Nachhaltig Investieren: Plastikmüll

von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei Raiffeisen Capital Management.

Das globale Müllproblem gewinnt immer mehr an Brisanz, obwohl das Phänomen Müll nicht erst vor kurzer Zeit entstanden ist. Denn Abfall gab es auch in der Vergangenheit, beispielsweise durch weggeworfene Kleiderreste oder Nahrung. In den letzten Jahrzehnten haben sich jedoch die Menge und die Zusammensetzung des Mülls geändert. Ein immer größerer Teil unseres Mülls kann nicht mehr auf natürlichem Weg verrotten. Ein Teil der Abfälle ist sogar giftig. Der Anteil der Reparaturen sinkt, dazu kommt die gewollte Obsoleszenz von Produkten.

Einige Abfallsorten bereiten aus Umweltsicht sehr große Sorgen. Nicht unbedingt wegen ihrer Toxizität, sondern wegen des extrem starken Wachstums zählen neben Plastikmüll auch Mikroplastik und Elektronikschrott zu den größten Problembereichen. Plastikmüll ist in den Weltmeeren mittlerweile omnipräsent, und Kläranlagen können Mikroplastik nur unzureichend herausfiltern, das im Meer in die Nahrungskette gelangt. Auch in Bezug auf den Klimawandel ist die Bedeutung der Kunststoffproduktion nicht zu unterschätzen. Der 2019 von der Heinrich Böll Stiftung und von Global 2000 herausgegebene „Plastikatlas“ geht davon aus, dass Plastik bis 2050 zwischen 10 und 13 % des gesamten Kohlenstoffbudgets verbrauchen könnte, welches im Hinblick auf eine Erreichung des 1,5-Grad-Ziels zur Verfügung steht.

Der Grund für die Problematik rund um Plastikmüll ist leicht erklärt. Kunststoffe vereinen einige Vorteile in sich: Sie sind leicht, billig, gut verformbar und langlebig. Doch genau diese Dauerhaftigkeit wird aus Sicht der Umwelt zum Problem. Eine Plastikflasche benötigt im Meer etwa 450 Jahre, um sich zu zersetzen. Und auch dann löst sich das Plastik zunächst nur in kleinere, kaum sichtbare Plastikteilchen – also Mikroplastik – auf. Je kleiner die Plastikpartikel sind, desto größer ist das Risiko der Aufnahme durch die Tiere.

Die Herkunft des Plastikmülls, der in verschiedensten Regionen der Welt die Meere verschmutzt, ist leicht nachvollziehbar. Von den mehr als 10 Millionen Tonnen Abfällen, die jährlich in die Ozeane gelangen, sind rund drei Viertel Plastikmüll. Und das Volumen an Plastikmüll steigt extrem stark an. Die Plastikproduktion weist im Vergleich zum Wirtschaftswachstum enorm hohe Wachstumsraten auf; während in den 1950er Jahren knapp 1,5 Millionen Tonnen Plastik pro Jahr produziert wurden, sind es heute rund 400 Millionen Tonnen. Seit Beginn der Produktion wurden laut einer Veröffentlichung einer Forschergruppe um Roland Geyer von der University of California insgesamt 6,3 Milliarden Tonnen Plastik produziert, davon aber nur 9 % wiederverwertet und 12 % verbrannt. Somit sind rund 80 % des produzierten Plastiks entweder zum Teil verwittert oder immer noch vorhanden. Die höchsten Recycling­raten findet man gemäß dieser Studie in Europa mit 30 %, gefolgt von China mit 25 %, während in den USA nur 9 % des Plastikmülls recycelt werden. Im Vergleich dazu liegt Dänemarks Recyclingrate für Plastik bei etwa 90 %. Auch bei der Verbrennung von Plastikmüll liegt Europa mit 40 % in führender Position, während China 30 % und die USA 16 % erreichen. Rund 8 % der globalen Erdölproduktion werden für die Plastikproduktion verwendet.

Die Müllverschmutzung an Stränden

Die häufigsten Abfälle an ausgesuchten Küstenlinien, prozentualer Anteil pro 100 MeterMuellverschmutzung an den StraendenQuelle: PLASTIKATLAS/Appenzeller/Hecher/Sack (M) CC-BY-4.0; Stand 2019

Gemäß PlasticsEurope und Eurostat wurden allein in Europa 2015 58 Millionen Tonnen Kunststoff produziert, die Verwendungsgebiete waren vor allem Verpackungen mit 40 % vor Gebrauchsgütern mit 22 %, Hoch- und Tiefbau mit 20 %, Personen- und Lastkraftwagen mit 9 %, Elektro- und Elektronikgeräten mit 6 % und der Landwirtschaft mit 3 % des produzierten Plastiks. Österreich produzierte 2015 294.888 Tonnen Verpackungsabfälle aus Kunststoff, das bedeutet 34 kg pro Kopf im Vergleich zu 31 kg pro Kopf im EU-Durchschnitt.

Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen UNEP schätzt, dass mittlerweile auf jedem Quadratkilometer Meeresoberfläche bis zu 18.000 Plastikteile unterschiedlichster Größe treiben. Gemäß „Plastikatlas“ verteilt sich der im Meer befindliche Plastikmüll zu 26,8 % auf Küstengewässer, 33,7 % auf Küsten- und Meeresboden, 39 % auf das offene Meer und 0,5 % auf die Meeresoberfläche. Besondere Phänomene stellen die sogenannten Müllstrudel dar, in denen sich gigantische Müllteppiche ansammeln. Der Kunststoff wird von den Meeresströmungen erfasst und bildet riesige „Plastikinseln“ aus. Der größte dieser Strudel ist der Nordpazifikwirbel oder „Great Pacific Garbage Patch“, er soll mittlerweile die etwa 20-fache Größe Österreichs erreicht haben. Die Folgen des Plastikmülls sind auch für die Meeresfauna verheerend: Wale verhungern, weil ihre Mägen mit Müll gefüllt sind, Robben, Delphine und Schildkröten werden von Plastikteilen stranguliert. Vor allem Mikroplastik kann – wenn es in die Nahrungskette gelangt – auch für den Menschen in zunehmendem Maße zum Gesundheitsrisiko werden.

HAUPTVERURSACHER SCHWELLENLÄNDER

Die größten Verursacher von Plastikmüll sind heutzutage die Emerging Markets. Gemäß dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven landen schätzungsweise jährlich rund 4,8 bis 12,7 Millionen Tonnen Plastik im Meer, einem Bericht deutscher Ökologen zufolge erreichen ca. 90 % davon die Meere über 10 Flusssysteme, von denen sich 8 in Asien und 2 in Afrika befinden. In einem Bericht des World Economic Forum aus dem Jahr 2016 wird der Prozentsatz des weltweit unkontrolliert entsorgten Plastikmülls zu 80 % Asien zugeschrieben. In Südostasien existieren derzeit kaum effiziente Müllentsorgungssysteme, Sammelaktivitäten für Plastikmüll sind fast nicht vorhanden, auch mangelt es an der öffentlichen Finanzierung für derartige Maßnahmen.

Was die Produktion von Einwegplastikartikeln betrifft, so wurden im Jahr 2014 38 % in der Region Asien und Pazifik hergestellt, 21 % in Nordamerika, 17 % im Nahen Osten, 16 % in Europa; der geringfügige Rest teilt sich auf Lateinamerika und Afrika auf.

LÖSUNGSWEGE

Die möglichen Strategien gegen Plastikmüll reichen von Sammlung und Recycling über Verbote bis hin zu biologischen Alternativen. Was die Sammlung von Plastik betrifft, so gestaltet sich diese oft schwierig, denn das gesammelte Plastik ist oft inhomogen. Eine Hinwendung zu einem „Cradle to cradle“-Prinzip könnte eine echte Kreislaufwirtschaft durch intelligentes Produktdesign ermöglichen. Ideal wäre, schon beim Design und bei der Herstellung von Plastik einige wesentliche Faktoren zu berücksichtigen. Die verwendeten Kunststoffe sollten langlebig, wiederverwendbar, recycelbar und frei von Schadstoffen sein, außerdem sollte recyceltes Plastik verwendet werden. In Österreich wird von den jährlich rund 0,92 Millionen Tonnen anfallender Kunststoffabfälle nach einer Studie des Bundesministeriums für Nachhaltigkeit und Tourismus mit 28 % nicht ganz ein Drittel wiederverwertet, der Rest wird thermisch verbrannt. Die OMV versucht mit ihrem Pilotprojekt ReOil Plastik in Rohöl rückzuverwandeln. Beim zugrundeliegenden Prozess muss man den Kunststoff auf über 400 °C erhitzen, bei dieser Temperatur werden die langen Kunststoffmolekülketten depolymerisiert, also zerkleinert bzw. zerlegt. In der Folge entsteht synthetisches Rohöl. Die aktuelle Forschung versucht außerdem in zunehmendem Ausmaß, Enzyme zum Abbau von Plastik zu nutzen. Generell sind die Recyclingraten für Kunststoffe im Vergleich zu anderen Werkstoffen gering. Sie liegen im Fall von Plastik gemäß Ellen MacArthur Foundation bei knapp 14 %. Das World Economic Forum nennt in seinem Bericht aus dem Jahr 2016 für Papier eine 58%ige Recyclingrate, im Fall von Eisen und Stahl liegt diese bei 70 bis 90 %.

Verbote für Plastik betreffen unter anderem Kunststoffverpackungen wie das Plastiksackerl, international haben bereits einige Länder wie Ruanda, Frankreich, Kenia und Bangladesch derartige Maßnahmen getroffen. In Österreich gilt ab 2020 ein Verbot von Kunststofftragetaschen, die biologisch nicht vollständig abbaubar sind. Zudem gilt ab demselben Jahr ein Verbot der Beimengung von Mikroplastikpartikeln in Kosmetikprodukten und Reinigungsmitteln, sofern bis dahin keine europäische Lösung getroffen wurde. Erwähnt werden sollte in diesem Zusammenhang auch das Verbot der EU-Kommission für die zehn häufigsten Einwegkunststoffprodukte, die an Stränden der EU gefunden werden, sowie für zurückgelassene, verloren gegangene und weggeworfene Fischfanggeräte. Hintergrund ist der Kampf gegen kurzlebige Plastikprodukte – die oft als Littering in der Natur landen – und der Kampf gegen Wegwerfplastik sowie unnötige Plastikverpackungen.

Die unsichtbare Mülldeponie


Quelle: PLASTIKATLAS/Appenzeller/Hecher/Sack (M) CC-BY-4.0; Stand 2019

MIKROPLASTIK

Das Thema Mikroplastik weist weitere spezifische Probleme auf. Mikroplastik sind Plastikteile mit einer Abmessung von weniger als fünf Millimetern. Diese können als Grundmaterial für die Plastikproduktion dienen oder durch Verwitterung bzw. mechanische Einwirkung auf größere Plastikobjekte entstehen. Mikroplastik wird aber auch in Konsumprodukten verwendet, wie Zahncremen oder Duschpeelings. Aufgrund der geringen Größe können die meisten Kläranlagen Mikroplastik nicht aus dem Abwasser filtern, sodass die Plastikstückchen letztlich über die Flusssysteme ins Meer gelangen. Dort können sich im maritimen Umfeld hochgiftige Substanzen auf den Mikroplastikteilchen anreichern. Meeresbewohner, die Mikroplastik mit Futter verwechseln, kommen mit den giftigen Partikeln in Kontakt und nehmen diese auf. Auf diesem Weg gelangen die Schadstoffe in die Nahrungskette.

Zuletzt wurde auch Mikroplastik in der Landwirtschaft immer mehr zum Thema. Kleinste Kunststoffteile finden sich in Böden, Nutztieren und damit in den Lebensmitteln. Hintergrund ist die Verwendung von Plastik etwa für Bewässerungsanlagen, Gewächshäusern und Tunnel. Zum Schutz vor Vögeln werden mitunter ganze Bäume oder Sträucher mit Plastik ummantelt. Auch im auf Äckern ausgebrachten Klärschlamm findet sich Mikroplastik wieder.

Plastikmüll im Kontext der drei Nachhaltigkeitsdimensionen des Environment Social Governance (ESG)

ESG ist die englische Abkürzung für „Environment Social Governance“, also Umwelt, Soziales und Unternehmensführung. Der Begriff ist international in Unternehmen als auch in der Finanzwelt etabliert, um auszudrücken, ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis sowie bei Firmenanalysen von Finanzdienstleistern ökologische und sozial-gesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet beziehungsweise bewertet werden.

E (Environment)

Plastikmüll und Mikroplastik zählen zu den aktuell schwerwiegendsten Umweltproblemen. Vor allem die Ansammlung von Plastikmüll in den Meeren droht das ökologische Gleichgewicht auf Dauer massiv zu schädigen.

S (Social)

Aus gesellschaftlicher Sicht stellt sich in Bezug auf Plastikmüll die Frage, inwieweit der Mensch selbst durch die Beeinträchtigung der gesamten Nahrungskette belastet werden kann.

G (Governance)

Aus Governance-Sicht steht bei Plastik und Mikroplastik die Selbstverpflichtung von Unternehmen im Vordergrund, die Verwendung von Plastik zu reduzieren oder einzustellen. Auch ein rechtlicher Rahmen mit dem Verbot von Plastik und Mikroplastik könnte zunehmend geschaffen werden, hier sind erste nationale Verbote für Plastiksackerl und das Verbot einiger Plastikprodukte auf EU-Ebene als erster Schritt zu sehen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management sind die Vermeidung von und der Umgang mit Plastikmüll große Themen. Dazu zählen im Bereich Recycling tätige Unternehmen wie Tomra oder Produzenten nachhaltiger Materialien aus erneuerbaren Ressourcen wie Lenzing oder Borregaard.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Plastikmüll“ finden Sie links als PDF.

Investieren in Megatrends

Megatrends verändern die Welt grundlegend und langfristig. Sie wirken nicht nur auf einige Bereiche, sondern betreffen alle Ebenen der Gesellschaft und damit auch den einzelnen Menschen. Um mit der Zukunft Schritt halten zu können, müssen Unternehmen rasch auf Entwicklungen eingehen oder diese im Idealfall sogar antizipieren. Unternehmen, die das schaffen, sind für Investoren von großem Interesse, denn sie stehen für Zukunftsfähigkeit und Wachstum. In solche Unternehmen investiert der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Wichtige Megatrends, die aktuelle Veränderungen markieren, betreffen die Bereiche Demografie, Klima, Technologie und Mobilität. Die Tatsachen, dass 2050 vermutlich 75 % aller Menschen weltweit in Städten wohnen werden und die westliche Gesellschaft älter wird und schrumpft, haben große Auswirkungen auf den infrastrukturellen Bedarf dieser Gemeinschaften, aber natürlich auch auf die individuellen Bedürfnisse des Einzelnen. Die Nachfrage nach Abwasser- und Verkehrssystemen, Sicherheit und sozialen Einrichtungen wie Krankenhäusern und Schulen wird ebenso steigen wie der Bedarf an Medikamenten, Pflege und Betreuungseinrichtungen. Unternehmen, die langfristig in der Lage sind, auf diesen Wandel mit adäquaten Produkten und Dienstleistungen zu reagieren, werden in der Zukunft zu den Gewinnern zählen. Dazu gehören Pharma- und Medizintechnikunternehmen ebenso wie Rentenversicherer, Schulbuchverlage mit Online-Diensten und Kommunikationsdienstleister.

Auch der Klimawandel zählt zu den großen Themen des 21. Jahrhunderts. Extremes Wetter stellt mittlerweile eines der größten Risiken für Unternehmen dar. Die jährlichen Investitionen dazu werden weltweit auf hunderte Milliarden US-Dollar geschätzt. Für Investoren bieten sich Möglichkeiten in den Bereichen Energieeffizienz, Wind-, Solar- und Hydroenergie, aber auch Energiespeicher, Elektromobilität und Brennstoffzellen sowie Clean-Tech-Lösungen.

Besonders weitreichend und in den unmittelbaren Alltag der Menschen greifend, ist der technologische Wandel. Soziale Netzwerke, Internet of Things, Cloud Computing, Mobile Payment und Automatisierung sind hier nur wenige Stichworte, die für den rasanten Anstieg des Internets mit all seinen Möglichkeiten stehen.

In Megatrends zu investieren heißt, aus all diesen Bereichen die aussichtsreichsten Unternehmen herauszufiltern und sie hinsichtlich ihrer Zukunftsfähigkeit zu prüfen. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien investiert in die beschriebenen Megatrends und setzt dabei auch auf ganz große Unternehmen wie Siemens oder Amazon, aber auch auf kleinere „Hidden Champions“, die in ihren Bereichen herausragende und zukunftsweisende Produktlösungen anbieten.

Auch die Wertentwicklung des Fonds hat in den letzten fünf Jahren im Gleichschritt mit den investierten Firmen rasant an Fahrt gewonnen. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien konnte über diesen Zeitraum eine Performance von 71,29 % erzielen. (Berechnungszeitraum: 30. August 2014 – 30. August 2019, total return indexiert brutto, berechnet nach der OeKB-Methode). An dieser Stelle muss angemerkt werden, dass Performanceergebnisse der Vergangenheit keine Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung des Fonds zulassen.

