Bericht an den Club of Rome*: Mit diesen Handlungsprinzipien tragen Investoren und Unternehmen wirklich zu den SDGs bei

von Prof. Dr.-Ing. Christian Berg, Mitglied im Anlageausschuss der GLS Bank.

Die weltweite Staatengemeinschaft hat sich 2015 auf 17 Nachhaltigkeitsziele, die Sustainable Development Goals (SDGs), geeinigt, die ambitionierte Zielvorgaben für den Zeitraum bis 2030 formulieren. Ein Drittel dieser Zeit ist bereits verstrichen. Doch die Probleme von Klimaschutz und Artensterben, sozialer Ungleichheiten und gesellschaftlicher Polarisierung nehmen eher zu als ab. Dabei hat das Interesse an nachhaltigen Investments in jüngster Zeit unglaublich zugenommen.

Wie kommt es zu diesem Widerspruch? Es gibt am Kapitalmarkt – wie in der Realwirtschaft – viel Greenwashing. Es ist schwer, den Überblick zu behalten, die Spreu vom Weizen zu trennen und richtig einzuschätzen, welche Investitionen wirklich auf das Ziel der Nachhaltigkeit einzahlen und welche nicht.

Der neue Bericht an den Club of Rome schlägt eine überschaubare Anzahl an Handlungsprinzipien für Nachhaltigkeit vor. Diese Prinzipien bieten eine Orientierungshilfe, welche Option in einer Entscheidungssituation die nachhaltigere ist.

Investoren und Unternehmen sollten insbesondere die folgenden 5 Prinzipien beherzigen:

1. Dekarbonisieren

Die Klimakrise ist eine der größten Herausforderungen für die Menschheit im 21. Jahrhundert. Sämtliche Prozesse in Wirtschaft und Gesellschaft sind deshalb so rasch wie möglich zu dekarbonisieren, also so auszurichten, dass sie ohne fossile Energieträger auskommen. Als Fossil Fuel Divestment ist dies inzwischen unter Investoren sehr verbreitet. In finanzieller Hinsicht dürften Investitionen in fossile Energien langfristig immer unattraktiver werden. Dass vor kurzem ExxonMobil nach 92 Jahren aus dem Dow Jones geflogen ist, ist ein wichtiges Symbol dieser Entwicklung. Berücksichtigt man künftige Kosten für CO2-Emissionen, wären 42 Prozent der Kohlekraftwerke über ihre gesamte Lebensdauer hinweg unprofitabel – ihre Kosten übersteigen die Erträge, so jedenfalls urteilt der britische Think Tank Carbon Tracker nach der Analyse der weltweiten Kohlekraftwerkskapazitäten (Carbon Tracker 2018).

2. Vielfalt fördern

Eigentlich dürfte es das Wort Monokultur gar nicht geben. Es ist so etwas wie ein eckiger Kreis. Denn Kultur kann niemals in der Einzahl vorkommen, immer nur in der Mehrzahl. Wir wissen heute aus ganz unterschiedlichen Zusammenhängen, von der Entstehung des Lebens über das Funktionieren von Ökosystemen bis zur Innovationsfähigkeit von Unternehmen, dass die spannenden Dinge nur passieren, wenn sich Systeme auf dem schmalen Grad von Chaos und Ordnung bewegen. Wenn alles ganz klar gegliedert und geordnet ist, wie in einer Monokultur, dann gibt es nichts neues, dann ist sozusagen alles vorherbestimmt. Wenn es, andererseits, nur Unordnung und Chaos gibt, kann auch nichts neues entstehen, weil man dafür immer auch eine gewisse Regelmäßigkeit und Struktur braucht. Neues entsteht nur in dem schmalen Bereich dazwischen. Und genau deshalb ist es so wichtig, Vielfalt zu fördern, denn Vielfalt ist die Voraussetzung dafür, dass Neues entstehen kann.

Für Investoren hat dies viele Implikationen. Zum einen sind Geschäftsfelder, die sozusagen per definitionem damit beschäftigt sind, Vielfalt zu fördern, per se schon attraktiv. Ökologische Landwirtschaft zum Beispiel hat immer auch das Ziel, Artenvielfalt zu befördern (SDG 2 fordert u.a. eine nachhaltigere Landwirtschaft und den Erhalt genetischer Vielfalt). Umgekehrt sind alle „Monokulturen“ zu vermeiden. Dies bezieht sich aber nicht nur auf das Geschäftsfeld, sondern auch auf die Geschäftspraxis. Wird auch im Unternehmen Diversität gefördert? Es gibt hinreichend viele und belastbare Studien, u.a. von McKinsey oder der Boston Consulting Group, die zeigen, dass Unternehmen, bei denen die Führungskräfte nach Kriterien der Diversität besetzt sind, erfolgreicher und innovativer sind als solche, die mit weißen Männern besetzt sind (was ja meist die Alternative ist).

3. Transparenz erhöhen

Eine große Hürde auf dem Weg zu einer nachhaltigeren Entwicklung sind Interessenkonflikte. Unterschiedliche Menschen bzw. Gruppen haben mitunter gegensätzliche Interessen: Kohlearbeiter fürchten um ihren Arbeitsplatz, Umweltaktivisten sorgen sich ums Klima. Solche Interessenkonflikte sind dann kein Problem, wenn über die unterschiedlichen Interessen in einem offenen und fairen Verfahren diskutiert und ein Interessenausgleich gesucht werden kann. Genau deshalb ist es zum Beispiel so wichtig, dass moderne Rechtsstaaten Meinungs- und Pressefreiheit haben.

Ein fairer Ausgleich von Interessen wird aber verhindert, wenn eine der beteiligten Parteien versucht, sich durch geheime Absprachen oder Zuwendungen Vorteile zu verschaffen. Korruption und Lobbyeinfluss haben immer wieder öffentlich vereinbarte Kompromisse konterkarriert.

Entscheidend ist, dass Unternehmen und Politik transparent die Beweggründe für ihre Entscheidungen kommunizieren.

Für Unternehmen und Investoren hat diese Forderung nach Transparenz weitreichende Folgen, beispielsweise über die ohnehin gesetzlich geforderten Offenlegungspflichten hinaus auch ihren Stakeholdern Transparenz über die Geschäftstätigkeit zu ermöglichen. Mit der vor kurzem in Kraft getretenen CSR-Berichtspflicht für Unternehmen mit mehr als 500 Mitarbeitenden und /oder mehr als 50 Mio Euro Umsatz geht die EU in dieser Richtung ebenso voran wie mit der Taxonomie für nachhaltige Investitionen. Stets geht es darum, Transparenz zu erhöhen.

4. Kapital aufbauen – in vielen Dimensionen

Mit dem gewachsenen Interesse an einer ganzheitlichen Bilanzierung und der Bedeutung nicht-finanzieller Leistungsindikatoren hängt auch ein erweiterter Kapitalbegriff zusammen. Warum erlauben wir als Gesellschaft, dass Firmen ihre Renditen erhöhen zu Lasten der Allgemeinheit oder auf Kosten der Umwelt? Der Sportartikelhersteller PUMA hat in einer Bilanzierung von Umweltschäden gezeigt, dass es die Umwelt in einem einzigen Jahr in einer Größenordnung von 145 Millionen Euro schädigt, dabei aber „gute“ ökonomische Renditen erzielt. Das ist letztlich ein Profit zulasten der Allgemeinheit. Diese zweifelhafte Logik wird künftig immer mehr in Frage gestellt werden und es ist m.E. nur eine Frage der Zeit, wann Unternehmen nicht mehr nur nach ökonomischer Rendite, Arbeitsplätzen und Steuerbeiträgen beurteilt werden und darüber großzügig hinweggesehen wird, wieviel Naturkapital sie dabei zerstört haben. Es liegt in der Logik einer ganzheitlichen Bilanzierung, dass sämtliche Kapitalarten darin berücksichtigt werden. Und das Ziel muss sein, über alle Kapitalarten hinweg eine positive Ertragsbilanz zu erwirtschaften. Es gibt heute schon Nachhaltigkeitspioniere, die sich in dieser Richtung bewegen, zum Beispiel solche, die Gemeinwohlbilanzen veröffentlichen.

5. Lokale und regionale Wertschöpfungsprozesse fördern

Die Corona-Pandemie hat vieles ans Licht der Öffentlichkeit gebracht, was vorher nur Eingeweihten vorbehalten war. Die unerträglichen Zustände in der Fleischindustrie gehören dazu. Auch wurde uns schmerzlich bewusst, wie abhängig wir vom Funktionieren globaler Lieferketten sind – sei es bei medizinischer Schutzausrüstung, bei Medikamten oder im produzierenden Gewerbe. Hier trifft sich der Ruf nach einer resilienteren Wirtschaft mit dem nach mehr ökologischer und sozialer Verträglichkeit – denn ein wichtiger Motor für die global verteilten Wertschöpfungsketten sind ja die Kostenvorteile, die Unternehmen dadurch realisieren, dass andernorts günstiger produziert werden kann. In einem gewissen Rahmen ist das sinnvoll und legitim, ganz gewiss aber nicht, wenn der Kostendruck dazu führt, dass eine Verletzung ökologischer und sozialer Mindeststandards in anderen Weltgegenden bewusst in Kauf genommen wird.

Es gibt viele gute Gründe, warum die Globalisierung zwar nicht rückgängig gemacht werden wird, es aber in den kommenden Jahren eine sehr viel stärkere Betonung lokaler und regionaler Wertschöpfungsprozesse geben wird:

  • Es gibt eine zunehmende Transparenz über die sozialen und ökologischen Standards in den Lieferketten bzw. auch die Verletzung entsprechender Mindeststandards (s.o.);
  • auch die Gesetzgebung wird in dieser Richtung aktiv („Lieferkettengesetz“);
  • bei Verbraucherinnen und Verbrauchern nimmt das Bewusstsein für die Implikationen ihrer Kaufentscheidungen zu;
  • die Pandemie hat gezeigt, wie wichtig es ist, zumindest in Schlüsselbereichen notfalls auch im heimischen Markt deutlich autarker produzieren zu können als bisher;
  • die globalen ökologischen Krisen und ihre öffentliche Diskussion werden zu steigenden Preisen für Transporte führen („CO2-Steuer“), was die Transaktionskosten erhöht und Anreize zur Auslagerung nach Übersee reduziert;

Fazit

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, dass entschlossenes Handeln in Wirtschaft und Politik auch in relativer kurzer Zeit möglich ist. Bis zum Jahre 2030 sind es noch knapp 10 Jahre. Um die avisierten 17 Ziele zu erreichen, werden die in diesem Artikel vorgestellten Prinzipien für nachhaltige Investitionen – Dekarbonisieren, Vielfalt fördern, Transparenz erhöhen, ein erweitertes Kapitalverständnis und eine stärkere Gewichtung lokaler und regionaler Wertschöpfungsprozesse – eine wichtige Rolle spielen. Bereits heute gibt es für einige dieser Prinzipien klare Indizien, dass sich der Markt in diese Richtung entwickelt. In dem sehr dynamischen Markt nachhaltiger Geldanlagen werden wir noch manche Überraschungen erleben. Lange nicht alles, was glänzt, wird Gold sein. Man ist deshalb gut beraten, sich auf Prinzipien zu verlassen, die bei der Beurteilung helfen, ob eine Investition auch tatsächlich auf das einzahlt, was sie zu leisten verspricht: uns dem Ziel der Nachhaltigkeit näher zu bringen.


*Der folgende Beitrag führt einige Gedanken weiter aus, die der Verfasser in seinem jüngsten Buch formuliert hat, das als Sustainable Action. Overcoming the Barriers zunächst bei Routledge, als Ist Nachhaltigkeit utopisch? Wie wir Barrieren überwinden und zukunftsfähig handeln dann bei oekom auf Deutsch erschienen ist.

Prof. Dr.-Ing. Christian Berg
beschäftigt sich seit gut 20 Jahren mit Themen nachhaltiger Entwicklung, insbesondere mit Blick darauf, was dies für Unternehmen und die Finanzwirtschaft bedeutet. Er lehrt als Honorarprofessor für Nachhaltigkeit und Globalen Wandel an der Technischen Universität Clausthal und ist Gastprofessor für Corporate Sustainability an der Universität des Saarlands. Zuvor war er bei SAP Chief Sustainability Architect. Prof. Dr. Berg ist Mitglied im Anlageausschuss der GLS Bank. Weitere Informationen unter www.christianberg.net.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von rund 600 Mio. Euro und zusätzlich den B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 02.09.2020).

Weiterführende Informationen:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de
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Digitalisierte Arbeitswelt

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Die analoge Welt der Vergangenheit ist im Wandel – Digitalisierung gilt als neuer Megatrend. Dabei wird der Terminus „Digitalisierung“ vor allem in zweierlei Kontext verwendet: Zum einen geht es um digitale Daten, deren Umwandlung und Darstellung sowie die digitale Weiterentwicklung, das digitale „Aufrüsten“ von Instrumenten und Geräten. Zum anderen ist die digitale Revolution ein viel diskutiertes Thema, das die gesamtwirtschaftliche Entwicklung betrifft, begleitet von Schlagwörtern wie „digitale Wende“ oder „Computerisierung“.

Die Digitalisierung hat in den letzten Jahren zu vielfachen, grundlegenden Veränderungen im Wirtschaftsleben geführt, wie zur Vereinfachung von Kopier- und Distributionsmöglichkeiten von Inhalten, zur Verschmelzung von Virtualität und Realität und schließlich zu einer Neugestaltung der Arbeitswelt. Viele Unternehmen und Branchen wurden zu rigorosen Einschnitten und Anpassungsprozessen gezwungen – um beispielsweise gegenüber neuen Playern, die für ihr Unternehmen keine eigenen Gerätschaften, Fahrzeuge oder Immobilien benötigen, konkurrenzfähig zu bleiben. Als Beispiele für die – bedingt durch die Digitalisierung – neuen Rahmenbedingungen in der Wirtschaft seien der Aufstieg der sozialen Netzwerke sowie der Trend zu einerseits Automatisierung/Robotik und Künstlicher Intelligenz andererseits genannt.

Die Aspekte der Veränderung durch die Digitalisierung sind vielschichtig. Unternehmen, die hinter sozialen Netzwerken stehen, erstellen keine oder nur in geringem Ausmaß eigene Inhalte. Der von den Usern generierte Content wird analysiert und zur – für Werbezwecke verwendeten – Personalisierung genutzt. Hinter dem Schlagwort „Industrie 4.0“ stehen eine fortschreitende Roboterisierung, automatisierte Prozessketten und das „Internet der Dinge“. Schließlich erlauben Big Data und Künstliche Intelligenz aktuelle und detaillierte Analysen in bisher nicht gekanntem Ausmaß.

EINE NEUE ARBEITSWELT

Die Arbeitswelt wird immer digitaler und globaler, sie hat bereits einen dynamischen Wandel hinter sich und wahrscheinlich einen noch dynamischeren vor sich. Zu den zuletzt auch durch die Corona-Pandemie verschuldeten wesentlichen Änderungen der vergangenen Monate und Jahre zählen nicht nur massive Steigerungen bei E-Commerce, kontaktlosem Bezahlen und Essenszustellungen nachhause, sondern auch viele Aspekte der täglichen Arbeit, des täglichen Agierens auf geschäftlicher Ebene. Das oft zitierte und postulierte papierlose Büro scheint immer mehr Wirklichkeit zu werden, es eröffnen sich immer mehr Möglichkeiten einer Zusammenarbeit „auf Distanz“.

INDIVIDUELLE ARBEITSEINTEILUNG

Die Digitalisierung der Arbeitswelt führt zur verstärkten Möglichkeit einer individuellen Einteilung und Strukturierung der Arbeit. Diejenigen, die in der Digitalisierung schon sehr weit fortgeschritten sind, werden als „digitale Nomaden“ bezeichnet. Sie können von überall aus arbeiten und haben den Vorteil, nicht an stationäre Geräte gebunden zu sein. Aber für die meisten der täglich mit einem Computer arbeitenden Beschäftigten hat flexibles Arbeiten mittlerweile eine neue, wenngleich nicht derart ausgeprägte Dimension erreicht. Heimarbeit und Büroarbeit nebeneinander sind inzwischen auch von Seiten der Arbeitgeber immer mehr toleriert, teils sogar erwünscht. Man kann eine stete Weiterentwicklung weg von den klassischen Arbeitsmodellen, die bisher meist auf strikte Abläufe und Präsenzzeiten – man spricht oft von „9 to 5“-Jobs – gesetzt haben, beobachten.

HINDERNISSE BEI DER UMSETZBARKEIT VON HEIMARBEIT

Im Detail betrachtet, gibt es einige Hindernisse bei der Umsetzbarkeit einer digitalen Arbeitswelt zuhause. Denn der Trend zu Homeoffice oder Homeworking hat vielfältigste Aspekte, und nicht für alle Berufstätigen besteht überhaupt die Möglichkeit zur Heimarbeit. Unter dem finanziellen und damit sozialen Gesichtspunkt sind die Leistbarkeit von Raum und Equipment sowie die notwendige Ungestörtheit wesentliche Themen. Es stellt sich die Frage, ob der notwendige Raum für den Arbeitsplatz überhaupt vorhanden ist und wie die letztendlich großteils vom Arbeitnehmer bzw. von der Arbeitnehmerin zu finanzierende technische Ausstattung ausgestaltet ist, die ein effizientes Arbeiten zuhause überhaupt erst möglich macht. Zudem sind Ablenkungen durch Familie und Mitbewohner zum Teil schwer in den Griff zu bekommende Probleme.

VORTEILE UND CHANCEN

Zu den großen Vorteilen der Digitalisierung zählt zunächst die erhöhte Flexibilisierung, die nicht nur die Arbeitszeiten und das örtliche Umfeld, sondern den gesamten Arbeitsablauf betrifft. Diese neue Umfeldsituation kann zu besserer Motivation und zu einer Steigerung der Kreativität führen. Durch den Wegfall von Arbeitswegen ergibt sich eine mitunter deutliche Zeitersparnis, das Einsparen der Fahrzeit zum Arbeitsplatz bedeutet ein Mehr an Freizeit. Die vermehrte Anwesenheit zuhause und die Zeitersparnis können wiederum zu einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen.

SOZIALE FOLGEN

Mit der Digitalisierung wird die Arbeit dezentralisiert. Mitarbeitende erhalten die Chance, ihren Arbeitsalltag selbst zu bestimmen und zu gestalten, sie können nicht nur selbst festlegen, wann und wo sie arbeiten, sondern auch wie. Aber genau diese Entwicklung ist auch eine große Herausforderung an das eigene (Zeit-)Management.

Zu den gesellschaftlichen Folgen der Digitalisierung in Zusammenhang mit einem höheren Anteil an Homeworking zählt ein potenzieller Rückgang an sozialen Kontakten, da die Kommunikation teils erschwert ist oder aktiv gesucht werden muss. Damit verbunden ist das Risiko einer akzentuierten Vereinsamung. Dazu zählt auch der Effekt des „Cocoonings“, des Sich-Zurückziehens aus der Zivilgesellschaft in das häusliche Privatleben. Dieser Trend ist generell in als bedrohlich empfundenen Krisenzeiten verstärkt zu beobachten und wird durch die aktuelle Pandemie zusätzlich befeuert.

Das Auseinanderhalten von Arbeitszeit und Freizeit und die permanente Erreichbarkeit sind oft vor allem für an Homeworking nicht gewöhnte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Herausforderung. Oft ist der Arbeitsalltag nur mangelhaft strukturiert. Das physische Verlassen des Arbeitsplatzes als Signal zur Beendigung der täglichen Arbeit fällt weg, ein psychologisch gefährliches Kontinuum stellt sich ein.

Der Aufbau einer Teamkultur wird durch ein hohes Ausmaß an Heimarbeit konterkariert. Die Teammitglieder müssen sich stärker um Kontakte bemühen, die bei einer gemeinsamen Präsenz im Büro automatisch gegeben wären.

EFFIZIENZ

Ohne physische Nähe zu der Kollegenschaft effizient zu arbeiten, ist durch die verbesserten Möglichkeiten des externen Zugriffs auf Daten und Systeme mittlerweile sehr einfach geworden. Auch der Kommunikationsaspekt – verbal wie visuell – kann zumindest theoretisch bereits gut abgebildet werden. Die digitale Arbeitswelt unterstützt die bereits in den letzten Jahren zu beobachtende Tendenz zu flacheren Hierarchien, auch können sich bestehende Kompetenzprofile verändern.

IT-VERSTÄNDNIS

Voraussetzung für das effektive Arbeiten zuhause ist neben dem Vorhandensein einer entsprechenden IT-Infrastruktur das Verständnis der sich immer schneller weiterentwickelnden IT-technischen Systemlandschaft. IT-Schulungen haben in diesem Kontext einen noch höheren Stellenwert, vor allem Ältere sind mit den entsprechenden Skills auszustatten, um in der digitalisierten Arbeitswelt erfolgreich sein zu können. Dem für den extern Arbeitenden rund um die Uhr verfügbaren IT-Support kommt hohe Bedeutung zu.

ÖKOLOGISCHE ASPEKTE DER NEUEN ARBEITSWELT

Die technische Ausstattung zweier Arbeitsplätze für jeden Mitarbeiter birgt große ressourcentechnische Nachteile. Auf der anderen Seite hat der Wegfall der An- und Abreise zum Arbeitsplatz positive ökologische Aspekte. Vor allem der individuelle Straßenverkehr sollte durch den Trend zum Homeworking rückläufig sein.

