Künstliche Intelligenz: Anwendungsfälle in der Finanzwelt

von Prof. Dr. Martin Vogt, Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director.

Das Thema Künstliche Intelligenz beherrscht momentan die Schlagzeilen der Zeitungen. Auf der einen Seite steht dabei die Faszination gegenüber den neuen Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Angst etwa vor Arbeitslosigkeit oder Überwachung. Der Titel der Süddeutschen Zeitung Online (08. Juli 2019) „Künstliche Intelligenz: Entlasten oder Entlassen?“ fasst diesen Tenor sehr gut zusammen. Obwohl viel über Künstliche Intelligenz geschrieben wird, bleiben die Hintergründe der neuen Technik oft im Dunklen.

Was ist Künstliche Intelligenz?

Die luxemburgische Finanzaufsichtsbehörde CSSF (Commission de Surveillance du Secteur Financier) definiert Künstliche Intelligenz in ihrem White Paper „Artificial Intelligence: Opportunities, Risks and Recommendations for the Financial Sector“ im Einklang mit dem Financial Stability Board: “The theory and development of computer systems able to perform tasks that traditionally have required human intelligence.” Die Grundidee Künstlicher Intelligenz nach dieser Definition ist also, die Intelligenz der Menschen mit Hilfe von Computern nachzubauen. Darunter werden etwa die folgenden Fähigkeiten verstanden (siehe Tabelle):

Bei der Einteilung der Künstlichen Intelligenz gibt es im Wesentlichen zwei große Bereiche: Machine Learning und Symbolic Learning. Symbolic Learning basiert auf einer formalen Beschreibung, etwa mit Hilfe von Formeln. So könnte ein Roboter die Programmierung erhalten, bei einem Hindernis umzudrehen. Im Unterschied hierzu verwendet Machine Learning große Datenmengen, um zu lernen. So können einige Tausend Kreditkartenrechnungen dabei helfen, ein Modell zu trainieren, um Unregelmäßigkeiten wie Betrug zu erkennen.

Wo kann Künstliche Intelligenz verwendet werden?

Es gibt zahlreiche Anwendungsfälle für Künstliche Intelligenz in der Finanzwelt. Die CSSF erwähnt einige davon in ihrem White Paper (siehe Tabelle).

Fallbeispiel: Twitter und Hauck & Aufhäuser

Im Folgenden wird exemplarisch skizziert, wie die Tweets von Hauck & Aufhäuser (Twitter-Account @Privatbank1796) analysiert werden können. Twitter bietet eine Schnittstelle, über die Daten heruntergeladen und analysiert werden können. Neben dem Text der Tweets beinhalten die Daten zahlreiche weitere Informationen, wie das Datum der Erstellung oder den Standort des Twitter-Nutzers. Für das Fallbeispiel wurden am 03.12.2019 alle 2464 Tweets des Accounts @Privatbank1796 der Hauck & Aufhäuser heruntergeladen und aufbereitet.

Anschließend wurden die Wortkorrelationen gebildet. Aus der Abbildung ist zu erkennen, dass etwa das Wort „schwächer“ häufig im Zusammenhang mit „Börsen“ und den „USA“ verwendet wurde.

Abb.: Wortzusammenhänge der Hauck & Aufhäuser Tweets

Solche Analysen können im Rahmen des Vertriebs dazu dienen, das eigene Produkt besser einschätzen zu können, Wettbewerber zu analysieren oder Reputationsrisiken zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Zusätzlich können zahlreiche weitere tiefergehende Analysen durchgeführt werden, etwa über die Struktur der Follower oder die verwendeten Sentimente (Emotionen).

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 10. Dezember 2019.


Prof. Dr. Martin Vogt

Prof. Dr. Martin Vogt ist Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director. In diesen Rollen untersucht er insbesondere die Themen Machine Learning und Data Science sowie deren Anwendungen in der (Finanz-)Wirtschaft. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche tätig. Prof. Vogt ist Certified Financial Risk Manager (FRM), Diplom-Mathematiker und hält einen Doktor in Statistik.

Vom Nice-to-Have zum Must-Have – ESG-Kommunikation im Asset Management

von Julie Didier und Louis W. Wagner Ley, Yuzer Group.

Ob nun als jüngstes Leitmotiv des jährlichen Mahnbriefes von BlackRock-CEO Lawrence Fink oder als dominanter Gegenstand führender Fachkongresse – das Thema Nachhaltigkeit ist innerhalb der letzten Jahre in der Finanzbranche endgültig angekommen und hat sich auch in der Unternehmenskommunikation als Aspekt von interner wie auch externer Bedeutung etabliert. Besonders im Asset Management nehmen die ESG-Elemente (ESG = Environmental, Social, Governance) eine tragende Rolle ein, stellen Vermögensverwalter aber auch vor eine wichtige Frage: Wie können sie Investoren ihr Angebot praxisbezogen und individualisiert schmackhaft machen?