Aktienkompetenz von Raiffeisen Capital Management

Ein aktiver Investmentansatz, wie der des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien, steht und fällt mit den Personen, die ihn umsetzen. Die Raiffeisen KAG hat über viele Jahre hinweg ein stetig wachsendes Team von spezialisierten Fondsmanagerinnen und Fondsmanagern aufgebaut, und das mit einer enorm hohen personellen Kontinuität. Einige waren in „ihren“ Märkten bereits aktiv, als es noch sehr wenigen Menschen in den Sinn kam, dort überhaupt zu investieren. Die erfahrenen Aktienspezialisten decken viele Länder und Regionen sowie ausgewählte Branchen und Investmentthemen kompetent ab.

Nachhaltig Investieren: Elektromobilität

von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Der Verkehrssektor ist ein wesentlicher und zugleich auch wachsender Verursacher von Treibhausgasemissionen. Im Jahr 2015 war der Verkehr laut dem Klimaschutzbericht 2017 des Umweltbundesamts – ohne Berücksichtigung des Emissionshandels – für 44,7 % der Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Der laufende technologische Fortschritt bei Antriebstechnologien, die auf fossilen Energieträgern basieren, ist zwar vorhanden, reicht aber zur Erreichung der Klimaschutzziele bei weitem nicht aus. In Österreich betrug die Abnahme der CO2-Emissionen von 2000 bis 2016 gemäß des Sachstandsberichtes Mobilität des Umweltbundesamtes 2019 für neu zugelassene PKWs im Durchschnitt rund 1,6 % pro Jahr. Österreich hat für das Jahr 2050 das Ziel eines weitestgehend klimaneutralen Verkehrssektors formuliert. Maßnahmen sind eine Verkehrsverlagerung, die Forcierung des öffentlichen Verkehrs, die Förderung der aktiven Mobilitätsformen und vor allem auch der Umstieg auf Nullemissionsfahrzeuge, die auf erneuerbarer Energie basieren.

EFFIZIENTE TECHNOLOGIE

Grundsätzlich basieren die Emissionen des Verkehrssektors zu einem wesentlichen Teil auf den Antriebssystemen der Fahrzeuge, wobei das Verkehrssystem gegenwärtig von Verbrennungskraftmotoren geprägt ist. Wegen des erzielten thermodynamischen Wirkungsgrades von lediglich 45 % geht bei diesem Mobilitätskonzept jedoch mehr als die Hälfte der eingesetzten Energiemenge verloren. Demgegenüber liegt die Effizienz eines Elektromotors bei etwa 95 %. Neben dem elektrischen Antrieb zählen auch wasserstoffbasierte Konzepte zu den „sauberen“ Alternativtechnologien, die umfangreiches Potenzial aufweisen. Voraussetzungen für den kurz- bis mittelfristigen Erfolg der E-Mobilität als aktuell im Fokus stehende Alternativtechnologie – sprich für die verstärkte Durchdringung des Marktes – sind das Vorhandensein einer geeigneten Infrastruktur sowie Anreizmodelle, die von Steuervorteilen über sonstige Bevorzugungen wie der Verwendung von Busspuren und dem kostenlosen Parken bis zum Nutzen öffentlicher Ladestationen reichen können.

Weitere Vorteile von Elektromotoren gegenüber dem Verbrennungsmotor sind die einfachere Bauart, die geringere Wartungsintensität, weniger Lärmentwicklung und die lokale Emissionsfreiheit. Aktuell sind große Fortschritte in der Batterietechnologie zu beobachten; Nachteile, wie lange Ladezeiten und kurze Reichweiten im Fahrzeugbetrieb durch beschränkte Energiedichte, verschwinden zusehends. Damit könnte sich die Herstellung eines Elektrofahrzeugs aus Sicht des Umweltbundesamtes in absehbarer Zeit kostengünstiger darstellen als die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrennungskraftmaschinen mit zudem immer aufwändigeren Abgasnachbehandlungssystemen.

Neben der Thematik der Treibhausgase kann die Elektromobilität auch dabei behilflich sein, viele andere negative Auswirkungen des Straßenverkehrs zu reduzieren. Bei Elektrofahrzeugen beschränken sich die Luftschadstoffemissionen auf den Abrieb und die Wiederaufwirbelung von Feinstaub. Den genannten Vorteilen von Elektrofahrzeugen – Verbesserung der Luftqualität und Reduktion des Lärmes –, vor allem in urbanen Räumen, steht bei der Frage der Klimaverträglichkeit eine allgemeinere Betrachtung gegenüber. Die Gesamtanalyse zeigt, dass sich beim Einsatz von Elektrofahrzeugen Teile der Umweltprobleme in vorgelagerte Prozesse und andere Teile der Wer tschöpfungskette verschieben. Hierzu zählen Aspekte der Fahrzeugproduktion und der Erzeugung der Batteriesysteme, aber auch die Produktion des verwendeten Stroms. Das Potenzial der Elektromobilität kann nur dann wirklich ausgeschöpft werden, wenn der eingesetzte Strom zu 100 % aus erneuerbaren Quellen stammt.

MISSION 2030

In der Statistik finden sich etwaige Emissionen aus der Stromproduktion und -bereitstellung für Elektromobilität gemäß der internationalen Berichtspflichten nicht im Bereich Verkehr, sondern im Sektor Energieaufbringung wieder. In diesem Zusammenhang gewinnt die Zielsetzung der Bundesregierung, festgehalten in der sogenannten #mission2030, der österreichischen Klima- und Energiestrategie, zusätzlich an Bedeutung: der nationale Gesamtstromverbrauch soll bis 2030 zu 100 % (national bilanziell) aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden. Für eine erweiter te ökologische Beur teilung ist neben den bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen auch die ausreichende Nutzungshäufigkeit des jeweiligen Fahrzeuges relevant. Für eine tatsächliche CO2-Einsparung durch Elektromobilität ist eine ausreichende Nutzungsintensität notwendig, die, bezogen auf die gesamte Nutzungsdauer, je nach Strom-Mix, bei 30.000 gefahrenen Kilometern beginnt und bei durchschnittlichem Strom-Mix bei 100.000 Kilometern liegt.

Derzeit dreht sich die Diskussion über eine Förderung von sauberen Energien vor allem um die Elektrifizierung des Verkehrs und in diesem Zusammenhang um eine Beschränkung auf die Segmente Personenkraftwagen (PKW) und leichte Nutzfahrzeuge (LNF). In diesen Bereichen scheinen die technologischen Entwicklungen am weitesten fortgeschritten, außerdem existieren Fördermaßnahmen und Programme auf politischer Ebene. Aus heutiger Sicht wird der Güterverkehr und damit verbunden die Elektrifizierung von Lastkraftwagen (LKW) erst im Zeitraum nach 2030 an Bedeutung gewinnen.

1,2 MILLIONEN E-FAHRZEUGE BIS 2030

Das vom Umweltbundesamt im Rahmen des Sachstandsberichtes Mobilität untersuchte Szenario auf Basis der aktuell bestehenden Maßnahmen, ohne zusätzliche Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität, geht davon aus, dass die Fahrzeugbestände bis zum Jahr 2020 auf etwa 70.000 vollelektrische Fahrzeuge (BEV) und Plug-In-Hybridfahrzeuge (PHEV) anwachsen werden. Im nächsten Schritt wird im Jahr 2030 bereits mit knapp 1,2 Millionen teil- und vollelektrischen Fahrzeugen gerechnet.

Für 2050 ergeben die Schätzungen dann beinahe 4,5 Millionen BEV und PHEV im PKW-Bereich. Dies entspricht bei einem weiter wachsenden Fahrzeugbestand einem Anteil von 69 % der Gesamtfahrzeugflotte.

Allerdings könnte man auch mit der Erreichung dieser Zahlen die angepeilte, annähernd vollständige Dekarbonisierung des PKW-Verkehrs bis 2050 nicht bewältigen. Im genannten Szenario würden die bisherigen Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität in der derzeitigen Intensität fortgeführt. Dies würde eine Fortführung der ökonomischen Rahmenbedingungen, wie die Ausfälle bei Einnahmen aus der Mineralölsteuer, Sachbezugsregelung, Vorsteuerabzugsfähigkeit, Förderung von gewerblich und privat genutzten Elektrofahrzeugen sowie die Umsetzung der Maßnahmen des Umsetzungsplans Elektromobilität sowie des nationalen Strategierahmens Saubere Energie im Verkehr als Umsetzung der Richtlinie 2014/94/EU der Europäischen Union über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe bedeuten.

Die Beschlüsse der EU in Richtung neuer Klimaschutzziele für die Automobilindustrie vom März 2019 unterstützen die bereits vorhandenen politischen Ambitionen. Um die Klimaziele der EU zu erreichen, sollen PKW-Hersteller bis 2030 den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagen im Vergleich zum Jahr 2021 um 37,5 % reduzieren. Für leichte Nutzfahrzeuge ist eine Senkung der Emissionen um 31 % im Vergleich zum Jahr 2021 vorgesehen. Dieser Beschluss steht in engem Zusammenhang mit dem gesamten Reduktionsziel von mindestens 40 % bis 2030, zu dem sich die EU im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet hat.

FÖRDERMAßNAHMEN

Mögliche Intensivierungen der begleitenden Einführungsmaßnahmen könnten zum einen eine Anhebung der Mineralölsteuer auf Diesel im Sinne einer Angleichung des vergleichbaren Steuersatzes für Benzin sowie die Indexierung der nominalen Mineralölsteuersätze für Benzin und Diesel mittels Verbraucherpreisindex ab 2020 sein. Andererseits könnten der Basistarif der motorbezogenen Versicherungssteuer angehoben und die Normverbrauchsabgabe respektive die Besteuerung von Dienstwagen in Richtung geringerer CO2-Emissionswerte reformiert werden. Die Förderaktion des Bundes für den Ankauf von PHEV und BEV Elektrofahrzeugen könnte verlängert werden.

Zusammenfassend ist das Ziel einer breiteren Flottendurchdringung mit rein elektrischen respektive Plug-In-Hybridfahrzeugen zur Erreichung einer deutlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors nur dann realistisch, wenn die bestehenden Fördermaßnahmen weiterhin bestehen bleiben und noch ergänzt werden – bezüglich der steuerlichen Rahmenbedingungen sowie anderer Maßnahmenbündel, die unter anderem auch den deutliche Ausbau der Ladeinfrastruktur betreffen.

Sieht man sich die aktuellen Absatzentwicklungen im internationalen Vergleich an, zeichnet sich nicht nur ein klarer Trend in Richtung einer erhöhten Anzahl an abgesetzten BEV und PHEV ab, sondern auch ein steigender Anteil der in Asien abgesetzten Fahrzeuge. Allein in China wurden bis 2018 mehr Autos verkauft (2,07 Millionen) als in den fünf nächstgrößten Ländern in Europa und Nordamerika, USA, Norwegen, Großbritannien, Deutschland und Frankreich zusammen (1,9 Millionen). Dies ist zum einen auf die derzeit noch vorhandenen Förderprogramme und zum anderen natürlich auch auf die enorme Bevölkerungszahl Chinas zurückzuführen.

VORBILD NORWEGEN

Geht man einen Schritt weiter und wirft einen Blick auf den Anteil der verkauften Elektrofahrzeuge am gesamten Automobilabsatz innerhalb eines Landes, gibt es einen klaren Gewinner aus Europa, nämlich Norwegen. Im Jahr 2018 stieg der Absatz von vollelektrischen Autos von 20,8 % im Jahr 2017 auf einen Rekordmarktanteil von 31,2 % an. Zählt man die Plug-in-Hybride dazu, sind es beinahe 50 % – weit mehr als in jedem anderen Land. Im März dieses Jahres gelang es den Norwegern sogar erstmals, in einem Monat mehr reine Elektroneuwagen zu kaufen als konventionelle Autos.

Doch wie schafft Norwegen diesen sukzessiven, erfolgreichen Umstieg auf Elektrofahrzeuge? Im Prinzip aufgrund des Vorhandenseins der oben genannten Grundvoraussetzungen. Der Staat Norwegen subventioniert den Kauf von batteriebetriebenen Fahrzeugen nicht nur mit Steueranreizen, sondern auch mit Initiativen wie Gratisparkplätzen und der kostenfreien Benützung von Ladesäulen. Das Land verfügt zudem über ein gut ausgebautes Netz an Ladestationen, ohne das ein derart rapider Anstieg an Elektrofahrzeugen nicht zu bewältigen wäre. Zu guter Letzt stammt ein Großteil des Stroms in Norwegen aus Wasserkraftwerken, die hinsichtlich der CO2-Bilanz sehr positiv abschneiden. Mischt man all diese Komponenten zusammen, entsteht ein optimales Umfeld, um eine Vorreiterrolle in Sachen alternativer Antriebsformen einzunehmen. Diese Chance hat Norwegen eindeutig genützt.

ELEKTROMOBILITÄT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN

E (Environment)

Bei einer Gegenüberstellung von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs haben Batterie-Elektrofahrzeuge bei allen umweltrelevanten Parametern Vorteile gegenüber anderen Antriebs- und Bauarten. Größter Vorteil der E-Autos ist der Wegfall von Abgas-Emissionen auf lokaler Basis. Wesentliche Faktoren bei einer Gegenüberstellung der Ökobilanzen von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs sind die Parameter Fahrsituation, Akku-Lebensdauer und Fahrzeugherstellung. Was die Fahrsituation anbelangt, so ist die innerörtliche Verwendung von E-Autos aus umwelttechnischer Sicht optimal, während konventionell betriebene Fahrzeuge auf den Betrieb außerhalb der urbanen Strukturen ausgelegt sind. Auch was die Stickstoffoxidemissionen und Partikelemissionen betrifft, haben E-Fahrzeuge gegenüber Benzin- und Dieselfahrzeugen deutliche Vorteile.

S (Social)

Die sinkenden Kosten der Elektromobilität werden in fernerer Zukunft das notwendige Förderungsvolumen reduzieren helfen und die Akzeptanz der Technologie bei Käufern aller Einkommensklassen erhöhen.

G (Governance)

Ein Erfolg der „sauberen“ Alternativtechnologien generell und der E-Mobilität im Besonderen hängt von unterstützenden staatlichen Maßnahmenpaketen ab. Treiber dahinter sind die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens kommunizierten Commitments der einzelnen Länder im Zusammenhang mit dem Klimaschutzprotokoll.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Elektromobilität“ finden Sie links als PDF.

Entwicklungschancen durch Bildung

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei Raiffeisen Capital Management.

Die Fähigkeit zu lesen und zu schreiben sowie die Beherrschung der Grundrechnungsarten sind eine Basisvoraussetzung, um die eigenen Potenziale entfalten zu können. Fehlende Selbstbestimmung und mangelnde Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen führen zu einer Einschränkung der persönlichen Freiheit des Menschen. Während die Millennium Development Goals (MDG) der Vereinten Nationen vor zwanzig Jahren mit dem Ziel Nr. 2 lediglich ein Grundwissen anstrebten, gehen die 2015 veröffentlichten Sustainable Development Goals (SDG) deutlich weiter und sprechen im vierten Ziel nicht nur von Bildung, sondern von „Bildung mit Qualität“.

Das Bildungssystem eines Staates hat drei grundlegende Aufgaben. Erstens sollen Werte, Normen und Traditionen vermittelt werden. Mit dieser soziokulturellen Aufgabe ist auch die Integrationsfunktion der Bildung verbunden. Zweitens geht es um die Schaffung geeigneter Qualifikationen durch Bildung. Diese ökonomische Funktion des Bildungssystems umfasst auch Themen wie die finanzielle Allgemeinbildung. Drittens erfüllt das Bildungssystem eine politisch-soziale Aufgabe, wozu die Verringerung der sozialen Ungleichheit zählt. Das Bildungssystem hat zudem das Ziel, Menschen in geeigneter Weise für den Arbeitsmarkt vorzubereiten. Dabei ist der optimale Mittelweg zwischen guter Allgemeinbildung und rein fachbezogener Ausbildung zu suchen.

Eine geeignete und profunde Ausbildung erhöht die Chancen, eine attraktive und gut bezahlte Arbeit zu finden. Innovative und auf komplexe Prozesse spezialisierte Unternehmen liefern sich bereits seit einiger Zeit einen regelrechten Kampf um die besten Köpfe unter den top ausgebildeten Absolventen der Universitäten. Intelligente und hochgebildete High Potentials können sich ihren Arbeitsplatz unter verschiedenen attraktiven Angeboten aussuchen und auch entsprechende Ansprüche an den potenziellen Arbeitgeber stellen.