Eine verbesserte IT-Landschaft, die bereits erwähnte Duplizierung der Arbeitsplätze, aber auch jede zusätzliche Datenspeicherung und jede Erhöhung der Serverkapazität bedeuten nicht nur einen immer größeren ökologischen Fußabdruck des technischen Equipments selbst, sondern auch immer höhere Aufwendungen an Energie. Dabei kann man zwischen dem Stromverbrauch der Datenzentren (Cloud), der Haushalte und Wirtschaft über Endgeräte und jenem des Internets unterscheiden. Vor allem der Energieverbrauch der Datenzentren ist zuletzt sprunghaft angestiegen. Der IT-bezogene Stromverbrauch, also der gesamte Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT), verursacht nach Schätzungen der französischen Non-Profit-Organisation „The Shift Project“1 etwa 3,7 % aller Treibhausgasemissionen weltweit, die Steigerungsraten betragen aber rund 9 % jährlich gegenüber einem Gesamtwachstum des globalen Stromverbrauchs von mittel- bis langfristig erwarteten 3 %2.

DIGITALISIERTE ARBEITSWELT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITS- DIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die fortschreitende Digitalisierung birgt zwar das Potenzial für die Effizienzsteigerung von Prozessen, andererseits wächst wachstumsbedingt der Energiebedarf der Informations- und Kommunikationstechnologien sprunghaft und bewegt sich deutlich über dem allgemeinen Wirtschaftswachstum.

S (Social)

Das Profitieren von der fortschreitenden Digitalisierung ist einerseits an eine geeignete IT-technische Ausstattung und andererseits an entsprechendes Know-how gebunden. Diese Kombination von höhere Einkommensschichten bevorzugenden Faktoren kann soziale Ungleichheiten verstärken.

G (Governance)

Digitalisierung und Datensicherheit sind zwei eng verwobene Themen. Regeln und Initiativen zum Thema Datensicherheit können sowohl von Unternehmens- wie auch von staatlicher Ebene kommen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist Digitalisierung ein wesentliches Zukunftsthema. Der Sektor IT ist in nachhaltigen Investments strukturell übergewichtet.


1) Quelle: https://theshiftproject.org/en/article/lean-ict-our-new-report/
2) Quelle: IEA, BP

„It's all about risks“: Absolut Return auf der Basis von Aquakultur

von Reinhard Liebing, Geschäftsführer der SUSTAINABLE INVESTING TRUST StBG mbH.

Durch Innovationen, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Elektrifizierung, Prozessoptimierung von CO2 intensiven Prozessen, und Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft kann eine nachhaltigere Zukunft gestaltet werden. Wie schnell und wie weit diese Veränderungen gehen werden, kann derzeit noch nicht gänzlich abgeschätzt werden. Das ökonomische und technische Umfeld steht vor größten Herausforderungen. Hinzu kommen das andauernde Niedrigzinsumfeld und die politischen Unsicherheiten sowie die Klimaveränderungen und ihre physischen Auswirkungen. Langfristige Trends wie das globale Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung, und die nachhaltige Ernährung können hierbei allerdings als eine Richtschnur dienen, um die Chancen der Veränderungen auch positiv zu begreifen.

Bevölkerungswachstum, Überfischung, und Aquakultur

Aktuell leben ca. 7,6 Mrd. Menschen auf unserem Planeten. 2030 werden es ca. 8,6 Mrd. Menschen sein. 2050 werden voraussichtlich ca. 9,8 Mrd. Menschen unseren Planten bevölkern. Ein Wachstum um ca. 30 % bei konstanten Ozeanen und Meeren.

Aufgrund der massiven Überfischung sind die Ozeane und Weltmeere an ihrer Grenze. Bedingt durch das Bevölkerungswachstum entsteht eine zunehmende Nachfrage nach Meeresfrüchten als wertvolle Proteinquelle. So wächst die Nachfrage nach Meeresfrüchten und Fisch aktuell doppelt so schnell wie die Zunahme des Bevölkerungswachstums.

Aquakultur gehört nach einem Research Dokument der Rabobank aus dem Jahr 2018 zu den schnellsten wachsenden Sektoren zur Erzeugung von tierischen Proteinen. In nur 6 Jahren hat sich der Wert seit 2010 bis 2016 um fast 100 Mrd. US$ auf ca. 232 Mrd. US$ erhöht (eine durchschnittliche Wachstumsrate von ca. 10 %). In den Jahren davor dauerte es 15 Jahre, für einen Zuwachs von ca. 94 Mrd. US$.

Zu den Zugangswegen für Investoren zählen insbesondere börsengelistete Gesellschaften, Direktbeteiligungen, oder Fondsinvestments. Allerdings ist das Universum der Fondsinvestments mit entsprechenden Managern noch überschaubar.

Mehr als die Hälfte der konsumierten Meeresfrüchte stammt heute bereits aus der Aquakultur. Die bisherige Aquakultur in Teichen und Seegehegen ist stark von den Umweltbedingungen abhängig und unterliegt in deren Folge hohen Produktionsschwankungen.

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen aus 2018 haben 93% der Wildbestände die maximale Fangquote erreicht. Folglich ist die Steigerung der Produktion von Meeresfrüchten aus Aquakultur unerlässlich, um die gestiegene Nachfrage von ca. 33 Mio. Tonnen pro Jahr bis 2030 befriedigen zu können.

Fische – effizient und nachhaltig aufzuziehende Tiere

Fische gehören zu den am effizientesten aufzuziehenden Tieren, da ihr Futterverwertungsverhältnis so niedrig ist. Das Futterverwertungsverhältnis ist die Futtermenge, die ein Tier benötigt, um ein Kilogramm Körpergewicht zu erreichen. Aufgrund jahrelanger Forschung über die spezifischen Ernährungsbedürfnisse ist der Atlantische Lachs heute das am effizientesten aufzuziehende Tier mit dem niedrigsten Futterverwertungsverhältnis. Typischerweise benötigt Atlantischer Lachs 1,15 kg Futter, um 1 kg Körpergewicht zu erreichen. Schweine brauchen mehr als doppelt so viel Futter wie Lachse, um 1 kg zuzunehmen, während Schafe fast sechsmal so viel fressen müssen.

Quelle: https://www.skretting.com/en/faq/how-much-wild-fish-is-needed-to-feed-farmed-fish/

Fisch hat auch einen relativ hohen Ernteertrag im Vergleich zu anderen Zuchttieren. Der Ernteertrag ist der Prozentsatz des Tieres, der nach der Entfernung ungenießbarer Teile genutzt werden kann. So hat beispielsweise atlantischer Lachs einen Ertrag von ca. 86%. Huhn hat im Vergleich dazu einen Ernteertrag von nur 47 %.

Lachsaufzucht in Off- und On-Shore Aquakulturen

Im Mittelpunkt der Off-Shore Aquakultur steht die Aufzucht des atlantischen Lachs. Lachse benötigen eine Wassertemperatur von 2-20 Grad Celsius. Daher kann Lachs nur in bestimmten Regionen der Welt, wie Norwegen, Schottland, Chile, und Kanada aufgezogen werden. Die Aufzucht der Lachse im Meer ist jedoch nicht unproblematisch. So werden gegen Parasiten wir die Lachslaus erhebliche Mengen an Chemikalien und Pestiziden eingesetzt, um diese zu bekämpfen. Nach vorliegenden Schätzungen werden von den Gestehungskosten für 1 Kilogramm Lachsfleich ca. 25 % für die Bekämpfung der Lachslaus im Meer aufgewendet. Darüber hinaus belasten die Exkremente der Lachsfarmen das Meerwasser. Aufgrund der Stürme auf See entkommen häufiger größere Fischmengen aus den Gehegen. So sind bei einem der letzten Stürme im August dieses Jahrs vor Schottland Lachsfarmen vom Weltmarktführer Mowi schwer beschädigt worden. Etwa 30.000 Lachse starben in Folge des Sturmes und ca. 50.000 Lachse entkamen aus den Netzen. Ähnliche Vorkommnisse vor Britisch Columbia haben dazu geführt, dass die kanadische Regierung plant die Genehmigungen für die Off-Shore Aquakultur vor Britsch Columbia einzustellen, da die Zuchtlachse für die Meere und die Wildlachse ernstzunehmende Belastungen darstellen. So weist der Premierminister Justin Trudeau in einem Schreiben vom 13. Dezember 2019 die Ministerin für Fischerei an, „mit der Provinz Britisch Columbia und den indigenen Gemeinschaften zusammen zu arbeiten, um einen verantwortungsvollen Plan für den Übergang von der offenen Netzgehe-Lachszucht in den Küstengewässern Britsch-Kolumbiens bis 2025 zu erstellen, und mit der Arbeit an der Einführung des ersten kanadischen Aquakulturgesetztes überhaupt zu beginnen.“

Swiss Lachs als ein Erfolgsbeispiel

Eine Alternative zu der Off-Shore Aufzucht ist die landbasierte Aufzucht der Lachse in sogenannten Kreislaufanlagen, die bereits weltweit im Einsatz sind. Swiss Lachs, eine Indoor Lachsaufzucht im bündnerischen Misox, ist hierfür ein Erfolgsbeispiel, das aktuell sogar noch ausgebaut werden soll. Diese Kreislaufsysteme bestehen aus Aufzuchtbecken, die durch Rohre an ein Filtersystem (in der Regel Biofilter) miteinander verbunden sind. Wasser zirkuliert fortlaufend und bildet insoweit einen geschlossenen Kreislauf. Das Wasser wird ständig gefiltert und bei fortschrittlicher Technik ist nur ein minimaler Anteil an Wasser nachzufüllen. Pumpen lassen das Wasser zirkulieren und erzeugen in den Becken eine künstliche Strömung, die dem natürlichen Bewegungsdrang der Fische entgegenkommt. Durch die Abgeschlossenheit der Systeme wird sichergestellt, dass keine schädlichen Umwelteinflüsse auf die Tiere einwirken. Insofern bedarf es auch keiner Antibiotika und Zusatzstoffe wie Pestizide oder Hormone. Zugleich verbietet sich beim Einsatz von Biofiltern die Verwendung von Antibiotika.

Bislang wachsen alle geschlüpften Lachse zunächst an Land auf und werden erst später ins Meer ausgesetzt. Da in einigen Regionen der Welt mittlerweile keine weiteren Lizenzen für Off-Shore Lachsfarmen vergeben werden, wachsen die jungen Lachs in diesen Regionen der Welt nun schon fast 2 Jahre an Land auf, um die verbleibende Zeit bis zur „Ernte“ im Meer zu verbringen.

Aquakultur – Risikomanagement, Nachhaltigkeit, und Skalierbarkeit der Assetklasse

Bei landbasierten Kreislaufanlagen sind vier zentrale Risikotypen zu beachten:

  • Operationale Risiken, bspw. Technologische Probleme, Biologische Herausforderungen wie Krankheiten, Parasiten, Produktqualität wie Farbe, Geschmack, Struktur
  • Marketing und Vertriebsrisiken, wie Kundenakzeptanz, Preisrisiken, Vermarktungsrisiken
  • Regulatorische Risiken, wie Genehmigungen, Akzeptanz auf lokaler Ebene, Wasserver- und entsorgung
  • Finanzielle Risiken, bspw. hohe Investitionskosten und Profitabilität

Die meisten der vorstehenden Risiken lassen sich mit einem kompetenten und erfahrenen Team, einem passenden Standort und einem Industriepartner mit langjähriger Erfahrung in der Entwicklung und der Umsetzung von Aquakultur Kreislaufanlagen erfolgreich managen, wenn zudem ein starkes Business- und Marketing Konzept vorliegt.

In der Praxis sehen wir Projekte, bei denen nachhaltiger Landlachs unter Berücksichtigung der SDGs in Deutschland zu attraktiven Erträgen aufgezogen werden kann. Dieser Landlachs wächst bspw. in Ostdeutschland in Regionen auf, die hervorragende Wasserqualitäten und -mengen besitzen. Für geplante erste 5.000 Tonnen Jahresproduktionen liegen in dem Fall zudem schon schriftliche LOI´s für jährliche Abnahmemengen von über 7.000 Tonnen von größten deutschen Handelsorganisationen vor.

Fertigstellungsrisiken werden durch entsprechende Fertigstellungsgarantien bonitätsstarker Bauunternehmen abgesichert und der Betrieb der Anlagen in der Anlaufphase durch Funktionsgarantien von Weltmarktführern aus der Aquakulturindustrie reduziert.

Nachhaltig erzeugte landbasierte Lachsaufzucht mit skalierbarer erprobter Technologie für die Märkte der Regionen bittet attraktive Renditen mit einem hohen SDG Impact. Biosicherheit in Kombination mit Biofutter und Transparenz der Nahrungsmittelproduktionsketten lässt sich somit erreichen. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein kompetentes und erfahrenes Team, dass gemeinsam die Herausforderungen der Aquakultur managend. Wie die Covid 19 Pandemie zeigt, unterliegen ganze Wirtschaftsstrukturen wie Luftfahrt, Transport und Touristik biologischen Risiken, die durch entsprechende Hygienekonzepte gesteuert werden müssen. Eine ganzheitliche Betrachtung der wirtschaftlichen Eco-Systeme verknüpft mit den ökologischen Eco-Systemen vor dem Hintergrund der vorhandenen Megatrends ist ein Schlüssel in eine nachhaltigere Welt.


Kontakt: info@susi-trust.com

Adaption und der Klimawandel

von Dominik Benedikt, Senior Research Analyst der Erste Asset Management.

Gewisse Auswirkungen des Klimawandels könnten mit hoher Sicherheit eintreten, entweder weil die physikalischen Veränderungen schon zu weit fortgeschritten sind, um diese noch aufzuhalten, oder weil die Kosten um sie aufzuhalten exorbitant wären.

Dies ist der Grund, warum die internationalen Verträge wie das Klimaabkommen von Paris vom 1,5 – 2°C Ziel sprechen, aber niemals vom +/- 0°C-Ziel. Es geht darum den Klimawandel auf ein erträgliches Ausmaß zu beschränken, nicht (mehr) darum ihm gänzlich Einhalt zu gebieten. Wir müssen uns daher auf die neue Realität, wie im Weinbau, einstellen und uns dafür umstellen.

Die Prozesse dieser Umstellung werden unter dem Begriff Adaption zusammengefasst, dem letzten der fünf großen Themenblöcke des Erste Green Invest, die ich für Sie über die letzten Wochen beleuchten durfte. Während das Beispiel des Weinbaus gewissermaßen noch ein Luxusproblem umreißt, geht es in anderen Bereichen ums Überleben, wie in der Medizin und dem Küstenschutz.

Trockene Füße

Etwa zwei Drittel der Niederlande sind Überschwemmungsgebiet. Die modernen Schutzbauten gehen auf die 1920er Jahre zurück, selbst wenn die ersten Pläne dafür schon 17. Jahrhundert entstanden waren. Die so genannten Zuiderzeewerke trennten mit Hilfe hoher Dämme und Deiche die flachen Gewässer vor der niederländischen Küste von der Nordsee.

Durch den Bau von Poldern konnten beachtliche Landflächen gewonnen werden. Doch bereits 1937 stellte sich heraus, dass Teile der Schutzbauten unzureichend waren, ein Umstand den 1953 tausende Menschen mit ihrem Leben bezahlten. Die Niederlande antworteten mit dem Bau der noch fortgeschritteneren Deltawerke, die erst 1997 abgeschlossen wurden. Die Bauwerke wurden von der Amerikanischen Gesellschaft der Zivilingenieure sogar zu einem modernen Weltwunder erklärt.

Dennoch und trotz aller sukzessiven Verstärkungen der Schutzbauten, erkannten die niederländischen Ingenieure zuletzt, dass weiterhin Schwächen im Küstenschutz bestehen. Um den erwartbaren Folgen des Klimawandels – ein nur rund ein Meter höherer Meeresspiegel bis 2100 – zu widerstehen, müssen die aktuellen Dämme etwa auf die zehnfache Stärke ertüchtigt werden.

Andere Regionen können mit den gegenwärtigen Methoden nicht mehr geschützt werden. Stattdessen werden gewisse Gebiete aufgegeben und als Überflutungsbecken definiert. Das Ziel ist mit sanftem Küstenschutz dort Erfolg zu haben, wo die bisherigen schweren Verbauungen angesichts steigender Wasserspiegel nicht mehr funktionieren oder nicht mehr finanzierbar sind.

Unternehmen für Küstenschutz

Ein Unternehmen, das in diesem Bereich besonders aktiv ist, ist die niederländische Royal Boskalis, in die auch der ERSTE GREEN INVEST investiert ist. Das Unternehmen widmet sich allen Bereichen des Küstenschutzes. Es widmet sich insbesondere auch der Entwicklung neuer Lösungen sanften Küstenschutzes unter Berücksichtigung natürlicher Gegebenheiten, etwa durch künstliche Mangroven oder Korallenriffe.

Damit entstehen potentiell lebensrettende Antworten für ärmere Entwicklungsländer wie Bangladesch. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass das Land bis 2050 rund elf Prozent seiner Landfläche an das steigende Meer verlieren wird. Rund 15 Millionen Menschen werden durch diesen Anstieg des Wassers um nur 50cm ihre Heimat verlieren.

Aktuell arbeitet das Unternehmen an einem Pilotprojekt in Java, das als Low-Tech Lösung bei einer Vielzahl betroffener Küsten- oder Inselstaaten in Südostasien und Afrika dienen könnte, für die harte Verbauungen wie in den Niederlanden unfinanzierbar sind.

Adaption ist überall nötig

Viele Aspekte der Adaption stecken noch in den Kinderschuhen, werden aber mit Fortschreiten des Klimawandels immer bedeutender. Dies betrifft die Landwirtschaft und die damit verbundene Ernährungssicherheit, ebenso wie den Tourismus, gerade etwa in den Alpen.

Die Tropenmedizin wird durch die Ausbreitung von Tropenkrankheiten nach Europa an zentraler Bedeutung gewinnen, und die Pharmaforschung entsprechend umdenken müssen. Aber auch so banale Themen wie der steigende Bedarf an Klimatisierung verlangen nach neuen Lösungen, um nicht durch energiefressende Klimaanlagen, den Klimawandel noch zusätzlich zu befeuern.

All dies sind Risiken, aber auch Chancen, für jene Unternehmen, die dafür Lösungen liefern. Aktuell macht der Themenblock Adaption nur rund 9% des ERSTE GREEN INVEST aus. Ein Anteil, der aber mit Sicherheit über die nächsten Jahre mit der Bedeutung des Themas steigen wird.


Der ERSTE GREEN INVEST investiert weltweit vor allem in Unternehmen aus dem Bereich Umwelttechnologie. Der Investmentprozess des Fonds basiert auf fundamentaler Unternehmensanalyse. Die Titelauswahl erfolgt mit Fokus auf Unternehmen welche vor allem in den Bereichen EnergieWasser, Abfall & RecyclingTransformation und Adaption tätig sind. Eine messbare positive Auswirkung (Impact) auf Umwelt beziehungsweise Gesellschaft steht bei der Investmententscheidung im Vordergrund.

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Die GLS Bank: Investitionen im globalen Süden

von Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, GLS Bank.

Die GLS Bank ist als sozial-ökologische Universalbank bekannt, die viele soziale und ökologische Projekte in Deutschland finanziert und transparent darüber berichtet. Weit weniger bekannt ist, dass die Bank in den vergangenen Jahren auch verschiedene Instrumente und Aktivitäten entwickelt hat, um in Ländern des Globalen Südens (im Finanzmarkt Emerging Markets genannt) als gesellschaftlich verantwortungsbewusster Investor zu wirken. Ein Überblick.

Der GLS AI – Mikrofinanzfonds: Die finanzielle Teilhabe stärken

Im Dezember 2015 hat die GLS Bank einen Mikrofinanzfonds ins Leben gerufen.  Der Fonds will Menschen den Zugang zu Finanzdienstleistungen weltweit ermöglichen. Damit verfolgt der Fonds bewusst ein entwicklungspolitisches Ziel: Nur wer Zugriff auf Kredite, Sparangebote oder Versicherungen hat, kann auch am gesellschaftlichen Leben teilhaben. Der Fokus liegt auf benachteiligten Bevölkerungsgruppen, vor allem in entlegenen Gebieten.

Bei der Kreditvergabe wird besonders auf faire Kreditkonditionen Wert gelegt. Dazu hat die GLS Bank spezielle Anlagerichtlinien für Mikrofinanz erarbeitet, die von einem Anlagebeirat festgelegt und regelmäßig überprüft werden. Zu den Ausschlusskriterien zählen u.a. ausbeuterische Kinderarbeit, Raubbau in (Regen-)Wäldern, Verletzung der Landrechte indigener Bevölkerungen oder intransparente Kostengestaltung. Um einer Überschuldung der Kreditnehmer*innen vorzubeugen, ist der Fonds nur sehr begrenzt in Ländern mit erhöhtem Aufkommen von Mikrokrediten aktiv. Der Fonds beabsichtigt eine breite geographische Streuung. Über die Hälfte der Kredite werden in Ländern mit geringen und mittleren Einkommen in Südeuropa, Lateinamerika, Asien und Afrika vergeben.