Anspruchsvollere Investoren fordern zunehmend Transparenz

Mit der zunehmenden Präsenz des ESG-Komplexes haben sich auch die Anforderungsprofile von Investoren geändert. Transparenz und Differenzierung sind Grundvoraussetzungen im Nachhaltigkeitsbereich, zudem reichen die Wünsche der Anspruchsgruppen kontinuierlich über die Bereitstellung eines simplen Nachhaltigkeitsberichtes hinaus: Unternehmensrelevante Nachhaltigkeitsziele gilt es mit interpretier- und vergleichbaren Daten zu belegen; strategisch relevante Initiativen müssen glaubwürdig dokumentiert und in die Gesamtstrategie integriert werden. Einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG zufolge waren Ende 2018 allein in Europa bereits knapp EUR 500 Mrd. Assets under Management (AuM) in über 2.800 nachhaltigen Fonds investiert1 – Tendenz steigend, denn vor allem die Nachfrage von Investoren steigt unaufhaltsam. Dennoch gilt es auch weitere Qualitätsdimensionen zu beachten, wenn diese Nachfrage für die eigenen Produkte gezielt genutzt werden soll.

Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit, Verständlichkeit und Dialogangebot

In Zeiten, in denen Unternehmenskommunikation zunehmend über multimediale Inhalte funktioniert, hat dies notwendigerweise auch Konsequenzen für die ESG-Kommunikation. Die alleinige Kommunikation mittels eines gesonderten Berichts ist nicht mehr ausreichend, ein Nachhaltigkeitsbericht darf nicht mehr als separates Medium verstanden und wahrgenommen werden. Insbesondere die interaktive Einbettung eines integrierten Berichts, der Geschäfts- und Nachhaltigkeitsdaten verbindet, signalisiert den strategischen Stellenwert der Nachhaltigkeit im Unternehmen. Doch vor der eigentlichen Umsetzung sollte die strategische Komponente zunächst klar definiert sein (s. Infografik).

Infografik: Das Fundament der ESG-Kommunikation

Ein integriertes Kommunikations-Framework bezieht die langfristige Zielsetzung, eine klar definierte Investitionsstrategie und unterschiedliche Stakeholder-Ansprüche gleichermaßen mit ein und untergliedert diese jeweils in einem zweiten Schritt.

Informationen sollten auf der Unternehmenswebsite und über Social Media-Kanäle eingebettet werden, um das große Potenzial der interaktiven Vermittlung von Inhalten voll auszuschöpfen (oft nutzen Asset Manager hierzu LinkedIn und Twitter als Hauptkanäle). Ein Link zu den Social Media-Plattformen, um Inhalte zu teilen und weiter zu verbreiten, ermöglicht zudem die nutzerfreundliche Vermittlung von Nachhaltigkeitszielen. Ein Interview oder eine Videobotschaft des CEO zur Nachhaltigkeitsstrategie kann zusätzlich für eine glaubwürdige Verankerung sorgen.

Zu den Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit und Dialogangebot tragen Feedbackmöglichkeiten bei, beispielsweise in Form von kurzen Umfragen, Kontaktformularen oder Kontaktdaten von Ansprechpersonen. Auch hier bietet sich die Integration sozialer Medien gut an, um die direkte und persönliche Ansprache zu fördern. Die Verständlichkeit von Inhalten kann hier insbesondere durch Video-Elemente und interaktive oder animierte Grafiken gestärkt werden. Wie eine Fidelity-Umfrage jüngst zeigte, gibt es für potenzielle Investoren gerade bei ESG-Investments eine hohe Hemmschwelle. Hier können Anbieter punkten, die durch eine „Verständlichkeitsoffensive“ solchen Hemmnissen aktiv entgegenwirken.

Kohärente Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Jede Form der Kommunikation bedarf der Glaubwürdigkeit. Insbesondere in Zeiten des sogenannten „Greenwashing“ – also unternehmerischer Bemühungen, durch Marketing und PR ein „grünes“ Image zu erlangen, ohne jedoch entsprechende Maßnahmen in der Wertschöpfungskette zu verankern – ist es daher umso essenzieller, dem Kunden Vertrauen zu verschaffen. Dies vermag speziell die Verifizierung präsentierter Daten durch unabhängige dritte Parteien wie Labels oder Ratings zu leisten. Ausführungen anerkannter Richtlinien (z.B. der United Nations Global Compact oder die UN Principles for Responsible Investment (PRI)), die sich dynamisch in Online-Berichte integrieren lassen, dienen somit der Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsleistungen und stellen ein zusätzliches Bekenntnis zu etablierten ESG-Maßnahmen dar.

Entspricht die Strategie jedoch nicht vollständig den ESG-Kriterien, ist auch die Anpreisung nachhaltiger Fonds unzureichend. Hier sollte auf eine bedachte Kommunikation zurückgegriffen werden, Schritte für eine nachhaltige Strategie gehören ausführlich dokumentiert.

Pioniergeist statt Standard

Damit ist zwar die strategische Komponente berücksichtigt – doch welche Themen interessieren die Stakeholder überhaupt? Welche Kundengruppen sind auf welchen Kanälen wirklich aktiv? Diese grundlegende Frage gilt es im Voraus jeder Kommunikation zu beantworten. Frequenz, Umfang und Multimedialität der Informationen geben hier Aufschluss über den Stellenwert der Nachhaltigkeit seitens der Vermögensverwalter.