Analphabetismus kann als ein wesentlicher Grund für die strukturelle und ökonomische Rückständigkeit eines Staates gesehen werden, allerdings ist dieses Phänomen auf globaler Ebene heutzutage deutlich weniger verbreitet als noch vor einigen Jahrzehnten. Die Analphabetenquote eines Landes als Indikator für das Bildungsniveau beschreibt denjenigen Anteil der Bevölkerung, der nicht lesen und schreiben kann. Deutliche Ungleichgewichte und Unterschiede bei den länderspezifischen Alphabetisierungsraten sind dabei immer wieder zu beobachten. Sie können sich aufgrund von Aspekten wie Diskriminierung, Migrationshintergrund oder auch Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe ergeben. Im Jahr 2016 lag die Alphabetisierungsrate weltweit bei 86 %. Eine sehr hohe Analphabetenquote ist aktuell in einzelnen Ländern in Zentralafrika sowie im Nahen und Mittleren Osten zu beobachten. Im Bereich der Länderbewer tung im Nachhaltigkeitsrating nimmt das Thema Bildung – als Qualitätsmerkmal einer Volkswirtschaft – einen wesentlichenTeil im Rahmen der Bewertung der sozialen Strukturen und damit im Sozialrating eines Landes ein. Zwischen den Themen Bildung und Gleichberechtigung besteht ein originärer Zusammenhang.

Unterschied der Alphabetisierung zwischen jungen Männern und Frauen, 2015

Quelle: Weltbank, OurWorldInData.org CC BY-SA

Vermutlich liegen die beiden Ziele „Hochwertige Bildung“ (SDG 4) und „Geschlechtergleichstellung“ (SDG 5) der Vereinten Nationen also nicht zufällig direkt nebeneinander. Auch heute noch ist das Recht auf Bildung in vielen Regionen der Welt dem männlichen Teil der Bevölkerung vorbehalten. Dabei sollte man nicht vergessen, dass Frauen auch im deutschsprachigen Raum den vollständigen Zugang zu Universitäten erst Anfang des 20. Jahrhunderts erhielten. Weltweit gesehen lag die Alphabetisierungsrate im Jahr 2016 für den männlichen Teil der Bevölkerung bei 90 % und für den weiblichen Teil bei 83 %, woraus sich ein geschlechtsspezifischer Unterschied von sieben Prozentpunkten ergibt. Regional bestehen vor allem am afrikanischen Kontinent beträchtliche Unterschiede.

Natürlich hat Bildung nichts mit charakterlichen Eigenschaften oder dem Wesen eines Menschen zu tun. Trotzdem darf man Bildung als einen wesentlichen Aspekt der persönlichen Entwicklung und des individuell erreichten Wohlstandes betrachten. Der sogenannte Index der Menschlichen Entwicklung oder Human Development Index (HDI) wird vom Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlicht. Er ist eine Art Wohlstandsindikator und berücksichtigt neben dem Bruttonationaleinkommen auch die Lebenserwartung sowie die Dauer der Ausbildung. Der HDI fokussiert auf Menschen, Chancen und Wahlmöglichkeiten. Insofern ist das Thema Bildung für den Index von größter Bedeutung. Im globalen Trend verbesserte sich dieser Wert zuletzt vor allem durch eine Steigerung der Lebenserwartung. Hervorzuheben ist, dass im untersten Segment zahlreiche Länder die Indexbewertung im Vergleich zu 2010 deutlich steigern konnten. Österreich erreichte 2018 mit einem Wert von 0,908 den zwanzigsten Rang weltweit.

Human Development Index (HDI)

Wert 2017 und jährliche Steigerungsrate in Dekaden Quelle: Human Development Report Office 2018

Eine Studie der WU Wien und des Internationalen Instituts für Angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg zeigt eine interessante Korrelation zwischen Lebenserwartung und Bildung. Gemäß den Aussagen der Wissenschaftler ergab sich in den letzten Jahren ein zunehmender Gleichlauf, der nicht nur auf einer gesünderen Lebensweise basieren könnte. Es scheint ein weiterer Horizont in der Lebensplanung von besser gebildeten Menschen erkennbar – Risiken werden so offenbar besser erkannt und vermieden.

Anteil der Bevölkerung mit tertiärer Bildung, 2017

Quelle: OECD (2018), Adult education level (indicator). doi: 10.1787/36bce3fe-en – accessed on 13 November 2018

Ein hoher Anteil von überdurchschnittlich gebildeten Menschen wird zumeist als Standortvorteil im Wettbewerb um anspruchsvolle und zukunftsträchtige Technologien interpretiert. Die aktuellen Statistiken der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) aus dem Jahr 2017 sehen beim Prozentanteil der Bevölkerung mit tertiärer Bildung (Abschluss an Universitäten und Hochschulen) Kanada mit einem Anteil von 57 % in der führenden Position vor Japan und Israel mit je 51 %. Österreich und Deutschland liegen mit 32 und 29 % im unteren Mittelfeld, die Schweiz mit 43 % im Vergleich deutlich höher. Die Vergleichbarkeit der Daten wird allerdings durch national unterschiedliche Bildungssysteme und Definitionen erschwert.

GREEN JOBS

Das Thema Nachhaltigkeit und die unterschiedlichen Einflussfaktoren auf ein verantwortungsvolles und zukunftsfähiges Wachstum finden immer mehr Eingang in den Bildungsbereich.

Die theoretische Seite einer Kombination von Bildung und Nachhaltigkeit findet Platz an immer mehr Hochschulen, die Ausbildungen im Bereich Nachhaltigkeit anbieten. Auf der praktischen Seite steigt das Angebot an „Green Jobs“ dynamisch an. Im akademischen Bereich wurde in Österreich bereits vor vielen Jahren ein Kompetenzzentrum für Nachhaltigkeit an der Wirtschaftsuniversität Wien ins Leben gerufen. Außerdem existiert mit der Allianz Nachhaltige Universitäten ein nationaler Zusammenschluss von bis dato 15 österreichischen Universitäten, die sich für Nachhaltigkeit einsetzen.

Mit entsprechender Bildung und Ausbildung und einem Fokus auf Nachhaltigkeit können immer mehr Menschen vom wachsenden Angebot an sogenannten „Green Jobs“ profitieren. Dahinter stehen die Ziele von Nachhaltigkeit und einem Wachstum, das von ökologischen und sozialen Aspekten unterstützt wird. Laut EU-Definition handelt es sich bei Green Jobs um Arbeitsplätze, die beispielsweise in der Herstellung von Produkten oder dem Angebot von Technologien und Dienstleistungen angesiedelt sind, die nachhaltigen Mehrwert generieren. Konkret geht es bei diesen Jobs darum, Umweltschäden zu vermeiden und natürliche Ressourcen zu erhalten. Green Jobs finden sich in vielen Sektoren der Wirtschaft, sie sind mit unterschiedlichen Qualifikationen verbunden.

Die Definition der International Labor Organisation (ILO) für Green Jobs unterstreicht vor allem die Klimaschutz-Perspektive dieser Berufsalternativen. Erwähnt werden unter anderem die Themenbereiche Energie- und Materialeffizienz, die Absenkung von Treibhausgasemissionen, die Minimierung von Abfall und Schadstoffbelastungen, der Schutz und die Wiederherstellung von Ökosystemen und die Anpassung an die Effekte des fortschreitenden Klimawandels.

Um die Breite der Möglichkeiten von Green Jobs darzustellen, bietet sich auch ein Abgleich mit den Zielen für Nachhaltige Entwicklung (Sustainable Development Goals, kurz SDGs) an. Auf Basis der SDG-Definitionen können Green Jobs auf acht verschiedenen Ebenen angesiedelt werden. Im SDG Ziel Nr. 1 geht es um die Verbesserung der Belastbarkeit armer Teile der Bevölkerung angesichts negativer Effekte des Klimawandels. Im Zusammenhang mit dem Thema Bildung geht es im SDG Nr. 4 um die Erweiterung individueller Fähigkeiten im Beruf durch die verstärkte Berücksichtigung nachhaltiger Inhalte. In den SDG-Zielen 5 und 6 werden die Aspekte von Nicht-Diskriminierung und Verbesserung der Wasserversorgung und sanitären Versorgung behandelt. Der Ausbau der Produktion von sauberer Energie und die Versorgung mit dieser sind eine wesentliche Basis für Green Jobs, welche ein starkes Wachstum aufweist. Ebenso wichtig, wenn es um ökologisch interessante Jobs geht, ist die Transformation der Wirtschaft in Richtung einer nachhaltigeren Ausrichtung im Ziel 8. Die SDGs 12 und 17 sind von Bedeutung, wenn es um Arbeit in den Bereichen nachhaltiger Konsum, gesundes und sicheres Wohnen sowie die Gestaltung der administrativen und finanziellen Basis für Green Jobs geht.

POSITIVKRITERIUM

Für Nachhaltigkeitsinvestoren ist das Thema Bildung in mehrfacher Hinsicht relevant. Es ist ein Positivkriterium und kein Ausschlusskriterium. Dies gilt sowohl für die Unternehmensebene, wie etwa die Weiterbildung der Arbeitnehmer, als auch für das nationale Bildungssystem. Nachhaltigkeitsanalysen auf Staatenebene ziehen ihre Bewertung der Bildung unter anderem aus Daten zum Analphabetismus und zur durchschnittlichen Länge des Schulbesuchs. Gemeinsam mit dem Thema Gleichberechtigung fließen sie in den Cluster der humanen und sozialen Bedingungen ein. Im Bereich der Bildung auf Unternehmensebene sind neben der Qualifizierung der Arbeitnehmer auch Unternehmen zu erwähnen, deren „Produkt“ bildungsbezogen ist. Mit Unternehmen, die im Verlagswesen tätig sind oder privaten Anbietern von Studienangeboten, können sich für den nachhaltigen Investor interessante Investmentalternativen ergeben.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Bildung“ finden Sie links als PDF.

Nachhaltigkeitsbewertung des Themas 'Wasser'

Der „Rohstoff“ Wasser ist in seiner Verfügbarkeit eingeschränkt. Der Fokus der Dialoge mit Unternehmen zum Thema sollte daher in der Bewahrung der Ressource Wasser einerseits und in der Qualitätssicherung des Wassers andererseits liegen, so Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei Raiffeisen Capital Management. Im Zusammenhang mit dem Thema Wasser umfasst der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management daher Engagement-Aktivitäten mit einigen Unternehmen der Branchen Wasserversorgung, Abwasser und Wasseranalyse.

Dieser Beitrag ist Teil von Raiffeisen Capital Management's Newsletter "Nachhaltig Investieren". Die vollständige Ausgabe Oktober 2018 mit dem Schwerpunkt "Wasser" finden Sie hier. Weitere Informationen zum nachhaltigen Investmentansatz von Raiffeisen Capital Management finden Sie auf investment-zukunft.at.

1. Inwieweit bilden sich die Schwerpunktthemen Wasser und Wasserknappheit in Ihrer Palette an Produkten und Dienstleistungen ab? Wie sieht die historische Entwicklung Ihres Unternehmens in diesem Zusammenhang aus?

Unternehmen verschiedenster Branchen erarbeiten ihre jeweiligen Strategien, um dem Thema Wasserknappheit oder auch Wasserstress entgegenzuwirken. Dabei handelt es sich beimThemaWasserstress um eine imVergleich zur Wasserknappheit erweiterte Definition, die auch Verfügbarkeit, Qualität und Zugangsmöglichkeiten von Wasser umfasst. Die von uns adressierten Unternehmen haben einen direkten Bezug zum Thema Wasser und Strategien rund um das Thema Wasserknappheit und Wasserstress. Das amerikanische Wasserversorgungsunternehmen „American Water“ etwa sieht sich als Versorger, welcher eine reibungslose Wasserversorgung für seine Kunden sicherstellen möchte. Auf der anderen Seite möchte „Novozymes“, ein dänisches Biotechnologieunternehmen, Konsumenten helfen, ihren Wasserverbrauch zu reduzieren. Der Einsatz von Enzymen ist dabei eine Möglichkeit den Wasserverbrauch zu reduzieren, die Enzymproduktion selbst gilt aber andererseits als wasserintensiv und erzeugt viel Abwasser. „Acciona“, ein spanischer Mischkonzern, der unter anderem im BereichTrinkwasserversorgung tätig ist, beschäftigt sich in seinem Sustainability Master Plan 2020 aktiv mit dem Thema der Bekämpfung von Wasserstress. Schließlich ist es das Hauptziel des schweizerischen Sanitärprodukteherstellers „Geberit“, Wasserverwendung effizienter zu machen.

2. Welche potenziellen Chancen und Risiken birgt das Thema Wasserknappheit für Ihr Unternehmen?

Prinzipiell sind Risiken im Zusammenhang mit Wasserknappheit und Wasserstress lokal unterschiedlich zu betrachten. Stark betroffene Branchen sind die Landwirtschaft und der Bergbau. Aber auch andere Branchen entwickeln Konzepte gegen Wasserknappheit. „Suez“, ein französischer Umwelttechnologiekonzern, hat beispielsweise all seine Standorte in den Jahren 2016 und 2017 bezüglich deren Status im Zusammenhang mit Wasserknappheit eingehend untersucht. Generell berichten im Unternehmen lokale, sogenannte „Environmental and Industrial Risk Officers“ über ihre Einschätzung bezüglich potenzieller Wasserknappheitsszenarien.

3. Wie gehen Sie mit dem Status quo und den Potenzialen bezüglich Wasserressourcen in einzelnen Regionen um, in denen Sie tätig sind?

4. Zeichnen sich in Regionen, die von Wasserknappheit bedroht sind,Trends ab, die Ihre Geschäftstätigkeit beeinflussen?

Alternative Ressourcen für Frischwasser sind je nach Verwendungsszenario die Brauchwasser-Wiederverwendung – auch Water-Recycling genannt – und die Meereswasserentsalzung. In beiden Fällen waren die Wachstumsraten zuletzt sehr hoch. Nach „Suez“ erwartet ein Marktwachstum für Meereswasserentsalzung von 10 Milliarden US-Dollar in 2016 auf 23 Milliarden US-Dollar in 2025. Zu den Ländern, die vermehrt auf Meereswasserentsalzung setzen, zählen Australien, Israel und die Golfstaaten. Dürrephasen größten Ausmaßes, die zur Rationierung von Wasser für Haushalte und Industrie geführt haben, betreffen in regelmäßigen Abständen Kapstadt und waren außerdem von 2013 bis 2016 in Kalifornien zu beobachten. Auch Unternehmen können in Mitleidenschaft gezogen werden, wenn die Wasserversorgung für die Bevölkerung nicht mehr sichergestellt werden kann. Beispiele sind in diesem Zusammenhang „Coca-Cola“ oder „Nestlè“, die wegen Problemen bei der regionalen Wasserversorgung bereits Werke – zumindest vorübergehend – schließen mussten.

5. Welcher positive Einfluss auf das Thema Wasserknappheit geht von Produkten und Dienstleistungen Ihres Unternehmens aus?

Produkte und Dienstleistungen, die der Wasserknappheit entgegen wirken, betreffen unter anderem die Themen Wassermanagement und Abwasserreinigung. „Suez“ – im Bereich Wasserversorgung tätig – bietet digitale Lösungen für ein „Realtime Wassermanagement“ an. Bereits 20 % der Kunden des Unternehmens verfügen über sogenannte „Smart Meters“.

6. Wie sieht Ihr Ansatz zur Qualitätssicherung für Wasser aus?

m Bereich Qualitätssicherung setzen einige Unternehmen auf ISO 22000, einen weltweiten Standard für Managementsysteme zur Lebensmittelsicherheit. Was die Verschmutzung von Wasser betrifft, so stellen sogenannte „Emerging Pollutants“ ein neues Problem dar. Dazu gehören Pharmazeutika und endokrine Disruptoren. Endokrine Disruptoren sind Stoffe, die zu Veränderungen im Hormonsystem führen und potenziell gesundheitsschädigend sind.

7. Wie definieren Sie „reines“ Wasser, respektive Trinkwasserqualität?

Reines Wasser oder „Clean Water“ wird von „American Water“ als gesäubertes Abwasser definiert,Trinkwasser hingegen als an die Kunden ausgeliefer tes Wasser. Um zu reinem Wasser zu gelangen ist im Falle der Aufbereitung eine Reduktion der Verschmutzung notwendig, diese betrifft in der Regel organische Substanzen, Stickstoff und Phosphor. Für Trinkwasser existieren eine Reihe von Standards, wie die WHO-Richtlinien, eine Richtlinie der EU sowie weitergehende nationale Richtlinien.

Mehrwert durch „ESG Momentum“

Der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum zielt auf Unternehmen mit einer positiven Veränderung des ESG Scores ab. Die Kombination der Momentum-Strategie und der fundamentalen Qualität der Unternehmen ist aus Risikogesichtspunkten äußerst interessant. Im altii Interview erklärt Michael Huber, Senior Fondsmanager - Nachhaltige Investments bei Raiffeisen Capital Management, den Mehrwert einer positiven Veränderung des ESG Scores.

altii: Herr Huber, Nachhaltigkeit ist ein weiter Begriff. Bitte definieren Sie Ihren Ansatz.