Der Fonds hat mittlerweile ein Volumen von knapp 190 Mio. Euro und verzeichnete auch im Rahmen der Corona-Pandemie monatlich Nettozuflüsse.

Platzierung und Zeichnung von Anleihen strukturierter Entwicklungshilfefonds

Die GLS Bank unterstützt strukturierte Entwicklungshilfefonds bei der Platzierung von Anleihetranchen und agiert auch selbst als Investor. Bei den als Private-Public-Partnerships ausgestalteten Fonds handelt es sich um moderne Instrumente der Entwicklungsfinanzierung: Öffentliche Investoren wie das BMZ oder die KfW stellen das Eigenkapital in den Junior-Tranchen bereit. Die Senior-Tranche steht privaten Investoren zur Verfügung. Sie können Inhaberschuldverschreibungen ab einer Investitionssumme von 200.000 Euro erwerben. Dieser Mechanismus bietet einen hohen Schutz, da die Anleihegläubiger erst im Risiko sind, wenn das Eigenkapital des Fonds aufgebraucht ist. Der Risikopuffer beträgt in der Regel 65 bis 80 Prozent. Die Platzierung erfolgt ausschließlich im Rahmen eines Private Placements und eine Zeichnung ist nur für so genannte "well-Informed Investors" möglich.

Inhaltlich finanzieren die Fonds kleingewerbliche Institute in benachteiligten Regionen im globalen Süden so wie der SANAD Fonds (arabisch für “Unterstützung“). Dieser fördert die Beschäftigung, insbesondere für junge Menschen, im Mittleren Osten und in Nordafrika. Mehr als 90 Prozent der Endkredite werden an Kleinstunternehmen (weniger als 10.000 US Dollar) vergeben. Wie bei den GLS Fonds gibt es auch hier strenge Positiv- und Ausschlusskriterien (keine Waffen, Zwangsarbeit, Glücksspiel, usw.) Darüber hinaus werden mittels eines Technical Assistance Programms Institute und Endkreditnehmer geschult und weitergebildet.

GLS Bank Klimafonds: Zeichnung von Anleihen mit hohem Impact

Der GLS Bank Klimafonds leistet auch in Ländern des globalen Südens einen Beitrag zum Klimaschutz. Dazu zeichnet der Fonds selektiv auch Anleihen von Unternehmen, mit denen klimafreundliche Vorhaben in Ländern des Globalen Süden finanziert werden.

  • Die Hylea-Gruppe: das Unternehmen aus Bolivien ist auf den Anbau sowie Vertrieb von Paranüssen spezialisiert. Die zu 100 Prozent ökologische Produktion leistet einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. Die nusstragenden Bäume dienen als CO2-Speicher. Der Paranussbaum kann nur in einem intakten Ökosystem überleben. Die wirtschaftliche Nutzung des Baumes bildet somit einen Anreiz, den Regenwald zu schützen, und macht Rodungen mit anschließender land- oder viehwirtschaftlicher Nutzung unattraktiv.
  • Die Africa GreenTec AG: Das Unternehmen baut und betreibt Solarkraftwerke in Form mobiler Solarcontainer in Südmali. Nur 17 Prozent der dortigen Bevölkerung haben Zugang zu Strom. Dieser wird in der Regel mithilfe von Dieselkraftwerken und -generatoren erzeugt. Mit Emission der Anleihe will das Unternehmen Solarcontainer finanzieren, mit denen mindestens 250.000 Menschen vor allem in ländlichen Gebieten dezentral mit Solarstrom versorgt werden können. Die Wartung und Pflege erfolgen durch einen regionalen Partner. Für diese Arbeiten werden Servicemitarbeiter aus der Region entsprechend ausgebildet.

Technical Assistance und Mission Investing Forum

Auch über die Investition und Platzierung hinaus fördert die GLS Bank Aktivitäten im Globalen Süden:

  • Für ihren GLS AI – Mikrofinanzfonds hat sie eigene Technical Assistance Maßnahmen ins Leben gerufen. Der Begriff umfasst technisch Beratungs- und Unterstützungsdienstleistungen für Mitarbeitende von Finanzinstituten oder der Bevölkerung in den Regionen. Mit diesen Programmen leistet die Bank konkrete Hilfe vor Ort oder ermöglicht den Wissenstransfer zwischen den Kontinenten.
  • Mit den Einnahmen aus dem GLS Bank Klimafonds unterstützt die GLS Bank auch Klimaschutzprojekte in Afrika und Lateinamerika. Die Projekte verbinden Klimaschutz mit sozialen Aspekten. Dazu zählen dieses Jahr der Aufkauf und die biodynamische Bewirtschaftung von Regenwald zum Schutz vor Rodungen in Peru oder die finanzielle Förderung von Solarkiosken und Biogasanlagen, welche einen Ersatz für den Einsatz von Dieselgeneratoren oder für das Verbrennen von Feuerholz darstellen.
  • Seit 2012 veranstaltet die GLS Bank jährlich das Mission Investing Forum in Bochum. Dafür ging die Bank eine Partnerschaft mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen ein. Es werden abwechselnde inhaltliche Schwerpunkt gesetzt, um aktuell relevante Fragestellungen rund um Stiftungen aufzugreifen, u.a. zu Finanzierungsmöglichkeiten in Afrika.

Nicht nur die GLS Bank, sondern auch die GLS Treuhand ist aktiv in Ländern des Globalen Südens. Die GLS Treuhand will gemeinsam mit Stifter*innen und Spender*innen grundlegenden, gesellschaftlichen Wandel anregen, hin zu einer sozial gerechten, friedlichen und ökologischen Welt. Dies tut sie in ihren Handlungsfeldern mit Beratung und Förderung. Vor dem Hintergrund hat sie mehrere Stiftungen ins Leben gerufen, um u.a. Projekte in Ländern des Globalen Südens zu fördern. Ausführliche Informationen unter: https://www.gls-treuhand.de/


Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von rund 630 Mio. Euro und zusätzlich den B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 02.09.2020).

Weiterführende Informationen:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de
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Totgesagte leben länger – zur VOB/B nach Einführung des neuen Baurechts

Vor jeder Baumaßnahme steht die Prüfung des Baurechts. Veränderung in dem regulatorischen Umfeld haben folglich gewaltige Wirkungen für die Branche. Aktuell streiten sich Juristen über die Sinnhaftigkeit der VOB/B, manche empfehlen den verdienten Ruhestand für diese Ordnung, um nicht gleich von Ableben zu sprechen. In den aktuell hohen Wellen der Corona-Pandemie können die vermeintlich kleinen Wendemanöver innerhalb des Rechtsrahmen zwar schnell aus dem Blickfeld geraten, es lohnt jedoch gerade deswegen darauf zu achten. In diesem Standpunkt der IREBS Immobilienakademie nimmt Niklas Langguth, Rechtsanwalt und Mitgründer der Kanzlei Langguth & Burbulla Rechtsanwälte PartG mbB, Stellung zum neuen Baurecht und ob es sich lohnt in die Totenklage für die VOB/B einzustimmen.

Wenn Gesetze sich ändern, sind Berater nicht weit, die gleich das ganze Fachgebiet neu erfinden wollen.

Viele Juristen haben das neue Baurecht des BGB zum Anlass genommen, die Vergabe- und Vertragsordnung für Bauleistungen (VOB/B) grundlegend infrage zu stellen. Teilweise werden nur einzelne Klauseln, teilweise sogar die VOB/B insgesamt für AGB-rechtswidrig gehalten (und wären damit im Verhältnis zum Verwender unwirksam), weil ein Widerspruch zum gesetzlichen Leitbild des neuen Baurechts bestünde. Statt der bis vor kurzem üblichen modifizierten VOB/B, werden zunehmend modifizierte BGB-Werkverträge empfohlen. Dieser Abgesang auf die VOB/B scheint verfrüht, wenn man die Alternativen in den Blick nimmt und die Vor- und Nachteile gegeneinander abwägt.

Zwei Alternativen zur modifizierten VOB/B stehen im Raum.

Der Bund hat sich entschieden, künftig nur noch auf Basis der VOB/B im Ganzen auszuschreiben (frei jeglicher Modifikation). Diese Vorgehensweise hat den Vorteil, dass die Einzelklauseln aufgrund gesetzlicher Privilegierung nicht mehr der AGB-Kontrolle unterliegen (vgl. § 310 Abs. 1 Satz 3 BGB). Das mag zwar für den Bund funktionieren. Im kaufmännischen Rechtsverkehr ist eine solche Gestaltung aber in der Regel zu unflexibel; denn schon kleinste Änderungen, die sich bei Bauverträgen nur schwer vermeiden lassen, führen zu einer modifizierten VOB/B und damit zu einem Verlust der gesetzlichen Privilegierung. Zudem wird die VOB/B von vereinzelten Autoren auch im Ganzen infrage gestellt, so dass auch diese radikale Lösung keine letzte Sicherheit bietet.

Für den Rechtsverkehr jenseits öffentlicher Aufträge wird daher vielfach vorgeschlagen, modifizierte BGB-Werkverträge nach neuem Recht zu vereinbaren. Das ist zwar grundsätzlich machbar, aber auch dieser Weg ist mit rechtlichen und operativen Risiken verbunden.

Zum einen ist bei solchen modifizierten BGB-Klauseln (die ihrerseits in der Regel auch als AGB zu qualifizieren sind) ebenfalls nicht gesichert, dass sie später vor Gericht halten. In der rechtswissenschaftlichen Literatur wird zu den wenigen Paragraphen des neuen Baurechts nahezu alles vertreten, was sich argumentieren lässt. Eine gefestigte Rechtsprechung gibt es zu den allermeisten Fragen noch nicht und es wird noch viele Jahre dauern, bis sich eine halbwegs verlässliche Rechtsprechung dazu entwickelt hat. Ein modifizierter BGB-Werkvertrag birgt deshalb nur scheinbar einen Sicherheitsvorteil gegenüber einem modifizierten VOB/B-Vertrag. Hinzu kommt, dass man zur VOB/B auf eine zwar im Kontext des alten Rechts ergangene, aber immerhin über Jahrzehnte hinweg entwickelte Rechtsprechung zurückgreifen kann.

Zum anderen sollten juristische Berater nicht aus den Augen verlieren, wie tief die VOB/B in der Baubranche verwurzelt ist. Die Praktiker vor Ort, die Nachträge schreiben, Fristen setzen und Mängel rügen, kennen die VOB/B und werden sie voraussichtlich noch lange anwenden, erfahrungsgemäß unabhängig davon, ob die VOB/B vertraglich vereinbart worden ist oder nicht. Ein in der Branche über Jahrzehnte erlerntes und allseits angewandtes Wissen wird man nicht mit ein paar Mitarbeiterschulungen aus den Köpfen bekommen. Die VOB/B bietet damit den Vorteil, dass sie auf der Baustelle oft bis hinunter zum Polier angewandt und gelebt wird und dort auf praktische Erfahrung und Akzeptanz trifft. Das ist aus Sicht der Praxis nicht selten sogar wichtiger als die Frage, ob die Klausel letzten Endes hält. Letzteres entscheidet sich nämlich oftmals erst nach fünf Jahren Prozess vor dem Oberlandesgericht, wenn das Bauwerk längst eröffnet ist. Zudem nützt auch die schönste BGB-Werkvertragsklausel im Prozess nichts, wenn sie auf der Baustelle nicht oder – oft noch schlimmer – falsch angewendet wird.

Bei Lichte besehen und im Vergleich mit den zur Verfügung stehenden Alternativen spricht deshalb nach wie vor viel für den modifizierten VOB/B-Vertrag.

Dass der Bundesgerichtshof die VOB/B in Bausch und Bogen „kippen“ wird, ist derzeit nicht abzusehen. Im Gegenteil: Bislang scheint der BGH seine Rechtsprechung zur VOB/B so umzustellen, dass die VOB/B nicht mit dem Leitbild des neuen Bauwerkvertragsrechts des BGB kollidiert. Erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die vielbeachtete und teilweise auch kritisierte Entscheidung aus dem Sommer 2019, in welcher der BGH seine bisherige Rechtsprechung zur Preisbildung von Nachträgen nach der VOB/B mit einem Paukenschlag umgestellt hat: In Abkehr von der bisherigen, über Jahrzehnte gefestigten Rechtsprechung regelt die VOB/B nach neuester Rechtsprechung die Bepreisung von Nachträgen nicht, diese gebe nur vor, dass die Urkalkulation bei der Preisbildung zu berücksichtigen sei (Urteil vom 08.08.2019 – VII ZR 34/18). Damit hat der Bundesgerichtshof einen der Hauptansatzpunkte der VOB/B-kritischen Stimmen ausgehebelt. Die Entscheidung lässt erahnen, dass der BGH dazu neigt, die VOB/B auch nach Einführung des neuen Baurechts nicht insgesamt infrage zu stellen, sondern allenfalls punktuelle Korrekturen vorzunehmen.

Bedeutet das also, alles bleibt beim Alten? Nicht ganz! An einigen wenigen Stellen hat sich das gesetzliche Leitbild tatsächlich so stark verändert, dass man über eine vertragliche Modifikation einzelner VOB/B-Klauseln nachdenken sollte, um das Risiko der Unwirksamkeit zu umgehen. Auch enthält das neue Baurecht einige Regelungen, die neben der VOB/B anwendbar sind und die überdacht sein wollen, wenn man unter dem Regime des neuen Baurechts einen modifizierten VOB/B-Vertrag schließt. Zum Beispiel fehlt dem nachträglichen Leistungsabruf des Auftraggebers gemäß § 1 Abs. 3 VOB/B die Beschränkung auf zumutbare Leistungen im Sinne des § 650 b Abs. 1 Satz 2 BGB. Oder man kann § 12 Abs. 3 VOB/B sicherer gestalten, indem man dem Transparenzgebot Rechnung trägt und das Recht auf Bauzustandsfeststellung gemäß § 650 g Abs. 1 BGB einbezieht. Es gilt also das neue Baurecht zu berücksichtigen, indem man die VOB/B über eine vertragliche Modifikation behutsam nachschärft und die Entwicklung der Anwendungspraxis auf den Baustellen im Auge behält.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IREBS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Niklas Langguth

Niklas Langguth ist Rechtsanwalt seit dem Jahr 2005. Im Jahr 2017 gründete er zusammen mit Herrn Dr. Rainer Burbulla die Kanzlei Langguth & Burbulla Rechtsanwälte PartG mbB in Düsseldorf. Die Boutique-Kanzlei ist spezialisiert auf das gewerbliche Immobilienrecht. Tätigkeitsschwerpunkt von Rechtsanwalt Langguth ist das private Baurecht.

Transition: Nachhaltige Veränderung bringt finanziellen Erfolg

von Dominik Benedikt, Senior Research Analyst der Erste Asset Management.

Eines der Schulbeispiele nachhaltiger Investoren berichtet von der Transformation von Alcoa, der Aluminum Company of America. Paul O’Neill tritt 1987 als neuer CEO an, um das in finanzielle Schwierigkeiten geratene Unternehmen zu sanieren. Bei seiner ersten Investorenpräsentation erklärt er, dass der Erfolg des Unternehmens fortan an nur einer Zahl zu messen sei: der Rate an Arbeitsunfällen.

Investoren, die mit ihm stattdessen über seine Ziele zu klassischen finanziellen Kennzahlen sprechen wollen, schmettert er ab. Einer der anwesenden Investoren berichtete später, sofort zum Telefon gehechtet zu sein, um alle Anteile seines Investmenthauses an Alcoa zu verkaufen. Die Firma habe einen „wild gewordenen Hippie zum Chef gemacht, der die Firma zerstören werde“. Die anderen Teilnehmer sollen es ihm gleich getan haben. Ein schlechter Rat: wer bei O’Neills Amtsantritt 100 Dollar in Alcoa-Aktien investiert hat, hätte bis zu seinem Rücktritt 1999, 100 Dollar an Dividenden und 500 Dollar an Kursgewinnen lukriert.

Zufall?

Die akademischen Studien, die sich seither mit dem Fall auseinandergesetzt haben, sagen nein. Viel mehr habe O’Neill einen mit fast allen Unternehmensprozessen verwobenen Faktor identifiziert, die Arbeitssicherheit. Der Fokus darauf hat geholfen Prozesse zu optimieren und Effizienz zu steigern. Durch seine Ansage an alle Mitarbeiter ihn direkt zu kontaktieren, sollte das nötige Budget für Verbesserungen fehlen oder sich das lokale Management querstellen, wurden Blockaden im ganzen Unternehmen aufgebrochen.

Trotz der zusätzlichen Investitionen in Sicherheit, verdreifachte sich Alcoas Nettogewinn im ersten Jahr des Programms. Während O’Neills Amtszeit ist die Unfallrate des Unternehmens um knapp 90% gesunken, auf ein Zwanzigstel des US-Durchschnitts – trotz des scheinbar unumgänglichen, vielfach erhöhten Risikos in der Schwerindustrie.

Arbeitssicherheit schön und gut, aber der Klimawandel?

Natürlich ist Alcoa als immer noch extrem CO2-intensives Unternehmen kein Umwelttitel (und im ERSTE GREEN INVEST nicht investiert), selbst wenn die Firma das Ziel gesetzt hat die CO2-Intensität seiner Aluminiumproduktion bis 2030 zu halbieren. Doch auch hier werden Transformationsprozesse in Gang gesetzt die sowohl dem Kampf gegen den Klimawandel aber auch dem langfristigen finanziellen Erfolg des Unternehmens dienen werden.

Zusammen mit Apple und Rio Tinto hat das Unternehmen eine Technologie entwickelt Aluminium nur unter Ausstoß von Sauerstoff, statt der üblichen hohen prozessbedingten CO2-Emissionen, zu produzieren. Das erste kommerziell so produzierte Aluminium wurde Ende 2019 an Apple geliefert. Alcoa geht davon aus die Technologie ab 2024 vermarkten zu können.

Sollte diese Technik sich durchsetzen, wird sie langfristig dazu beitragen die gesamte Aluminiumindustrie aus Klimasicht vom Problem zur nachhaltigen Lösung umzuformen.

Wer sich nicht verändert…

Der Klimawandel verändert gerade die Spielregeln für viele Industrien der „Old Economy“, nicht zuletzt in Form des europäischen Green Deals, der vorsieht Europa bis 2050 zum ersten klimaneutralen Kontinent umzubauen. Unternehmen, die diese Zeichen nicht sehen (wollen) riskieren langfristig die Licence to Operate, also die gesellschaftliche und regulatorische Berechtigung für ihr Geschäftsmodell. Ein Beispiel dafür sind fossile Energieträger, wie etwa Kohle.

Während das Geschäft mit letzterer durch keine Transformation zu retten ist – es ist schlicht inkompatibel mit dem 1,5°C-Ziel der Pariser Klimakonferenz, sind es Energieerzeuger sehr wohl.

Das nachhaltigste Unternehmen der Welt?

Orsted ist ein dänischer Energieversorger, der bis 2017 als DONG Energy, kurz für Dansk Olie og Naturgas A/S, firmierte. Der Name war Programm, und das Unternehmen vorallem der Energiegewinnung aus fossilen Energieträgern verschrieben. Vor zwanzig Jahren hatte DONG knapp einen doppelt so hohen CO2-Ausstoß pro produzierter kWh Strom als der Schnitt der großen europäischen Versorger – ein immenses Risiko aufgrund des beginnenden EU-Emissionshandels und den damit verbundenen. Nur die reinen Besitzer von Kohlekraftwerken standen noch schlechter da, illustriert durch den Niedergang der ehemals stolzen deutschen Betreibern von Stein- und Braunkohlekraftwerken.

Im Gegensatz zu diesen hat Orsted die Zeichen der Zeit erkannt, und über die letzten zehn Jahre sein Geschäftsmodell radikal umgebaut. Fossile Energieträger wurden durch erneuerbare ersetzt. Statt 85% fossiler Energie 2009, dem Jahr in dem die Transformation begann, produziert Orsted heute mehr als 85% des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern. Bis 2025 soll die Stromproduktion gänzlich klimaneutral sein. Dabei ist das Unternehmen zum weltweiten Marktführer für Offshore-Windkraftwerke geworden und in der Entwicklung der Netze und Speicherlösungen für eine rein erneuerbares Elektrizitätssystem.

Zusätzlich tritt Orsted auch auf gesellschaftlicher und politischer Advokat für den Umbau unseres Energiesystems auf, da ohne diesen der Kampf gegen den Klimawandel praktisch vorab verloren wäre. All dies hat dem Unternehmen in Studien die Zuschreibung als möglicherweise nachhaltigstes Unternehmen der Welt eingebracht. Auch der ERSTE GREEN INVEST ist investiert.

Es besteht keine Nachfrage nach Kohle, Diesel und Konsorten.

Dieses Postulat mag absurd klingen, steht am im Herzen des Erfolgs von Transformationsprozessen im Angesicht des Klimawandels. Nachfrage besteht nach Energie um Haushalte, Wirtschaft oder Verkehr in Bewegung und warm zu halten. Nichts besagt, dass diese aus fossilen Quellen stammen muss, im Gegenteil.

