Unternehmensstimmen zum Thema Gesundheit

von Andreas Perauer, Mitarbeiter des Nachhaltigkeitsteams bei der Raiffeisen KAG.

Im Gegensatz zu vielen anderen Branchen hat Covid-19 der Pharmaindustrie keinen Stillstand, sondern eine Überbelastung beschert. Seit Beginn der globalen Krise versuchen die Unternehmen das Virus so gut wie möglich in den Griff zu bekommen, angefangen von Tests über Medikamente zur Linderung der Symptome bis hin zu Impfstoffen. Vieles konnte bereits erreicht werden, aber vor allem im Bereich der Medikamente zur Behandlung des Virus sowie bei der Entwicklung eines geeigneten Impfstoffs wird derzeit mit Hochdruck gearbeitet.

Die Engagement-Aktivitäten des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management beim Thema Gesundheit beinhalten den Dialog mit einigen der größten börsennotierten Unternehmen der Branche. Dabei wurden folgende Fragen gestellt:

Wie wirkt sich Covid-19 auf Ihr Unternehmen aus? Können Ihre Produkte und Dienstleistungen zur Bekämpfung des Virus beitragen?

Die Auswirkungen des Coronavirus variieren von Unternehmen zu Unternehmen und hängen vor allem von dem jeweiligen Geschäftsmodell ab. Während sich beispielsweise Sanofi aus Frankreich stark darauf fokussiert, mit seinen Produkten aktiv an der Bekämpfung des Virus teilzunehmen, konzentriert sich die dänische Firma Novo Nordisk eher darauf, die bestehenden Kunden bestmöglich zu servicieren. Das Unternehmen bedient mit seinen Produkten hauptsächlich chronische Krankheiten wie Diabetes, welche mit dem Coronavirus nicht unmittelbar in Zusammenhang stehen. Aufgrund der vielerorts geltenden Sicherheitsregeln rechnet Novo Nordisk daher vorerst mit einer sinkenden Anzahl an Neukunden. Das Unternehmen zeigt mit einer Spende von 2.000 Tonnen Ethanol für die Herstellung von Desinfektionsmitteln jedoch soziales Engagement und arbeitet eng mit den Behörden an der Analyse von Covid-19-Tests zusammen. Eine ähnliche Vorgehensweise verfolgt die deutsche Merck, welche für eine Studie der französischen Forschungseinrichtung Inserm das Medikament Interferon-beta 1a (Rebif®) kostenfrei zur Verfügung gestellt hat. Außerdem hat auch Merck sich mit einer Spende von 150.000 Litern Desinfektionsmittel sehr großzügig gezeigt. Die Firma Evotec, ebenfalls aus Deutschland, berichtet davon, dass ihr Geschäft wenig bis gar nicht von Covid-19 betroffen ist. Grund dafür ist, dass Evotec vorwiegend im B2B-Bereich und dort größtenteils innerhalb von langfristigen Partnerschaften mit Pharma- und Biotechnologieunternehmen, akademischen Instituten und Stiftungen arbeitet. Das Unternehmen bleibt daher von kurzfristigen Änderungen im Endkonsumentenbereich weitestgehend unbeeinflusst.

Welche Maßnahmen ergreifen Sie, um Engpässe bei der Lieferung wichtiger Arzneimittel zu vermeiden? Planen Sie aufgrund der jüngsten Erkenntnisse Anpassungen Ihrer Lieferkette?

Vor allem zu Beginn der Pandemie war in der Gesellschaft eine gewisse Angst vor Lieferengpässen zu spüren. Dies führte zu auffälligem Einkaufsverhalten, wie beispielsweise im Falle von Toilettenpapier. Im Gesundheitsbereich war es eher der Mangel an Equipment wie Masken und Desinfektionsmitteln als der Mangel an Medikamenten, der es in die Nachrichten schaffte. Dass etwa für die schwedische Firma AstraZeneca Medikamentenmangel kein Thema war, wird mit der Führung eines hohen Lagerbestands an pharmazeutischen Wirkstoffen begründet, während die gesamte Lieferkette einer sorgfältigen Planung der Geschäftskontinuität unterliegt. Durch ein globales Netzwerk an Produktionsstätten war der Nachschub laut Unternehmen zu keiner Zeit gefährdet. Unsicherheiten in der Auslieferung, etwa durch geschlossene Grenzen, umgeht Astra-Zeneca mittels Luftfrachtverkehr. Generell zeigen die kontaktierten Unternehmen durch die größtenteils mögliche Aufrechterhaltung der Produktionskapazitäten eine positive Haltung gegenüber der Entstehung von Engpässen. Auch bei Merck traten keine kritischen Störungen auf, etwaige Lieferverzögerungen beliefen sich auf weniger als sieben Tage. Das Unternehmen sieht sich jedoch zusehends mit zusätzlichen Kosten konfrontiert, um das geforderte Level sowohl in der Beschaffung als auch in der Lieferung aufrechterhalten zu können.