Michael Huber: Wenn wir über nachhaltiges Investment sprechen, dann sehen wir in der Berücksichtigung extra-finanzieller Faktoren die Möglichkeit, aktives Risikomanagement über den traditionellen Bereich hinaus umzusetzen. Unser Ansatz ermöglicht zum einen die Widerspiegelung des Themas „Verantwortung“ im Fondsmanagement, zum anderen wird der Notwendigkeit der „Zukunftsfähigkeit“ – unter Berücksichtigung verschiedenster langfristiger und ESG-konformer und in diesem Sinn doppelt nachhaltiger Faktoren – Rechnung getragen. Der Nachhaltigkeitsansatz von Raiffeisen Capital Management verbindet auf vier Analyseebenen ESG-Analyse und finanzielle Analyse. Nach einer Überprüfung des Investmentuniversums nach Ausschlusskriterien sowie der Bilanzqualität findet eine detaillierte Betrachtung der einzelnen Unternehmen oder Emittenten statt. Dabei werden auf der Nachhaltigkeitsebene neben einer Stakeholder-Bewertung zusätzlich ESG-Risikobewertungen und eigene Research-Inputs zum proprietären „Raiffeisen ESG Score“, der gleichzeitig eines unserer wesentlichsten Alleinstellungsmerkmale darstellt, zusammengefügt. Auf der dritten Ebene kommt das innovative Konzept „ESG Momentum“ zu tragen. Dabei wird die Nachhaltigkeitsentwicklung der Unternehmen in den vergangenen Jahren überprüft. Die Basis dieser Berechnung ist der bereits genannte „Raiffeisen-ESG-Score“. Der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum zielt auf Unternehmen mit einer positiven Veränderung des ESG Scores ab. Auf der vierten Ebene schließlich wird ein diversifiziertes Portfolio konstruiert, dessen positive Wirkung – also dessen „Impact“ – auch gut messbar ist. Bei den ausgewählten Unternehmen steht natürlich auch die finanzielle Qualität der Unternehmen im Fokus.

altii: Wie spiegelt sich das in Ihrem Fonds wider?

Huber: Der nachhaltige Momentum-Ansatz unseres Hauses basiert auf der Annahme, dass eine Verbesserung der Nachhaltigkeit im Unternehmen, also ein positives „ESG Momentum“, zu einer finanziellen Outperformance in der Zukunft führt. Das Portfolio ist mit 50 Titeln konzentriert aufgestellt und auf europäische Unternehmen mit einer Marktkapitalisierung von 250 Mio. Euro und 25 Mrd. Euro fokussiert. 2017 konnte die Strategie mit 19,76 % sowohl den europäischen Mid Cap-Markt (14,91 %) als auch den breiten europäischen Markt (10,70 %) deutlich ausbremsen. Performanceergebnisse der Vergangenheit lassen allerdings keine Rückschlüsse auf die künftige Entwicklung zu.

Nicht nur die finanzielle Performance überzeugt, auch was den „Impact“ betrifft, sind die Zahlen beeindruckend. Betrachtet man den Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum und seine „Wirkung“, so stoßen die dort investierten Unternehmen im Vergleich zum Gesamtmarkt 68 % weniger CO2-Emissionen aus. Ein ebenfalls deutlich positives Bild ergibt sich für zwei andere Umweltdimensionen, Abfallmenge und Wasserverbrauch. Hier liegen die Verbesserungen bei 96 % respektive 91%. Was die soziale Dimension betrifft, so liegt die Rate an Arbeitsunfällen bei Unternehmen im genannten Fonds um 24 % unter dem Wert durchschnittlicher Unternehmen.

altii: Wodurch zeichnet sich Ihre Anlagestrategie aus?

Huber: Die Kombination aus der Momentum-Strategie und der fundamentalen Qualität der Unternehmen ist aus Risikogesichtspunkten äußerst interessant. Zudem werden Unternehmen mit einer bewussten Veränderung in diversen Nachhaltigkeitsagenden mit einem langfristigen Investment in die jeweiligen Unternehmen „belohnt“.

altii: Was kostet Nachhaltigkeit?

Huber: Viele Investoren fragen sich, ob auf Basis nicht-finanzieller Faktoren wirtschaftlicher Ertrag erzielt werden kann, wenn es in der Portfolioauswahl entsprechende Einschränkungen gibt. Ganz generell gesprochen erklärt sich die Idee einer finanziellen Sinnhaftigkeit der nachhaltigen Investments folgendermaßen: Die Berücksichtigung von sogenannten extra-finanziellen Informationen  - also umweltbezogenen, sozialen und Governance-Faktoren – führt zu einer erweiterten Grundlage für die Analysen von Unternehmen und Emittenten gegenüber traditionellen Investments. Weiters bringt die dargestellte Integration von ESG-Faktoren in das Datenset eine breitere Basis für die Auswahlentscheidung und eine erweiterte Risikodefinition. Denn die Berücksichtigung von ökologischen, Stakeholder-relevanten und Governance-Risiken ist ein wichtiger Bestandteil des nachhaltigen Investmentprozesses und wertet das Risikoprofil der Portfolios auf. Dies wiederum führt zu einem positiven Einfluss auf den Ertrag. Denn über die langfristige Perspektive und das Investment in die nachhaltig sehr gut aufgestellte Unternehmen und Emittenten sind meist stabilere, im Vergleich zu traditionellen Portfolios zumindest gleichwertige Erträge mit geringeren Schwankungsbreiten möglich. 

Mit unserer innovativen Momentum-Strategie konnten wir seit Auflage in einem Mandat einen Mehr-Ertrag von über 3,5 % p.a. gegenüber dem relevanten Markt erzielen. Wobei Wertentwicklungen der Vergangenheit keine Rückschlüsse auf die künftige Performance eines Investments zulassen. 

Fazit: Der Preis der Nachhaltigkeit in unserem Fonds ist nicht wie bei anderen Produkten - wie zum Beispiel bei einem biologisch produzierten Konsumprodukt - teurer. Der Investor bekommt eine „doppelte Dividende“: durch die mögliche finanzielle Performance auf der einen Seite und die positive Wirkung auf  Umwelt- und Gesellschaft auf der anderen Seite.

altii:  Können Sie uns bitte ein Beispiel geben für ein Investment, das Ihre Kriterien erfüllt hat?

Huber: Ein positives Beispiel für eine gelungene Implementierung von Nachhaltigkeitsagenden ist der niederländische Biolebensmittelerzeuger Wessanen. Das Unternehmen hat sich vor Jahren entschlossen, sich auf die Produktion von gesünderen und nachhaltig produzierten Lebensmitteln zu konzentrieren. Das Unternehmen konnte dadurch gegenüber traditionellen Lebensmittelproduzenten durch deutlich höheres Wachstum überzeugen, was sich auch beeindruckend im Preis der Aktie widerspiegelt und die großen Nahrungsmittelkonzerne weit hinter sich lässt.

altii: In welchem Format kommt die Strategie?

Huber: Im November 2016 wurde ein UCITS-konformer Publikumsfonds für die ESG-Momentum Strategie aufgelegt. Mit dem Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum können sowohl Retail- als auch institutionelle Kunden aus Deutschland, Frankreich, Liechtenstein, der Schweiz und Österreich in die Strategie investieren.

altii: Trotz UCITS wie sieht es mit der Liquidität und anderen Risiken aus?

Huber: Die Liquidität der Unternehmen muss wie in jedem anderen Fonds natürlich auch berücksichtigt werden. Dennoch gilt gerade bei einem Fokus auf Small- und Mid Caps, dass die Flexibilität bei einem Fonds mit geringerem Volumen wesentlich höher ist als bei einem Milliarden-Fonds.  Durch die Berücksichtigung von finanziellen als auch nachhaltigen Kriterien wird dem Risikomanagement schon in der Titelselektion hohe Aufmerksamkeit geschenkt. Durch die Ausschlusskriterien verzichten wir nicht auf Unternehmen, sondern wir reduzieren das Risiko von hohen Strafzahlungen aufgrund von Verstößen oder Umweltkatastrophen.

altii: Wer sind denn Ihre Investoren und wer sollte den Fonds erwerben?

Huber: Das Produkt eignet sich als Beimischung in Dachfonds für jeden institutionellen Kunden, der durch aktiv gemanagte Produkte zusätzliches Alpha generieren möchte. In einer Welt die mittlerweile von Exchange Traded Funds und Index-nahen Produkten beherrscht wird, eigenen sich solche Strategien zur Risiko-Ertragssteuerung. Zum Kundenkreis zählen sowohl Pensions- und Vorsorgekassen also auch klassische Vermögensverwalter mit langfristigem Anlagehorizont.

altii: Was erwarten Sie für die nächsten 12-24 Monate bzgl. der Märkte und Ihres Fonds?

Huber: Wir beschäftigen uns vorwiegend mit der Qualität der Unternehmen und sind so vor einer möglichen Korrektur besser gerüstet, da diese Unternehmen in der Regel besser durch Krisen kommen. Das Umfeld in Europa kann aus heutiger Sicht wohl als stabil bezeichnet werden. Sowohl bei den von der Finanzkrise gebeutelten südeuropäischen Staaten als auch in Osteuropa lichteten sich die dunklen Wolken und das Wachstum kehrt zurück. Davon dürfte die gesamte Euro-Zone profitieren. Aus meiner Sicht sind der Brexit und das Vorgehen der Europäischen Zentralbank in Bezug auf die Zinspolitik und damit die Entwicklung des Euros die großen Unsicherheitsfaktoren.


Kontakt
Oliver Müller
+49 162 2038 883
oliver.mueller@rcm.at
Senior Institutional Sales Manager
Raiffeisen Kapitalanlageges. mbH
Niederlassung Deutschland
Wiesenhüttenplatz 26 • 60329 Frankfurt am Main


Über Michael Huber

Michael Huber ist seit 2010 bei Raiffeisen Capital Management tätig. Bis Juni 2013 war er Fondsanalyst und Portfoliomanager in der Tochtergesellschaft Raiffeisen Vermögensverwaltungsbank AG mit Strategie-Schwerpunkt Analyse und Selektion von Nachhaltigkeitsfonds. Weiters war er für das Management von Dachfonds verantwortlich.
Seit November 2013 ist Michael Huber im Bereich Sustainable and Responsible Investments als Fondsmanager tätig. Er ist verantwortlich für die SRI Analyse und die Ideengenerierung sowie das Management von nachhaltigen Aktienfonds.
Michael Huber hat einen Studienabschluss in Betriebswirtschaft der Wirtschaftsuniversität Wien mit Schwerpunkt Investmentbanking und Unternehmensführung.

Über Raiffeisen Kapitalanlage-Gesellschaft m.b.H.
Raiffeisen Capital Management ist mit einem Marktanteil von rund 17,5 % (per Ende Dezember 2017) einer der führenden österreichischen Asset Manager. Das Unternehmen mit Sitz in Wien hält per Ende Dezember 2017 33 Mrd. Euro Assets under Management, wovon ein überwiegender Teil auf institutionelle Kunden entfällt.
Raiffeisen Capital Management verfügt über klar definierte Kernkompetenzen, in denen das hauseigene Fondsmanagement in vielen Jahren besonderes Know-how erworben hat In diesen Bereich fallen Anleihefonds – sowohl klassische Produkte, wie Euro- und internationale Staatsanleihen als auch Fonds mit europäischen Hochzins- oder Unternehmensanleihen bzw. auf Osteuropa-Anleihen spezialisierte Fonds. Eine wichtige Kernkompetenz stellt außerdem der Bereich Multi Asset Strategien dar. Auf der Aktienseite ist Raiffeisen Capital Management nicht nur ein international anerkannter Spezialist für Emerging Markets, sondern auch für die Aktienmärkte Europas.

Raiffeisen Capital Management setzt auf nachhaltige Fondsqualität
Seit 2013 widmet sich Raiffeisen Capital Management sehr intensiv mit nachhaltigen Geldanlagen und hat diese inzwischen klar zu einer Kernkompetenz erklärt. In der Abteilung „nachhaltige Investments“ beschäftigt sich ein eigenes Fondsmanagement-Team rund um den Nachhaltigkeitsexperten Wolfgang Pinner speziell mit der Verwaltung nachhaltiger Investmentfonds. Raiffeisen Capital Management ist Unterzeichner der UN-PRI (United Nations-supported Principles for Responsible Investment). Diese Grundsätze für verantwortungsbewusstes Investment sind Kern einer freiwilligen Selbstverpflichtung von Asset Managern, Asset Ownern und Service Providern. Mit der Unterzeichnung garantiert Raiffeisen Capital Management seinen Anlegern die Berücksichtigung dieser Grundsätze. Seit mehreren Jahren hat sich das Unternehmen aus dem in der öffentlichen Diskussion sehr umstrittenen Geschäft mit Agrarrohstoffen zurückgezogen. Und schließt auch „kontroverse Waffen“ aus seinem Investmentuniversum aus. Auch ein sukzessiver Rückzug aus Kohleinvestment ist im Herbst 2016 eingeleitet worden. Nachhaltiges Investieren bietet nicht nur Großanlegern die Möglichkeit der Einflussnahme auf verantwortliches Handeln der einzelnen Unternehmen, auch Kleinanleger haben mittlerweile eine gediegene Auswahl an nachhaltigen Investitionsmöglichkeiten. Sie können sich so entsprechend ihrer Risikoneigung für verantwortliches Anlegen in unterschiedlich ausgestalteten Fondsprodukten entscheiden. Zu beachten gilt, dass „nachhaltig“ investieren nicht nur so deklariert wird, sondern es auch ist: nämlich im Sinne von sozial, ökologisch und ethisch. Die Nachhaltigkeits-Produktlinie von Raiffeisen Capital Management umfasst mittlerweile sieben Publikumsfonds unterschiedlicher Risikostufen. Ein Großteil davon ist mit renommierten Gütesiegeln ausgezeichnet.

Veranlagungen in Fonds sind mit höheren Risiken verbunden, bis hin zu Kapitalverlusten.

Der veröffentlichte Prospekt sowie das Kundeninformationsdokument (Wesentlichen Anlegerinformationen) des Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum stehen unter www.rcm.at in deutscher und gegebenenfalls auch in englischer oder Ihrer Landessprache zur Verfügung. 

Der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum weist eine erhöhte Volatilität auf, d.h. die Anteilswerte sind auch innerhalb kurzer Zeiträume großen Schwankungen nach oben und nach unten ausgesetzt, wobei auch Kapitalverluste nicht ausgeschlossen werden können.

Green Bonds

Die Akzeptanz nachhaltiger Investments steigt sowohl bei institutionellen als auch bei Privatkunden immer mehr an. Gleichzeitig wächst aber auch die Erwartung an die Investmentprodukte. Die Nachhaltigkeit soll durch mehr als nur einen bloßen Filter, der auf einer Palette von Ausschlusskriterien basiert, dokumentiert sein.

Genau dieser erhöhte Anspruch bedeutet aber auch, dass das Thema des „Impacts“ – d. h. der Wirkung der nachhaltigen Geldanlage – zunehmend in den Mittelpunkt rückt. Um einen Impact zu erzielen, kann man im Bereich der Aktieninvestments auf Unternehmen direkt zugehen, etwa durch einen aktiven Unternehmensdialog und die Nutzung der Aktionärsrechte – also der Stimm- und Fragerechte – bei den Hauptversammlungen.

Aber auch was festverzinsliche Investments betrifft, tut sich durch die immer mehr an Bedeutung gewinnende Idee der Green Bonds eine neue Möglichkeit auf, Veränderung im Sinne der Nachhaltigkeit herbeizuführen. Denn die Emissionserlöse aus Green Bonds sind zweckgewidmet, und zwar dem Thema Klimaschutz.

Um diese Zweckwidmung sicherzustellen und die Qualität der neuen Assetklasse zu gewährleisten, wurden vor allem in den letzten Monaten weitere Richtlinien und Standards entwickelt. Raiffeisen Capital Management* hat in diesem Zusammenhang einige Emittenten – darunter supranationale Gesellschaften und Unternehmen – zu Details rund um die Begebung von Green Bonds befragt.

Den vollständigen Newsletter von Raiffeisen Capital Management inklusive Case Study finden Sie links als PDF.

Green Bonds

Green Bonds sind Anleihen, mit denen ökologische Projekte mit Klimarelevanz finanziert werden. Dazu zählen beispielsweise Investitionen in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Schadstoffbekämpfung, nachhaltige Abfallwirtschaft, nachhaltige Bodennutzung, sauberer Transport, sauberes Wasser, Wasserversorgung und nachhaltiges Bauen.

Das aktuelle Marktvolumen an Green-Bond- Emissionen liegt bei rund 50 Mrd. US-Dollar und ist während der letzten Monate dynamisch angestiegen. Bis zum Ende des Jahres kann man von bis zu einer Verdoppelung des aktuellen Volumens ausgehen.

