen CO2-Fussabdrucks über die Zeit um einen bestimmten Prozentsatz senken. Mit dieser Maßnahme lässt sich aber nicht sagen, ob der Investor ein 2 Grad- kompatibles Portfolio hat oder nicht.
  4. Verringerung des CO2-Fußabdrucks von Immobilien: 25 Prozent der CO2-Emissionen Frankreichs stammen aus dem Immobilienbereich. Hier gibt es ein hohes Einsparpotenzial. Allerdings ist auch dies ein wenig verbreiteter Ansatz.

Erkenntnis 4: Der Anteil „grüner Investments“ steigt

Immer mehr institutionelle Investoren legen ihr Geld in Assets an, die als „grüne Investments“ ausgewiesen sind. Rund 1,4 Prozent des verwalteten Vermögens wurde entsprechend allokiert, eine Steigerung um 8,6 Mrd. Euro innerhalb eines Jahres. Auch setzen Investoren spezifische Ziele, ihren Anteil „grüner“ Investments kontinuierlich auszubauen.

Erkenntnis 5: Die Angabe einer Portfolio-Temperatur gewinnt an Bedeutung

Die GLS Bank hat auf ihrer Bilanzpressekonferenz Anfang Februar präsentiert, inwieweit ihr Klimafonds im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen steht. Auch auf dem französischen Markt zeigt sich, dass die Messung, inwiefern ein Portfolio kompatibel mit einem bestimmten Erderwärmungsszenario ist, an Relevanz gewinnt. 32 der 78 befragten Investoren haben dazu Messungen vorgenommen. Die Teilnehmer gehen dabei methodisch verschiedene Wege. Die eine Gruppe von Investoren berichtet, wie hoch die Portfoliotemperatur ausfällt. Manche von ihnen berücksichtigen dabei explizit spezifische Sektorbudgets. Die andere Gruppe verglich den Energiemix ihrer Investments mit den Szenarios der Internationalen Energie Agentur (IEA).

Fazit

Am französischen Markt gibt es eine Vielzahl an Mitteln und Wegen, die Klimarisiken im Portfolio großer institutioneller Investoren zu erfassen und zu managen. Zum Teil stoßen die befragten Institute auf die gleichen Herausforderungen wie deutsche Häuser. Die Ansätze erscheinen jedoch weitgehender und ausgereifter als hierzulande. Wenngleich gesetzliche Regulierung nicht immer ein Allheilmittel darstellt, so haben die gesetzlichen Reportingpflichten doch zu einer höheren Sensibilität bei institutionellen Investoren geführt. Die Praxis zeigt, dass es einige Musterschüler gibt, aber auch sehr viele, die sich mit dem Thema nur soviel befassen, wie sie müssen.


Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.12.2019).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

www.gls-fonds.de/klima
investmentfonds@gls.de

IFD / IFR – die neue Regulierung für Finanzdienstleister

von Jochen Kindermann und Lena Menger, Simmons & Simmons LLP.

Erst kürzlich hat sich die EU auf neue Aufsichtsregeln für Wertpapierdienstleistungsunternehmen („WpDU“) geeinigt. Diese neuen Regelungen finden ihren Niederschlag in der Investment Firm Directive1 („IFD“) und der Investment Firm Regulation2 („IFR“), welche beide am 5. Dezember 2019 veröffentlicht wurden.

Mit der IFD und der IFR, den beiden neuen Regelwerken für alle Finanzdienstleister, sollen Wertpapierdienstleistungsunternehmen (WpDU) administrativ entlastet und der Verwaltungsaufwand insbesondere bei kleineren WpDU reduziert werden. Grundlage bildet eine 3-Klasseneinteilung. Abhängig von der Eingruppierung unterscheiden sich diverse Anforderungen, wie zum Beispiel, die Eigenmittelanforderungen, die Offenlegungs- und Meldepflichten und die relevanten Liquiditätsanforderungen. Dieser Artikel gibt einen Ausblick auf das neue Regelwerk.

Mit der Einführung der neuen Regulierung soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass trotz sehr unterschiedlicher Risikoprofile zwischen WpDU und Kreditinstituten viele Unternehmen dem sehr komplexen Regelwerk der Capital Requirements Regulation („CRR“) unterliegen. Dass dieser Ansatz nicht sachgerecht ist, zeigt sich bereits daran, das WpDU gerade keine Kredite gewähren oder Einlagen entgegennehmen dürfen. In der Folge wurde schon länger an gesonderten Regelwerken für Kreditinstitute und WpDU gearbeitet.

Durch die IFR / IFD wird nicht nur ein neues Regelungssystem für WpDU eingeführt, sondern es erfolgt auch eine neue Kategorisierung der WpDU. Künftig wird zwischen drei verschiedenen Klassen von WpDU unterschieden:

  • Klasse 1: systemrelevante WpDU
  • Klasse 2: nicht-systemrelevante WpDU, die weder Klasse 1 noch Klasse 3 sind
  • Klasse 3: kleine und nicht verflochtene WpDU

In welche dieser Klassen ein WpDU einzustufen ist, entscheidet sich anhand des Risikos, welches grob nach der erbrachten Dienstleistungen des WpDU, seiner Bilanzsumme und seiner Einbettung in eine Gruppe bestimmt wird.

Als WpDU der Klasse 1 werden solche WpDU eingestuft, deren Bilanzsumme einzeln oder gruppenweit konsolidiert über 30 Mrd. € beträgt und die Eigenhandel oder Emissionsgeschäft betreiben. Sie werden künftig als Kreditinstitut eingestuft. Ausgenommen sind jedoch Kapitalverwaltungsgesellschaften und Versicherungsunternehmen.

WpDU, die das Emissionsgeschäft betreiben oder Eigenhandel erbringen und deren konsolidierte Bilanzsumme unter 30 Mrd. €, aber über 15 Mrd. € liegt, müssen weiterhin die Regelungen der CRR / CRD IV für CRR-Investmentfirmen anwenden.

Ob ein WpDU der Klasse 2 oder Klasse 3 unterfällt hängt von der jeweils ausgeübten Tätigkeit ab. Unter Klasse 3 fallen alle kleinen und nicht verflochtenen WpDU. Eine Einstufung als Klasse 3 erfolgt, sofern die in der Tabelle dargestellten Schwellenwerte eingehalten werden.

Kriterien

Schwellenwerte

Verwaltetes Vermögen*

< € 1.2 Mrd.

Täglich abgewickelte Kundenaufträge*

< € 100 Mrd. pro Tag für Kassageschäft oder € 1 Mrd. pro Tag für Derivate

Gesicherte und verwaltete Vermögenswerte

0

Gehaltene Kundengelder

0

Täglicher Handelsfluss

0

Nettopositionsrisiko

0

Ausfall des Handelspartners

0

Bilanzsumme*

< € 100 Mio.

Jährliche Gesamtbruttoeinnahmen aus Wertpapierdienstleistungen*

< € 30 Mio.

*Anwendungen auf konsolidierter Basis für die Gruppe

Was ändert sich nun?

Abhängig von der Einstufung wird die IFR / IFD für das betroffene WpDU zu vielen Veränderungen führen.

Für WpDU gilt sicher, dass sie ein höheres Anfangskapital aufzubringen haben. Die jeweiligen Erhöhungen des erforderlichen Anfangskapitals sind jedoch nur marginal. Zum Beispiel muss eine Wertpapierhandelsbank anstatt 730.00 € künftig 750.000 € Anfangskapital aufbringen.

Kompliziert sind die neuen Eigenmittelanforderungen, die für WpDU der Klasse 2 gelten. Danach dürfen Eigenmittel nicht niedriger sein als der höchste Betrag aus:

  • 1/4 der fixen Gemeinkosten des Vorjahres,
  • der permanenten Mindestkapitalanforderung oder
  • der nach der K-Faktor Berechnung ermittelte Wert.

Eine echte Herausforderung stellen die sog. K-Faktoren dar. Die K-Faktoren setzen sich zusammen aus den Risiken für den Kunden, den Markt sowie das WpDU. In Bezug auf die K-Faktoren ist noch vieles unklar, da es bisher keine Berechnungsmethoden gibt . Diese müssen noch von der EBA und der ESMA in Form sog. technischer Regulierungsstandards festgelegt werden. Auch in diesem Zusammenhang werden WpDU der Klasse 3 bevorzugt. Sie müssen die K-Faktor-Anforderungen nicht zu erfüllen.

Zudem müssen WpDU der Klasse 2 und 3 künftig auch Veränderungen an ihren liquiden Mitteln vornehmen. Nach der IFR / IFD müssen die liquiden Aktiva mind. 1/3 der Anforderungen für die fixen Gemeinkosten, welche mind. 1/4 der fixen Gemeinkosten des Vorjahres aus machen, betragen. Auch hier werden WpDU der Klasse 3 bevorzugt. Sie können durch die zuständige nationale Behörde von der Anwendung der neuen Liquiditätsvorgaben ausgenommen werden.

Des Weiteren gibt es neue Regelungen zur Vergütung und zur Unternehmensführung für WpDU der Klasse 2. Im Gegensatz zu den Regelungen in der CRR gibt es künftige keine Begrenzung der variablen Vergütung mehr. Die neuen Regelungen zur Unternehmensführung stellen eine Überarbeitung der Governance- und Vergütungsanforderungen aus der CRD IV dar.

Eine weitere Erschwernis für WpDU der Klasse 2 ergibt sich daraus, dass sie künftig die Obergrenzen für Großkredite aus der CRR beachten müssen. Diese wurden in den neuen Regelungen übernommen. Bei einer Überschreitung der Obergrenzen wird eine unverzügliche Meldepflicht an die zuständige Behörde ausgelöst.

Hinzu kommt, dass WpDU künftig weitere Melde- und Offenlegungspflichten beachten müssen. Den zuständigen Behörden müssen vierteljährlich Informationen in Bezug auf die Höhe und die Zusammensetzung der Eigenmittel, die Eigenmittelanforderungen sowie deren Berechnung und den Umfang der Tätigkeit gemeldet werden. Für WpDU der Klasse 3 gilt auch hier eine Erleichterung, denn hier genügt die Vorlage eines Jahresberichts . Darüber hinaus müssen WpDU der Klasse 2 sowie solche der Klasse 3, die Instrumente des zusätzlichen Kernkapitals (AT1) emittieren, mit der Veröffentlichung des Jahresabschlusses weitere Informationen wie die Risikomanagementziele und -politik, der Governance-Standard, die Eigenmittelausstattung, die Eigenkapitalanforderungen, die Vergütungs- und Anlagepolitik sowie die ESG-Risiken, offengelegen.

Wann gelten nun die neuen Regelungen?

Die IFD / IFR sind bereits am 25. Dezember 2019 in Kraft getreten. Die Mitgliedstaaten haben 18 Monate Zeit, um die IFD in nationales Recht umzusetzen. Die IFD ist demnach frühestens ab dem 26. Juni 2021 zu beachten. Die IFR gilt ab dem 26. Juni 2021.

Gibt es Ausnahmen?

Die IFR enthält in Art.57 eine Übergangsbestimmung, welche gleichzeitig eine Erleichterungen für WpDU darstellt. Danach dürfen WpDU für einen Zeitraum von fünf Jahren ab dem 26 Juni 2021 niedrigere Kapitalanforderungen anwenden. Dies gilt dann nicht, wenn am oder nach dem 26. Juni 2019 die Zulassung des WpDU erweitert wird.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass die neuen Regelungen gravierende Änderungen bei den WpDU mit sich ziehen. Hiervon sind insbesondere WpDU der Klasse 2 betroffen. Aufgrund der Vielzahl der neuen Regelungen sind bei ihnen umfassende Systemveränderungen erforderlich. WpDU müssen nun im Rahmen einer Bestandsaufnahmen prüfen, ob sie als WpDU der Klasse 1, 2 oder 3 einzustufen sind. Im nächsten Schritt sind dann, je nach der Einstufung, entsprechende Veränderungen einzuleiten. Es bleibt abzuwarten, ob der deutsche Gesetzgeber sich entscheidet ein eigenes Gesetz für die neuen Klasse von WpDU zu verabschieden.


1) Richtlinie (EU) 2019/2034.
2) Verordnung (EU) 2019/2033.

Jochen Kindermann ist Partner bei der Kanzlei Simmons & Simmons LLP in Frankfurt am Main. Er berät seit mehr als 10 Jahren Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in Bezug auf aufsichtsrechtliche Fragestellungen und insbesondere zu Compliance-Themen. Er verfügt darüber hinaus über eine umfassende Expertise im Bereich Asset Management.
Schwerpunkte seiner Tätigkeit bilden die aufsichtsrechtliche Beratung in Bezug auf grenzüberschreitende Sachverhalte und der internationale Vertrieb von Finanzinstrumenten. Als ehemaliger Compliance-Officer und Alumni der Börsenmakler-Ausbildung hat er umfangreiche Kenntnisse vom Handel mit Finanzinstrumenten und der Organisation von Finanzinstituten. Jochen Kindermann hat deutsche und ausländische Fondsstrukturen errichtet und Asset Manager hinsichtlich deren buy side- und sell side-Aktivitäten beraten. LinkedIn
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Lena Menger ist als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Simmons & Simmons LLP in Frankfurt am Main tätig und berät Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in Bezug auf aufsichtsrechtliche Fragestellungen. Sie berät Banken, Zahlungs- und Finanzdienstleister in Fragen der Compliance und des Risikomanagements vor und nach der Gründung ihres regulierten Geschäfts.
Tel.: +49 69 907454 30
Email: Lena.Menger@simmons-simmons.com

Wie kann ein Fonds einen Beitrag zum Klimaschutz leisten?

Klimaschutz ist am Kapitalmarkt das Thema der Stunde. Die Akteure am Finanzmarkt sollen ihren Beitrag leisten, um ehrgeizige Klimaschutzziele auf nationaler und internationaler Ebene zu erreichen. Initiativen wie die Taskforce on Climate-related Financial Disclosure (TCFD), Klimastresstests oder der EU Action Plan on Sustainable Finance sollen dazu den Weg weisen. Viele Fondsanbieter haben die Zeichen der Zeit erkannt und legen spezielle Anlageprodukte auf, um einen Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Auch die GLS Bank hat sich vor rund 2,5 Jahren zur Auflage eines Klimafonds entschieden. Der hauseigene Mischfonds legt in Aktien und Anleihen an, die aus Sicht der GLS Bank einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Zum Ansatz des Fonds spricht altii mit Tobias Baumann aus dem Portfolio Advisory der GLS Bank.

Die GLS Bank ist Pionier des sozial-ökologischen Bankgeschäfts. Welche Position nimmt die Bank beim Klimaschutz ein?

Tobias Baumann: Klimaschutz liegt in der DNA der GLS Bank. Die Ursprünge reichen dabei weit zurück. Als eine der ersten Banken hat die GLS Bank Ende der 80er Jahre Finanzierungen für Windkraftanlagen bereitgestellt. In ihren Anlage- und Finanzierungsgrundsätzen hat sich die GLS Bank zum Ziel gesetzt, eine regenerative, dezentrale und bürgernahe Energieversorgung zu fördern. Die Bank möchte gezielt die gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen, die sie als Bank hat.

Dafür beteiligt sie sich aktiv an der öffentlichen Debatte. So fordert sie eine ausnahmslose und gerechte Bepreisung auf den Ausstoß von Treibhausgasen. Zudem ist die GLS Bank Vorreiter. Bewusst setzt sie Zeichen. Gemeinsam mit sozial-ökologischen Banken weltweit hat sie sich Anfang 2019 dazu verpflichtet, innerhalb der nächsten drei Jahre die Klimawirkung ihres Kreditportfolios und ihrer Investments zu messen. Das Ziel dahinter ist klar. Das gesamte Anlage- und Finanzierungsportfolio soll bis Ende 2022 im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens stehen, sprich 1,5 Grad-kompatibel sein. Darüber hinaus nimmt sie im Rahmen von Companies for Future beim Klimastreik teil.

Dann lassen Sie uns näher über ihren Anspruch sprechen, Sie haben im August 2017 einen eigenen Klimafonds aufgelegt. Was sind die Hintergründe?

Tobias Baumann: Die GLS Bank wollte auch auf der Fondsseite ihr Bekenntnis zum Klimaschutz unterstreichen. Kund*innen soll die Möglichkeit geboten werden, einen aktiven Beitrag zur Eindämmung des Klimaschutzes zu leisten. Besonders im Blick hatte die GLS Bank bei Fondsauflage die Divestment-Bewegung. Staatlichen und öffentlichen Investoren, die ihr Geld aus fossilen Investments abgezogen hatten, wollte die GLS Bank eine sinnvolle Wiederanlagemöglichkeit ihres Kapitals bieten. Die Wahl fiel dabei auf einen Mischfonds. Damit konnte der Fonds auf der Anleiheseite auch in Green Bonds investieren, die zum damaligen Zeitpunkt von einer zunehmenden Anzahl an Emittenten und mit wachsendem Volumen begeben wurden.

Mit welchem Ansatz geht die GLS Bank an das Thema heran? Investiert der Fonds in alle Branchen?

Tobias Baumann: Der generelle Anspruch der GLS Bank ist es, ihren Investoren Anlagemöglichkeiten zu bieten, die die hohen sozialen und ökologischen Standards berücksichtigen. Deswegen gelten für den Fonds die hauseigenen, strengen Ausschlusskriterien: Unternehmen mit Menschen- und Arbeitsrechtsverletzungen, gentechnisch veränderte Nahrungsmittel, Atomkraft, Massentierhaltung, Waffenhersteller sind ohne Ausnahme ausgeschlossen. Auch müssen alle Unternehmen in zukunftsweisenden sozial-ökologischen Geschäftsfeldern aktiv sein. Investitionen in Energieeffizienzprojekte von Flughafenbetreibern oder Erdölförderern, die am Markt als klimafreundlich beworben werden, kommen daher für die GLS Bank nicht in Frage.

Wie stellt der Fonds sicher, in klimafreundliche Unternehmen zu investieren?

Tobias Baumann: Die GLS Bank hat dafür besondere Klimakriterien entwickelt. Zum einen investiert sie in Unternehmen, die einen hohen Anteil ihrer Umsätze in besonders klimaschützende Geschäftsfelder erwirtschaften und so einen positiven Beitrag zur Eindämmung des Klimawandels leisten. Das sind Fahrradhersteller, Betreiber öffentlichen Nah- und Fernverkehrs, Erzeuger erneuerbarer Energien, Produzenten ökologischer Dämmstoffe etc. Zum zweiten möchte der Fonds auch die Transformation zu einer CO2-armen Wirtschaft mitgestalten. Deswegen investiert er auch in Unternehmen, die entweder bereits viele Treibhausgasemissionen eingespart oder eine besonders anspruchsvolle Klimastrategie mit hohen Einsparzielen aufgestellt haben und darüber umfassend berichten.

Um die Wirkung des Fonds zu steigern, nimmt der Fonds regelmäßig an Kapitalmaßnahmen teil und stellt den Unternehmen Kapital direkt zur Verfügung. Dadurch ermöglicht sie den Unternehmen, ihre geplanten und notwendigen klimaschützenden Projekte zu realisieren. Beispielsweise zeichnete der Fonds neue Aktien der 7C Solarparken AG, einem kleinen deutschen Solarparkbetreiber, der mit dem eingeworbenen Geld seine Solarparks erweitert. Oder der Fonds beteiligte sich an der Anleiheemission der Africa GreenTec AG, die mit dem Erlös Solarcontainer für die ländliche Bevölkerung in Mali finanziert.

Der GLS Bank Klimafonds investiert auch in Green Bonds. Wie ist hier ihr Vorgehen?

Tobias Baumann: Die GLS Bank freut sich über die positive Marktentwicklung von Green Bonds. In der täglichen Arbeit im Portfoliomanagement und im Nachhaltigkeitsresearch stellen wir leider häufig einen Mangel an Transparenz und Standardisierung sowie teilweise eine zweifelhafte Mittelverwendung fest. Auch die Zweitmeinungen externer Researchagenturen, so genannte Second Party Opinions, geben nicht immer ausreichend Aufschluss über die Qualität.

Um den eigenen Anspruch gerecht zu werden, haben wir intern einen eigenen Green Bonds Prüfprozess ins Leben gerufen, der vier Bewertungsstufen umfasst, von der eingehenden Prüfung des Emittenten, über die Inhalte des Bonds, Prozesse und Transparenz bis hin zu einem internen Vetorecht. Damit gelingt es uns, schnell auf Neuemissionen zu reagieren und die inhaltliche Qualität sicherzustellen. Im Ergebnis zeigt sich, dass mehr als die Hälfte der Green Bonds die hauseigene Prüfung nicht bestehen.

Ein Klimafonds sollte auch belegen, dass er gut für das Klima ist. Viele Fonds tun dies anhand des CO2-Fußabdrucks. Wie zeigen Sie dies?

Tobias Baumann: Die GLS Bank lässt auf verschiedene Art und Weise die Klimawirkung des Fonds feststellen. Zunächst prüft die Nachhaltigkeitsresearchagentur imug jedes Jahr den Auswahlprozess des Fonds und analysiert Titel im Portfolio darauf, inwiefern sie einen positiven Beitrag zum Klimaschutz leisten. Dies wird in einem Prüfvermerk festgehalten, der sich auch im Investitionsbericht des Fonds auf der Website wiederfindet.

Auch werden für den Fonds jährlich die CO2-Emissionen des Portfolios erhoben. Dazu Jahr arbeiteten wir zum ersten Mal mit dem renommierten Wuppertal-Institut zusammen. Es handelte sich dabei um eine sehr viel tiefergehende Analyse Bis auf einen Titel konnten alle Investments erfasst werden. Dies ist bemerkenswert, da sich im Fonds auch viele kleinere Titel befinden, die nicht immer von anderen Anbietern abgedeckt werden. Im Ergebnis werden pro 1 Mio. Euro Wertschöpfung bzw. Bondvolumen ca. 218 Tonnen Kohlenstoffäquivalente emittiert. Die Darstellung dieser Kennzahl betrachten wir aber mit gemischten Gefühlen.

Warum?

Tobias Baumann: Es gibt sehr viele Herausforderungen bei der Berechnung von CO2-Kennzahlen. Das fängt mit einer geringen Portfolioabdeckung an, da Datenanbieter nicht die Treibhausgasemissionen aller Unternehmen bereitstellen. Auch fehlen Standards, nach denen sich alle richten. Der GLS Bank Klimafonds orientiert sich an dem Partnership for Carbon Accounting Financials (PCAF)-Standard. Andere Fonds haben andere Berechnungsgrundlagen. Dadurch schwankt die Qualität der erhobenen Daten. Drittens gibt es keine einheitliche Darstellung am Markt. Beziehen sich Fondsanbieter auf die Marktkapitalisierung? Oder den Umsatz? Oder stellen sie absolute Werte dar? Manche Fonds werden zudem schöngerechnet, indem besonders schlechte Benchmarks gewählt werden. Oder die Sektorallokation des Fonds sieht so aus, dass sie nicht die Investmentwirklichkeit widerspiegelt. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass der CO2-Fußabdruck eine vergangenheitsbezogene Zahl ist, mit der keine Aussage zu künftigen Emissionen der Unternehmen im Fonds getroffen werden kann. Damit ist es für Investoren sehr schwierig, anhand dieser Kennzahl die Klimawirkung des Fonds abzulesen.

Kennen Sie einen anderen Weg, der aus Sicht der GLS Bank besser geeignet ist, die Klimawirkung zu erfassen?

Tobias Baumann: Der Ansatz der GLS Bank ist, sich bei der Messung der Klimawirkung stärker auf die Zukunft zu konzentrieren. Der Fokus sollte auf der Frage liegen: Ist der Fonds im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen? Dazu ist die Bank eine Entwicklungspartnerschaft mit right. based on science, einem Anbieter wissenschaftsbasierter Daten eingegangen. Bewusst verfolgt die GLS Bank damit das Ziel, eine Diskussion zu diesem Thema anzustoßen, die nicht in der Vergangenheit stehen bleibt. Auf der Bilanzpressekonferenz am 5. Februar wurde das Ergebnis der Ersterhebung präsentiert. Erfreulicherweise ist der Fonds im Einklang mit den Zielen des Pariser Klimaschutzabkommens (Lesen Sie hier mehr zu den Hintergründen der Berechnung). In den kommenden Jahren soll der Ansatz sukzessive weiterentwickelt werden.

Findet ihr Konzept Anklang bei Investoren? Richtet es sich auch an institutionelle Investoren?

Tobias Baumann: Seit Auflage im August 2017 verzeichnet der Fonds kontinuierliche Zuflüsse. Die öffentlichen Diskussionen um das Klima haben dem Fonds in den vergangenen Monaten einen beachtlichen Volumenschub gegeben. Im laufenden Geschäftsjahr seit dem 1. August 2019 stieg das Fondsvolumen von 49 Mio. Euro auf 85 Mio. Euro an.

Mit der Anteilscheinklasse B, die ab einer Mindestanlagesumme von 200.000 Euro erwerbbar ist, spricht die GLS Bank gezielt institutionelle Investoren an. Zu den Anleger*innen dieser Tranche gehören einige semi-professionelle sowie institutionelle Investoren wie Pensionskassen, Stiftungen oder Family Offices. Auch Akteure aus der Zivilgesellschaft mit sozialen Zielen wie z.B. NGOs zeigen starkes Interesse. Die laufenden Kosten betragen 1,0 Prozent.

Zum Schluss ein Blick in die Zukunft: Was erwarten Sie für den Fonds in den kommenden 12 Monaten?

Tobias Baumann: Die Klimadebatte wird weitergehen, sowohl öffentlich als auch am Kapitalmarkt. Dies dürfte den Fonds auch in den kommenden Monaten zu Gute kommen. Darüber hinaus wird der Fonds im August drei Jahre alt und weist damit ein Alter auf, in dem viele Fonds von großen Finanzplattformen bewertet werden. Dieser Track Record dürfte den Fonds für weitere Investorenkreise interessant werden lassen.

Herzlichen Dank für das Gespräch.


Über Tobias Baumann

Tobias Baumann arbeitet seit knapp einem Jahr in der Portfolioberatung der GLS Bank und ist für das Management des GLS Bank Klimafonds verantwortlich. Zuvor war er mehrere Jahre als Portfoliomanager im Asset Management der Wüstenrot & Württembergischen AG tätig. Tobias Baumann ist seit 2015 CFA Charterholder und hat ein Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universität Mannheim abgeschlossen.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.12.2019).

Weiterführende Informationen 

www.gls-fonds.de/klima
investmentfonds@gls.de

Wahl nachhaltiger Investmentfonds: Worauf Anleger*innen achten sollten

von Thomas Graf, Teamleiter Nachhaltigkeitsresearch, GLS Bank.

In jüngster Vergangenheit wird auf politischer Ebene viel über die Definition nachhaltiger (oder zumindest klimafreundlicher) Investments debattiert. Der regulatorische Druck wächst. In diesem Zuge berücksichtigen immer mehr Investoren Umwelt-, Sozial- und Unternehmensführungskriterien (englisch ESG für Environmental, Social, Governance) im Investmentprozess. Das Angebot an Fonds mit nachhaltigen Anlagestrategien wächst. Bereits heute haben viele Anleger*innen Schwierigkeiten, die sozial-ökologische Qualität von Nachhaltigkeitsfonds richtig einzuschätzen. Doch es gibt ein paar Hilfsmittel, mit denen Anleger*innen einen strengen und glaubwürdigen Nachhaltigkeitsansatz identifizieren können.

1) Die Motivation und Kriterien des Fondsanbieters hinterfragen

In Zeiten, in denen sich große Fondsanbieter als führende Nachhaltigkeitshäuser positionieren, gerät eine entscheidende Frage schnell in den Hintergrund: Warum beschäftigen sich Fondsanbieter eigentlich mit Nachhaltigkeit? Es gibt sicherlich unterschiedliche Motivationen für die Auflage von Nachhaltigkeitsfonds. Manche Asset Manager schielen auf die Fondseinnahmen, andere wollen eine Reputation als verantwortliches Haus aufbauen. Für eine dritte Gruppe wie Alternativbanken zählt Nachhaltigkeit zum Kerngeschäft. Sie wollen einen Fonds, der ihren Werten entspricht.

Anleger*innen können dies überprüfen. Viele Fondsanbieter veröffentlichen ihre Anlagekriterien im Internet. Es lässt sich darin nachlesen, ob kontroverse Geschäftsfelder (z.B. Atomkraft, Kohle, Massentierhaltung, Gentechnik) ebenso wie kritische Geschäftspraktiken (Korruption, Kinderarbeit, Umweltzerstörung, etc.) ausgeschlossen sind. Auf die Details ist zu achten: Gelten die Regeln nur für eine Gruppe an Fonds oder für das gesamte Wertpapiergeschäft? Darf ein kleiner Umsatzanteil doch in kontroversen Aktivitäten erwirtschaftet werden oder gilt die Nulltoleranz? Häufig werden hier Unterschiede gemacht.

Aber nur kritische Unternehmen auszuschließen, greift zu kurz. Wichtig ist es, Gelder der Kunden*innen bewusst in neue Projekte und Unternehmen zu leiten, die nachhaltige und zukunftsweisende Ziele verfolgen. Best-in-Class-Ansätze greifen dabei häufig zu kurz, da sich diese an gängigen Marktindizes orientieren, deren Mitgliedsunternehmen schon im hohen Maße mit Kapital versorgt sind. Stattdessen sollten sich Anleger*innen fragen: Gibt es spezielle Themenfelder, in die Fondsanbieter investieren. Handelt es sich dabei um Akteure in zukunftsweisenden Branchen, z.B. nachhaltige Mobilitätsdienstleister oder Erneuerbare Energien-Betreiber? Oder befinden sich beispielsweise auch Öl- und Kohlekonzerne im Portfolio, deren ökologischer Mehrwert sich auf ein branchenweit überdurchschnittliches gutes Umweltmanagementsystem beschränkt? Ein Blick auf die Portfoliozusammensetzung (Factsheet, Finanzberichte) gibt eine erste Orientierung.

Beispiel Kriterienkatalog der GLS Bank

 

2) Die Strenge der Nachhaltigkeitsbewertung überprüfen

Anleger*innen sollten sich bewusst sein, dass es trotz anspruchsvoller Anlagekriterien knifflige Fälle gibt. Multinationale Konzerne haben diverse Geschäftsfelder und sind weltweit tätig. Bei manchen Sachverhalten ist es schwierig, eindeutige Schlussfolgerungen zu treffen. In welchem Maße ist ein Schlüsselkomponentenhersteller für Elektroautos investierungswürdig, der im Verdacht steht, Arbeitsrechte in der Zuliefererkette zu verletzten? Wie ist mit Unternehmen umzugehen, deren Produkte unter Umständen auch in militärischen Geräten verbaut werden können? Anleger*innen sollten fragen, wie kritisch ein Anbieter genau mit diesen Fällen umgeht. Standard ist, das Nachhaltigkeitsrating spezialisierter ESG-Agenturen zu beachten, welches eine gute erste Faktenlage liefert. Doch das ist erst der Anfang! Im Idealfall sollten Nachhaltigkeitsanalysten*innen mit langjähriger Erfahrung anhand dieser Daten und eigener Recherchen den Sachverhalt bereichern und um eine eigene ausgewogene Einschätzung ergänzen. Dabei geht es auch um das eigene kritische Urteilsvermögen. Denn ein Scoring-Modell, das mechanisch Plus- und Minuspunkte quantitativ verrechnet, kann nie die realen Gegebenheiten eines Unternehmens in seiner Komplexität erfassen.

