„Kryptowährungen als Vorboten für eine völlig neue Assetklasse"

„Kryptowährungen werden zunehmend zu einer anerkannten Anlageklasse, weshalb viele Anleger diese als eine alternative Anlagemöglichkeit mit erheblichem Performance- und Diversifikationspotenzial betrachten“, betont Felix Fernandez, CEO von OpenMetrics und Referent beim 177. Hedgework. Im Interview erklären er und Dr. Tobias Setz, CTO, wie sich Kryptowährungen in traditionelle Anlageportfolios integrieren lassen.

HEDGEWORK: Herr Fernandez, das allgemeine Interesse an Kryptowährungen hat – nicht zuletzt durch den deutlichen Wertverlust des Bitcoin – zuletzt spürbar nachgelassen. Zu Recht, oder zu Unrecht?

Fernandez: Ich denke, man kann zunächst zu Recht von einer Ernüchterung der Investoren sprechen. Das historische Interesse an Kryptowährungen war primär durch die ungewöhnlich hohen Renditen in der Vergangenheit getrieben und dies hat Investoren dazu bewogen, sich zu engagieren und die ebenfalls hohen Risiken hinzunehmen. Für einige Zeit haben die großen Kryptowährungen allerdings faktisch keine bzw. eine negative Rendite bei immer noch relativ hohen Risiken gezeigt. Insofern ist es verständlich, dass der ursprüngliche Hype etwas nachgelassen hat.

HEDGEWORK: Welche Bedeutung messen Sie Kryptowährungen bei?

Setz: Aus einer rein quantitativen Sicht zeigen Kryptowährungen einen gewissen Diversifikationseffekt bzw. Ertragspotenzial und können daher eine sinnvolle Ergänzung für ein Multi-Asset-Portfolio sein, sofern man die Risiken aktiv steuert. Meines Erachtens sind Kryptowährungen nur die Vorboten für eine völlig neue Assetklasse – der Digital Assets – und daher vermutlich nicht mehr wegzudenken. Allerdings sehe ich diese digitalen Assets im Wesentlichen als eine Erweiterung des bestehenden Investmentuniversums und nicht als Ersatz für bestehende Assetklassen. Langfristig jedoch sollte man Kryptowährungen als neue, eigenständige Assetklasse betrachten und sich mit einer sinnvollen Integration in Investoren-Portfolios beschäftigen.

HEDGEWORK: Sind Kryptowährungen auch ein Thema für institutionelle Anleger?

Fernandez: Sofern regulatorisch zugelassen, grundsätzlich ja. Hinreichende Marktreife, also Liquidität und ein transparenter Handel, sind dabei die Grundvoraussetzung. Zudem wären liquide Derivate ein Muss, um die notwendige Risikosteuerung für größere Portfolios effizient umsetzen zu können.

HEDGEWORK: Auf welche Unterschiede bei den einzelnen Kryptowährungen sollte man achten?

Fernandez: Wenn es nicht nur um experimentelles Investieren in das breite Universum von hunderten von Kryptowährungen geht, dann spielen meiner Ansicht nach Marktkapitalisierung und transparenter Handel die zentrale Rolle. Technische Unterschiede mögen die zukünftige Entwicklung der einzelnen Kryptowährungen beeinflussen, aber aus Sicht eines Investors zählt primär die Nutzung als zuverlässig investierbares Asset.

HEDGEWORK: Welche Art, in Kryptowährungen zu investieren, empfehlen Sie?

Fernandez: Ich denke, für einen Großteil der Investoren ist ein direktes Investment in einzelne Kryptowährungen vermutlich zu komplex und von der Abwicklung her risikobehaftet. Insofern würde ich empfehlen in 1:1-Proxys, also Index-Tracker ETFs oder Zertifikate zu investieren, die liquide sind und transparent gehandelt werden. Sofern man das Risikomanagement nicht selbst machen kann oder möchte, sollte man sich nach Anbietern von risikogesteuerten Indizes umsehen, entweder auf einzelne Kryptowährungen oder entsprechende Baskets.

HEDGEWORK: Sie betonen die Diversifikationseigenschaften von Kryptowährungen. Wie genau sehen die aus?

Setz: Langfristig betrachtet zeigt etwa der Bitcoin eine geringe Korrelation zu Aktienmärkten (ca. 0,24) und kaum eine Korrelation zu Gold (ca.0,07). Allerdings sind Korrelationen nicht stabil, gerade in der aktuellen Krise haben Kryptowährungen die Abwärtsbewegung des Aktienmarktes Anfang 2020 faktisch mitgemacht. Insofern muss man sich das immer in einem Portfoliokontext und möglichst langfristig ansehen. Die Korrelationen zwischen liquiden Kryptowährungen sind tendenziell hoch und bewegen sich bei negativen Marktbewegungen weitgehend im Gleichklang miteinander. Hier ist meiner Einschätzung nach der Diversifikationseffekt eher gering. Zukünftig wird sich zeigen, ob sich im wachsenden Universum von Krypto-Assets weitere, liquide Instrumente mit Diversifikationspotenzial entwickeln.