Die für jede Stakeholder-Gruppe relevanten Inhalte können vorab durch ein sogenanntes Materiality-Assessment identifiziert werden2 und ermöglichen so eine zielgenaue Ansprache. Neue Kundengruppen können durch die Inhaltsvermittlung über ein exakt definiertes Targeting in Verbindung mit Social Media-Anzeigen auf LinkedIn oder Twitter erschlossen werden; dabei sollten allerdings im Vorfeld sämtliche Kanäle grundlegend in Betracht gezogen werden, um einer einseitigen und eintönigen Kommunikation vorzubeugen. Ein durchdachtes, innovatives und individualisiertes Kommunikationskonzept, von der strategischen Ebene bis hin zur kreativen Umsetzung, ist unerlässlich, um den Investor vom Wert nachhaltiger Investments zu überzeugen und etwaige Hemmschwellen abzubauen.

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 09. März 2020.


1) KPMG Report: European Responsible Investing Fund market 2019 – A focus on „tagged“ sustainable funds, p. 8-9.
2) Bereits 2018 veröffentlichte der US-amerikanische Rat für Nachhaltigkeitsberichterstattungsstandards, das Sustainability Accounting Standards Board (SASB), den weltweit ersten Satz branchenspezifischer Standards sowie eine Klassifizierung wesentlicher ESG-Kriterien. So sind für Unternehmen bspw. im Lebensmittelhandel Treibhausgasemissionen, Energiemanagement, faire Arbeitspraktiken sowie faires Marketing wesentlich, während bei Internet- und Mediendiensten neben Energiemanagement auch Datensicherheit und Kundenschutz eine essenzielle Rolle spielen. Diese unterschiedlichen Anforderungen gilt es im Vorfeld festzulegen und die Strategie darauf abzustimmen. Quelle: Harvard Business Review, „The Investor Revolution“, May-June 2019 Issue.

Julie Didier

Julie Didier ist seit Juni 2019 Managing Partner bei Yuzer Group, einer sich auf strategische Kommunikation und digitales Marketing spezialisierende Beratungsagentur. Zuvor hat sie als Head of Marketing & Communication bei der nachhaltigen Finanzassoziation LuxFLAG gearbeitet. Julie besitzt einen Abschluss in Marketing und Kommunikation der Universität St. Gallen und hat eine Weiterbildung in digitaler Marketingstrategie an der Harvard Universität absolviert.

Louis W. Wagner Ley

Louis W. Wagner Ley ist Co-Founder und Managing Partner bei Yuzer Group. Zuvor war er bei Credit Suisse im Asset Management sowie im Mid-Market M&A für EMEA-domizilierte Kunden tätig. Er hält einen Master of Science in Financial Economics der Erasmus University Rotterdam sowie einen Bachelor of Arts in Volkswirtschaft der Universität Zürich.

Investieren in Megatrends: Virus trifft auf Mega-Trends

von Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Megatrends verändern die Welt grundlegend und nachhaltig. Sie wirken nicht nur auf einige wenige Bereiche, sondern betreffen alle Ebenen der Gesellschaft und damit auch die der einzelnen Menschen. Um mit der Zukunft Schritt halten zu können, müssen Unternehmen rasch auf diese Entwicklungen eingehen oder diese im Idealfall antizipieren. Unternehmen, die das schaffen, sind für Investoren von großem Interesse, denn sie stehen für Zukunftsfähigkeit und Wachstum. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien ist ein globaler Aktienfonds, der in solche Unternehmen investiert.

Auch langfristiges Investieren erfordert zuweilen sehr rasches Agieren

Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien setzt bekanntlich auf die großen langfristigen Zukunftstrends, die unser aller Leben nachhaltig verändern werden und versucht, diejenigen Unternehmen herauszufiltern, die davon besonders stark profitieren sollten. Dieser langfristige Investmenthorizont schließt aber natürlich nicht aus, dass das Fondsmanagement nicht auch kurzfristig agieren kann bzw. muss. Im Gegenteil, dies ist ja zuweilen geradezu erforderlich. Beispielsweise, wenn sich Marktpositionen von Unternehmen im schnelllebigen Technologiesektor verändern oder sich neue technologische Entwicklungen abzeichnen. Oder aber, falls so einschneidende und unvorhersehbare Ereignisse auftreten wie die aktuelle Coronavirus-Pandemie.

Auf diese Pandemie und die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise war keiner vorbereitet. Niemand konnte sie kommen sehen, weder Regierungen, noch Unternehmen oder Finanzmärkte. Vor allem die Ausgangs- und Reisebeschränkungen sowie staatlich angeordnete Schließungen von Geschäften und Unternehmen haben binnen kürzester Zeit sowohl unser Privat - als auch Wirtschaftsleben stark verändert. Es wäre absurd, würden Fondsmanager dem nicht Rechnung tragen und die Investments in den Fonds entsprechend anpassen.

Es kommt dem Raiffeisen-MegaTrends-Aktien dabei zugute, dass er mit den drei großen Mega-Trends „demografischer Wandel“, „Klimawandel“ und „technologischer Wandel“ relativ krisenresistent aufgestellt ist. Das kann man bislang auch gut an der Wertentwicklung des Fonds ablesen. Natürlich hat auch er deutlich nachgegeben, aber längst nicht so stark wie der breite Markt. An dieser Stelle muss natürlich angemerkt werden, dass Performanceergebnisse der Vergangenheit keine verlässlichen Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung des Fonds aussagen.

