Verlauf der Corona-Krise in den Mikrofinanzmärkten

Anleger*innenbrief zum GLS AI – Mikrofinanzfonds (Stand 10.09.2020)

Vor fünf Monaten haben wir uns in einem Anlegerbrief an Sie gewandt, um Sie über die aktuelle Lage an den Mikrofinanzmärkten sowie die Entwicklung des GLS AI – Mikrofinanzfonds zu informieren. Gerne möchten wir Ihnen in diesem Schreiben ein Update zu den vergangenen fünf Monaten geben und erläutern, wie wir in diesen turbulenten Zeiten der Mission des Fonds weiterhin gerecht werden und das uns anvertraute Geld in Ihrem Sinne bestmöglich verwalten.

Ab April wurden die Folgen für die Länder bzw. Volkswirtschaften, in denen der GLS AI – Mikrofinanzfonds investiert ist, immer sichtbarer. Maßnahmen wie Grenzschließungen, Ausgangssperren und daraus resultierende Betriebsschließungen hinderten Endkreditnehmer*innen zunehmend daran, ihren Geschäftstätigkeiten nachzugehen. Dies führte folglich zu großen Schwierigkeiten bei der Bedienung der ursprünglich vereinbarten Mikrokreditraten. Durch angeordnete Zahlungsaufschübe (Moratorien) in verschiedenen Ländern konnten Endkreditnehmer*innen ihre Zahlungen über mehrere Wochen aussetzen. Dies hatte Auswirkungen auf die Kreditbücher von Mikrofinanzinstituten und beeinflusste mitunter die Zahlungsfähigkeit der Institute an den Fonds. Wir sowie weitere internationalen Geldgeber der Mikrofinanzinstitute reagierten sehr schnell und zeigten eine hohe Flexibilität bei den zügig anberaumten Neuverhandlungen der Kreditkonditionen.

Das Fondsmanagement: Aktive Risikosteuerung und Fokus auf soziale Wirkung

Im täglichen Fondsmanagement legen wir seit Krisenausbruch weiterhin höchsten Wert auf ein aktives Risikomanagement, ohne dabei die soziale Wirkung zu vernachlässigen. Wir stehen im engen Austausch mit den Instituten und arbeiten zudem mit Expert*innen vor Ort zusammen, die bestens mit dem Markt vertraut sind und dadurch bei Bedarf auch Informationen über die reguläre monatliche Berichterstattung der Mikrofinanzinstitute hinaus liefern. Konsequent verfolgen wir den Ansatz der breiten geographischen Streuung weiter, um Klumpenrisiken im Portfolio zu vermeiden. Im Portfolio befinden sich momentan 70 Institute aus 35 Ländern. Zugleich haben wir verschiedene Maßnahmen ergriffen, um den Instituten als ein verlässlicher und sozial verantwortlicher Finanzierungspartner zur Seite zu stehen.

Die Maßnahmen zeigen positive Wirkung – sozial wie ökonomisch

Einerseits hat die Liquiditätsversorgung von Endkreditnehmer*innen in Krisenzeiten eine hohe Dringlichkeit. Daher hat der Fonds mehrere Institute mit Darlehen versorgt, die diese an ihre Kunden*innen weiterreichen konnten. Der Fonds hat im April beispielsweise Kredite an drei Institute über knapp 8 Mio. Euro, im Mai dann zwei weitere Kredite ausgezahlt. Neugeschäft wurde dabei wohlgemerkt nur selektiv und nach einer noch intensiveren Kreditprüfung auf Instituts- und gesamtwirtschaftlicher Ebene als bisher mit langjährigen Bestandskunden abgeschlossen. Im Blickpunkt standen dabei insbesondere die Auswirkungen und die ergriffenen Maßnahmen im Zuge der Corona-Krise in dem jeweiligen Land sowie die angepasste Geschäftsplanung der Mikrofinanzinstitute.

Andererseits war die sehr effektive Zusammenarbeit mit internationalen Geldgebern wichtig. Gemeinsam mit den Instituten wurden Kreditkonditionen neu verhandelt, um so den Instituten den notwendigen höheren Spielraum zur Bewältigung der Krise zu geben. So wurden mit den Instituten temporäre Aussetzungen von Kreditrückzahlungen in der Regel für 6 bis 12 Monate vereinbart, häufig bei unverändertem Zinssatz. Diese Maßnahme hat im hohen Maße zur finanziellen Stabilität der Institute beigetragen.