Es besteht auch keine Nachfrage nach Dieselmotoren. Der Kunde kauft die Möglichkeit angenehm, in schöner Schale und mit gewisser Fahrfreude von A nach B zu kommen, wann immer er will. Kann diese Leistung etwa durch die Elektromobilität oder in weiterer Folge autonomes Fahren besser abgedeckt werden, so werden diese Lösungen den Markt übernehmen.

Gerade die Automobilindustrie ist massivem Transformationsbedarf unterworfen. Das Überleben der traditionellen Anbieter hängt davon ab, ob sie diese schaffen. Aktuelle Schätzungen gehen davon aus, dass bis 2050 40% der globalen Fahrzeugflotte autonome Fahrzeuge sein werden. Die Kosten pro gefahren Kilometer sollen dadurch zwischen 40 und 80% sinken, je nachdem wie diese eingesetzt werden. Davon können nicht nur die Konsumenten, sondern auch die Hersteller profitieren: es wird mehr Budget für margenstarke Premiumfahrzeuge frei. (Dass dabei auch klimaschonendes Aluminium für den Leichtbau nötig sein wird, erinnert an die Vernetzung all dieser Prozesse.)

Diese Liste ließe sich noch lange fortsetzen, etwa in der Bauwirtschaft oder der IT. Wir kaufen Lösungen für Simulationen, Datenverarbeitung, Vernetzung oder auch nur den Konsum von Katzenvideos, nicht aber ressourcenhungrige Computerchips.

Transition – ein Kernthema

Der erfolgreiche Kampf gegen den Klimawandel hängt unmittelbar davon ab, wie große Teile der „alten“ Wirtschaft diesen Schritt in die Zukunft schaffen. Nur die reinen Lösungsanbieter alleine, werden dies nicht schaffen. Aus diesem Grund ist Transformation bzw. Transition eines der wichtigsten Kernthemen des ERSTE GREEN INVEST. Aktuell ist rund ein Viertel des Fonds in diesem Bereich investiert, übertroffen nur von der Energie.


Der Finanzsektor leistet mit der gezielten Steuerung von Investitionen einen wesentlichen Beitrag, um beim Klimawandel einen Umkehrtrend zu erreichen. In unserer neuen Serie blicken wir auf eines der Schwerpunktthemen des neuen Umweltfonds ERSTE GREEN INVEST.

Wichtige rechtliche Hinweise

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.

Mikrofinanz 2020: Welchen Einfluss hat Corona?

Ende vergangenen Jahres führte altii einen Podcast mit Martin Feige, Teamleiter Angebotsentwicklung und -management Investmentfonds und Research der GLS Bank, zur Entwicklung der Mikrofinanzmärkte. Seitdem hat sich viel getan. Die Welt ist eine andere geworden. Zeit für ein Update.

Herr Feige, als wir im November über Mikrofinanzen sprachen, konnte niemand ahnen, was kurze Zeit später auf uns zurollte. Lassen Sie uns kurz Revue passieren. Wann wurde Corona ein Thema für die Mikrofinanzmärkte?

Die Corona-Pandemie ist ja in unterschiedlichen Wellen verlaufen. Nach China haben sich die Auswirkungen vor allem in den Industrieländern und an den internationalen Kapitalmärkten gezeigt. Nach und nach wurde dann deutlich, dass es sich um eine weltweite Herausforderung handelt.

Anfangs war der Einfluss auf die Mikrofinanzmärkte noch sehr schwer abzuschätzen. Die Kurse vieler Mikrofinanzfonds wirkten im Vergleich zu Aktienfonds beispielsweise hochstabil. Spätestens ab April wurden die Folgen für die Länder bzw. Volkswirtschaften, in denen der GLS AI – Mikrofinanzfonds investiert ist, immer sichtbarer. Maßnahmen wie Grenzschließungen, Ausgangssperren und daraus resultierende Betriebsschließungen hinderten Endkreditnehmer*innen zunehmend daran, ihren Geschäftstätigkeiten nachzugehen.

Erfreulicherweise reagierte die Politik in Schwellen- und Entwicklungsländern sehr schnell. Supranationale Institutionen wie der Internationale Währungsfonds oder die Weltbank haben milliardenschwere Hilfspakete geschnürt.

Was bedeutete dies für die Mikrofinanzinstitute?

Mikrofinanzinstitute mussten damit rechnen, dass sich die Maßnahmen auf die Zahlung von Zinsen und Tilgungen auswirken. Durch in verschiedenen Ländern angeordnete Zahlungsaufschübe (Moratorien) konnten Endkreditnehmer*innen ihre Zahlungen über mehrere Wochen aussetzen. Dies hatte Auswirkungen auf die Kreditbücher von Mikrofinanzinstituten und beeinflusste mitunter die Zahlungen der Institute an den Fonds.

Wie haben Sie mit Ihrem Fonds darauf reagiert?

Wie bereits in den vergangenen Jahren haben wir unseren Fokus auf ein aktives Risikomanagement sowie soziale Wirkung gelegt. Unser Fondsmanagement hat den Austausch mit den Partnerinstituten intensiviert. Da unsere Investmentmanager*innen direkt vor Ort arbeiten, sind sie bestens mit dem Markt vertraut. Dadurch konnten wir schnell erfassen, ob es Auffälligkeiten beim Zahlungsverhalten von Instituten gibt. Zu bedenken ist, dass manche Effekte im Kreditportfolio der Institute erst mit einer gewissen Zeitverzögerung sichtbar sind. Umso wertvoller ist dieser enge Austausch, um mögliche negative Entwicklungen frühzeitig zu erkennen und entsprechende Gegenmaßnahmen einzuleiten.

Ebenso legt das Fondsmanagement seit Auflage, und auch jetzt in der Pandemie, höchsten Wert auf eine breite Risikostreuung. Im Portfolio befinden sich momentan 70 Institute aus 35 Ländern. Aufgrund der breiten geographischen Streuung und der Tatsache, dass Corona-bedingte Effekte in verschiedenen Regionen zu unterschiedlichen Zeitpunkten einsetzten, können negative Entwicklungen in einem Land portfolioweit abgefedert werden. Dies kam dem Fonds zu Gute.

Soweit die ökonomische Sichtweise: Wie werden sie der sozial-ökologischen Mission des Fonds gerecht?

Gerade in diesen schwierigen Zeiten wollen wir bewusst unserer Verantwortung als sozial verantwortlicher und langfristiger Investor gerecht werden. Wir stehen den Instituten als ein verlässlicher Finanzierungspartner zur Seite. Zwei Maßnahmen haben wir uns dabei vorgenommen:

Zum einen wollen wir weiter Kredite auszahlen. Denn um die Wirtschaft während der Krise aufrechtzuhalten und danach wiederzubeleben, ist die Liquiditätsversorgung von Partnerinstituten und Endkreditnehmer*innen existenziell wichtig.

Zudem planen wir bei Bedarf und in Abstimmung mit weiteren Kreditgebern alle Werkzeuge der Kreditrestrukturierung – von der Verlängerung der Laufzeiten bis hin zur Stundung von Zinsen – auszunutzen, um notleidende Institute finanziell zu unterstützen.

Und wie ist das Ergebnis?

Bisher ist es für ein endgültiges Fazit sicherlich zu früh. Einige Entwicklungen bestätigen uns aber in unserer Fondsstrategie.

Der Fonds hat zum einen in der heißen Krisenphase mehrere Institute mit Darlehen versorgt, im April beispielsweise an drei Institute über 7 Mio. Euro, im Mai dann weitere zwei Kredite. Diese erfolgten an Kunden, mit denen bereits Geschäftsbeziehungen bestanden.

Ebenfalls konnten wir Kreditkonditionen neu verhandeln. Nehmen wir das Beispiel Mexiko. Dort haben wir sechs Partnerinstitute. Gemeinsam mit internationalen Kreditgebern haben wir bei drei Instituten vereinbart, fällige Kreditraten um 6 bis 12 Monate in die Zukunft zu schieben. Und das bei unverändertem Zinssatz. Dies ermöglicht den Instituten, einen höheren Spielraum bei der Bewältigung der Krise zu haben.

Wie haben ihre Anleger reagiert? Gab es nennenswerte Änderungen bei den Fondsvolumina?

Wir bemühen uns seit Beginn der Krise, unsere Anleger*innen besonnen und sachlich zur aktuellen Lage zu informieren. Wir weisen klar auf die Risiken hin, ohne aber Panik schüren zu wollen. Diese Strategie scheint aufzugehen. In jedem Monat haben wir Nettomittelzuflüsse verzeichnet. Das Fondsvolumen beläuft sich mittlerweile auf 186 Mio. Euro – im Vergleich zu 165 Mio. Euro Ende 2019. Zu beachten ist, dass der Fonds eine sehr granulare Anlegerstruktur aufweist. Auch die Renditekennzahlen des Fonds sind stabil. Seit Auflage im Dezember 2015 erzielte der Fonds einen guten Ertrag. Dies ist natürlich keine Garantie für die zukünftige Entwicklung. Wir wissen alle, dass Kurse schwanken können und die Pandemie noch nicht vorüber ist. Doch gibt die aktuelle Entwicklung Hoffnung, sowohl für den Fonds als auch für die Mikrofinanzmärkte.

Herr Feige, herzlichen Dank für das Gespräch.


Martin Feige, Teamleiter Angebotsentwicklung und -management der GLS Bank, ist ein Spezialist für die Auflage nachhaltiger Publikumsfonds. 2015 hat er gemeinsam mit seinen Kolleg*innen den GLS AI - Mikrofinanzfonds aufgelegt. Die GLS Bank ist Pionier im Bereich nachhaltiger Finanzen. Sie wurde 1974 gegründet und verfolgt sozial-ökologische Ziele. Das Ökologische und Nachhaltigkeit steht im Mittelpunkt des Handelns.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von rund 580 Mio. Euro und zusätzlich den B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 30.06.2020).

Weiterführende Informationen:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de
Newsletter-Anmeldung GLS Fonds

Hinweise zur Wertentwicklung:

Year to date

2019

2018

2017

2016

Seit Auflage

0,5

2,0

0,7

1,7

1,6

7,0

Angaben zur Anteilklasse A in Prozent, Stand 31.07.2020. Die hier vorliegenden Daten dienen ausschließlich Informationszwecken und stellen keine Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Fondsanteilen dar. Der Fonds weist ein nicht auszuschließendes Volatilitätsrisiko auf. Die Wertentwicklung der Vergangenheit ist kein verlässlicher Indikator für die zukünftige Wertentwicklung. Alleinige Grundlage für den Anteilerwerb sind die Verkaufsunterlagen (Wesentliche Anlegerinformationen, Verkaufsprospekt, Jahres- und Halbjahresbericht) zum Teilfondsvermögen. Verkaufsunterlagen zu allen Investmentvermögen der IP Concept sowie den ökonomischen Kennzahlen sind kostenlos bei Ihrem Berater / Vermittler, der zuständigen Verwahrstelle / Depotbank oder bei IP Concept unter www.ipconcept.com erhältlich.

Empfehlung der GLS: Dieser Teilfonds ist unter Umständen für Anleger nicht geeignet, die ihr Geld innerhalb eines Zeitraums von 12 Monaten aus dem Teilfonds wieder zurückziehen wollen.

 

Folgen der Corona-Krise – was auf Immobilienfonds jetzt zukommt

von Robert Guzialowski, Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG.

Das ganze Ausmaß, in dem sich die derzeitige Krise auf die Wirtschaft und die einzelnen Sektoren auswirkt, ist noch unklar. Das gilt auch für den Immobilienmarkt, dessen einzelne Segmente sowie für Immobilienfonds. Allerdings lassen sich aus einer Vorher- und Nachher-Perspektive auf die Corona-Krise Tendenzen erkennen.

Immobilienfonds stehen weiterhin hoch im Kurs

Immobilienfonds erfreuten sich in den vergangenen Jahren wachsender Beliebtheit. Eine der Hauptursachen dafür waren die niedrigen Zinsen. Deshalb, und weil sich die Konjunkturaussichten zuletzt eingetrübt hatten, galten Immobilien als sichere Anlageklasse. Entsprechend hoch waren die Investitionsvolumina. Bei Wirtschaftsimmobilien (u.a. Büro, Logistik, Hotel) erreichte das Transaktionsvolumen im Jahr 2019 mit 72,6 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Lediglich im Einzelhandelsbereich waren Schwächen auszumachen; er litt, mit Ausnahme des Nahrungsmittelsegments, unter dem verstärkten Trend zum Online-Handel, weshalb sich dort das Transaktionsvolumen zuletzt das zweite Jahr in Folge verringerte. Dagegen stand der Wohnsektor bei Investoren ebenfalls hoch im Kurs, was einen Kaufpreisanstieg von zuletzt 9,5 Prozent zur Folge hatte.

Insgesamt lässt sich über fast alle Nutzungsklassen hinweg deshalb feststellen, dass sich die einzelnen Immobiliensegmente vor der Corona-Krise einer anhaltend hohen und wachsenden Nachfrage gegenübersahen. Doch wie sich schon in der Finanzkrise zeigte, bleiben auch Immobilien von Krisen nicht unberührt. So hat sich nach einer Umfrage von Savills das Transaktionsvolumen bei Wohn- und Gewerbeinvestments im April im Vergleich zum Vorjahr von 5,1 Mrd. Euro auf 2,3 Mrd. Euro mehr als halbiert.

Wie beeinflusst Corona die künftige Miet- und Preisentwicklung?

Die wichtigste Ursache für diese Entwicklung: Die derzeitige Unsicherheit über die künftige Miet- und Preisentwicklung. Aktuellen Schätzungen zufolge sind je nach Immobiliensegment Preiskorrekturen von bis zu 20 Prozent denkbar. Es stellt sich also die Frage, wie viel Sicherheit Immobilienfonds nun bieten? So hatte die hohe Nachfrage für die Zeit vor Corona zu deutlich steigenden Kaufpreisen geführt. Doch weil die Mieten bei Neuverträgen nicht im gleichen Maße wie die Immobilienpreise nach oben gingen, könnte der eine oder andere Objektwert unter Umständen inzwischen zu hoch angesetzt sein.

Dazu kommt, dass der Immobilienmarkt zwar auch dieses Mal im Vergleich zu den volatileren Märkten zeitlich nachgelagert reagierte. Anders als in der Vergangenheit war der Abstand aber geringer. Am deutlichsten zeigte sich das im Hotel-Bereich. So führte der Lockdown schnell zu einem massiven Einbruch bei den Hotelübernachtungen. Das wiederum hatte Mietausfälle zur Folge. Nun drohen Insolvenzen der Pächter und womöglich eine Konsolidierung des Marktes, die auch Auswirkungen auf Hotel-Investoren haben wird.

Immobilienfonds sehen sich deshalb bereits immer zahlreicheren Anfragen von Mietstundungen oder -verhandlungen gegenüber. Das könnte zu Umsatzeinbußen für Immobilien-AIF führen. Wie stark sich die Corona-Pandemie letztlich auf den Hotelmarkt und somit die Performance der sie haltenden Fonds auswirken wird, hängt von der Dauer des Lockdowns ab. Jedoch sind die Übernachtungszahlen in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. Langfristig ist deshalb mit einer Rückkehr zu diesem positiven Trend und einer Erholung des Hotelsektors zu rechnen.

Das könnte im Einzelhandel, soweit es den Nicht-Lebensmittelbereich betrifft, anders aussehen. Auch dort sind Ausfälle von Mietzahlungen festzustellen. Wie erläutert, hatte es dieses Segment, das unter einem veränderten Konsumverhalten leidet, auch vor der Krise schon nicht leicht. Jetzt ist denkbar, dass sich dieser strukturelle Wandel durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Das könnte eine steigende Zahl von Insolvenzen und Ladenschließungen bedeuten. Die Folge wären erhöhte Leerstände und möglicherweise eine deutliche Korrektur bei den Mieten und Preisen. Die Auswirkungen auf Immobilienfonds könnten hier deshalb womöglich nicht nur temporär sein.

Optimistischer Ausblick für Logistik- und Wohnimmobilien

Positiver stellt sich die Lage bei Büro-, Logistik- und Wohnimmobilien dar. Trotz der spürbaren Auswirkungen und den ungewissen Aussichten für die nahe Zukunft sollten sich diese aller Voraussicht nach relativ schnell erholen – und entsprechend sollten Immobilienfonds durch diese Segmente auch nicht allzu stark beeinträchtigt werden. Gerade für die Bereiche Logistik und Wohnen sind die langfristigen Prognosen eher positiv. Wegen des zunehmenden Trends zum Online-Handel und der sich abzeichnenden Tendenz zur Regionalisierung von Lieferketten, eine Folge der De-Globalisierung, dürfte die Nachfrage nach Logistikobjekten sogar eher zunehmen.

Zugleich ist die Mietnachfrage bei Wohnimmobilien vielerorts stabil. Auch wenn die Renditen niedrig sind, könnte hier ein wachsendes Interesse sicherheitsorientierter Anleger zu weiter steigenden Preisen führen. Etwas gemischter fällt das Bild bei Büroimmobilien aus. Aufgrund der durch den Lockdown erzwungenen Umstellung auf Heimarbeit ist im Bürosektor ein gewisser Rückgang bei der Flächennachfrage zu erwarten – Stichwort Desk Sharing. Dem entgegen steht derzeit zwar die geringe Leerstandsquote, weshalb es vorerst nicht zu starken Preiskorrekturen kommen dürfte. Doch dürfte dieser Leerstands-Puffer aufgrund hoher Fertigungszahlen bei Büroimmobilien im kommenden Jahr aufgezehrt werden. Langfristig könnte sich das Bild deshalb eintrüben.

Fazit

Die Auswirkung der Krise auf die Gesamtwirtschaft für den Immobiliensektor wird entscheidend sein. Kommt es zu einem schweren Konjunktureinbruch, der Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen trifft, dann wird dies nicht ohne Folgen für die Immobilienmärkte bleiben. Dennoch gilt diese Anlageklasse als sicherer Hafen. Denn als Sachwerte bieten Immobilien gerade in Krisenzeiten ein höheres Maß an Stabilität als viele andere Anlageklassen. Immobilienfonds sollten aus dieser Krise deshalb gestärkt hervorgehen.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 16. Juni 2020.

Robert Guzialowski

Robert Guzialowski ist Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG. Er verantwortet neben Vertrieb und Kundenmanagement der AIF-Verwahrstelle die Begleitung der KVGen von der Aufnahme der Geschäftsbeziehung über das Onboarding bis hin zu den Fondstransaktionen. Robert Guzialowski ist Rechtsanwalt und veröffentlicht regelmäßig zu aufsichtsrechtlichen Entwicklungen.

Investieren in Megatrends: Telehealth

von Günther Schmitt, Fondsmanager des Raiffeisen-MegaTrends-Aktien.

Es ist allgemein bekannt, dass die Überalterung der westlichen Welt rapide voranschreitet. Weniger bekannt ist eventuell die Tatsache, dass es sich dabei um technikaffine Senioren handelt, die die Gesellschaft prägen. Während im Jahr 2011 nur ca. 12 Prozent der US-Amerikaner über 65 Jahren das Internet genutzt haben, waren es nur 7 Jahre später bereits 67 Prozent (Quelle: PEW Research Center). Die demografische Entwicklung in den Emerging Markets steht im krassen Gegensatz zur Überalterung des Westens: 90% der globalen Bevölkerung unter 30 entfällt auf diese Regionen (Quelle: Euromonitor International).

Zudem wächst auch der globale Wohlstand. Schätzungen zufolge werden bis zum Jahr 2030 bereits 61 % der Weltbevölkerung dem „Mittelstand“ angehören. Die steigenden Einkommen werden auch die Nachfrage nach Technologie aber auch nach medizinischen Dienstleistungen enorm wachsen lassen.

Ein ideales Umfeld für das Thema Telehealth

Diese Entwicklungen erfordern selbstredend Innovationen im Healthcare-Sektor, um die Gesundheit der Bevölkerung sicherzustellen. Telehealth kann dies ermöglichen. Unter Telehealth versteht man die Nutzung von Telefonkonferenzen, mobilen Apps und anderen digitalen Technologien zur Ermöglichung virtueller Gesundheitsversorgung.

Gemäß einer Studie der Harvard Medical School entfallen im Durchschnitt 106 Minuten auf einen Arztbesuch (Anreise, Wartezeit, etc.). Telehealth spart nicht nur Zeit und Geld, es ist auch rund um die Uhr verfügbar. Darüber hinaus ermöglicht Telehealth eine einfachere Versorgung von weniger mobilen Menschen. Durch Roboter-assistierte Chirurgie-Systeme wie sie etwas von INTUITIVE SURGICAL INC eingesetzt werden, kann auch das gegenseitige Infektionsrisiko gesenkt werden.

Quantensprung in der Gesundheitsversorgung

Für Telehealth bieten sich unzählige Anwendungsfälle:

  • Ärztemangel: Alleine in den USA werden bis 2032 122.000 Ärzte benötigt.
  • Versorgung ländlicher Regionen: Viele Gebiete in den USA aber auch in den Schwellenländern sind durch schließende oder nicht vorhandene Spitäler unterversorgt.
  • Notfallambulanzen: 20 % aller Besuche von Notfallambulanzen könnten über Telehealth verhindert werden.
  • Chronische Erkrankungen: Telehealth könnte bei einigen chronischen Krankheiten wie beispielsweise Asthma, Diabetes oder psychologische Erkrankungen) zu Kosteneinsparungen führen.

