Staats- und Unternehmensanleihen: Noch immer Potenzial

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel spricht in ihrer Silvesteransprache wohl allen aus der Seele, wenn sie meint: „Nie in den letzten 15 Jahren haben wir alle das alte Jahr als so schwer empfunden – und nie haben wir trotz aller Sorgen und mancher Skepsis mit so viel Hoffnung dem neuen Jahr entgegengesehen”. Wobei, wenn man nur auf die Kapitalmärkte im Jahresvergleich blickt, könnte man zur Auffassung gelangen, da sei ja nichts geschehen: Aktien global und USA deutlich positiv, Renditen stabil tief, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns. Das alles war jedoch nur durch massive Fiskalpakete und der Flutung der Geldmärkte mit Zentralbankgeld möglich. Die EZB und die anderen führenden Notenbanken pumpen hunderte Millionen in das System – stündlich –, eine wirkungsvolle Medizin, die ja den Virologen aktuell noch immer fehlt.

Die Covid-19-Impfprogramme stehen nun vor der Tür, weitere Rezepte für das Wirtschaftssystem müssen noch folgen: Abbau, oder zumindest Kontrolle der Schulden und sanftes Zurückfahren der umlaufenden Geldmenge. Das bedarf hoher Sorgfalt und Weitsicht. Immerhin, dass aus der Covid-19-Krise und unvermeidlichen Wachstumseinbrüchen keine Finanzkrise mit weitreichenden Folgen entstanden ist, ist ein großer Erfolg. Und es gibt auch 2021 gute Chancen für Investoren, vor allem in den Aktienmärkten, auch in den Emerging Markets! Aber ist eine Verfünffachung des Kurses der Aktie eines Autoherstellers mit knapp 500.000 Einheiten Jahresproduktion (zugegebenermaßen ein Innovationsführer) gerechtfertigt? Zum Vergleich, der VW-Konzern produziert diese Stückzahl in zwei bis drei Wochen. Ist ein 500 %-Anstieg von Bitcoin – gerne als „Krypto-Währung“ bezeichnet – von März 2020 bis zum Jahreswechsel nicht Indikation eines sichtbaren Exzesses durch das Gratisgeld der Notenbanken? Es werden wohl noch weitere Rezepte benötigt...

Rentenmärkte: Man konnte 2020 auch mit Renten verdienen

Auch wenn die Renditen generell noch nie gesehene Tiefstände aufweisen – mehr als ein Viertel des Volumens der globalen Rentenmärkte und drei Viertel der Euro-Staatsanleihen zeigen negative Renditen – es konnten auch 2020 Erträge mit Anleihen erzielt werden. Allen voran die Euro-Peripherie und Unternehmensanleihen, aber sogar deutsche Staatsanleihen weisen Kursgewinne über das Jahr 2020 auf.

Vor allem können aber Unternehmensanleihen, besonders auch High-Yield-Anleihen, nach einem ausgezeichneten vierten Quartal von den wieder starken Aktienmärkten und Konjunkturerwartungen profitieren. Dazu kommen noch die Anleihen der Emerging Markets: Bei den Hartwährungen hat sich durch die zuletzt sehr gute Performance die Jahresentwicklung nun ins Positive gedreht, die Lokalwährungsanleihen haben ebenfalls gut aufgeholt, jedoch drücken noch die zumeist schwachen Währungen auf das Ergebnis. Auch bei US- oder UK-Anleihen ist ein negativer Beitrag der Währungen von rund 8 bzw. 6 % für 2020 zu berücksichtigen.

Geld-/Kapitalmarkt: Angst vor „Hyperinflation“ unbegründet

Die globalen Notenbanken haben den Märkten Billionen zugeführt, um die Wirtschaft zu stützen. Solange der monetäre Transmissionsmechanismus aber nicht funktioniert, wird die Inflation auch nicht anziehen, die Angst vor Hyperinflation ist derzeit unbegründet. Bei einer erwarteten raschen Erholung der Wirtschaft – das Gelingen der Covid-19-Impfprogramme vorausgesetzt – könnten mittelfristig Unternehmen wie Beschäftigte wieder stärkere Preis- und Lohnforderungen durchsetzen. Damit würde die derzeit praktisch kaum vorhandene Inflation wieder anziehen. So ist ein leichter Anstieg im zweiten Halbjahr zu erwarten, was von den Notenbanken sogar erwünscht wäre, es stehen ja Ziele um 2 % im Raum.

Dass dennoch schon jetzt Potenzial für Renditeauftrieb vorhanden ist, veranschaulicht die Grafik: Der zuletzt stark steigende Preis des konjunktursensiblen Industriemetalls Kupfer (hier als Index in Gold angegeben) und Druck auf die US-Renditen – in der Vergangenheit war diese Korrelation recht deutlich.

Staats- und Unternehmensanleihen: Noch immer Potenzial

Spielraum für Zinsanhebungen ist – zumindest im Euroraum – de facto nicht vorhanden. Nicht nur Länder wie Italien oder Griechenland, sondern zahlreiche weitere Staaten hätten nach den massiven Fiskalpaketen Probleme mit ihrem Schuldenmanagement. Mittlerweile weisen drei Viertel der Euro-Staatsanleihen negative Renditen auf, die Ertragschancen sind entsprechend.

Früher hätte das deutlich erhöhte Angebot gepaart mit negativer Realverzinsung ein erhebliches Kursrisiko dargestellt, nunmehr wird, insbesondere im Notfall, mit weiterem Eingreifen der Notenbanken gerechnet. Auch bei den Unternehmensanleihen kamen nach dem Schock im Frühjahr die Risikoaufschläge wieder in die Nähe der Vor-Covid-19-Niveaus zurück und im abgelaufenen Jahr war dann ein Rekord an Neuemissionen zu verzeichnen, das wird sich 2021 in dieser Form nicht wiederholen. Auch wenn die Ausfallsraten moderat steigen werden, die Risikoaufschläge werden sich dadurch insgesamt kaum ändern. Wir sehen deshalb diese Assetklasse (Investmentgrade und High Yield) weiterhin positiv.

Im zu erwartenden Aufschwung 2021 sollten Emerging-Market-Anleihen, auch auf der Lokalwährungsseite, einer der Nutznießer sein. Nachdem sich der asiatische Raum bereits im abgelaufenen Jahr gut entwickelt hat, werden nun auch Osteuropa und Lateinamerika von der Erholung der westlichen Welt profitieren können. Hier haben auch die Währungen noch Potenzial.