Auch der externe Blick ist wichtig. Deswegen sollte die Diskussion und Bewertung eines Unternehmens in einem unabhängigen Expertengremium erfolgen. Dieses Verfahren ermöglicht eine umfassende Einschätzung, ob eine Investition den eigenen Anlagegrundsätzen gerecht wird oder nicht.

Researchprozess der GLS Bank

 

Unternehmen ändern sich, daher sollte jeder Titel im Portfolio kontinuierliche Überwachung auf mögliche Missstände und zweifelhafte Geschäftsfelder überwacht werden. Fällt ein Unternehmen negativ auf, kann es erneut dem externen Gremium vorgelegt werden, welches dann über das weitere Vorgehen entscheidet. Anleger*innen sollten schauen, ob Unternehmen, bei denen sozial-ökologische Kontroversen auftreten, auch wieder vom Fondsanbieter entfernt werden. Weitere externe Überprüfungen von unabhängigen Institutionen können zudem helfen, wie der Ansatz beurteilt wird. Der Fair Finance Guide beispielsweise prüft den Umfang interner Richtlinien und deren Umsetzung, also ob Banken sich an ihre eigenen Richtlinien halten.

3) Transparenz einfordern

Anleger*innen sollten die sozial-ökologische Qualität des Portfolios nachvollziehen können. Sie müssen verstehen, ob die Kriterien auch tatsächlich eingehalten werden. Dafür sollten sie ein leicht verständliches Reporting von Fondsanbietern verlangen. Hier zeigt sich, dass es am Markt bisher noch die größten Defizite gibt. Fehlende Berichtsstandards führen dazu, dass viele Fonds sich auf Finanzkennzahlen beschränken oder die erhobenen Umwelt- und Sozialindikatoren schwer zu interpretieren sind. Um zu beweisen, dass Fondsanbieter ihren Worten auch Taten folgen lassen, sollten sie in leicht verständlicher Art und Weise die Qualität ihrer Portfoliotitel aus sozial-ökologischer Sicht darstellen, sei es durch Kurzbeschreibung der Wertpapiere oder eingängige Graphiken.

Übersicht der Branchen, in die der GLS Bank Aktienfonds investiert


Quelle: Investitionsbericht des GLS Bank Aktienfonds

Wenn Anleger*innen zufriedenstellende Antworten auf diese Fragen erhalten, haben sie schon einen großen Schritt bei der Auswahl eines strengen sozial-ökologischen Fonds gemacht.


Thomas Graf arbeitet seit 2011 bei der GLS Bank und ist Teamleiter im Nachhaltigkeitsresearch. Neben der sozial-ökologischen Prüfung von Wertpapieren, Wertpapieremittenten und Entwicklungsfinanzierungsvehikeln, kümmern sich er und sein Team um die sozial-ökologische Begleitung neuer Angebote. Zudem ist er verantwortlich für die Moderation und Koordination des GLS Anlageausschusses.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.12.2019).

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Zombies machen die Anleihenmärkte unsicher

In einem Beitrag für die Financial Times erklärt Senior Investmentmanagerin Galia Velimukhametova, warum Unternehmen, die durch niedrige Fremdkapitalkosten am Leben gehalten werden, einen Abschwung auslösen können.

Zombies machen weiterhin die Unternehmenslandschaft unsicher und es werden immer mehr.

Die Zahl der Unternehmen in Industrieländern, deren Zinsaufwand höher ist als ihre jährlichen Erträge – sogenannte „Zombie-Unternehmen“ –, ist so hoch wie seit der globalen Finanzkrise nicht mehr. Schätzungen von Bank of America Merrill Lynch zufolge gibt es 548 solcher Zombies in der OECD, dem „Club der reichsten Nationen“ – der höchste Stand während der Finanzkrise waren 626.

Diese Zombies werden seit Jahren durch günstige Fremdkapitalkosten am Leben gehalten. Nicht ganz unschuldig daran sind die Anleger, die während der langen Hausse am Markt für Staatsanleihen jeder nur möglichen Rendite nachgejagt sind. Das erklärt zum Teil, warum es heute fünfmal mehr Zombies gibt als Ende der 1990er Jahre, als die Zinssätze weltweit deutlich höher waren.

Der Coworking-Anbieter WeWork, der immer mehr Kapital aufsaugt, um sich über Wasser halten zu können, ist ein Zombie par excellence. Einer aktuellen Studie von Morgan Stanley zufolge gibt es jedoch jede Menge anderer grosser Unternehmen, die stark verschuldet sind und nicht genug Gewinn machen, um ihren Schuldendienst zu leisten, wie Telecom Italia und die griechische Lotteriegesellschaft Intralot.

Die Zahl steigt, vor allem bei US-amerikanischen KMU, in Europa und vor allem im Vereinigten Königreich. Immer mehr renommierte britische Markennamen sind überschuldet und erleiden Schiffbruch. Im Zuge des Brexit werden weitere folgen, denken wir nur an den in Konkurs gegangenen Reiseanbieter Thomas Cook.

Die steigende Schuldenlast der Unternehmen ist die natürliche Folge der lockeren Geldpolitik der Zentralbanken, die die Zinssätze auf niedrigen Ständen verankert haben. Es ist offensichtlich, dass die Ursache für die zunehmende Verschuldung in den realen Schuldendienstkosten liegt. Die Fremdkapitalkosten der Unternehmen, abzulesen an der inflationsbereinigten Rendite von Investment-Grade-Unternehmensanleihen der Eurozone, liegt bei etwa -1%. In anderen Teilen der Welt sieht es ähnlich aus.

Unternehmen haben auf dieses Umfeld reagiert, indem sie ihre Finanzierungsquellen neu strukturiert haben. Nirgendwo wird dies deutlicher als in den USA, wo seit 2009 Unternehmen mehr als 3,1 Bio. US-$ über Schuldtitel und Kredite aufgenommen haben, wohingegen Aktien im Wert von 4 Bio. US-$ zurückgekauft wurden, so Daten der US-Notenbank.

In den meisten Filmen über Untote können auch Zombies noch getötet werden. Aufgrund von Handelskonflikten und einer allgemeinen wirtschaftlichen Abkühlung droht weiteren Unternehmen der Untergang, wenn ihre Gewinnmargen unter Druck geraten. Die Kreditqualität der Unternehmen ist in den letzten Jahrzehnten immer schlechter geworden. In den 1990er Jahren war das durchschnittliche Rating von Unternehmensanleihen der Ratingagentur S&P Global ein solides Investment-Grade. Heute liegt es bei nur einer Stufe über Junk-Status.

Das ist eine grosse Gefahr für die Gesundheit des breiteren Aktienmarkts. Ein Konjunktureinbruch macht eine plötzliche, drastische Welle von Herabstufungen wahrscheinlich. Viele grosse Anleger dürfen nur Investment-Grade-Anlagen halten, sodass sie Positionen verkaufen müssen, die auf Junk-Status gesunken sind. Das würde den relativ illiquiden Markt für Hochzinsanleihen überfluten und aushebeln, weil die verbleibenden Käufer das zusätzliche Angebot kaum absorbieren können.

Eine Verwässerung des traditionellen Anlegerschutzes macht eine plötzliche Krise noch wahrscheinlicher. Noch 2011 wurden nahezu alle europäischen Unternehmenskredite mit strengen Covenants vergeben, d. h. finanzielle Vorgaben, mit denen sichergestellt werden soll, dass ein Unternehmen seine Pflichten erfüllen kann.

Heute sind bei den grossen Unternehmen mehr als 80% der Finanzierungen „covenant lite“ ohne richtigen Gläubigerschutz.

Wer in notleidende Anlagen und Special Situations investiert, dem dürfte bekannt sein, dass 6 Prozent der europäischen Junk-Anleihen auf „Distressed“-Niveau bzw. mehr als 10 Prozentpunkte über Staatsanleihen notieren (Daten von Deutsche Bank). Der notleidende Anteil lag vor einem Jahr noch bei überschaubaren 3 Prozent. Ähnlich sieht es in den USA aus, wo 9,3 Prozent des Hochzins-Referenzindex auf Distressed-Niveau gehandelt werden – im September 2018 waren es nur 3,5%.

Bei den meisten Anleihenanlegern hat sich jedoch eine gewisse Selbstgefälligkeit eingestellt. Die durchschnittliche Rendite für eine Junk-Anleihe in Europa liegt bei gerade mal 3,1% – ein Jahr davor waren es 1,2 Prozentpunkte mehr. Der 20-Jahres-Durchschnitt ist mit 8,5% viel höher.

Durch Zentralbankmassnahmen wurde der Unternehmenssektor fast die ganzen letzten zehn Jahre über gepusht. Das kann noch so lange weitergehen, bis die Inflation anfängt zu steigen. Eine Lockerung der Fiskalpolitik und eine Entschärfung der handelspolitischen Spannungen könnten den Gewinnen auf die Sprünge helfen.

Wenn aber ein Konjunkturzyklus so lange hält wie jetzt, fängt die Lage an zu kippen. Es gibt Anzeichen, dass ein Abschwung am Markt für Unternehmensanleihen seinen Anfang nehmen könnte.


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Über die Autorin

Galia Velimukhametova ist seit Februar 2019 als Senior Investment Manager bei Pictet Asset Management beschäftigt und leitet das Distressed Debt and Special Situations Team bei Total Return Fixed Income. Vor ihrer Tätigkeit bei Pictet war sie von 2008 bis 2018 Distressed Debt Portfolio Manager bei Man GLG und war dort hauptsächlich für unter Druck geratene europäische Hochzins-Unternehmensanleihen und notleidende Schuldtitel verantwortlich. Davor war sie Managing Director, Partner und Mitglied des für die Anlagenauswahl und Portfoliozusammenstellung verantwortlichen Investment Committee bei King Street Capital, Europe. Galia Velimukhametova war zudem als Debt/Equity & Capital Structure Arbitrage Trader bei JP Morgan beschäftigt. Sie hat einen MBA der Washington University und einen Honours-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften der Staatlichen Universität Moskau.

Über Pictet Asset Management

Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 176 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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e-mail: fbohmer@pictet.com

GLS Bank Aktienfonds 2019: Auch strenge Nachhaltigkeit bringt Rendite

von Karsten Kührlings, Leiter Investmentfonds & Research, GLS Bank.

Hartnäckig hält sich am Finanzmarkt das Vorurteil, Nachhaltigkeit koste Rendite. Dabei haben zahlreiche Studien das Gegenteil bewiesen oder zumindest festgestellt, dass sie keinen negativen Effekt auf die Performance habe. Insbesondere die im deutschsprachigen Raum viel beachtete Metastudie von Bassen und Friede aus dem Jahr 2015 hat dies noch einmal nachdrücklich belegt. Wir möchten diese Debatte zum Anlass nehmen, anhand der ökonomischen Entwicklung des GLS Bank Aktienfonds 2019 zu zeigen, inwieweit der strenge Nachhaltigkeitsansatz der GLS Bank - der GLS Bank Aktienfonds wurde im Oktober 2019 im ECOfondstest als sehr nachhaltig bezeichnet -, auch ökonomisch erfolgreich ist.

Bitte beachten Sie die Hinweise zu den ökonomischen Aussagen am Ende des Artikels.

Ökonomische Ausrichtung des GLS Bank Aktienfonds

Das Fondsmanagement verfolgt eine langfristige Anlagepolitik. Dies spiegelt sich in einer geringen Portfolioumschlaghäufigkeit von ca. 20 Prozent pro Jahr wider. Der Fonds investiert in die Branchen und Unternehmen, die im Sinne der GLS Bank zukunftsweisende Produkte und Dienstleistungen anbieten. Dies unterscheidet den Fonds von klassischen Best-in-Class-Fonds, die sich in ihrer Branchenaufteilung häufig sehr nahe an klassischen Indizes orientieren. Der Fokus des Fonds liegt auf Industrieunternehmen, Gesundheitsdienstleistungen sowie der IT-Branche. Auf Versorgerseite gibt es ausschließlich Unternehmen aus dem Bereich Erneuerbare Energien, so genannte Independent Power Producer (IPP). Konsumgüterhersteller oder Finanzinstitute sind im Vergleich zu traditionellen Indizes untergewichtet. Wert gelegt wird auf eine granulare Portfoliostruktur. Die Top 10 Positionen machen rund ein Sechstel des Fondsvolumens aus. Insgesamt hat der Fonds durchschnittlich etwa 100 Aktienpositionen. Ähnlich verhält es sich bei der Länderallokation. Ein Sechstel kommt aus den USA, rund 10 Prozent aus Deutschland, gefolgt von Japan, Niederlande, Norwegen und Kanada. Die Kassenposition liegt bei rund 11 Prozent. 


Quelle: Universal Investment, Stand 30.12.2019

Performance des GLS Bank Aktienfonds 2019 besser als der MSCI World Index

Der GLS Bank Aktienfonds hat seit seiner Auflage im Dezember 2013 bis zum 30.12.2019 eine absolute Performance von 65,47 Prozent erzielt (jährliche Entwicklung siehe Tabelle). 2019 stieg der Anteilswert um 31,87 Prozent auf 72,99 Euro. Hinzu kommen jährliche Barausschüttungen. Für das Geschäftsjahr 2018/19 lag diese bei 1,76 Euro pro Anteil. Diese Entwicklung lässt sich auf das positive Kapitalmarktumfeld für Aktien zurückführen: Der MSCI World Index verzeichnete im selben Zeitraum einen Anstieg um 31,71 Prozent. Werttreiber des Fonds waren Unternehmen aus dem IT-Sektor, Versorger sowie Industrieunternehmen. Auf Morningstar ist der Fonds mit vier Sternen bewertet. Auf Fünfjahressicht verzeichnete der Fonds eine Performance in Höhe von 49,53 Prozent. Diese liegt höher als der europäische Referenzindex Stoxx 600, der 44,52 Prozent erzielte. Alle Angaben zum Fonds beziehen sich auf die Anteilklasse B.

Performance (30.12.2014 – 30.12.2019)


Quelle: Eigene Berechnung, Wertentwicklung der Anteilklasse B 

Performance seit Auflage (in Prozent)


Quelle: Eigene Berechnung, Wertentwicklung der Anteilklasse B

Geringe Volatilität und hohe Sharpe Ratio

Die Performance allein ist natürlich nur die eine Seite der Medaille. Genauso wichtig ist für das Fondsmanagement, eine stabile Wertentwicklung zu erzielen. Es ist daher beabsichtigt, die Wertschwankungen (Volatilität) im Fonds gering zu halten. 2019 belief sie sich auf 8,59 Prozent. Zum Vergleich: Der MSCI World wies im gleichen Zeitraum eine Volatilität von 13,55 Prozent aus, der Stoxx600 15,16 Prozent, der DAX 17,51 Prozent. Die Sharpe Ratio beträgt 1,30 Prozent. (Erläuterung der Kennzahl siehe unten). Dementsprechend fällt das FWW-Fundstars-Rating des Fonds positiv aus. Die Kennzahl misst die risikoadjustierte Performance von Fonds, also das Verhältnis zwischen erzielter Wertentwicklung und dabei eingegangenem Risiko. Der Fonds wird derzeit mit 5 von 5 Sternen bewertet. Alle Angaben zum Fonds beziehen sich auf die Anteilklasse B, siehe weitere Erläuterung in den Hinweisen zu den ökonomischen Aussagen.


Quelle: Eigene Berechnung

Fazit

Nachhaltigkeit steht bei der GLS Bank an erster Stelle. Dies belegt nicht zuletzt der Fondstest des Ecoreporter zum GLS Bank Aktienfonds. Die Kursentwicklung seit Auflage zeigt aber auch, dass sich eine konsequente Ausrichtung auf Nachhaltigkeit nicht nur aus sozialökologischen Gründen lohnt, sondern Anleger*innen mit dem GLS Bank Aktienfonds auch ökonomisch eine im Marktvergleich interessante Anlagemöglichkeit haben. Zudem weist der Fonds mit laufenden Kosten von 0,88 Prozent für die Anteilklasse B ein attraktives Kostenprofil für einen aktiv gemanagten Nachhaltigkeitsfonds auf. Dies spiegelt sich auch in der dynamischen Zunahme des Fondsvolumens wider. Lag dieses Ende 2018 bei 148 Mio. Euro, so liegt es zum Jahresende bei 247 Mio. Euro.


Wichtige Hinweise zu den ökonomischen Aussagen dieses Artikels (Disclaimer):

Quelle der Daten: Die Angaben zu den ökonomischen Kennzahlen (Wertentwicklung/Performance, Kosten, Volatilität, Sharpe Ratio) beziehen sich alle auf die für institutionelle Investoren konzipierte Anteilklasse B, die im Vergleich zur Anteilklasse A ein vorteilhafteres Kostenprofil für Investoren aufweist. Anteile an der Klasse B sind ab einer Mindestanlagesumme von 200.000 Euro erwerbbar.
Stand der Daten: Soweit nicht anders angegeben, beziehen sich alle Angaben auf den 30.12.2019.
Erläuterung zur Kostenquote: Die Gesamtkostenquote gilt für das aktuelle Geschäftsjahr und errechnet sich aus den Kosten des abgelaufenen Geschäftsjahres (01.10.2018 bis 30.09.2019). Die Gesamtkostenquote drückt sämtliche vom Sondervermögen im Jahresverlauf getragene Kosten und Zahlungen (ohne Transaktionskosten) im Verhältnis zum durchschnittlichen Nettoinventarwert des Sondervermögens aus.
Bei der Darstellung der Wertentwicklung handelt es sich um Nettowerte. Der Wert kann sich um individuell anfallenden Depotkosten vermindern.
Risikohinweis: Die hier vorliegenden Daten dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Fondsanteilen dar. Der Fonds weist auf Grund seiner Zusammensetzung und seiner Anlagepolitik ein nicht auszuschließendes Risiko erhöhter Volatilität auf, d.h. in kurzen Zeiträumen nach oben oder unten stark schwankender Anteilpreise. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Alleinige Grundlage für den Anteilerwerb sind die Verkaufsunterlagen (Wesentliche Anlegerinformationen, Verkaufsprospekt, Jahres- und Halbjahresbericht) zum Investmentvermögen. Verkaufsunterlagen zu allen Investmentvermögen der Universal-Investment sowie den ökonomischen Kennzahlen sind kostenlos bei Ihrem Berater / Vermittler, der zuständigen Verwahrstelle / Depotbank oder bei Universal-Investment unter www.universal-investment.com erhältlich.
Sharpe Ratio: Diese Kennzahl ist die Differenz zwischen erzielter Performance p.a. und risikolosem Zins p.a., dividiert durch die Volatilität. Sie lässt sich daher als „Risikoprämie pro Einheit am eingegangenen Gesamtrisiko“ interpretieren.  Grundsätzlich ist sie umso besser, je höher sie ist (hohe Performance bei geringem Risiko). Auf Grund ihrer Konzeption als relative Größe können Sharpe Ratios verschiedener Portfolios sowohl untereinander als auch mit der Benchmark verglichen werden.
Morningstar-Rating: ©2019 Morningstar, Inc. Alle Rechte vorbehalten. Die hierin enthaltenen Informationen: (1) sind für Morningstar und/oder ihre Inhalte-Anbieter urheberrechtlich geschützt; (2) dürfen nicht vervielfältigt oder verbreitet werden; und (3) deren Richtigkeit, Vollständigkeit oder Aktualität wird nicht garantiert. Weder Morningstar noch deren Inhalte-Anbieter sind verantwortlich für etwaige Schäden oder Verluste, die aus der Verwendung dieser Informationen entstehen. Die Wertentwicklung in der Vergangenheit ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.
FWW FundStars: Die FWW FundStars® basieren auf der RisikoAdjustieren Performance (RAP). Diese zweidimensionale Kennzahl errechnet sich aus der erzielten Wertentwicklung (Performance) und dem dabei eingegangene Risiko (Volatilität). Grundlage ist die RAP-Kennzahl für den 3-Jahres-Zeitraum. Zusätzlich werden Korrekturfaktoren herangezogen, die aus den RAP-Kennzahlen für den 1-Jahres-Zeitraum und, wenn vorhanden, für den 5-Jahres-Zeitraum berechnet werden. Dabei geht die Entwicklung des Fonds im Zeitraum 1 Jahr und, wenn vorhanden, 5 Jahre in Bezug auf den Basis-Zeitraum 3 Jahre mit jeweils 25 Prozent ein. Für die FWW FundStars® werden die Fonds in 5 Ranking-Studen à 20 Prozent klassifiziert, aus denen die Auszeichnung mit 5 bis 1 Sternen hervorgeht. Dabei erhalten die besten 20 Prozent der Fonds fünf Sterne. Der GLS Bank Aktienfonds befindet sich in der Kategorie Globaler Aktienfonds, All Cap, d.h. keine Beschränkung der Marktkapitalisierung. Weitere Informationen: https://www.fww.de/de/loesungen/fww-fundstars

Karsten Kührlings

Karsten Kührlings hat in den vergangenen fünf Jahren das Investmentfondsgeschäft der GLS Bank aufgebaut. Der gelernte Diplom-Kaufmann (FH) ist seit 2013 bei der GLS Bank tätig. Zuvor hat er bei der Sparkasse Mülheim das Wertpapiergeschäft geleitet. Er sitzt in mehreren Gremien (Anlageausschüssen) und ist Vorsitzender des Verwaltungsrates des GLS AI – Mikrofinanzfonds. Herrn Kührlings finden Sie auf Xing und LinkedIn.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.12.2019).

Weitere Informationen:

www.gls-fonds.de

Green Bonds – wie tragen sie wirklich zu einer nachhaltigen Zukunft bei?

Mit Green Bonds werden ökologische Projekte mit Klimarelevanz finanziert. Der Gedanke des Klimaschutzes steht dabei im Vordergrund, erklärt Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

GREEN BOND PRINCIPLES

Die Entwicklung von Standards für Green Bonds geht bis in das Jahr 2014 zurück, als sich unterschiedliche Finanzmarktakteure zusammenfanden und mit den Green Bond Principles (GBP) ein Rahmenwerk für die Emission „Grüner Anleihen“ entwickelten. Die seinerzeit erstmals aufgesetzten Principles wurden zuletzt im Juni 2018 überarbeitet, aktualisiert und verbindlicher gestaltet. Generell handelt es sich dabei um freiwillige Prozessleitlinien, die Emittenten von Green Bonds zu Transparenz und Offenlegung anhalten sollen, sie geben eine Orientierung für die wichtigsten Prozessschritte bei der Emission eines „glaubwürdigen“ Green Bonds und erläutern geeignete Projektkategorien. Dazu zählen Investitionen in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz,Verschmutzungsprävention und -kontrolle, ökologisch nachhaltiges Management von lebenden natürlichen Ressourcen und Landnutzung, Erhaltung der terrestrischen und marinen Artenvielfalt, sauberer Transport, nachhaltiges Abwasser- und Wassermanagement, Maßnahmen zur Anpassung an den bereits existierenden Klimawandel, umwelteffiziente und/oder für die Kreislaufwirtschaft geeignete Produkte, Produkttechnologien und Prozesse sowie umweltfreundliche Gebäude.

Grundsätzlich sind die Green Bond Principles auf vier Eckpfeilern aufgebaut. Die vier Kernkomponenten umfassen zunächst die Verwendung der Emissionserlöse (Use of Proceeds). Dabei beschreiben die GBP wie bereits dargestellt verschiedene, breit gefächerte Kategorien für geeignete grüne Projekte, die unterschiedlichste Umweltschutzthemen abdecken. An zweiter Stelle steht die bei der Emission notwendige Darstellung des Prozesses der Projektbewertung und -auswahl (Process for Project Evaluation & Selection), da jedes Projekt auf seine Nachhaltigkeit im Sinne der GBP hin überwacht werden muss. Bei der Wahl der Projekte sollten folgende Themen adressiert werden: Erstens die ökologisch nachhaltige Zielsetzung, zweitens die Projektevaluierung und drittens eine Kriteriologie, die etwa Eignungskriterien, mögliche Ausschlusskriterien sowie andere Maßnahmen zur Identifikation und Steuerung potenzieller ökologischer und sozialer Risiken in Zusammenhang mit den Projekten im Mittelpunkt umfasst.

Die dritte Kernkomponente stellt das Management der Erlöse (Management of Proceeds) dar. Die via Green-Bond-Emission aufgenommenen Mittel sollen in einem Sub-Portfolio angelegt werden, auch eine Zweckwidmung ist wünschenswert. Wesentlich ist jedenfalls die Transparenz der Mittelverwendung, eventuell sollte auch an dieser Stelle eine Kontrolle durch externe Prüfer angedacht werden. Bis zur Fälligkeit des Green Bonds sollte die Aufteilung der Nettoerlöse auf die der Emission zugeordneten grünen Projekte periodisch angepasst und die geplante, zeitweise Platzierung von noch nicht zugeteilten Nettoerlösen offengelegt werden.

Der vierte und letzte Punkt der Green Bond Principles beschreibt die Berichterstattung (Reporting). Emittenten sollten jederzeit aktuelle Informationen über die Verwendung der Emissionserlöse bereitstellen. Das bedeutet, dass mindestens in einem jährlichen Rhythmus über den Stand ihrer durch Green Bonds finanzierten Projekte berichtet werden sollte, eine Darstellung des konkreten Effekts der Projekte – also des Impacts – ist anzustreben. In diesem Zusammenhang empfehlen die GBP die Verwendung qualitativer Leistungsindikatoren und, wenn möglich, quantitativer Kennzahlen – wie z. B. Treibhausgasreduzierung/-vermeidung, Verringerung des Wasserverbrauchs etc.

PRÜFUNG DURCH EXTERNE

  • Second Party Opinion (Zweite Meinung)
    In diesem Fall stellt eine Organisation, die über Exper tise in ökologischen Nachhaltigkeitsfragen verfügt und vom Emittenten unabhängig ist, eine Second Party Opinion (SPO) aus. Die SPO umfasst in der Regel eine Einschätzung der Emission bezüglich der GBP, oft wird auch auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) Bezug genommen.
  • Verifizierung
    Diese stellt auf einen festgelegten Kriterienkatalog ab, der sich auf Geschäftsprozesse respektive ökologische Kriterien bezieht.
  • Zertifizierung
    Green Bonds, das dazugehörige Rahmenwerk oder die Mittelverwendung können auf Basis anerkannter externer Standards oder Labels zertifiziert werden. Die Zertifizierung erfolgt durch qualifizierte, anerkannte Dritte.
  • Green Bond Scoring/Rating
    Green Bonds, das dazugehörige Rahmenwerk oder Schlüsselmerkmale wie die Verwendung der Emissionserlöse können beispielsweise durch spezialisierte Researchanbieter oder Ratingagenturen bewertet werden.

EUROPÄISCHEN STANDARD EINFÜHREN

Der EU-Aktionsplan zur Finanzierung nachhaltigen Wachstums sieht die Schaffung europäischer Standards und offizieller EU-Labels vor. Dabei soll zunächst das Thema Green Bonds in Angriff genommen werden. Der Standard soll auf bestehenden Initiativen wie den Green Bond Principles und der Climate Bond Initiative aufbauen. Im Juni 2019 wurde ein erster Vorschlag der Technical Expert Group des Expertengremiums zur Erarbeitung technischer Details im Rahmen des EU-Aktionsplans veröffentlicht.

GREEN, SOCIAL, SUSTAINABILITY BONDS

Die ICMA – International Capital Market Association – hat nach der erstmaligen Veröffentlichung der Green Bond Principles im Jahr 2014 mittlerweile auch Prinzipien für Social Bonds und Sustainability Bonds erarbeitet. Der Unterschied liegt dabei im Wesentlichen in den Projektkategorien.

  • Green Bonds fokussieren auf Projekte, die im Bereich der fünf hochrangigen Umweltziele Eindämmung des Klimawandels, Anpassung an den bereits existierenden Klimawandel, Erhaltung natürlicher Ressourcen, Biodiversitätserhaltung sowie Verschmutzungsprävention und -kontrolle einen Beitrag leisten.
  • Social Bonds dienen der Finanzierung sozialer Projekte, wie finanziell tragbare Basisinfrastruktur, Zugang zur Grundversorgung an sozialen Dienstleistungen, bezahlbarer Wohnraum, Schaffung von Arbeitsplätzen, Nahrungsmittelsicherheit oder sozioökonomische Weiterentwicklung und Befähigung.
  • Sustainability Bonds sind Emissionen, deren Emissionserlöse zur Finanzierung einer Kombination aus Umwelt- und Sozialprojekten verwendet werden. Dementsprechend sind Sustainability Bonds an die Kernkomponenten der GBP und SBP angelehnt. Zudem werden zunehmend nachhaltig ausgerichtete Anleihen, die sich auf die Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) beziehen, emittiert. Auch sie sind den Sustainability Bonds zuzuordnen.

Die Investmentlandschaft 2020: Unterschiedliche Schicksale

Der Höhenflug des US-Dollar dürfte bald ein Ende haben und US-Aktien unter Druck setzen. Schwellenländeranleihen, europäische Aktien und Substanzwerte haben Outperformance-Potenzial. Luca Paolini, Chief Strategist bei Pictet Asset Management, analysiert die Einflussfaktoren für die Weltwirtschaft.

Vorsicht ist das Gebot der Stunde. Der Weg zu robusten Investmentrenditen 2020 ist steinig. Das globale Wirtschaftswachstum lässt zu wünschen übrig und die Bewertungen der meisten grossen Anlageklassen erscheinen überzogen. Hinzu kommen die Risiken im Zusammenhang mit Handelskriegen und den Präsidentschaftswahlen in den USA. Nach unserer Einschätzung werden globale Aktien nur einstellige Renditen bringen und für Industrieländeranleihen sind die Aussichten noch düsterer.

Anleger müssen sich auf eine erhebliche Divergenz bei den Renditen der einzelnen Anlageklassen einstellen.

2020 dürfte das Ende des Höhenflugs des US-Dollar markieren – und damit der Führungsrolle von US-Aktien. Im Gegensatz dazu weisen Substanzwerte, europäische Aktien und Schwellenländeranleihen Outperformance-Potenzial auf.

Unsere Konjunkturzyklusindikatoren unterstützen diese Sicht. Global deuten sie darauf hin, dass sich das Wachstum im kommenden Jahr leicht abkühlen wird – auf rund 2,7% annualisiert und somit 20 Basispunkte unter dem Potenzial. Dies täuscht jedoch darüber hinweg, dass die Aussichten regional unterschiedlich sind (siehe Abb. 1). In den meisten Industrieländern, insbesondere in den USA, wird das Wachstum nachlassen. Unseren Prognosen zufolge wird sich das US-Wachstum 2020 auf 1,5% abkühlen – das schwächste der letzten zehn Jahre. Eine ganz kleine technische Rezession in der ersten Jahreshälfte ist nicht auszuschliessen. In Schwellenländern wie Indien, Brasilien und Russland hingegen dürfte sich das Wachstum beschleunigen.

Wir gehen somit davon aus, dass der Abstand in den Zuwachsraten zwischen Industrie- und Schwellenländern bei 340 Basispunkten liegen wird – ein Siebenjahreshoch. Die Abkühlung in den USA macht auch den Vorsprung der nordamerikanischen Wirtschaft vor Europa zunichte, was europäischen Aktien und dem Euro zugute kommt.