Hohe Nutzungsbereitschaft der Patienten

Doch nicht nur aus medizinischer und politischer Sicht ist Telehealth enorm attraktiv, auch Konsumenten zeigen starkes Interesse. Laut Studienergebnissen möchten 76 % der potenziellen Patienten Telehealth zukünftig verwenden, wobei die Zufriedenheit bei bereits erfolgter Anwendung mit über 70 % besonders hoch ist. TELADOC HEALTH, INC. erzielt dabei unter den Direct-to-Consumer Brands die beste Kundenzufriedenheit. Generell konnten gemäß einer Studie 84 % der Anwender ihr medizinisches Problem mittels Telehealth lösen.

Covid-19 öffnet neue Türen

Trotz allem muss die neue Technologie noch einige Hürden überwinden: Unter Patienten herrscht oft mangelndes Bewusstsein hinsichtlich der Verfügbarkeit von Telehealth und Regulationen schränken die Branche ein – speziell in der EU. Die Corona-Pandemie tritt nun aber als „Game-Changer“ auf. Bis Ende des Jahres werden in den USA 1 Milliarde Telehealth-Interaktionen erwartet. Die Online-Arztbesuche von neuen Usern auf der chinesischen Plattform PING AN HEALTHCARE stieg von Dezember 2019 bis Jänner 2020 um 800 %! Auch die Politik erkannte die weitreichenden Vorteile und möchte diese Innovation nun auch fördern.

Der ungeahnte Wachstumsmarkt in Zahlen

Die Konsequenz all dieser Entwicklungen spiegelt sich in der außergewöhnlichen Performance der Branche wider. McKinsey & Company schätzt das Marktpotenzial gar auf eine Viertel-Billion US-Dollar. Im 1. Quartal 2020 stellten Investoren dem Sektor außerbörslich 788 Mio. US-Dollar an finanziellen Mitteln zur Verfügung (das sind knapp 260 % mehr als im Vorjahresquartal). Dies verdeutlicht das Interesse an der Technologie und das Potenzial der wirtschaftlichen Entwicklung.

Darüber hinaus öffnet sich bereits die nächste Wachstumschance für Telehealth: Veterinärmedizin für Haus- und Nutztiere. Wir stehen somit erst am Beginn eines entscheidenden Umbruchs des Gesundheitssektors.

Fazit

Telehealth bietet unzählige Lösungsmöglichkeiten für die steigenden Anforderungen in der Gesundheitsbranche und zugleich viel Wachstums- und Ertragspotenzial für Investoren. Der Raiffeisen-MegaTrends-Aktien ist in mehrere Unternehmen investiert, die davon direkt oder indirekt profitieren können und die aus Sicht des Fondsmanagements für die Zukunft aktuell besonders gut aufgestellt sind.

Der Umbruch des Healthcare-Sektors steht dabei noch in seinen Startlöchern. Daher sind auch in diesem Markt eine kontinuierliche sorgfältige Beobachtung und eine gute Unternehmensauswahl durch das Fondsmanagement vonnöten. Die mit Aktieninvestments grundsätzlich verbundenen Risiken gelten selbstverständlich auch für die Unternehmen, die sich im Bereich Telehealth engagieren.

Warum sich das Quartier als eigene Assetklasse durchsetzen wird

von Jörn König, Managing Partner bei TME Associates, in IREBS Immobilienakademie's Publikation Standpunkt.

Unserem immobilienökonomischen Denken und Handeln liegt ein Stadtbild zugrunde, das unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung entstanden ist. Wir denken in Lagen und Assetklassen und bilden daraus wertbestimmende Faktoren. In Flächennutzungs- und Bebauungsplänen wird geregelt, welche Nutzungsart wie Wohnen, Gewerbe oder Industrie wo gebaut und betrieben werden darf. Diese Art der Differenzierung ist die Ursache für die bestehende „Lagen-Monotonie“ zentral orientierter Metropolregionen. Dabei fühlen sich Menschen von einem divers gewachsenen urbanen Umfeld weitaus mehr angezogen. Könnte also der Erfolg erster divers gestalteter urbaner Quartiere als Indiz für eine grundlegende immobilienökonomische Transformation verstanden werden? Eine Antwort lässt sich aus der ganzheitlichen Betrachtung der drei Komponenten Mensch, Arbeit, Immobilie (MAI) und deren Veränderung im Lauf der Menschheitsgeschichte ableiten.

Die Komponenten des MAI-Ökosystems

Der Mensch bildet in diesem Ökosystem der drei Komponenten die Konstante, denn die DNA des modernen Menschen ist ca. 300.000 Jahre alt. In diesem Zeitraum gab es kein Ereignis, das eine Evolution unserer DNA erfordert hat. In dieser Zeit war ein Überleben der alltäglichen Gefahren nur in Gruppen und mit einer klaren Führungsstruktur möglich. Erprobte Gewohnheiten waren überlebenswichtig und Territorien, die uns versorgten, wurden verteidigt. Führung, Gesellschaft, territoriales Denken und Gewohnheiten sind daher ein Teil von uns. Darüber hinaus sind Menschen mit humanen Fähigkeiten ausgestattet. Diese werden Maschinen auch in Zukunft nicht besitzen: Empathie, Selbstkritik, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit oder zum selbstständigen Lösen komplexer Probleme. Das wohl aber wichtigste Alleinstellungsmerkmal in diesem Zusammenhang ist die Fähigkeit, etwas bewusst zu erleben. Erlebnisse sind Teil unseres Belohnungssystems. Deshalb handeln und entscheiden Menschen erlebnisbasiert. Wir nennen diese Fähigkeit die „Human Experience“.

Arbeit wiederum bildet im MAI-Ökosystem die Variable. Sie dient per Definition der Existenzsicherung und unterliegt im Gegensatz zur DNA des Menschen einer stetigen Veränderung. Ursprung der Arbeit ist das Jagen und Sammeln. Mit den ersten technischen Entwicklungen und dem daraus generierten Fortschritt hat sich auch die Arbeit weiterentwickelt. Zuerst haben Werkzeuge dem Menschen das Leben erleichtert, dann veränderten Maschinen die vom Einsatz der Muskelkraft geprägte Arbeit, und seit Einzug der Informationstechnologie unterliegt auch die geistige Arbeit einem steten Wandel. Im Lauf der Zeit sind Berufe entstanden, wieder verschwunden und dafür neue entstanden. Einige der heute fest etablierten Berufe werden schon bald nicht mehr von Menschen ausgeübt bzw. verschwinden ganz.

Die dritte Komponente im MAI-Ökosystems ist die Immobilie – per Definition eine Klimaschutzhülle, nicht mehr und nicht weniger. Höhlen bilden den Ursprung der Immobilie, die der Mensch als Schutz vor den Elementen nutzte, als er noch nicht in der Lage war, Häuser zu bauen. In Verbindung mit anderen Entwicklungen lernte der Mensch dann, Häuser an Orten zu errichten, die wesentliche Voraussetzungen erfüllten, um ihn zu ernähren. So stehen Mensch, Arbeit und Immobilie im ursprünglichen MAI-Ökosystem in einem ausgeglichenen Kräfteverhältnis zueinander. Alle drei Komponenten sind weitestgehend immobil und bilden eine räumliche Einheit, denn auch Menschen konnten sich nur innerhalb eines engen Radius fußläufig bewegen. Deshalb wurden Immobilien dort gebaut, wo sich Mensch und Arbeit befinden.

Auf Basis dieses ausgeglichenen MAI-Ökosystems sind die ersten von Menschen erschaffenen Siedlungen entstanden. Ausgangslage der frühzeitlichen Quartiere war regelmäßig ein Impuls mit „Pull-Effekt“, wie z. B. ein Handelsort an einer Furt. Es entstanden Quartiere mit einer gewachsenen „Quartiers-Diversität“, die in Summe eine vollständige Versorgung ihrer Bewohner ermöglichte. Es gab im Wesentlichen Gemeinschaftshäuser wie Kirchen, Herbergen und Handwerkshäuser. Sie bilden den Grundstein der heutigen Immobilienwirtschaft und der Assetklassen, wie sie an der IREBS erforscht und gelehrt werden.

Das MAI-Ökosystem im Wandel

Mit Beginn der Industrialisierung geriet das Kräfteverhältnis der Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie ins Ungleichgewicht, da der Mensch zunehmend mobil wurde. Die Komponenten Arbeit und Immobilie blieben jedoch weitestgehend immobil und bildeten nun eine Einheit – mit explosionsartigem Wachstum. Der Mensch verlangte nach Mobilität und Konsumgütern, die industriell produziert wurden. Unsere heutigen Städte schossen aus dem Boden. Menschen mussten sich plötzlich an die Orte begeben, an denen sich die zur Arbeit notwendige Technik sowie Maschinen oder Rohstoffe befanden.

So entstand die heutige „Lagen-Monotonie“ zentral konzentrierter Metropolregionen, die unsere Kulturlandschaft prägen: hochpreisige Lagen wie Stadt- oder Stadtteilzentren und Cityentlastungslagen für weniger hochwertige Anforderungen wie Produktion, Back-office oder „klassenspezifische“ Wohnstädte. Über Flächennutzungs- und Bebauungspläne wird klar definiert, welche Immobilientypen wo gebaut und betrieben werden dürfen. Es gibt Industriegebiete, Gewerbegebiete, Wohngebiete, Sondergebiete und Kerngebiete.

Mit Beginn des Digitalzeitalters erfährt das MAI-Ökosystem gerade einen erneuten Wandel. Das Kräfteverhältnis zwischen den Komponenten Mensch, Arbeit und Immobilie verlagert sich in Richtung Mensch, denn auch Arbeit wird zunehmend mobil. So stellen künstliche Intelligenz und mobile Technik das uns vertraute Ökosystem gewaltig auf den Kopf. Plötzlich können wir ortsungebunden überall dort arbeiten, wo wir möchten. Auch die klassische Produktion unterliegt dieser Veränderung, indem linearen Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden. Gleichzeitig entstehen neue Aufgaben, die nicht oder nicht allein von künstlicher Intelligenz erledigt werden können. Das sind insbesondere dynamische Prozesse und Interaktionen, die humane Fähigkeiten erfordern.

Der Mensch im Fokus

Jetzt rückt der Mensch mit seiner 300.000 Jahre alten Genetik, seinen humanistischen Fähigkeiten und seiner „Human Experience“ in den Fokus. Wir fordern entsprechend unserem menschlichen Naturell immer mehr – örtliche und zeitliche – Flexibilität, Work-Life-Integration und die Bereitstellung der dafür notwendigen mobilen Arbeitsmittel. Wir möchten selbst entscheiden können, wann, wo und wie wir arbeiten. Wir bilden Aktivitätsmodule, bei denen wir viele vormals als Freizeit definierte Aktivitäten in den Arbeitsalltag einbeziehen – Aktivitätsmodule wie Konzentration, Erledigungen, Erholung, Fort- und Weiterbildung, Kreativität, Sport, Gesundheit, Netzwerk und Kollaboration, die jeweils ein spezifisches Flächen- und Serviceangebot erfordern. Diese Anforderungen stehen jedoch im Widerspruch zur bestehenden „Lagen-Monotonie“. Denn wir möchten nicht mehr in monokulturellen Bürostädten ohne jegliche urbane Infrastruktur arbeiten, aber gleichermaßen auch nicht mehr in monokulturellen Wohnstädten wohnen. Wir fühlen uns entsprechend unserer DNA am wohlsten in einem divers geprägten Umfeld mit einer ausgewogenen wirtschaftlichen und sozialen Durchmischung. Denn diese angeborene Form der Sozialkompetenz ist tief in uns Menschen verwurzelt und gar mitverantwortlich für die Überlebensfähigkeit unserer Spezies.

Dies gilt ebenso für die „Human Experience“, denn Menschen handeln und entscheiden erlebnisbasiert. Deshalb setzen sich erlebnisbasierte Produkte auch gegenüber praktischen Produkten durch – ganze Industrien wie die Touristik basieren auf diesem Prinzip. So kann z. B. ein Erlebnis als „Pull-Effekt“ potenzielle Konsumenten gezielt an einen spezifischen Konsumort locken. Die „Human Experience“ ist der Grund, warum wir uns von Quartieren angezogen fühlen, in denen wir „Quartiers-Diversität“ als städtisches Lebensgefühl erleben können.

Als logische Schlussfolgerung steigt die Nachfrage nach räumlich definierten Quartieren, mit gestalteter „Quartiers-Diversität“, die in Summe die vollständige Versorgung der Quartiersnutzer ermöglicht – Quartiere zum Leben und Arbeiten als moderner Lebensraum, der die industrialisierungsbedingte „Lagen-Monotonie“ nach und nach ersetzt.

Das Quartier als „Home of Corporate”

Zukunftsorientierte Unternehmen setzen den Menschen in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, gestalten eine auf Menschlichkeit und Diversität ausgerichtete Unternehmenskultur und nutzen die sich daraus entwickelnde Schwarmintelligenz. Sie schaffen ein „Integrated Working Environment“, also eine ganzheitliche Arbeitswelt, die ein Umsetzen der Aktivitätsmodule ermöglicht.

Viele Unternehmen haben unter den Rahmenbedingungen der Industrialisierung ihre Erfolgsgeschichte an dem Ort geschrieben, an dem ihr Gründer lebt oder lebte. Unter den Rahmenbedingungen der Digitalisierung und dem damit verbundenen Wandel im MAI-Ökosystem müssen sich diese Unternehmen nun neu erfinden, um zu überleben.

Die Zunahme von dynamischen Prozessen bei gleichzeitiger Abnahme von linearen Tätigkeiten diversifiziert die Anforderungen an Expertise. Die Unternehmen fokussieren ihre Kernkompetenzen und bedienen sich für darüberhinausgehende Aufgabenstellungen externer Experten. Um eine räumliche Nähe zum intellektuellen Austausch zwischen eigenen und externen Experten zu ermöglichen, wird eine Kombination aus exklusiv genutzten Corporate-Bereichen und offenen Bereichen für Externe benötigt, sogenannte „Blurring Boundaries“, also fließende Grenzen zwischen intern und extern.

Auch wenn Co-Working-Anbieter bereits funktionale Lösungen für diese Anforderung anbieten, laufen Unternehmen unter dem Dach einer Plattform Gefahr, ihre eigene, erfolgsrelevante Unternehmenskultur einzubüßen. Deshalb prüfen viele Unternehmen den Ansatz, ein diverses Quartier, um die eigengenutzten Flächen herum zu gestalten, z. B. einen urbanen Campus. Das Unternehmen mit seiner Kultur, seinen Menschen, seiner Kompetenz und seiner Produktwelt bildet bei diesem Modell den „Pull-Effekt“, um die Infrastruktur und weitere Menschen sowie die benötigten Experten anzuziehen. Eine auf dieser Basis gestaltete „Quartiers-Diversität“ schafft für alle Beteiligten das urbane Lebensgefühl, um gerne am Unternehmensstandort zu sein, zum Arbeiten und Wohlfühlen. Zum Beispiel schlägt Siemens mit dem Konzept „Siemensstadt 2.0“ diesen Weg ein und entwickelt an den Standorten Berlin und Erlangen divers genutzte Quartiere. Adidas wiederum hat mit dem Adidas-Campus bereits Fakten geschaffen und zieht mit der „World of Sports“ internationale Talente nach Herzogenaurach.

Quartiersentwicklung

Die Entwicklung eines Quartiers mit „Quartiers-Diversität“, also einem gesunden Mix aus Wohnen, Arbeiten, Gastronomie und Geschäften des täglichen Bedarfs, mit ausreichender kritischer Masse, um Umsatz zu generieren und lebendig zu wirken, kann nicht nach Lehrbuch erfolgen. Allein durch die erforderliche Nutzungsvielfalt und den längeren Zeithorizont wird deutlich, wie viel komplexer Quartiersentwicklungen im Gegensatz zu beispielsweise der Entwicklungen reiner Büroareale sind. Eine Quartiersentwicklung bedarf eines „Initialereignisses“, eines Charakters, USPs oder „Pull-Effekts“, der eine kritische Nutzermasse auch außerhalb der üblichen Bürozeiten sicherstellt. Das kann das zuvor erwähnte Unternehmen sein oder ein Kultur-Hotspot wie die Konzerthalle mit Containerdorf im Werksviertel München.

Im Fall einer „Greenfield“-Entwicklung muss der „Pull-Effekt“ in Form einer Vision für z.B. die zukünftige Nutzung einer ehemaligen Gleisfläche neu erfunden werden. Es erfordert einen Charakter, der das zukünftige Quartier prägt und besonders macht. Dieser kann etwa durch Kleinkunstwerkstätten, Pop-up-Kultur, Erlebnis-Gastronomie oder einer einzigartigen Sport-Welt entstehen. Dieses Quartier-Konzept spielt bereits früh im Rahmen eines städtebaulichen Wettbewerbs als Basis zum Erwerb eines Entwicklungsgrundstücks eine wichtige Rolle. Bei Konzeptionierungen von Entwicklungen im Bestand dagegen ist die Geschichte und die ehemalige Nutzung von Bedeutung. Konkret geht es um die Einbeziehung bestehender oft denkmalgeschützter Gebäude(teile), die dem Quartier einen Charakter verleihen können. Ein Beispiel dazu ist die Lokstadt in Winterthur.

Die anzugliedernden Nutzungsarten erfordern dann die Planung und Umsetzung eines ganzheitlichen Nutzungskonzepts. Die Dominanz einer spezifischen Nutzungsart, wie nur Singlehaushalte oder nur klassische Büroflächen würde „Quartiers-Diversität“ verhindern. Wichtig ist deshalb die Einbeziehung moderner Nutzungsarten wie Flexible Offices zur temporären Nutzung oder spezifischer Wohnformen wie Serviced Apartments. Erfolgsentscheidend sind das Maß an Qualität und der Servicelevel der jeweiligen Aktivitätsmodule im Quartier. Im Idealfall kann eine solche Entwicklung dazu führen, dass sich unterentwickelte Randlagen durch die Integration ganzheitlicher, qualitativ hochwertiger Konzepte zu hochpreisigen Spitzenquartieren entwickeln. Sie erfüllen dann alle Kriterien der heutigen Citylagen, bringen jedoch weniger Einschränkungen durch gegebene, gewachsene Strukturen mit sich.

In gewachsenen Strukturen wie einem Cityquartier ist eine potenzielle Wertsteigerung des Quartiers abhängig von der Bereitschaft der multiplen Eigentümer, ihre eigenen Interessen denen des Quartiers unterzuordnen. Das Quartier, als heterogen gewachsene Struktur, muss zu einer zentral gemanagten Einheit zusammenwachsen. Benachbarte Gebäude mit identischem Nutzungscharakter werden nicht mehr im direkten Wettbewerb zueinanderstehen dürfen, sondern müssen als Bestandteil des Quartiers jeweils „Aufgaben“ zur Qualitätssteigerung des Gesamtkonzepts übernehmen. Dazu fehlt zweifelsohne noch der wirtschaftliche Druck und es klingt daher sehr weit entfernt.

Das Quartier als Assetklasse

Für RE Investment Manager bietet sich die Chance, das Quartier als Produkt, also als eigenständige Assetklasse zu etablieren bzw. eine neue Assetklasse zu besetzen, die noch keinem hochkompetitiven Umfeld und damit verbundener Blasenbildungsgefahr ausgesetzt ist. Mit Einzelinvestitionen oberhalb von 500 Millionen Euro kann Anlagedruck effektiv abgebaut werden.

Expertise, zumindest über die einzelnen Nutzungsarten, die ein diverses Quartier vereint, ist in den RE-Investment-Management-Gesellschaften vorhanden. Notwendig ist auch Entwickler-Expertise, denn Quartiere werden als solche noch nicht wirklich zum Erwerb angeboten, und wenn, dann als Forward Deal in überschaubarer Anzahl. Unter Nachhaltigkeitsgesichtspunkten kann ein Quartier z. B. durch den Einkauf von klimaneutralem Strom ressourcenschonend betrieben werden. Auch Trends wie „Urban Farming”, „Urban Living”, „Flexible Office“ oder ein klimaneutrales Mobilitätskonzept können in einem Quartier renditefähig implementiert werden und zur Senkung der Gesamt-CO2-Bilanz beitragen.

Herausfordernd ist jedoch die Platzierung, denn es gibt aktuell nur wenig Vergleichbares, das eine seriöse Risikoverifizierung zulässt. Auch werden sich die etablierten Bewertungs- und Finanzierungsmodelle verändern müssen. Quartiersnutzer werden kaum langfristige Mietverträge über fest definierte Flächen in Gebäuden abschließen, die heute als Bewertungsgrundlage für Kredite und Investments Verwendung finden. Büros werden in Zukunft eine heterogene Nutzerstruktur aufweisen, zusammengesetzt aus Einzelpersonen und individuellen Gruppen, die unterschiedliche Flächenarten temporär nutzen. Dies hat zur Folge, dass sich der Wert der einzelnen Immobilie nicht mehr über die Bonität des Hauptmieters definiert. Die Auslastung des Quartiers als Ganzes und die Rolle der Immobilie im Quartier werden deshalb zukünftig die maßgeblichen Wertindikatoren sein.

