Sind Aktien schon zu teuer?

In den letzten Wochen gab es aus der Perspektive der Finanzmärkte überwiegend positive Entwicklungen. Angesichts der vielen Kranken und Toten infolge der Covid-19-Pandemie mag das zynisch klingen. Die Märkte preisen aber nicht das aktuelle Geschehen, sondern die Erwartungen für die Zukunft, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns. Diese wurden durch die Zulassung der ersten Impfstoffe sowie den Beginn der Impfungen positiv beeinflusst. Auch wenn es dieser Tage angesichts immer längerer Lockdowns schwer vorstellbar ist, wird im Verlauf des zweiten Halbjahres eine Normalisierung des Lebens eintreten. Damit im Einklang wird es eine starke Erholung von Wirtschaft und Unternehmen geben. Und darauf fußt im Wesentlichen die aktuell sehr gute Stimmung, insbesondere an den Aktienmärkten. Dass es in dem einen oder anderen Segment bereits eine Übertreibung gibt, ist zwar richtig. Für den breiten Markt ist bei aller Vorsicht jedoch ein bestimmtes Ausmaß an Zuversicht gerechtfertigt.

Oft wird als negatives Argument für die Aktienmärkte die teure Bewertung genannt. Dieser Einwand ist zum Teil berechtigt, nämlich bei einigen defensiven Titeln. In der aktuellen Phase des Zyklus‘ ist das hohe Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den breiten Markt aber nicht überraschend. Der Quotient Kurs durch Gewinn ist hoch, weil die Kurse (K) schon gestiegen sind, die Gewinne (G) aber noch nicht. In einer späteren Phase des Kapitalmarktzyklus‘ werden die Gewinne stärker steigen als die Kurse, was das KGV wieder senkt. Später beginnen die Kurse dann den nächsten Abschwung vorwegzunehmen, normalerweise bevor die Unternehmensgewinne tatsächlich zu sinken beginnen. In dieser Phase sieht der Markt, gemessen am KGV, billig aus, was aber nicht bedeutet, dass dies ein guter Kaufzeitpunkt für Aktien ist. Daher: Bewertung ist kein guter Indikator, wenn es um den günstigen Einstiegszeitpunkt geht.

Aktien: Das neue Jahr beginnt so, wie das alte geendet hat

Die letzten Wochen des vergangenen Jahres waren von einer guten Stimmung an den Aktienmärkten gekennzeichnet. An den herausragenden November konnte im Dezember mit weiteren Zuwächsen angeschlossen werden. Der positiven Tendenz konnte auch der Jahreswechsel nichts anhaben.

Weiterhin sind Aktien gefragt und hier vor allem jene aus den Schwellenländern. Angeführt von asiatischen Märkten wie beispielsweise China, Korea und Taiwan, wo die aktuell favorisierten Branchen Technologie, Kommunikation und Konsum stark vertreten sind, konnten Emerging-Market-Aktien ihre Pendants aus den entwickelten Märkten ein gutes Stück hinter sich lassen. An diesen Märkten gibt es in den ersten Wochen des Jahres einen Überraschungssieger: Energie-Aktien führen hier die Tabelle an, nachdem sie in den letzten Jahren durchaus spürbar hinter dem Gesamtmarkt zurückgeblieben waren. Zugegebenermaßen ist das Jahr aber noch jung und eine Schwalbe macht noch keinen Frühling. Unterdurchschnittlich entwickelten sich hingegen zuletzt die defensiven Konsumwerte.

Globale Konjunktur: Covid-19 ist weiterhin die große Unbekannte

Weiterhin werden die Hoffnungen der Weltbevölkerung nicht erfüllt, dass sich Covid-19 von der Pandemie zur saisonalen Erkrankung entwickelt. Nach wie vor sind die Zahlen der Ansteckungen, schweren Verläufe, Krankenhausaufenthalte und Todesfälle viel zu hoch. Deshalb müssen die Maßnahmen laufend verlängert und verschärft werden. Dieser düstere Befund würde landläufig wohl Schlimmes für den Wirtschaftsausblick befürchten lassen. Weit gefehlt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat in seiner jüngsten Prognose das erwartete Wirtschaftswachstum nicht nach unten, sondern nach oben revidiert. Demgemäß wird die Weltwirtschaft heuer um 5,5 % wachsen, nachdem im Oktober noch ein Wert von 5,2 % erwartet worden war. Der größte Teil dieser Revision geht auf das Konto der USA, wo der neue Präsident mit seiner Mehrheit im Kongress die Fiskal-Bazooka auspacken wird. Die Eurozone wird vom IWF hingegen schwächer gesehen. In Summe stehen die Zeichen aber auf Erholung im weiteren Jahresverlauf, vorausgesetzt die Impfung ist verfügbar und wird angenommen.

Aktien: Weiterhin gutes Umfeld

Die Unternehmen haben sich einmal mehr weit besser durch die Krise gekämpft, als nach den ersten dramatischen Gewinneinbrüchen im Frühjahr zu erwarten war. Seit dem zweiten Quartal des letzten Jahres überwiegen klar die positiven Überraschungen bei den Gewinnberichten. Diese Entwicklung hat – neben den beispiellosen Maßnahmen der Notenbanken – zu der sehr guten Aktienperformance der letzten Monate beigetragen.

Unterdessen ist aber auch der Anteil der Börsenbullen nach oben geschnellt und jener der Bären immer geringer geworden. Dies deutet schon eine gewisse Überhitzung der Anlegerstimmung an. Der Ausblick für die Aktienmärkte wird dadurch aber nicht beeinträchtigt. Die erwartete Erholung von Konjunktur und Unternehmensgewinnen ergibt gemeinsam mit einer lockeren Geld- und Fiskalpolitik ein gutes Umfeld für die Aktienmärkte.

Emerging Markets: Aktien attraktiv

Die Aktien der Emerging Markets konnten aus dem turbulenten Jahr 2020 als einer der klaren Gewinner hervorgehen. Dies ist zu einem großen Teil dem asiatischen Raum zu verdanken, der anfangs im Zentrum des Corona-Sturms lag, diesen aber global am besten zu managen verstand. Daher war das zweite Halbjahr 2020 von einer erstaunlichen Erholung geprägt. Die Prognosen für 2021 deuten darauf hin, dass diese Entwicklung eine Fortsetzung erfahren könnte. Das betrifft vor allem den erwarteten globalen Konjunkturaufschwung, von dem die Emerging Markets überdurchschnittlich profitieren werden.