Um eine Standardisierung des Begriffs Green Bond voranzutreiben, haben sich 2014 einige Finanzmarktakteure zusammengefunden und ein Rahmenwerk entwickelt. Die damals aufgesetzten „Green Bond Principles“ wurden erst im März 2015 nochmals überarbeitet, aktualisiert und verbindlicher gestaltet. Grundsätzlich sind sie auf vier Komponenten aufgebaut.

Es sind dies an erster Stelle die Verwendung der Mittel aus der Begebung der Anleihe. Hier kommen die bereits genannten Bereiche rund um erneuerbare Energien und andere nachhaltige Themen mit dem Ziel des Klimaschutzes ins Spiel.

An zweiter Stelle steht die Darstellung des Investitionsentscheidungsprozesses, denn jedes Projekt muss auf seine Nachhaltigkeit hin überwacht werden.

Drittens sollten die via Green-Bond-Emissionen aufgenommenen Mittel in einem Subportfolio angelegt werden, auch eine Zweckwidmung ist wünschenswert. Wesentlich ist jedenfalls die Transparenz der Mittelverwendung, eventuell sollte auch eine Kontrolle durch externe Prüfer angedacht werden.

Der vierte und letzte Punkt der „Green Bond Principles“ beschreibt das Reporting. Emittenten sollten mindestens im jährlichen Rhythmus über den Stand ihrer durch Green Bonds finanzierten Projekte berichten. Eine Darstellung des konkreten Effekts der Projekte – also des Impacts – ist anzustreben. Zudem empfehlen die Principles, die Umsetzung der Emission von unabhängigen Dritten begleiten zu lassen. Etwa durch eine „second party consultation“, deren Ergebnisse dann auch veröffentlicht werden.

Eine solche „second opinion“ ist für Green- Bond-Emissionen mittlerweile fast schon zum Standard geworden. Dafür ist eine neutrale und objektive Sichtweise der beurteilenden Partei Grundvoraussetzung. Der Investor kann auf diese Weise eine Reihe von Details zur Emission und zu den Projekten ablesen.

Nachhaltigkeitsbewertung und Green Bonds

Die drohende Klimaerwärmung zählt heute auch an den Finanzmärkten zu den wesentlichen Herausforderungen. Green Bonds mit dem Hintergrund der Finanzierung von Klimaschutzprojekten zielen genau auf dieses Thema ab.

Im Rahmen seines thematischen Engagement- Prozesses hat sich das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management diesmal mit verschiedenen Emittenten zu Details des Themas Green-Bond-Emissionen ausgetauscht. Der Hintergrund dabei ist der Versuch, bei derartigen Emissionen den Vorwurf des „greenwashings“ (Grünfärberei) von Beginn an zu entkräften. Der von Raiffeisen Capital Management an die relevanten Emittenten versendete Fragebogen umfasst folgende Punkte:

  • Sind Ihnen Green-Bond-Emissionen bekannt, die Sie persönlich als „greenwashing“ betrachten würden?
  • Wie sieht der Prozess rund um die Emission eines Green Bonds in Ihrem Haus aus?
  • Wie beurteilen Sie das Reputationsrisiko, das mit einer Green-Bond-Emission verbunden ist, wenn es zu externer Kritik, etwa durch NGOs, kommt?
  • Erwarten Sie ein unterschiedliches Pricing bei der Emission eines Green Bonds durch seine Zertifizierung in ebendieser Kategorie?
  • Was wären aus Ihrer Sicht die theoretischen Konsequenzen, wenn die Mittel aus der Emission eines Green Bonds nicht entsprechend den ursprünglichen Commitments durch den Emittenten erfolgen?

Von den im Zuge unseres Engagement-Prozesses kontaktierten Emittenten haben uns mit einer Ausnahme alle Feedback gegeben.

Die erzielbaren Renditen sind bei Green Bonds annähernd gleich im Vergleich zu herkömmlichen Anleiheplatzierungen. Im Hintergrund steht für den Emittenten allerdings der Mehraufwand für den Aufbau interner Strukturen – wie Projektmonitoring – und für die „second opinion“. Das Unternehmen Verbund könnte sich bei einer weiteren positiven Entwicklung des Green-Bond-Markets vorstellen, dass die Preisgestaltung bei Green Bonds für den Emittenten attraktiver werden könnte. So würde der Emittent für seine Anstrengungen im Bereich Klimaschutz quasi „belohnt“. „Second opinions“ sollten nicht als Gefälligkeitsgutachten abgetan werden, da das in einem solchen Fall entstehende Reputationsrisiko nicht zu unterschätzen sei.

Im Fall von KfW wird zusätzlich zur „second opinion“ auch die Umweltwirkung der Emission zertifiziert. In Bezug auf mögliche Kritikpunkte von Investoren oder NGOs an Green-Bond- Emissionen sehen KfW, die Weltbank und Verbund die Transparenz der Transaktion als wesentlichste Möglichkeit, der Kritik zu entgegnen.

Generell haben Emittenten, die keine wirklich einwandfreien respektive den aktuellen Qualitätsansprüchen entsprechenden Green- Bond-Emissionen begeben, mit steigenden Reputationsrisiken zu kämpfen. Die Finanzierung von aus Umwelt- und Nachhaltigkeitssicht umstrittenen Projekten ist kaum mehr möglich.

Die Transparenzerfordernisse steigen, Investoren verlangen eine immer höhere nachhaltige Qualität. Unter andrem haben sich zuletzt auch NGOs wie der WWF des Themas Green Bonds angenommen


Den vollständigen Newsletter von RCM inklusive Case Study finden Sie links als PDF.

* Raiffeisen Capital Management steht für Raiffeisen Kapitalanlage GmbH

Elektromobilität

Nicht zuletzt durch das Pariser Klimaabkommen steht der konventionelle Verbrennungsmotor für Automobile unter Druck. Unter den derzeit verfügbaren „sauberen“ Alternativtechnologien hat aktuell der Elektroantrieb die Nase weit vorne. Die Umweltbilanz eines E- Autos hängt letztlich natürlich stark von der Stromquelle ab. Neben spezialisierten Unternehmen wie Tesla oder BYD (Build Your Dreams, China) investieren auch die „traditionellen“ Autobauer verstärkt in das Segment Elektromobilität.

Derzeit ist die Verbreitung der Elektromobilität länderspezifisch noch sehr unterschiedlich. Wesentliche Voraussetzungen für einen Markterfolg sind eine geeignete Infrastruktur und Anreizmodelle, die neben finanziellen Vorteilen wie Steuererleichterungen auch die Verwendung von Busspuren, kostenloses Parken oder das Nutzen öffentlicher Ladestationen umfassen können. In Europa zählt Norwegen mit bereits über 100.000 verkauften E-Autos zu den Vorreitern der neuen Technologie. In den USA hat sich der Bundesstaat Kalifornien sehr früh diesem Thema verschrieben.

Die Strategien der Automobilbranche in Richtung Elektromobilität sind verschieden. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich die großen Player weltweit angesehen und Fragen rund um das Thema E-Autos und die damit verbundenen Zukunftsstrategien gestellt.

Elektromobilität

Fahrzeuge mit Elektroantrieb stellen kein völlig neues Phänomen dar. Bereits vor mehr als einhundert Jahren kamen öffentliche Verkehrsmittel auf Basis einer Infrastruktur von Stromschienen oder Oberleitungen mit elektrischer Energie zum Einsatz. Prinzipiell zeichnen sich Elektrofahrzeuge durch das Mitführen eines Energiespeichers – also der Batterie – sowie die Nutzung eines Elektroantriebs aus. Der Grad der Elektrifizierung kann dabei variieren – es gibt reine Elektrofahrzeuge und Hybridlösungen.

Der Markt für Elektrofahrzeuge wuchs 2016 um annähernd 60 % auf fast 500.000 Stück. Am europäischen Markt wurden 102.000 E-Autos verkauft, in den USA rund 80.000, in China mehr als 250.000.

Bei einem Vergleich zwischen Benzin-, Diesel- und E-Autos schneiden Batterie-Elektrofahrzeuge bei allen umweltrelevanten Parametern besser ab, auch im Vergleich zu Hybridlösungen. Ihr größter Vorteil ist zweifellos das Wegfallen von Abgasemissionen auf lokaler Basis.

Für eine erweiterte ökologische Beurteilung sind aber zunächst die bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen zu berücksichtigen. Die Herkunft des Stroms, mit dem die Batterien geladen werden, ist ein entscheidender Faktor für die Umweltbilanz. Nachdem auch in der Produktion von E-Autos CO2 anfällt, ist für eine tatsächliche CO2-Einsparung durch Elektromobilität eine ausreichende Nutzungsintensität notwendig, die je nach Strom-Mix bei 30.000 gefahrenen Kilometern beginnt und im Schnitt bei 100.000 Kilometern liegt. Auf Basis einer vollständigen Produktlebenszyklusanalyse und bei Zugrundelegung des durchschnittlichen europäischen Strom-Mixes liegt die CO2- Einsparung durch Elektromobilität laut „International Journal of Life Cycle Assessment“ bei knapp 40 %.

Das österreichische Umweltbundesamt errechnet für Treibhausgasemissionen sogar Einsparungen um den Faktor 4 bis 10, je nach zugrunde liegender Stromproduktion.

Elektrofahrzeuge haben im Vergleich zu herkömmlichen Verbrennungsfahrzeugen noch andere Vorteile, etwa ein höheres Drehmoment aus dem Stand, weniger Lärmbelastung und Vibrationen, die Möglichkeit der Energierückgewinnung aus dem Bremsvorgang und eine höhere Lebensdauer.

Zusätzlich sind ihre Wartungskosten geringer, weil ihr Antrieb im Vergleich zu herkömmlichen Technologien verschleißärmer ist. Im Sinne einer intelligenten Energienutzung auf Ebene der einzelnen Haushalte können Elektrofahrzeuge in die Energieinfrastruktur miteingebunden werden.

Zu den Herausforderungen der Elektromobilität zählt die Entwicklung effizienter und leistungsfähiger Akkumulatoren. Wenn man von geringeren Wartungskosten bei E-Autos spricht, sollte man nicht vergessen, dass auf Basis aktueller Technologien nach rund 8000 Ladezyklen ein Batterieaustausch vorgenommen werden muss.

Allerdings ist die Entsorgung der Altfahrzeuge samt Batterien zumindest hinsichtlich der Treibhausgasemissionen unwesentlich. Eine weitere Herausforderung ist die Tatsache, dass die verfügbaren Batteriesysteme derzeit noch ein hohes Eigengewicht, begrenzte Speicherkapazitäten und Leistungsprobleme bei tiefen Temperaturen haben.

Die Infrastruktur zum Laden der Akkumulatoren befindet sich erst im Aufbau, die Ladegeschwindigkeit reicht von wenigen Minuten bei „Superchargern“ bis zu mehreren Stunden beim herkömmlichen Hausanschluss. Ohne Förderungen ergäbe sich auf Basis aktueller Preise – nach Berechnungen einer Studie am FH Technikum Wien – für einen E- Golf im Vergleich zum Golf 7 ein Amortisationszeitraum von 15 Jahren.

Plug-in-Hybride als „gebündelte Lösung“ verfügen zusätzlich zum gängigen Benzin- oder Dieselmotor über einen Elektromotor samt Batterie. Auf kurze Distanzen wie etwa im Stadtverkehr ist rein elektrisches Fahren möglich. Durch das Nebeneinander von zwei Technologien sind Plug-in-Hybride relativ teuer und vom Gewicht her vergleichsweise schwer. Der verbleibende Stauraum ist beschränkt.

Unter den zukunftsweisenden Technologien gelten Brennstoffzellenfahrzeuge als Alternative zu Elektrofahrzeugen. Diese benötigen einen Wasserstoffspeicher und eine Pufferbatterie. Die Gewinnung des Wasserstoffs und die Speicherung sind sehr energieintensiv. Der verdichtete Wasserstoff hat aber im Vergleich zu einem Akkumulator für einen Elektroantrieb ein um ein Vielfaches geringeres Gewicht. In einem erweiterten Kontext könnte hier auch ein „Power-to-Gas-Ansatz“ sinnvoll eingesetzt werden. Bei einem solchen werden etwa Windkraftanlagen, die Überschussenergie produzieren, nicht einfach abgeschaltet, sondern für die Wasserstoffproduktion genutzt.

Der Gesamtwirkungsgrad von Automobilen beschreibt die Effizienz der Energieumwandlungen im Fahrzeug. Die Wirkungsgrade von Elektromotoren liegen in der Regel bei über 90 %. Im Vergleich dazu liegen Benzinmotoren bei 35 % und Dieselmotoren bei 45 %.

Fazit: Raiffeisen Capital Management ist derzeit in einem Unternehmen, das im Rahmen des Engagement-Prozesses adressiert wurde, investiert. Es ist dies BMW.

Nachhaltigkeitsbewertung

Die Mehrzahl der großen Automobilkonzerne hat sich spätestens in den letzten Jahren intensiv mit Elektromobilität auseinandergesetzt. Toyota war mit dem „Toyota Prius“ ein Vorreiter. Allerdings handelt es sich bei diesem Modell um ein Hybridfahrzeug, das sowohl auf herkömmliche Weise als auch mit Strom betrieben werden kann. Es müssen also beide Technologien im Fahrzeug vorhanden sein. Und das stellt hohe Anforderungen an Platzbedarf und Gewicht. Generell ist für die nächsten Jahre von einem Nebeneinander der einzelnen Technologien auszugehen, mit einem starken Wachstum der Elektromobilität. Das große Fragezeichen wird sein, wir stark der Staat mit Förderungen oder sogar Verboten in den Markt eingreifen wird. Aus Norwegen und Indien sind Pläne bekannt, laut denen die Zulassung neuer Benzin- und Dieselfahrzeuge ab 2030 verboten werden soll. Im Zusammenhang mit dem Thema Elektromobilität umfasst der Unternehmensdialog unseres Nachhaltigkeitsteams die zwanzig größten börsennotierten Unternehmen der Automobilbranche.

  • Wie beeinflusst das Thema Elektromobilität das Geschäft Ihres Unternehmens und wie sehen Ihre Aktivitäten in diesem Bereich aus?
  • Betrachten Sie Elektromobilität als „die“ Zukunftstechnologie oder glauben Sie, dass sich mittel- bis langfristig andere Technologien durchsetzen werden? Welche wird aus Ihrer Sicht langfristig am erfolgreichsten sein?
  • Was halten Sie, langfristig gesehen, von gemischten Technologien, etwa Hybridlösungen? 
  • Welche Gründe könnte es dafür geben, dass Elektromobilität die hohen Erwartungen in sie nicht erfüllen kann? Könnten dafür Probleme hinsichtlich der Technologie allgemein, der Batterien, der Akzeptanz beim Konsumenten oder der Infrastruktur verantwortlich sein?
  • Welche Erwartungen haben Sie hinsichtlich der Preisentwicklung für Elektromobilität? Wann erwarten Sie, dass eine Wettbewerbsfähigkeit gegenüber herkömmlichen Fahrzeugen ohne Subventionen gegeben sein wird?
  • Haben Sie – auf Basis einer Lebenszyklusanalyse – bereits Berechnungen des ökologischen Fußabdrucks für Elektromobilitätslösungen aus Ihrem Hause angestellt? Haben Sie diese mit den Ergebnissen für konventionelle Fahrzeuge verglichen?

Von den während des Engagement-Prozesses kontaktierten Unternehmen haben uns vor allem europäische Player Feedback gegeben.

In Europa zählen die französischen Hersteller zu den sehr aktiven Playern im Bereich Elektromobilität. Für den PSA-Konzern – mit den Marken Peugeot und Citroën – ist die Verringerung der CO2-Emissionen das bedeutendste strategische Ziel auf CSR-Ebene (CSR = Corporate Social Responsibilty). Der durchschnittliche CO2-Ausstoß der von PSA 2016 verkauften Autos lag bei 102,4 g/km; damit erreichte das Unternehmen den niedrigsten Wert aller europäischen Hersteller.

Im Jahr 2020 werden nach Einschätzung des Unternehmens E-Autos und hybride Lösungen für 15 % der Absatzzahlen von PSA verantwortlich sein. Renault war offizieller Partner der Pariser Klimakonferenz. 2015 konnten über 23.000 E-Cars abgesetzt werden. Der Marktanteil lag international bei über 20 %, in Frankreich selbst bei 60 %.

Der Renault ZOE ist das meistverkaufte E-Auto und der Renault Kangoo Z.E. der meistverkaufte E-Kleintransporter in Europa. Der ZOE weist mit dem akuellen Batteriesystem unter Laborbedingungen eine theoretische Reichweite von 400 Kilometern und eine praktische Reichweite von 300 Kilometern auf. Der Kunde mietet lediglich die Batterie des Fahrzeugs und kann, wenn die Ladekapazität auf 75 % fällt, einen Tausch vornehmen.