Darüber hinaus wird ein Aufbrechen der gelebten Silostrukturen notwendig, da die „klassischen“ Assetklassen wie Büro oder Residential im Quartier nicht einzeln, sondern im Zusammenspiel als Ganzes, eben im Quartiers-Zusammenhang zu betrachten sind.

Quartiersmanagement

Quartiersentwicklungen bieten nicht nur Investoren und Entwicklern, sondern auch für Facility-Management-Dienstleister neue bzw. erweiterte Geschäftsmöglichkeiten. Im Rahmen des Quartiersmanagements müssen nicht nur einzelne Häuser, sondern ganze Quartiere unter Quartiersgesichtspunkten gemanagt und bewirtschaftet werden. Wenn sich Nutzer frei in den von ihnen gebuchten Bereichen oder Einheiten eines Quartiers bewegen und dort Services in Anspruch nehmen, muss dafür eine entsprechende Abrechnungsgrundlage geschaffen und gemanagt werden.

Vergleichbar ist die Aufgabenstellung mit der eines Center-Managements, das eine Mall zu managen hat, in der die Konsumenten sich frei in den individuell von ihnen gebuchten Einrichtungen und Shops bewegen und bedienen können. Jegliche Inanspruchnahme von Leistungen und Services ist in einem Nutzungsvertrag zu regeln und zentral abzurechnen. Mehrere Tausend Nutzer eines Quartiers oder urbanen Campus bedeuten in diesem Zusammenhang auch mehrere Tausend individuelle Nutzungsverträge, die geschlossen, verwaltet und abgerechnet werden müssen. Das Leistungsbild besteht dann neben den klassischen FM Dienstleistungen auch aus der Bewirtschaftung einer Vielzahl weiterer Sondernutzungen wie z. B. Cafés oder Popup-Stores.

Eine wesentliche Herausforderung ist abschließend das Betriebsmodell. Die erfolgsrelevante „Quartiers-Diversität“ ist nur dann gegeben, wenn auch der Betrieb des Quartiers und die damit verbundenen Services aufeinander abgestimmt sind. Dazu gehören auch Pay-per-Use-Konzepte für Flächen und Services. Die RE Investment Manager müssen entscheiden, ob sie den Betrieb klassisch vergeben, sich im Rahmen eines Partnermodells mit einbringen oder ihn gar mit einem eigenen Gewerbe selbst übernehmen.

Rückblickend ist die Einstiegsfrage nun klar zu bejahen: Der Erfolg divers gestalteter urbaner Quartiere ist mehr als nur ein Indiz für eine immobilienökonomische Transformation, weg von einzelnen Assetklassen hin zu einer ganzheitlichen Betrachtung der Quartiere als eigene Assetklasse.


Dieser Beitrag wurde zuerst von der IRE|BS Immobilienakademie publiziert. Ein PDF des Beitrags finden Sie hier.

Jörn König

Der Architekt Jörn König ist Managing Partner bei TME Associates und verantwortet als CHRO die Personalstrategie der Gruppe. Er beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit dem Thema Arbeitswelten und die Zukunft der Arbeit. In seinem Beratungssegment Integrated Working Environment (kurz IWE), fasst er die Belange der Arbeitswelt unter den Gesichtspunkten von Menschen, Arbeit und Immobilie zusammen und definiert über das „MAI-Ökosystem“ die Grundlagen für Veränderungen in der Immobilienwirtschaft.

Ausländische Asset Manager in Deutschland – ihre größten Herausforderungen prae Covid-19

von Hagen Gerle, Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche.

Spezifische Anforderungen von Kundenseite, die fondsbezogene Regulierung und der Zugang zu Vertriebspartnern sind die größten Herausforderungen für ausländische Fondsgesellschaften auf dem deutschen Markt – oder waren es zumindest bis zum Beginn des Coronavirus-Lockdowns. Die höchste persönliche Schwierigkeit für Mitarbeiter und Dienstleister von Investmentgesellschaften war bis dato der Umstand, dass Deutschland sehr dezentralisiert ist und viele unterschiedliche Finanzzentren hat.

Das sind die Kernergebnisse der Umfrage „Welche Hürden müssen ausländische Fondshäuser auf dem deutschen Markt überwinden?“, welche die spezialisierte Kommunikationsberatung Gerle Financial Communications (GFC) initiiert hat. An der Online-Umfrage beteiligten sich zwischen Januar und März dieses Jahres Vertreter von 18 Unternehmen, die bei ausländischen Fondshäusern arbeiten oder für diese Dienstleistungen erbringen, vor allem im Vertrieb.

Die teilnehmenden Investmentfirmen stammen aus Europa (neun Unternehmen), Nord- und Südamerika (acht) sowie Asien (eine Firma) und repräsentieren ein gesamtes weltweit verwaltetes Vermögen von rund 4,3 Billionen Euro (Stand Dezember 2019).

Deutsche Kunden haben besondere Erwartungen und Anforderungen

In der Befragung nannte mehr als ein Viertel (26 Prozent) der Teilnehmer die besonderen Anforderungen deutscher Fondskunden – etwa in Bezug auf das Reporting für gesonderte Anteilklassen, individuelle Zielgruppen und obligatorische Kennzahlen – als die größte Herausforderung, gefolgt von der fondsspezifischen Regulierung und dem Zugang zu den richtigen Vertriebspartnern mit jeweils 22 Prozent. „Informationsmaterial in deutscher Sprache“ landete auf dem dritten Rang (17 Prozent).

„Ob Deutschlands Dezentralität mit seinen verschiedenen Finanzzentren nach Covid-19 noch eine Hürde für ausländische Asset Manager sein wird, bleibt abzuwarten.“
Hagen Gerle, Geschäftsführer Gerle Financial Communications

Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) bezeichnete Deutschlands dezentrale Struktur mit seinen verschiedenen Finanzzentren als die höchste persönliche Hürde, die sie zu nehmen hatten, als sie nach Deutschland kamen. „Das ist allerdings eine Hürde, die angesichts von Social Distancing, stark eingeschränktem Reiseverkehr und dem wachsenden Zuspruch für Online-Seminare und Video-Konferenzen künftig niedriger ausfallen könnte“, sagt GFC-Geschäftsführer Hagen Gerle.

Qualifiziertes Personal einzustellen (16 Prozent), die deutsche Sprache (13 Prozent) und das deutsche Steuerwesen (neun Prozent) folgten mit weitem Abstand. Einen passenden Job für den Lebenspartner (eine Nennung) oder Zugang zu guten Schulen für die Kinder zu finden (keine Nennung) stellten offensichtlich keine Schwierigkeiten dar.

ESG und Regulierung machen mehr Arbeit als im Heimatmarkt

Im Vergleich zu ihren Heimatmärkten sind vor allem die Regulierung sowie das Sichten und Auswählen von nachhaltigen und sozial verantwortlichen Investments (ESG/SRI) für ausländische Fondsgesellschaften in Deutschland aufwändiger. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (56 Prozent) haben danach mit den Themen „Regulierung“ sowie „ESG/SRI“ in Deutschland mehr Arbeit als in ihren jeweiligen Heimatländern. „Digitalisierung“ (88 Prozent) sowie „New Work“ (65 Prozent), also neue flexible Arbeitskonzepte, bereiten hierzulande hingegen weniger oder genauso viel Arbeit wie in den Ursprungsländern der Asset Manager.

„Als wir die Umfrage starteten, war natürlich nicht abzusehen, welche tiefgreifenden Folgen Covid-19 haben würde. Und die Frage nach den ,größten Herausforderungen für ausländische Asset Manager auf dem deutschen Markt‘ zu beantworten, schien uns im Verlauf der Krise nicht mehr angemessen“, kommentiert Gerle. „Zumal sich diese Herausforderungen ganz stark, speziell für kleinere Gesellschaften, auf den reinen Fortbestand reduzieren.“

Zwar repräsentiere eine Anzahl von 18 Antworten nur einen kleinen Teil der ausländischen Asset Manager und ihren Blick auf die deutsche Fondsbranche. „Da die Teilnehmer unserer Befragung aber eine gute Bandbreite abdecken – von globalen Top-Ten-Häusern bis hin zu spezialisierten Investmentboutiquen aus aller Welt – geben sie einen interessanten Einblick in die Schwierigkeiten, welche ausländische Asset Manager bei ihrem Start in Deutschland haben – nach wie vor einem der am stärksten gefragten Märkte weltweit“, sagt Kommunikationsberater Gerle. Es werde sicher aufschlussreich werden, die Frage nach den höchsten Hürden in einem Jahr erneut zu stellen und dann den Einfluss von Covid-19 auf das Geschäft in Deutschland festzuhalten.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 05. Juni 2020.

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften. 2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main: Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

Requirements for Security Token Issuance

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Security tokens have been introduced from this legal perspective in part one of this article. This part focuses on the security token offering requirements.

Services of token issuer and token generator

Token issuer are persons who publicly offer tokens on behalf of third parties. This includes not only sales, but also other forms of offering, such as an award for a fee or a gift (eg, airdrop). A possible application is trading venues that carry out ICOs or IEOs for their customers.

In addition, persons who carry out their own issuance must also register if the equivalent value of the tokens issued in one year exceeds or will exceed CHF5 million.

As far as we understand under token issuer mainly of utility tokens (ICO or IEO in case the token issue is conducted primarily by a known exchange) and security tokens (STO) fall those who issue tokens professionally in the name of a client or in their own name in the amount of CHF5 million or more to be issued within a period of 12 months.

In general, every token issuer has to be registered in the FMA register. The obligation does not apply in cases in which the issuer sells his own tokens for the amount less than CHF5 million within twelve months to the public.

Services of a registered token generator who generates tokens technically are also needed within the TVTG framework. Project planning fundraising using tokens could either seek the registration as token generator or use services of the registered token generator on site. Requirements for token issuer registration can be summarised as follows:

Personal, management and shareholders have to be reliable in terms of bankruptcy and criminal law. An organisation structure with defined areas of responsibility, including procedures for dealing with conflicts of interest must exist. Furthermore, a minimum capital of 50,000 Francs, 100,000 Francs and 250,000 Francs have to be at the company’s disposal if tokens with a total value respectively of up to and including CHF5 million, of more than CHF5 million and of more than CHF25 million are issued within a period of 12 months. 

Publication of basic information and notification for token issuance 

Article 30 TVTG contains an obligation to prepare, report and publish basic information which should contain information about the tokens to be issued and associated rights.

An issuer of tokens that are offered to the public is obliged to create and publish appropriate basic information in advance. The corresponding obligation to provide information serves to protect users and is intended to adequately inform the interested public about the purpose of the token issue and the associated opportunities and risks.

The central difference between a securities prospectus according to Securities Prospectus Act and basic information according to TVTG is that basic information according to TVTG must be brought to the attention of the FMA in good time before the token issue; the information must also be published, eg, on the issuer's website. However, no formal approval of the information by the FMA is required.

Assumingly publication of the basic information is the major requirement for ICO/IEO or an STO which does not need to publish a prospectus, ie, raising from CHF5 million to CHF/EUR8 million.

TVTG provides for an exemption to publish basic information for the case if there is already an obligation to publish qualified information about the public offering of tokens according to other laws. Additionally, token issuer must notify the FMA of any token issuance in advance.

Requirements under prospectus regulations and access to single market

Liechtenstein as part of the European Economic Area (EEA) has to implement the European Directives into national legislation, which is the case with EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG).

This section is based mainly on existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980), as well as FMA’s instructions and communication to be found at FMA’s website.

In summer 2018, the FMA approved a first securities prospectus for security tokens in the entire European Union. These securities prospectuses combine the features of classic securities prospectuses on the one hand and the elements of blockchain technology on the other.

Existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980) can only be applied to security tokens if their security characteristics are fulfilled. The security property is generally assessed based on the three criteria of transferability, standardisation and tradability.

Securities

When offering securities to the public or admitting securities to trading in a regulated market, information disclosure is key to investor protection as it eliminates information asymmetries between investors and issuers.

In the public offering of securities, information disclosure is of central importance to investor protection, as it eliminates the information asymmetry between investors and issuers. Offering securities to the public generally requires preparation and publication of a securities prospectus under the EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG) (Article 1, Paragraph 1 EWR-WPPDG).

A public offering of securities in Liechtenstein may therefore only take place if previously according to the provisions of Regulation (EU) 2017/1129 and the Delegated Regulation (EU) 2019/980 and Delegated Regulation (EU) 2019/979 prospectus drawn up and approved has been published.

Prospectus Content

The minimum content of the prospectuses is specified in the Annexes to Delegated Regulation (EU) 2019/980. The Annexes to the Delegated Regulation (EU) 2019/980 contain in particular the registration forms, the securities descriptions and information on the minimum content. The type of the underlying asset is decisive, ie, depending on the focus and orientation of the security, the relevant appendices must be observed.

A securities prospectus must be approved by the FMA and published as required by law in order to be considered valid. There is no obligation to publish a prospectus if an exemption applies under Article 1 of Regulation (EU) 2017/1129. In any case, a security prospectus may be published voluntarily in order to extend the offer to the whole EEA.

Exemptions to the prospectus obligation can be found in Article 1, Paragraph 4 Regulation (EU) 2017/1129 and Article 3 EEA-WPPDG.

The most frequently used exemptions are private placement not falling under description of the public offering and exclusively qualified investors are approached. Offer of securities to the public means a communication to persons in any form and by any means, presenting sufficient information on the terms of the offer and the securities to be offered, so as to enable an investor to decide to purchase or subscribe for those securities. This definition also applies to the placing of securities through financial intermediaries.

However, such exempted offers of securities to the public should not benefit from the passporting regime under the regulation. 

Resale of securities

It is important to mention, that subsequent resale of securities which were previously the subject of one or more of points (a) to (d) of Article 1(4) shall be considered as a separate offer and the definition set out in point (d) of Article 2 shall apply for the purpose of determining whether that resale is an offer of securities to the public. The placement of securities through financial intermediaries shall be subject to publication of a prospectus unless one of the exemptions listed in points (a) to (d) of Article 1(4) applies in relation to the final placement.

No additional prospectus shall be required in any such subsequent resale of securities or final placement of securities through financial intermediaries as long as a valid prospectus is available in accordance with Article 12 and the issuer or the person responsible for drawing up such prospectus consents to its use by means of a written agreement.

Voluntary prospectus approval

If a further public resale on a trading platform is planned, it could be recommended to obtain a voluntary prospectus approval. Where an offer of securities to the public or an admission of securities to trading on a regulated market is outside the scope of this Regulation in accordance with Article 1(3), or exempted from the obligation to publish a prospectus in accordance with Article 1(4), 1(5) or 3(2), an issuer, an offerer or a person asking for admission to trading on a regulated market shall be entitled to voluntarily draw up a prospectus in accordance with this Regulation.

Since Liechtenstein is an EEA member, the prospectus, including any supplements, is valid in any number of EEA member states without an additional approval procedure for a public offer or admission to trading (European passport). The FMA shall send the necessary documents to the competent authorities of the host Member State and the European Securities and Markets Authority (ESMA) within one working day of receipt of the application or approval.

Conclusions

Security token offering requirements in Liechtenstein look as follows in brief:

  • securities prospectus registration is required with FMA if token qualifies as security;
  • registration as token issuer in case of professional activity or issuance over CHF5 million;
  • basic information publication in case of issuance under CHF5 million/other exemptions from prospectus obligation; and
  • notification of the token issuance.

Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

Rechtsanwälte Lennert Partners

Lettstrasse 37, 9490 Vaduz, Liechtenstein
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Medizinische Grundversorgung

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Die medizinische Grundversorgung der breiten Bevölkerung zählt zu den Hauptaufgaben aller Staaten weltweit. In normalen Umfeldsituationen ist dieses Ziel in der Regel erreichbar, wenngleich in einigen, vor allem wirtschaftlich schwachen Ländern der Welt oft kaum finanzierbar. In einigen Ländern ist der Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung – im Englischen als „Access to Medicine“ bezeichnet – daher keine Selbstverständlichkeit.

Auf Grund dieses Problems steigt in den letzten Jahren der Druck auf die großen, internationalen Pharmakonzerne, kostengünstige Modelle für eine Versorgung mit Medikamenten bereitzustellen. Zugleich wird von der Pharmabranche immerwährende Innovation und hohe Qualität gefordert.

Die Kosten, die der Staat einerseits und die Privaten andererseits für Gesundheit aufwenden, schwanken zwischen den einzelnen Ländern sehr stark. Auch weist die Bedeutung von staatlichen versus privat finanzierten Ausgaben für Gesundheit je nach Staat große Unterschiede auf.

SDG: GESUNDES LEBEN FÜR ALLE

Die definierten Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) betonen ebenfalls die adäquate medizinische Grundversorgung für die breite Bevölkerung. Das dritte Entwicklungsziel ist dem Thema Gesundheit gewidmet und folgendermaßen formuliert: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.“ Eines der Subziele betrifft dabei speziell das Thema Gesundheitsversorgung.

HOHE RESEARCHKOSTEN

Wie aber ist die strategische Ausrichtung der Pharmakonzerne von der Diskussion rund um einen möglichst kostengünstigen „Access to Medicine“ betroffen? Für die Pharmakonzerne sind im Zusammenhang mit dem Geschäft mit neuen Medikamenten Themen wie Researchkosten zur Entwicklung neuer Wirkstoffe, Patente und Zulassungen von Medikamenten in den einzelnen Ländern generell von Bedeutung. Es sollte nicht vergessen werden, welche umfangreichen Kosten für Pharmaunternehmen mit der Entwicklung neuer Medikamente verbunden sind. Weltweit müssen die Produkte der Pharmakonzerne aufwendige Testphasen der nationalen Gesundheitsbehörden durchlaufen. Der immanente Kostendruck hat die Konzentration der Branche vorangetrieben, Zusammenschlüsse und Übernahmen von Pharmaunternehmen waren in den vergangenen Jahren an der Tagesordnung.

GLOBALISIERUNG UND LIEFERKETTEN

Auch in der Pharmaindustrie zeigten sich in den letzten Jahren rund um die Themen Globalisierung und Optimierung des Produktionsprozesses Phänomene wie Auslagerungen von Produktionsschritten oder der gesamten Herstellung und eine zunehmende Komplexität der Produktion.

Mit den Einschränkungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr wird das Lieferketten-Management immer schwieriger zu kontrollieren. Auslagerungen von Produktionsprozessen führen zu neuen oder erst jetzt erkennbaren Risiken, denn die Entscheidung der Unternehmen, verstärkt auf die Alternative des Outsourcings zu setzen und die eigene Fertigung zu reduzieren, basiert auf der Annahme eines freien Warenverkehrs. Handelseinschränkungen, wie durch Pandemien oder Umweltkatastrophen in der Vergangenheit, zeigen die potenzielle Verwundbarkeit des Systems.

Es scheinen aber zum Teil gerade auch die Angst vor Umweltbelastungen oder das Ausweichen in Regionen mit weniger strengen Auflagen in den Bereichen Umweltschutz und Mitarbeiter zu sein, die die Verlagerung von Produktionen aus den Industrieländern in andere Länder verstärken. Als Beispiel in diesem Zusammenhang sei die Produktion von Antibiotika genannt, die aktuell fast ausschließlich in den Ländern China und Indien erfolgt.

Die Öffentlichkeit hat die Rolle der Pharmakonzerne in den letzten Jahren zunehmend kritisch interpretiert, die Branche wurde in Bezug auf den Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung verstärkt unter die Lupe genommen. Der „Access to Medicine Index“ beispielsweise fokussiert auf eine Beurteilung der zwanzig weltweit führenden Pharmaunternehmen entsprechend ihren Bemühungen, ihre Medikamente in Entwicklungsländern besser zugänglich zu machen.

CORONAVIRUS

Die aktuelle Pandemie, die unter Namen wie Corona-Krise oder Covid-19-Pandemie bekannt geworden ist und uns seit Monaten in Atem hält, hat die bereits dargestellten Themen rund um die Finanzierung des Gesundheitswesens und die Forschungsdynamik seitens der Pharmaindustrie noch einmal in den Vordergrund gerückt.

Bei der Analyse der unterschiedlichen Verbreitung und Mortalität von Covid-19 wurde unter anderem die Qualität der jeweiligen staatlichen Gesundheitssysteme – gemessen etwa an verfügbarem Personal, Betten, Größe der Intensivstationen und Qualität der vorhandenen Geräte – als wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus ins Treffen geführt. Weitere Theorien rund um das unterschiedliche Ausmaß des Ausbruches der Pandemie betrafen auch das jeweilige Klima der Regionen und das Ausmaß der Umweltverschmutzung. Durch schlechte Luft bereits an Atemwegserkrankungen leidende Menschen – so die auf dem Thema Umweltverschmutzung aufbauende These – könnten natürlich umso anfälliger für ein Virus wie SARS-CoV-2 sein. Auch demografische und soziale Unterschiede könnten die Ausbreitung und Mortalität des Virus beeinflussen. Ein hoher Anteil von alten Personen an der Bevölkerung könnte die genannten Statistiken ebenso negativ beeinflussen wie eine starke soziale Verflechtung, sprich das häufige Zusammenleben von jungen und alten Familienmitgliedern in einem Haushalt.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob auch die Zahlen und Statistiken aus den einzelnen Ländern und Regionen selbst tatsächlich vergleichbar sind. So wird weltweit mit veröffentlichten Daten, beispielsweise der Anzahl der durchgeführten Tests, der damit verbundenen Dunkelziffer sowie nicht zuletzt der Definition der Todesfälle, auf sehr unterschiedliche Art und Weise umgegangen.