Abb. 1: Schwellenländer an der Spitze

Erwartete Veränderung des Wirtschaftswachstums, 2020 gegenüber 2019, Prozentpunkte

Dunkle Farbe Schwellenländer, helle Farbe Industrieländer. Daten vom 29.10.2019. Quelle: Pictet Asset Management, CEIC, Refinitiv.

Die Inflation dürfte gedämpft bleiben, sodass die grossen Zentralbanken weiterhin geldpolitische Impulse geben werden, wenn auch nicht so aggressiv wie in den vergangenen Jahren. Wir gehen davon aus, dass die Notenbanken in den USA, Europa, Japan und China ihre Liquiditätsbereitstellung im nächsten Jahr um insgesamt 1 Bio. US-$ erhöhen werden. Das hört sich viel an, ist aber 20% weniger als die durchschnittlichen Liquiditätsspritzen der vergangenen elf Jahre.

Ein Teil dieser Lücke könnte durch fiskalpolitische Impulse geschlossen werden. Insbesondere im traditionell sparsamen Deutschland gibt es Hinweise, dass die Politik zunehmend bereit ist für höhere öffentliche Ausgaben. Wir glauben jedoch, dass weltweit der Höhepunkt der fiskalpolitischen Impulse bereits Ende 2018 erreicht war. Die aktuellen Haushaltsprognosen sowohl in China als auch in den USA lassen keinen Raum für umfassende neue Massnahmen.

Die erwartete Abkühlung des US-Wachstums und die begrenzten Möglichkeiten für Impulse bedeuten nichts Gutes für den US-Dollar, dessen Bewertung stark überzogen erscheint. Nach unseren Modellen ist der Dollar rund 20 Prozent überbewertet und wir gehen davon aus, dass sich dieser Aufschlag in den kommenden fünf Jahren nach und nach verkleinern wird. Das wiederum dürfte Schwellenländeranlagen zugute kommen.

Die USA gehören zu den teuersten Aktienmärkten in unserem Modell – das ist angesichts der nahezu stagnierenden Unternehmensgewinne, einer trägen Wirtschaft und einer expansiven Fed kaum haltbar.

Hingegen sehen wir gewisses Wertpotenzial bei US-Staatsanleihen (vor allem bei inflationsindexierten Papieren), Schwellenländerwährungen und Substanzwerten – Unternehmen, die zu einem niedrigeren Preis gehandelt werden als ihre Dividenden, Gewinne oder Umsätze es erwarten lassen.

Die markttechnischen Indikatoren deuten auf eine relativ vorsichtige Grundstimmung der Anleger hin. Daten von EPFR zufolge pumpten Anleger in den ersten zehn Monaten des Jahres 2019 netto 400 Mrd. US-$ in globale Anleihen und zogen 221 Mrd. US-$ aus Aktien ab. Aktienallokationen bewegen sich weiter in der Nähe ihres tiefsten Stands der letzten zehn Jahre. Sicher ist Vorsicht nicht verkehrt. Diese Positionierung der Allokationen dürfte in den kommenden Monaten den Aktienmarkt jedoch nach unten absichern, sodass die Renditen zwar eher moderat ausfallen werden, aber immerhin im positiven Bereich liegen.

Aktien: Unentspannte Märkte

2019 war ein gutes Jahr für Aktien. Im kommenden Jahr dürfte ihnen aber die Puste ausgehen. Erfahren Sie, warum wir bei den globalen Aktienindizes mit einstelligen Renditen rechnen und warum sich auch Anleihenanleger auf ein schwieriges Jahr einstellen sollten. Lesen Sie weiter auf am.pictet.


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Über Pictet Asset Management

Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 176 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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Fenster können mehr, als nur Licht hereinlassen

Das Beheizen und Klimatisieren von Gebäuden verursacht erhebliche CO2-Emissionen, so Scientific American auf mega.online. Könnte das einfache Fenster zum nächsten grossen Durchbruch bei den ökologisch nachhaltigen Technologien werden?

Zum Jahresende versammeln sich die Mitarbeitenden von Ubiquitous Energy, einem Unternehmen im kalifornischen Redwood City, in einem von Fenstern gesäumten Konferenzraum, um einen Blick in die Zukunft zu werfen.

Denn diese neuen Glasfronten bieten mehr als nur eine atemberaubende Aussicht auf die kargen Bergketten und den blauen Himmel der nordkalifornischen Landschaft. Ausserdem werden diese Glasfronten als Solarzellen den Strom für die Lampen, die Computer und die Klimaanlagen des Unternehmens liefern.

Nach mehrjähriger Entwicklungsarbeit ist das Strom erzeugende Glas von Ubiquitous eine echte technologische Meisterleistung. Sein Potenzial liegt in den organischen Polymeren zwischen den Glasschichten. Einige lassen das gesamte Licht durch, andere absorbieren nicht sichtbare Infrarot- und UV-Photonen. Wenn Licht durch das Fenster fällt, entsteht durch das Fliessen der Elektronen zwischen den Polymerschichten elektrischer Strom, der durch mikroskopisch feine Drähte im Glas aufgenommen wird.

„Man kann es sich wie ein transparentes Computer-Display vorstellen, nur anders herum“, erklärt Veeral Hardev, Director of Business Development bei Ubiquitous Energy. Das heisst, hier wird die Elektrizität nicht zu verschiedenen Punkten geleitet, um ein Display zu erleuchten, sondern das Licht erzeugt Strom, der von verschiedenen Punkten des Fensters eingesammelt wird.

Derzeit produzieren die Fenster aus einer beliebigen Menge Sonnenlicht etwa ein Drittel so viel Elektrizität wie handelsübliche Solarzellen auf Dächern und sind etwa halb so transparent wie normales Glas.

Aber diese technischen Daten reichen bereits aus, um die Fenster zu einem konkurrenzfähigen Produkt zu machen, so Hardev, der ausserdem davon ausgeht, dass das Unternehmen die Transparenz noch erheblich verbessern wird. Auch wenn Fenster weniger Energie produzieren, so könnten sie doch eine viel grössere Oberfläche abdecken als ein Dach. Die Stromerzeugung, die ein ganzes Dach voller Solarzellen mit höherer Kapazität liefert, werde also allein schon durch die Zahl der Fenster weit übertroffen. „Man kann auch beides machen“, so Harvey. „Aber von den Fenstern hat man mehr.“

Die grösste Herausforderung liege darin, die Fenster von derzeit weniger als 0,18 Quadratmetern auf etwa 4,7 Quadratmeter zu vergrössern, fügt er hinzu.

Durchsichtiger als Glas

Die Revolution der Fenster ist lange überfällig.

Seit die Metropolen ihre Leidenschaft für Hochhäuser wiederentdeckten, sind die glänzenden Türme in jeder Stadt fester Bestandteil der Skyline. Das Glas, aus dem sie gebaut sind, hat sich indessen kaum weiterentwickelt.

Ein grosses Problem stellt die Temperaturkontrolle dar. In den USA fallen 18 Prozent der Energieausgaben auf die Beheizung und Klimatisierung von Gebäuden. Angaben des Lawrence Berkeley National Laboratory zufolge wird unter diesen Voraussetzungen über die Hälfte des Geldes regelrecht zum Fenster hinausgeworfen – wenn es kalt ist oder wenn die Wärme im Sommer zurück in die klimatisierten Gebäude gelangt.

Um sowohl die Isolierung als auch die Wärmereflexion zu verbessern, ohne dabei die Sicht einzuschränken, entwickelt das Unternehmen Mackinac Technology in Michigan eine dünne Scheibe aus mehreren Lagen beschichteten Kunststoffs, die über das normale Fensterglas gelegt wird. Zwischen den Kunststoffschichten befindet sich Luft, wodurch die Isolation verstärkt wird. Die Beschichtung reflektiert Infrarotstrahlen – sie liefern die meiste Wärmeenergie – , lässt aber sichtbares Licht durch.

CEO John Slagter findet, dass das Fenster von Mackinac tatsächlich klarer ist als Glas. Das Geheimnis liegt in der unsichtbaren Beschichtung, die dafür sorgt, dass die Kunststoffoberfläche weniger Licht reflektiert als Glas. Dies wiederum erhöht den Anteil des Lichts, das durch das Fenster dringt, sodass es klarer wird.

Eine solche am Rahmen des vorhandenen Fensters befestigte Scheibe kann das Isoliervermögen jeder Einfach- oder Doppeltverglasung vervierfachen, ist jedoch immer noch leicht genug, um das Gewicht des Fensters nicht massgeblich zu erhöhen.

Das Material wurde bereits erfolgreich an Fenstern der Calvin University in Grand Rapids (Michigan) getestet, so Slagter. Grössere Pilotprojekte sind noch geplant, bevor das Produkt unter anderem dank der Förderung durch US-Regierungsbehörden ab 2022 allgemein verfügbar sein soll.

Eine Frage von Licht und Dunkel

Bisweilen ist grosse Klarheit eher ein Problem als eine Lösung – nämlich immer dann, wenn die nach Süden gerichteten Fenster eines Gebäudes so viel Sonne durchlassen, dass sie blendet.

„Helles Sonnenlicht kann zwar einen Raum zusätzlich beheizen, aber die Menschen arbeiten nicht gern in der prallen Sonne und können vielleicht ihren Monitor nicht mehr erkennen“, so Michael McGehee, Materialforscher an der University of Colorado in Boulder. „Meist schliessen Sie dann die Jalousien. Dann sitzen sie im Dunkeln und haben nichts von der Aussicht und den Vorteilen des Sonnenlichts.“

Um das Sonnenlicht zu erhalten, aber das Blenden zu eliminieren, arbeitet McGehees Gruppe an der Optimierung „elektrochromer“ Fenster. Sie wollen ein Fenster entwickeln, das sich über einen Schalter verdunkeln lässt, um das störende Blendlicht herauszufiltern und genau so viel Sonnenlicht durchzulassen, dass man sich wohl fühlt. Zu diesem Zweck erhalten McGehees Fenster eine Schicht aus einer Indium-Zinnoxid-Schicht mit Platin und eine weitere aus Nickeloxid, zwischen denen sich eine Lithium-Lösung befindet. Wenn eine geringe Spannung zwischen den zwei Schichten fliesst, fungieren sie als Elektroden und produzieren ein elektrisches Feld, das die Lithium-Ionen veranlasst, sich durch die Lösung zu bewegen und sich an die Nickeloxid-Schicht zu heften.

Während das Lithium in der Lösung zunächst transparent ist, wird es durch die Verbindung mit dem Nickeloxid halbmatt. „Sie brauchen lediglich eine 10 Nanometer dicke Schicht Lithium auf der Elektrode, um das meiste Licht zu blockieren“, so McGehee. Das Ergebnis ist ein Fenster, das wie eine „Sonnenbrille für Gebäude“ funktioniert, wie er es ausdrückt. Darüber hinaus kann durch eine Veränderung der Voltzahl ein bestimmter Grad der Verdunkelung eingestellt werden.

Wenn diese Fenster am Markt Erfolg haben, könnten sie in ein bis zwei Jahrzehnten zu einem wichtigen Bestandteil smarter Städte werden, die sowohl komfortabel als auch ökologisch nachhaltig sind. Das wäre auch ein Schritt dazu, den CO2-Fussabdruck des Menschen auf Null zu reduzieren.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf mega.online.

Scientific American, die weltweit führende populärwissenschaftliche Publikation für Wissenschaft und Technologie, veröffentlicht mit der finanziellen Unterstützung von Mega Artikel, die sich mit zukunftsbestimmenden Entwicklungen befassen.

Mega wurde in Kooperation mit Pictet Asset Management entwickelt, einem Vorreiter im Bereich Megatrend-orientierter thematischer Anlagen.

Der Mittelstand, ein unterschätzter Riese der Nachhaltigkeit

Karsten Kührlings, Leiter Investmentfonds & Research, GLS Bank, und Prof. Dr. Maximilian Gege, Gründer und Vorsitzender B.A.U.M. e.V., erklären, warum und wie Investoren gezielt den Mittelstand fördern können.

In der aktuellen Sustainable-Finance-Debatte nimmt der Mittelstand nur eine Nebenrolle ein. Bei der Frage, welche Unternehmen sie auf Nachhaltigkeit prüfen, orientieren sich die meisten Nachhaltigkeitsrating-Agenturen und Investoren an deren Marktkapitalisierung, Liquidität oder Zugehörigkeit zu gängigen Börsenindizes (MSCI World, etc.). Die Analyse von mittelständischen Unternehmen ist für viele Analysten aufwändig, da diese Unternehmen über weniger Ressourcen verfügen, um bestimmte Nachhaltigkeitskennzahlen zu erheben und zu kommunizieren. Häufig werden Mittelständler gar nicht geprüft oder ihre Bewertung fällt entsprechend schlecht aus, sodass sie durch die Prüfung fallen und als „nicht nachhaltig“ eingestuft werden.

Dabei bildet der Mittelstand das Rückgrat der Wirtschaft vieler Länder, besonders in Deutschland. Er steht für inhabergeführte Unternehmen, langfristige Investitionen, hohe Steuerzahlungen und die Schaffung von Arbeitsplätzen. Nicht selten kommen Innovationen und zukunftsweisende Trends von einem der vielen mittelständischen Unternehmen, die schnell und pragmatisch auf entsprechende Impulse aus den Märkten reagieren und mit kreativem Elan neuartige Produkte und Dienstleistungen zur Verfügung stellen. Auf diese Weise spielt der Mittelstand eine enorm wichtige Rolle als Wegbereiter für eine nachhaltigere Wirtschaftsweise.

Doch wie können Investoren mittelständische Unternehmen unterstützen und gleichzeitig vom nachhaltigen Wirtschaftswachstum im Mittelstand profitieren? Oder anders gefragt: Wie können nachhaltige Mittelständler und Investoren zueinander finden? Der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.) ist mit rund 500 Mitgliedsunternehmen die größte Umweltinitiative der Wirtschaft in Europa. Bewusst legt sie seit der Gründung im Jahre 1984 ihren Fokus auf den Mittelstand. Die gemeinnützige Organisation verfügt über eine umfangreiche und praxiserprobte Expertise, wie mittelständische Unternehmen auf ihrem Weg zu mehr Nachhaltigkeit begleitet werden können.

Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK): Der Kompass auf dem Weg zu Nachhaltigkeit

Heute nehmen sehr viele mittelständische Unternehmen das Thema Nachhaltigkeit wichtiger als noch vor wenigen Jahren. Um zu verstehen und zu bewerten, wie nachhaltig sie tatsächlich sind, orientieren sich viele am Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK). Dieses in der deutschen Wirtschaftswelt weit verbreitete Referenzwerk ist mehr als eine Transparenzinitiative. Der umfassende Kodex soll unterzeichnende Unternehmen dabei unterstützen, für sich eine Nachhaltigkeitsstrategie zu entwickeln und in die eigenen unternehmerischen Aktivitäten zu integrieren. Anhand von 20 klar strukturierten Kriterien kann sich jedes Unternehmen einen Überblick über alle wesentlichen sozialen und Umweltaspekte verschaffen: von Treibhausemissionen über Ressourcenverbrauch bis hin zu Arbeits- und Menschenrechten. Der DNK bietet zugleich einen guten Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Weiterer positiver Effekt: Regelmäßig zu berichten ermöglicht es Unternehmen, ihre Entwicklung im Zeitverlauf zu überwachen.

 Abbildung 1: Kriteriengerüst Deutscher Nachhaltigkeitskodex

Genau an dieser Stelle setzt die Green Growth Futura (GGF) an, eine Ausgründung von Prof. Dr. Maximilian Gege, Gründer und Vorsitzender des B.A.U.M. e.V. Die Green Growth Futura hat eine Analyse- und Bewertungsmatrix für kleine und mittelständische Unternehmen entwickelt, die auf dem DNK basiert. Beim Nachhaltigkeitsresearch findet ein sich auf die 35-jährige Erfahrung von B.A.U.M. stützendes Bewertungsmodell Anwendung, wobei sowohl quantitative als auch qualitative Elemente bewertet werden. Zum einen sind dies die durch Kennzahlen belegbaren Nachweise aus Quellen wie dem Nachhaltigkeitsbericht, nicht finanzielle Geschäftsberichte oder die Unternehmenskommunikation auf Geschäftsfeldebene. Zum anderen werden auch bisher ausschließlich qualitativ erfassbare Informationen aus unternehmensexternen Quellen berücksichtigt.

Das GGF-Bewertungsmodell: Ein ganzheitlicher Blick auf das Warum, Wie und Was

Zu Beginn der Analyse stellen die Analyst*innen der Green Growth Futura zunächst die Strategie eines Unternehmens in den Fokus ihres Bewertungsmodells. Warum setzt sich ein Unternehmen überhaupt mit Nachhaltigkeit auseinander? Es stellt sich also die Frage nach der Glaubwürdigkeit des Unternehmens. Konkret wird untersucht, ob es eine Nachhaltigkeitsstrategie gibt und diese ein Bestandteil der unternehmerischen Aktivitäten ist. Verfolgt ein Unternehmen dafür langfristige Ziele? Berücksichtigt es dabei die wesentlichen Chancen und Risiken, die eine nachhaltige Entwicklung fördern bzw. behindern? Ebenso wichtig ist, dass ein Unternehmen Umwelt- und Sozialaspekte der gesamten Wertschöpfungskette im Blick hat.

Die ambitionierteste Strategie nützt jedoch nichts, wenn sie nicht im Unternehmen gelebt wird. Deswegen schauen sich die Analyst*innen der Green Growth Futura sehr genau an, wie die einzelnen Ziele im Prozessmanagement umgesetzt werden. Ist das Thema Nachhaltigkeit der oberen Leitungsebene zugeordnet und wissen Mitarbeiter und Öffentlichkeit, wer die Verantwortung dafür trägt? Existieren Regeln und Prozesse, wie genau die Nachhaltigkeitsstrategie im Tagesgeschäft integriert wird? Hier lohnt sich ein Blick darauf, ob Managementsysteme oder Leistungsindikatoren vorhanden sind und auch kommuniziert werden. Testate von unabhängigen Prüfern sind dabei willkommene und aussagefähige Quellen.

Im dritten Schritt beschäftigen sich die Analysten damit, welche Maßnahmen, also was vom Unternehmen im Sozial- und Umweltbereich geleistet wird und in den kommenden Jahren plant. Auf der Umweltseite liegt der Schwerpunkt auf der Inanspruchnahme von Ressourcen, dem Ressourcenmanagement sowie dem Verbrauch von Treibhausgasemissionen. Hat das Unternehmen beispielsweise die Auswirkungen entlang des gesamten Produktlebenswegs (Lieferkette) im Blick? Sind Maßnahmen und Ziele in den letzten fünf Jahren umgesetzt worden, um die Energieeffizienz zu verbessern? Oder zur Reduzierung der Treibhausgase?

Auf der Sozialseite interessiert die Analyst*innen der Green Growth Futura, was ein Unternehmen in den Bereichen Arbeitnehmerrechten, Chancengerechtigkeit, Qualifizierung, Menschenrechte oder Gemeinwesen unternimmt. Engagiert sich das Unternehmen über die gesetzlichen Bestimmungen hinaus, um Mitarbeiter einzubinden und zu beteiligen? Verfolgt das Unternehmen Ziele, um die Integration von Migranten und Menschen mit Behinderung, angemessene Bezahlung sowie Vereinbarung von Familie und Beruf zu fördern? Ebenfalls erfassen die Analyst*innen politische Einflussnahme, Korruption, Skandale oder andere Kontroversen.

Alle Ergebnisse werden in einem Unternehmensprofil zusammengefasst. Eine SWOT-Analyse hebt darin die Stärken und Schwächen eines Unternehmens hervor. Auch geben die Profile einen Aufschluss darüber, in welchen positiven, zukunftsweisenden Branchen aktiv sind und wie sie zur Erreichung der Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen (UN) beitragen.

Abbildung 2: Aufbau des GGF-Bewertungsmodells

Der kritische Blick von Außen: Der Nachhaltigkeitsbeirat

Ebenso wichtig wie die umfangreiche Analyse eines Unternehmens ist die kritische Auseinandersetzung zwischen Expert*innen zu einem Unternehmen. Nur wenn unterschiedliche Sichtweisen zu einem Unternehmen ausgetauscht werden, ergibt sich eine sehr gute Entscheidungsgrundlage, ob in einen Titel investiert werden sollte oder nicht. Aus diesem Grunde wurde ein Nachhaltigkeitsbeirat ins Leben gerufen, der aus ausgewiesenen Branchenkennern besteht, die sich seit geraumer Zeit mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen. Darunter finden sich Persönlichkeiten wie Prof. Dr. Ernst Ulrich Weizsäcker, Ko-Präsident des Club of Rome, Prof. Dr. Claudia Kemfert, Energieökonomin, Monika Griefahn, ehemals Umweltministerin von Niedersachsen, Prof. Dr. Günther Bachmann, Generalsekretär des Rates für Nachhaltige Entwicklung, Volker Weber, Vorsitzender des Vorstands des Forums Nachhaltige Geldanlagen, sowie Prof. Dr. Timo Busch, Professor für Management & Sustainability an der Universität Hamburg. Auf Grundlage der umfangreich recherchierten Unternehmensprofile debattieren sie in mehrfach im Jahr stattfindenden Beiratssitzungen die Pros und Contras einer Investition. Nur der Nachhaltigkeitsbeirat entscheidet durch Abstimmung über die schlussendliche Aufnahme eines Unternehmens in das Anlageuniversum des B.A.U.M. Fair Future Fonds.

Fazit

Der Mittelstand spielt in der Nachhaltigkeitsdiskussion am Kapitalmarkt eine untergeordnete Rolle. Dabei liegt hier ein enormes Potenzial, die Wirtschaft nachhaltiger aufzustellen. Investoren können durch gezielte Investitionen einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Bereits heute gibt es wirkungsvolle Instrumente wie den Deutschen Nachhaltigkeitskodex, um den Beitrag mittelständischer Unternehmen zu einer nachhaltigen Entwicklung zu erfassen. Der Green Growth Futura ist es dank der langjährigen Expertise des B.A.U.M. e.V. sowie der GLS Bank gelungen, mit ihrem Bewertungsmodell diesen weitverbreiteten DNK-Ansatz auf Unternehmen am Kapitalmarkt anzuwenden.


Karsten Kührlings

Karsten Kührlings hat in den vergangenen fünf Jahren das Investmentfondsgeschäft der GLS Bank aufgebaut. Der gelernte Diplom-Kaufmann (FH) ist seit 2013 bei der GLS Bank tätig. Zuvor hat er bei der Sparkasse Mülheim das Wertpapiergeschäft geleitet. Er sitzt in mehreren Gremien (Anlageausschüssen) und ist Vorsitzender des Verwaltungsrates des GLS AI – Mikrofinanzfonds. Herrn Kührlings finden Sie auf Xing und LinkedIn.

Prof. Dr. Gege

Prof. Dr. Maximilian Gege ist Gründungsmitglied und Vorsitzender von B.A.U.M. e.V, sowie Gründer der Green Growth Futura (GGF) und Initiator des B.A.U.M. Fair Future Fonds. Er bekleidet zahlreiche Funktionen in Beiräten und Jurys. Professor Gege und B.A.U.M. erhielten über 20 nationale und internationale Auszeichnungen (Auszeichnungen Prof. Dr. Maximilian Gege/B.A.U.M.). Seit 2001 ist er Honorarprofessor der Leuphana Universität Lüneburg.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Über die Green Growth Futura GmbH

Die Green Growth Futura GmbH (GGF) wurde von Prof. Dr. Maximilian Gege, dem Vorsitzenden des B.A.U.M. e.V., gegründet. Vor diesem Hintergrund kooperiert die Gesellschaft auch eng mit dem B.A.U.M. e.V. und weiteren Partnern des B.A.U.M. Unternehmensnetzwerkes. Ziel und Zweck der Gesellschaft ist die Beratung des B.A.U.M. Fair Future Fonds im Nachhaltigkeitsresearch und die sozial-ökologische Analyse von Unternehmen auf Grundlage von eigenen Research- und Analysetätigkeiten und basierend auf ethisch, ökologischen und nachhaltigen Vorgaben. Darüber hinaus überprüft die Green Growth Futura GmbH (GGF) als Berater Portfolios und unterstützt ihre Kunden im Bereich der nachhaltigen Anlageentscheidungen.

Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.)

Unter dem Kürzel B.A.U.M. verbindet der Bundesdeutsche Arbeitskreis für Umweltbewusstes Management e.V. seit 1984 erfolgreich und zukunftsorientiert ökonomische, ökologische und soziale Fragen, also die Prinzipien der Nachhaltigkeit, miteinander. Heute ist B.A.U.M. mit weit über 500 Mitgliedern das größte Unternehmensnetzwerk für nachhaltiges Wirtschaften in Europa. Neben vielen bekannten Unternehmen sind auch Verbände und Institutionen Fördermitglied.

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

https://greengrowthfutura.de/

Die Ernährung der Zukunft – der Wandel ist bereits im Gange

Die tierische Produktion verbraucht Unmengen an Flächen, verursacht massiv Treibhausgasemissionen und belastet die menschliche Gesundheit und das Tierwohl. Die derzeitige Landwirtschaft sieht sich, wie im ersten Teil "Die Ernährung der Zukunft – wird Fleisch zum nächsten Stranded Asset?" erläutert, mit massiven Problemen konfrontiert. Doch Lösungen sind bereits vorhanden, erklärt Damian Pilka, Spezialist Investmentfonds, GLS Bank. Welche das genau sind, lesen Sie im zweiten Teil der Serie.

Aus rot mach grün. Vor zehn Jahren änderte McDonald`s sein Firmenlogo. Der Firmenname ist seitdem grün umrahmt. Für die gesamte Ernährungsindustrie ist dies natürlich eine Randnotiz. Doch zeigt dieser Schritt eines der größten Fleischverarbeiter der Welt, dass die Branche in Bewegung ist. Das Tempo nimmt dabei stetig zu. So bietet McDonald´s seit diesem Jahr vegane Burger in Kooperation mit Nestle an. Hierzulande ein Novum, in den USA gängige Praxis. Fast alle großen amerikanischen Fastfoodketten sind Kooperationen mit Anbietern von Fleischersatzprodukten eingegangen, z.B. Beyond Meat oder Impossible Foods. Auch die deutsche Traditionsfirma Rügenwalder Mühle macht bereits knapp 40 Prozent des Umsatzes mit veganen bzw. vegetarischen Alternativen. Dieser Trend ist längst am Kapitalmarkt angekommen. Vor zwei Jahren hat Danone Whitwaves (Hersteller z.B. pflanzlichen Joghurts) für mehr als 12 Milliarden US Dollar übernommen. Und das im ersten Teil erwähnte Unternehmen Beyond Meat wird nach dem erfolgreichsten Börsengang des Jahres bereits mit mehr als 6 Milliarden US Dollar bewertet.

Die Erfolgsformel der neuen Anbieter: Fleischersatz statt Fleischalternative

Woher kommt dieser Erfolg? Alternativprodukte wie Tofu oder Tempeh werden schließlich seit vielen Jahrzehnten vermarktet. Dass ihre Ökobilanz besser als die von Fleisch ist, ist seit langem bekannt. Doch haben sie stets ein einsames Nischenleben in den Bio-Läden geführt. Denn dem Großteil der Bevölkerung schmecken sie einfach nicht. Für sie ist Fleisch ein traditionelles Kulturgut, das bequem zu kaufen ist. Nur wenige fahren für ein Tofuschnitzel extra in den Bio-Markt.

Die neuen Anbieter am Markt wählen daher einen anderen Ansatz. Sie wollen Verbraucher*innen nicht Alternativen aufdrängen, sondern mit pflanzlichen Produkten so gut wie möglich den Geschmack tierischer Produkte imitieren. Bei Beyond Meat entsteht „Fleisch“ aus Erbsen. Das Potenzial ist dabei enorm. Laut einer Studie von AT Kearney und JP Morgan wird den Anbietern von Ersatzprodukten im Jahr 2025 ein Marktanteil von 10 Prozent am globalen Fleischmarkt zugetraut. Dieses würden bereits in 5 Jahren Umsätze um 20 Milliarden Dollar bedeuten - aktuell liegt der Umsatz noch unter einer Milliarde Euro. Bei anderen tierischen Produkten wie Milch oder Joghurt ist der Prozess bereits weiter. Der Markt für „pflanzliche“ Milch (aus Soja, Hafer, Mandeln usw.)  hat sich bereits etabliert. In den USA ist der Markt aus tierischer hergestellter Milch alleine im Jahr 2018 um eine Milliarde Dollar gesunken. Mit pflanzlicher Milch wird weltweit bereits dieses Jahr ein Umsatz von 15 Milliarden Dollar erzielt. Das Research- und Beratungsunternehmen Transparency Market Research rechnet mit einer weiteren Verdopplung innerhalb der nächsten 10 Jahre.


Fallbeispiel: Milcheis aus Hefebakterien

Perfect Day Foods hat im Juni 2019 das erste „Milcheis“ ausgeliefert, welches mit Hilfe von Hefebakterien anstelle von Kühen hergestellt wurde. Dafür wurde die Hefe so verändert, dass diese nun Molkenprotein und Kasein herstellen. Diese Grundbestandteile von Milchprodukten wurden mit weiteren pflanzlichen Stoffen für die Produktion von Eis genutzt. Im Resultat entsteht ein „Milcheis“ welches inhaltlich (Nährstoffe) und geschmacklich so gut wie nicht mehr von einem tierischen Produkt zu unterscheiden ist. Das Unternehmen hat als „Proof of Concept“ die ersten 1.000 Portionen online zum Kauf angeboten. Der Preis einer Portion ist mit 20 US Dollar derzeit aber noch hoch. Um es mittels Skaleneffekten wettbewerbsfähig zu machen und kostengünstiger als klassisches produziertes Speiseeis herzustellen, strebt das Start-Up Kooperationen mit großen Lebensmittelherstellen an. Des Weiteren ist eine Ausweitung des Produktspektrum um weitere Milchprodukte (wie z.B. Käse) geplant.


Viele Wege führen zum Fleischersatz: Ein Überblick über die unterschiedlichen Produktionsmethoden

Wie so üblich, wenn sich ein neuer Markt bildet, gibt es eine Vielzahl an Akteuren, die auf ganz unterschiedliche Weise an dem „Fleisch“ der Zukunft tüfteln. Die Rede ist dann häufig von CRISPR, Precision Fermentation, Precision Biology, Fermentation, Cell Based Meat. Ihnen gemein ist, dass sich dadurch tierische Produkte ganz ohne Viehzucht produzieren lassen. So unterschiedlich die Verfahren sind, gibt es einen gemeinsamen Nenner: Die Produkte können zukünftig deutlich günstiger und Ressourcen schonender hergestellt werden. Werden in der „traditionellen“ Produktion für eine tierische Kilokalorie durchschnittlich zwischen 6 und 15 pflanzliche Kalorien als Input benötigt (bei Rindfleisch sogar 30:1), liegt das Verhältnis bei neuen Anbietern bei nahezu 1:1.

