Solar und Biotech statt Kohle und Eisenerz: Australien muss sich aus der Abhängigkeit von China befreien

von Michael Gollits, Vorstand der Heydt & Co. AG und Portfolioadvisor des OVID Infrastructure HY Income Fonds.

Mit China als Mega-Markt vor der Haustüre konnte sich Australien lange auf seinem Rohstoffreichtum ausruhen. Die australische Wirtschaft hat seit Anfang der 90er Jahre keine Rezession mehr erlebt. Auf die Corona-Krise reagierte Australien mit einer konsequenten Lockdown-Politik und kann eine schnelle Wirtschaftserholung vorweisen. Jedoch wird die Abhängigkeit von China bei strategischen Importen, gerade von wichtigen Infrastruktur-Segmenten, für „Down Under“ immer mehr zum Problem.

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Die Handelsbeziehungen zwischen China und Australien sind viel komplexer als es auf den ersten Blick erscheint. Chinas Importe machen für Australien einen großen Teil seines Handelsvolumens aus. Dagegen ist Australien mit einem Anteil von etwa 2 Prozent nicht einmal unter Chinas Top-10-Handelspartnern zu finden. Damit kann es sich Peking natürlich leisten, sein wirtschaftliches Gewicht in die Waagschale zu werfen. Aber diese Logik gilt nicht für strategische Güter, die China braucht, wie zum Beispiel Eisenerz. Australien liefert etwa 70 Prozent von Chinas Eisenerzimporten, das waren im vergangenem Jahr fast 800 Mio. Tonnen. Angesichts der Tatsache, dass der gesamte verfügbare Markt für Eisenerz außerhalb Chinas nur 460 Mio. Tonnen beträgt, kann Australien das Eisenerz kaum woanders hinschicken - aber China kann es auch nirgendwo anders kaufen. Zudem liefert Australien im Durchschnitt 40 Prozent der Kokskohle, die in Chinas Stahlwerken verwendet wird. China kann für ein paar Monate Alternativen finden, aber die ambitionierten Infrastrukturpläne zur Erschließung des chinesischen Hinterlandes wären ohne Australiens Rohstoffe zum Scheitern verurteilt.

„Hohes Maß strategischer Abhängigkeit von China“

Es ist schwierig festzustellen, wie verwundbar Australien und andere Handelspartner gegenüber Handelssanktionen Chinas wären. Interessante Einblicke gewährt ein Bericht der Henry Jackson Gesellschaft, einer transatlantischen Denkfabrik mit Sitz in London, in dem die Handelsdaten von fünf Nationen untersucht wurden: USA, Großbritannien, Kanada, Australien und Neuseeland. Diese auch als „Five-Eyes-Allianz“ bekannte Gruppe hatte China aufgefordert, sein hartes Vorgehen gegen die Verwaltung von Hongkong zu beenden. Da mindestens vier der fünf Allianzmitglieder bereits ein angespanntes Verhältnis zu China haben, würden sie die Wucht eines neuen Handelsstreits deutlich spüren. Der Bericht identifiziert ein hohes Maß an "strategischer Abhängigkeit" von China, basierend auf den Handelsdaten, kategorisiert nach dem Harmonisierten System in der Comtrade-Datenbank der UN.

Grund zur Sorge ist vor allem dieser Aspekt: Ein Viertel aller Importe aus China in jedem der Länder betreffen kritische Bereiche wie beispielsweise Kommunikation, Energie, Gesundheitswesen, Transportsysteme, Wasser, Finanzdienstleistungen, Landwirtschaft und Informationstechnologie. Australiens Abhängigkeit ist am stärksten, da es sich auf China bei Komponenten für seine Bergbau- und Metallproduktionsindustrie, für verschiedene Industriechemikalien und Düngemittel, Vitamine, pharmazeutische Produkte und medizinische Geräte verlässt.

„Australien braucht eine Generalüberholung der Wirtschaft“

Der Bericht kommt zu dem Schluss, dass Chinas Dominanz in vielen Branchen nicht zu brechen sein wird. "Die fünf Mächte sind bei einer Reihe von Exporten so abhängig von China geworden, dass sie möglicherweise nicht in der Lage sind, sich in allen strategischen Sektoren selbst zu versorgen, selbst bei kritischer Infrastruktur." Stattdessen rät der Bericht den Ländern, sich auf Zukunftstechnologien zu konzentrieren, die eine besondere strategische Bedeutung haben. Spätestens an diesem Punkt endet das Bild vom idyllischen Urlaubsparadies Down Under: Australien hat vom Aufstieg Chinas über Rohstoffexporte in der Vergangenheit erheblich profitiert. Dass sich Australien als Mitglied des Commonwealths aber den politischen Ansprüchen Chinas beugt ist absolut undenkbar. Chinas und Australiens wirtschaftliche Erfolge sind im nächsten Jahrzehnt noch über die Rohstoffabhängigkeit Chinas eng verknüpft. Australien würde jedoch jetzt schon gut daran tun, seine Wirtschaft einer Generalüberholung zu unterziehen, die derzeit vom Finanz- und Rohstoffsektor dominiert wird. Trotz zu erwartender Sticheleien Chinas wird sich Australien in der Region sowohl Indien als auch Japan zuwenden und seine Kooperation mit Fünf-Augen-Staaten ausbauen müssen. Australien verfügt über ein noch kaum genutztes Potenzial in der Solarindustrie. Steuervergünstigungen für Start-Ups beispielsweise in der Biotech-Branche zeigen in die richtige Richtung. Der mit rund 100 Milliarden Euro ausgestattete australische Staatsfonds kann weitere Impulse setzen. Die Arbeit für die Regierung in Canberra hat gerade erst begonnen.


Michael Gollits ist Vorstand von der Heydt & Co. AG und Portfolioadvisor des OVID Infrastructure HY Income Fonds. Der Fonds strebt die Erzielung einer attraktiven laufenden Ausschüttung bei möglichst gleichzeitiger Wertstabilität an. Michael Gollits startete seine Karriere bei F&C Management Ltd, in London. 1996 wechselte er zu einer deutschen Privatbank und war dort zuletzt als Bereichsleiter Wertpapiergeschäft verantwortlich für Kapitalmarktresearch, individuelles Vermögensmanagement und verantwortlicher Portfoliomanager einer Fondsfamilie. Von 2005 bis 2013 gestaltete er u.a. den Aufbau einer Privatbank in München und war als Geschäftsführer einer Hamburger Vermögensverwaltung für Kundenportfolios und gemischte Fonds mit Fokus auf Zukunftsthemen zuständig.