Viele Mega-Trends sind relativ krisenresistent

Der demografische Wandel beinhaltet viele Investments in Pharma- und Gesundheitsaktien, ein Bereich, der gerade jetzt wichtiger denn je ist. Die Kurse der allermeisten Aktien in diesem Sektor sind viel weniger zurückgegangen und einige haben sogar kräftig zugelegt. Auch der Bereich Klimawandel hält sich in der jetzigen Krise bislang recht stabil. Die Bereitstellung von Erneuerbarer Energie, Wasseraufbereitung oder Kläranlagen müssen auch in der Krise funktionieren und unterliegen kaum Nachfragerückgängen. Der Mega-Trend „technologischer Wandel“ ist, insgesamt gesehen, ebenfalls weniger anfällig in der Krise. So werden zwar jetzt vielleicht weniger Handys verkauft, weil die Shops geschlossen haben, aber die Software für Unternehmen oder Hardware für Telekominfrastruktur wird natürlich weiterhin nachgefragt, teilweise sogar verstärkt. Völlig immun gegen einen länger anhaltenden Abschwung ist aber auch der Technologiesektor natürlich nicht, jedenfalls nicht in allen Bereichen.

Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Lockdowns und anderer von den Regierungen angeordneter Eindämmungsmaßnahmen sind dramatisch. Generell erwarten die Unternehmen, mit denen wir bislang kommuniziert haben, eher keine rasche, V-förmige Erholung der Wirtschaft, also eine schnelle Rückkehr zur Situation vor Ausbruch der Pandemie. Sie rechnen eher mit einer schrittweisen Verbesserung der Wirtschaft, nachdem die Maßnahmen wieder aufgehoben bzw. gelockert werden.

Starkes Gegensteuern des Fondsmanagements

Die Auswirkungen der Krise auf die einzelnen Bereiche der Wirtschaft sind natürlich sehr unterschiedlich und hängen nicht zuletzt davon ab, wie lange sie noch andauert. Einzelne Branchen sind faktisch völlig lahmgelegt, wie beispielsweise Luftfahrt, Tourismus, Gastronomie. In anderen sind die Bedingungen etwas besser bzw. erträglicher, etwa in der Bauwirtschaft, der Lebensmittelindustrie oder bei Herstellern von Verpackungen. Wir haben bereits zu Beginn der Korrektur an den Aktienmärkten unsere Investments in Unternehmen der Reisebranche (zum Beispiel Booking.com oder Do&Co) sehr konsequent abgebaut und verkauft. Stattdessen hat das Fondsmanagement in defensivere Bereiche investiert, wie etwa Supermarktketten (wie Tesco, Carrefour). Auch den Bereich Luxusgüter haben wir deutlich reduziert. Vor Corona wurden bis zu 40 % aller Umsätze in diesem Sektor von Chinesen auf Reisen getätigt. Diese fallen jetzt erst einmal weg und es ist ungewiss, wann sie sich wieder beleben werden. Auch im Bereich Einzelhandel haben wir uns von einigen Aktien getrennt, so zum Beispiel von Fast Retailing, einer japanischen Modekette unter dem Namen Uniqlo, da ein Großteil dieser Verkaufsläden derzeit geschlossen ist. Stattdessen haben wir recht viele Aktien im Pharmasektor gekauft, vor allem Unternehmen, die versuchen, Medikamente oder Impfstoffe gegen das Coronavirus zu entwickeln. Dazu gehören beispielsweise Gilead Sciences oder Regeneron. Zugekauft wurden aber auch Unternehmen, die online Gesundheitsdienste anbieten, wie beispielsweise Ping An Good Doctor (Chinas größte Online-Gesundheitsplattform) oder Alibaba Health. Die generelle Ausrichtung des Fonds ist mit den zusätzlichen Investments in Pharmaunternehmen und Lebensmitteleinzelhändlern sicherlich defensiver geworden als zuvor, da wir derzeit nicht von einer sehr schnellen, kräftigen V-förmigen wirtschaftlichen Erholung ausgehen. In Branchen wie Tourismus oder Gastronomie werden wir vorerst noch nicht (wieder) investieren. In Banken und Ölunternehmen (die von der Krise ebenfalls besonders hart betroffen sind), waren wir bislang schon nicht investiert, und das wird auch bis auf weiteres so bleiben.

Fazit

Das Coronavirus wird die großen Megatrends nicht dauerhaft stoppen, auch wenn es derzeit die Welt fest in seinem Griff hält. Es gibt daher auch keinen Grund, die Investmentphilosophie des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien zu ändern. Vorausschauendes, flexibles Agieren und Reagieren bei einschneidenden Ereignissen gehört zu dieser jedoch fix dazu. Und sollte sich beispielsweise herauskristallisieren, dass einzelne Zukunftstrends doch nachhaltiger und für längere Zeit negativ von der Pandemie betroffen sein werden, dann wird das Fondsmanagement dem selbstverständlich Rechnung tragen.


Ursprünglich war für diesen Megatrends-Newsflash das Thema „Investieren in 5G-Technologien“ vorgesehen. Die Coronavirus-Pandemie und die daraus resultierenden Marktbewegungen stellen jedoch einen so gravierenden und nachhaltigen Einschnitt dar, dass es stattdessen ein Update zur Positionierung des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien gibt.