Produktart

Alternativ-
Produkte

Pflanzen-basierte Produkte

Clean Meat

Precise Fermentation

Ersatz/

Alternative für

Fleisch und Milchprodukte 

Starke Unterschiede im Geschmack und Zubereitung

Fleischprodukte wie Hack (Burger, Lasagne, Würstchen)

Fleisch, Fisch

Milch, Milchprodukte, Tierische Proteine in verarbeitenden Produkten  

Ausgangs-

stoffe 

Hülsenfrüchte, z.B. Soja, Lupinen

Hülsenfrüchte (Soja, Lupinen), Öle (z.B. Kokosöl), Stärke (z.B. Kartoffeln)

Vergleichbar mit Fleischherstellung: Soja, Weizen, Mais

Vergleichbar mit Fleischherstellung: Soja, Weizen, Mais

Produktion-

verfahren

Fermentation (Tofu/Tempeh) und/oder Extraktion von Proteinen (z.B. Seitan) 

Druck und Wärme, physikalische Veränderung/

Zubereitung/Mischung der pflanzlichen Zutaten

Entnahme Muskelzellen von Tieren. Multiplikation in einer Nährlösung in Tanks 

 

Produktion von tierischen Proteinen/Fetten (Fermentierung). Diverse Endprodukte durch veränderte Hefebakterien (CRISPR)  

Kosten

(reduktions-

potential)

Vollausgeschöpft

Nicht ausgeschöpft Preisparität wird erwartet, langfristig deutlich günstiger als tierische Produktion

Langfristig deutlich günstiger als aktuelle Produktion

Preisparität 2022 erwartet, langfristig bis zu 90% günstiger als aktuelle Wertschöpfungskette 

Beispiel bzw. 

Unternehmen

Tofu, Tempeh, Seitan, Sojamilch, usw.

Beyond Meat, Impossible Meat, Rügenwalder Mühle

Mosa Meat, Super Meat,  Alpeh Farms, New Age Meat, Just, Finless Foods

Clara Foods, Wild Earth, Perfect Day Foods

Herausforderungen/

Fragestellungen

Annahme durch Verbraucher

Skalierung (größtenteils noch nicht biozertifiziert)

Skalierung, Zulassung, Annahme durch Kunden

Reputation: Gentechnik, Zulassung, Skalierung

Markreife/

Einführung

Vor 20-30 Jahren

2018 bzw. 2019 

Skalierung ab 2020

Ca. 2022-2025 je nach Quelle und Unternehmensangaben

2019 - 2020

Quelle: eigene Zusammenstellung

In welchem Bereich wird sich der Wandel am frühesten vollziehen? Nicht wenige Stimmen erwarten dies bei bereits verarbeiteten Lebensmitteln wie Fertigpizzen, vorgekochten Tortellini,  usw. in der Branche als Convenience Food bekannt. Insbesondere die sogenannte Precise Fermentation kann hier schnell Einzug in die Produktion finden. Gemäß der Studie „Rethinking Food and Agriculture“ sind innerhalb von 5 Jahren Kosteneinsparungen von bis zu 80 Prozent (im Vergleich zur konventionellen Herstellungsmethoden) möglich. Da Kund*innen verarbeiteter Produkte eine lange Liste an Inhaltsstoffen schon gewöhnt sind, ist von einer hohen Akzeptanz auszugehen. Insbesondere wenn z.B. der Proteingehalt erhöht oder der Fettanteil reduziert werden kann, ohne dass Verbraucher*innen geschmackliche Nachteile bemerken.

Welche Unternehmen werden die Verlierer des Wandels sein?

Was hieße dieser Wandel für die traditionelle Landwirtschaft und ihre weitreichende Wertschöpfungskette? Im vergangenen Jahr erzielte die Industrie alleine im Bereich der Viehwirtschaft (Kühe) mehr als 600 Mrd. US Dollar Umsatz. Der Löwenanteil von knapp 50 Prozent wird in der Verarbeitung tierischer Produkte erwirtschaftet. Ein knappes Drittel entfällt auf den Anbau und die Verarbeitung von tierischen Futtermitteln, weniger als ein Fünftel jeweils auf die Viehwirtschaft und den Vertrieb.


Quelle: Rethink Food and Agriculture

Die oben bereits erwähnte Studie „Rethink Food and Agriculture“ erwartet, dass in der konventionellen Landwirtschaft alle Glieder der Wertschöpfungskette massive Umsatzeinbußen zu befürchten haben. Zunächst wären Produzenten tierischer Nahrung, Hersteller von Schlachtanlagen, Kühlhäusern, Verabeitungsstätten sowie die eigentliche Fleisch- und Milchindustrien betroffen. Aufgrund der hohen Kosteneinsparpotenziale in den kommenden Jahren, welche die neuen Anbieter ermöglichen, stellt sich bereits heute die Frage, ob bei Finanzierungszeiträumen von 10-15 Jahren Investitionen in Akteure der klassischen Ernährungsindustrie Gewinne erwirtschaftet werden können. Oder handelt es sich dabei tatsächlich um die nächsten Stranded Assets – von der Carbon Bubble zur Meat Bubble?

Die Auswirkungen eines Wandels in der Ernähungsindustrie ginge aber noch weiter. Gedanken machen müsste sich die Pharmaindustrie, welche Antibiotika für die Massentierhaltung herstellt. Oder aber auch die Chemieindustrie. Denn mit den neuen Methoden müsste deutlich weniger Ackerflächen bestellt werden. Inbesondere die großen Monokulturen an Mais, Soja, Weizen die größenteils in den Futtertrogen der Viehwirtschaft landen, werden zumeist nicht mehr benötigt. Der Bedarf an Pestiziden und Dünger sänke merklich. Und wäre die Automobilbranche nicht gebeutelt genüg, so müsste sie sich auch überlegen, ob sie künftig noch ihre landwirtschaftlichen Maschinen absetzen kann.

Wie sieht es aber mit der ökologischen Landwirtschaft aus? Die meisten Studien gehen davon aus, dass Bio-Landwirte deutlich besser gewappnet sind als ihre konventionellen Konkurrenten. Denn Konsument*innen von Bio-Landwirten sind weniger preissensibel. Sie sind bereit, für ökologisch hergestellte Lebensmittel einen höheren Preis zu bezahlen. Somit weist die ökologische Landwirtschaft langfristig ein deutlich stabileres und zukunftsfähigeres Geschäftsmodell auf.

Fazit und Ausblick: Investoren sollten den Wandel in der Branche ernst nehmen

Die Landwirtschaft, wie wir sie heute kennen, steht vor massiven Umwälzungen. Ein Weiter so ist angesichts des Bevölkerungswachstums, des Flächen und Ressourcenverbrauchs sowie der Treibhausgasemissionen nicht möglich. Ebenfalls steigen die gesellschaftlichen und ökologischen Kosten durch den Einsatz von Pestiziden, Rodungen usw. immer weiter an. Damit wird das heutige Geschäftsmodell mehr und mehr unrentabel.

Doch es gibt keinen Grund zur Verzweiflung, denn Lösungen sind in Sicht und zum Teil bereits wettbewerbsfähig. Neue Anbieter mit innovativen Produktionsverfahren haben das Potenzial, die Art und Weise, wie wir Nahrung produzieren, grundlegend zu verändern. Für Unternehmen bietet dies neben allen Risiken große Chancen. Um die neuen Anbieter herum ist der Aufbau einer komplett neuen Infrastruktur notwendig. Für die Produktion von Cell-Based Fleisch und der Fermentation müssen beispielsweise neue Tanks entwickelt und gebaut werden. Wer schon in „vergleichbaren“ Branchen aktiv ist, z.B. Anlagenbauer für aktuell Gärungs- und Fermentierungsprodukte wie Bier, dem bieten sich neue Ertragspotenziale.

Investoren sollten diese Entwicklungen sehr genau beobachten, um nicht den Anschluss zu verpassen. Klassische Lebensmittelkonzerne überdenken schon ihre strategische Marktpositionierung. Der Lebensmittelgigant Tyson Foods versteht sich künftig nicht mehr als „Meat Company“, sondern „Protein Company“. Das ist häufig ein Zeichen, dass die Ernährungsindustrie an der Schwelle zu einem neuen Zeitalter steht. Diese Botschaft wird womöglich auch der Kapitalmarkt mehr und mehr vernehmen. 


Damian Pilka ist seit 2013 als Wertpapierspezialist in der Angebotsentwicklung der GLS Bank tätig. Der ausge-bildete Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Finanzwirtschaft ist insbesondere für die Be-treuung und Auflage von Alternativen Investmentsfonds zuständig.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Wie die GLS Bank zu Ernährung und Landwirtschaft steht

Wie in ihren öffentlich zugänglichen Anlage und Finanzierungsbedingungen festgeschrieben, investiert in und finanziert die GLS Bank Unternehmen, die in der Erzeugung, Verarbeitung und dem Handel von und mit landwirtschaftlichen Produkten und gesunden Lebensmitteln gemäß den anerkannten Richtlinien der ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft tätig sind. Der Einsatz von Mineraldüngern, Pestiziden sowie gentechnisch veränderten Organismen, Massentierhaltung und industrielle Fleischverarbeitung sind durch diese Richtlinien ausgeschlossen. In ihren politischen Forderungen verlangt die GLS Bank eine konsequente Abgabe auf die Nutzung von Pestiziden und Stickstoffdünger. Sie unterstützt die Ackergiftkampagne des Bündnisses für enkeltaugliche Landwirtschaft.
Die GLS Bank ist in keinem der im Artikel erwähnten Unternehmen investiert (Stand 17.10.2019).

Mission Investing Forum 2019 – Der Treffpunkt für Stiftungen, die wirkliches Impact Investing wollen

Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, und Amon Fernandes-Christ, Junior Spezialist Wertpapierfonds, beide GLS Bank, stellen in Teil 5 der Serie: „Impact Investing – wie der Finanz-Mainstream einen Nischenmarkt entdeckt“ das Mission Investing Forum vor. Die Veranstaltung findet am 6. und 7. November in Bochum im Gebäude der GLS Bank statt, um Investoren einen neuen Blickwinkel auf wirkungsorientiertes Investieren zu bieten. Hier geht es direkt zur Anmeldung.

Viele Anleger*innen sind auf der Suche nach wirkungsstarken Anlagemöglichkeiten. Das trifft insbesondere auf Stiftungen zu, die ihr Stiftungskapital gerne entsprechend dem Stiftungszweck anlegen möchten. Sie brauchen dafür laufende Cashflows im Anlagengeschäft. Aufgrund der aktuellen Marktsituation streben immer mehr Stiftungen dem Kapitalmarkt zu. Doch in der Praxis ist es gar nicht so einfach, wirkungsvoll anzulegen. Die sozial-ökologische Wirkung von OGAW-Investmentfonds ist schwer zu erfassen und auch klassische Impact-Produkte wie Green Bonds oder Mikrofinanzfonds bedürfen eines kritischen Blicks. Ebenso herausfordernd ist, dass wirkungsstarke Projekte weit entfernt sind oder für Stiftungen wenig sichtbar sind. Daher besteht immer noch eine große Diskrepanz zwischen Anlageverhalten von Stiftungen und deren (gemeinnützigen) Stiftungszwecken. 

Im fünften Teil der Serie wollen wir daher in eigener Sache eine Veranstaltung vorstellen, wo wir Investoren einen anderen Blickwinkel auf wirkungsorientiertes Investieren bieten – jenseits vollmundig angepriesener SDG- oder Impact Investing Events. Die Rede ist von unserem Mission Investing Forum, das am 6. und 7. November wieder in Bochum im Gebäude der GLS Bank stattfindet.

Hintergründe des Mission Investing Forum

Als die GLS Bank 2012 in ihrer Frankfurter Filiale zum ersten Mission Investing Forum lud, wollte sie Investoren eine Plattform geben, in spannende Projekte weltweit mit hohem sozialen oder ökologischen Nutzen zu investieren bzw. zu finanzieren. Dabei wollte sie ihre langjährige Erfahrung in dem Bereich weitervermitteln. Denn seit fast vier Jahrzehnten ist die gesamte Bank in dem Bereich tätig. Über die GLS Treuhand hat sie im Laufe ihrer Geschichte verschiedene eigene Stiftungen ins Leben gerufen. Für das Mission Investing Forum ging die Bank 2012 eine Partnerschaft mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen ein. Mehr als 70 Stiftungsaktive, darunter Stiftungsvertreter*innen, Vermögensmanager der GLS Bank und Stiftungsexpert*innen der GLS Treuhand, nutzten die Veranstaltung damals zu einem intensiven Austausch über die aktuelle Situation der Stiftungsarbeit.

Seitdem ist die Veranstaltung zu einer jährlich gern wahrgenommenen Austauschmöglichkeit für Stiftungsvertreter*innen geworden. Im Laufe der Zeit ist die Teilnehmer*innenanzahl stetig angestiegen. 2018 waren es 120 Teilnehmer*innen. Die Themen ändern sich von Jahr zu Jahr. Es werden abwechselnde inhaltliche Schwerpunkt gesetzt, um aktuell relevante Fragestellungen rund um Stiftungen aufzugreifen. Von klassischen Themen wie Risiko und Rendite über den Fokus auf bestimmte Anlageklassen wie Immobilien bis hin zu Finanzierungsmöglichkeiten in Afrika im vergangenen Jahr.

Mission Investing Forum 2019

Auch in diesem Jahr können sich Investoren zu aktuellen Stiftungsfragen austauschen. Unter dem Motto „Gemeinsam investieren — Gemeinnutz schaffen“ haben Teilnehmer*innen neben der Pflege und Aufbau ihres Netzwerks die Möglichkeit, Finanzierungslösungen für fünf Projekte gemeinsam zu erarbeiten. Statt auf Podiumsdiskussionen oder Powerpoint-Präsentation setzt die GLS Bank auf die Intelligenz und Kreativität des Schwarms. Gemeinsam begeben sich die Teilnehmer*innen auf die Suche nach praktischen Lösungen, wie Geld zu innovativen Initiativen gelangen kann. So entstehen neue Investmentmöglichkeiten und -vorstellungen. Ziel ist es, Projekte zu finanzieren, die mit den gängigen Werkzeugen der Finanzwirtschaft schwerlich oder kaum umzusetzen sind. Durch dieses interaktive Format können Teilnehmer*innen ihr eigenes Wissen zum wirkungsorientierten Investieren gezielt ausbauen und auch neue Ansätze kennenlernen.

Auch wenn die Finanzierung noch unklar ist, so stehen die fünf Projektvorschläge bereits fest. Dazu gehört Criterion, ein US-amerikanisches Projekt, dass an der Veränderung des Finanzsystems arbeitet. Konkret geht es um die Frage, wie Gelder in die Bekämpfung von gender-basierter Gewalt (u.a. Gewalt gegen Frauen) und deren Folgekosten fließen können. Ein weiteres Projekt wird von der pan-afrikanischen Organisation Africans rising vorgestellt. Hier geht es um die Finanzierung eines Konferenz- und Schulungszentrums für die 373 Mitglieder*innen, alles afrikanische NGOs.

Die 5 Projekte im Einzelnen:

Weitere Informationen

Die Teilnahme steht allen für Stiftungen tätigen Menschen offen, die mit ihrem Kapital nach innovativen Wegen suchen, ihr Stiftungskapital anzulegen. Der Eintritt ist kostenlos. Eine Anmeldung ist bis zum 31. Oktober 2019 möglich. Hier geht es zum Anmeldeformular sowie der Agenda.


Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Amon Fernandes-Christ ist seit 2015 bei der GLS Bank. Als Junior Spezialist Wertpapierfonds arbeitet er im Angebotsmanagement und ist dort insbesondere im Bereich der Alternativen Investmentfonds (AIF) tätig. In dieser Rolle ist er an der Entwicklung und Konzipierung innovativer Fondsprodukte beteiligt.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

“Liquid Alternatives für Institutionelle Investoren!“

Institutionelle Investoren fordern bei einer Anlage in Alternatives vor allem eine breite Diversifikation, eine geringe Korrelation mit traditionellen Anlageklassen sowie attraktive marktunabhängige Renditen bei kontrollierten Verlustrisiken. Die Deka hat einen Dachfonds für liquide alternative Anlagestrategien aufgelegt. Dr. Alexander Zanker, Head of Client Solutions and Analytics bei der Deka, erklärt im Interview mit altii, wie der Deka-Liquid Alternative Strategies institutionellen Anlegern einen einfachen Zugang zum stetig wachsenden Liquid-Alternatives-Universum und damit zu neuen Renditequellen ermöglicht. Die hohen Anforderungen institutioneller Investoren werden konsequent in einem Produkt umgesetzt.

altii: Herr Dr. Zanker, die Deka bietet ein neues Fondsprodukt für die Zielgruppe Institutionelle Investoren an. Um was geht es konkret?

Dr. Alexander Zanker: Der Deka-Liquid Alternative Strategies ist ein Dachfonds, der institutionellen Anlegern einen einfachen, aber sehr effizienten Zugang zu neuen Renditequellen ermöglicht. Wir haben den Fonds konsequent auf die Anforderungen institutioneller Investoren abgestimmt und orientieren uns an den wesentlichen VAG-Vorschriften, was allen Investoren zusätzliche Sicherheit bietet. Die Besonderheit ist, dass wir nicht nur ein Produkt, sondern ein gesamtes Lösungskonzept anbieten.

altii: Sie arbeiten bei dieser Strategie mit einem Berater zusammen. Was bringt Mercer mit ein und was leistet die Deka?

Dr. Zanker: Mercer ist einer der renommiertesten Spezialisten für die Auswahl von Asset Managern und der Konstruktion von Portfolien. Die Deka ist ein sehr erfahrener Manager für institutionelle Kundenportfolien mit exzellentem Knowhow hinsichtlich Absolute Return-Strategien, gerade auch im quantitativen Bereich und im dynamischen Risikomanagement. Unser hauseigenes Institut für quantitative Kapitalmarktforschung (IQ-KAP) liefert uns die neuesten Forschungsergebnisse, die wir direkt praktisch umsetzen können. Zudem haben wir uns als Haus mit hohem regulatorischen Sachverstand etabliert.

Die Aufgaben sind entlang des Investmentprozesses klar verteilt. Mercer führt Investment und Operational Due Diligence durch – ein klar strukturierter, aber auch Research-intensiver Prozess. Mehr als 40 spezialisierte Fondsresearcher mit durchschnittlich über 13 Jahren Erfahrung identifizieren die besten Manager. Solche Manager, die einen klaren Wettbewerbsvorteil aufweisen und so wiederholbares Alpha aufgrund objektiver Kriterien erzielen können.

Die Portfoliokonstruktion erfolgt gemeinsam. Auch hier gehen wir einen sehr konsequenten und systematischen Weg und setzen auf einen mehrstufigen Prozess. Unterschiedliche Optimierungsansätze, wie Minimum Variance oder Risk Parity, werden kombiniert, um ein möglichst robustes Ausgangsportfolio zu erhalten.

Das letzte Wort bei der Auswahl der Manager und der Gestaltung des Portfolios hat Deka-Fondsmanager Neil Sturrock. Als langjähriger Manager von alternativen Strategien kann er die Analysen von Mercer verproben, mit eigenen Erfahrungen ergänzen und die Anforderungen deutscher Investoren einbringen. Der Austausch mit Mercer ist sehr intensiv. Mitunter diskutieren die Spezialisten sehr kontrovers bis sie zu einer Entscheidung kommen – aber gerade diese Diskussionen sind wichtig.

Im gesamten Prozess steht Neil Sturrock ein paritätisch besetztes Investmentkomitee aus Experten von Mercer und Deka zur Seite. Die Deka-Mitglieder kommen aus dem Fondsresearch, dem quantitativen Asset Management, aus dem Bereich Client Solutions und dem Investment Office. Ergänzt wird es durch Research-Spezialisten von Mercer und spezialisierten Investment Consultants für Alternatives und deutsche institutionelle Kunden.

Wir glauben, dass dieser kooperative Ansatz mit unterschiedlichen Spezialisten, aber klaren Verantwortungen, einer solch komplexen Anlageklasse am gerechtesten wird. Hier sehen wir auch den größten Mehrwert der Lösung.

altii: Ihre Strategie bedient viele Anforderungen, die VAG-Investoren mit sich bringen. Das erwartet man nicht unbedingt von einem Fondsprodukt aus diesem Bereich.

Dr. Zanker: Wir haben sehr viel Arbeit darauf verwendet, die Lösung auch für regulierte Investoren interessant zu machen. So haben wir beispielsweise die besonderen Rating-Anforderungen von VAG-Investoren berücksichtigt. Bei Zielfonds, die nicht selbst VAG-konform sind, haben wir Side-Letters ausgehandelt. Auch bieten wir die für regulierte Kunden notwendigen Reportings. Dies hilft nicht nur regulierten Investoren, sondern allen, die eine transparente und robuste Umsetzung schätzen.

altii: Im Prinzip kann der Investor die Strategie in Eigenregie abbilden. Was ist der Vorteil der Deka-Strategie?

Dr. Zanker: Die hohe Heterogenität von Liquid Alternative-Strategien und die Qualitätsunterschiede machen eine tiefgreifende Analyse jedes einzelnen Fonds und seines Risiko-/Ertrags-Profils so wichtig. Mitte 2019 waren knapp 900 Fonds verfügbar. Die besten Fonds erzielten nicht selten hohe ein- oder zweistellige Renditen, während die schlechtesten Fonds im Schnitt Kapital verloren. Mittelmaß kann bei Liquid Alternative-Strategien kein Maßstab sein, sie müssen die besten Manager identifizieren und diese richtig kombinieren. Dies schaffen sie wiederholbar nur mit einem strukturierten Prozess und viel Research.

Beispielsweise führt Mercer mit allen bewerteten Managern vor Ort Gespräche. Die wichtigsten Schlüsselpersonen werden in mehreren Interviewrunden befragt. Die Analyse mündet in ein Rating, welches ausführlich dokumentiert wird. Mercer geht sogar noch einen Schritt weiter und führt eine Operational Due Diligence durch, um die internen Prozesse der Manager zu bewerten. Auf den Stempel UCITS allein sollte man sich nicht verlassen.

Für Kunden, welche die dafür notwendigen Ressourcen nicht intern aufbauen können oder wollen, bieten wir eine professionelle Umsetzungslösung, die das komplette Anforderungsspektrum leicht zugänglich abdeckt und dabei kosteneffizient ist. Sie bekommen die Managerauswahl und laufende Überwachung durch einen der renommiertesten Berater, einen systematischen Portfoliokonstruktionsprozess, transparentes Reporting, ein auf Verlustrisiken fokussiertes Risikomanagement und einen an das VAG angelehnten regulatorischen Rahmen.

altii: In welchem Format bieten Sie den Fonds an, was ist die Zielrendite und welche Kosten kommen auf den Investor zu?

Dr. Zanker: Wir haben den Fonds in Luxemburg als OGAW-Fonds aufgelegt, der damit hohe Transparenz und Liquidität bietet. Unser Ertragsziel liegt bei 400 Basispunkten über Libor nach Kosten. Die Verwaltungskosten betragen 45 Basispunkte zusätzlich zu den Kosten der Zielfonds. Bei den Zielfonds konnten wir zum Teil sehr attraktive Gebühren aushandeln, die wir vollständig an den Fonds weitergeben. Allein dadurch relativiert sich ein substanzieller Teil der Managementgebühr. Wenn sie dann noch einbeziehen, welche Kosten der Kunde für externe Beratung und interne Strukturen spart und wie viel geringer der Aufwand für ihn ist, dann ist die Lösung äußerst effizient.

altii: Lassen Sie uns bitte neben den Chancen auch die Risiken besprechen. Wo liegen die Hauptrisiken der Strategie?

Dr. Zanker: Die Rendite von Liquid Alternatives hängt elementar von den Fähigkeiten der Manager ab, Wettbewerbsvorteile zu nutzen. Das Delta zwischen Managern kann leicht 30 Prozentpunkte überschreiten. Gelingt es nicht, die erfolgreichen Manager zu identifizieren, dann werden die Renditeerwartungen nicht erfüllbar sein.

Ähnliches gilt für die Portfoliokonstruktion. Es müssen Strategien kombiniert werden, die ökonomisch begründet gering mit traditionellen Anlageklassen korrelieren und sich ergänzen. Ein gutes Beispiel sind Global Macro und Managed Future Strategien. Global Macro Strategien versuchen, große makroökonomische Trends auszunutzen. Sie haben daher typischerweise ein eher asymmetrisches Renditeprofil und sind antizipierend. In der Finanzmarktkrise konnten sie sich sehr gut behaupten. Dagegen sind Managed Futures eher reaktiv. Sie erhöhen bei anhaltenden Trends Positionen. In vielen Krisen haben solche Strategien schrittweise ihre Position in sicheren Anleihen aufgebaut und so ein traditionelles Portfolio stabilisiert.

Ein Risiko bei Absolute Return-Strategien ist, dass höhere Verlustrisiken auftreten als von Investoren antizipiert. Dem wirken wir mit einer konsequenten Aussteuerung der Verlustrisiken im Portfoliokonstruktionsprozess entgegen. Draw Downs sind für uns ein wichtiges Steuerungsziel.

altii: Zum Abschluss wie immer die Frage, was können wir Ihrer Meinung nach die nächsten zwei Jahre vom Kapitalmarkt erwarten und wie wirkt sich das auf die Strategie aus?

Dr. Zanker: Der Kapitalmarkt konnte sich über lange Zeit darauf verlassen, dass die Zentralbanken alles tun würden, um einem Abschwung gegenzusteuern. Entsprechend niedrig waren die Volatilitäten – bei immer neuen Rekordständen, aber auch sinkenden Renditen. Mittlerweile hat sich die Risikowahrnehmung der Marktteilnehmer verändert. Volatilitäten kommen zurück. Viele Investoren diskutieren verstärkt Strategien, um Verlustrisiken zu begrenzen, und Möglichkeiten, ihr Portfolio unabhängiger von traditionellen Renditequellen aufzustellen. Hier können Liquid Alternatives ihre Stärke ausspielen.

In einem typischen Kundenportfolio haben Liquid Alternatives die Aufgabe, die Abhängigkeit von traditionellen Märkten zu verringern. Ihre Wertentwicklung soll nicht der von Aktien­ oder Rentenmärkten folgen, sondern den Kapitalstock durch die Begrenzung von Abwärtsbewegungen schützen sowie Volatilität eindämmen. Solche asymmetrischen Renditeprofile lassen sich nicht durch traditionelle Long Only Aktien- oder Anleihestrategien erzielen. Vielmehr müssen aktive Strategien kombiniert werden, die auf dynamischen Handelsstrategien aufbauen, Derivate nutzen und Short-Positionen einsetzen. Dies sind die typischen Eigenschaften von Liquid Alternative-Strategien.

Hinzu kommt, dass sich in ineffizienteren Märkten mehr Opportunitäten auftun, die guten Managern signifikant höhere Erfolgschancen bieten. Ein Indikator für höhere Ineffizienzen sind höhere Volatilitäten, weshalb Liquid Alternatives gerade in solch einem schwierigeren Marktumfeld an Attraktivität gewinnen. Dies macht die Anlageklasse, richtig umgesetzt, zu einem attraktiven komplementären Baustein in einem diversifizierten Portfolio, welches optimal für die kommenden Herausforderungen aufgestellt ist.


Über Dr. Alexander Zanker

Dr. Alexander Zanker verantwortet den Bereich Client Solutions and Analytics der Deka. Das Team berät institutionelle Investoren bei der Gestaltung ihrer strategischen Anlageallokation. Dr. Zanker hat viele Jahre als verantwortlicher Investment Consultant bei Willis Towers Watson institutionelle Kunden beraten. Er ist CFA-Charterholder und Chartered Alternative Investment Analyst.

Über die Deka

Die DekaBank ist das Wertpapierhaus der Sparkassen, gemeinsam mit ihren Tochtergesellschaften bildet sie die Deka-Gruppe. Mit Total Assets in Höhe von rund 298 Mrd. Euro (per 30.06.2019) sowie rund 4,7 Millionen betreuten Depots ist sie einer der größten Wertpapierdienstleister und Immobilien-Asset Manager in Deutschland. Sie eröffnet privaten und institutionellen Anlegern Zugang zu einer breiten Palette an Anlageprodukten und Dienstleistungen. Die DekaBank ist fest verankert in der Sparkassen-Finanzgruppe und richtet ihr Angebotsportfolio ganz nach den Anforderungen ihrer Eigentümer und Vertriebspartner im Wertpapiergeschäft aus.

Über Deka Institutionell

Deka Institutionell ist der Partner für institutionelle Anleger in der Deka-Gruppe. Ihr Angebot deckt die gesamte Wertschöpfungskette professioneller Asset Management- und Kapitalmarktdienstleistungen ab. Ein betreutes institutionelles Vermögen von rund 150 Mrd. Euro spiegelt das wachsende Vertrauen professioneller Anleger in die Produkte und Leistungen der Deka wider. Das Spektrum umfasst die ganze Bandbreite des institutionellen Asset Managements und Liquiditätsmanagements sowie des Kredit- und Risikomanagements. Abgerundet wird das Angebot durch Serviceleistungen wie Master-KVG, als Kern des Asset Servicing, und Verwahrstelle.

Kontakt

Deka Institutionell – Vertriebsservice
+49 (0) 69 71 47 - 11 17
deka-institutionell@deka.de

Notizen

Die wesentlichen Anlegerinformationen, die Verkaufsprospekte und die Berichte erhalten Sie in deutscher Sprache bei Ihrer Sparkasse oder Landesbank. Oder von der DekaBank, 60625 Frankfurt und unter www.deka.de

Nachhaltig Investieren: Plastikmüll

von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei Raiffeisen Capital Management.

Das globale Müllproblem gewinnt immer mehr an Brisanz, obwohl das Phänomen Müll nicht erst vor kurzer Zeit entstanden ist. Denn Abfall gab es auch in der Vergangenheit, beispielsweise durch weggeworfene Kleiderreste oder Nahrung. In den letzten Jahrzehnten haben sich jedoch die Menge und die Zusammensetzung des Mülls geändert. Ein immer größerer Teil unseres Mülls kann nicht mehr auf natürlichem Weg verrotten. Ein Teil der Abfälle ist sogar giftig. Der Anteil der Reparaturen sinkt, dazu kommt die gewollte Obsoleszenz von Produkten.

Einige Abfallsorten bereiten aus Umweltsicht sehr große Sorgen. Nicht unbedingt wegen ihrer Toxizität, sondern wegen des extrem starken Wachstums zählen neben Plastikmüll auch Mikroplastik und Elektronikschrott zu den größten Problembereichen. Plastikmüll ist in den Weltmeeren mittlerweile omnipräsent, und Kläranlagen können Mikroplastik nur unzureichend herausfiltern, das im Meer in die Nahrungskette gelangt. Auch in Bezug auf den Klimawandel ist die Bedeutung der Kunststoffproduktion nicht zu unterschätzen. Der 2019 von der Heinrich Böll Stiftung und von Global 2000 herausgegebene „Plastikatlas“ geht davon aus, dass Plastik bis 2050 zwischen 10 und 13 % des gesamten Kohlenstoffbudgets verbrauchen könnte, welches im Hinblick auf eine Erreichung des 1,5-Grad-Ziels zur Verfügung steht.

Der Grund für die Problematik rund um Plastikmüll ist leicht erklärt. Kunststoffe vereinen einige Vorteile in sich: Sie sind leicht, billig, gut verformbar und langlebig. Doch genau diese Dauerhaftigkeit wird aus Sicht der Umwelt zum Problem. Eine Plastikflasche benötigt im Meer etwa 450 Jahre, um sich zu zersetzen. Und auch dann löst sich das Plastik zunächst nur in kleinere, kaum sichtbare Plastikteilchen – also Mikroplastik – auf. Je kleiner die Plastikpartikel sind, desto größer ist das Risiko der Aufnahme durch die Tiere.

