Risikostandort Frankfurt am Main?

von Tobias Kotz, Leiter Institutionelle Kunden bei der Real I.S. AG.

Frankfurt ist das neue London – obwohl die Folgen des Brexit einige Monate nach dem Votum der Briten noch immer nicht absehbar sind, setzen einige Investoren und Marktbeobachter große Erwartungen in den Immobilienmarkt der Mainmetropole. Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) befeuert diesen Optimismus zusätzlich. Ich halte das für eine Fehleinschätzung.

Dass Frankfurt laut IW-Ökonomen „wahrscheinlich [...] am meisten“ vom Brexit profitieren wird, ist kein valides Investitionsargument. Zwar könnten laut Schätzungen 60.000 bis 80.000 Jobs aus der Londoner Finanzbranche verlagert werden. Ob es tatsächlich so viele werden und wie viele sich tatsächlich Richtung Frankfurt bewegen werden, ist jedoch ungewiss. Immerhin finden sich unter den konkurrierenden europäischen Finanzzentren Standorte wie Luxemburg, Zürich oder auch Paris. Dennoch suchen viele Investoren ihr Heil auf dem Frankfurter Markt. Im ersten Halbjahr 2016 ist die Spitzenrendite für Büroimmobilien laut CBRE auf ein neues Rekordtief von 4,2 Prozent gesunken.

Der vielerorts beklagte Mangel an Core- und Core-Plus-Immobilien lässt inzwischen auch am Main Ausweichreaktionen hin zu risikoreicheren Segmenten erkennen. Dabei sollte sich selbst bei Frankfurter Core-Objekten kein Investor der Illusion hingeben, dass die geringe Rendite das Risiko adäquat abbildet und der Cashflow langfristig gesichert ist. Die Entwicklung des Marktes hängt wesentlich vom Banken- und Finanzdienstleistungssektor ab. Wie labil dieser ist, zeigen unter anderem die Negativschlagzeilen um vermeintliche deutsche Branchenführer wie Deutsche Bank und Commerzbank. Nach den Kursverlusten von Bankaktien in den vergangenen Monaten und nach den Erfahrungen von 2008 bedarf es nicht viel Fantasie, um sich ein Krisenszenario vorzustellen.

Wer heute in Frankfurter Immobilien investiert, geht in jedem Fall das Risiko ein, in einen Standort zu investieren, welcher eine weniger hohe Branchendiversifikation aufweist als andere Standorte wie München oder Hamburg. Erfüllen sich die Erwartungen des IW Köln und anderer Frankfurt-Optimisten, erfährt der Standort eine noch stärkere Konzentration auf die Finanzbranche als ohnehin schon – mit allen damit verbundenen Risiken. Bleibt der Zustrom aus London aus, bleibt die Herausforderung die Flächen in einem dann von weniger Nachfrage geprägten Umfeld wieder zu vermieten.