Haben Sie Ihre Pläne für Forschung und Entwicklung aufgrund des Virusausbruchs angepasst? Sind aus der Krise Kooperationen hervorgegangen?

Forschung und Entwicklung (F&E) sind im Gesundheitsbereich essenzielle Faktoren und stellen dementsprechend auch hohe Kosten dar. Woran geforscht und was entwickelt wird, muss daher genau geplant werden. Der Ausbruch des Coronavirus zwang viele Unternehmen, von diesen Plänen abzuweichen. Novartis beispielsweise entschied sich für die kurzfristige Einleitung einer klinischen Studie mit dem Wirkstoff Ruxolitinib (Jakavi®). Vorklinische Studien deuten darauf hin, dass Ruxolitinib die Zahl der Patienten, die aufgrund eines schweren Krankheitsverlaufs Intensivpflege und mechanische Beatmung benötigen, reduzieren könnte. AstraZeneca arbeitet gemeinsam mit der schwedischen Regierung und mehreren Hochschulen an der Entdeckung eines neuartigen Antikörpers, der das SARS-CoV-2-Virus erkennen, binden und neutralisieren kann, um so das Ausmaß der Erkrankung verringern zu können. Darüber hinaus initiierte das Unternehmen eine Zusammenarbeit mit GlaxoSmithKline und der University of Cambridge zur Errichtung neuer Testlabors. Für Sanofi ist es wichtig, neben den zahllosen Studien rund um Covid-19 die laufenden Studien für andere Produktkandidaten nicht aus den Augen zu verlieren. Diese werden daher sorgfältig und fortlaufend evaluiert. Auch Novo Nordisk führt abseits des Coronavirus eingeleitete klinische Studien fort und rechnet mit keinen signifikanten Verzögerungen bei jenen, die sich bereits dem Abschluss nähern. Neue Studien sind jedoch aufgrund der Belastung der Systeme nicht geplant.

Welche Möglichkeiten offenbart die Digitalisierung Ihrem Unternehmen/Ihrer Branche?

Merck sieht in der Digitalisierung eine große Chance für das Gesundheitswesen. Das Unternehmen arbeitet gemeinsam mit der Softwarefirma Palantir Technologies an einer Plattform namens Syntropy. Diese soll es weltweit führenden Experten ermöglichen, im Kampf gegen Krebs und viele andere Krankheiten zusammenzuarbeiten und so das Leben vieler Menschen zu verbessern. Nach Ansicht von Merck generieren Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt eine mit unglaublicher Geschwindigkeit wachsende Menge an biomedizinischen Daten, aber ein Großteil davon sei in Silos innerhalb und zwischen Einrichtungen eingeschlossen. Für Wissenschaftler seien diese kritischen Daten daher häufig nicht zugänglich, ein Umstand, den es laut Merck zu verändern gilt. Auch für Novartis stellt die Digitalisierung von Prozessen eine Schlüsselpriorität dar. Einsatz findet sie vor allem in der Überwachung von klinischen Studien, der Lagerverwaltung und in F&E-Prozessen. Digitalisierung spiegelt sich auch im Kommunikationsverhalten wider. Aufgrund der aktuellen Situation sind virtuelle Besprechungen keine Seltenheit mehr, auch nicht in der Gesundheitsbranche. Die kontaktierten Unternehmen führen Online-Konferenzen sowohl innerhalb der Organisation als auch mit Ärzten und Krankenhäusern durch. Geht es nach Evotec, ist man für die Möglichkeit solcher Konferenzen dankbar, den persönlichen Kontakt können sie dennoch nicht ersetzen.


Die aktuelle Ausgabe von Raiffeisen Capital Management's NACHHALTIG INVESTIEREN zum Thema Covid-19 und Gesundheit finden Sie links als PDF.