Die Herkunft des Plastikmülls, der in verschiedensten Regionen der Welt die Meere verschmutzt, ist leicht nachvollziehbar. Von den mehr als 10 Millionen Tonnen Abfällen, die jährlich in die Ozeane gelangen, sind rund drei Viertel Plastikmüll. Und das Volumen an Plastikmüll steigt extrem stark an. Die Plastikproduktion weist im Vergleich zum Wirtschaftswachstum enorm hohe Wachstumsraten auf; während in den 1950er Jahren knapp 1,5 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert wurden, sind es heute rund 400 Millionen Tonnen. Seit Beginn der Produktion wurden laut einer Veröffentlichung einer Forschergruppe um Roland Geyer von der University of California insgesamt 6,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, davon aber nur 9 % wiederverwertet und 12 % verbrannt. Somit sind rund 80 % des produzierten Plastiks entweder zum Teil verwittert oder immer noch vorhanden. Die höchsten Recycling­raten findet man gemäß dieser Studie in Europa mit 30 %, gefolgt von China mit 25 %, während in den USA nur 9 % des Plastikmülls recycelt werden. Im Vergleich dazu liegt Dänemarks Recyclingrate für Plastik bei etwa 90 %. Auch bei der Verbrennung von Plastikmüll liegt Europa mit 40 % in führender Position, während China 30 % und die USA 16 % erreichen. Rund 8 % der globalen Erdölproduktion werden für die Plastikproduktion verwendet.

Die Müllverschmutzung an Stränden

Die häufigsten Abfälle an ausgesuchten Küstenlinien, prozentualer Anteil pro 100 MeterMuellverschmutzung an den StraendenQuelle: PLASTIKATLAS/Appenzeller/Hecher/Sack (M) CC-BY-4.0; Stand 2019

Gemäß PlasticsEurope und Eurostat wurden allein in Europa 2015 58 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, die Verwendungsgebiete waren vor allem Verpackungen mit 40 % vor Gebrauchsgütern mit 22 %, Hoch- und Tiefbau mit 20 %, Personen- und Lastkraftwagen mit 9 %, Elektro- und Elektronikgeräten mit 6 % und der Landwirtschaft mit 3 % des produzierten Plastiks. Österreich produzierte 2015 294.888 Tonnen Verpackungsabfälle aus Kunststoff, das bedeutet 34 kg pro Kopf im Vergleich zu 31 kg pro Kopf im EU-Durchschnitt.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP schätzt, dass mittlerweile auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile unterschiedlichster Größe treiben. Gemäß „Plastikatlas“ verteilt sich der im Meer befindliche Plastikmüll zu 26,8 % auf Küstengewässer, 33,7 % auf Küsten- und Meeresboden, 39 % auf das offene Meer und 0,5 % auf die Meeresoberfläche. Besondere Phänomene stellen die sogenannten Müllstrudel dar, in denen sich gigantische Müllteppiche ansammeln. Der Kunststoff wird von den Meeresströmungen erfasst und bildet riesige „Plastikinseln“ aus. Der größte dieser Strudel ist der Nordpazifikwirbel oder „Great Pacific Garbage Patch“, er soll mittlerweile die etwa 20-fache Größe Österreichs erreicht haben. Die Folgen des Plastikmülls sind auch für die Meeresfauna verheerend: Wale verhungern, weil ihre Mägen mit Müll gefüllt sind, Robben, Delphine und Schildkröten werden von Plastikteilen stranguliert. Vor allem Mikroplastik kann – wenn es in die Nahrungskette gelangt – auch für den Menschen in zunehmendem Maße zum Gesundheitsrisiko werden.

HAUPTVERURSACHER SCHWELLENLÄNDER

Die größten Verursacher von Plastikmüll sind heutzutage die Emerging Markets. Gemäß dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven landen schätzungsweise jährlich rund 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik im Meer, einem Bericht deutscher Ökologen zufolge erreichen ca. 90 % davon die Meere über 10 Flusssysteme, von denen sich 8 in Asien und 2 in Afrika befinden. In einem Bericht des World Economic Forum aus dem Jahr 2016 wird der Prozentsatz des weltweit unkontrolliert entsorgten Plastikmülls zu 80 % Asien zugeschrieben. In Südostasien existieren derzeit kaum effiziente Müllentsorgungssysteme, Sammelaktivitäten für Plastikmüll sind fast nicht vorhanden, auch mangelt es an der öffentlichen Finanzierung für derartige Maßnahmen.

Was die Produktion von Einwegplastikartikeln betrifft, so wurden im Jahr 2014 38 % in der Region Asien und Pazifik hergestellt, 21 % in Nordamerika, 17 % im Nahen Osten, 16 % in Europa; der geringfügige Rest teilt sich auf Lateinamerika und Afrika auf.

LÖSUNGSWEGE

Die möglichen Strategien gegen Plastikmüll reichen von Sammlung und Recycling über Verbote bis hin zu biologischen Alternativen. Was die Sammlung von Plastik betrifft, so gestaltet sich diese oft schwierig, denn das gesammelte Plastik ist oft inhomogen. Eine Hinwendung zu einem „Cradle to cradle“-Prinzip könnte eine echte Kreislaufwirtschaft durch intelligentes Produktdesign ermöglichen. Ideal wäre, schon beim Design und bei der Herstellung von Plastik einige wesentliche Faktoren zu berücksichtigen. Die verwendeten Kunststoffe sollten langlebig, wiederverwendbar, recycelbar und frei von Schadstoffen sein, außerdem sollte recyceltes Plastik verwendet werden. In Österreich wird von den jährlich rund 0,92 Millionen Tonnen anfallender Kunststoffabfälle nach einer Studie des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus mit 28 % nicht ganz ein Drittel wiederverwertet, der Rest wird thermisch verbrannt. Die OMV versucht mit ihrem Pilotprojekt ReOil Plastik in Rohöl rückzuverwandeln. Beim zugrundeliegenden Prozess muss man den Kunststoff auf über 400 °C erhitzen, bei dieser Temperatur werden die langen Kunststoffmolekülketten depolymerisiert, also zerkleinert bzw. zerlegt. In der Folge entsteht synthetisches Rohöl. Die aktuelle Forschung versucht außerdem in zunehmendem Ausmaß, Enzyme zum Abbau von Plastik zu nutzen. Generell sind die Recyclingraten für Kunststoffe im Vergleich zu anderen Werkstoffen gering. Sie liegen im Fall von Plastik gemäß Ellen MacArthur Foundation bei knapp 14 %. Das World Economic Forum nennt in seinem Bericht aus dem Jahr 2016 für Papier eine 58%ige Recyclingrate, im Fall von Eisen und Stahl liegt diese bei 70 bis 90 %.

Verbote für Plastik betreffen unter anderem Kunststoffverpackungen wie das Plastiksackerl, international haben bereits einige Länder wie Ruanda, Frankreich, Kenia und Bangladesch derartige Maßnahmen getroffen. In Österreich gilt ab 2020 ein Verbot von Kunststofftragetaschen, die biologisch nicht vollständig abbaubar sind. Zudem gilt ab demselben Jahr ein Verbot der Beimengung von Mikroplastikpartikeln in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln, sofern bis dahin keine europäische Lösung getroffen wurde. Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang auch das Verbot der EU-Kommission für die zehn häufigsten Einwegkunststoffprodukte, die an Stränden der EU gefunden werden, sowie für zurückgelassene, verloren gegangene und weggeworfene Fischfanggeräte. Hintergrund ist der Kampf gegen kurzlebige Plastikprodukte – die oft als Littering in der Natur landen – und der Kampf gegen Wegwerfplastik sowie unnötige Plastikverpackungen.

Die unsichtbare Mülldeponie


Quelle: PLASTIKATLAS/Appenzeller/Hecher/Sack (M) CC-BY-4.0; Stand 2019

MIKROPLASTIK

Das Thema Mikroplastik weist weitere spezifische Probleme auf. Mikroplastik sind Plastikteile mit einer Abmessung von weniger als fünf Millimetern. Diese können als Grundmaterial für die Plastikproduktion dienen oder durch Verwitterung bzw. mechanische Einwirkung auf größere Plastikobjekte entstehen. Mikroplastik wird aber auch in Konsumprodukten verwendet, wie Zahncremen oder Duschpeelings. Aufgrund der geringen Größe können die meisten Kläranlagen Mikroplastik nicht aus dem Abwasser filtern, sodass die Plastikstückchen letztlich über die Flusssysteme ins Meer gelangen. Dort können sich im maritimen Umfeld hochgiftige Substanzen auf den Mikroplastikteilchen anreichern. Meeresbewohner, die Mikroplastik mit Futter verwechseln, kommen mit den giftigen Partikeln in Kontakt und nehmen diese auf. Auf diesem Weg gelangen die Schadstoffe in die Nahrungskette.

Zuletzt wurde auch Mikroplastik in der Landwirtschaft immer mehr zum Thema. Kleinste Kunststoffteile finden sich in Böden, Nutztieren und damit in den Lebensmitteln. Hintergrund ist die Verwendung von Plastik etwa für Bewässerungsanlagen, Gewächshäusern und Tunnel. Zum Schutz vor Vögeln werden mitunter ganze Bäume oder Sträucher mit Plastik ummantelt. Auch im auf Äckern ausgebrachten Klärschlamm findet sich Mikroplastik wieder.

Plastikmüll im Kontext der drei Nachhaltigkeitsdimensionen des Environment Social Governance (ESG)

ESG ist die englische Abkürzung für „Environment Social Governance“, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Der Begriff ist international in Unternehmen als auch in der Finanzwelt etabliert, um auszudrücken, ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis sowie bei Firmenanalysen von Finanzdienstleistern ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet beziehungsweise bewertet werden.

E (Environment)

Plastikmüll und Mikroplastik zählen zu den aktuell schwerwiegendsten Umweltproblemen. Vor allem die Ansammlung von Plastikmüll in den Meeren droht das ökologische Gleichgewicht auf Dauer massiv zu schädigen.

S (Social)

Aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich in Bezug auf Plastikmüll die Frage, inwieweit der Mensch selbst durch die Beeinträchtigung der gesamten Nahrungskette belastet werden kann.

G (Governance)

Aus Governance-Sicht steht bei Plastik und Mikroplastik die Selbstverpflichtung von Unternehmen im Vordergrund, die Verwendung von Plastik zu reduzieren oder einzustellen. Auch ein rechtlicher Rahmen mit dem Verbot von Plastik und Mikroplastik könnte zunehmend geschaffen werden, hier sind erste nationale Verbote für Plastiksackerl und das Verbot einiger Plastikprodukte auf EU-Ebene als erster Schritt zu sehen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management sind die Vermeidung von und der Umgang mit Plastikmüll große Themen. Dazu zählen im Bereich Recycling tätige Unternehmen wie Tomra oder Produzenten nachhaltiger Materialien aus erneuerbaren Ressourcen wie Lenzing oder Borregaard.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Plastikmüll“ finden Sie links als PDF.

Wir lüften das Geheimnis um Aktien-Faktoren

Factor Investing wird zunehmend beliebter. Pictet Asset Management erklärt, was es damit auf sich hat und wie es funktioniert.

„Sell in May and go away“, das haben Sie bestimmt schon gehört. Diese altbekannte Börsenweisheit hat noch immer ihre Berechtigung, weil sie in der Regel zutrifft. Langfristig betrachtet konnten Anleger an liquiden, ausgereiften Aktienmärkten wie den USA und Grossbritannien im Allgemeinen ihre Renditen verbessern, indem sie ihre Allokation in den Sommermonaten reduzierten und um Halloween herum erhöhten.1

Dieser saisonale Effekt ist ein einfaches Beispiel für einen Investment-Faktor – spezifische Attribute, die Gruppen von Anlagen gemeinsam haben und die in der Vergangenheit einen wesentlichen Einfluss auf das Anlageergebnis hatten. Einige davon, wie „Sell in May“, sind einfache Regeln, die schon seit vielen Jahrzehnten Bestand haben. Andere wiederum, wie die Tendenz, dass Aktien mit kleinerer Marktkapitalisierung langfristig höhere Renditen erzielen, sind langfristig zyklischer und komplexer.

EINFLUSSFAKTOR

Faktor-Performance im Verhältnis zum MSCI World*

* Basierend auf stilisierten Portfolios von Aktien im MSCI World, in der Reihenfolge der einzelnen Faktormerkmale, wobei das obere Quartil mit dem Gesamtindex verglichen wird. Quelle: MSCI, Refinitiv und Pictet Asset Management. Daten vom 31.12.1987 bis 07.08.2019.

In den vergangenen 50 Jahren wurde viel geforscht, um die Faktoren zu identifizieren, die sich Anleger zuverlässig zunutze machen können. Faktoren sind Marktanomalien, die im Gegensatz zur Markteffizienzhypothese stehen, wonach sich alle relevanten Informationen in den Anlagepreisen widerspiegeln.

Auch wenn einige Faktoren sicherlich professionellen Anlegern vorbehalten sind, kann das Verständnis ihrer Existenz nützliche Einblicke in Marktineffizienzen, Anlegerpsychologie und Portfolioaufbau liefern.

Einige Faktoren zum Beispiel verdanken ihre Existenz den Verhaltensmustern der Anleger – wie Verlustaversion oder Kurzsichtigkeit. Andere wiederum kommen nur in bestimmten Phasen eines Konjunkturzyklusses zum Tragen. Einige verschwinden gleich wieder, nachdem sie identifiziert wurden, wieder andere existieren aufgrund der regulatorischen Beschränkungen, denen einige Anleger unterliegen – wie zum Beispiel die Abstimmung von Verbindlichkeiten auf risikoarme Anlagen.

Faktoren-Universum

Das Spektrum der Faktoren ist breit. Bei den Kalendereffekten ist die Weisheit „Sell in May …“ nur eine von vielen saisonalen Faktoren. Es gibt auch die „Santa Claus Rally“, bei der Aktien dazu tendieren, in der Woche nach Weihnachten und bis ins neue Jahr hinein sprunghaft anzusteigen, nicht zu vergessen die bekannten Effekte zum Quartalsende und Monatswechsel.2 Investmentexperten konzentrieren sich jedoch in der Regel auf fünf zentralen Faktoren (Beispiele siehe Abbildung oben).

Grösse: Anfang der 1980er Jahre analysierte und beschrieb Rolf Banz, der schon lange Zeit in leitenden Positionen bei Pictet Asset Management tätig ist, die Beziehung zwischen den Marktkapitalisierungen von Unternehmen und deren risikobereinigten Renditen. Im Laufe der Zeit stellte er fest, dass sich kleinere Unternehmen in der Regel überdurchschnittlich entwickelten. Dies könnte an Liquiditätseffekten liegen – die Anleger verlangen einen höheren Aufschlag für diese Aktien, die sie möglicherweise nur schwer verkaufen können. Oder an dem Umstand, dass kleinere Unternehmen nicht auf dem Radar der Analysten sind und sich dadurch Ineffizienzen ergeben, die von Anlegern ausgenutzt werden können.

Bewertung: Unternehmen, deren Aktien mit niedrigeren KGVs oder KBVs gehandelt werden, entwickeln sich über sehr lange Zeiträume in der Regel überdurchschnittlich. Ein Argument dafür ist, dass über kürzere Zeiträume der Market Noise über den inneren Wert eines Unternehmens hinwegtäuschen kann, Aktien über kurz oder lang aber zum richtigen Preis zurückkehren. Diese Form von Fehlbewertung kann allerdings lange bestehen bleiben. In den zehn Jahren seit der globalen Finanzkrise sind Wachstumswerte an Substanzwerten vorbeigezogen. Damit sich daran etwas ändern, ist möglicherweise eine Rezession nötig.3

Momentum: Beschreibt die Tendenz, dass entwicklungsstarke Aktien ihrem Wachstumstrend auch in Zukunft folgen. Bei einer Momentum-Strategie erhöhen Anleger ihre Allokation in Aktien oder Anleihen, die im Preis gestiegen sind, und verringern ihr Engagement in Werten, die im Preis fallen. Das Momentum war in der Vergangenheit in der Regel ein sehr effizienter Investmentansatz, aber es ist Vorsicht geboten bei grossen Wendepunkten im Markt.

Qualität: Unternehmen mit hohen Gewinnmargen und grossem Marktanteil entwickeln sich langfristig überdurchschnittlich. Mit der Qualität verhält es sich ähnlich wie mit der Bewertung, auch die Nachteile sind vergleichbar. Hochwertige Unternehmen werden von den Aktienmärkten mitunter für unverhältnismässig lange Zeiträume unterbewertet.

Volatilität: Portfolios, die aus unterdurchschnittlich volatilen Aktien bestehen, erzielen mit der Zeit in der Regel bessere Renditen als solche, die sich aus Aktien mit starken Preisschwankungen zusammensetzen. Im Allgemeinen erwarten die Anleger, für Risiken – wie zum Beispiel die Volatilität – entschädigt zu werden. Die Realität legt jedoch das Gegenteil nahe.

Die Vorteile der Vielfalt

Einige Faktoren werden erst nach mühevoller Datenarbeit offensichtlich. Quantitativ orientierte Strategen analysieren oft Hunderte Millionen von Datenpunkten über zehntausende Datenserien, angefangen bei Marktpreisen über amtliche Statistiken bis hin zu Umfragen aus dem privaten Sektor, um zusätzliche Renditequellen zu erschliessen. Einige dieser Faktoren funktionieren nur kurze Zeit, und zwar genau so lange, bis der gesamte Markt auf den Zug aufspringt.

Durch Identifizierung und effiziente Nutzung von Faktoren können Anleger ihre Renditen über den Marktdurchschnitt hinaus steigern. Aktien-Faktoren können auch als Portfoliobausteine dienen.

Ein Aktienportfolio, dessen Bestandteile sich auf Substanz-, Wachstums- und Low-Volatility-Werte verteilen, kann genauso diversifiziert sein wie eines, das nach Regionen oder Ländern investiert. Das liegt daran, dass sich Substanz-, Wachstums- und Low-Volatility-Werte in den verschiedenen Phasen des Konjunkturzyklus überdurchschnittlich entwickeln.

Aber wie generell beim Investieren ist kein Faktor 100% sicher. Einige hängen vom Anlagehorizont ab und können sich zeitweise widersprechen – zum Beispiel kann ein Unternehmen mit einer attraktiven Bewertung auch dann günstiger wachsen, wenn das Momentum den Ton angibt. Manche existieren im Durchschnitt über viele Zyklen, andere sind sehr kurzlebig. Einige Faktoren funktionieren für gewisse Zeit, verschwinden dann aber, wenn sie breite Anwendung finden.

Ein Verständnis dafür zu entwickeln, warum einige Faktoren langfristig Bestand haben, ist wichtig für Anleger, die diese Strategien anwenden wollen. Bei der Anwendung von Faktor-Ansätzen ist es ebenso wichtig einschätzen zu können, wie beliebt die einzelnen Faktoren geworden sind. Einige Faktoren bestehen nur auf dem Papier, sind das Ergebnis von intensivem Data-Mining und Back-Testing.


1) Im Durchschnitt sind Aktienerträge im Halbjahreszeitraum November–April rund 10 Prozentpunkte höher als in den sechs Monaten von Mai–Oktober. Alle Jahre wieder grüsst an den Finanzmärkten der „Sell in May“-Effekt. Andrade, S., V. Chhaochharia, M. Fuerst, „‚Sell in May and Go Away‘ Just Won’t Go Away“. Financial Analysts Journal, Forthcoming (SSRN 2115197), 18.03.2013.
2) Swinkels, L., van Vliet, P. „An Anatomy of Calendar Effects“, Journal of Asset Management 13(4), 2012, S. 271-286.
3) „There’s still only one winner in the growth versus value fight“, Financial Times 20.10.2018 https://www.ft.com/content/dda25e30-d383-11e8-a9f2-7574db66bcd5

Über Pictet Asset Management

Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 171 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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Wie viel Kohle ist uns unser Klima wert?

von Vanessa Bolmer, Investmentfonds & Nachhaltigkeitsresearch, GLS Bank.

Rund 1.400 Tage ist es inzwischen her. Vor vier Jahren, im Dezember 2015 versprachen in Paris 197 Staaten ihre CO2-Emissionen zu senken. Die Folgen des Klimawandels, der zunehmende Verlust der biologischen Vielfalt und fruchtbarer Ackerböden, vermehrt schwere Wetterkapriolen sollten verhindert werden. Doch die notwendigen Veränderungen wurden nur halbherzig angegangen. Im vergangenen Jahr entstand plötzlich ein Ruck in der Gesellschaft: Die Aktivitäten rund um den Hambacher Wald zeigten im Spätsommer 2018 die Meinung Vieler zur Energiewende. Und vor allem was hier schiefläuft. Die Botschaften von Fridays for Future sind daher nicht neu. Aber ihnen ist es endlich gelungen, Momentum zu erzeugen, damit den ambitionierten Worten nun auch Taten folgen. Dies hat massiven Einfluss auf den Kapitalmarkt. Welchen Einfluss haben Treibhausgasemissionen auf das Portfolio und wie lassen sich diese überhaupt sinnvoll erfassen?

Gestrandete Vermögenswerte & Carbon Bubble

Investitionen in fossile Brennstoffe richten ökologische Schäden an. Über diese Aussage wird nicht mehr diskutiert. Im Hintergrund stand bisher ein anderes Argument, das durch die Initiative Carbon Tracker in den vergangenen Jahren langsam in den Vordergrund tritt: Das ökonomische Risiko fossiler Brennstoffe. Energiekonzerne investierten in der Vergangenheit viel Geld in die Erschließung fossiler Brennstoffe. Um die Pariser Ziele zu erreichen, dürfen ein Drittel des Erdöls, die Hälfte des Erdgases und mehr als 80 Prozent der globalen Kohlereserven nicht gefördert werden. Sie müssen im Boden verbleiben. Auch Mercer prognostiziert deutliche Wertverluste für die Anlageklassen Kohle, Öl und Gas in den nächsten 10 Jahren. Die Investitionen wären verloren (stranded assets). Das Konzept der Kohlenstoffblase (Carbon Bubble) macht seitdem am Finanzmarkt die Runde.

Parallel hat sich ein neuer Markt entwickelt: Windparks werden ohne Subventionen errichtet. Auch der Strompreis aus alternativen Quellen ist deutlich günstiger geworden. Die Branche wird wettbewerbsfähig, was sich insbesondere an der hohen Nachfrage nach Green Bonds zeigt.

Die Tendenz zeigt: Die Transformation zu einer Low-Carbon-Industrie hat begonnen. In der Folge müssen sich Investoren fragen, inwieweit Investments in CO2-intensive Branchen sinnvoll sind – oder den Preis dafür zahlen.

Dekarbonisierung der Wirtschaft: Der Gesetzgeber macht Ernst

Die Vereinbarungen des Pariser Klimagipfels sind ein entscheidender Schritt in die richtige Richtung. Denn um sie und damit eine wirksame Dekarbonisierung der Wirtschaft zu erreichen, wird jetzt der rechtliche Rahmen abgesteckt. Diskutierte Maßnahmen sind ein einheitlicher Standard für den CO2-Fußabdruck einer Geldanlage sowie eine ausnahmslose CO2-Abgabe. Solche Abgaben würden tatsächlich vorhandene, aktuell noch versteckte Risiken in den Bilanzen sehr vieler Unternehmen und kumuliert bei den finanzierenden Banken sichtbar machen. Es könnte ein fairer Wettbewerb entstehen, in dem die Verursacher und Finanzierer emissionsintensiver Branchen in die Verantwortung genommen werden.

Genau in diese Richtung bewegen sich die Regulierungsbehörden. Sie verlangen bereits von Banken, die klimarelevanten Risiken ihres Geschäftsfeldes auszuweisen.Um nur ein paar Beispiele zu nennen: Die Bank of England erwartet, dass britische Institute künftig klimarelevante Risiken adäquat berücksichtigen. Tun sie dies nicht, kann dies höhere Eigenkapitalanforderungen zur Folge haben. Entsprechende Klimastresstest bereitet sie bereits vor. Frankreich nimmt große Investoren mit in die Verantwortung: Sie müssen bereits berichten, wie sie Klimarisiken in ihrer Anlagepolitik berücksichtigen. Und auf europäischer Ebene entsteht derzeit eine Taxonomie, die definiert, welche Geschäftsaktivitäten zum Klimaschutz und weiteren ökologischen Zielen beitragen.

Das regulatorische Bestreben, Fragen zur Werteorientierung des Kunden als obligatorischen Bestandteil in die Beratungsgespräche aufzunehmen, ist ein weiteres Signal. Damit im Einklang steht das Verhalten der Anleger*innen: So stiegen der norwegische Pensionsfonds und deutsche Versicherer aus bestimmten Investments aus. Weitere Akteure, wie die DZ Bank, beugen sich dem Druck der Investoren und Netzwerke und überdenken ihre Strategien bzgl. Kohleinvestitionen.

Doch wie können Anleger*innen erkennen, dass sie betroffen sind von den Klimarisiken?

Eine Lösung: Klimatransparenz

Eine Lösung wäre Transparenz über die CO2-Emissionen einer Geldanlage. Doch die Entwicklung steckt noch in den Anfängen. Denn die Messung und Bewertung klimaschädlicher Emissionen ist nicht einfach. Es mangelt an Daten sowie allgemeingültigen Berichtsstandards. Insbesondere kleineren Unternehmen fehlen die notwendigen Kapazitäten. Die Folge: Viele Daten sind nur grobe Schätzwerte. Die Ergebnisse wenig belastbar und kaum vergleichbar.

Die Finanzbranche versucht, sich selbst zu helfen. So hat die Taskforce on Climate-related Financial Disclosure einen Berichtsstandard entwickelt, wie Investoren auf institutioneller Ebene über klimarelevante Investitionen berichten sollen. Die „Corporate Value Chain“ des Greenhousegas Protocol ist ein Standard, den viele Unternehmen wie auch Städte inzwischen nutzen. Er betrachtet den gesamten Wertschöpfungskreislauf. Warum ist das entscheidend? Rein die Geschäftstätigkeit einer Bank betrachtet, würde sie als Dienstleistungsunternehmen verglichen mit produzierenden Unternehmen einen recht niedrigen Wert ausweisen. Bezieht sie jedoch weitere Werte mit ein, wie die Anfahrtswege der Mitarbeitenden sowie die Auswirkung der finanzierten Unternehmen, muss sie einen deutlich höheren Wert ausweisen.


Quelle: Task Force on Climate-related Financial Disclosure

CO2-Fußabdruck: Ein Standard mit Schwächen

Auf Produktebene weisen viele Fonds heutzutage einen CO2-Fußabdruck aus. Hier ist Vorsicht geboten. Denn nicht immer ist klar, was gemessen wird. Nur eigene oder fremdbezogene Emissionen (auch Scope 1 und 2 genannt) oder alle Emissionen der Wertschöpfungskette (Scope 1, 2 und 3)? Die Darstellung selbst erfreut sich ebenfalls großer Vielfalt: Einige geben ihre Ergebnisse in COje Tonne an, andere wiederum in COje Umsatz. Manche schließen Kohlendioxid-intensive Branchen gleich ganz aus. Nutzen sie eine Benchmark, die diese nicht ausschließt, wirkt ihr Ergebnis natürlich viel besser. Ob die Anlage mit andere Nachhaltigkeitskonzepten, z.B. den Sustainable Development Goals (SDGs) im Einklang steht, sagt der Fußabdruck ebenfalls nicht aus. Transparenz und Authentizität über die zu Grunde gelegten Prozesse und Kriterien werden damit immer wichtiger.

Der nächste Schritt: künftige Emissionen messen

Der Abdruck ist derzeit eine Kennziffer. So lässt sich zwar vergleichen und feststellen, ob der Wert reduziert wurde. Doch sie trifft keine in die Zukunft gerichtete Aussage über die Qualität der Portefeuilles bezogen auf die Erderhitzung: Sind die Aktivitäten der Unternehmen ausreichend, um die Erhitzung der Erde auf 1,5 °C zu beschränken? Diese Fragen stellen sich derzeit das Frankfurter Start-up right. based on science und die GLS Bank. Können wir eine Methodik entwickeln, die es Investoren künftig erleichtern könnte, die Spreu vom Weizen zu trennen? Die Entscheidung für oder gegen eine Investition fällen zu können? Dazu an späterer Stelle mehr.


Über die Autorin

Seit 2011 ist Vanessa Bolmer bei der GLS Bank tätig. Als Verantwortliche für die OGAW-Fonds der GLS Bank ist die Geisteswissenschaftlerin und Bankbetriebswirtin mit dem Produktmanagement und der Weiterentwicklung der Fonds betraut. Ihre Rolle umfasst zugleich die Entwicklung und Konzipierung innovativer Fondsprodukte. Sie finden sie auf Linkedin und Xing.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Big Data als Basis für KI-gesteuertes Asset Management

Der Investorentrend hält an – weiterhin findet eine rapide Verschiebung von aktiven Managern hin zu passiven Vehikeln statt. Die Asset Management-Industrie steht daher vor einer großen Herausforderung.

Es gilt, innovative Konzepte zu entwickeln, die den Entscheidungs- und Investmentprozess auf eine neue Grundlage stellen. Die Catana Capital GmbH ist einer dieser Asset Manager, die sich der Weiterentwicklung und Digitalisierung der aktiven Vermögensverwaltung verschrieben haben. FondsTrends sprach mit Holger Knauer, Geschäftsführer der Catana Capital GmbH, über Herausforderungen und Potential von Big Data und künstlicher Intelligenz in der aktiven Vermögensverwaltung.

FondsTrends: Herr Knauer, die Entwicklung hin zu passiven Geldanlagen schreitet weiter voran. Was spricht überhaupt noch für aktives Fondsmanagement?

Holger Knauer: Wir haben eine Dekade hinter uns, in der fast alle Assetklassen weltweit eine signifikant positive Wertentwicklung verzeichneten. Damit waren auch passive long-only-Produkte besonders attraktiv. Gleichzeitig hatten aktive Manager keine wirklichen Produktinnovationen zu bieten, die diesem Trend entgegenwirken konnten. Aus meiner Sicht steht die Asset Management-Industrie vor der großen Herausforderung, Prozesse im aktiven Management effizienter zu gestalten und mit Hilfe von Digitalisierung Kosten zu senken. Auf diesen beiden Feldern bietet die Digitalisierung daher beträchtliche Möglichkeiten, die unbestrittenen Vorteile des aktiven Managements zu erhöhen.

FondsTrends: Die angesprochene Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran, doch speziell im deutschsprachigen Raum scheint das Asset Management hinterherzuhinken. Wie beobachten Sie diese Veränderungen?

Holger Knauer: Da kann ich zunächst nur einmal zustimmen. Das Asset Management ist nun nicht gerade auf der Überholspur, was das Thema Digitalisierung angeht. Dies gilt aber meinem Empfinden nach für den Großteil des Finanzmarktsektors. Gründungsgedanke der Catana war es daher auch, die höchstmögliche Prozessautomatisierung im Asset Management auf der operativen Seite mit dem Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz bei unseren Investmententscheidungen zu kombinieren.

FondsTrends: Die Schlagwörter Big Data und insbesondere künstliche Intelligenz werden ja zurzeit beinahe inflationär gebraucht. Doch was genau können wir uns unter dem Einsatz von künstlicher Intelligenz vorstellen? Ein Supercomputer, der selbstständig Handelsentscheidungen trifft?

