Schwellenländer: Bieten sich trotz Risiken Einstiegschancen?

Peter Marber, Leiter Schwellenländerinvestments bei Loomis, Sayles & Company mit einem Ausblick auf die Entwicklung der Schwellenländer: Bieten sich trotz Risiken Einstiegschancen?

Das konjunkturelle Umfeld sowie das Anlagepotenzial der Schwellenländermärkte werden oftmals durch die öffentliche Politik in dem entsprechenden Land bestimmt. Nehmen wir beispielsweise die koreanische Halbinsel: Vor über 60 Jahren wurde ein ganzes Land einfach in der Mitte geteilt. Der Norden entschied sich für ein abgeschottetes, streng kommunistisches Regime, während der Süden ein auf Bildung, Export und Integration basierendes Modell wählte. Zwei Generationen später verfügt Südkorea über rund 17-mal so viel Kapital wie der Norden. Parallel dazu liegt die durchschnittliche Lebenserwartung der Südkoreaner um zehn Jahre über der ihrer nordkoreanischen Nachbarn. Außerdem stammen prozentual betrachtet die meisten Universitätsabsolventen weltweit aus Südkorea.


Die strategischen Modelle sind unmittelbare Folge der politischen Entwicklungen und 2014 markiert eines der wichtigsten Wahljahre in den Schwellenländern. So werden die Wähler in über 40 Staaten, auf die insgesamt 20 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung entfallen, an die Urnen gerufen. Zu den Kernmärkten zählen: die Türkei (März), Südafrika (April bis Juli), Indien (Mai), Indonesien (Juli) und Brasilien (Oktober). Insgesamt repräsentieren diese Länder rund 40 Prozent der Indizes für Schwellenländeranleihen sowie über 25 Prozent der entsprechenden Aktienindizes. 

Diese Wahlen sind deshalb von so großer Bedeutung, weil sie angesichts der zurzeit schleppenden Tendenz der Weltwirtschaft politische Veränderungen zur Folge haben können.  Diese könnten die künftigen Entwicklungen beeinflussen. Vergleicht man das aktuelle Umfeld mit der Situation von vor zehn Jahren, so haben die meisten Staaten derzeit mit einem heftigeren konjunkturellen Gegenwind zu kämpfen. So ist beispielsweise das BIP von seinen Höchstständen von vor 2008 inzwischen im Allgemeinen um etwa 40 Prozent gesunken. Darüber hinaus sorgen die gestiegenen US-Zinsen, die ausgehend von ihren Tiefs mittlerweile um rund 80 bis 100 Basispunkte nach oben geklettert sind, dafür, dass auch das externe Umfeld aktuell nicht mehr so attraktiv ist. Deshalb scheuen ausländische Investoren inzwischen vor Engagements an den Schwellenländermärkten zurück. Gleichzeitig haben sich die Zinsdifferenzen von Staats- und Unternehmensanleihen gegenüber ihren Nachkrisen-Niveaus um rund 100 Basispunkte ausgeweitet. An den Aktienmärkten der Schwellenländer wiederum kam es bei vielen institutionellen Investoren zuletzt zu einem rasanten Stimmungsumschwung. 

So haben sich die Kapitalströme bei Schwellenländeraktien im letzten Jahr umgekehrt. Eine von der Bank of America Merrill Lynch unter Investoren durchgeführte Umfrage belegte, dass der Trend hin zu einer Übergewichtung in Schwellenländeraktien, der von 2003 bis 2012 über zehn Jahre zu beobachten war, im Jahr 2013 plötzlich abgerissen ist. 

Die Politiker in diesen Staaten stecken in der Zwickmühle: Da wären zum einen die ausländischen Investoren, die oftmals unrealistische Reformen zur Eindämmung der Inflation sowie zur Ankurbelung des Wachstums fordern. Auf der anderen Seite steht die aufstrebende lokale Mittelschicht, die zunehmend bessere staatliche Leistungen verlangt. Zusätzlich verschärft werden diese Probleme vor Ort durch so genannte „Mega-Kräfte“, die von den beiden größten Volkswirtschaften der Welt – den USA und China – ausgehen. So haben externe Faktoren, wie das schleppende Wirtschaftswachstum in China oder die Reduzierung der quantitativen Lockerung durch die Fed, vielen Investoren die strukturelle Anfälligkeit einiger Staaten vor Augen geführt. Gemeint sind solche Länder, denen es während der bis 2008 anhaltenden Euphorie nicht gelungen ist, grundlegende Reformen umzusetzen. Dies hat aber nun zur Folge, dass die Unzufriedenheit wächst. 

Viel Lärm um nichts?