Federated Hermes, SASB and CERES: ESG guidance during Coronavirus

Just as investors are getting to grips with the importance of environmental, social and governance issues (ESG) to their investment strategies, economic orthodoxy has gone out of the window as the world fights to control the coronavirus pandemic.

Some say that this means ESG issues, such as climate change, human rights in supply chains, diversity and executive pay, will slip back down the agenda as governments focus on resurrecting their economies. But others say that the pandemic and its knock-on effects reinforce the need for investors to consider these issues.

Access the full Reuters Events whitepaper, including exclusive analysis, insights and forecasts from SASB, CERES, and Federated Hermes. Download for free, click here!

“Never has the need to build a more sustainable, inclusive economy been clearer or more urgent,” says Mindy Lubber, CEO of sustainable investing non-profit Ceres. “This pandemic is a painful reminder of our universal interconnectedness, our vulnerability to the seismic risks and sudden shocks our current capital markets systems expose us to, and the need for mass mobilization to tackle a common crisis.”

And there is growing evidence that companies with good performance on ESG are faring better in the face of the extreme economic shock and they are more resilient not just to this shock but to other disruptions such as the ongoing climate emergency. Bloomberg and MSCI say that ESG indexes and funds have outperformed their benchmarks.

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Investors seem unlikely to abandon their interest in ESG, not least because the pandemic is the latest ESG issue to make its presence felt on financial markets and the wider economy. The impact of ESG issues is increasingly easy to see as more and better data becomes available and technologies such as artificial intelligence and machine learning help to analyse it.

Both individual investors such as Blackrock and coalitions such as Climate Action 100+ have targeted companies in order to get them to take ESG issues seriously.

Nigel Green, CEO of $12bn financial advisory group De Vere, says that “the coronavirus pandemic will trigger a ‘skyward surge’ in sustainable, responsible and impactful investing over the next 12 months for three key reasons. First, before the pandemic, research has revealed that investments that score well in terms of ESG credentials often outperform the market and have lower volatility over the long-run. Since the Covid-19 public health emergency up-ended the world, the latest broad analysis shows that ESG funds have typically continued to outperform others.”

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“Second, the coronavirus pandemic has underscored the vulnerability and fragility of societies and the planet. It has underscored that increasingly companies will only survive and thrive if they operate with a nod from the wider court of public approval.

Green adds that “demographic shifts will support the trend.  Millennials cite ESG investing as their top priority when considering investment opportunities. This is crucial because the biggest-ever generational transfer of wealth – likely to be around $30trn - from baby boomers to millennials will take place in the next few years. ESG investing was already going to reshape the investment landscape in this new decade – but the coronavirus will quicken the pace of this reshaping.”

This whitepaper was made in association with the upcoming ESG Investment Summit North America, an event by Reuters Events. For more information, please visit the website or get in touch with a member of the team.


Contact

Dominic Grocott
Head of ESG Investment – Reuters Events
+44 7535656597 
Dominic.grocott@reutersevents.com

ESG-Ratings: Welche Fragen sich Anleger*innen stellen sollten

von Stefan Fritz und Jakob Heidecke, beide GLS Bank.

Nachhaltigkeit erobert den Mainstream-Finanzmarkt. Damit gewinnt auch die Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen an Bedeutung. Die zunehmende Relevanz dieser sogenannten ESG-Ratings ist auch der Politik nicht verborgen geblieben. Die EU-Kommission schrieb eine Marktstudie aus. Den Zuschlag erhielt laut Branchenmedien das britische Beratungsunternehmen sustainAbility. An sich ist dies natürlich eine begrüßenswerte Entwicklung. Schließlich sollten nachhaltige Geschäftsmodelle von Investoren gefördert werden. Doch ein näherer Blick auf diese Ratings ist ratsam. Das zeigt nicht zuletzt der erste Rechtsstreit zwischen einem Anbieter von ESG-Ratings sowie dem von ihm bewerteten Unternehmen. Anleger*innen sollten verschiedene Aspekte und Fragen im Blick haben:

Welchen Einfluss haben Geschäftsziele des Researchanbieters auf ESG-Ratings?

Zu Beginn der 2000er Jahre war der Markt für Nachhaltigkeitsresearch von zahlreichen kleinen Häusern geprägt. Viele von ihnen verfolgten einen ethischen Ansatz. Zwei Beispiele: Die oekom research AG (heute ISS ESG) entwickelte ihr Bewertungsverfahren aus dem Frankfurt-Hohenheimer Leitfaden, einem ethischen Kriterienkatalog, der von Ökonomen, Philosophen und Theologen entwickelt wurde. Das französische Haus Vigeo (heute Vigeo Eiris) wurde 2002 gemeinsam von Investoren, Gewerkschaften und Unternehmen gegründet, um die soziale und ökologische Verantwortung von Unternehmen zu ermitteln.

Im Laufe der vergangenen 10 Jahre haben sich die Marktstrukturen radikal verändert. Schritt für Schritt betraten große amerikanische, börsennotierte Finanzdienstleister die Bühne. Mit ihrer Finanzkraft kauften sie nach und nach kleine Anbieter auf. 2010 kaufte MSCI Riskmetrics, 2016 erwarb S&P Trucost, 2017 beteiligte sich Morningstar an Sustainalytics, 2018 schluckte ISS die oekom Research AG und vergangenes Jahr übernahm Moody's Anteile am britisch-französischen Haus Vigeo Eiris. Die Folge: Heute zeichnet sich der Markt durch ein Oligopol weniger Anbieter aus, die mittlerweile allesamt in amerikanischer Hand liegen.