Holger Knauer: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass meiner Meinung nach der Einsatz von künstlicher Intelligenz immer noch in den Kinderschuhen steckt. Dennoch ist sie bereits im Alltag weit verbreitet: sei es im Navigationssystem unseres Handys, bei der digitalen Bilderkennung oder in Assistenten wie Siri und Alexa. KI-Anwendungen eignen sich hervorragend für Mustererkennungen in einem bestimmten Bereich. Ich bin fest überzeugt, dass diese Begriffe im Asset Management hingegen sehr häufig als reines Marketinginstrument gebraucht, aber kaum in der Praxis angewendet werden.

FondsTrends: Wie helfen Ihnen konkret Big Data und künstliche Intelligenz beim Investmentprozess?

Holger Knauer: Fangen wir vorne an. Grundlage unserer Handelsstrategie ist eine Big Data-Datenbank, die täglich um mehr als 2 Millionen Nachrichten, Artikel, Research-Berichte, Blog- & Foreneinträge sowie Tweets erweitert wird. Die gesammelten Artikel sind in Deutsch, Englisch oder Chinesisch verfasst und enthalten Informationen zu mehr als 45.000 Wertpapieren weltweit. Die überwiegende Mehrheit dieser Texte stammt dabei aus nutzergenerierten Inhalten, die es so vor zehn Jahren überhaupt noch nicht gab. Diese Daten stellen die Grundlage für unsere Handelsentscheidungen dar. Meiner Meinung nach liegt gerade in dieser Andersartigkeit der verwendeten Daten ein maßgebliches Unterscheidungskriterium zu traditionellen Asset Managern.

FondsTrends: Und diese Vielzahl an Daten werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet?

Holger Knauer: Richtig. Anders ist das bei 23 Nachrichten in der Sekunde überhaupt nicht möglich. Zunächst werden die Texte mittels Natural Language Processing (NLP) ausgewertet und in einen Stimmungs-Score umgewandelt. Diese Scores werden mit Hilfe etablierter Machine Learning-Verfahren ausgewertet, um abschließend daraus Handelsentscheidungen abzuleiten. Davon versprechen wir uns Informations- und daraus resultierend Wettbewerbsvorteile gegenüber traditionellen Asset Managern.

FondsTrends: Wie setzen sie diese Strategie konkret um?

Holger Knauer: Wir sind vor einigen Wochen mit dem Data Intelligence Fund (ISIN: DE000A2H9A76) an den Markt gegangen, in dem gleichzeitig eine aktive Titelselektion als auch eine Allokationsstrategie kombiniert wird. Unser Ziel ist es, uns mit diesem neuartigen UCITS-Fonds zu etablieren und weitere innovative Produkte zu entwickeln. Ganz bewusst gehen wir vertriebsseitig auch auf die Zielgruppe „Digital Natives“ zu, da dort die Wahrnehmung für ein derartiges Produkt eine andere ist und diese von traditionellen Fondsprodukten sowie deren Marketing nicht angesprochen werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass vertrieblich neue Wege notwendig sind, um neue Kundengruppen für Investmentfonds zu interessieren. Daher haben wir in den letzten Wochen an einem Marketingkonzept gearbeitet, Erklärvideos zum Fonds produziert und sind mittlerweile auch auf allen wichtigen Social Media-Plattformen aktiv.

FondsTrends: Herr Knauer, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen viel Erfolg mit dem Data Intelligence und weiteren möglichen Produkten.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf fondstrends.lu.

Künstliche Intelligenz im Investment Management

Der Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz bietet Asset Managern ungeahnte Möglichkeiten und dürfte die Branche grundlegend verändern. Die in Frankfurt ansässige Catana Capital GmbH hat ein Fondsprodukt entwickelt, das auf der Realtime-Analyse von Millionen von Onlineinhalten beruht. Dabei werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz redaktionelle und nutzergenerierte Nachrichten ausgewertet, um anschließend daraus Handelsentscheidungen abzuleiten.

Holger Knauer

Holger Knauer ist seit März 2016 Geschäftsführer und Chief Risk Officer der Catana Capital GmbH. Der gelernte Bankkaufmann und Wertpapierhändler startete nach einem BWL-Studium seine Karriere als Assistent der Geschäftsleitung der Universal-Investment GmbH. Danach war er dort lange Jahre als stellvertretender Abteilungsleiter für das institutionelle Geschäft tätig, ehe er 2012 als Vorstand zur Celios Investment AG (vormals Prisma Investment AG) wechselte.

Investieren in Megatrends

Megatrends verändern die Welt grundlegend und langfristig. Sie wirken nicht nur auf einige Bereiche, sondern betreffen alle Ebenen der Gesellschaft und damit auch den einzelnen Menschen. Um mit der Zukunft Schritt halten zu können, müssen Unternehmen rasch auf Entwicklungen eingehen oder diese im Idealfall sogar antizipieren. Unternehmen, die das schaffen, sind für Investoren von großem Interesse, denn sie stehen für Zukunftsfähigkeit und Wachstum. In solche Unternehmen investiert der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Wichtige Megatrends, die aktuelle Veränderungen markieren, betreffen die Bereiche Demografie, Klima, Technologie und Mobilität. Die Tatsachen, dass 2050 vermutlich 75 % aller Menschen weltweit in Städten wohnen werden und die westliche Gesellschaft älter wird und schrumpft, haben große Auswirkungen auf den infrastrukturellen Bedarf dieser Gemeinschaften, aber natürlich auch auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen. Die Nachfrage nach Abwasser- und Verkehrssystemen, Sicherheit und sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Schulen wird ebenso steigen wie der Bedarf an Medikamenten, Pflege und Betreuungseinrichtungen. Unternehmen, die langfristig in der Lage sind, auf diesen Wandel mit adäquaten Produkten und Dienstleistungen zu reagieren, werden in der Zukunft zu den Gewinnern zählen. Dazu gehören Pharma- und Medizintechnikunternehmen ebenso wie Rentenversicherer, Schulbuchverlage mit Online-Diensten und Kommunikationsdienstleister.

Auch der Klimawandel zählt zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts. Extremes Wetter stellt mittlerweile eines der größten Risiken für Unternehmen dar. Die jährlichen Investitionen dazu werden weltweit auf hunderte Milliarden US-Dollar geschätzt. Für Investoren bieten sich Möglichkeiten in den Bereichen Energieeffizienz, Wind-, Solar- und Hydroenergie, aber auch Energiespeicher, Elektromobilität und Brennstoffzellen sowie Clean-Tech-Lösungen.

Besonders weitreichend und in den unmittelbaren Alltag der Menschen greifend, ist der technologische Wandel. Soziale Netzwerke, Internet of Things, Cloud Computing, Mobile Payment und Automatisierung sind hier nur wenige Stichworte, die für den rasanten Anstieg des Internets mit all seinen Möglichkeiten stehen.

In Megatrends zu investieren heißt, aus all diesen Bereichen die aussichtsreichsten Unternehmen herauszufiltern und sie hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit zu prüfen. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien investiert in die beschriebenen Megatrends und setzt dabei auch auf ganz große Unternehmen wie Siemens oder Amazon, aber auch auf kleinere „Hidden Champions“, die in ihren Bereichen herausragende und zukunftsweisende Produktlösungen anbieten.

Auch die Wertentwicklung des Fonds hat in den letzten fünf Jahren im Gleichschritt mit den investierten Firmen rasant an Fahrt gewonnen. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien konnte über diesen Zeitraum eine Performance von 71,29 % erzielen. (Berechnungszeitraum: 30. August 2014 – 30. August 2019, total return indexiert brutto, berechnet nach der OeKB-Methode). An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Performanceergebnisse der Vergangenheit keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des Fonds zulassen.

Aktienkompetenz von Raiffeisen Capital Management

Ein aktiver Investmentansatz, wie der des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien, steht und fällt mit den Personen, die ihn umsetzen. Die Raiffeisen KAG hat über viele Jahre hinweg ein stetig wachsendes Team von spezialisierten Fondsmanagerinnen und Fondsmanagern aufgebaut, und das mit einer enorm hohen personellen Kontinuität. Einige waren in „ihren“ Märkten bereits aktiv, als es noch sehr wenigen Menschen in den Sinn kam, dort überhaupt zu investieren. Die erfahrenen Aktienspezialisten decken viele Länder und Regionen sowie ausgewählte Branchen und Investmentthemen kompetent ab.

EU-Taxonomie: Was Anleger*innen jetzt beachten müssen

von Gesa Vögele, Mitglied der Geschäftsführung, Corporate Responsibility Interface Center (CRIC) e.V., und Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, GLS Bank.

Die Europäische Union bringt die Akteure am europäischen Finanzmarkt gehörig ins Schwitzen. Im Mai 2018 hat die EU-Kommission den EU Aktionsplan zur Finanzierung Nachhaltigen Wachstums verabschiedet. Darin hat sie konkrete Maßnahmen beschlossen, wie der Finanzmarkt zur Erreichung der ambitionierten Klimaschutzziele der EU sowie der Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (SDG) beitragen soll. Seitdem herrscht EU-weit rege Betriebsamkeit. Überall werden Konferenzen abgehalten, Beiräte gegründet, Stellungnahmen veröffentlicht, um sich auf die bevorstehenden Schritte vorzubereiten.

Besonders eine Maßnahme ist Gegenstand der Diskussion: Die EU-Taxonomie. Sie ist das Herzstück des Aktionsplans. Mit ihr soll Klarheit am Finanzmarkt geschaffen werden, welche wirtschaftlichen Tätigkeiten zur Erreichung der oben genannten Ziele beitragen. Eine Sachverständigengruppe machte sich vergangenen Sommer ans Werk, diese Maßnahmen auszugestalten. Am 18. Juni 2019 veröffentlichte sie ein viel beachtetes Zwischenergebnis: Ein mehr als 400 Seiten starker technischer Bericht, der detailliert festlegt, welche Tätigkeiten im Einklang mit der Taxonomie sind.

Doch was heißt dies für die verschiedenen Teilnehmer am Kapitalmarkt? Was kommt auf sie zu? Wer ist betroffen? Bis wann ist Zeit, sich darauf vorzubereiten? Können sie sich am Prozess beteiligen? In diesem Artikel möchten wir Antworten auf diese und weitere wichtigen Fragen geben:

Das Taxonomie-Grundgerüst: Eine Liste an Aktivitäten, die sechs ökologische Ziele verwirklichen sollen

Die Taxonomie stellt nichts anderes als eine Liste von Wirtschaftstätigkeiten dar, die einen substanziellen Beitrag zu sechs ökologischen Zielen leisten sollen. Sie basiert auf Expertise aus Branche, Zivilgesellschaft und Wissenschaft und soll dynamisch im Laufe der Zeit den technologischen Wandel berücksichtigen. Es gibt auch keine graduelle Abstufung oder Note wie bei ESG- Ratings. Sobald fertiggestellt, soll sie Finanzmarktteilnehmern dazu dienen, die Umweltperformance ihrer (nachhaltigen) Aktien- oder Rentenfonds zu messen und darüber zu berichten. Der EU-Kommission schwebt vor, dass sie eine Ausgangsbasis für die Gestaltung neuer, grüner Finanzprodukte ist. In dem Zusammenhang ist auch die Einführung eines Ecolabels für grüne Investmentfonds angedacht. Institutionellen Investoren sollen mit ihrer Hilfe Investment-Präferenzen formulieren oder Engagement betreiben.

Die sechs ökologischen Ziele der EU-Taxonomie

  1. Klimaschutz
  2. Anpassung an den Klimawandel
  3. Nachhaltige Nutzung und Schutz von Wasser- und Meeresressourcen
  4. Übergang zu einer Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Recycling
  5. Vermeidung und Verminderung der Umweltverschmutzung
  6. Schutz gesunder Ökosysteme

Im veröffentlichten Bericht hat die technische Arbeitsgruppe bisher Aktivtäten identifiziert, die einen substanziellen Beitrag zu den ersten beiden Zielen leisten, allein 67 für den Klimaschutz. Die weiteren Ziele und damit zusammenhängenden wirtschaftlichen Aktivitäten werden bis Ende 2022 ausgearbeitet.

Vor allem Anbieter nachhaltiger Investmentfonds betroffen

Die Taxonomie richtet sich in erster Linie an Anbieter unterschiedlicher Arten von Investmentfonds. Sie sollen offenlegen, inwiefern ihre Produkte im Einklang mit der Taxonomie stehen.

Das betrifft aber nicht alle Fondsanbieter. Derzeitiger Sachstand ist, dass nur institutionelle Investoren und Vermögensverwalter, die Investmentprodukte als nachhaltig vermarkten, erklären müssen, ob und wie sie die Taxonomie-Kriterien genutzt haben.

Nutzer und Anwendung der Taxonomie

 

Offenlegungspflichten

Optionale Nutzung

Asset Management

  • OGAW/AIF/Venture/Infrastruktur-Fonds
  • Portfoliomanagement

 

Versicherung

  • Versicherungsbasierte Investmentprodukte
  • Versicherung

Corporate- und Investment-Banking

  • Verbriefungsfonds/Venture Capital und Private Equity Fonds / Indexfonds
  • Portfoliomanagement
  • Verbriefung/ Venture Capital und Private Equity
  • Indizes
  • Projekt- und Unternehmensfinanzierung 

Retailbanking

-

  • Hypotheken/ Immobilien-, Auto- Hauskredite

Quelle: Tabelle basiert auf Seite 60 im EU Taxonomy Technical Report

In den vergangenen Monaten ist eine lange Debatte dazu entstanden, warum die Offenlegungspflichten nicht für alle Anbieter gelten. Hauptkritikpunkte am jetzigen Vorschlag sind Wettbewerbsnachteile für Anbieter nachhaltiger Finanzprodukte sowie eine mangelnde Hebelwirkung, da der Anteil nachteiliger Produkte nur ein Bruchteil des Gesamtmarktes ausmacht. Auch das EU-Parlament steht dem Vorschlag kritisch gegenüber. Es will stattdessen nahezu alle Fondsanbieter in die Pflicht nehmen und stellt darüber hinaus klar, dass die Offenlegungspflichten auch für Kreditinstitute und börsennotierte Unternehmen gelten sollten. Bisher sehen die Vorschläge für Banken und Unternehmen eine freiwillige Nutzung vor.

Wie Anleger*innen herausfinden, ob ihre Investments Taxonomie-konform sind

Für jede der identifizierten 67 Aktivitäten gibt es konkrete technische Kriterien. Akteure am Kapitalmarkt, die herausfinden wollen, inwieweit ihre Investments der Taxonomie entsprechen, haben drei Schritte dabei zu gehen. Zunächst müssen sie prüfen, ob ihre Anlagen einen substanziellen Beitrag leisten (substantially contribute). Zudem darf ein Investment keine anderen ökologischen Ziele (Do no significantly harm - DNSH) oder die ILO-Kernarbeitsnormen verletzen (social safeguards).


Quelle: Presentation EU Taxonomy, Seite 3

1. Ermittlung des substanziellen Beitrags: es gibt verschiedene Wege

Die Taxonomie definiert unterschiedliche Möglichkeiten, wie eine Aktivität substanziell beitragen kann. Beim Ziel Klimaschutz adressiert sie Tätigkeiten mit bereits geringen Emissionswerten, z. B. (nahe) Null-Emissions-Transport oder Aufforstung. Ebenso zielt sie auf Tätigkeiten ab, die niedrige Emissionen oder substanzielle Reduktionen von Emission ermöglichen (Greening durch Tätigkeiten). Beispiel hierfür sind Hersteller von Windrädern.

Aber nicht nur Windräder oder elektrische Straßenbahnen können einen substanziellen Beitrag leisten. Um emissionsintensive Wirtschaftssektoren klimafreundlicher zu machen, hat die technische Arbeitsgruppe auch bestimmte wirtschaftliche Tätigkeiten identifiziert, bei denen zwar noch kein Netto-Null-Emissionsstand erreicht wurde, die aber zu einer Netto-Null-Emissions-Wirtschaft im Jahr 2050 beitragen können. Hier geht es um das Greening von Tätigkeiten (z. B. Renovierung von Gebäuden oder Autos mit unterdurchschnittlichem CO2-Ausstoß). Bei der Aufstellung der Kriterien hat sich die Arbeitsgruppe an den Sektorvorreitern orientiert. Die Performance soll damit über den Industrie-Durchschnitt gehoben werden, vergleichbar mit einem Best-in-Class-Ansatz bei Nachhaltigkeitsfonds. Die Kriterien für diese Tätigkeiten sollen im Laufe der Zeit kontinuierlich verschärft werden mit dem Ziel, Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Als Grenzwert für stromerzeugende Wirtschaftsaktivtäten wurde beispielsweise heute 100g CO2/kWh gewählt. Dies schließt emissionsintensive Sektoren wie die Kohleindustrie bereits heute aus.


Quelle: Using the taxonomy, Supplementary Report 2019, Seite 14

2. Do no significant harm: Was gut für ein Ziel ist, darf nicht schlecht für die anderen Ziele sein

Investoren müssen darauf achten, dass ökonomische Tätigkeiten, die einen substanziellen Beitrag zu einem der sechs ökologischen Bereiche bzw. Ziele der Taxonomie leisten, kein anderes Umweltziel substanziell schädigen. Für jedes der sechs Umweltziele wurde dies näher spezifiziert. So sollte keine Tätigkeit zu erheblichen Treibhausgasemissionen (Ziel 1) und Schadstoffemissionen (Ziel 5) führen oder einen negativen Effekt auf die natürliche und bauliche Umwelt haben (Ziel 2). Der Zustand der Meere und Flüsse (Ziel 3) und weiterer Ökosysteme (Ziel 6) in der Europäischen Union darf nicht beeinträchtigt werden. Ebenfalls sollte eine erhebliche Ineffizienz bei der Materialnutzung in einer oder mehreren Phasen des Lebenszyklus von Produkten vermieden werden (Ziel 4). Für jede wirtschaftliche Tätigkeit wurden konkrete Kriterien festgelegt. Dieser Schritt hat auch zum jetzigen Sachstand zum Ausschluss von Kernkraft geführt, da es ungeklärte Fragen zur Entsorgung des atomaren Abfalls gibt, was in Konflikt zu Ziel 3 steht. Allerdings wird auf EU-Ebene weiterhin diskutiert, Kernkraft doch als eine treibhausgas-neutrale Technologie für die Taxonomie zuzulassen.

3. Soziale Kriterien: EU-Kommission setzt auf Mindeststandards

Bisher wurde viel von Umweltkriterien gesprochen. Was ist eigentlich mit sozialen Kriterien oder Kriterien der guten Unternehmensführung? Die EU-Kommission greift hier auf bestimmte soziale Mindestanforderungen (social safeguards) zurück. Das Unternehmen, das die Wirtschaftstätigkeit ausübt, muss die acht Kernarbeitsnormen in der Erklärung der Internationalen Arbeitsorganisation über grundlegende Prinzipien und Rechte bei der Arbeit befolgen. Dies sind das Recht, keiner Zwangsarbeit unterworfen zu werden, die Vereinigungsfreiheit, das Recht der Arbeitnehmer, sich zu organisieren, das Recht auf Tarifverhandlungen, gleiche Entlohnung für männliche und weibliche Arbeitnehmer für gleichwertige Arbeit, Nichtdiskriminierung und Gleichbehandlung in Beschäftigung und Beruf sowie das Recht, keiner Kinderarbeit unterworfen zu werden. Weiter geht die Taxonomie nicht. Insbesondere das Fehlen konkreter sozialer Ziele zum jetzigen Zeitpunkt sehen viele Marktteilnehmer sehr kritisch und wurde kontrovers diskutiert. Hier zeigt sich auch ein klarer Unterschied zwischen dem EU-Parlament und der EU-Kommission. So plädiert das Parlament dafür, dass auch die OECD-Leitsätze für multinationale Unternehmen, die Leitprinzipien der Vereinten Nationen für Wirtschaft und Menschenrechte, (…) und die Internationale Charta der Menschenrechte, befolgt werden. Laut Parlamentsposition müssen weitere Leitlinien zu den Tätigkeiten erarbeitet werden, die zu anderen Nachhaltigkeitszielen, darunter soziale Ziele und Steuerungsziele [englische Version: governance objectives] beitragen. Nur so ließe sich die Agenda 2030 zur Erreichung der SDGs wirksam umsetzen.

Wie es weitergeht: Finanzmarktakteure können sich in den Prozess mit einbringen

An den ersten beiden Bereichen bzw. Umweltzielen wird die technische Arbeitsgruppe noch bis zum Jahresende arbeiten. Alle Finanzmarktakteure haben noch bis zum 13. September 2019 die Möglichkeit, Hinweise und Kritikpunkte zu äußern, indem sie ein Feedback zum Bericht an die EU-Kommission versenden (Hier geht es zum Call for Feedback). Für die weitere Umsetzung der Taxonomie wird im kommenden Jahr eine so genannte Plattform für ein nachhaltiges Finanzwesen geschaffen. Diese würde insbesondere die vier weiteren Umweltbereich- bzw. -ziele der Taxonomie entwickeln. Die EU-Kommission plant im ersten Halbjahr 2020 Konsultationen zu künftigen delegierten Rechtsakten, die die technischen Screening-Kriterien spezifizieren sollen.

Parallel dazu finden derzeit Verhandlungen zwischen Kommission, Parlament und den EU-Staaten zum Taxonomievorschlag der Kommission statt, die so genannten Trilog-Verhandlungen. Angesichts unterschiedlicher Standpunkte zwischen Parlament und Kommission kann es noch zu Anpassungen kommen. Dennoch wird davon ausgegangen, dass die Verhandlungen im zweiten Halbjahr abgeschlossen werden können.


Quelle: EU Taxonomy Technical Report, Seite 18

Wo Anleger*innen hilfreiche Informationen finden

Es ist derzeit nicht einfach, den Überblick zu bewahren. Die offizielle Seite der EU-Kommission zu Sustainable Finance erläutert Hintergründe und bisherige Maßnahmen. Zur besseren Veranschaulichung hat die Kommission ein Factsheet und eine Präsentation entworfen, in denen die wichtigsten Maßnahmen erläutert werden. Die rechtliche Grundlage bildet der Aktionsplan: Finanzierung nachhaltiges Wachstum

Zur näheren Erläuterung der Taxonomie ist online eine Präsentation erhältlich. In ihr finden sich auch die Hinweise auf weitere Dokumente, zum einen den ausführlichen technischen Bericht, der die Methodik und alle Tätigkeiten mitsamt Kriterien eingehend beschreibt, sowie als Praxishilfe einen Leitfaden, wie die Taxonomie anzuwenden ist. CRIC hat darüber hinaus einen Fragenkatalog veröffentlicht, der die wesentlichen Punkte zusammenfasst. Zum aktuellen Taxonomie-Entwurf hat CRIC am 2. September 2019 gemeinsam mit dem FNG, ÖGUT und oekofinanz-21 eine Stellungnahme veröffentlicht, die von der GLS Bank unterstützt wird.


Gesa Vögele ist seit Juli 2017 Mitglied der Geschäftsführung bei CRIC. Zuvor war sie über sieben Jahre beim FNG tätig ­– einem Fachverband für nachhaltige Geldanlagen, der hauptsächlich die Anbieterseite repräsentiert. Zu ihren dortigen Schwerpunkten zählten die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, politisches Lobbying sowie Projekte in den Bereichen Transparenz- und Qualitätssiegel, Weiterbildung und Marktstudien. Vorherige berufliche Stationen von Gesa Vögele umfassen außerdem die Redaktion eines Fachverlages sowie die wissenschaftliche und zuvor studentische Mitarbeit in Forschungseinrichtungen. Bereits zum Ende ihres Studiums befasste sie sich bei einer Nichtregierungsorganisation mit sozial-verantwortlichen bzw. ethisch-nachhaltigen Geldanlagen. Gesa Vögele ist Diplom-Volkswirtin und ausgebildete Fachredakteurin.

CRIC (Corporate Responsibility Interface Center) ist ein gemeinnütziger Verein zur Förderung von Ethik und Nachhaltigkeit bei der Geldanlage und versteht sich gleichermaßen als Informationsplattform und Kompetenzzentrum. Ziel der Aktivitäten von CRIC ist es, ökologischen, sozialen und kulturellen Aspekten in Unternehmen und der Wirtschaft mehr Gewicht zu verleihen. Mit mehr als 100 Mitgliedern vor allem in Deutschland, Österreich und der Schweiz ist CRIC die größte Investorengemeinschaft zur ethisch-nachhaltigen Geldanlage im deutschsprachigen Raum. Die Schwerpunkte der Arbeit liegen in der Bewusstseinsbildung, dem Dialog mit der Wirtschaft (engl. Engagement) und der wissenschaftlichen Begleitforschung. CRIC wurde im Jahr 2000 gegründet. Der Vereinssitz ist Frankfurt am Main. Weitere Informationen: www.cric-online.org.

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Why aren’t investors eating their free lunch?

Diversification can lead to better investment outcomes, and listed alternatives can help embed this principle in portfolios, argues Martin Dietz, Fund Manager at Legal & General Investment Management.

The investment world is full of truisms, pearls of wisdom concealed within a dull shell. Some are trading maxims, like ‘buy low, sell high’. Some bear a Nobel laureate’s stamp of authority, like Harry Markowitz’s claim that diversification is ‘the only free lunch’ for investors.

These all make intuitive sense, but they don’t really tell us much. How do we know whether a price is low or high, for example? What makes a portfolio diversified?

As asset allocators, we have plenty of metrics to inform our answer to the first question about valuations. There is no consensus about the second, however.

Most investors, of course, agree that diversification is a minimum requirement for a multi-asset portfolio: blending together the different performance profiles of different assets should result in improved risk/reward outcomes due to the lower overall volatility in the portfolio.

But what specific assets, in what combination, help us achieve this? Some commonly accepted standards have emerged through time: portfolios shouldn’t be significantly overweight single securities, single geographies, or single sectors; and they shouldn’t rely on equities alone for growth.

Pass the alts

Those guidelines give us solid foundations for building a diversified portfolio, but we would argue that just as important as diversifying across traditional asset classes is diversifying into alternative asset classes.

Within these alternative categories, we consider a host of assets: high-yield bonds, property, infrastructure, emerging-market debt, and many more.

Accessing some of these alternative assets can be relatively straightforward: exposure to various alternative credit markets, such as global high yield and emerging-market debt, is now available through index or actively managed funds. Others – notably direct real assets like property, infrastructure, and farmland or forestry – are less accessible.

We are certainly not alone in appreciating the value of such diversifying assets. We can use the Pension Protection Fund, for instance, as an example for a well managed, sophisticated institutional portfolio. The fund’s most recent annual report revealed that it had invested significant parts of its portfolio across private equity, property, infrastructure, timberland and farmland, and non-government and non-corporate debt. Once we strip out its liability hedges, we see how its return-seeking portfolio has allocated significantly to alternative credit (20%) and other alternatives (26%), while limiting the allocation to standard equities (21%).

We have seen similar portfolio compositions from other sophisticated defined benefit (DB) and defined contribution (DC) trust-based schemes, yet a surprising number of bundled DC propositions have still not fully embraced alternatives, and continue to rely on an equity-focused portfolio. All portfolios in the chart below have a broadly similar long-term return expectation, but vary widely in their level of diversification. We would expect the more concentrated portfolios to be more risky over time.

Price versus value

One potential explanation for this lack of diversification in mastertrusts’ portfolios could be the charge cap and value-for-money requirements. Many providers have gone for an ‘as cheap as possible’ approach which has typically undermined diversification.

We certainly acknowledge that true diversification through alternatives requires the use of some higher-value building blocks in portfolios, so it is not exactly as ‘free’ as Markowitz contended.

But investing to obtain the predictable benefits of diversification should be an easy decision for anyone willing to spend more than the bare minimum for a better outcome.

After all, the value-for-money case for upgrading an old-fashioned balanced portfolio of equities and bonds should be straightforward when the extra cost for genuine diversification through alternatives can be achieved from as little as 5-10 basis points (0.05% to 0.10%).

Getting the alts right in DC

There remains a question mark or two over how to allocate effectively to alternatives in a DC portfolio. Unquoted alternatives create additional complications, as they tend to be illiquid and aren’t tradable in investor-friendly increments – you can’t allocate to forestry one tree at a time – while DC schemes typically require daily pricing and daily liquidity.

With this in mind, we believe listed alternatives are a straightforward implementation vehicle. Liquidity is achieved for investors because they can buy and sell their shares in these vehicles to other investors at any point in time. And as this trading doesn’t change the number of shares or the capital available to the listed structure, it doesn’t need to meet daily redemption requests and is able to own the less-liquid underlying assets.

Equally, listed alternatives can overcome the challenge of underlying assets that are not priced on a daily basis: their real asset price is part of the listed alternative’s balance sheet and is reflected in the calculation of its net asset value. But there is also a daily share price for the listed vehicle that investors can trade on, and this will directly reflect current market conditions.

Our research shows that listed alternatives provide similar risk-adjusted returns to direct investments in real assets over the long term. There is admittedly more volatility over the shorter term with listed alternatives – a function of their daily pricing and trading and their equity beta – but most investors should be able to look through this noise. Over the longer term, the listed alternative’s share price is mainly driven by its underlying assets, and the returns on the underlying assets are passed through the listed alternative to the underlying investors.

For all these reasons, we view listed alternatives as a great addition to portfolios. They meet all the requirements for DC schemes – daily pricing, daily liquidity, low fees – and they can improve portfolio outcomes.

Why, oh why, isn’t everybody using them?


This article has first been published on futureworldblog.lgim.com.

Datenqualität als Herausforderung oder Mehrwert?

von Michael Günther und Pablo Hess, den Fondsmanagern des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG.

Zwei von drei Anlegern (70 Prozent) versprechen sich von der Verarbeitung und Nutzbarmachung großer Datenmengen den größten Wertbeitrag für eine moderne Fondsstrategie. Allerdings erwartet fast die Hälfte (47 Prozent) der Anleger, dass die Qualität der Daten künftig die größte Herausforderung beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Portfoliomanagement sein dürfte. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen qualitativen Umfrage der Frankfurter Asset Management-Gesellschaft Tungsten Capital unter mehr als 50 Anlegern, darunter vornehmlich institutionelle und semi-institutionelle Investoren.

Spannenderweise ist Rendite nicht der wichtigste Faktor, mit dem Anleger den Einsatz neuer KI-Technologien bei der Geldanlage bewerten. Lediglich 26 Prozent der Befragten nennen Performancevorteile als Top-Priorität. Dagegen kommen der Verbesserung des Chance-Risiko-Verhältnisses (51 Prozent) und der Eliminierung des Behavioral Bias (43 Prozent), also emotionaler Einflüsse, jeweils eine deutlich höhere Bedeutung zu (Mehrfachnennungen waren möglich). Schlüsselkriterium ist jedoch die Berücksichtigung einer Vielzahl von Variablen und relevanter Datenquellen (70 Prozent). „Das Thema Daten spielt für Investoren eine wichtige Rolle“, kommentiert Michael Günther, Portfoliomanager von Tungsten TRYCON, die Ergebnisse. „Fortschritte in Hard- und Software ermöglichen es, die Portfolioauswahl mittels maschineller Intelligenz und Analysetechnologien zu unterstützen. Der Aufwand für die Rechenleistung und Datenverknüpfung ist dabei mithin immens“.