Mit Blick auf das Jahr 2014 ist besonders interessant, dass die meisten Analysten die Auffassung vertreten, dass sich bei etwa 75 Prozent der in den Schwellenländern anstehenden Wahlen die derzeitigen Amtsinhaber durchsetzen werden. Allerdings dürften viele dieser wiedergewählten Regierungen in ihrer zweiten Amtszeit machttechnisch etwas geschwächt sein und außerdem weiterhin mit konjunkturellen Problemen zu kämpfen haben. Obwohl vor den Wahlen vermutlich einige Versprechen das Wachstum zu fördern gemacht werden, dürften die Gewinner dann aber letztlich über einen nur begrenzten fiskalischen Handlungsspielraum verfügen, um die Forderungen lokaler und internationaler Anleger wirklich zu erfüllen. Aus diesem Grund dürfte sich die Umsetzung grundlegender Reformen als äußerst schwierig erweisen. Darüber hinaus haben wir es trotz der jüngsten Verkaufswellen sowie der politischen Unruhen, die 2014 zu beobachten waren, in keinem führenden Schwellenland mit einer Solvenzkrise zu tun, wie es etwa Mitte der 1990er Jahre der Fall war. Deshalb dürfte vielen Politikern die Dringlichkeit umgehender Reformen auch nicht wirklich bewusst sein, so dass es bei der grundsätzlichen politischen Marschrichtung möglicherweise keine bemerkenswerten Veränderungen geben wird.

Schwellenländermärkte: Günstiger Kaufzeitpunkt?

Derweil machen Wertpapiere aus den Schwellenländern auf Basis ihrer Bewertungen einen attraktiven Eindruck. So bieten die entsprechenden Anleihen- und Devisenmärkte bei einer vergleichsweise besseren Bonität derzeit höhere Renditen als US-Papiere, die per Mitte März relativ teuer bewertet wirkten.

Aus von JP Morgan durchgeführten Erhebungen geht hervor, dass mit BB eingestufte Schwellenländeranleihen momentan höhere Renditen abwerfen als mit B geratete US-Industriepapiere. Gleichzeitig bieten Schwellenländeranleihen mit Investmentstatus etwa doppelt so hohe Renditen wie US-Industriewerte mit vergleichbarer Bonität. So beträgt die Zinsdifferenz der letztgenannten Papiere gegenüber US-Staatsanleihen 130 Basispunkte, während der Credit-Spread von Schwellenländeranleihen mit Investmentstatus rund 260 Basispunkte beträgt. 

Parallel dazu werden Schwellenländeraktien derzeit mit einem Abschlag auf ihr KGV gehandelt, der so hoch ist wie seit 2004/2005 nicht mehr. Denn während das KGV an den Börsenplätzen der USA sowie Europas momentan bei rund 16 liegt, entspricht das KGV der Schwellenländermärkte mit ungefähr 10 weniger als zwei Dritteln dieses Niveaus.

Ein Blick hinter die Kulissen

Bislang war die Nachrichtenlage im Jahr 2014 für die Schwellenländermärkte wirklich miserabel: der plötzliche Konjunkturabschwung in China, die überall aufkommenden Proteste – von Ägypten über die Türkei bis nach Thailand – sowie die Krim-Krise in der Ukraine. Die anstehenden Wahlen befeuern diese Schlagzeilen noch weiter, so dass es Anlegern schwer fallen dürfte, aus dem lauten Grundrauschen die wirklich wichtigen Signale herauszufiltern. Eines muss man aber ganz grundsätzlich im Hinterkopf behalten: Die aktuelle Lage an diesen Märkten unterscheidet sich deutlich von der, mit der wir es noch vor 10 oder 20 Jahren zu tun hatten. Angesichts einer niedrigen Inflation, produktiverer Arbeitskräfte, in Hartwährungen laufender Devisenreserven von 8 Bio. US-Dollar sowie höheren Wachstumsraten, als in den USA und Europa, sind die meisten Schwellenländer günstiger positioniert, mit einem mäßigen Wachstumsumfeld fertig zu werden, als bisher. Anleger, die sich auch dann in risikobehafteten Anlageformen wie Schwellenländerpapieren engagiert haben, wenn diese nicht „en vogue“ waren, wurden im Laufe der Zeit oft großzügig belohnt. Denn mit der Zeit weicht die Stimmungslage den tatsächlichen Fundamentaldaten und Bewertungen. Dieses Jahr könnte daher interessante Möglichkeiten bieten, solche Vermögenswerte zu erwerben. 

Über Loomis Sayles

Seit 1926 ist Loomis, Sayles & Company Spezialist für Vermögensanlagen institutioneller Investoren ebenso wie von in Publikumsfonds investierten Privatanlegern weltweit. Die Investmentteams des Hauses verknüpfen gründliches und unabhängiges Research mit einer systematischen Risikoanalyse, um fundierte Anlageentscheidungen treffen zu können. Ein Team besteht jeweils aus Portfoliomanagern, Researchanalysten und Händlern. Risiken werden strategisch bewertet und nur mit Augenmaß eingegangen. Dadurch identifizieren die Teams günstige Anlagechancen – unabhängig davon, in welchem Bereich sich diese gerade bieten – von traditionellen Anlageklassen bis hin zu einer breiten Palette innovativer, alternativer Anlageinstrumente. Mit Weitblick und Flexibilität identifiziert Loomis Sayles sowohl an breiten Märkten als auch in engen Nischensegmenten Anlagechancen, um für Kunden attraktive Renditen zu erzielen. Das Unternehmen verwaltet mittlerweile Anlagegelder in Höhe von 200 Mrd. US-Dollar. (Stand: 31. Dezember 2013).