Emerging Markets: Wo der Einbruch des Ölpreises die politische Stabilität gefährdet

Auch im zweiten Quartal 2020 steht Covid-19 im Zentrum der Aufmerksamkeit, während die Weltwirtschaft schrumpft. Die Trends, die die gegenwärtige Krise auslöst, schwächen die Volkswirtschaften der Schwellenländer unterschiedlich stark, zum Beispiel ihre Schuldentragfähigkeit oder Leistungs- und Steuerbilanzen. Das gilt auch für die politische Stabilität. Sobald die Welle des blindwütigen Verkaufens abklingt, sollten Investoren daher zwischen festverzinslichen Wertpapieren unterschiedlicher Länder differenzieren.

Der Ausbruch von Covid-19 hat die politischen und wirtschaftlichen Probleme im asiatisch-pazifischen Raum verschärft. Noch hält die erste Phase des Handelsabkommens zwischen China und den USA. Wahrscheinlich steht auch die Tür für weitere Verhandlungen im Laufe des Quartals offen. Doch ist fraglich, ob China die vereinbarten Importe abkaufen kann und ob die USA diese überhaupt liefern können. China versucht, seine Wirtschaft mithilfe der Geldpolitik und gezielter Maßnahmen für Schlüsselindustrien anzukurbeln. Angesichts des tiefen Wachstumseinbruchs zu Beginn dieses Jahres und den Herausforderungen, die auf die exportorientierte Wirtschaft zukommen, scheint eine rasche Erholung jedoch unwahrscheinlich. Hinzu kommt, dass andere asiatische Länder versuchen, die Gelegenheit zu nutzen, dass westliche Unternehmen ihre Lieferketten von China weg diversifizieren wollen. Die Gefahr eines erneuten, vom Ausland ausgehenden Corona-Ausbruchs – wie in Japan oder Hongkong – ist ein weiteres Risiko für das Wachstum Chinas.

Der andauernde Ölpreiskrieg zwischen Russland und Saudi-Arabien in Verbindung mit der Pandemie wird erdölproduzierende Länder im Nahen Osten und Nordafrika belasten. Auch dort gibt es Unterschiede: Während die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait ihre Sozialausgaben voraussichtlich nur leicht kürzen müssen und negative politische Folgen vermeiden können, sind Länder mit weniger Energie- und Finanzreserven wie Oman und Bahrain dazu gezwungen, die Ausgaben stärker als ihre wohlhabenderen Nachbarn zu senken. Wir erwarten jedoch nicht, dass dies soziale Unruhen provoziert.

In Ecuador hingegen gefährden die niedrigen Ölpreise die Haupteinnahmequelle der Regierung. Das Land kämpft, um seine Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen. Das bietet der Opposition und den indigenen Demonstranten eine erneute Gelegenheit, die Regierung herauszufordern. Mit seinen Schulden kämpft auch Argentinien, dessen Wirtschaft zusammenbricht. Die neue Regierung hat die selbst gesetzte Frist versäumt, bis zum 31. März einen Schuldenrestrukturierungsplan auszuarbeiten. Die Shutdowns wegen Covid-19 verlangsamen diesen Prozess zusätzlich. Ebenso eingetrübt sind die Konjunkturaussichten Chiles. Rund die Hälfte der Gesamtexporte des Landes bestehen aus Kupfer, wovon der größte Teil wiederum nach China geht. Der Ausbruch des Virus hat weitere soziale Unruhen verhindert, aber wirtschaftliche Sorgen und das Verfassungsreferendum (das auf Q4 verschoben wurde) verstärken die Probleme.

Russland wird seine Rücklagen anzapfen und damit die Sozialausgaben auf dem bisherigen Niveau halten können. Trotz des niedrigen Ölpreises kann Moskau dies für ein Quartal durchhalten. Das wird der Regierung helfen, das gewünschte Ergebnis bei der Volksabstimmung über die Verfassungsänderung zu erzielen, sobald Covid-19 nachlässt. In Eurasien hingegen werden die meisten erdölproduzierenden Länder mit großen Ausfällen konfrontiert, die sie zwingen werden, ihre Ausgaben zu kürzen oder ihre Schulden zu erhöhen. Aserbaidschan, das ebenfalls über hohe Raffineriekapazitäten verfügt, wird die wirtschaftlichen Folgen der Krise möglicherweise besser bewältigen können als andere Länder in der Region.

Der Einbruch des Ölpreises ist auch für die erdölproduzierenden Länder in Subsahara-Afrika, darunter Ghana, Gabun und Angola, verheerend. Um die dadurch entstehende Haushaltslücke zu schließen, müssen sich die Länder entweder um höhere Schuldenfinanzierung bemühen oder zusätzliche Hilfen beim IWF und anderen internationalen Organisationen beantragen. Nigeria wird zu Sparmaßnahmen gezwungen sein, wie etwa öffentliche Ausgaben und Subventionen zu kürzen. Auch Privatisierungspläne muss es überdenken. Bleibt der Ölpreis unter 30 bis 40 US-Dollar pro Barrel, wird das Land seine Währung in diesem oder im kommenden Quartal wahrscheinlich abwerten müssen. Der Druck der Opposition auf den nigerianischen Präsidenten Muhammadu Buhari wird zwar zunehmen, was sich aber nur geringfügig auf die politische Stabilität auswirken wird, da die nächste Wahl planmäßig im Jahr 2023 stattfindet. Während die Weltwirtschaft mit den Folgen des Coronavirus kämpft, bleibt auch Südafrikas Konjunktur schwach. Die Regierung wird vorschlagen, die Lohn- und Gehaltskosten des öffentlichen Dienstes deutlich zu reduzieren. Doch werden die Gewerkschaften drohen, gegen Kürzungen zu streiken.


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