Allerdings nimmt ein großer Teil der Anleger (47 Prozent) die Qualität der verfügbaren Daten auch als größte Herausforderung bei der Umsetzung einer von Algorithmen gestützten Investmentstrategie wahr. „Inwieweit die Leistungsfähigkeit von KI den menschlichen Analysten ergänzt und welche Art von Daten dabei zum Einsatz kommen, dies wird die Asset Management-Branche in den nächsten Jahren verstärkt beschäftigen“, führt Pablo Hess, ebenfalls Portfoliomanager von Tungsten TRYCON, weiter an. „Einige Anbieter nutzen bisher vornehmlich strukturierte Finanzinformationen und Zeitreihen, etwa Preis- und Umsatzdaten, andere versprechen sich Erkenntnisse beispielsweise aus Social Media-Nachrichten wie Twitter oder Blogs“.

Hinkt die Finanzindustrie anderen Branchen hinterher?

Während in anderen KI-Anwendungsbereichen – etwa Spracherkennung für Mobiltelefone – eindeutigere Muster vorherrschen, sind die Kapitalmärkte von einem hohen Maß an Ungewissheit geprägt. Fast jeder zweite Teilnehmer (47 Prozent) hält daher neben der Datenqualität die Eigenheiten und Komplexität der Finanzmärkte für die größte Herausforderung in der Praxis. „Künstliche Intelligenz im Fondsmanagement arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt möglicher Szenarien und Kursentwicklungen. Eine Gewissheit über zukünftige Entwicklungen kann auch die KI nicht geben“, bekräftigt Michael Günther. Vorangegangene Umfragen, etwa jüngste Studien des BVI, fokussierten vornehmlich auf administrativen, prozessualen sowie IT- und vertriebsseitigen Einsatzgebieten von KI. „Mit unserer Umfrage verfolgten wir das Ziel, einige qualitative Einschätzungen aus Anlegersicht dezidiert zum Nischenthema KI im Investment Management einzuholen“. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Umfrageteilnehmer die Finanzbranche beim Einsatz von KI im Branchenvergleich nur auf einem der hinteren Plätze verorten. Im Automobilsektor wird KI aus Sicht der befragten Anleger bislang am erfolgreichsten eingesetzt (Platz 1), gefolgt von der Telekommunikations- und Pharmaindustrie. Die Finanzbranche rangiert auf dem letzten Platz, knapp hinter dem Energiesektor. „Die Anwendung von KI in der Finanzbranche ist vermutlich weniger greifbar als in anderen Industrien, denkt man nur an das autonome Fahren. Automatisierungen und Prozesseffizienzen sind nur eine Einsatzmöglichkeit von KI im Finanzbereich, die Identifizierung von Handelsgelegenheiten im Portfoliomanagement bildet eine weitere“, gibt Pablo Hess zu bedenken. „Gleichsam wird das Thema auch innerhalb der Finanzbranche nicht immer trennscharf – zum Beispiel gegenüber Robo-Advisory – behandelt“.

Aufholpotenzial gegenüber USA und China

Fortschrittliche KI-Technologien wurden bisher, so die Ausgangsthese für die Umfrage, vornehmlich mit dem Silicon Valley assoziiert. Die Ergebnisse der Umfrage deuten darauf hin, dass die befragten Anleger Nachholbedarf für Deutschland und Europa sehen. Bei der Frage, welche Länder und Regionen künftig KI-Zukunftstechnologien dominieren werden, konnten die Teilnehmer Schulnoten (1 = sehr gut bis 6 = ungenügend) für die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte vergeben. Den USA und China stellen die Anleger mit der Note 2 jeweils ein gutes Zeugnis aus, Deutschland und Europa schneiden nur mit Note 4 ab.

Inwieweit KI im Fondsmanagement in Deutschland weiter Verbreitung finden wird, dies wird aus Sicht der Autoren nicht nur auf der Angebotsseite entschieden. „Wir gehen davon aus, dass mehr Anbieter die Potenziale von KI erschließen wollen und entsprechende Technologiekenntnisse an Bord holen werden“, so Michael Günther. „Die Umstellung auf einen größeren Anteil der KI im Investmentprozess wird die Branche in den nächsten drei bis fünf Jahren ein Stück weit verändern“. Wichtig sei aber, dass dieser Innovationsschub mit der Nachfrageseite korrespondiert. „Investoren erwarten einen Mehrwert gegenüber einer Anlagelösung, die keine KI einsetzt“. Wenn die Branche ihre Hausaufgaben macht, dann dürfte der Wertbeitrag von KI im Investment Management aus Sicht der befragten Anleger künftig hoch (62 Prozent) oder sogar sehr hoch (13 Prozent) sein. Über drei Viertel der Umfrageteilnehmer (81 Prozent) gehen davon aus, dass die Nachfrage nach KI-basierten Investmentstrategien in den nächsten fünf Jahren (erheblich) zunehmen wird.


Dieser Beitrag erschien zuerst auf fondstrends.lu.

Künstliche Intelligenz im Investment Management

Die Umfrage „Künstliche Intelligenz im Investment Management 2019“ wurde in diesem Jahr erstmals von TRYCON im Zeitraum 6. bis 14. Mai 2019 online durchgeführt. An der Umfrage nahmen 53 Anleger teil, davon ca. 82 Prozent institutionelle Investoren, Vermögensverwalter, Family Offices und Anlageberater sowie ca. 18 Prozent Privatanleger. Die Umfrage ist qualitativ (sie erhebt nicht den Anspruch einer quantitativen Erhebung) und beleuchtet Einschätzungen und Trends zur Wahrnehmung der Vorteile und Herausforderungen beim Einsatz von KI in Fonds und Investmentstrategien.

Michael Günther

Michael Günther ist einer der zwei Fondsmanager des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG. Sein Schwerpunkt ist neben dem Portfolio Management die Programmierung und Weiterentwicklung der proprietären Portfolio- und Risk Management-Software auf Basis von MATLAB. Herr Günther ist außerdem seit 2002 Vorstandsmitglied der TRYCON G.C.M. AG.

Pablo Hess

Pablo Hess ist einer der zwei Fondsmanager des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG. Sein Schwerpunkt ist neben dem Portfolio Management das Research und die (Weiter-)Entwicklung von Multi-Asset-Handelsstrategien insbesondere für börsengelistete Derivate. Im Fokus stehen hierbei hochentwickelte quantitative Modelle. Aber auch Trendfolgemodelle oder Optionshandelsstrategien bilden einen weiteren Schwerpunkt. Herr Hess ist außerdem seit 2002 Vorstandsmitglied der TRYCON G.C.M. AG.

Mikrofinanzierung: Auch traditionelles Impact Investing erfordert einen kritischen Blick

Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, GLS Bank, mit einem kritischen Blick auf Mikrofinanzierung als etablierte Form des Impact Investings in Teil 3 der Serie „Impact Investing – wie der Finanz-Mainstream einen Nischenmarkt entdeckt“.

Impact Investing gilt am Kapitalmarkt als der Königsweg, um die Sustainable Development Goals zu erreichen. In den vergangenen Jahren haben diese traditionell alternativen Investmentformen Verbreitung am ganzen Markt gefunden. Doch die sozial-ökologische Wirkung von OGAW-Investmentfonds ist schwer zu erfassen, da sie aufgrund regulatorischer und technischer Gründe das Geld i.d.R. nicht direkt den Unternehmen und Projekten zur Verfügung stellen und viele Unternehmen nicht stringent darüber berichten. Auch bei den am Markt sehr beliebten Green Bonds ist es umstritten, ob sie tatsächlich zu einer nachhaltigen Zukunft beitragen.

Es stellt sich die Frage: Ist es nicht besser, sich auf den Markt für alternativen Investments zu konzentrieren, um impactstarken Projekten und Unternehmen direkt Kapital zur Verfügung zu stellen? So naheliegend dies erscheint, so sehr ist ein kritischer Blick notwendig. Ein gutes Beispiel dafür ist die Mikrofinanzierung, eine etablierte Form des Impact Investings.

Gründe für Mikrofinanzierung: Finanzielle Inklusion statt Armutsbekämpfung

Als in den 1970er Jahren spezialisierte Mikrofinanzinstitute gegründet wurden, wollten sie mit der Vergabe von Kleinstkrediten die Armut mindern. Muhammad Yunus, Gründer der Grameen Bank, einem Mikrofinanzinstitut in Bangladesch, erhielt dafür 2006 sogar den Friedensnobelpreis. Nach mehr als 40 Jahren ziehen viele Forscher*innen jedoch ernüchtert Bilanz: Mikrofinanzierung leistet keinen wesentlichen Beitrag, um Armut zu vermindern. Aber sie hat einen anderen positiven Effekt: Sie ermöglicht vielen benachteiligten Menschen auf dem Land eine finanzielle Teilhabe. Hintergrund ist, dass viele Mikrofinanzinstitute ihre Ursprünge in kleinen Nichtregierungsorganisationen in ländlichen Regionen haben, die über die Jahre gewachsen ist. Hier erhielten arme Menschen zum ersten Mal einen Zugang zu verlässlichen Leih- und Sparmöglichkeiten. Ein großer Markt: Mehr als 2 Mrd. Menschen haben immer noch keinen Zugang zu Bankdienstleistungen.

Mikrofinanzmarkt heute: erwachsen, vielfältig, herausfordernd

Mittlerweile ist der Mikrofinanzmarkt erwachsen geworden. Die Institute sind in nahezu allen Entwicklungs- und Schwellenländern präsent. Das Gesamtvolumen an Krediten lag Ende 2017 bei 114 Mrd. US Dollar (Microfinance Barometer 2018). Regulatorische Anforderungen und der Kostendruck zwingen Institute, sich professionell aufzustellen. Dazu gründen sie u.a. internationale Holdingsstrukturen oder Netzwerke, die zentral Kapital einsammeln und dann länderspezifisch verteilen. Viele Institute agieren mittlerweile auch als Vollbanken. Um die Mikrokreditvergabe zu refinanzieren, wenden sie sich immer stärker an ausländische Investoren, die zunehmendes Interesse am Markt zeigen. Neben der guten Tat bieten die Institute auch gut verzinste Darlehen an. Mikrofinanzfonds haben sich darauf spezialisiert, ausschließlich diese Institute zu finanzieren.


Quelle: Microfinance Barometer 2018

Bekanntlich ist dabei nicht alles Gold was glänzt. Wie finden und fördern Investoren profitable Institute, die zur finanziellen Inklusion beitragen und dabei keinen Schaden anrichten? Folgende Aspekte gilt es zu beachten:

1. Umfangreiche ökonomische Due Diligence mit lokaler Expertise durchführen

Mikrofinanzinstitute sind in Entwicklungs- und Schwellenländern aktiv. Es gibt diverse Gegebenheiten zu beachten: Die Menschen haben eine fremde Sprache und Kultur. Es gibt ein anderes Rechts- und Politiksystem. Deswegen ist es hilfreich, mit ausgewiesenen Kreditspezialisten aus dem Land bzw. der Region zusammenzuarbeiten, die den Markt kennen und sich bei Besuchen vor Ort oder auf lokalen Messen ein genaues Bild von der Qualität der Institute und Kreditangebote machen können. Dieser Prozess nimmt bei Neuprüfungen häufig mehrere Monate in Anspruch. Schließlich müssen Investoren neben den obligatorischen ökonomischen Berechnungen auch die politische als auch wirtschaftliche Situation des Landes erfassen und alle Einflussfaktoren und Zusammenhänge berücksichtigen, die auf das Institut wirken. Ein Beispiel: In Russland arbeiten viele Menschen aus Zentralasien, die regelmäßig einen Teil ihres Lohnes zurücküberweisen. Damit werden auch Mikrokredite bedient. Durch die Sanktionen gegen Russland erlahmten diese Geldströme und die Zahl notleidender Kredite stieg bei diesen Instituten merklich an.

2. Strenge sozial-ökologische Kriterien beachten

Es gibt in Deutschland eine gesetzliche Definition eines Mikrofinanzinstituts. So muss es einer Aufsicht unterstellt sein, darf bei mindestens 60 % der Darlehensvergaben den Betrag von 10.000 Euro nicht überschreiten und seine Haupttätigkeit soll die Kreditvergabe an Klein- und Kleinstunternehmer für deren unternehmerische Zwecke sein (siehe §222 KAGB). Diese Definition lässt aber viel Spielraum. Um sicherzugehen, dass das Kreditportfolio eine hohe sozial-ökologische Qualität aufweist, ist es ratsam für Investoren, weitere Kriterien anzuwenden. Zunächst sollten die Kredite keinen Schaden anrichten. Auszuschließen ist die Finanzierung von Aktivitäten, mit denen Kinder ausgebeutet, Landrechte der indigenen Bevölkerung verletzt oder Raubbau an der Natur betrieben wird.

Darüber hinaus sollten Mikrofinanzinstitute bzw. -fonds genau definieren, welchem Zweck die Kredite dienen. Neben der weit verbreiteten Unterstützung von Kleinbäuern*innen (u.a. zur Vorfinanzierung der Ernte) und speziellen Kreditprogrammen für Frauen gibt es viele weitere förderungswürdige Aktivitäten: Die Finanzierung von Erneuerbare Energien-Projekten, sozial-ökologische sowie ökonomische Bildungs- und Beratungsprogramme zum Aufbau einer beruflichen Existenz, die sanitäre Versorgung von Wohnungen oder auch Versicherungs- und Sparangebote, mit denen Endkreditnehmer*innen langfristige finanzielle Perspektiven aufbauen können.

Ebenso wichtig ist es, dass die Endkreditnehmer*innen geschützt sind. In der Branche haben sich dazu die Client Protection Principles der Smart Campaign-Zertifizierung etabliert, die Mindestanforderungen an den Kundenschutz stellen. Um die begehrte Zertifizierung zu erhalten, müssen die Institute sowohl eine hohe Kostentransparenz als auch ein System zum Kundenschutz nachweisen.


Quelle: Annapurna Finance Ltd.

3. Übersättigte Länder kritisch sehen

Das Kapital am Mikrofinanzmarkt ist ungleich verteilt. Manche Institute und Länder werden geradezu geflutet, andere gehen nahezu leer aus. Wenn das Angebot an Angeboten sehr hoch ist, sinken die Zinsen. Häufig nehmen Endkunden*innen dann weitere Kredite auf, die sie irgendwann nicht mehr bedienen können. Dies hat in der Vergangenheit bereits zu erhöhten Kreditausfällen bei den Instituten geführt – mit mitunter fatalen Folgen für Endkreditnehmer*innen. Um diesen Missstand zu beheben, wurde der sogenannte Microfinance Index of Market Outreach and Saturation (Mimosa-Index) entwickelt. Er zeigt an, wie hoch die Sättigung im Land ist, indem er den Human Development Index und die Kreditvolumina von Ländern in Beziehung setzt. Je höher die Sättigung, umso höher ist zumeist auch das Rückzahlungsrisiko. Daher sollten Investoren maßvoll in diesen Ländern Kredite vergeben.  Zu beachten ist beim MIMOSA-Index, dass die derzeit öffentlich zugänglichen Daten bereits 5 Jahre alt sind und daher nur als eine erste Indikation zu verwenden sind.

MIMOSA-Länderverteilung 2014

Quelle: Mimosa 2.0 – Mapping the (micro)credit cycle

4. Lokalwährungskredite fördern

Bis vor kurzem haben Mikrofinanzinstitute ihre Darlehen am Kapitalmarkt nahezu ausschließlich in Euro oder Dollar erhalten. So bequem dies für ausländische Investoren ist, so schwierig ist es für die Institute. Schließlich müssen sie die Währungsrisiken teuer absichern, oder das Risiko anderweitig steuern. Mit steigendem Investoreninteresse und aufgrund regulatorischen Drucks sind sie dazu übergegangen, Darlehen zunehmend in der landeseigenen Währung zu präferieren. Investoren wie z.B. Mikrofinanzfonds übernehmen die Absicherung, die für sie günstiger und oft überhaupt erst möglich ist. Je mehr Währungen sie im Portfolio haben, umso breiter wird das Währungsrisiko gestreut, was mittelfristig geringere Absicherungskosten zur Folge haben kann. Auch aus sozial-ökologischer Sicht ergeben sich Vorteile. Denn den Wegfall von Gebühren kann das Mikrofinanzinstitut in Form günstigerer Kreditzinsen oder mehr Krediten an die Endkreditnehmer*innen, beispielsweise den Kleinbauern*innen oder Nähern*innen, nun direkt weitergeben.

5. Technical Assistance unterstützen

Mikrokredite sollten dort vergeben werden, wo sie die höchste sozial-ökologische Wirkung entfalten. Um dies zu gewährleisten, wurden im entwicklungspolitischen Kontext bestimmte Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen konzipiert, die so genannte Technical Assistance. Sie können auf zweierlei Ebenen wirken. Einerseits erhalten Mitarbeiter*innen von Mikrofinanzinstituten in Schulungen wichtiges Wissen vermittelt, z.B. wie sich die positive Wirkung der Kredite erfassen lässt.  Andererseits können sich Endkreditnehmer*innen in Workshops über spezifische Themen austauschen, z.B. welche Rechte sie als Arbeitnehmer haben oder mit welchen Anbaumethoden sie nachhaltig erfolgreich wirtschaften. Investoren haben die Möglichkeit, mit ihren Fondseinnahmen oder Abschlussprovisionen gezielt diese Maßnahmen zu finanzieren.

6. Hohe Diversifikation im Portfolio anstreben

Um eine möglichst hohe sozial-ökologische Wirkung und Portfoliostreuung zu erreichen, bietet es sich für Investoren an, im hohen Maße in Länder anzulegen, die gemäß der Weltbank als Low Income- oder Low Middle Income-Staaten gelten. Eine weitere Möglichkeit ist es, in eine Vielzahl unterschiedlicher Institute zu investieren. Die Branche unterscheidet zwischen Tier 1, Tier 2 und Tier 3-Instituten. Bei Tier 1-Instituten handelt es sich um regulierte Institute, die eine Bilanzsumme von mehr als 50 Mio. US Dollar haben und spezifische Anforderungen an die finanzielle Nachhaltigkeit und Transparenz erfordern. Sie sind im Fokus internationaler Investoren. Darüber hinaus gibt es aber auch viele kleine, impactstarke Institute, die eine Bilanzsumme von nur wenigen Millionen US Dollar aufweisen und aufgrund ihrer Struktur kein regelmäßiges Reporting aufstellen. Auch hier können sich Investments lohnen. Zwar ist ein hoher Prüfaufwand notwendig. Jedoch ist der sozial-ökologische Impact besonders hoch, da diese Institute die Bedürfnisse ihre Kreditkunden*innen sehr gut kennen und maßgeschneiderte Kredite anbieten, aber häufig unterfinanziert sind.

7. Transparente Berichterstattung einfordern

Um über die Entwicklungen von Mikrofinanzinstituten auf dem Laufenden gehalten zu werden, sollten Investoren regelmäßig informiert werden. Bei Investments in einen Mikrofinanzfonds ist ein Monatsbericht hilfreich, der über die aktuelle Fondsperformance aber auch spezifische Mikrofinanzthemen und Neuinvestments informiert. Dies ist als Standard am Markt für Mikrofinanzfonds anzusehen. Ebenfalls bietet sich über die gesetzlichen Pflichtpublikationen hinaus ein jährlich erscheinender Bericht an, indem auch die sozial-ökologischen Aspekte umfassend gewürdigt werden. Als Wirkindikatoren bieten sich die Anzahl erreichter Mikrounternehmer, die durchschnittliche Kreditsumme, der Anteil finanzierter Frauen oder die Anzahl an Krediten an, die in ländlichen Regionen vergeben werden.

Fazit

Die Mikrofinanzierung ist ein am Markt etabliertes Finanzierungsinstrument, um die finanzielle Teilhabe von Menschen zu fördern. Investoren können damit positiv zur sozialen Entwicklung in vielen Ländern beitragen. Vor einem Investment, sei es direkt oder über einen Fonds, sollten sie neben einer umfassenden ökonomischen und sozio-ökologischen Prüfung auch die Eigenheiten und Instrumente des Mikrofinanzmarktes berücksichtigen und Transparenz einfordern. Denn nur so können sie sicher sein, dass sie wirklich eine positive Wirkung mit ihrer Anlage erzielen.


Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Nachhaltige Investments mit dem Bio-Rohstoff Hanf

Der Gesellschaft wird zusehends die globale klimatische Entwicklung bewusst, sodass nachhaltige und ökologisch korrekte Investments seit Jahren an Priorität gewinnen. Einige Innovationen sind in sich widersprüchlich, wie etwa die Mobilitätsthematik und E-Antriebstechnologien, mit hohem Bedarf an Lithium und Kobalt. Hanf scheint hingegen ein berechtigtes Trendthema zu sein. Richtet man nun den Fokus auf die Pflanze und den daraus entstehenden Bio-Rohstoff entfalten sich facettenreiche Verwendungszwecke, erklärt Daniel Stehr, Geschäftsführer und Initiator der ws-hc.

Ein Bio-Rohstoff sollte schnell wachsen, robust gegen Schädlinge sein, und eine hohe Qualität und vielseitige Nutzung der Bio-Masse bieten.

Hanf wächst hervorragend, ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammend bietet die heutige variantenreiche Genetik optimale Anbaubedingungen nahezu rund um den Globus. Vergleicht man Hanf an dieser Stelle mit anderen Bio-Rohstoffen, entfallen somit potenziell die Transportkosten – gut für den Geldbeutel und den geologischen Fußabdruck. Beim Wuchs entfallen anders als bei nahezu jeder anderen industriellen Feldfrucht der Bedarf an Pestiziden (gegen Schädlinge) und Herbiziden (gegen Pilzbefall). Die Cannabinoide THC und CBD, in der Pharmazie und als Genussmittel bekannt, beinhalten optimale natürliche Schutzmechanismen gegen diesen Schadbefall. Noch besser wird die Öko-Bilanz dadurch, dass Hanf während des Wuchs Agrarböden revitalisiert und durch die schnell wachsende Bio-Masse große Mengen CO2 bindet.

Ist der Hanf nun erntebereit bietet er verschiedene Rohstoffe: Fasern, Schäben, Samen, Blätter und Blüten.

Für die Lebensmittelindustrie gilt: Hanfsamen gehören zu den ernährungsphysiologisch hochwertigsten Ölfrüchten. Hanföl, gewonnen aus den Hanfsamen, ist besonders reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, hier sind besonderes die essenziellen Fettsäuren Linolsäure und Alpha-Linolensäure zu beachten. Die Omega-3-Fettsäure kommt nur in sehr wenigen Speiseölen in dieser hohen Konzentration vor. Hanfprotein, ein veganes Protein aus den Hanfsamen, enthält alle 8 essenziellen Aminosäuren und ist sogar leichter verdaulich als Sojaprotein. Hanf kann potenziell eine tragende Rolle in der Welt-Ernährungsfrage spielen.

In der Bauindustrie ist Hanf geschätzt, 97% der Pflanze können verarbeitet werden. Die Fasern sind langlebig, leicht, reißfest, diffusionsoffen, auch nach Verarbeitung resistent gegen Schädlinge und Pilzbefall sowie ungeeignet für den Nestbau von Nagetieren. Hanfdämmmatten werden z.B. für Wärme und Schalldämmung verwendet.

Papier aus Hanffasern wurde vor 2000 Jahren in China erfunden und gelang im 13. Jahrhundert nach Europa. Es war über Jahrhunderte der meist verbreitete Rohstoff für die Papierherstellung. In der industriellen Entwicklung wurde es jedoch günstiger, Wälder zur Papierherstellung zu roden. Welche gravierenden folgen die gerodeten Waldflächen auf die klimatische Situation haben muss hier wohl nicht erörtert werden. Hanf wächst um ein Vielfaches schneller als Forst und enthält deutlich mehr Zellstoff. Die Faser muss nicht mit Chemikalien gebleicht werden und ist wesentlich stabiler und reißfester, somit langlebiger als die Holzfasern.

In der Textilindustrie konkurriert Hanf mit Baumwolle. Für die globale Baumwollproduktion werden jährlich 256 Kubikkilometer Wasser benötigt, genügend Süßwasser, um jeden Erdenbürger pro Tag mit 120 Litern Frischwasser zu versorgen. Hanf nimmt im Wuchs das doppelte an CO2 auf und benötigt für eine Tonne Faser ca 500 Liter Wasser, Baumwolle hingegen satte 10.000 Liter. 

In der Chemieindustrie kann Hanf petrochemische Kunststoffarten (Kunststoff auf Grundlage von Erdöl) ersetzen.  Die Hanffasern bestehen aus ca. 77% Zellulose, einem Rohstoff, aus dem sich biologisch abbaubarer Kunststoff herstellen lässt. „Bioplastik“ zersetzt sich weitergehend nicht in Mikroplastikteilchen.

In der Mobilität bietet Hanf daher für die Automobil, Luft- und Raumfahrt optimale Rohstoffstrukturen für den treibstoffsparenden und CO2 neutralen Leichtbau. Der größte Abnehmer von Nutzhanf in Deutschland ist die Automobilbranche.


Die ws-hc Stehr & Co Hanf Consulting UG recherchiert und analysiert das gesamte Potenzial des vielseitigen Anlageuniversums der globalen Hanf-Industrie. Zur Risikodiversifikation einer Investition in die Hanfbranche, bedarf es einer breiten Streuung in die Wertschöpfungskette des Hanfs: Anbau, Lizenzen & Patente, Distribution, Forschung, Technologie und Pharmazie. Der erste deutsche aktiv gemanagte Hanf Aktienfonds ws-hc Fonds – Hanf Industrie Aktien Global (WKN A2N84J) bietet seit dem 3.12.2018 eine mögliche Investmentlösung an. Weitere Informationen auf ws-hc.de.

Über Daniel Stehr

Daniel Stehr ist Geschäftsführer und Initiator der ws-hc. Bereits Ende der 90`er Jahre hat Herr Stehr seine ersten internationalen Erfahrungen mit dem Handel der bekannten Titel der New Economy (NASDAQ Chicago) sammeln dürfen. Seit nun zwei Jahrzehnten hat er sich seine Expertise in der nationalen und internationalen Finanzbranche aufgebaut. Im Kundenauftrag hat Herr Stehr bereits zahlreiche Investitionen in die Hanf-Branche Nordamerikas begleitet.

Dies ist Teil 7 der Serie von ws-hc. Weitere Teile finden Sie hier:

Mensch und Maschine – die optimale Kombination für quantitative Portfolios

Die Herausforderungen am Kapitalmarkt sind komplexer und vor allem umfangreicher geworden. Das wirtschaftliche Umfeld erfordert zudem eine regelmäßige Neubetrachtung von Risiken und potenziellen Renditen. Mit quantitativen Investmentprozessen profitieren Investoren von einer systematischen Erfassung von Informationen und fundamental begründeten Anlageentscheidungen ohne subjektive Einschätzungen. Nur quantitative Prozesse ermöglichen es, die große Anzahl der Finanztitel im globalen Investmentuniversum effizient und kontinuierlich zu überwachen.

Trotz moderner technischer Ansätze bleibt es wichtig, menschliche Erfahrung mit einzubeziehen. Bei der Deka Investment sind die Entwickler der zugrunde liegenden Modelle auch für die Generierung der Kauf- und Verkaufsentscheidungen verantwortlich. Mit einer langjährigen Kapitalmarkterfahrung legitimieren sie beispielsweise manuelle Eingriffe beim Eintritt außergewöhnlicher Situationen. Dadurch ist sichergestellt, dass maschinelle Entscheidungen stets durch Menschen validiert und gegebenenfalls korrigiert werden.

Faktorbasierte Investmentprozesse und Risikokontrolle

Die quantitativen Strategien der Deka Investment nutzen globale Renditequellen systematisch und integrieren gleichzeitig das Risikomanagement des Portfolios in die Anlagestrategie. Dazu wird ein faktorbasierter Ansatz verfolgt, der sowohl die entscheidenden Kriterien der Investmentchancen als auch die Risiken aus verschiedenen Perspektiven bewertet. In Kombination bilden die ausgewählten Faktoren die Eigenschaften ab, die nach Einschätzung der Entscheidungsträger die zukünftig beste risikoadjustierte Rendite erbringen. Diese faktorbasierten Ansätze zeichnen sich für Investoren durch folgende Aspekte aus:

  • Sie investieren zur Renditeoptimierung nach wissenschaftlichen Erkenntnissen,
  • sie verbessern die Diversifikation von traditionellen Portfolios durch die Kombination von Investment-Stilen und
  • sie erlauben transparente, nachvollziehbare und belegbare Anlageentscheidungen.

Diese Vorteile können Anleger mit den Strategien von Deka Investment sowohl für Aktien- als auch Anleiheinvestments nutzen.

Faktorbasierte Aktienstrategien

Statt die Renditen einzelner Aktien vorherzusagen, sollen mit den faktorbasierten Ansätzen der Deka Aktien mit ausgewählten Eigenschaften in Wunschportfolios kombiniert werden. Risiko-, Momentum- und fundamentale Faktoren werden für jeden einzelnen Titel aus einem Anlageuniversum von bis zu 3.900 globalen Aktien aus den entwickelten Märkten ermittelt, davon etwa 1.300 aus Europa. Aus Faktorenranglisten kombinieren proprietäre Risikomodelle die Einzeltitel zur gewünschten Faktorallokation.

Faktoren quantitativer Aktienfonds

 

Bei den Deka LowRisk Aktien Strategien handelt es sich beispielsweise um benchmarkfreie Ansätze, die absolute Risiken reduzieren und auf ein attraktives Risiko-Rendite-Verhältnis abzielen. Die Fonds gehen speziell auf die Bedürfnisse von institutionellen Investoren ein, für die das absolute Risiko im Vordergrund steht. Dabei wird jedoch kein risikoaverser Ansatz gewählt, sondern das Sharpe Ratio durch die Einbeziehung von weiteren Faktoren, beispielsweise Momentum oder fundamentalen Faktoren, maximiert. Investoren vertrauen diesen Strategien bereits über 7 Milliarden Euro an (Stand: 31.03.2019). Allerdings kann auch eine Anlage in Faktor-Strategien Wertschwankungen unterliegen, die sich negativ auf den Wert der Anlage auswirken können.

Faktorbasierte Anleihestrategien

Faktorstrategien werden oftmals mit Aktienstrategien gleichgesetzt. Das mag an der historischen Entwicklung der Modelle liegen, welche anfänglich Anwendung bei Aktien fanden. Faktorstrategien lassen sich aber auch, wenn auch in weit komplexerer Form, für Anleihen anwenden.

Die quantitativen Rentenfonds der Deka zielen darauf ab, durch eine systematische Auswahl von Anleihen ein attraktives Risiko-Rendite-Verhältnis mit integrierter Risikokontrolle zu entwickeln. Dabei werden langfristige, fundamentale Zusammenhänge analysiert, um Renditeniveaus und Veränderungen von Spreads zu prognostizieren. Das quantitative Rentenmanagement der Deka Investment unterscheidet Alpha- und Risikofaktoren:

  • Mit Alpha-Faktoren werden Risiken bewusst und kontrolliert eingegangen, um langfristig Faktorprämien zu vereinnahmen. Alpha-Faktoren werden in den Faktor-Clustern „Value“ und „Momentum“ gebündelt. Diese Faktoren entscheiden über das Gewinnpotenzial der Rentenanlage.
  • Mit Risiko-Faktoren werden Risiken im Fonds überwacht und nachhaltig reduziert. Risiko-Faktoren werden in den Faktor-Clustern „Quality“ und „Size“ gebündelt. Diese Faktoren sollen das Verlustpotenzial der Rentenanlage begrenzen.