In Japan zählt Nissan mit der Produktion des Nissan LEAF zu den wesentlichen Playern im Bereich Elektromobilität. Bereits im März 2016 wurde der zweihunderttausendste Nissan LEAF ausgeliefert. Volkswagen arbeitet intensiv an seiner Strategie zur Elektromobilität; bis 2025 will man mehr als 30 neue E-Autos auf den Markt bringen. Wie auch BMW und PSA setzt VW auf modulare Matrix-Plattformen für konventionelle und E-Lösungen.

Im Gegensatz zu den anderen Automobilkonzernen sieht Tata Motors E- Fahrzeuge als aus Nachhaltigkeitssicht bedenklich an. Der Grund dafür ist, dass der Strom-Mix in Indien fast ausschließlich aus fossilen Energieträgern stammt. Tata Motors geht in seinen Berechnungen daher von einem im Vergleich zu anderen Technologien höheren ökologischen Fußabdruck aus.

Gemessen an anderen Ländern mit hohem thermischem Energieanteil, sind dieses Ergebnis und diese Aussage für uns allerdings überraschend. Tata Motors fokussiert auf andere alternative Antriebssysteme wie Brennstoffzellen oder Flüssiggas.

Was die zukünftige Entwicklung betrifft, so sieht PSA bei der Elektromobilität noch viele Fragezeichen. Dazu zählen technologische Entwicklungen wie jene der Batterie. Hier wird weltweit aktiv geforscht. Wann welche Lösungen zu welchen Preisen auf den Markt kommen, ist aber noch ungewiss.

Ein weiterer wesentlicher Faktor sind staatliche Anreizmodelle, die beispielsweise am französischen Markt aktuell völlig fehlen. Trotzdem erwartet Renault, dass bereits 2025 in einzelnen Segmenten gleich viele E-Autos wie Fahrzeuge mit konventionellen Antrieben verkauft werden könnten. BMW sieht die ungenügende Infrastruktur der Ladestationen – zusammen mit der beschränkten Reichweite und dem relativ hohen Preis von E-Fahrzeugen – derzeit noch als Hürde für die E-Technologien.

Nachhaltige Entwicklungsziele: SDGs und Unternehmen

Dass Nachhaltigkeit zum Megatrend geworden ist, wird auch durch die Entwicklung der so genannten SDGs unterstrichen. Diese Abkürzung steht für „Sustainable Development Goals“ oder „Ziele für nachhaltige Entwicklung“. Damit bemühen sich die Vereinten Nationen, eine nachhaltige Entwicklung auf ökonomischer, sozialer und ökologischer Basis zu unterstützen.

Die SDGs traten zu Beginn des Jahres 2016 in Kraft und haben eine Laufzeit von fünfzehn Jahren. Die insgesamt siebzehn Ziele decken Themen wie Gesundheit, hochwertige Bildung, Geschlechtergleichheit oder Vermeidung von Armut und Hunger ab. Die ökologische Dimension spiegelt sich in Zielen wie reines Wasser, saubere Energie und Schutz der Meere sowie der Biodiversität wider. Außerdem geht es um nachhaltiges Wachstum, nachhaltige Städte und nachhaltigen Konsum. Gerechtigkeit wird ebenso thematisiert wie Maßnahmen zum Klimaschutz und die Förderung von Innovationen. Die Erreichung der Ziele soll partnerschaftlich erfolgen.

Viele Unternehmen haben sich bereits mit der Frage beschäftigt, zu welchen dieser siebzehn SDGs sie selbst beitragen können. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich die aktuell größten Positionen in den Nachhaltigkeitsfonds angesehen und Fragen rund um das Thema SDGs und die möglichen Commitments durch die Unternehmen gestellt.

Sustainable Development Goals (SDGs)

Historisch gesehen, gehen die SDGs einerseits auf die Rio-Konferenz 1992 mit der dort verabschiedeten Agenda 21, andererseits auf den Millenniumsgipfel des Jahres 2000 und die im Anschluss daran formulierten „Millennium Development Goals“ zurück.

Die „Millennium Development Goals“ oder MDGs waren von ihrer Anzahl und ihrem Umfang her begrenzt. Es handelte sich um acht Ziele und 21 Zielvorgaben, die sich fast ausschließlich auf die Bereiche Armutsbekämpfung und soziale Entwicklung bezogen. Im Mittelpunkt stand der notwendige Aufholprozess der ärmeren Länder auf globaler Ebene.

Die ersten 15 Jahre des neuen Jahrtausends haben große Umwälzungen mit sich gebracht. Die Basis für die Beschlüsse der SDGs war somit eine völlig andere als beim Millenniumsgipfel im Jahr 2000.

Hohes Wachstum und Wohlstandsgewinne haben die wirtschaftlichen und politischen Einflussmöglichkeiten von Ländern wie China, Indien und Brasilien deutlich erhöht.

Anlässlich der UN-Konferenz für nachhaltige Entwicklung (Rio+20) im Jahr 2012 wurden daher umfassendere, nicht mehr bloß auf das soziale Level begrenzte Ziele für eine nachhaltige Entwicklung – eben die SDGs – beschlossen.

Der Anspruch bei dem neuen Zielsystem waren eine Abdeckung sämtlicher Dimensionen nachhaltiger Entwicklung und die Möglichkeit einer weltweiten Anwendung. In der Präambel der SDGs werden die Themenbereiche der 2030-Agenda umrissen und unter fünf Schlagworten – den so genannten fünf Ps – zusammengefasst. Es sind dies „People“, „Planet“, „Prosperity“, „Peace“ und „Partnership“.

Die eigentlichen Ziele für nachhaltige Entwicklung bilden das Kernstück der 2030- Agenda. Der Katalog umfasst 17 SDGs mit insgesamt 169 Zielvorgaben. Was die Zielvorgaben betrifft, so sind die SDGs deutlich anspruchsvoller und detaillierter als ihre Vorgänger, die MDGs. Das Ziel zwei beispielsweise fokussiert eine vollständige Beendigung von Hunger und allen Formen von Fehlernährung. Die MDGs hatten sich 15 Jahre zuvor noch mit einer Halbierung der Zahl der Menschen, die in Hunger leben, begnügt.

SDGs und Unternehmen

Auf den ersten Blick scheinen die Ziele für nachhaltige Entwicklung etwas vage formuliert zu sein und als Forderungen in verschiedenste Richtungen zu gehen, die sich zum Teil konterkarieren. Zur Erleichterung einer Umsetzung sind allerdings alle SDGs auch mit exemplarischen Indikatoren versehen.

Generell haben die 17 SDGs für Unternehmen je nach Branchenzugehörigkeit unterschiedliche Bedeutung.

Viele Unternehmen beschäftigen sich aber mit den Zielen für nachhaltige Entwicklung im Sinne eines umfassenden Katalogs zum Thema.

Im Zusammenhang mit dem Thema SDGs zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf die größten Unternehmen im globalen Aktienportfolio und ihre Strategien zu diesen Zielen ab.

Der Fragenkatalog sieht wie folgt aus:

  • Sehen Sie die 17 SDGs und ihre Subziele als relevant für Ihr Unternehmen an?
  • Welche der SDGs beeinflussen die Entwicklung oder Perspektiven Ihres Unternehmens oder der Branche, in der Sie tätig sind?
  • Welche Begründung steckt hinter dieser Beeinflussung?
  • Haben Sie als Antwort auf die SDGs und auf ihre Subziele bereits strategische Maßnahmen gesetzt oder planen Sie diese?
  • Glauben Sie, dass die SDGs für Ihr Unternehmen oder die Branche, in der Sie tätig sind, in Zukunft noch stärker an Bedeutung gewinnen werden und wirtschaftliche Aktivitäten beeinflussen werden?

Von den während des Engagement-Prozesses kontaktierten Unternehmen haben uns fast alle Feedback gegeben.

Einige Unternehmen wollen die SDGs nutzen, um ihre hauseigene Nachhaltigkeitsstrategie zu überprüfen und weiterzuentwickeln. So hat etwa KBC auf Basis der nachhaltigen Entwicklungsziele seine Strategien zu erneuerbaren Energien überdacht und ISO 14001 als weltweiter Norm für Umweltmanagement mehr Bedeutung eingeräumt.

Ein adressiertes Unternehmen hat sich mit den SDGs bisher nicht im Detail beschäftigt und fokussiert im Bereich des Nachhaltigkeitsreportings die Systematik der GRI (Global Reporting Initiative). Wir haben dem Unternehmen das Potenzial der SDGs zur Kenntnis gebracht.

ie SDGs werden etwa im Fall von Campbell Soup oder Owens Corning in unterschiedliche Ebenen eingeteilt. Erstens in solche, auf denen das Unternehmen selbst Impact erzeugt, zweitens in SDGs, bei denen Auswirkungen über die Wertschöpfungskette entstehen, und drittens in die Ebene der allgemeinen unternehmerischen Einflüsse auf die Gesellschaft. Die beiden Unternehmen berücksichtigen alle drei Ebenen in ihren Überlegungen.

Die SDGs dienen Unternehmen auch als Basis für eine Einschätzung des positiven Impacts auf Umwelt und Gesellschaft. Munich RE hat die Ziele für nachhaltige Entwicklung in einen interaktiven Diskussionsprozess mit seinen Stakeholdern eingebracht.

3M hat bereits im Mai 2015 seine Nachhaltigkeitsziele für 2025 veröffentlicht – angepasst an die SDGs, die mit einem Zeitrahmen bis 2030 versehen sind. Auch SAP hat seine Unternehmensstrategie in einer Publikation explizit mit den SDGs in Beziehung gesetzt und deren Wichtigkeit für das Unternehmen analysiert.

Die von den Unternehmen am häufigsten als relevant genannten Ziele für nachhaltige Entwicklung waren:

  • Ziel 13: Maßnahmen zum Klimaschutz  Ziel 3: Gesundheit und Wohlergehen
  • Ziel 4: hochwertige Bildung
  • Ziel 7: bezahlbare und saubere Energie  Ziel 8: menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum
  • Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur
  • Ziel 12: verantwortungsvolle Konsum- und Produktionsmuster

Die Ziele, die wahrscheinlich wegen der am wenigsten beeinflussbaren Inhalte oder wegen der hohen Spezialisierung am wenigsten im Fokus standen, waren:

  • Ziel 1: keine Armut
  • Ziel 14: Leben unter Wasser (Ozeane und Meere schützen)
  • Ziel 10: weniger Ungleichheiten
  • Ziel 17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

Klimawandel & Wetterextreme

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei Raiffeisen Capital Management.

Der Klimawandel geht uns alle an. Da der wissenschaftliche Beweis für eine durch den Menschen verursachte Klimaänderung mittlerweile erbracht ist, ist deren Bekämpfung durch die Begrenzung des Treibhauseffekts in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Die UN-Klimakonferenz in Paris Ende 2015 stellt die nächste Chance für die Politik dar, Dinge anzupacken und zu verändern.

Was aber hat das zuletzt oft unberechenbare Wetter mit dem Klima zu tun? Der Klimawandel bezeichnet die Veränderung des Klimas auf der Erde. Die aktuell diskutierte Klimaveränderung führt zu einer tendenziellen Erwärmung der Oberflächentemperatur. Klima steht für einen längerfristigen Zeitraum, Wetter für kurzfristige, aktuelle Zustände der Atmosphäre.

Als Folge des Temperaturanstiegs ist mit einer Häufung der Wetterextreme zu rechnen. Durch den Temperaturanstieg verändern sich weltweit die Niederschlagsmuster. Das Risiko für Wetterextreme wie Starkregen, Überschwemmungen, Hochwasser und andererseits Hitzeperioden steigt. Beeinflusst werden Flora und Fauna, aber auch die Energieerzeugung. Zudem wird die Häufigkeit tropischer Stürme zwar wahrscheinlich abnehmen, ihre Intensität aber zunehmen.

Klimawandel & Wetterextreme

Den wohl endgültigen Beweis für die Existenz des Klimawandels brachte die Veröffentlichung des fünften Sachstandberichts des IPCC – des Umweltprogramms der Vereinten Nationen – im Jahr 2013. Der Bericht zeigt, dass sich die Lufttemperatur seit Beginn des 20. Jahrhunderts im weltweiten Durchschnitt um 0,9 Grad erwärmt hat. Schnee und Eis sind in erheblichem Maß abgeschmolzen, der Meeresspiegel ist seither um 20cm angestiegen. In Bezug auf die zukünftige Klima-Sensititivtät gehen die Forscher davon aus, dass, abhängig vom Eintreten verschiedener Modellszenarien, bis zum Ende des Jahrhunderts eine Erwärmung im Bereich von 1,5 bis 4,5 Grad eintreten wird. Von den, historisch betrachtet, zehn wärmsten Jahren lagen neun in der Periode nach 2001. Es ist davon auszugehen, dass das Jahr 2015 zum wärmsten in der Geschichte der Aufzeichnungen wird.

Die negativen Folgen des Temperaturantieges treffen alle Lebewesen, also Fauna und Flora. Eine der Hauptsorgen der Entwicklung ist das häufigere Auftreten von Hitzewellen. In der Landwirtschaft hat die Trockenheit schon in jüngster Vergangenheit in unter Wasserknappheit leidenden Regionen zugenommen. Das so genannte „Zwei-Grad- Ziel“ legt die wissenschaftlich unterlegte Grenze von tolerablem zu „gefährlichem“ Klimawandel fest, bei dem eine gefährliche Störung des Klimasystems durch den Menschen auftritt. Allerdings gibt es auch schon vor der Erwärmung um zwei Grad negative Auswirkungen des Klimawandels. Diese Grenze ist nicht als scharfe Trennlinie, sondern als ein fließender Übergang zu betrachten.

Die globalen Treibhausgasemissionen stammen nach dem IPCC-Report im Jahr 2010 zu 25 % aus der Produktion von Strom und Wärme. Dahinter liegen die Sektoren Land- und Forstwirtschaft, Industrie und Transport, die für 24%, 21% und 14% der Emissionen verantwortlich sind.

Im Vorfeld des nächsten Klimagipfels werden bereits seit Monaten neue Klimaziele einzelner Staaten veröffentlicht und diskutiert. Die 21. UNKlimakonferenz wird Ende diese Jahres in Paris stattfinden. Ziel der Klimakonferenzen der letzten Jahre war es, ein Nachfolgeregime für das 2012 ausgelaufene Kyoto-Protokoll zu entwickeln. Generell verfolgt die Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen das Intention einer Emissionsminderung aller Treibhausgase.

Die Konvention wurde 1992 verabschiedet und im gleichen Jahr in Rio de Janeiro von fast allen Staaten unterchrieben. Die aktuell 194 Vertragsstaaten der Rahmenkonvention treffen sich jährlich zu UN-Klimakonferenzen. Die bekannteste dieser Konferenzen fand 1997 im japanischen Kyoto statt, mit dem Ergebnis des Kyoto-Protokolls. Für die Konferenz von 30.11. bis 11.12. in Paris wird auf Basis von Akommen über verbindliche Klimaziele für alle 194 Mitgliedstaaten der UN-Klimarahmenkonvention eine globale Post-Kyoto-Regelung anvisiert. Während ein Abkommen höchstwahrscheinlich gelingen wird, sind eher seine Verbindlichkeit und Reichweite die großen Fragezeichen.

Bis Mitte Oktober haben rund 150 Länder Vorlagen für freiwillige Minderungsziele abgegeben. Dies entspricht etwa 90 % der globalen Treibhausemissionen. Die einzelnen Commitments sind allerdings schwer miteinander vergleichbar, da sie unter anderem unterschiedliche Bezugszeiträume oder relative und absolute Ziele enthalten. Die aktuellen Ziele sind außerdem für eine Erreichung des Zwei- Grad-Zieles ungeeignet, weil viel zu wenig ambitioniert.

Der Klimawandel ist ein erheblicher Wirtschaftsfaktor. So wurden in den letzten Jahrzehnten neue Entwicklungen in der Umwelttechnik und Energieerzeugung vorangetrieben. Unternehmen speziell in den Bereichen Energieeffizienz und erneuerbare Energien fanden ein äußerst positives Marktumfeld vor. Andererseits hat die Klimawandeldiskussion auch zu viel kommentierten energiepolitischen Maßnahmen wie einer umfangreichen Förderungspolitik geführt.

Wetterextreme & Haftungsrisiken

Die Befürchtung einer Zunahme der mit dem Klimawandel verbundenen Wetterextreme ist nicht zuletzt für die Versicherungswirtschaft ein wesentliches Thema. Die Sparte Sachversicherung könnte stark in Mitleidenschaft gezogen werden. Ebenso ist die Sparte Rückversicherung als „Versicherer der Versicherer“ betroffen.

Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat daher diesmal die großen nationalen und internationalen Sach- und Rückversicherer in den Mittelpunk des thematischen Engagement-Prozesses gestellt. Die Fragen galten den Strategien für den Umgang mit der Erwartung in Richtung eines verstärkten Auftretens von Wetterextremen:

  • Der Klimawandel stellt für viele Branchen ein Risiko dar, was sind Ihre diesbezüglichen Szenarien aus Sicht der Versicherungswirtschaft? Haben Sie in der Vergangenheit strukturelle Veränderungen beim wetterbedingten Schadensaufkommen festgestellt und welche Zukunftserwartungen haben Sie in diesem Zusammenhang?
  • Erstellen Sie Ihre eigenen hausinternen Projektionen für die Entwicklung des Klimas und Wetters und die damit verbundenen Schadensrisiken? Wie sehen diese aus und weichen sie von der akademischen Meinung ab?
  • Haben Sie auf etwaige klimawandelbezogene Änderungen des Umfeldes für Ihr Geschäft durch eine Anpassung bei der Berechnung der Polizzen reagiert? Wie flexibel sind Ihre Polizzen gestaltet, um auf durch den Klimawandel veränderte Umweltbedingungen reagieren zu können?
  • Was erwarten Sie vom Klimagipfel in Paris, sehen Sie Szenarien für (unmittelbare) Auswirkungen für die Versicherungsbranche?

Von den während unseres Engagement-Prozesses kontaktierten Emittenten haben uns zwei Drittel Feedback gegeben.

Noch sehen es nicht alle Versicherungen als sicher an, das die Effekte des Klimawandels für die zuletzt durch Naturkatastrophen verursachten höheren Kosten für versicherte Schadensfälle verantwortlich sind. Dahinter steht das Argument, dass sich die Kostenseite unter anderem auch durch demographische und urbanisierungsbedingte Faktoren verschlechert, etwa durch eine riskantere Verbauung und durch die steigende Bedeutung von Regionen mit höherem Risiko im Versicherungsportfolio – wie etwa den Emerging Markets. Andere Versicherer wie der weltgrößte Rückversicherer Münchener Rück sehen einen direkten Zusammenhang zwischen Klimawandel und Versicherungs- schäden aufgrund von Naturkatastrophen aber mittlerweile sehr wohl als gegeben an.

Bei der Entwicklung von Modellen zur Einschätzung der aus dem Klimawandel resultierenden Risiken für die Versicherung orientieren sich einige Versicherungs- gesellschaften an eigenen Quellen, andere arbeiten mit externen Partnern zusammen. Münchener Rück etwa kann auf 40 Jahre eigenes Research zurückblicken.

Generell können fast alle Verträge im Schadens- bzw. Unfallsegment jährlich angepasst werden, wenn sich kurzfristig deutliche Veränderungen in der Schadensentwicklung – auch bedingt durch den Klimawandel – ergeben sollten.

Einige Versicherer bieten mittlerweile gezielt „grüne“ Versicherungsprodukte am Markt an, wie zum Beispiel spezielle KFZ-Versicherungen für Elektroautos oder Finanzierungsvarianten für die Erzeugung erneuerbarer Energie.

AXA sieht es als Chance für die Versicherungsbranche, einerseits über die Gestaltung von Polizzen Incentives zu setzen und andererseits im Investment der eigenen Gelder Maßnahmen zu ergreifen. Das Unternehmen hat sich auch im Bereich Asset Management neu orientiert und setzt stark auf das Thema nachhaltiges Investment.

Vom Klimagipfel in Paris erwartet die Versicherungsbranche unter anderem Schritte zur besseren Bemessung der bislang externalisierten Kosten. Generell muss man bei den Maßnahmen gegen den Klimawandel zwischen „mitigation“ (Entgegenwirken und Abmildern des Effekts) und „adaptation“ (Anpassung an einen Effekt der nicht mehr aufzuhalten ist) unterscheiden. Die Versicherungsbranche kann in beide Richtungen Unterstützung leisten.

Die vollständige Ausgabe von "nachhaltig investieren" von Raiffeisen Capital Management inklusive Case Study finden Sie links als PDF.

Nachhaltigkeitsbewertung von Textilien

Die Textilindustrie mit ihren Sweatshops gilt oft als Sinnbild für die Missachtung von Arbeitsrechten wie auch für die Auswüchse von Global Sourcing. Der Ruf nach fairen Produktionsweisen wird spätestens dann laut, wenn neue Enthüllungen über unmenschliche Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der Textilbranche publik werden. Der „Produktionsfaktor Mensch“ tritt in diesem Fall zumindest vorübergehend aus der Anonymität heraus.

Dass sich die Textilindustrie in Bezug auf Arbeitsrechtsverstöße und Kinderarbeit so oft in den Schlagzeilen wiederfindet, liegt an den prinzipiell recht einfachen Fertigungsprozessen. Geringe technologische Anforderungen und die unkomplizierte Verlagerung von Produktionen führen zu einem enormen Kostendruck und zu einem Wettlauf um die günstigsten Lohngefüge, bei dem sich Länder mit ihren Produktionsstätten regelrecht unterbieten.

Nur ein verschwindend geringer Anteil des Kaufpreises von Textilien landet letztlich in der Fertigung und bei den dort tätigen Beschäftigten. Vor allem teure Labels haben daher mit einem nicht zu unterschätzenden Reputationsrisiko zu kämpfen. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich einige Textilunternehmen genauer angesehen und Fragen rund um das Thema Arbeitsrechte in der Fertigung gestellt.

In der jüngste Ausgabe von "nachhaltig investieren", die unter der Federführung von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter der Abteilung Nachhaltige Investments, erstellt wurde, beleuchtet das Team von Raiffeisen Capital Management die Nachhaltigkeitsbewertung von Textilien. Die vollständige Ausgabe einschließlich einer Case Study finden Sie links als PDF.

Textilien

Es ist kein Zufall, dass sich verschiedensten Analysen zufolge die meisten Verstöße gegen Arbeitsrechte in der Textilbranche ereignen. Denn bei der Textilindustrie handelt es sich um einen Sektor, der sich durch relativ einfache Fertigungsprozesse in Verbindung mit nur geringen technologischen Anforderungen auszeichnet. Zur Branche zählen vor allem traditionelle Bekleidungshersteller und Unternehmen, die Spezialisierungen in den Bereichen Sport, Leder oder Schmuck aufweisen. Der Absatz erfolgt meist über den Einzelhandel, zum Teil auch über eigene Geschäfte.

Die einfache Austauschbarkeit der Hersteller am untersten Ende der Wertschöpfungskette führt zu starkem Druck auf die Herstellungskosten, was wiederum beinharte Konkurrenz mit der Folge geringerer Löhne und sonstiger Aufwendungen in den Fabriken nach sich zieht. Dabei sind auch die Sicherheitsstandards ein großes Thema.

Dem Fabrikseinsturz in Sabhar / Bangladesch mit über 1100 Toten im Frühjahr 2013 gingen gravierende Sicherheitsmängel voraus. Eine Untersuchungskommission stellte grobe Fahrlässigkeit fest, zudem waren für den Bau des Hauses minderwertige Materialien verwendet worden, das Bauland war für ein mehrstöckiges Gebäude nicht geeignet gewesen. Als Folge des Unglücks unterzeichneten große europäische und US-amerikanische Textilfirmen außerdem das mit internationalen Gewerkschaftsdachverbänden sowie NGOs ausgehandelte „Abkommen zum Brand- und Gebäudeschutz in Bangladesch“.

Beschäftigt man sich mit dem Thema Arbeitsrechte im Detail, so ist es die ILO (International Labor Organisation), die so genannte Kernarbeitsnormen festgelegt hat. Damit verbunden ist das Ziel, dass diese Normen als Sozialstandards menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen hinreichenden Schutz der Arbeitnehmer gewährleisten sollen.

Zu den acht Kernarbeitsnormen zählen Konventionen über Zwangsarbeit, Vereinigungsfreiheit und Schutz des Vereinigungsrechts, das Vereinigungsrecht und Recht zu Kollektivverhandlungen, Gleichheit des Entgelts, Abschaffung der Zwangsarbeit, Vermeidung von Diskriminierung, Mindestalter, Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.

Der Textilsektor weist häufig eine kaskadenartige Konstruktion im Fertigungsprozess auf. Die gesamte Lieferkette, von der Fertigung über viele Stufen bis zum Einzelhändler, ist vielfach nicht transparent genug. Die an Sublieferanten outgesourcte Produktion wird auf tiefere und wieder tiefere Ebenen weitergegeben, sodass für den Textilkonzern als Auftraggeber letztlich ein Kontrollproblem entsteht. Verschärfend wirken die immer kürzeren Lieferzyklen für neue Kollektionen, die die Kurzfristigkeit der Fertigung und eine damit verbundene breite und undurchsichtige Auffächerung der Produktion verstärken.

Mit der Undurchsichtigkeit der Lieferkette und der Kostenoptimierung verbundene potenzielle Imageschäden stellen ein Risiko für Marken und Retailer dar. Es sind dabei vor allem teure Labels, die im Falle von negativen Medienberichten vor einem großen Reputationsproblem stehen. Angesichts des geringen Anteils der Herstellungskosten an den Verkaufspreisen im Einzelhandel ist jeder arbeitsrechtliche Verstoß dem Konsumenten gegenüber nur sehr schwer zu argumentieren.

Daher bemühen sich viele prominente Textilhersteller, ein möglichst aktives Lieferkettenmanagement umzusetzen. Eine Verbesserung der Standards für die Herstellung, die fast immer an Partner ausgelagert wird, steht dabei im Mittelpunkt.

Unternehmen, egal ob Retailer oder Textilkonzerne, können der problematischen Entwicklung insofern gegensteuern, als sie für ihre gesamte Lieferkette eine tiefgreifende Due-Diligence-Prüfung einführen. In diesem Fall werden die Lieferanten aktiv gemanagt und einem Monitoring- und Auditierungs-Verfahren unterzogen. Zulieferer, die kritisch eingeschätzt werden, können auf diese Weise regelmäßigen intensiven Kontrollen unterzogen werden.

Ein Bonus-System für Lieferanten für überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen kann zudem einen positiven Wettbewerb auslösen. Unzureichendes Wissen über Arbeitsstandards kann durch Best-Practice-Beispiele erweitert werden.

Aktuell zählen in der Textilindustrie Bangladesch, Vietnam und zuletzt auch Myanmar zu den Ländern, in denen die Arbeitskräfte am schlechtesten entlohnt – also am „günstigsten verfügbar“ – sind. Dabei rückt bei der Analyse der Entlohnung in den Fabriken immer stärker der Begriff der fairen „living wages“ – auf Deutsch übersetzt: das Existenzminimum – in den Mittelpunkt. In Bangladesch liegt der Mindestlohn aktuell bei rund 20 % des Existenzminimums, in China immerhin bei fast 50 %.

Fazit: Raiffeisen Capital Management ist derzeit in ein Unternehmen, das im Rahmen des Engagement-Prozesses adressiert worden ist, investiert.

Nachhaltigkeitsbewertung

Das aus Nachhaltigkeitssicht vordringlichste Thema im Zusammenhang mit der Textilindustrie ist jenes der Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette. Immer wieder werden Produktionen in so genannten Sweatshops, also Ausbeutungsbetrieben, aufgedeckt. Die wesentlichsten Charakteristika sind dabei das Fehlen von Tarifverträgen, überlange Arbeitszeiten, fehlender Kündigungsschutz und eine absolut wie auch relativ geringe Bezahlung.

Eine Möglichkeit für Unternehmen zur Verbesserung der sozialen Standards in der Lieferkette ist neben dem Fokus auf Transparenz auch die Kontrolle durch externe Organisationen. Arbeitsbedingungen in den Fabriken können vor Ort durch unabhängige Gutachter wie die FLA (Fair Labor Association) überprüft oder gemäß ISO (International Organization for Standardization), OHSAS (Occupational Health and Safety Assessment Series) oder EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) zertifiziert werden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Textilien zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf Unternehmen in den Bereichen „Textil-Vormaterialien“ und „Textilhandel“ ab.

Worauf fokussiert das Supply-Chain-Management in Ihrem Konzern in Bezug auf Textilprodukte und textile Vorprodukte?

Gibt es einen eigenen Verhaltenskodex, der die Grundsätze der Arbeitnehmerrechte in der gesamten Supply-Chain vorgibt und soziale Aspekte behandelt?

Veröffentlichen Sie die gesamte Liste Ihrer Lieferanten und Sublieferanten?

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre gesamte Supply-Chain vorgegebene Regeln einhält? Existieren Richtlinien zur Beendigung von Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten?

Sehen Sie das Thema Korruption als Problem – vor allem an Billiglohn-Standorten wie Indonesien, Bangladesch, Vietnam und Myanmar?

Welche Rolle spielen für Sie Supply-Chain-Zertifizierungen nach Standards wie ISO, EMAS oder OHSAS?

Wie gehen Sie mit dem Thema „living wages“ um und wie definieren Sie diese?

Von den während unseres Engagement-Prozesses kontaktierten Unternehmen haben uns vor allem europäische Player Feedback gegeben.

Nicht alle Textilkonzerne fokussieren ihre Produktion auf Billigstlohnländer. Der spanische Konzern Inditex beispielsweise kauft mehr als die Hälfte seiner Kollektion in Ländern in der näheren Umgebung – diese werden als „proximity markets“ bezeichnet. Hanesbrands produziert 80 % seiner Textilien in eigenen Fertigungsstätten außerhalb der klassischen Billiglohnländer.

Was die Rohstoffseite betrifft, so sind die meisten Textilkonzerne stark auf Baumwolle fokussiert. Auch in diesem Zusammenhang hat Inditex einen anderen Weg gewählt und breiter diversifiziert. Man setzt unter anderem – je nach Modetrend – auf Leinen, Leder oder Viskose.

Die meisten Textilkonzerne setzen auf eine Kombination von internem und externem Monitoring respektive Zertifizierungen der Lieferkette. Manche, wie etwa Gerry Weber, kontrollieren vor allem die erste Ebene im Detail und delegieren die Einhaltung der Standards für weitere Sublieferanten an diese Unternehmen. Die Katastrophe von Rana Plaza im Jahr 2013 scheint die Branche durchaus – und zwar in positiver Weise – aufgerüttelt zu haben.

Oft werden die Zulieferer geratet, je nach Erfüllung oder Teilerfüllung der vorgegebenen Standards. Bei Aussagen zu Gründen für die Beendigung der Geschäftsbeziehung zu Lieferantenunternehmen halten sich alle befragten Unternehmen eher bedeckt. Eine Kündigung aufgrund von Verstößen gegen ESG-Prinzipien scheint eher die Ausnahme zu sein.

Eine vollumfängliche Liste aller Lieferanten und Sublieferanten wird derzeit unter anderem von Adidas und Inditex veröffentlicht.

Adidas hat sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Lieferkette sehr generell genähert. Die 2016 gestartete Strategie „sport needs a space“ deckt nicht nur die Produktion, sondern auch das Marketing und die Verwendung der Produkte ab. Für die Lieferkette wurden auch Ziele in Richtung weniger Wasserverbrauch und geringere Abfallmengen festgelegt. Bis 2018 sollen die von Adidas verwendeten Baumwollsorten zu 100 % auf nachhaltige Produktion umgestellt sein.

Zertifikate sind für die Unternehmen in der Regel kein allzu großes Thema, es gibt aber einige sektorweite Initiativen. Gerry Weber hat die BSCI (Business Social Compliance Initiative) unterzeichnet, eine wirtschaftsgetriebene Plattform zur Verbesserung der sozialen Standards in einer weltweiten Wertschöpfungskette. H&M hat mittlerweile das gesamte erste Level an Zulieferern gemäß Higg-Index der Sustainable Apparel Coalition zertifiziert, einem 2012 ins Leben gerufenen industrie-eigenen Standard der Textilindustrie zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Lieferkette nach Umwelt- und Sozialkriterien. Auch Amer Sports trat der Sustainable Apparel Coalition 2015 bei.

Das Thema „living wages“ nimmt in der Textilbranche generell an Bedeutung zu, die genauen Definitionen sind aber von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich.

Was bringen nachhaltige Anlagen Investoren und Unternehmen?

Nachhaltige Investments hatten lange den Ruf, geringere Renditen als traditionelle Finanzprodukte zu erzielen. Diese Theorie gilt mittlerweile als widerlegt. Ein grünes Investment kann genauso ertragreich sein wie eine herkömmliche Anlage. Denn aufgrund der zusätzlichen Informationen zur Nachhaltigkeit von Unternehmen kann – z.B. über eine genauere Risikoeinschätzung – die Performance mitunter sogar positiv beeinflusst werden. Wobei natürlich auch nachhaltige Investments – ebenso wie konventionelle Anlagen – den Entwicklungen an den Kapitalmärkten unterworfen sind und Kapitalverluste nicht auszuschließen sind.

Zukunftsfähige Unternehmen

Blickt man mehr ins Detail, so stellt sich Nachhaltigkeit sehr schnell als Qualitätsmaß für Unternehmen und Emittenten heraus. Denn sehr häufig läuft eine gute Bewertung bei der Stakeholder-Analyse, bei der überprüft wird, wie das Unternehmen mit Mitarbeitern, Kunden, Lieferanten, der Umwelt etc. umgeht, parallel zu einer guten Bonität und einer gesunden Unternehmensentwicklung. Der mit dem Nachhaltigkeitsthema eng verbundene Begriff der ‚Zukunftsfähigkeit‘ kann dabei ins Treffen geführt werden.

