Omikron bis Omega

Wird Omikron die letzte dominante Corona-Variante sein, oder ist sie das überhaupt, wir wissen es nicht. Ob die Impfungen hier funktionieren oder angepasst werden müssen, wird sich noch herausstellen. Und wie weit wir im griechischen Alphabet noch kommen werden, getrauen sich wohl selbst die Experten nicht zu prognostizieren.

Am Ende eines extrem starken Aktienjahres führen diese offenen Fragen verständlicherweise zu Verunsicherung unter den Anlegern, so Raiffeisen Capital Management in der neusten Ausgabe von märkte | unter uns. Statt der üblicherweise positiven Saisonalität befinden wir uns an den Aktienmärkten nun unvermittelt im Korrekturmodus. Und nach einem derart ausgeprägten Anspringen der Volatilität dauert es in der Regel zumindest mehrere Wochen, bis sich die Märkte wieder beruhigt haben. Was uns zum Ausblick 2022 bringt.

Dieser fällt für die Aktienmärkte positiv aus. Auch wenn die aktuellen Erwartungen hinsichtlich Wirtschaftswachstum Omikron-bedingt etwas nach unten revidiert werden, sollte sich die Konjunkturerholung fortsetzen. Davon werden die Unternehmen profitieren und ihre Erträge steigern können. Gleichzeitig werden die Notenbanken ungeachtet hoher Inflationsraten die geldpolitischen Zügel nur langsam anziehen. Die Renditen an vielen Anleihemärkten könnten moderat steigen. Interessant bleiben die Rohstoffe. Die im Herbst gesehene Übertreibung ist vorüber, die Assetklasse somit auch wieder taktisch attraktiv. Somit wird hier zulasten von Anleihen eine Übergewichtung eingegangen. Bei den Aktien warten wir mit einer Neupositionierung noch ab.

Omikron sorgt für negativen Aktien-November

Der November hatte an den Aktienmärkten mit schönen Kursanstiegen begonnen, doch im Lauf des Monats verdichteten sich die Corona-Wolken immer mehr und brachten die Kurse unter Druck: Zu den steigenden Fall- und Hospitalisierungszahlen kamen bald verschärfte Einschränkungen, die trotz nach wie vor sehr guter Konjunkturdaten neue Konjunktursorgen schürten. Den vorläufigen Höhepunkt erreichten diese Ängste Ende November mit dem Auftreten der Virus-Variante Omikron.

Da die meisten Aktienmärkte im Vorfeld stark überkauft waren und sich die Mehrheit für ein erfolgreiches Überwinden von Corona positioniert hatte, war das böse Erwachen umso schmerzhafter. Heftige Tageseinbrüche waren die Folge, was auch die Monatsperformance fast aller Indizes (leicht) ins Minus drückte. Negativer Ausreißer: Russland, das in Verbindung mit dem Ölpreiseinbruch gegen Monatsende einen fast zweistelligen Monatsrückgang verbuchte (seit Jahresbeginn aber – nach dem ATX – trotzdem immer noch einer der stärksten Aktienmärkte ist!).

Omikron gefährdet Winter-Konjunktur; mittelfristiger Ausblick bleibt stark

Trotz Corona-Wellen und neuer Maßnahmenverschärfungen in einzelnen Ländern war die globale Wirtschaft eigentlich auf Kurs, um mit recht gutem Wirtschaftswachstum über den Winter zu kommen. Die neue Omikron-Variante stellt dieses Bild nun kurzfristig in Frage. Je infektiöser der neue Typ, und je weniger der bisherige Impfschutz schwere Fälle verhindert, desto mehr Lockdowns und wirtschaftliche Einschränkungen (im Wesentlichen im Dienstleistungssektor) wird es zwangsläufig (auch) diesen Winter geben.

Schlimmstenfalls würde man sich damit der Situation aus dem letzten Winter annähern (wo es praktisch noch gar keinen Impfschutz gab). Ein entsprechendes Quartal (Q1 2022) mit negativem Wirtschaftswachstum – wie auch in Q1 2021 - wäre dann leicht möglich (aber immer noch vergleichsweise harmlos in Anbetracht der Folgen des ersten Shutdowns im Frühling 2020). Wie auch die letzten Male wäre nach dem Aufheben der Lockdowns dafür der anschließende Wachstumsschub umso stärker. Das Wachstum würde sich entsprechend (nur) ein bis zwei Quartale nach hinten schieben. Trotz aller kurzfristigen Risiken und Rückschläge diesen Winter bleibt der mittelfristige Konjunkturausblick entsprechend sehr positiv.

Aktienmärkte: Chance zum Aufstocken

Ob Omikron die Aktienmärkte nur für Tage/Wochen oder gar für Monate in Atem halten wird, werden die medizinischen Ergebnisse der nächsten Wochen zeigen. Bis dahin dürften Verunsicherung der Investoren und Volatilität hoch bleiben. Aber auch vor Omikron waren die meisten Aktienmärkte bereits überhitzt und stark überkauft, so dass das Korrektur-Risiko hoch war (und wir auch entsprechend nur neutral positioniert). Nach der aktuellen Korrektur wird dagegen das Fundament für ein neuerliches Aufstocken der Aktienquote deutlich attraktiver! Wir bleiben zwar derzeit angesichts der eingangs erwähnten Unwägbarkeiten noch kurzfristig neutral gewichtet, was Aktien in Summe betrifft. Für 2022 ist unser Aktienmarktausblick aber unverändert positiv: Auch wenn die aktuellen Erwartungen hinsichtlich Wirtschaftswachstum Omikron-bedingt etwas nach unten revidiert werden sollten, bleibt das Bild einer fortgesetzten Konjunkturerholung aufrecht. Davon werden die Unternehmen profitieren und ihre Erträge steigern können. Gleichzeitig werden die Notenbanken ungeachtet hoher Inflationsraten die geldpolitischen Zügel nur langsam anziehen.

USA: Kurzfristiger Outperformer bei Corona-Zuspitzung?

Unsere Aktienmarktgewichtung bleibt gegenüber anderen Assetklassen kurzfristig neutral (kurzfristiges Omikron-Rückschlagsrisiko vs. positiver Ausblick für 2022). Innerhalb der Aktienmarktgewichtung stellen wir uns kurzfristig defensiver auf, um dem weiteren Corona-Risiko Rechnung zu tragen.

Auch wenn die großen US-Indizes bereits sehr teuer bewertet sind, würden sie bei einer weiteren Corona-Eskalation (samt Konjunkturängsten etc.) wahrscheinlich zu den relativen Gewinnern zählen (wie bei vergangenen Lockdown-Ängsten anschaulich zu beobachten). Deshalb gehen wir hier mit einer kurzfristigen Übergewichtung in den Dezember. Europa würde sich in so einem Fall dagegen vorübergehend wahrscheinlich schlechter entwickeln und wird untergewichtet. Erstens, weil hier die Unternehmen in den Indizes deutlich zyklischer aufgestellt sind. Und zweitens, weil Lockdowns in Europa wohl wieder strenger als in den USA gehandhabt würden. Obwohl sich die China-Ängste zuletzt etwas gelegt haben, dürften aber auch die Schwellenländer (EM) in so einer Situation stärker leiden (untergewichtet): Niedrigere Impfraten und geringere Ressourcen des Staates, um Corona-Kosten abzufedern, machen diese Länder potenziell anfälliger.


Weitere Details finden Sie in der neusten Ausgabe von Raiffeisen Capital Management's "märkte | unter uns".