Zwei knappe Güter: Wachstum und Ertrag – Entwicklung eines Anlagethemas

London / Frankfurt am Main. John Bennett, Head of European EquitiesHenderson Global Investors– Aktuell sind zwei Güter an den Finanzmärkten Mangelware: Wachstum und Ertrag. Als Thema identifizierten wir dies erstmals im Sommer 2014, als sich an den weltweiten Rentenmärkten eine Wachstums- und Nachfrageschwäche sowie eine drohende Deflation abzeichneten. In diesem Umfeld gingen wir davon aus, dass es an zwei Dingen mangeln würde: an Wachstum, definiert als Umfeld mit „niedrigem bzw. keinem Wachstum“, und an Ertrag vor dem Hintergrund fallender und in einigen Fällen sogar negativer Renditen. Aufgrund dieser Erwartungen galt es nun, bestimmte Risiken, aber auch eine Reihe möglicher Chancen, im Auge zu behalten. 

Knappes Gut Wachstum 

Nach unserer Einschätzung sind Aktien aus Europa absolut gesehen nicht mehr günstig, auch wenn sie verglichen mit anderen Märkten mit einem Abschlag gehandelt werden. Dennoch gehen wir davon aus, dass die Kurse einzelner Aktien weiter steigen werden. 

Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns zunächst bewusst machen, an welchem Punkt des Zyklus wir uns gerade befinden. Nach der Finanzkrise hatten viele Unternehmen zunächst erfolgreich ihre Kosten gesenkt. Anschließend sanierten sie geschickt ihre Bilanzen, indem sie die niedrigen Anleihezinsen nutzten, um ihre Finanzierungskosten zu senken. Mithilfe von Aktienrückkäufen konnten sie zudem ihren Gewinn je Aktie erhöhen. Auffällig war jedoch das nach wie vor unzureichende Umsatzwachstum. So gab und gibt es nur wenige Unternehmen, denen es gelingt, ihre Umsätze und Gewinnmargen kontinuierlich zu steigern. Für solche Unternehmen sind Anleger bereit, einen Aufschlag zu zahlen. 

Knappes Gut Ertrag

Wegen des schleppenden und in einigen Ländern der Eurozone sogar rückläufigen Wachstums hat der Abwärtsdruck auf die ohnehin niedrigen Anleiherenditen weiter zugenommen. Noch verschärft wird die Lage durch die Entscheidung der EZB, ein quantitatives Lockerungsprogramm aufzulegen. An den Aktienmärkten in Europa verharren die Dividendenrenditen unterdessen unweit ihres 10-Jahres-Durchschnitts. Dies macht die folgende Grafik deutlich.

Dividendenrenditen in Europa tendieren weiter fest – im Unterschied zu anderen Anlageklassen

Quelle: UBS, Thomson Reuters Datastream, Stand: Februar 2015

Unterdessen hatten die Renditen von Schweizer Staatsanleihen mit 10 Jahren Laufzeit im Januar 2015 ins Minus gedreht. Auf diesen Zug springen nun auch Unternehmen wie Nestlé auf, die Anleihen emittieren, deren Rendite nicht an die Dividendenrendite ihrer Aktie heranreicht. Viele Anleger legen sich daher lieber die Aktien dieser Firmen ins Portfolio, die noch dazu einen gewissen Schutz vor Geldentwertung bieten, was bei Anleihen nur selten der Fall ist.

Ein Thema aufbauen

In Erwartung einer weiteren Entwicklung dieses Themas richteten wir unsere Strategie im dritten Quartal 2014 über Namen wie Atlas Copco, Legrand, Fresenius und Wärtsilä stärker auf wachstumsstarke Qualitäts- und Dividendenaktien aus. Zudem bauten wir ein Engagement bei ausgewählten europäischen Banken auf. Aber statt auf globale Bankenriesen wie Deutsche Bank oder Santander konzentrierten wir uns auf regionale inländische Banken wie KBC, Danske Bank, DNB und Nordea Bank, die aus unserer Sicht besser positioniert sind, um Gewinne zu erwirtschaften und diese an ihre Aktionäre auszuschütten.

Positionierung verstärkt

Wie von uns erwartet, kam es im dritten Quartal 2014 zu einem allgemeinen Kursanstieg. Seit Januar beobachten wir eine gewisse Marktrotation, ausgelöst durch die verstärkte Jagd der Anleger nach Beta. Und trotz der Gefahr eines Austritts Griechenlands aus der Eurozone setzen Aktien aus Europa ihren steilen Anstieg fort. Rückenwind erhalten sie neben dem stetigen Strom besserer Konjunkturdaten auch vom quantitativen Lockerungsprogramm der EZB, für das der Startschuss im März fiel. Angesichts dieser Rahmenbedingungen wenden sich Anleger nun zunehmend den konjunkturempfindlicheren Bereichen wie dem Industriesektor zu. 

Wir halten das für einen Fehler, denn wir glauben, dass die für Wachstum gezahlte Prämie inzwischen zu hoch ist. Wirklich günstige Gelegenheiten sind kaum noch zu finden. Deshalb haben wir im Februar beschlossen, das Portfolio neu auszurichten und das Engagement bei Verbrauchsgütern zu reduzieren. Im Gegenzug verstärkten wir unsere Position bei inländischen Banken, vor allem bei solchen aus den Benelux-Ländern und aus Skandinavien. Auch diesmal konzentrierten wir uns auf Kreditinstitute, die vor allem auf ihrem Heimatmarkt aktiv sind und ausreichend Gewinn erwirtschaften, um eine Dividende auszuschütten. Um Mega-Banken auf der Suche nach Wachstum machten wir einen Bogen. Neben KBC, Danske Bank, DNB und Nordea Bank investierten wir in Svenska Handelsbanken und ING sowie in die italienische Intesa Sanpaolo und die Bank of Ireland. Dieses Thema hat seinen Zenit aus unserer Sicht noch nicht überschritten. Aber wie immer sind wir bereit, unsere Portfolios neu zu gewichten, sollte es die aktuelle Lage erfordern.

Zum Thema gehörende Bestände:

* In Großbritannien notierte und ausschließlich im Henderson Gartmore Pan European Fund enthaltene Aktien.