Quelle: Dr. Judith Ströhle: Die Ursprünge unterschiedlicher Ratingansätze. Erschienen in: Absolute Impact, Ausgabe 04/2019.

Es stellen sich Fragen: Inwieweit bewahren die neuen Eigentümer die ursprüngliche ethische Motivation ihrer Akquisitionen? Viele Researchhäuser betonen zunehmend das finanzielle Risiko schwacher Umwelt- und Sozialleistungen von Unternehmen und Staaten. Geht es also bei ESG-Ratings darum, das finanzielle Risiko von Nachhaltigkeitskriterien aufzuzeigen? Oder sollen die Unternehmen am besten bewertet werden, deren Geschäftsmodell zukunftsweisende Lösungen haben? Je nach Antwort können ESG-Ratings stark variieren.

Fördert die derzeitige Abdeckung von ESG-Ratings am Markt die Finanzierung wirklich nachhaltiger Geschäftsmodelle?

Viele nachhaltige Fondsanbieter und Investoren richten sich nach Benchmarks. Bei Aktienfonds ist das häufig der MSCI World Index. Das Auswahlverfahren beginnt also damit, dass die Anbieter von den rund 1.600 Indextiteln diejenigen mit dem schlechtesten ESG-Rating aussortieren. Aus den verbliebenen Titeln setzen sie dann ihr Portfolio zusammen. Um für Fondsanbieter und Investoren überhaupt in Frage zu kommen, müssen Researchanbieter die ESG-Ratings aller Unternehmen großer Indizes bereitstellen. Ihr Fokus liegt demnach auf großen börsennotierten Unternehmen. Kleinere Unternehmen fallen häufig durch das Raster, da sie aufgrund mangelnder Handelbarkeit oder zu hohem finanziellen Risiko seltener nachgefragt werden. Das klassische Prinzip von Nachfrage und Angebot eben.


Quelle: Coffey, Brendan, Here Are Fund Managers’ Favorite ESG Stocks (2019)

Doch müssen für den Weg zu mehr Nachhaltigkeit nicht neue Geschäftsmodelle gefördert werden? Muss das Geld nicht dorthin fließen, wo es tatsächlich gebraucht wird; in kleine, junge Unternehmen, die ein zukunftsweisendes Geschäftsmodell haben; Unternehmen, die über Anleiheemissionen oder Kapitalerhöhungen frisches Kapital einnehmen und direkt in wirkungsstarke Projekte investieren? Soll nicht die Zukunftsfähigkeit eines Geschäftsmodells und nicht die Börsenkapitalisierung der Ausgangspunkt eines Investmentprozesses sein? Würde sonst nicht eher der Status quo gefördert? In welcher Weise haben Researchhäuser darauf eine Antwort?

Scoring-Modelle mit hoher Divergenz

Anbieter von ESG-Scorings müssen sich immer wieder gegen den Vorwurf wehren, ihre Bewertungen seien unpräzise und würden stark voneinander abweichen. Während die Ratings großer Kreditratingagenturen in der Regel sehr nahe beieinander liegen, sei die Korrelation von ESG-Ratings vergleichsweise gering. Dafür gibt es viele Gründe. Während Kreditratings nur die Kreditausfallwahrscheinlichkeit messen und auf standardisierten Verfahren beruhen, spielen bei ESG-Ratings unterschiedliche Faktoren eine Rolle:

  • Zielsetzung des Ratings: Es gibt unterschiedliche Zielrichtungen eines ESG-Ratings. Anleger*innen sollten sich fragen: Zielt das Rating darauf ab, finanzielle Risiken zu vermeiden, die sich aus ESG-Aspekten ergeben? Oder soll es Unternehmen ermitteln, die eine hohe ökologische und soziale Wirkung erreichen?
  • Gewichtungen von ESG-Kriterien: Es gibt keinen Standard, wie bestimmte Umwelt- und Sozialaspekte berücksichtigt und gewichtet werden sollen. Je nach Ziel des ESG-Ratings kann dies erheblich variieren. Manche Anbieter gewichten Sozialaspekte höher, andere Umweltaspekte. Einer der Hauptkritikpunkte an der EU-Taxonomie ist derzeit, dass Klimaaspekte einen zu hohen Einfluss haben und Sozialaspekte nur im schwachen Maße Beachtung finden.
  • Qualität und Verfügbarkeit von Daten: Die Qualität der berichteten Daten kann sich von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterscheiden. Große multinationale Konzerne haben häufig ein umfassendes Berichtswesen, mit dem sie umfangreich über ihre ESG-Leistungen Auskunft erteilen. Bei kleineren Unternehmen fehlen nicht selten die Kapazitäten, um sich mit ESG-Reportinganforderungen auseinanderzusetzen. Deswegen wird am Markt kolportiert, dass es eine positive Verzerrung von ESG-Ratings für große Unternehmen gäbe. Anleger*innen müssen also vor allem bei kleinen Unternehmen sehr genau hinterfragen, ob eine schlechte Bewertung auf schwache Sozial- oder Umweltleistungen zurückzuführen ist oder schlichtweg auf fehlende Angaben.
  • Betrachtungsweise: Manche Anbieter nehmen innerhalb einer bestimmten Gruppe an Unternehmen (Indizes, Branchen, Ratinguniversum) eine relative Verteilung von ESG-Ratings vor. Das Ergebnis ist dann einer Standardnormalverteilung sehr ähnlich. Das wäre wie das Ergebnis einer Klassenarbeit, bei der es genauso viele Einser wie Sechser, Zweier wie Fünfer, Dreier wie Vierer gibt. Der Notenschnitt läge in der Mitte. Demgegenüber gibt es Anbieter, die unabhängig von solchen Gruppen eine absolute ESG-Bewertung vornehmen. Um im Bild der Notenverteilung zu bleiben, gäbe es vielleicht keine Einser und Zweier, dafür einige Dreier und Vierer und sehr viele Fünfer und Sechser. Der Schnitt wäre demnach sehr viel schlechter. 