Zertifikate belegen Nachhaltigkeit

Da es für Anleger oft schwer zu durchschauen ist, welche der als "nachhaltig" bezeichneten Fonds tatsächlich nach nachhaltigen Kriterien im Sinne von sozial, ökologisch und ethisch gemanagt werden, sind Zertifikate und Gütesiegel gerade in diesem Segment besonders aussagekräftig. Für Anleger, die nachhaltig investieren wollen, kann sich daher ein genauer Blick auf etwaige Nachhaltigkeitssiegel lohnen.

Für nachhaltige „Überzeugungstäter“ – der Raiffeisen-GreenBonds

Mit der steigenden Nachfrage an nachhaltigen Investments erhöhen sich auch die Ansprüche der Investoren an diese Produkte. Viele Anleger wünschen sich, dass sich die Nachhaltigkeit ihrer Veranlagung nicht bloß auf die Anwendung eines Filters von Ausschlusskriterien reduziert, sondern, dass das Investment selbst das Ziel verfolgt, nachhaltig zu wirken. Aus dieser Nachfrage heraus, hat Raiffeisen Capital Management1 den Raiffeisen-GreenBonds aufgelegt, der genau diese Qualität bietet und sich an die ‚Überzeugungstäter‘ unter den nachhaltigen Investoren richtet.

Der Raiffeisen-GreenBonds, ein Renten-Themenfonds im Umweltbereich, richtet sich in erster Linie an institutionelle Anleger wie Vorsorgekassen und Vermögensverwalter. Der Fonds investiert in so genannte Green Bonds, also Anleihen, mit denen ökologische Projekte mit Klimarelevanz finanziert werden. Dazu zählen beispielsweise Investitionen in den Bereichen erneuerbare Energien, Energieeffizienz, Schadstoffbekämpfung, nachhaltige Abfallwirtschaft, Wasserversorgung und nachhaltiges Bauen. Als Anlageuniversum dient der Green Bond Index von Bank of America Merrill Lynch (BAML) als Basis, ergänzt durch Green Bonds der Datenbank der Climate Bonds Initiative (CBI). Dabei wird die nachhaltige Qualität der Bonds laufend überprüft und der Markt auf Neuemissionen gescreent.

Bessere Nachhaltigkeit bringt Chancen: Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum

Der Fonds fokussiert auf (vorwiegend klein- und mittelkapitalisierte) Unternehmen, deren Nachhaltigkeitsbewertung sich in den letzten Jahren verbessert hat, mit der Aussicht, dass sich diese Entwicklung auch positiv auf die finanzielle Performance des Unternehmens auswirkt. Bislang gibt es nur wenige nachhaltige Investmentprodukte, die dieses Marktsegment abdecken. Der neue Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum bietet Investoren diesen Zugang. Selbstverständlich ist auch dieses Investment den Schwankungen an den Kapitalmärkten unterworfen und auch Kapitalverluste sind möglich.

Grafik: Raiffeisen KAG, schematische Darstellung

Nachhaltige Fondspalette wird gemäß Anlegeransprüchen angepasst

Die steigende Zahl an Anlegern, die nachhaltig investieren (möchten), führt zu einem verbesserten und differenzierten Angebot auf der Produktseite. Auch Raiffeisen Capital Management passt seine Produktpalette laufend an den Ansprüchen seiner Kunden an. Das Unternehmen hat dabei noch ein paar interessante Produktideen in der Pipeline, in denen u.a. auch Schwellenländer eine wichtigere Rolle spielen werden. 


Investments in Fonds sind dem Risiko von Kursschwankungen bzw. Kapitalverlusten ausgesetzt.
Die veröffentlichten Prospekte  sowie die Kundeninformationsdokumente (Wesentliche Anlegerinformationen) des Raiffeisen-GreenBonds und des Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentumstehen unter www.rcm.at in deutscher Sprache (bei manchen Fonds die Kundeninformationsdokumente zusätzlich auch in englischer Sprache) zur Verfügung. Der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-Momentum weist eine erhöhte Volatilität auf, d.h. die Anteilswerte sind auch innerhalb kurzer Zeiträume großen Schwankungen nach oben und nach unten ausgesetzt, wobei auch Kapitalverluste nicht ausgeschlossen werden können.

1) Raiffeisen Capital Management steht für Raiffeisen Kapitalanlage GmbH.

Urbanisierung, Städtewachstum & Nachhaltigkeitsbewertung

Wachstum ist, was die Urbanisierung – und weniger die Wirtschaft – betrifft, ein global zunehmender Trend. Der Zuwachs an Menschen, vor allem in den Städten, schreitet voran. Sowohl in den Industrienationen als auch in den Emerging Markets.

Der verstärkte Zuzug aus ländlichen Gebieten in die Städte kann letztlich als ein Effekt der Industrialisierung und des sozialen Wandels gesehen werden. Beim mittlerweile seit Jahrhunderten zu beobachtenden Prozess einer andauernden Ausdehnung der Städte spielt das Bevölkerungswachstum in den jeweiligen Ländern eine entscheidende Rolle. Dazu kommen unter anderem Aspekte der Infrastruktur, der Bildungsmöglichkeiten, der Gesundheitsversorgung und des erwarteten Lebensstandards.

Überhastete Landflucht kann zu großen Problemen auf der sozialen und der Umweltseite führen. Neue Konzepte für die „Städte der Zukunft“ schließen auch Ideen hinsichtlich Bauökologie, Ressourcenverbrauch und Verkehr mit ein. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich Unternehmen im Bereich „Smart Cities“ genauer angesehen und Fragen zu Entwicklungen rund um den Megatrend Urbanisierung gestellt.

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Städtewachstum

Eine markante Ausbreitung der Städte war erstmals zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Europa zu beobachten. Der sich beschleunigende Zuzug der ländlichen Bevölkerung in die Städte machte den Bau neuer Häuser, Straßen und Versorgungseinrichtungen notwendig. Der zunehmende Flächenverbrauch verringerte die umgebende Naturlandschaft drastisch. Heute sind auch die Städte selbst zu einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor geworden. So zeichnet Tokio beispielsweise für 40 % des Bruttoinlandsprodukts von Japan verantwortlich, während der Großraum Paris mit 30 % zur französischen Wirtschaftsleistung beiträgt.

Der so genannte Verstädterungsgrad, also der Anteil der Stadtbewohner an der Gesamtbevölkerung, misst die Urbanisierung. Weltweit betrug er im Jahr 2009 erstmals mehr als 50 %. 2050 werden laut Schätzungen der UNO mehr als drei Viertel der Erdbevölkerung in Städten leben. In den Emerging Markets sind es derzeit 45 %.

Bis zum Jahr 2050 dürften es nach UNO-Schätzungen die in Industrieländern bereits üblichen 75 % sein. Urbanisierung steht auch im engen Zusammenhang mit der demografischen Entwicklung. Die Vereinten Nationen schätzen, dass etwa 60 % der Zunahme in den Städten auf das natürliche Bevölkerungswachstum zurückzuführen ist, also auf eine höhere Geburten- als Todesrate.

Aus Nachhaltigkeitssicht stellt sich die Frage, ob Städte prinzipiell mehr oder weniger „nachhaltig“ sind als der ländliche Raum. So kann man einerseits argumentieren, dass sie derzeit 70 % des Primärenergiebedarfs verbrauchen, für 80 % der CO2-Emissionen verantwortlich sind und für 75 % des Rohstoffbedarfs stehen. Somit käme ihnen eine Hauptverantwortung für den Klimawandel zu. Andererseits erlauben Städte aber auch eine effiziente Versorgung mit technischer Infrastruktur wie Mobilität, Energie und Wasser, außerdem mit sozialer Infrastruktur wie Bildung und Gesundheit sowie schließlich mit Produkten und Dienstleistungen.

Das Thema der Urbanisierung schließt neben den Kernstädten auch die Peripherie mit ein. In den Industrieländern ist seit einigen Jahrzehnten eine Suburbanisierung zu beobachten, also eine Wanderbewegung aus der Kernzone der Städte in die Peripherie. Wenn man Nachhaltigkeitsfaktoren für Stadt und Vorstadt analysiert, weisen die Städte selbst aus Nachhaltigkeitssicht deutliche Vorteile gegenüber den Vororten oder so genannten „Speckgürteln“ auf.

Der Energieverbrauch von Bewohnern der Peripherie ist deutlich höher als jener in den städtischen Zentren. So liegt beispielsweise der ökologische Fußabdruck eines durchschnittlichen Vorstadthauses rund um New York annähernd beim zweieinhalbfachen Wert einer Wohnung in New York. Dies kann unter anderem damit erklärt werden, dass der CO2-Ausstoß alter Metropolen in der Regel relativ gering ist, weil verhältnismäßig wenige Menschen ihre Autos nutzen.

Die Verstädterung der letzten Jahrzehnte führt immer mehr zur Ausprägung von so genannten Megastädten. Aufgrund des Mangels an Arbeitsmöglichkeiten in den ländlichen Regionen entwickeln sich rapide wachsende Millionenstädte, oft mit kaum planbarer und überschaubarer Bebauung. Als Megastadt werden Städte ab einer Einwohnerzahl von zehn Millionen bezeichnet. Einige Beispiele für Megastädte sind Istanbul, Lagos, Delhi und Mexiko-Stadt. Die Bedingungen in diesen extrem stark wachsenden Städten sind oft in vielerlei Hinsicht katastrophal. Es kommt zur Bildung von übervölkerten und verwahrlosten Elendsvierteln, also Slums.

Nachhaltige Konzepte für Städte umfassen unterschiedliche Aspekte. Wesentliche Themen sind etwa die Nachhaltigkeit der Bauten selbst, der Ressourcenverbrauch, der öffentliche Verkehr sowie Mobilität. Der ökologische Fußabdruck von Städten hängt auch davon ab, wie dicht die Stadt aufgebaut ist. Dichtere Städte verbrauchen weniger Rohstoffe, weil man kurze Wege hat. Vertikale Städte wie Hongkong weisen einen sehr geringen Benzinverbrauch pro Person auf. Das Gegenteil ist bei so genannten Flächenstädten wie Houston der Fall.

Im Zusammenhang mit dem Konzept von „Smart Cities“ werden die Themen Mobilität, Energie, Umwelt, Wirtschaft, Governance sowie Mensch und Lebensqualität miteinander verknüpft und in den Mittelpunkt gestellt. Moderne Smart-City- Konzepte setzen sich mit der besonderen Bedeutung von Städten im Kontext von Klimaschutz und Ressourcenmanagement auseinander. Prinzipiell bieten Städte ein großes Potenzial, den Herausforderungen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und dem demografischen Wandel mit intelligenten Lösungen zu begegnen.

Aus ökologischer Sicht sind Effizienzsteigerungen und die Reduktion des Energieverbrauchs wesentlich. Angestrebt wird eine Verbesserung der Treibhausgasbilanz durch Einsatz neuester Technologien mit hoher Ressourcen- und Energieeffizienz sowie durch intelligente und systemorientierte Lösungen zur Optimierung der Energiesysteme.

Ein wesentlicher Teilaspekt in der Stadtentwicklung mit nachhaltiger Ausrichtung ist auch der langfristige Umstieg auf erneuerbare Energiequellen. Eine nachhaltige Stadt kümmert sich aktiv um zukunftsfähige Mobilitätsformen und deren infrastrukturelle Voraussetzungen. Parallel dazu forciert die Stadtplanung integrierte Planungsprozesse, zum Beispiel im Bereich Energie. Schließlich werden die Einwohner im Sinne einer optimierten Governance bei der Umsetzung von Maßnahmen aktiv eingebunden.

Fazit: Raiffeisen Capital Management ist derzeit in zwei Unternehmen, die im Rahmen des Engagement-Prozesses adressiert wurden, investiert. Es sind dies die französischen Unternehmen Schneider Electric und Legrand.

Nachhaltigkeitsbewertung

Im Rahmen einer nachhaltigen Stadtentwicklung kommen neue Technologien in den Bereichen Infrastruktur, Gebäude und Mobilität zum Einsatz. Um Ressourcen wie Energie und Wasser möglichst effizient zu nutzen, werden sie zunehmend auch intelligent vernetzt – wie in den Konzepten von „Smart Metering“ und „Smart Grid“.

Smart Metering betrifft die Energieversorgung von Haushalten und bedeutet „intelligente Zähler“. Diese Systeme können verbrauchte Mengen sowie die Verbrauchszeiträume messen, speichern und die Daten an Kunden oder Dritte kommunizieren. Smart Grid steht für ein „intelligentes Stromnetz“, das eine kommunikative Vernetzung von Stromerzeugung, -speicherung und -verbrauch ermöglicht. Damit sollen Energieübertragungs und -verteilungsnetze in der Elektrizitätsversorgung effizient gesteuert werden. Der Trend zu Smart Metering und Smart Grid wird durch das dynamische Wachstum bei erneuerbaren Energien und durch neue IT- Entwicklungen unterstützt.

Im Zusammenhang mit dem Thema Urbanisierung zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf Unternehmen in den Bereichen Smart Metering und Smart Grid ab.

  • Beschleunigt der Trend zur Urbanisierung die Entwicklung von Konzepten wie Smart Metering und Smart Grid? Welche Regionen zählen zu den Hoffnungsmärkten?
  • Welche aktuellen Entwicklungen und technischen Neuerungen prägen Smart Metering und Smart Grid? Sind die Technologien zu Smart Metering und Smart Grid bereits ausgereift?
  • Welche Ressourceneinsparungen sind mit Smart-Metering- und Smart-Grid-Systemen möglich?
  • Was sind die wesentlichen Hindernisse für ein schnelleres Wachstum in den Bereichen Smart Metering und Smart Grid?
  • Sind Neubauten im Vergleich zu Revitalisierungen von Altbauten im Vorteil, was den Einsatz von Smart Metering und Smart Grid betrifft?

Der Begriff Smart Grid wird regional unterschiedlich verwendet. Europa und Nordamerika sind seit einigen Jahren intensiv dabei, Smart-Grid-Lösungen zu implementieren. In Europa ist Italien bezüglich der Verbreitung von Smart Metering führend, in den USA gibt es große Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesstaaten. In den Emerging Markets kommt das Thema erst seit Kurzem in die Gänge. Der chinesische Markt weist umfangreiches Potenzial auf.

Urbanisierung bedeutet aber nicht nur eine steigende Nachfrage nach intelligenten Automatisierungslösungen für Gebäude und deren Energietechnik, sondern umfasst gemäß dem auf Umwelt- und Industriemesstechnik spezialisierten finnischen Vaisala-Konzern auch innovative Konzepte für Verkehrsmittel und abgeleitet für die industrielle Nahrungsmittelproduktion und Medizinprodukte sowie -dienstleistungen. Für Emerson Electric stehen zudem individuelle Lösungen für einzelne Haushalte im Mittelpunkt.

Bei Smart Grids handelt es sich mittlerweile um technisch ausgereifte Technologien, sowohl hinsichtlich Datenübertragung als auch Verbrauchssteuerung. Allerdings existieren bislang keine allgemeingültigen Standards für Smart Metering. Auch die Berechnung von Einsparungen ist, wie Legrand betont, derzeit nicht geregelt. Die Verwendung neuer Technologien wird jedoch immer wieder durch Finanzierungsengpässe und Veränderungen bei der Regulierung der Energiebranche gehemmt.

Sofern es keine klaren Vorgaben des Gesetzgebers gibt, verhindern die hohen Kosten einen flächendeckenden Einsatz der neuen Technologien durch die Energieversorgungsunternehmen. Neubauten weisen eine deutlich höhere Dichte an Kontroll- und Messtechnologien auf als revitalisierte Altbauten. In einzelnen europäischen Staaten sind mittlerweile Smart-Grid-Lösungen für Neubauten vorgeschrieben.

Zusammengefasst zählen zu den vielen Chancen von Smart-Grid-Technologien die Verbesserung der Energieeffizienz – in den einzelnen Haushalten kann Studien zufolge von Effizienzgewinnen von 4 % bis 12 % ausgegangen werden –, die Reduktion der Anzahl und Dauer von Stromausfällen sowie die Optimierung der Hardwarenutzung. Der Smart-Metering-Markt sollte in den nächsten fünf Jahren um kumuliert mehr als 50 % wachsen

Außerdem können durch Smart Metering Energieverluste, die nicht leitungsbedingt auftreten, wie etwa der Stromdiebstahl, adressiert werden. Ein weiterer Vorteil ist, dass das Bewusstsein des Kunden für seinen individuellen Energieverbrauch thematisiert werden kann.

Zu den Risiken von Smart-Grid-Technologien zählen einerseits Manipulationen, etwa durch Hacker-Angriffe oder auch durch den Kunden selbst. Andererseits sind bei der Vielzahl von generierten Datensätzen auch Themen des Datenschutzes von Relevanz.