In „Faktorensuche für die Rendite“ beschreibt Dr. Ulrich Neugebauer, Leiter Quantitatives Asset Management und ETFs bei der Deka Investment, die durchaus komplexe Übertragung der Aktienfaktoren auf die Welt der Anleihen näher. Weitere Details zu den quantitativen Rentenfonds von Deka Investment finden Sie hier.

Der menschliche Faktor

Die quantitativen Modelle und digitalen Ansätze finden durch die Experten der Deka Anwendung. Diese überprüfen die Entscheidungen der Faktormodelle, setzen Investmententscheidungen um und sind für die Rendite der Portfolios verantwortlich.

Verlässliches Portfoliomanagement

Im Deka-Fondsmanagement arbeiten 43 Investmentspezialisten an der Entwicklung, Optimierung, Überwachung und Validierung der Faktormodelle. Diese integrieren die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse aus dem IQ-KAP, dem Privaten Institut für quantitative Kapitalmarktforschung der DekaBank, in die quantitativen Entscheidungsprozesse. Das Institut wurde 2013 als Forum für Wissenschaftler und Praktiker gegründet und hat als zentrale Aufgabe, die quantitative Kapitalmarktforschung mit Hochschulen und Partnern zu ermöglichen.

Investmentprozess und Risikomanagement

 

Stringente Prozesse und überschaubare Teams erlauben es, Investmententscheidungen der Modelle schnell zu überprüfen und effizient umzusetzen. Die Portfoliomanager überwachen die Performance- und Risikoparameter der Portfolios permanent. Die stetige Erfolgsanalyse der Portfolios erlaubt dabei die permanente Optimierung der Modelle.

Individuelle Kundenbetreuung

Das quantitative Fondsmanagement bietet institutionellen Investoren vielseitige Möglichkeiten, um ihre Marktmeinungen und Anlagestrategien umzusetzen. Vor jedem Einsatz der Modelle bedarf es jedoch der Ermittlung des Status quo, der Strategieentwicklung und der Implementierung der kundenspezifischen Anforderung. Das Team von Deka Investment steht Investoren zur Beratung und Präsentation der quantitativen Fondskonzepte zur Verfügung. Diese Ansätze ermöglichen es, in einem komplexen und dynamischen Marktumfeld attraktive Ertragschancen automatisiert herauszufiltern und effizient in Anlagestrategien umzusetzen. Nähere Details zum Angebot für VAG-Anleger, Vorsorgeeinrichtungen, den öffentlichen Sektor, Stiftungen, und Family Offices finden Sie hier.


Weitere Informationen zu den quantitativen Produkten der Deka finden Sie hier.

Über die Deka

Die DekaBank ist das Wertpapierhaus der Sparkassen, gemeinsam mit ihren Tochtergesellschaften bildet sie die Deka-Gruppe. Mit Total Assets in Höhe von rund 276 Mrd. Euro (per 31.12.2018) sowie rund 4,7 Millionen betreuten Depots ist sie einer der größten Wertpapierdienstleister und Immobilien-Asset Manager in Deutschland. Sie eröffnet privaten und institutionellen Anlegern Zugang zu einer breiten Palette an Anlageprodukten und Dienstleistungen. Die DekaBank ist fest verankert in der Sparkassen-Finanzgruppe und richtet ihr Angebotsportfolio ganz nach den Anforderungen ihrer Eigentümer und Vertriebspartner im Wertpapier¬geschäft aus.

Deka Institutionell ist der Partner für institutionelle Anleger in der Deka-Gruppe. Ihr Angebot deckt die gesamte Wertschöpfungskette professioneller Asset Management- und Kapitalmarktdienstleistungen ab. Ein betreutes institutionelles Vermögen von rund 139 Mrd. Euro spiegelt das wachsende Vertrauen professioneller Anleger in die Produkte und Leistungen der Deka wider. Das Spektrum umfasst die ganze Bandbreite des institutionellen Asset Managements und Liquiditätsmanagements sowie des Kredit- und Risikomanagements. Abgerundet wird das Angebot durch Serviceleistungen wie Master-KVG, als Kern des Asset Servicing, und Verwahrstelle.

Kontakt

Deka Institutionell – Vertriebsservice
+49 (0) 69 71 47 - 11 17
deka-institutionell@deka.de 

Allein verbindliche Grundlage für den Erwerb von Deka Investmentfonds sind die jeweiligen Wesentlichen Anlegerinformationen, die jeweiligen Verkaufsprospekte und die jeweiligen Berichte, die Sie in deutscher Sprache bei Ihrer Sparkasse oder der DekaBank Deutsche Girozentrale, 60325 Frankfurt und unter www.deka.de, erhalten.

Green Bonds – wie tragen sie wirklich zu einer nachhaltigen Zukunft bei?

von Thomas Graf und Marc Pfizenmaier, Investmentfonds & Research, GLS Bank.

Als die Europäische Investitionsbank 2007 ihren ersten Climate Awareness Bond auflegte, hat sie den Nerv der Zeit getroffen. Seitdem ist das Volumen an umweltfreundlichen Anleihen (Green Bonds) kontinuierlich angestiegen. Zuerst supranationale Institutionen (Weltbank, Entwicklungsbanken), dann Unternehmen (Apple, BNP Paribas), Kommunen (Stadt Paris) und nicht zuletzt Staaten wie Frankreich oder die Niederlande befeuerten das Wachstum. Laut der Climate Bonds Initiative wurden im vergangenen Jahr Green Bonds im Volumen von knapp 170 Mrd. US-Dollar platziert.

Wachstum Green Bond Markt seit 2011 (in Mrd. US-Dollar)


Eigene Darstellung auf Basis von Daten der Climate Bond Initiative

Wie erklärt sich der Erfolg der häufig überzeichneten Emissionen? Mit Green Bonds können institutionelle Investoren ihre Klimaversprechen, die sie insbesondere nach der Pariser Klimakonferenz abgegeben haben, leicht in die Tat umzusetzen. Aus finanzieller Sicht weisen die meisten Anleihen eine hohe Bonität auf und erfordern das Vorhalten nur geringer Eigenmittel. Inhaltlich bieten von Marktakteuren geschaffene Standards eine inhaltliche Bestätigung, dass auch tatsächlich klimafreundliche Projekte finanziert werden.

Fragwürdige Mindeststandards

Doch besonders diese Standards sind in den vergangenen Jahren in die Kritik geraten. Immer wieder gab es am Markt umstrittene Emissionen. Ist eine Anleihe investierungswürdig, mit der Müllverbrennungsanlagen refinanziert werden? Sollten Erlöse dazu verwendet werden, die Energieeffizienz von Ölpipelines zu verbessern oder große Wasserkraftwerke/Staudämme zu errichten? Sollte Kapital in Erneuerbare Energien-Projekte von Kern- oder Kohlekraftwerken fließen? Um zu bewerten, wie sehr eine Emission tatsächlich zu einer nachhaltigen Zukunft beiträgt, sollten die diversen Dokumente (Green Bond Frameworks, Second Party Opinions, Unternehmenspräsentationen, Green Bond-Reporting) positive Antworten auf die folgenden Punkte geben.

1) Die Anleihen leisten einen tatsächlichen Beitrag zum Klimaschutz

Green Bonds müssen einige Merkmale erfüllen, damit sie tatsächlich einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Im Fokus der Diskussion steht die Frage, was finanziert wird. Um Klarheit darüber zu schaffen, etablierte die International Capital Markets Association die Green Bonds Principles, die vier zentralen Anforderungen (Angaben zur Verwendung der Emissionserlöse, Projektauswahl, Management der Erlöse sowie Reporting) an Green Bonds stellt. Seit mehreren Jahren verfeinern Marktakteure diese Anforderungen und stellten umfangreiche Taxonomien klimafreundlicher Investments auf. Auf dieser Grundlage arbeitet die EU derzeit daran, einen Standard für Green Bonds auch regulatorisch festzuzurren.

Taxonomie klimafreundlicher Aktivitäten der Climate Bond Initiative

Seltener allerdings wird am Markt darüber gesprochen, wie die Bonds dazu genau beitragen. Wie schon bei Impact Investing-Angeboten stellt sich die Frage nach der Additionalität, also inwieweit durch Green Bonds zusätzliches Kapital für ökologisch sinnvolle Projekte generiert wird, wie es das Südwind-Institut Anfang des Jahres in einer Studie untersucht hat. In der Praxis ist dies nicht immer der Fall. Mitunter werden Emissionserlöse zur Refinanzierung bereits bestehender Projekte verwendet. Oder es werden Wind- und Solar-Projekte in Ländern finanziert, die ihren Strom bereits zu 100 % aus erneuerbaren Energien beziehen. Ein positiver Klimabeitrag ist dabei schwerlich festzustellen.

Ebenfalls zu beachten sind so genannte Lock-In-Effekte. Investitionen erfolgen langfristig. Heutzutage gilt beispielsweise ein Gaskraftwerk für viele Investoren als ein klimafreundliches Investment, da es weniger Treibhausgasemissionen als ein Kohlekraftwerk ausstößt. Häufig wird dabei von Brückentechnologie gesprochen. In 10 Jahren ändert sich möglicherweise die Situation, Gaskraftwerke können dann als klimaschädlich gelten. Jedoch ist die Finanzierung auf 20 Jahre angelegt. Das Kapital ist damit „eingesperrt“.

2) Der Emittent hat eine glaubwürdige Klimastrategie

EnBW, EDF, ENGIE, Repsol, Iberdrola und Co. haben in den vergangenen Jahren Green Bonds aufgelegt, um ihre Aktivitäten, im Bereich Energieeffizienz und Erneuerbare Energien zu finanzieren. Sind Green Bonds dieser konventionellen Energieversorger investierungswürdig? Diese Frage wird kontrovers am Markt diskutiert. Hier kommt es auf die Glaubwürdigkeit des Emittenten an: Betrachtet er Green Bonds als Teil einer langfristigen Strategie, mit der er das Geschäftsmodell auf Erneuerbare Energien neu ausrichten will? Oder sind sie nur ein einmaliges Projekt, mit dem das fossile Geschäftsmodell weiter am Leben gehalten werden soll? Zu bedenken ist auch, dass die Energiewende die Chance auf eine dezentrale und partizipative Stromversorgung bietet. Statt Strom zu beziehen, kann der Bürger als Stromproduzent aktiv am Markt teilnehmen. Dafür ist ein diversifizierter Markt mit vielen Marktakteuren notwendig. Sollte dazu Kapital an wenige, große Stromkonzerne vergeben werden?

3) Klimainvestments berücksichtigen auch Umwelt- und Sozialstandards

Diese Feststellung mag auf den ersten Blick verwundern. Doch was gut für das Klima ist, ist nicht zwangsläufig gut für die Umwelt oder Menschen. Für die Produktion von Solaranlagen oder Elektrofahrzeugen werden viele Rohstoffe (seltene Erden, Kobalt, Lithium, Silizium, usw.) benötigt. Für ihren Abbau sind erhebliche Eingriffe in die Natur erforderlich. Bei der Förderung seltener Erden können beispielsweise radioaktive Abfallstoffe ins Grundwasser gelangen. Facing Finance hat das Problem im November 2018 in der Studie „Neue Technologien und alte Probleme“ erläutert.

Damit einher geht die Frage, ob neben Klimaaspekten auch die soziale Seite eines Green Bonds Berücksichtigung findet. Der Abbau dieser Rohstoffe findet in Schwellen- und Entwicklungsländern statt. Dabei kommt es wieder zu Vorwürfen, dass Menschenrechtsstandards nicht eingehalten, bzw. gar nicht im nationalen Gesetz verankert sind. Auch bei der Finanzierung von Staudämmen kann es zu sozialen Verwerfungen kommen, von der Umsiedlung ganzer Dörfer bis zur Vernichtung der lokalen Flora und Fauna. Ein eindrückliches Negativbeispiel stellt der Belo Monte-Staudamm in Brasilien dar. Aufgrund der Tatsache, dass auch immer mehr Emittenten aus diesen Regionen Green Bonds ausgeben, wird dieses Thema weiter an Relevanz gewinnen.

Übersicht zu kritischen Rohstoffen

Rohstoff

Notwendig für

Abbaugebiet

Auftretende Probleme

Aluminium

E-Mobilität, Solar, Wind 

Guinea, China, Australien 

Streit zu Landrechten, Verunreinigung von Wasserquellen, Feinstaubbelastung

Eisenerz

E-Mobilität, Solar, Wind

Brasilien, China, Australien 

Bruch Rückhaltebecken (Folge: zahlreiche Tote und zerstörte Dörfer), Luftverschmutzung, Konflikte mit indigener Bevölkerung

Graphit

E-Mobilität,

China, USA, Brasilien

Lokale Luft- und Wasserverschmutzung, erhöhte Krankheiten lokaler Bevölkerung

Kobalt

E-Mobilität, Wind

Kongo, Russland, Australien

Schlechte Arbeitsbedingungen Menschenrechtsverletzungen

Kupfer

E-Mobilität, Solar, Wind

Chile, Peru, China

Lokale Schwermetallbelastung, Wasserver-sorgung der Bevölkerung, soziale Konflikte

Lithium

E-Mobilität,

Australien, Chile Argentinien

Streit um Landnutzungsrechte, Grundwasserverschmutzung

Nickel

E-Mobilität, Solar, Wind

Russland, Philip-pinen, Indonesien

Starke Umweltverschmutzung

Seltene Erden

E-Mobilität, Wind

China, Australien, Russland

Umweltschäden (radioaktiver Abfall)

Silber

E-Mobilität, Solar

Mexiko, Peru, China, Guatemala

Konflikte mit indigener Bevölkerung, Wasser- und Bodenverschmutzung

Eigene Zusammenstellung auf Basis von Facing Finance-Daten

4) Der Emittent muss ein nachvollziehbares Reporting zur Klimawirkung der finanzierten Projekte veröffentlichen

Aus einem „Impact-Reporting“ sollte hervorgehen, welches Projekt genau finanziert werden soll bzw. finanziert wird, um das so genannte Blind Pool-Risiko zu vermeiden. Wenn die Anleihe mehrere Aktivitäten und Projekte finanziert, ist die (geplante) prozentuale Aufteilung sowie das jeweilige Investitionsvolumen wünschenswert. Eine Second Party Opinion sollte sich nicht nur darauf beschränken, die Anforderungen der vier GBP-Anforderungen zu beantworten. Darüber hinaus sollte es dezidiert Stellung beziehen, ob Sozial- und Umweltrisiken bestehen und wie sie einzuschätzen sind. Ebenso sind Informationen notwendig, wie ein Green Bonds in die Gesamtstrategie des Unternehmens zu verorten ist.

Beispiel Impact Reporting


Quelle: World Bank-Bericht Green Bond Proceeds Management and Reporting

Fazit

Green Bonds sind zweifelsohne ein Schritt in die richtige Richtung. Um ihre Klimawirkung zu bemessen, sind eine Vielzahl an Fragen an die Anleihe selbst, aber auch den Emittenten notwendig. Dabei zählt nicht nur, was finanziert, sondern auch wie etwas finanziert wird. Es zeigt sich schnell, dass es das perfekte Klimainvestment nicht gibt. Wichtig ist, dass Investoren einen umfassenden Blick auf die soziale und ökologische Qualität sowohl von Emittent als auch Emission werfen.


Thomas Graf arbeitet seit 2011 bei der GLS Bank und ist Teamleiter im Nachhaltigkeitsresearch.  Neben der sozial-ökologischen Prüfung von Wertpapieren, Wertpapieremittenten und Entwicklungsfinanzierungsvehikeln, kümmern sich er und sein Team um die sozial-ökologische Begleitung neuer Angebote. Zudem ist er verantwortlich für die Moderation und Koordination des GLS Anlageausschusses.

Seit 2012 arbeitet Marc Pfizenmaier als Analyst im Nachhaltigkeitsresearch der GLS Bank. In seiner Funktion als Senior Analyst vertritt er die Bank als Mitglied in diversen Nachhaltigkeitsgremien, ist betraut mit der Klärung von sozial-ökologischen Grundsatzfragen und Ansprechpartner für Stakeholder-Dialoge und verschiedene Netzwerke. Sie finden Marc Pfizenmaier sowohl auf XING als auch LinkedIn.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 350 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an.

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Nachhaltig Investieren: Elektromobilität

von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Der Verkehrssektor ist ein wesentlicher und zugleich auch wachsender Verursacher von Treibhausgasemissionen. Im Jahr 2015 war der Verkehr laut dem Klimaschutzbericht 2017 des Umweltbundesamts – ohne Berücksichtigung des Emissionshandels – für 44,7 % der Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Der laufende technologische Fortschritt bei Antriebstechnologien, die auf fossilen Energieträgern basieren, ist zwar vorhanden, reicht aber zur Erreichung der Klimaschutzziele bei weitem nicht aus. In Österreich betrug die Abnahme der CO2-Emissionen von 2000 bis 2016 gemäß des Sachstandsberichtes Mobilität des Umweltbundesamtes 2019 für neu zugelassene PKWs im Durchschnitt rund 1,6 % pro Jahr. Österreich hat für das Jahr 2050 das Ziel eines weitestgehend klimaneutralen Verkehrssektors formuliert. Maßnahmen sind eine Verkehrsverlagerung, die Forcierung des öffentlichen Verkehrs, die Förderung der aktiven Mobilitätsformen und vor allem auch der Umstieg auf Nullemissionsfahrzeuge, die auf erneuerbarer Energie basieren.

EFFIZIENTE TECHNOLOGIE

Grundsätzlich basieren die Emissionen des Verkehrssektors zu einem wesentlichen Teil auf den Antriebssystemen der Fahrzeuge, wobei das Verkehrssystem gegenwärtig von Verbrennungskraftmotoren geprägt ist. Wegen des erzielten thermodynamischen Wirkungsgrades von lediglich 45 % geht bei diesem Mobilitätskonzept jedoch mehr als die Hälfte der eingesetzten Energiemenge verloren. Demgegenüber liegt die Effizienz eines Elektromotors bei etwa 95 %. Neben dem elektrischen Antrieb zählen auch wasserstoffbasierte Konzepte zu den „sauberen“ Alternativtechnologien, die umfangreiches Potenzial aufweisen. Voraussetzungen für den kurz- bis mittelfristigen Erfolg der E-Mobilität als aktuell im Fokus stehende Alternativtechnologie – sprich für die verstärkte Durchdringung des Marktes – sind das Vorhandensein einer geeigneten Infrastruktur sowie Anreizmodelle, die von Steuervorteilen über sonstige Bevorzugungen wie der Verwendung von Busspuren und dem kostenlosen Parken bis zum Nutzen öffentlicher Ladestationen reichen können.

Weitere Vorteile von Elektromotoren gegenüber dem Verbrennungsmotor sind die einfachere Bauart, die geringere Wartungsintensität, weniger Lärmentwicklung und die lokale Emissionsfreiheit. Aktuell sind große Fortschritte in der Batterietechnologie zu beobachten; Nachteile, wie lange Ladezeiten und kurze Reichweiten im Fahrzeugbetrieb durch beschränkte Energiedichte, verschwinden zusehends. Damit könnte sich die Herstellung eines Elektrofahrzeugs aus Sicht des Umweltbundesamtes in absehbarer Zeit kostengünstiger darstellen als die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrennungskraftmaschinen mit zudem immer aufwändigeren Abgasnachbehandlungssystemen.

Neben der Thematik der Treibhausgase kann die Elektromobilität auch dabei behilflich sein, viele andere negative Auswirkungen des Straßenverkehrs zu reduzieren. Bei Elektrofahrzeugen beschränken sich die Luftschadstoffemissionen auf den Abrieb und die Wiederaufwirbelung von Feinstaub. Den genannten Vorteilen von Elektrofahrzeugen – Verbesserung der Luftqualität und Reduktion des Lärmes –, vor allem in urbanen Räumen, steht bei der Frage der Klimaverträglichkeit eine allgemeinere Betrachtung gegenüber. Die Gesamtanalyse zeigt, dass sich beim Einsatz von Elektrofahrzeugen Teile der Umweltprobleme in vorgelagerte Prozesse und andere Teile der Wer tschöpfungskette verschieben. Hierzu zählen Aspekte der Fahrzeugproduktion und der Erzeugung der Batteriesysteme, aber auch die Produktion des verwendeten Stroms. Das Potenzial der Elektromobilität kann nur dann wirklich ausgeschöpft werden, wenn der eingesetzte Strom zu 100 % aus erneuerbaren Quellen stammt.

MISSION 2030

In der Statistik finden sich etwaige Emissionen aus der Stromproduktion und -bereitstellung für Elektromobilität gemäß der internationalen Berichtspflichten nicht im Bereich Verkehr, sondern im Sektor Energieaufbringung wieder. In diesem Zusammenhang gewinnt die Zielsetzung der Bundesregierung, festgehalten in der sogenannten #mission2030, der österreichischen Klima- und Energiestrategie, zusätzlich an Bedeutung: der nationale Gesamtstromverbrauch soll bis 2030 zu 100 % (national bilanziell) aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden. Für eine erweiter te ökologische Beur teilung ist neben den bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen auch die ausreichende Nutzungshäufigkeit des jeweiligen Fahrzeuges relevant. Für eine tatsächliche CO2-Einsparung durch Elektromobilität ist eine ausreichende Nutzungsintensität notwendig, die, bezogen auf die gesamte Nutzungsdauer, je nach Strom-Mix, bei 30.000 gefahrenen Kilometern beginnt und bei durchschnittlichem Strom-Mix bei 100.000 Kilometern liegt.

Derzeit dreht sich die Diskussion über eine Förderung von sauberen Energien vor allem um die Elektrifizierung des Verkehrs und in diesem Zusammenhang um eine Beschränkung auf die Segmente Personenkraftwagen (PKW) und leichte Nutzfahrzeuge (LNF). In diesen Bereichen scheinen die technologischen Entwicklungen am weitesten fortgeschritten, außerdem existieren Fördermaßnahmen und Programme auf politischer Ebene. Aus heutiger Sicht wird der Güterverkehr und damit verbunden die Elektrifizierung von Lastkraftwagen (LKW) erst im Zeitraum nach 2030 an Bedeutung gewinnen.

1,2 MILLIONEN E-FAHRZEUGE BIS 2030

Das vom Umweltbundesamt im Rahmen des Sachstandsberichtes Mobilität untersuchte Szenario auf Basis der aktuell bestehenden Maßnahmen, ohne zusätzliche Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität, geht davon aus, dass die Fahrzeugbestände bis zum Jahr 2020 auf etwa 70.000 vollelektrische Fahrzeuge (BEV) und Plug-In-Hybridfahrzeuge (PHEV) anwachsen werden. Im nächsten Schritt wird im Jahr 2030 bereits mit knapp 1,2 Millionen teil- und vollelektrischen Fahrzeugen gerechnet.

Für 2050 ergeben die Schätzungen dann beinahe 4,5 Millionen BEV und PHEV im PKW-Bereich. Dies entspricht bei einem weiter wachsenden Fahrzeugbestand einem Anteil von 69 % der Gesamtfahrzeugflotte.

Allerdings könnte man auch mit der Erreichung dieser Zahlen die angepeilte, annähernd vollständige Dekarbonisierung des PKW-Verkehrs bis 2050 nicht bewältigen. Im genannten Szenario würden die bisherigen Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität in der derzeitigen Intensität fortgeführt. Dies würde eine Fortführung der ökonomischen Rahmenbedingungen, wie die Ausfälle bei Einnahmen aus der Mineralölsteuer, Sachbezugsregelung, Vorsteuerabzugsfähigkeit, Förderung von gewerblich und privat genutzten Elektrofahrzeugen sowie die Umsetzung der Maßnahmen des Umsetzungsplans Elektromobilität sowie des nationalen Strategierahmens Saubere Energie im Verkehr als Umsetzung der Richtlinie 2014/94/EU der Europäischen Union über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe bedeuten.

Die Beschlüsse der EU in Richtung neuer Klimaschutzziele für die Automobilindustrie vom März 2019 unterstützen die bereits vorhandenen politischen Ambitionen. Um die Klimaziele der EU zu erreichen, sollen PKW-Hersteller bis 2030 den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagen im Vergleich zum Jahr 2021 um 37,5 % reduzieren. Für leichte Nutzfahrzeuge ist eine Senkung der Emissionen um 31 % im Vergleich zum Jahr 2021 vorgesehen. Dieser Beschluss steht in engem Zusammenhang mit dem gesamten Reduktionsziel von mindestens 40 % bis 2030, zu dem sich die EU im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet hat.

FÖRDERMAßNAHMEN

Mögliche Intensivierungen der begleitenden Einführungsmaßnahmen könnten zum einen eine Anhebung der Mineralölsteuer auf Diesel im Sinne einer Angleichung des vergleichbaren Steuersatzes für Benzin sowie die Indexierung der nominalen Mineralölsteuersätze für Benzin und Diesel mittels Verbraucherpreisindex ab 2020 sein. Andererseits könnten der Basistarif der motorbezogenen Versicherungssteuer angehoben und die Normverbrauchsabgabe respektive die Besteuerung von Dienstwagen in Richtung geringerer CO2-Emissionswerte reformiert werden. Die Förderaktion des Bundes für den Ankauf von PHEV und BEV Elektrofahrzeugen könnte verlängert werden.

Zusammenfassend ist das Ziel einer breiteren Flottendurchdringung mit rein elektrischen respektive Plug-In-Hybridfahrzeugen zur Erreichung einer deutlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors nur dann realistisch, wenn die bestehenden Fördermaßnahmen weiterhin bestehen bleiben und noch ergänzt werden – bezüglich der steuerlichen Rahmenbedingungen sowie anderer Maßnahmenbündel, die unter anderem auch den deutliche Ausbau der Ladeinfrastruktur betreffen.

Sieht man sich die aktuellen Absatzentwicklungen im internationalen Vergleich an, zeichnet sich nicht nur ein klarer Trend in Richtung einer erhöhten Anzahl an abgesetzten BEV und PHEV ab, sondern auch ein steigender Anteil der in Asien abgesetzten Fahrzeuge. Allein in China wurden bis 2018 mehr Autos verkauft (2,07 Millionen) als in den fünf nächstgrößten Ländern in Europa und Nordamerika, USA, Norwegen, Großbritannien, Deutschland und Frankreich zusammen (1,9 Millionen). Dies ist zum einen auf die derzeit noch vorhandenen Förderprogramme und zum anderen natürlich auch auf die enorme Bevölkerungszahl Chinas zurückzuführen.

VORBILD NORWEGEN

Geht man einen Schritt weiter und wirft einen Blick auf den Anteil der verkauften Elektrofahrzeuge am gesamten Automobilabsatz innerhalb eines Landes, gibt es einen klaren Gewinner aus Europa, nämlich Norwegen. Im Jahr 2018 stieg der Absatz von vollelektrischen Autos von 20,8 % im Jahr 2017 auf einen Rekordmarktanteil von 31,2 % an. Zählt man die Plug-in-Hybride dazu, sind es beinahe 50 % – weit mehr als in jedem anderen Land. Im März dieses Jahres gelang es den Norwegern sogar erstmals, in einem Monat mehr reine Elektroneuwagen zu kaufen als konventionelle Autos.

Doch wie schafft Norwegen diesen sukzessiven, erfolgreichen Umstieg auf Elektrofahrzeuge? Im Prinzip aufgrund des Vorhandenseins der oben genannten Grundvoraussetzungen. Der Staat Norwegen subventioniert den Kauf von batteriebetriebenen Fahrzeugen nicht nur mit Steueranreizen, sondern auch mit Initiativen wie Gratisparkplätzen und der kostenfreien Benützung von Ladesäulen. Das Land verfügt zudem über ein gut ausgebautes Netz an Ladestationen, ohne das ein derart rapider Anstieg an Elektrofahrzeugen nicht zu bewältigen wäre. Zu guter Letzt stammt ein Großteil des Stroms in Norwegen aus Wasserkraftwerken, die hinsichtlich der CO2-Bilanz sehr positiv abschneiden. Mischt man all diese Komponenten zusammen, entsteht ein optimales Umfeld, um eine Vorreiterrolle in Sachen alternativer Antriebsformen einzunehmen. Diese Chance hat Norwegen eindeutig genützt.

ELEKTROMOBILITÄT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN

E (Environment)

Bei einer Gegenüberstellung von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs haben Batterie-Elektrofahrzeuge bei allen umweltrelevanten Parametern Vorteile gegenüber anderen Antriebs- und Bauarten. Größter Vorteil der E-Autos ist der Wegfall von Abgas-Emissionen auf lokaler Basis. Wesentliche Faktoren bei einer Gegenüberstellung der Ökobilanzen von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs sind die Parameter Fahrsituation, Akku-Lebensdauer und Fahrzeugherstellung. Was die Fahrsituation anbelangt, so ist die innerörtliche Verwendung von E-Autos aus umwelttechnischer Sicht optimal, während konventionell betriebene Fahrzeuge auf den Betrieb außerhalb der urbanen Strukturen ausgelegt sind. Auch was die Stickstoffoxidemissionen und Partikelemissionen betrifft, haben E-Fahrzeuge gegenüber Benzin- und Dieselfahrzeugen deutliche Vorteile.

S (Social)

Die sinkenden Kosten der Elektromobilität werden in fernerer Zukunft das notwendige Förderungsvolumen reduzieren helfen und die Akzeptanz der Technologie bei Käufern aller Einkommensklassen erhöhen.

G (Governance)

Ein Erfolg der „sauberen“ Alternativtechnologien generell und der E-Mobilität im Besonderen hängt von unterstützenden staatlichen Maßnahmenpaketen ab. Treiber dahinter sind die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens kommunizierten Commitments der einzelnen Länder im Zusammenhang mit dem Klimaschutzprotokoll.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Elektromobilität“ finden Sie links als PDF.

Secular Outlook: Fünfjahresausblick für die Anlageklassen und Märkte

Was für eine unglaubliche Entwicklung. In den vergangenen zehn Jahren haben die außergewöhnlich lockere Geldpolitik und die Senkung der Unternehmenssteuern zur längsten Aktien-Hausse aller Zeiten geführt. Weiter kam den Anlegern zugute, dass sich die Preise für Kapitalanlagen ungewöhnlich gut entwickelten – die Volatilität bei Anleihen und Aktien war in den letzten zehn Jahren unterdurchschnittlich. Das dürfte sich aber ändern – aus mehreren Gründen.

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Über den Autor

Luca Paolini kam 2012 als Chefstratege zu Pictet Asset Management. Davor arbeitete er als Aktienstratege bei Credit Suisse Securities, wo er für die Vermögens-, Sektor- und geografische Allokation verantwortlich war. Von 2005 bis 2007 war er bei Union Investment als Anlagestratege tätig. Luca Paolini begann seine Karriere 2001 bei Allianz Dresdner Asset Management. Im Rahmen seiner Tätigkeit im Bereich Asset-Allokation und Anlagestrategie wurde er zum Prokurist befördert. Luca Paolini hat einen Master in Volks- und Betriebswirtschaft von der SDA Bocconi School of Management in Mailand und ein Laurea Magistrale in Politikwissenschaften von der Universität Bologna.

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