Quelle: Eccles, Robert G. and Stroehle, Judith, Exploring Social Origins in the Construction of ESG Measures (July 12, 2018). Available at SSRN: https://ssrn.com/abstract=3212685

Fazit und wie die GLS Bank zu ESG-Ratings steht:

Die ESG-Bewertung von Unternehmen wird immer relevanter am Kapitalmarkt. Dies ist ein richtiger und wichtiger Schritt, um Unternehmen zu nachhaltigerem Handeln zu bewegen. Jedoch sollten Anleger*innen die unterschiedlichen Motivationen und Methoden der Anbieter von ESG-Ratings am Markt hinterfragen. Die GLS Bank selbst überprüft jedes Investment im Detail auf sozial-ökologische Kriterien. Statt allerdings quantitativ Plus- und Minuspunkte zu verrechnen, wählt die Bank die Einzelfallentscheidung als bewusstes Arbeitsprinzip. In einem interdisziplinär zusammengesetzten Anlageausschuss diskutieren und entscheiden renommierte Nachhaltigkeitsexpert*innen, auf Basis von quantitativen und qualitativen Indikatoren, ob Unternehmen in das GLS Anlageuniversum aufgenommen werden oder nicht. Dies mag auf den ersten Blick wenig systematisch wirken. Aber es beugt einem mechanischen und einseitigen Bewertungsschema vor. Schließlich kann ein ESG-Scoring nie die realen Gegebenheiten eines Unternehmens in seiner Komplexität erfassen.

Statt also ausschließlich auf ESG-Scorings zu vertrauen, stellen die Expert*innen die Nachhaltigkeit des Geschäftsmodells selbst in den Mittelpunkt ihrer Betrachtung. Sie wollen Gelder dorthin lenken, wo sie am stärksten gebraucht werden. Deswegen werden auch kleinere Unternehmen aufgenommen, die eine hohe direkte Wirkung entfalten, jedoch nur vereinzelt von den Bewertungsansätzen der ESG Ratingagenturen erfasst werden. Auf diese Weise will die GLS Bank in ihrem Investmentfondsgeschäft die Transformation zu einer nachhaltigen Wirtschaft fördern und einen Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Herausforderungen leisten.


Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Über Jakob Heidecke

Jakob Heidecke ist im Nachhaltigkeitsresearch der GLS Bank tätig. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Prüfung neuer Emittenten sowie dem kontinuierlichen Monitoring des GLS Anlageuniversums. Zuvor absolvierte er einen M.Sc. Studiengang im Bereich Sustainable Finance an der Universität Maastricht.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 500 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 31.03.2020).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

www.gls-fonds.de/klima
investmentfonds@gls.de

CO2-Kompensation

Die beim Flugverkehr wie bei jeder Form der Energienutzung aus fossilen Energieträgern entstehenden CO2-Emissionen können nicht gänzlich verhindert, jedoch an anderer Stelle eingespart werden. Durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten, also die Finanzierung von Treibhausgas mindernden Investitionen, werden CO2-Emissionen im Ausmaß der verursachten Emissionen reduziert und somit eine CO2-Kompensation erreicht, so Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG. Es geht also um die Finanzierung von Aktivitäten, die den Ausstoß von Treibhausgasemissionen gegenüber dem Business-as-usual-Szenario vor Ort tatsächlich verringern und damit die eigenen Emissionen ausgleichen helfen.

UNTERSCHIEDE BEI DER BERECHNUNG

Die Berechnungen der Kosten für eine CO2-Kompensation sind sehr unterschiedlich. Ein Marktcheck des Verbraucherzentrale Bundesverbandes in Deutschland zur Kompensation von Flugreisen zeigt, dass nur drei spezialisierte Dienstleister die Emissionen von Flügen korrekt berechnen und auf die Qualität der CO2-Ausgleichsprojekte achten. Generell kann gesagt werden, dass Fluggesellschaften durchwegs einen zu niedrigen CO2-Wert zur Kompensation angeben. Wer die CO2-Emissionen seines Urlaubs kompensieren möchte, sollte sich daher an die spezialisierten Kompensationsagenturen halten.

