Theranos: Benutzerfreundlichkeit und/oder technologischer Fortschritt

von Christian Süttinger, CFA, Senior Fondsmanager, Erste Asset Management.

Theranos ist 2003 in den USA mit der Geschäftsidee angetreten, die medizinische Labortechnologie benutzerfreundlicher, niederschwelliger und kostengünstiger zu gestalten. Das Ziel war es, an einer Vielzahl von Orten, beispielsweise in einer Drogeriemarkt-Kette, „Mini-Labore“ aufzustellen, bei denen man durch die Abgabe weniger Tropfen Blutes rasch einen Überblick über seine persönlichen Werte und das allgemeine Gesundheitsbild gewinnen kann.

Die Vorteile wären umfassend gewesen – eine klare Stärkung und Vereinfachung der Gesundheitsvorsorge, die man so ganz bequem in den Alltag integrieren könnte.

Dieses Vorhaben umfasste mehrere Aspekte:

  • Benutzerfreundlichkeit – die Blutentnahme auf eine Weise, wie man sie heute von der Selbstmessung des Blutzuckers kennt, bei der das Messgerät an der Fingerspitze angesetzt wird.
  • Eine Miniaturisierung der Labortechnologie, um mobile Labore anbieten zu können, nicht größer als ein Computer, die in der Lage sind, alle erforderlichen Analysen sofort durchführen zu können, um anschließend die Resultate dem Benutzer auszudrucken oder online zur Verfügung zu stellen, mit einer Kopie an den Arzt, falls gewünscht.
  • Eine Weiterentwicklung der Diagnostik. Als Theranos startete, war es nicht möglich, mit wenigen Tropfen Blutes eine Vielzahl von Analysen durchführen zu können. Wir kennen das von der Blutabnahme im Labor – oft ist es notwendig, 3, 4 Röhrchen zu füllen, währenddessen wir gar nicht hinschauen können! Ein Grund ist der Umstand, dass nicht jede Analyse, nicht jede Diagnostik das Blut im Ausgangszustand belässt, also ein Prozess Blut verbraucht, das für weitere Analysen nicht mehr herangezogen werden kann.

Die Benutzerfreundlichkeit und Miniaturisierung hat Theranos geliefert: Die „MiniLab“-Technologie stand bereit und wurden 2013 in der USA-Drogeriekette Walgreens den Konsumenten angeboten. Die diagnostische Weiterentwicklung, d.h. aus wenigen Tropfen entnommenen Blutes Aussagen zu gewinnen über eine Vielzahl von Blutwerten, Viren, Bakterien, bis zur Gen-Diagnostik konnte Theranos jedoch nach einhelliger Auffassung nicht lösen.

Elizabeth Holmes, die Gründerin von Theranos, sieht sich deshalb derzeit einem Gerichtsverfahren gegenüber. Der Vorwurf lautet, sie habe gegenüber ihren Investoren irreführende Aussagen gemacht, was die Machbarkeit und das bereits erreichte betrifft. Holmes hatte es als „Silicon Valley Star“ auf die Titelseite vieler Magazine geschafft, und von mitunter prominenten Investoren große Summen Kapitals erhalten, das durch die Abwicklung der Firma 2018 verloren scheint.

Wenige Auswertungsergebnisse, Due Diligance

Fachliche Präsentationen von Elizabeth Holmes sind online verfügbar. Geht man sie mit dem Wissenstand von heute durch, fällt auf, dass sich ein Großteil aus Aussagen zur Benutzerfreundlichkeit und „Demokratisierung“ der neuen Labortechnologie zusammensetzt. Eine Festlegung dazu, wie der diagnostische Fortschritt erreicht worden sei, fehlt aber weitgehend oder wird für einen späteren Zeitpunkt angekündigt. Versuchsdaten und Auswertungsergebnisse, die für die medizinische Community von großer Bedeutung sind, kommen kaum vor. Interessant ist, dass unter den öffentlich einsehbaren Patenten, die Theranos angemeldet hat, Tools zur Entnahme, Lagerung und Handling der Blutproben weitaus überwiegen.

Für viele Finanzinvestoren waren Aussagen zur Usability offenbar ausreichend. Gelegentlich wird diskutiert, ob Elizabeth Holmes in Steve Jobs ein Vorbild gesehen habe, der die Konsumentenelektronik quasi im Alleingang revolutioniert hat. Allerdings sind Smartphones keine Laborgeräte – wo ein genialer Zugang dazu, was Konsumenten wirklich wollen, gepaart mit einem Fortschritt der Technik, umwälzend gewirkt hat, wäre andererseits ein Fortschritt der Diagnostik notwendig gewesen, der bisher nicht herstellbar ist. Eine Lehre aus der Theranos-Story ist, dass eine „due diligence“ im Healthcare-Bereich, also der Check, welche Projekte erfolgversprechend sind, ohne wissenschaftlichen Input scheitern kann.

Hoffnung nicht verflogen

Jedenfalls ist die Hoffnung auf hocheffiziente Bluttests trotzdem nicht verflogen. Wagniskapitalgeber wie Verily oder General Catalyst haben in den vergangen 12 Monaten hunderte Millionen Dollar für Technologiefirmen wie Genalyte oder Truvian Sciences zur Verfügung gestellt. LabCorp, Cue Health oder Sight Diagnostics sind andere beispielhafte Namen in diesem Bereich. (Quelle: Financial Times). Es bleibt also spannend!

Für Anleger hat sich ein breitgestreutes Investment in Healthcare gelohnt. Dass sich der Marktindex über die vergangenen fünf Jahre verdoppelt hat, zeigt die Ertragskraft dieses Sektors, dessen Stellenwert in der Zukunft nur noch zunehmen wird. Die langfristige demographische Entwicklung zeigt einen höheren Anteil älterer Menschen, die gesund und medizinisch gutversorgt bleiben möchten.

Quelle: Bloomberg; 09/2016 bis 09/2021; MSCI USA Healthcare Index
Hinweis: Die Wertentwicklung in der Vergangenheit lässt keine verlässlichen Rückschlüsse auf die zukünftige Entwicklung zu.

Fazit

Der Aufstieg und die nachfolgenden Schwierigkeiten des Labordiagnostik-Unternehmens Theranos zeigen, dass „Usability“, also die Benutzerfreundlichkeit, für den Erfolg von Produkt- und Geschäftsideen nicht ausreichend ist, wenn die damit verbundene technologische Weiterentwicklung nicht Schritt halten kann.


Wichtige rechtliche Hinweise:

Prognosen sind kein zuverlässiger Indikator für künftige Entwicklungen.

Dieser Beitrag erschien zuerst im Blog der Erste Asset Management.

Mehr Informationen zur Produktpalette der Erste Asset Management finden Sie unter www.erste-am.at.