Auf wissenschaftlicher Ebene ist die Frage einer möglichen Mutation des Virus und einer damit eventuell verbundenen erhöhten Aggressivität respektive Mortalität in die Diskussion miteingebracht worden.

FOLGEN VON CORONA FÜR DEN SEKTOR „GESUNDHEIT“

Was die Corona-Krise jedenfalls verändert hat, ist einerseits die Bereitschaft von Entscheidungsträgern, zumindest vorübergehend mehr in das Gesundheitssystem zu investieren, und andererseits, von den Pharmaunternehmen noch viel mehr und schneller Lösungen für ein aktuelles Problem zu erwarten. Der Ruf nach Medikamenten zur Behandlung von Covid-19 und Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 wurden bereits wenige Wochen oder sogar Tage nach dem ersten bekannten Ausbruch des Virus in China laut.

In diesem Zusammenhang könnten sich mit der Covid-19-Pandemie auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. So haben einige der global bedeutendsten Pharmaunternehmen die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Herstellung und Bereitstellung von Impfstoffen, Diagnostika und Behandlungen für das Coronavirus angekündigt. Zunächst haben fünfzehn Unternehmen der Branche vereinbart, Teile ihrer firmeneigenen Datenbanken zur Verfügung zu stellen. Unterstützt wird das Projekt rund um den Covid-19-„Therapeutics Accelerator“ zur Beschleunigung der Forschungsinitiativen von der Gates Foundation sowie den Unternehmen Wellcome und Mastercard.

MEDIZINISCHE GRUNDVERSORGUNG IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die Produktion von Pharmazeutika ist bei fehlenden Umweltschutzmaßnahmen oft mit massiver Umweltverschmutzung verbunden, was die Themen Globalisierung und Produktionsverlagerung in den Mittelpunkt rückt. Auch die nicht fachgerechte Entsorgung von Altmedikamenten birgt negatives Potenzial.

S (Social)

Der kostengünstige Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung ist ein wichtiges humanitäres Anliegen, gleichzeitig muss aus Sicht der Pharmaindustrie die Forschung nach neuen Medikamenten und Handlungsmethoden finanziert werden. Private und öffentliche Finanzierung der Gesundheitssysteme stehen in vielen Staaten nebeneinander und führen zu sozialen Spannungen.

G (Governance)

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind in einer alternden Gesellschaft eine immer dominantere Position der nationalen Budgets. Medizinische Versorgung und Risikovorsorge für Extrembelastungen des Gesundheitswesens sind dabei abzuwägen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist die nachhaltige Ausgestaltung des Gesundheitswesens ein wichtiges Thema. In unseren nachhaltigen Investments zählen Unternehmen dieses Sektors zu den wesentlichen Investments, oft sind Titel im Bereich Gesundheit im Vergleich zum Gesamtmarkt übergewichtet.


Die aktuelle Ausgabe von Raiffeisen Capital Management's NACHHALTIG INVESTIEREN zum Thema Covid-19 und Gesundheit finden Sie links als PDF.

Security Token Offering for Fundraising and Assets Tokenisation under Liechtenstein Blockchain Act

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

After over 80% of unregulated initial coin offerings (ICOs) turned out to be scams, regulated security token offerings (STOs) became more popular. It turned out that almost every asset can be linked with token as entry in a decentralised register which leads to the appearance of security token, tokenised or digital security.

Security tokens, together with cryptocurrencies, are a fairly new topic in financial market reality and law. The potential of the security tokens or assets tokenisation markets is claimed to be worth billions. In 2018-19 we have seen the rise of security token offering both as a method of fundraising and an attempt to make some illiquid assets such as real estate more liquid. Global STO research with statistics was provided by a swiss tokenisation platform Blockstate, which can be used as illustration for the above statements.

Switzerland and Liechtenstein, as countries with reputable financial markets, recognised the potential of asset tokenisation for their financial market early in its development, and have done much work to provide relevant legal frameworks. In 2018-2019 around fifteen STOs were conducted in Switzerland and around seven in Liechtenstein. The Principality of Liechtenstein as possible jurisdiction for initial coin offerings (ICO) and blockchain projects in general got on the radars together with Switzerland as it published ICO fact sheet in 2017. 

One of the first prospectuses on security token issue in Europe was approved by regulators starting from August 2018, ie, prospectus of the NEON Exchange by Financial Market Authority (FMA) Liechtenstein.

Also the “Alpine Malta” attracted attention of the international and especially European crypto-community, when it announced to be one of the first countries in the world to adopt a special legislation on blockchain namely the Token and TT Service Provider Act (Token and Trustworthy Technology Service Provider Act, TVTG, Blockchain Act), also called the Liechtenstein Blockchain Act, which has been enforced from the beginning of 2020, creating one of the world’s first safe and regulated environment for token related services.

This forward-thinking act creates legal security and trust for blockchain service providers as well as protects investors from fraud. The Liechtenstein Blockchain Act serves as an optimal environment for established companies as well as start-ups and investors to take their businesses to the next level by creating an excellent, innovation-friendly and technology-neutral framework.

Unique Civil Law for Tokens

The Liechtenstein Blockchain Act seems to be quite a unique regulation giving first the civil law definition for token, blockchain and blockchain transactions.

The law uses the term "Trustworthy Technology" (or TT) for blockchain and possible future technologies. These are technologies through which the integrity of tokens, the clear assignment of tokens to TT Identifiers and the disposal of tokens is ensured. A TT identifier allows for the clear assignment of Tokens ("public key"), whereas a TT key allows for disposal of Tokens ("private key").

A token container model was developed alongside the Blockchain Act, meaning a token can represent rights to all possible assets.

A “token” is a piece of information on a TT System which can represent claims or rights of memberships against a person, rights to property, or other absolute or relative rights, and is assigned to one or more TT Identifiers.

Key points for effective transfer of tokenised assets are:

  • the holder of the private keys has right of disposal (Verfügungsgewalt) over the token; 
  • they are presumed to be the authorised person with “proprietor’s rights” (Verfügungsberechtigte) over the token; and
  • the disposal over the token effects the disposal over the right represented by the token.

Security Tokens from a Legal Perspective

Though when introducing token container model the government wanted specifically not to provide any classifications of tokens, the classical swiss classification from FINMA ICO Guidelines should be mentioned.

FINMA introduced ICO guidelines with major simplified classification of tokens based on its content for the sole purpose of financial market law:

  • utility tokens;
  • security or asset tokens; and
  • payment tokens.

Utility token's give access to services or infrastructure also used for crowdfunding, as donations more known as initial coin offering (ICO) (ie, Bluenote, Smart Valor, Tezos, Ubex etc). Security or asset tokens represent shares in a company, claim or financial instrument (Mt Pelerin, Healthbank, Nexo, HYGH, BlockState, Swiss Alps Mining, eLocations, BlueShare etc). Payment tokens function as a means of payment (Bitcoin, Ether, Ducascopy etc).

A more detailed classification is to be found in the Conceptual Framework for Legal and Risk Assessment of Crypto Tokens ("BCP Framework").

Intense discussions took place in Liechtenstein and Switzerland regarding the legal nature of security tokens. In conclusion, the Liechtenstein government proposed to include uncertified security (or book-entry security) with all the functions of a traditional security of public faith with new articles in Final Part of the Persons and Company’s law (PGR).

The basis of a genuine book-entry security is an electronic register in which both the issue and the transfer of book-entry securities must be recorded. At the same time, Section 81a, Final Part PGR, creates a new interface between the TVTG and securities law. Because the value right register can also be kept on the basis of a blockchain or TT system, such systems are particularly suitable for this purpose because they enable a clear and seamless assignment of legal title to each book-entry security and cannot be manipulated.

Consequently, the issuing of securities and the clearing and settlement of securities transactions on TT Systems are considered to be one of the key potential applications for TT technologies.

Behind the security token could be various types of traditional securities, such as registered shares, participation certificates or profit participation certificates (Swiss and Liechtenstein equivalents of non-voting shares), bonds, collective investment scheme shares and also new uncertificated securities which could be created using tokenisation, ie, derivatives as rights to future income, rights to future commissions (Neon/Nash exchange), derivative security with features of a structured bond (Crowdli project about real estate investments), etc.

Asset tokenisation models for real estate as well as for other illiquid and quite expensive assets such as collectable cars, art objects, precious metals and stones can look as follows:

  • Tokenisation of bonds;
  • Tokenisation of company equity;
  • Tokenisation of collective investment scheme shares;
  • Tokenisation of co-ownership in a specific object;
  • Tokenisation of future revenue streams etc.

Conclusions

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Part two of this article focuses on the security token offering requirements in Liechtenstein.

Risks related to application of blockchain technology are mostly in relation to the technology itself, the lack of security tokens trading platforms and the globally fragmented regulations.

Though potential risks of technological and economic nature exist, the potential of tokenisation to transform the assets world is quite large. For now, the market remains in its early stages, with the lack of secondary market holding back the development. Overall, only the application of the new regulations in the real world will provide proof of the success of the regulators approach.


Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

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Nachhaltigkeit und verbundene Risiken im Finanzsektor Luxemburgs

von Mevlüde-Aysun Tokbag und Fabian Frankus, beide Wildgen S.A.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind bekannt und führen unter anderem zu „Fridays for Future“ und zur Thematisierung auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Wie aber wirkt sich das auf den Finanzsektor aus?

Die so oft kritisierte Finanzindustrie, die von Gesetzes wegen zu einer ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation und einem angemessenen Risikomanagementsystem verpflichtet ist, kann sich diesem Aufruf zu mehr Nachhaltigkeit nicht mehr entziehen und will dies offenbar auch nicht. Die Einbeziehung der Nachhaltigkeit und der damit verbundenen Risiken in den Finanzsektor spiegeln den gesellschaftlichen Wandel wider, wobei der Finanzsektor an den zum Teil selbst festgelegten Zielen gemessen werden wird.

Nachhaltigkeit – Begriff und Bedarf

Der Begriff Nachhaltigkeit als solcher ist nicht unbekannt und jeder wird sich hiermit in Bezug auf sein eigenes Handeln bereits auseinandergesetzt haben. Unternehmensbezogen versteht man unter Nachhaltigkeit, im Sinne von Environmental, Social and Governance („ESG“), ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis ökologische und sozialgesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet bzw. bewertet werden. In anderen Worten: Wie können Gewinne umwelt- und sozialverträglich erwirtschaftet werden? Für die Finanzindustrie stellt sich daher die Frage, wie sie ESG-konform, d.h. verantwortungsvoll, investieren kann.

Diese Frage ist mangels einer einheitlichen Definition von ESG keine einfache und wird daher durch die einzelnen Akteure des Finanzsektors sehr unterschiedlich beantwortet. Dies ist auch der Weite der einzelnen unter ESG zusammengefassten Themen geschuldet, denn ESG meint nicht nur Umweltthemen, wie den Klimawandel, sondern umfasst auch Arbeitsbedingungen in Unternehmen und Unternehmensführung. So ist das Ergebnis einer Bestandsaufnahme der Fondsindustrie nicht überraschend. Es gibt eine Vielzahl an Fonds, die sich selbst als ESG-konform, grün, nachhaltig o.ä. bezeichnen. Oftmals werden hierbei zwar einzelne ESG-Faktoren berücksichtigt, aber das Prädikat „nachhaltig“ kann nicht vergeben werden. Dennoch ist es wichtig festzustellen, dass sich die Finanzindustrie dieses Themas bereits seit längerem angenommen hat.

Indes ist das gestiegene Bewusstsein für ESG innerhalb der Finanzindustrie nicht nur dem Verständnis von der eigenen Verantwortung geschuldet, sondern vielmehr ein Selbstzweck. Der gesellschaftliche Wandel und das Bewusstsein für ESG, das hiermit einhergeht, haben einen „neuen“ Anlegertypus geschaffen. Diese „neue“ Art von Anlegern bevorzugt es, in ESG-konforme Anlagen zu investieren, die sich an ihren ethischen Vorstellungen von nachhaltigen Investitionen orientieren. Daher ist es für die Finanzindustrie eine neue Herausforderung, diese Anleger für sich zu gewinnen und folglich die gewohnten Pfade zu verlassen. Dass diese Anleger oftmals bereit sind, eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen, wenn sie sich über die ESG-Konformität sicher sind, ist nur ein schwacher Trost, denn Anleger erwarten Rendite. Rendite ist auch auf ESG-konforme Weise zu erreichen und diejenigen Akteure, die sich diesem Thema bereits widmen, scheinen sich einen Vorteil zu Ihrer Konkurrenz – nicht nur im Werben um Investoren – zu erarbeiten, in dem sie einen sich verändernden gesetzlichen Rahmen antizipieren.

Rechtsrahmen in Luxemburg

Derzeit ist es jedoch nicht gewährleistet, dass ESG-Investitionen tatsächlich nachhaltig sind, auch wenn die diversen Akteure des luxemburgischen Finanzsektors den für sie geltenden gesetzlichen Bestimmungen, die unter anderem im allgemeinen Sinne, eine ordnungsgemäße Geschäftsorganisation und ein angemessenes Risikomanagementsystem vorschreiben, unterliegen. Denn bis dato besteht in Luxemburg „lediglich” eine Pflicht für die Akteure des Finanzsektors, alle wesentlichen Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu überwachen, zu steuern und zu kommunizieren. Die Nachhaltigkeitsrisiken im ESG-Sinne sind jedoch aufgrund eines bisher fehlenden Rechtsrahmens (noch) nicht zu berücksichtigen, auch wenn diese bereits auf die bekannten Risikoarten einwirken. Dementsprechend erfolgt auch keine nachhaltigkeitsbezogene Beaufsichtigung solcher Anlagen.

In Bezug auf die Nachhaltigkeitsrisiken und die von den Akteuren durchzuführenden Risikoidentifikations-, Risikosteuerungs- und Risikocontrolling-Prozesse bedeutet dies konkret, dass zum Beispiel Kreditrisiken (Geschäftsmodell des Kreditnehmers wird durch Nachhaltigkeitsrisiken beeinflusst), Marktrisiken (Marktstimmung führt aufgrund regulatorischer Maßnahmen zu Abwertungen), Liquiditätsrisiken (zwingende Veräußerung von Aktiva nach massiven Geldabfluss zur Schadensbeseitigung nach Naturkatastrophen), versicherungstechnische Risiken etc. unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken neu bewertet werden müssen, um ESG-konform zu sein und in der Folge neue Anleger für sich zu gewinnen.

Derzeitige Marktpraxis in Luxemburg

Im luxemburgischen Finanzsektor sind die Begriffe „Nachhaltigkeit“ bzw. ESG, wie bereits gesagt, nicht unbekannt, trotz eines mangelnden Rechtsrahmens.

So hat die Luxemburger Börse bereits im Jahre 2016 die erste globale Plattform für grüne, sozial verantwortliche und nachhaltige Wertpapiere gegründet: Die Luxembourg Green Exchange. Dies bedeutet, dass an der luxemburgischen Börse grüne, soziale oder nachhaltige Wertpapiere gehandelt werden können.

Auch können in Luxemburg Fondspromoter bereits seit 2016 ein Anlagekennzeichnungssystem nutzen, mit dem sie ein für Investoren sichtbares Zeichen für nachhaltige und transparente Anlagen setzen. Die beiden in diesem Bereich relevanten staatlichen Labels des LuxFLAG-Anlagekennzeichnungssystem sind das Climate Finance Label und das ESG Label. Mit dem Climate Finance Label wird den Investoren versichert, dass ein Fonds mindestens 75% seines Gesamtvermögens in direktem Zusammenhang mit dem Klimaschutz und/oder der Anpassung an den Klimawandel investiert. Mit dem ESG Label wird den Investoren die Gewissheit gegeben, dass ein Fonds sein Vermögen während des gesamten Anlageprozesses tatsächlich unter Berücksichtigung von ESG–Aspekten anlegt.

Als Beispiel für diesen in Luxemburg bereits etablierten Markt, können verschiedene Produkte von Bankhäusern wie auch anderen Institutionellen genannt werden.

Ein sich wandelnder Markt bedarf eines geänderten Rechtsrahmens

Die Bedürfnisse der Investoren erfordern einen klaren Rechtsrahmen.

Wie so oft ist es die EU-Gesetzgebung, die einen solchen Rahmen schafft. In Bezug auf die Nachhaltigkeit im Finanzsektor sind es vor allen Dingen zwei Verordnungen, die diesen Zusammenhang berücksichtigen. Zum einen die Verordnung (EU) 2019/2089 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 zur Änderung der Verordnung (EU) 2016/1011 hinsichtlich EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte (die “ESG-Referenzwerteverordnung”). Zum anderen die Verordnung (EU) 2019/2088 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor (die “Verordnung”).

Durch die Verordnung (EU) 2016/1011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2016 über Indizes, die bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten als Referenzwert oder zur Messung der Wertentwicklung eines Investmentfonds verwendet werden, und zur Änderung der Richtlinien 2008/48/EG und 2014/17/EU sowie der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 (die „Referenzwerteverordnung“) wurde ein gemeinsamer Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität von Indizes eingeführt, die als Referenzwert bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden (Artikel 1 der Referenzwerteverordnung).

Wie der vollständige Name der Referenzwerteverordnung (siehe vorherigen Absatz) erahnen lässt, gelten Indizes, welche bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden, als Referenzwerte. Unter der Referenzwerteverordnung gilt jede Zahl als Index, (i) die veröffentlicht oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, (ii) ganz oder teilweise, durch Anwendung einer Formel oder einer anderen Berechnungsmethode oder durch Bewertung bestimmt wird und (iii) auf der Grundlage eines Wertes oder mehrerer Basispreise, einschließlich geschätzter Preise, tatsächlicher oder geschätzter Zinssätze, Quotierungen und verbindlicher Quotierungen oder sonstiger Werte oder Erhebungen erfolgt. Die Referenzwerteverordnung hatte – nicht nur, aber auch in Anbetracht der Skandale um die Referenzwerte LIBOR und EURIBOR – zum Ziel, einen präventiven Regulierungsrahmen zu schaffen, Interessenkonflikte und Manipulationsspielräume bei der Bereitstellung von Referenzwerten zu vermeiden und die Ermittlung von Referenzwerten transparenter zu machen. An dieser Stelle kann darauf hingewiesen werden, dass der LIBOR zum Jahreswechsel 2021/2022 eingestellt wird.

Die ESG-Referenzwerteverordnung verfolgt die gleichen oben genannten Ziele der Referenzwerteverordnung und ergänzt diese um ESG-Kriterien.

Bezogen auf die Referenzwerte ändert die ESG-Referenzwerteverordnung die Referenzwerteverordnung insofern ab, als dass sie EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte, einführt. Diese Änderungen wurden notwendig, um einen harmonisierten Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität der wichtigsten Kategorien von Referenzwerten für CO2-arme Investitionen zu schaffen und um hierdurch das reibungslose Funktionieren des Binnenmarktes zu gewährleisten. In anderen Worten: Durch die Änderungen der Referenzwerteverordnung wird ein Regulierungsrahmen eingeführt, in dem auf EU-Ebene Mindestanforderungen an EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmte EU-Referenzwerte festgelegt werden.

Somit enthält die Referenzwerteverordnung (durch die ESG-Referenzwerteverordnung) nunmehr auch ESG-Kriterien für Finanzinstrumente. Die neuen Bezeichnungen „EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel“ und „Paris-abgestimmter EU-Referenzwert“ sind für Anleger in der gesamten EU leicht erkennbar und verlässlich, da nur Administratoren, die die Anforderungen der Referenzwerteverordnung erfüllen, diese Bezeichnungen bei der Vermarktung von EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmten EU-Referenzwerten in der EU verwenden dürfen. An dieser Stelle darf auf unseren Artikel über eine die Referenzwerte betreffende Mitteilung der CSSF verwiesen werden.

Die Verordnung dagegen richtet sich an die in Artikel 2 Nr. 1 der Verordnung aufgeführten Finanzmarktteilnehmer. Mit dieser Verordnung werden harmonisierte Vorschriften für Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater über Transparenz bei der Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken und der Berücksichtigung nachteiliger Nachhaltigkeitsauswirkungen in ihren Prozessen und bei der Bereitstellung von Informationen über die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten festgelegt (Artikel 1 der Verordnung).

Diese beiden Verordnungen finden – so wie es ihnen eigen ist – unmittelbare Anwendung in den Mitgliedsstaaten der EU, sodass die hierin festgehaltenen Pflichten durch die betroffenen Akteure und für die Instrumente auch in Luxemburg zwingend sind. Angemerkt sei jedoch, dass die Verordnung erst ab dem 10. März 2021 gilt, wobei die Referenzwerteverordnung seit dem 10.Dezember 2019 Anwendung findet.

Konkret bedeutet dies in Bezug auf die Transparenzpflichten der Verordnung, dass die Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken die Transparenzanforderungen erhöhen. So enthält die Verordnung Transparenzbestimmungen zu

  • den Strategien für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Unternehmens,
  • der Vergütungspolitik im Zusammenhang mit der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Finanzprodukts,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale in vorvertraglichen Informationen,
  • der vorvertraglichen Informationen bei nachhaltigen Investitionen,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen auf Internetseiten, und
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen in regelmäßigen Berichten.