Empfehlenswerte Anbieter einer CO2-Kompensation unterstützen beispielsweise ausschließlich solche Kompensationsprojekte, die mit dem „Gold Standard“ zertifiziert sind. Der Gold Standard ist ein Qualitätsstandard für CO2-Kompensationsprojekte, der sicherstellt, dass die Projekte den derzeit höchsten Ansprüchen gemäß dem Clean Development Mechanism, für den die Vereinten Nationen die Kriterien festgelegt haben, entsprechen. Generell kennzeichnen Gold-Standard-Projekte zusätzlich soziale und Umweltaspekte, die zur Erreichung von Nachhaltigkeitszielen beitragen. Dieser Standard findet bei UN-registrierten Projekten als Zusatzstandard (Gold Standard CER) und seit 2006 auch im freiwilligen Markt zum Teil Anwendung (Gold Standard VER, Voluntary Emission Reductions). Während der Zertifikatstyp CER auch im internationalen Emissionshandel verwendet wird und daher eine hohe Projektqualität und Transparenz garantiert, gibt es bei der freiwilligen Kompensation auch sogenannte verifizierte Emissionsreduktionen (VER). VER werden zwar von Sachverständigen überprüft, einheitliche Standards und ein zentrales Anerkennungsverfahren fehlen aber.

QUALITÄTSKRITERIEN

Zur Erfassung der Güte von Qualitätsstandards müssen viele Eigenschaften geprüft werden. Das Kriterium der „Zusätzlichkeit“ bedeutet, dass die Klimaschutzmaßnahme des Projekts ohne die zu erwartenden Erlöse aus dem Verkauf der Zertifikate nicht stattgefunden hätte. Weiters muss eine Emissionseinsparung dauerhaft sein. Bei Wald- und Moorschutzprojekten existieren Risiken wie Waldbrände, Schädlingsbefall oder illegale Abholzung. Vertrauenswürdige Qualitätsstandards nutzen zur Entwicklung von Klimaschutzprojekten nur genehmigte Vorgaben (Methodologien), die unabhängig und extern geprüft wurden,Transparenz ist in diesem Zusammenhang von größter Bedeutung, sie dient sowohl der Überprüfbarkeit als auch der Nachvollziehbarkeit.

Klimaschutzprojekte können entweder Ex-ante-Zertifikate (vor der realisierten Minderung) oder Ex-post-Zertifikate (nach der tatsächlichen Minderung) ausgeben. Ex-ante-Kompensationen bergen das Risiko, dass die Emissionsminderungen nicht wie geplant realisiert werden. Jedenfalls sind Doppelzählungen zu vermeiden und Stakeholder in die Realisierung der Klimaschutzprojekte miteinzubeziehen. Ein Beitrag zu einer nachhaltigen Entwicklung am Projektstandort, wie etwa auf Basis der UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), ist wünschenswert.

Eine realistische Berechnung der CO2-Emissionen ist Bedingung, um eine angemessene Kompensation für eine Flugreise zu erreichen. Dabei sind zumindest die Flugdistanz, die Zwischenlandungen und der RFI-Faktor relevant. Der RFI-Faktor, der Radiative Forcing Index, berücksichtigt den erhöhten Treibhauseffekt durch die großen Flughöhen. Viele Fluggesellschaften kalkulieren diesen Faktor bei der Berechnung der Treibhausgase nicht mit ein. Bei der Betrachtung aller Emissionen des Flugverkehrs zusammen ergibt sich aus der Berücksichtigung des RFI, dass die Erwärmungswirkung des Flugverkehrs im Durchschnitt rund drei- bis fünfmal größer ist als der aus dem reinen CO2-Ausstoß errechnete Effekt.

Generell kann man zwei Angebotstypen für Kompensationszahlungen unterscheiden. Die meisten Anbieter einer CO2-Kompensation finanzieren Klimaschutzinvestitionen vor allem in Entwicklungsländern. Für diese ist der bereits erwähnte Gold Standard eine wichtige Orientierung für die Qualität der Projekte. Selten werden zur Kompensation auch Emissionszertifikate aus dem Europäischen Emissionshandel (EU-ETS) aufgekauft und gelöscht.

FLUGVERKEHR IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN ESG

  • E (Environment): Der in der Luftfahrtindustrie verwendete Treibstoff Kerosin ist ein nicht unbedeutender Faktor in der Diskussion zum Thema Klimawandel, der Anteil des Flugverkehrs am Treibhauseffekt wird auf 3,5 % geschätzt. Dazu kommt die durch die Flugbewegungen hervorgerufene Verunreinigung von Luft und Wasser.
  • S (Social): Vor allem Anrainer sind von der Lärmbelästigung durch den Flugverkehr betroffen. Durch regulatorische Besserstellungen wie die Nicht-Besteuerung von Flugtreibstoff werden die sogenannten Billigflüge ermöglicht, die für weite Teile der Bevölkerung eine wichtige Komponente des subjektiv empfundenen Wohlstandes darstellen.
  • G (Governance): Nationale Carrier und prestigeträchtige Flughafenbauten verhindern oft den im Vergleich zu anderen Transportmitteln fairen Umgang mit dem Thema Flugverkehr durch die jeweiligen Regierungen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist die nachhaltige Ausgestaltung des Transportwesens ein wesentliches Thema. In unseren Investments zählen Fluglinien derzeit nicht zu den investierten Branchen.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Flugverkehr“ finden Sie links als PDF.