Nachhaltiges Investieren in Schwellenländer-Aktien?

Kaum irgendwo sonst ließe sich damit so viel Positives bewirken, und doch fristen die Emerging Markets bei Nachhaltigkeits-Investments bislang ein Schattendasein. Nur ein kleiner Prozentsatz der weltweiten ESG1-Investments entfällt bislang auf Schwellenländer und manche Investoren machen sogar gerade aus Nachhaltigkeitssicht einen großen Bogen um sie. Gerade hier zeigt sich, dass ein Ansatz, der lediglich auf „ESG-Musterschüler“ setzt, zwar auf dem Papier gute ESG-Kennzahlen für ein Aktien- oder Fondsportfolio liefert, aber zugleich mindestens zwei große Chancen weitgehend verpasst: Nämlich zum einen, tatsächlich etwas zu bewegen („impact investing“) und zum anderen, von großen ESG-Fortschritten einzelner Unternehmen zu profitieren.

Bei Raiffeisen Capital Management gehen wir deshalb den steinigen, aber lohnenderen Weg: Mit einem sehr strikten und zugleich ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz schließen wir die größten „ESG-Sünder“ aus, setzen aber zugleich auf viel Dialog mit Unternehmen, auf Unterstützung und aktive Einflussnahme. Und das lohnt sich, für alle Beteiligten.

Emerging Markets: eines der lohnendsten ESG-Investmentziele

Es leuchtet wohl jedem sofort ein, dass das Erreichen der Klimaziele, ein erfolgreicher Umwelt- und Artenschutz sowie ein ressourcenschonendes Wirtschaften mit den Schwellenländern steht und fällt. Das gilt nicht nur aufgrund ihrer hohen Anteile an Weltbevölkerung und Landfläche, sondern auch deshalb, weil sie noch mitten in der bzw. erst am Anfang von Industrialisierung und Modernisierung stehen. Es ist völlig unstrittig, dass der Planet es weder verkraftet noch ressourcenmäßig hergibt, dass sie dabei denselben Weg beschreiten, wie Europa, die USA oder Japan vor ihnen. Zugleich ist es absurd, wenn die entwickelten Nationen genau das einfordern, ohne aber den Schwellenländern zugleich technologisch und finanziell massiv dabei zu helfen. Die benötigten Summen sind hoch, aber kollektiv durchaus aufzubringen. Bislang sperren sich die entwickelten Nationen noch, doch langfristig führt an solchen großen globalen Investitionsprogrammen eigentlich kein Weg vorbei. Doch nicht nur staatliche Investoren, auch private Anleger halten sich mit Nachhaltigkeitsinvestments in die Schwellenländer noch auffällig zurück, obwohl sich dort damit besonders viel bewegen ließe.

Laut Morningstar machten zum 31. März 2021 nachhaltige Fonds im asiatisch-pazifischen Raum gerade einmal vier Prozent des weltweiten Vermögens für nachhaltige Anlagen aus, während auf Europa fast 82 % des Vermögens für nachhaltige Kapitalanlagen entfielen. Während dies einerseits Europas Vorreiterrolle auf diesem Gebiet demonstriert, zeigt es zugleich ein enormes Missverhältnis. Bei einigen Investoren hat der globale Schwenk zu ESG-Investments sogar dazu geführt, dass Schwellenländer-Investments reduziert wurden, weil man die ESG-Defizite dort als zu hoch und mit zu großen Reputationsrisiken behaftet ansieht und die Umsetzung verantwortungsbewussten Investierens dort noch als zu aufwendig erachtet.

Erhebliche Herausforderungen und großes Potenzial

Das sind durchaus legitime Erwägungen, aber nur in „ESG-Musterschüler“ zu investieren, verkennt zum einen die bereits erheblichen Fortschritte auf dem Gebiet in vielen Schwellenländern und widerspiegelt aus unserer Sicht einen zweifelhaften Nachhaltigkeits-Investmentansatz, der in mehrfacher Hinsicht viel Potenzial verschenkt. Denn zum einen vergibt man damit große Möglichkeiten der Einflussnahme auf all jene Unternehmen, die gerade noch dabei sind (oder damit begonnen haben) sehr viel nachhaltiger zu werden. Zum anderen sind es gerade jene Unternehmen, die viel Verbesserungspotenzial auf diesem Gebiet haben und es nutzen, die auch entsprechend überdurchschnittliches Ertragspotenzial für Investoren bereithalten. Und ja, das geht beispielsweise mit dem Risiko für Investoren einher, dass diese Fortschritte ausbleiben oder geringer ausfallen.

