Warum steigt der Ölpreis inmitten von Wachstumssorgen?

Der Ausblick für das weltweite Wirtschaftswachstum ist deutlich eingetrübt. Dennoch hält sich der Ölpreis auf einem hohen Niveau. J. Gibson Cooper, Portfolio Manager und Senior Research Analyst bei der auf Anleihen spezialisierten Legg Mason-Tochtergesellschaft Western Asset Management, geht auf Spurensuche und findet gleich eine ganze Reihe möglicher Gründe: ein widerstandsfähiges Nachfragewachstum, die gestiegene US-Produktion, die Zusammenarbeit zwischen der OPEC und Russland mit Blick auf Zielquoten, Angebotsunterbrechungen sowie geopolitische Risiken. Folglich seien die Fundamentaldaten deutlich ausgewogener, was die aktuelle Ölpreisentwicklung stütze. „Ein Blick auf die Nachfrageseite der Gleichung verrät, dass der Bedarf ungebrochen ist – getrieben von den Schwellenländern, allen voran China und Indien. Die Nachfrage aus den Industrienationen kommt vorrangig aus den USA. Europa ist dank einer höheren Energieeffizienz jedoch flach“, analysiert Cooper. Insgesamt wäre die Nachfrage zwar schwächer als in vorherigen Jahren, bliebe jedoch trotz des zu beobachtenden schwächeren Wirtschaftswachstums auf einem gesunden, positiven Niveau. 

Womit wir bei der Angebotsseite wären. Und hier sieht Cooper den Haupttreiber hinter der Ölpreisdiskussion: „Die amerikanische Ölproduktion ist auf einem Rekordniveau und hat sogar die saudische Produktion überholt. Das verändert die Marktdynamik und nimmt den Saudis ihre historische Kontrolle über das Angebot und damit den Preis.“ Nach dem Preiseinbruch 2015-2016 hätten sich US-Produzenten vor allem auf kurzfristige, unkonventionelle Chancen, wie Ölschieferreserven, konzentriert. Sie wüssten technologische Innovationen gezielt für Produktivitätssteigerungen und eine höhere Effizienz zu nutzen, um so für eine Kostendeflation sowie niedrigere Breakeven-Kosten zu sorgen, Margen zu erhalten und freien Cashflow zu generieren. „Die neuentdeckte Politik der US-Produzenten, die finanziellen Konservativismus über Wachstumsziele stellt, hat dazu geführt, dass sich Bilanzen und Liquidität verbessert haben. Was wir hingegen nicht mehr sehen, sind hohe Kapitalinvestitionen, was Explorationen einschließt“, sagt der Western Asset-Experte. Zudem seien neue Projekte auch durch einen eingeschränkten Marktzugang limitiert. „Zusammen führen diese Faktoren dazu, dass sich langfristige Projekte verzögern, was wiederum zu einem geringeren Angebotswachstum in der Zukunft führen könnte.“

„Der Ölmarkt wird sich weiter verengen“

Langfristig, sagt Cooper, würde der Fokus der Industrie auf die unkonventionelle Förderung eine ganze Reihe von Fragen zur Nachhaltigkeit des Wachstums beim Ölangebot aufwerfen. Ein Beispiel sei die Ölschieferproduktion in den USA, die von steilen Produktionsrückgängen gekennzeichnet sei und hohe Kapitalaufwendungen erfordert, um die Produktion erneut zu steigern. „Der Abbau von Schieferöl geht zudem immer mit Erdgas als Nebenprodukt einher. Mit zunehmendem Verfall wird mehr Gas als Öl produziert, was die Rückgangsraten des Öls verschärft und deshalb das Angebotswachstum zusätzlich verlangsamt“, führt Cooper weiter aus.

Es gäbe jedoch noch einen weiteren Faktor, der die Angebotsseite im Gesamtbild komplizierter mache, sagt der Experte der Legg Mason-Tochtergesellschaft: die unzureichenden Investitionen in traditionelle Ölfördermethoden wie Tiefseebohrungen. „Investitionen in die konventionelle Ölförderung wurden aufgrund ihrer Investitionsgrößen und der Langfristigkeit der Projekte überwiegend von großen Ölkonzernen getätigt. Die konzentrieren sich derzeit jedoch auf kohlenstoffarme Bemühungen. Dazu zählt ein stärkerer Fokus auf Erdgas, ein Herabsteigen in der Wertschöpfungskette hin zur Petrochemie, Energieerzeugung und Biokraftstoffe sowie ein Abwenden von langfristigen Feldentwicklungen zugunsten der kurzfristigen Schieferölproduktion.“ Diese fehlenden Investitionen in langfristige Angebotsquellen werden nach Meinung von Cooper und seinen Kollegen wohl dazu führen, dass sich der Markt weiter verengt – womit der OPEC Raum eingeräumt wird, wieder mehr Markteinfluss zu gewinnen. In der Zwischenzeit blieben die OPEC und Russland bei ihren Produktionseinschnitten – und zwar über die vereinbarten Zielquoten hinaus. Man dürfe sogar davon ausgehen, dass die Vereinbarung auf dem nächsten OPEC Treffen im Juni um weitere sechs Monate verlängert werde, glaubt Cooper.

Und zu guter Letzt dürfe man auch die geopolitischen Risiken nicht unterschätzen, die sich weiter hochschraubten. „In Libyen und Nigeria kam es bereits zu Produktionsausfällen. Hinzu kommen Sanktionen in Venezuela und dem Iran”, betont Cooper und führt weiter aus, „es dürfte bis zu einem Jahr dauern, bis die Auswirkungen des erst kürzlich bekanntgegebenen Endes der iranischen Ausnahmegenehmigung spürbar werden. Jedoch verschwindet damit das gesamte iranische Ölangebot vom Markt. Die Lücke müssen vermutlich die OPEC, hauptsächlich Saudi-Arabien, sowie eine Freigabe der US Strategic Petroleum Reserve schließen. Auch das wird zu einer Verengung des Ölmarktes führen, da Kapazitäten entfernt werden.“ Zusammengefasst bedeutet das, dass trotz eher moderater Wachstumsaussichten weltweit die fundamentalen Angebots- und Nachfragedaten den aktuellen starken Ölpreis auch weiterhin stützen.


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