Den Adressaten der Verordnung wird die Veröffentlichung einer Vielzahl der genannten Punkte betreffenden Information auf ihrer Internetseite vorgeschrieben. Auch müssen in den vorvertraglichen Informationen zusätzliche Erläuterungen mitaufgenommen werden und unter gewissen Umständen müssen auch die regelmäßigen Berichte zusätzliche Angaben enthalten. Ein Mehr, bezogen auf die Instrumente, ist dann bereits durch die Referenzwerteverordnung sichergestellt.

Dieses „Mehr“ an Transparenz seitens der Akteure wird den Anlegern zu Gute kommen, da die Vergleichbarkeit der ESG-Anlagen in der EU vereinfacht wird. Auch wird sich die Spreu vom Weizen trennen, d.h. etwaige schwarze Schafe im derzeitigen ESG-Umfeld werden vom Markt verdrängt werden.

In Luxemburg besteht, wie bereits erwähnt, derzeit (noch) keine national eigene Pflicht zur Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken, außer den EU-Verordnungen.

Aufgrund dieser europarechtlichen Vorgaben ist jedoch davon auszugehen, dass die lokale Aufsichtsbehörde der Finanzwelt (CSSF) sich bereits dem Thema angenommen hat. Daher dürfte die Veröffentlichung nationaler Bestimmungen oder entsprechender Vorgaben nur eine Frage der Zeit sein.

Vielleicht kann man auch das deutsche Nachbarland als Vorbild nehmen, welches bereits seitens der eigenen Aufsicht (BaFin) entsprechende Vorgaben erst kürzlich herausgegeben hat.

Zu sämtlichen allgemeinen Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Fragen sowie Rechts- und Anwendungsfragen zu den angesprochenen europarechtlichen und nationalen Veröffentlichungen stehen die Autoren Ihnen zur Verfügung.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 25. März 2020.

Mevlüde-Aysun Tokbag

Mevlüde-Aysun Tokbag ist Partnerin & Rechtsanwältin bei Wildgen S.A. und hat mehr als 10 Jahre Erfahrung im Fonds- sowie Finanzmarktrecht, überwiegend im grenzüberschreitenden Deutsch-Luxemburgischen Rechtsverkehr. Seit 2015 leitet Frau Tokbag auch den kanzleiintern neu gegründeten German Desk und betreut mit ihrem Team, bestehend aus mehreren Rechtsanwälten, vorwiegend deutsche Unternehmen, Versicherungsgesellschaften sowie Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in ihren luxemburgischen Projekten.

Fabian Frankus

Fabian Frankus ist Associate & Rechtsanwalt bei Wildgen S.A. Als Mitglied des kanzleiinternen German Desk berät er insbesondere deutschsprachige Mandanten bei ihren luxemburgischen Projekten im Bereich Investmentfonds und im Gesellschaftsrecht.

„Frankreich nimmt eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt“

Im nachhaltigen Finanzbereich nimmt Frankreich eine Vorreiterrolle ein, so Stefan Fritz, Spezialist Investmentfonds der GLS Bank, einem bedeutenden Akteur nachhaltiger Finanzen in Deutschland, sowie zuvor Analyst des französischen Researchzentrums Novethic in Paris, wo er für die Auditierung des FNG Siegels zuständig war. Im Interview mit AEF info erklärt er die unterschiedlichen Ansätze zwischen den Ländern. Während Frankreich aufgrund gesetzlicher Initiativen eine Vorreiterrolle eingenommen hat, setzt der deutsche Markt auf freiwillige Initiativen. Aber die europäische Sustainable Finance Initiative könnte die Situation grundlegend verändern.

Welche gesetzlichen Mittel gibt es in Frankreich, die es nicht in Deutschland gibt?

In Deutschland gibt es bisher wenige Instrumente, die den Markt für nachhaltige Geldanlagen gesetzlich regulieren. Hier nimmt Frankreich europaweit eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt. Dies gilt besonders für den so genannten Artikel 173, der institutionelle Anleger mit mehr als 500 Mio. Euro verwalteten Vermögens verpflichtet, über die Klimawirkung ihrer Investments zu berichten. Diese 2016 umgesetzte Regulierung folgt in Frankreich einer langen Tradition. Bereits 2010 mussten Vermögensverwalter im Rahmen des loi grenelle 2 gegenüber Investoren angeben, wie sie Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien berücksichtigen.

Der deutsche Gesetzgeber hält sich mit gesetzlicher Regulierung dagegen sehr zurück und vertraut eher auf Brancheninitiativen. Diese unterschiedliche Vorgehensweise zeigt sich sehr gut an Zertifizierungssystemen für nachhaltige Investmentfonds. In beiden Ländern gibt es am Markt etablierte Siegel, die einen Mindeststandard für Nachhaltigkeit definieren. In Frankreich ist der Staat der Träger dieser Siegel. Das Umweltministerium verwaltet ein Siegel für Klimafonds (label greenfin), das Finanzministerium ein weiteres für allgemeine Nachhaltigkeitsfonds (label ISR). Demgegenüber hat im deutschsprachigen Raum der Branchenverband selbst, das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), ein Siegel für Nachhaltigkeitsfonds an den Markt gebracht (FNG Siegel).

Wie ist die Qualität bei der Erhebung, Nutzung, Darstellung und Kommunikation von Nachhaltigkeitsinformationen?

Die meisten Vermögensverwalter, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, hängen von den Nachhaltigkeitsdaten externer Researchagenturen ab. Diese sind mittlerweile alle fest in amerikanischer Hand. Das französische Haus vigeoeiris wurde vor rund einem Jahr von Moody´s mehrheitlich erworben. Der bekannteste deutsche Anbieter, die oekom research AG, gehört seit Anfang 2018 zu ISS ESG, einem der wichtigsten Stimmrechtsberater der Welt. Diese Agenturen bieten standardisierte ESG-Analysen für Unternehmen an, die in den wichtigsten Indizes weltweit gelistet sind. Kleinere Unternehmen werden nur zum Teil abgedeckt. Hier herrschen Qualitätsunterschiede. Die Bewertungsansätze unterscheiden sich je nach Motivation der Anbieter (Risikominimierung, Reputationsschutz, Erzielung einer Nachhaltigkeitswirkung) teilweise sehr stark. Wir hinterfragen diese Ansätze intern durchaus kritisch. 

Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist zudem, dass es in Deutschland bedeutend seltener interne ESG-Researchabteilungen gibt. Die GLS Bank ist hier eher die Ausnahme als die Regel. Aufgrund des geringeren gesetzlichen Drucks berichten deutsche Anbieter auch weniger über die Nachhaltigkeitsleistung ihrer Investments. Insbesondere die Klimareportings französischer Häuser sind deutlich ausgefeilter und umfangreicher. Wir bei der GLS Bank versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und ermitteln, ob unsere Anlagen und Finanzierungen im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen sind.

Seit einigen Jahren bemühen sich Anbieter zudem, verstärkt den Impact ihrer Investitionen darzustellen, vor allem im Hinblick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Diese Reportings sind aber mit großer Vorsicht zu genießen.

Tragen die staatlichen Siegel in Frankreich zur Förderung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft im Land bei? Welche Auswirkungen hat dies auf europäischer Ebene? 

Ein Blick von außen ist schwierig. Sicherlich haben die beiden staatlichen Siegel in Frankreich das Transparenzniveau erhöht und auch geholfen, ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit am Markt zu etablieren. Dabei konnte der Staat auf wichtige Erfahrungen zurückgreifen, die das Researchunternehmen Novethic, bei dem ich viele Jahre arbeitete, mit den ersten Nachhaltigkeitssiegeln sammelte.

Vor allem das staatliche Klimasiegel Greenfin hat das Potenzial, hohe Standards bei Klimainvestments zu etablieren. Denn es schließt konsequent Kernkraft und jegliche Form fossiler Energie, also auch Erdgas, aus. Die Geschäftsaktivitäten, die als klimafreundlich gelten, sind eher restriktiv gewählt und orientieren sich an der Climate Bond Initiative. Ebenfalls fordert es eine hohe Transparenz ein. Dieses Anspruchsniveau sollte auch bei der derzeitigen Diskussion eines europäischen Ecolabels für Klimafonds vorherrschen. Erste Zwischenergebnisse zeigen leider eine andere Tendenz.

Wie schätzen Sie die Arbeit des "Sustainable Finance Beirats" ein? Hat er einen Einfluss auf die Branche?

Der Sustainable Finance Beirat ist ein knapp 40-köpfiges Gremium aus Branchenexperten. Sein Ziel ist sehr ambitioniert. Er soll der Bundesregierung Empfehlungen an die Hand geben, wie Deutschland zu einem in Europa führenden Sustainable Finance-Standort ausgebaut werden kann. Anfang März 2020 hat er einen Zwischenbericht veröffentlicht, der vielfältige Vorschläge und zwei konkrete Ziele adressiert: Die Wirtschaft nachhaltig zu transformieren und widerstandsfähiger zu machen. Dazu werden konkrete Handlungsansätze formuliert. Beispielsweise schlagen die Experten vor, die KfW zu einer transformativen Förderbank umzuwandeln. Oder Investoren sollen im Risikomanagement Klimaaspekte stärker berücksichtigen.

Die Arbeit des Beirats ist in der nachhaltigen Finanzmarktszene in Deutschland definitiv ein Thema. Der Zwischenbericht geht in die richtige Richtung, ihm fehlt aber eine klare Zukunftsperspektive. Als GLS Bank haben wir unsere Einschätzung zum Zwischenbericht auf unserer Homepage veröffentlicht.

Welchen Einfluss hat die Sustainable Finance Initiative der EU-Kommission auf Deutschland, insbesondere die Einführung der EU-Taxonomie?

An der europäischen Sustainable Finance Regulierung führt kein Weg vorbei. Das ist den Akteuren am deutschen Finanzmarkt sehr bewusst. Sie ist daher der wesentliche Treiber für die Entwicklung nachhaltiger Investments in Deutschland. Auch wenn die Taxonomie rechtlich (noch) nicht bindend ist, beschäftigen sich Marktteilnehmer jetzt intensiv mit der Frage, wie sie die gesetzlichen Transparenz- und Taxonomie-Vorgaben in ihrem Investmentprozess umsetzen können. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat zudem ein vielbeachtetes Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken verfasst.

Als einer der Pioniere für nachhaltige Finanzen in Deutschland freuen wir uns einerseits über die Dynamik. Andererseits begleiten wir die Entwicklung kritisch und fragen uns, ob die Gesetzesmaßnahmen tatsächlich zu einer nachhaltigeren europäischen Wirtschaft führen. Bisher sind die Vorhaben sehr auf die Minimierung von Klimarisiken ausgerichtet, nicht auf die nachhaltige Transformation der Wirtschaft im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft.

Kann die Coronakrise die Situation in Deutschland grundlegend ändern?

Wir befinden uns derzeit in einer historischen Ausnahmesituation, deren Folgen schwer abschätzbar sind. Deswegen tue ich mich schwer, Prognosen abzugeben. Hoffnungsfroh stimmt mich aber zu sehen, wie beherzt und tatkräftig die Politik handelt, um das gesundheitliche Wohl der Gesellschaft sicherzustellen. Wenn die Politik diese Entschlossenheit auch bei der Bekämpfung der Klimakrise zeigt, dann blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!


Dies ist eine deutsche Übersetzung. Das französische Originalinterview findet sich hier: https://www.aefinfo.fr/depeche/626208

Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 600 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 31.03.2020).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

„Viele Aktien weisen stabile saisonale Muster auf, die wir nutzen wollen“

„An der Börse gibt es sehr viele Saisonalitäten“, hat Seasonax-Capital-Gründer Dimitri Speck herausgefunden. Gemeinsam mit seiner Mitgründerin Tea Muratovic hat er es sich zur Aufgabe gemacht, solche Saisonalitäten aufzudecken und zu nutzen. Hedgework hat sie nach ihrer Strategie befragt.

HEDGEWORK: Seasonax Capital möchte sich die Saisonalitäten an den Finanzmärkten zunutze machen. Wie sind Sie auf diese Idee gekommen?

Dimitri Speck: Wir nutzen empirisch überprüfbare Zusammenhänge, um nachhaltig Outperformance zu generieren. Dadurch werden subjektive Einschätzungen und emotionale Faktoren minimiert. Dabei sind wir früh auf Saisonalität gestoßen, aber auch auf Trendfolge. Beides gehört, wie auch akademische Studien zeigen, zu den besten Investmentstrategien.

HEDGEWORK: Die bekanntesten Saisonalitäten sind wohl das Sell-in-May und die Jahresendrally. Aber das reicht sicherlich nicht für eine Anlagestrategie. Welche weiteren Saisonalitäten haben Sie identifiziert?

Tea Muratovic: Das Konzept der Saisonalität ist nichts Neues – im Gegenteil. Im Rohstoffhandel werden Saisonalitäten schon lange berücksichtigt. Nehmen Sie Heizöl. Naturgemäß ist Heizöl im Sommer bei warmen Temperaturen billiger, weil die Nachfrage geringer ist. Aber den wenigsten Anlegern ist bekannt, dass auch Einzelaktien saisonale Verläufe aufweisen. Wir waren selbst überrascht, als wir feststellten, dass viele einzelne Aktien oft stabile saisonale Muster aufweisen, die abweichend vom saisonalen Trend des Gesamtmarktes verlaufen. Das ermöglicht Investoren zu jeder Zeit des Jahres – also auch in eigentlich saisonal schwachen Phasen –, aussichtsreiche Titel zu selektieren. Außerdem haben Investoren bei Aktien eine viel größere Auswahl und können somit sinnvoll diversifizieren. Sie sind also nicht auf ein einzelnes, relativ selten auftretendes Muster wie „Sell in May“ angewiesen.

HEDGEWORK: Wie lässt sich logisch erklären, dass es solche Saisonalitäten gibt?

Muratovic: Die unternehmensspezifischen Gründe, weshalb einzelne Aktien zu bestimmten Zeiten im Jahr besonders stark steigen, sind sehr vielfältig. Sie reichen von Messen, denen Kaufaufträge folgen, über Zulieferer, die sich zeitversetzt über Aufträge freuen, hin zu Fest- und Feiertagen, in deren Vorfeld produziert werden muss. Es kann aber auch sein, dass eine mittelständische Brauerei immer wieder nach dem Sommer überraschend gute Quartalszahlen aufweist, weil die Anleger der Trinkfreude bei hohen Temperaturen zu wenig Beachtung schenken. Der Vielfalt an Gründen sind keine Grenzen gesetzt. Wir haben immer wieder Investoren angetroffen, denen einzelne saisonale Trends bei Aktien, die sie intensiv über Jahre verfolgen, aufgefallen sind. Daher suchen wir systematisch nach saisonal outperformenden Aktien.

HEDGEWORK: Können Sie Beispiele geben, wie Sie die identifizierten Saisonalitäten nutzen können?

Muratovic: Der Sportartikelhersteller Adidas beispielsweise weist einen starken saisonalen Effekt auf. Hätte man in den vergangenen 15 Jahren die Adidas-Aktie jeweils am 12. März gekauft und am 27. April wieder verkauft, hätte man fast jedes Jahr einen hohen Gewinn genau in dieser Periode erzielt. Der einzige Ausreißer war das Jahr 2014, wie man im Chart sehen kann. Da fragt man sich doch, warum man eine Aktie ein ganzes Jahr halten sollte, wenn nur eine bestimmte Periode das Gros der Performance bringt? 

HEDGEWORK: Und das Jahr für Jahr?

Muratovic: Natürlich beruhen solche Beobachtungen auf Vergangenheitswerten und solche saisonalen Muster geschehen nicht jedes Jahr. Aber es ist erstaunlich, wie oft sie vorkommen. Wir nutzen diese Marktanomalien aus und bilden auf dieser Basis unser Portfolio.

Grafik 1: Interaktiver saisonaler Chart der Adidas Aktie: www.seasonax.com

 

HEDGEWORK: Sie sagen, Sie suchen systematisch nach unentdeckten Saisonalitäten – wie geht das vor sich?

Speck: Wir haben verschiedene Algorithmen zur Saisonalität entwickelt. Viele dieser Softwarelösungen bieten wir mittlerweile im Internet unter www.seasonax.com, aber auch in Bloomberg und Thomson Reuters Eikon – als einer der wenigen Softwareanbieter überhaupt, denn das meiste setzen diese Dienstleister bekanntlich selbst um. Am Anfang steht jedoch das Screening nach unbekannten aussichtsreichen Mustern.

HEDGEWORK: Gibt es einen Erfolgsnachweis für Ihre Anlagestrategie?

Speck: Wir haben viele Jahre selbst nicht gewusst, ob die Saisonalität von Einzelaktien für Investoren nutzbar ist – bis wir einen recht aufwendigen Walk-Forward-Prozess programmiert haben. Vereinfacht gesprochen haben wir für den simulierten Handel von S&P 500 Aktien im Jahre 2000 die Saisonalität der Jahre 1985 bis 1999 herangezogen, für den des Jahres 2001 die der Jahre 1986 bis 2000 usw. Dieser Handelsansatz wurde dann mit unveränderten Parametern out-of-sample auf zehn andere Universen von asiatischen Aktien über kanadische Minenwerte bis hin zu US-Aktien ab 1950 appliziert. Dabei zeigte sich immer eine ordentlichen Outperformance. Seitdem weiß ich, dass Saisonalität auf Einzelaktien funktioniert.

HEDGEWORK: Sie haben auch einen Fonds aufgelegt, der Ihrer Strategie folgt. Wie groß ist der Inzwischen und welche Performance kann er aufweisen?

Muratovic: Der Seasonax Global Selection ist ein diversifizierter Aktienfonds mit Fokus auf Large und Mid Caps in Europa und den USA mit aktivem Investmentansatz. Das Ziel ist, mit innovativen Handelslogiken, die auf saisonalen und zyklischen Mustern basieren, attraktive Erträge zu generieren. Im Fonds halten wir stets rund 20 Aktien. Unsere Strategie beruht dabei darauf, dass wir die einzelnen Aktien nicht ganzjährig im Depot halten. Wie schon erwähnt hat Adidas eine starke saisonale Periode von März bis Ende April. Danach gehen wir raus und nehmen andere Aktien mit positiven saisonalen Trends ins Portfolio. Unsere durchschnittliche Haltedauer beträgt 1,5 Monate. 

Grafik 2: Die Jahresperformance ausgewählter Indizes im Vergleich zum Seasonax Global Selection Fund (WKN: A2PF04).

 

HEDGEWORK: Gibt es weitere Auswahlkriterien bei Ihren Investitionsentscheidungen – oder ist das allein die Saisonalität?

Muratovic: Wichtig für den Erfolg der Strategie ist – neben einer ausreichenden Anzahl saisonal profitabler Aktien – das Loslösen von Emotionen bei den Investitionsentscheidungen. Jede Aktienauswahl wird nochmals manuell überprüft anhand verschiedener Parameter. Dazu zählen:

  • Eine Historie von mindestens 10 Jahren muss vorhanden sein
  • Das durchschnittliche Handelsvolumen der letzten 30 Tagen wird als Liquiditätskriterium berücksichtigt
  • Ausreißer werden entfernt – sofern es sich um Einmaleffekte gehandelt hat, wie etwa bei Infineon im Jahr 2009
  • Eine ausreichende Aktiendiversifizierung hinsichtlich Sektoren wird berücksichtigt.

HEDGEWORK: Wie Sie schon sagten, weist der Fonds eine hohe Umschlagshäufigkeit auf. Wie schaffen Sie es dabei, die Transaktionskosten im Griff zu behalten?

Speck: Im Schnitt schichten wir das Portfolio neun Mal jährlich um. Unsere Strategie beruht schließlich darauf, dass wir einzelnen Aktien nur in ihren besten saisonalen Phasen im Depot halten. Um dennoch die Transaktionskosten überschaubar zu halten, haben wir angemessene Konditionen ausgehandelt, vermeiden bestmöglich jeden Market-Impact und handeln zu den besten Tageszeiten – wir optimieren also auch hier gewissermaßen die Orders auf Basis von Intraday-Saisonalitäten.


Tea Muratovic

ist seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen des Kapitalmarkts tätig und verfügt über einen umfangreichen Hintergrund im internationalen Marktumfeld. Als Mitbegründerin von Seasonax Capital erhielt sie 2019 den österreichischen Frauen-Investorenpreis. Sie setzt sich als Mentorin junger Menschen ein und steht für Vielfalt im Bankwesen.

Dimitri Speck

hat sich auf Mustererkennung beziehungsweise die Saisonalität bei Charts und auf die Entwicklung von Handelssystemen für institutionelle Anleger spezialisiert und wurde für seine Arbeit bereits vielfach ausgezeichnet. Er hat verschiedene Fachartikel und Fach-bücher zum Thema publiziert.

Seasonax Capital

wurde nach Jahren der Forschung zum Thema saisonale Investments im Jahr 2018 von Dimitri Speck, Tea Muratovic und Christoph Zenk gegründet. Schwerpunkt des Hauses ist die Identifikation bisher kaum genutzter Marktanomalien und deren möglichst robuste Umsetzung in Anlagestrategien. Für ihre Fondsinnovationen wurde die Investment-fonds-Boutique bereits mehrmals ausgezeichnet.