Ganzheitlicher, aktiver Ansatz

Dennoch sind wir der Ansicht, dass die Vorteile eines ganzheitlichen, aktiven Nachhaltigkeits-Investmentansatzes die Risiken klar überwiegen – die Entwicklungen und die Ergebnisse geben uns bislang Recht. Dabei verbinden wir einerseits sehr strikte Negativkriterien mit aktivem, beiderseits nutzbringendem Dialog mit den Unternehmen bis hin zu aktiver Einflussnahme auf die Unternehmen auf verschiedenen Ebenen (wie beispielsweise Abstimmungsverhalten, direkte Gespräche mit dem Management, Kooperation mit anderen ESG-Investoren). Bei den Negativkriterien fallen etwa bestimmte Branchen und Produkte (Kohleproduzenten, Uranminen) oder Unternehmenspraktiken (Kinderarbeit, schwere Verstöße gegen Arbeits- und Menschenrechte, Korruption) heraus. Aber auch wenn Unternehmen bestimmte Daten nicht bereitstellen, die unerlässlich sind für eine eingehende ESG-Analyse, sind sie für uns nicht investierbar. Allerdings begnügen wir uns nicht allein damit. Vielmehr versuchen wir auf die betreffenden Unternehmen einzuwirken beziehungsweise sie zur Datenbereitstellung zu sensibilisieren. Zuweilen fehlt bei Unternehmen einfach nur das Bewusstsein, welche Daten für Investoren inzwischen wichtig sind. Die Bereitschaft und die Fähigkeit, solche Informationen zu liefern, sind in den letzten Jahren spürbar gestiegen, ebenso die entsprechenden Kapazitäten der großen internationalen Ratingagenturen, die inzwischen ESG-Kennzahlen erfassen. Bei Letzteren bauen wir speziell auf MSCI und ISS/oekom, ergänzen deren Daten aber durch eigenes Research und unseren eigenen Raiffeisen-ESG-Score. Ein gewisses Mindestrating von MSCI oder ISS/oekom ist eine Grundvoraussetzung, reicht allein aber noch nicht aus, damit ein Unternehmen für unsere nachhaltigen Emerging-Markets-Aktienfonds tatsächlich infrage kommt. Es muss sich auch nach unseren eigenen Analysen und Kennzahlen qualifizieren. Daher gibt es durchaus Unternehmen, in die wir nicht investieren, obwohl sie bei den großen internationalen Ratingagenturen recht ordentliche Werte aufweisen.

Alphaquelle Nachhaltigkeit

Manch einer mag bemängeln, dass es keine international einheitlichen ESG-Investmentstandards gibt. Das wäre aber ein völlig unrealistisches Ziel in einem sich rasch verändernden Umfeld, bei dem bei weitem nicht alles quantifizierbar ist. Wir sehen dies auch weniger als Hemmnis denn als eine weitere Möglichkeit für Investoren, mittels guter Analysen und gut strukturierter, konsistenter Investmentprozesse Alpha zu generieren. Als Beispiel seien hier die gerade in vielen asiatischen Ländern stark anzutreffenden Unternehmen in mehrheitlichem Familienbesitz zu nennen. Bei diesen gibt es potenzielle Corporate Governance-Probleme bis hin zur möglichen Benachteiligung von Minderheitsaktionären Es macht aber keinen Sinn, dies pauschal als negativ einzustufen. Denn diese Risiken müssen ja keineswegs immer schlagend werden. Die Praxis zeigt zudem, dass diese Unternehmen häufig sehr viel langfristiger orientiert sind und sehr viel weniger Fluktuation in Top-Positionen aufweisen als Nicht-Familienunternehmen. Nicht selten sind diese Unternehmen auch überdurchschnittlich erfolgreich. Es ist daher wichtig, immer genau hinzuschauen und nicht nur Kennzahlen zu addieren oder Checkboxen abzuhaken.

Der damit verbundene Mehraufwand ist zuweilen beträchtlich, lohnt sich aber nach unserer Erfahrung allemal. Wir sehen gutes Nachhaltigkeitsinvestieren daher aus Risiko-Ertragssicht als eine zusätzliche Alpha-Quelle an. Ähnlich wie bei „klassischem“ aktiven Management entscheidet dabei das „Wie“ maßgeblich über Erfolg und Misserfolg.

Als einer der Vorreiter bei Nachhaltigen Investments in Österreich und Europa haben wir seit jeher viel Wert auf einen konsistenten, umfassenden Investmentprozess gelegt, den wir selbstverständlich auch kontinuierlich weiterentwickeln. Sowohl unsere bisherige Performance (die selbstverständlich nicht auf die Zukunft übertragbar ist) als auch die zahlreichen Auszeichnungen unseres Nachhaltigkeitskonzepts durch Dritte geben uns darin Recht.

Erst vor wenigen Tagen erhielten alle 16 von uns eingereichten Fonds die Höchstbewertung von „drei Sternen“ beim jährlich vergebenen FNG-Siegel2 des Forums nachhaltige Geldanlagen, darunter auch der Raiffeisen-Nachhaltigkeit-EmergingMarkets-Aktien. Damit entfiel ein Viertel aller Höchstnoten (von insgesamt 281 eingereichten Fonds) auf die Fonds der Raiffeisen KAG.

Fusion des Raiffeisen-EmergingMarkets-Aktien in den Raiffeisen-Nachhaltigkeit-EmergingMarkets-Aktien

Mit 2. Dezember 2021 fusionierte der Raiffeisen-EmergingMarkets-Aktien in den Raiffeisen-Nachhaltigkeit-EmergingMarkets-Aktien. Dies steigert das Volumen von Schwellenländer-Aktien mit nachhaltigem Investmentansatz auf 279 Millionen Euro (Stand 06. Dezember 2021).


1) ESG steht für Umwelt (environment, E), Soziales (social, S) sowie gute Unternehmens- bzw. Staatsführung (governance, G).
2) FNG steht für Forum Nachhaltige Geldanlagen