HEDGEWORK: Wie lassen sich diese Vorteile noch nutzen?

Setz: Wie bereits beschrieben, erscheint es – zumindest historisch betrachtet – sinnvoll, Kryptowährungen in Multi-Asset-Portfolios zu integrieren. Bei richtigem Einsatz bzw. in Kombination mit einer dedizierten Risikosteuerung kann man bei begrenzter Down-Side ein signifikantes Up-Side-Potenzial generieren.

HEDGEWORK: Haben Sie damit bereits Erfahrungen vorzuweisen?

Fernandez: Wir beschäftigen uns seit mehreren Jahren mit der Risikosteuerung von unterschiedlichsten Assetklassen und haben dies für Kryptowährungen in den letzten zwei Jahren intensiv untersucht. Hierzu sind wir seit Anfang 2020 mit führenden Anbietern im Austausch und arbeiten konkret an investierbaren Krypto-Indizes bzw. durch Kryptowährungen ergänzte Multi-Asset-Portfolios für unsere Kunden.

HEDGEWORK: Welchen Anlegergruppen empfehlen Sie den Einsatz von Kryptowährungen?

Fernandez: Reinsortige Kryptowährungen sind nach meiner Ansicht nur etwas für professionelle Investoren bzw. Asset-Manager, die in der Lage sind, die damit verbundenen Risiken sinnvoll zu managen. Privatanleger sollten – in einem seriösen Anlagekontext – Kryptowährungen nur als kleine Beimischung zu ihrem Gesamtportfolio sehen, am besten in einem liquiden, börsengehandelten Proxy mit Risikosteuerung.

HEDGEWORK: Welche Ergebnisse lassen sich damit erwarten?

Fernandez: Langfristig zeigt eine risikokontrollierte Beimischung von Kryptowährungen zu einem Multi-Asset-Portfolio aus Aktien, Anleihen und Edelmetallen eine potenziell hohe Up-Side mit einer relativ geringen Down-Side. Seit 2018 befinden wir uns bei den großen Kryptowährungen allerdings in einer eher negativen Seitwärtsphase. Nichtsdestotrotz: Sollten die Kryptowährungen wieder an Wert steigen, kann eine sinnvolle und risikokontrollierte Beimischung die Gesamtrendite eines Portfolios erheblich verbessern, ohne dass insgesamt die Risikoparameter signifikant zunehmen. Im Übrigen: Wer sich für konkrete Use-Cases interessiert, findet auf unserer Website einige unserer Publikationen dazu.


Die Aufzeichnung des 177. Hedgeworks können Sie hier herunterladen.

Felix Fernandez hat ein Diplom in technischer Informatik von der Fachhochschule Frankfurt mit der Spezialisierung auf Software-Simulationsumgebungen. Er verfügt über langjährige Erfahrung in der Börsenbranche bei der Deutschen Börse AG und war Anfang 2016 als wissenschaftlicher Mitarbeiter bei der Rmetrics Association Zürich tätig. In dieser Funktion beschäftigte er sich mit dem Transfer von akademischen Forschungsergebnissen in reale Anwendungen für die Finanzindustrie. Seit November 2016 ist er als CEO von OpenMetrics Solutions verantwortlich für die Geschäftsleitung und Produktentwicklung.

Dr. Tobias Setz hat einen Master-Abschluss in Computational Science and Engineering (mit einer Spezialisierung in theoretischer Physik und Finanzmathematik) sowie einen Doktortitel in Physik von der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich. Seine Dissertation schrieb er am Institut für Theoretische Physik innerhalb der Econophysics Gruppe. Er ist Co-Autor mehrerer Artikel und Bücher und war langjähriger Betreuer der Rmetrics Open Source Software-Bibliotheken. Seit November 2016 ist Tobias der Hauptarchitekt des Technologie-Frameworks von OpenMetrics Solutions und verantwortlich für die Implementierung von State-of-the-Art-Lösungen für Investment-Professionals.

OpenMetrics ist ein 2016 gegründetes ETH Spin-Off mit Schwerpunkt auf fortschrittlichen statistischen Methoden und Financial Engineering, das führende institutionelle Investoren und Vermögensverwalter in den Bereichen Risikosteuerung und Portfoliomanagement berät. Die Methoden und Verfahren werden als Saas Risiko- und Portfoliomanagement angeboten, damit können Marktteilnehmer diese sehr schnell in ihre internen Prozesse und Systeme integrieren. Die Basistechnologien von OpenMetrics basieren auf der neuesten wissenschaftlichen Forschung der ETH Zürich und angeschlossener Universitäten. Großer Wert wird dabei auf einen kontinuierlichen Transfer von akademischer Forschung in finanzmarktrelevante Produkte und Dienstleistungen gelegt.