Das Ergebnis stimmt – bei aller gebotenen Vorsicht – bisher optimistisch: Bei der großen Mehrheit der Mikrofinanzinstitute ist eine Stabilisierung bzw. leichte Aufwärtstendenz in den Berichten zu Ende Juli 2020 zu erkennen. Der Großteil der Anfragen auf Zahlungsaufschübe der Institute wurde mittlerweile erfolgreich bearbeitet. Es hat bisher keine Ausfälle im Fonds gegeben und nur vereinzelt Bewertungsabschläge.

Ausblick und Dank an die Anleger*innen

Bisher ist es für ein endgültiges Fazit sicherlich zu früh. Die Corona-Pandemie ist noch nicht ausgestanden. Kaum ein Institut weist bereits wieder Finanzkennzahlen auf Vorkrisenniveau auf. Doch gibt die aktuelle Entwicklung Anlass zu berechtigter Hoffnung, sowohl für den Fonds als auch für die Mikrofinanzmärkte. Die Renditekennzahlen des Fonds sind bislang unverändert stabil. Seit Auflage im Dezember 2015 erzielte der Fonds einen guten Ertrag und eignet sich damit insbesondere für langfristig orientierte Anleger*innen. Auch zukünftig wird der Schutz Ihres Geldes und der sozial verantwortungsvolle Umgang mit Ihrem Kapital die oberste Maxime des Fondsmanagements bleiben.

Erlauben Sie uns am Ende ein herzliches Wort des Dankes: Gerade in diesen Zeiten ist wirkungsvolles Investieren, das auf einen langfristigen Zeitraum ausgerichtet ist, wichtiger denn je. Mit einem besonnenen Anlageverhalten nehmen Anleger*innen eine sehr wichtige Rolle ein. Wir haben uns sehr gefreut, dassso viele von Ihnen einen Beitrag zur finanziellen Teilhabe von Menschen in Schwellen- und Entwicklungsländern leisten wollen – auch und gerade in der Krise! Seit Jahresbeginn ist das Fondsvolumen von 165 Mio. Euro auf 188 Mio. Euro zu Ende August gestiegen. Für Ihr Vertrauen möchten wir uns sehr herzlich bedanken. Seien Sie versichert, dass wir uns auch künftig mit Leidenschaft dafür einsetzen, der Mission des Fonds, sowohl ökonomisch als auch sozial, gerecht zu werden.

Die Ernährung der Zukunft – wird Fleisch zum nächsten Stranded Asset?

Ein Beitrag von Damian Pilka, Spezialist Investmentfonds, anlässlich des Welternährungstages am 16. Oktober 2019 zu Problemen in der Landwirtschaft. Der zweite Teil des Beitrags zu Lösungen und Produkten folgt in der kommenden Woche.

In der öffentlichen Debatte über Maßnahmen gegen den Klimawandel diskutieren Politiker*innen und Expert*innen besonders gerne über den Ausbau der Erneuerbaren Energie und den Verzicht auf Kohle sowie den Umstieg auf das Elektroauto. Doch mit E-Autos allein, die mit 100 Prozent Solar- oder Windstrom angetrieben werden, wird der Wandel zu einer CO2-neutralen Wirtschaft nicht gelingen. Eine ebenso große Herausforderung ist die Art und Weise, wie wir Nahrung produzieren. Denn in der Landwirtschaft liegen die CO2-Emissionen in etwa achtmal höher als im gesamten privaten Verkehr und fast doppelt so hoch wie im gesamte Transportsektor.

Die gute Nachricht: Es scheint sich in der Branche etwas zu ändern, haben doch Discounter wie Lidl oder Aldi immer mehr Öko-Produkte oder vegane Lebensmittel im Angebot. Am Kapitalmarkt feierte das amerikanische Unternehmen Beyond Meat, ein Hersteller veganer Burgerpatties aus Erbsenproteinen, jüngst ein vielbeachtetes Börsendebüt. Die schlechte Nachricht: Weltweit gibt es eine langfristige Tendenz zu mehr Fleischkonsum, Fettleibigkeit und ungesundem Essen. Angesichts dieser Relevanz und Widersprüchlichkeit lohnt ein näherer Blick: Wie wird sich die Ernährung ändern? Geht es um Anpassungen oder grundlegenden Wandel? Und welche Branchen sind davon genau betroffen? Ist die Fleischproduktion, wie wir sie heute kennen, vielleicht gar das nächste Stranded Asset aus Investorensicht?


Abbildung 1: Quelle EPA: https://www.epa.gov/ghgemissions/global-greenhouse-gas-emissions-data

Teil 1: Die Landwirtschaft der Gegenwart: Probleme über Probleme


Tierproduktion mit höchstem Flächenverbrauch

2000m² - das ist die Anbaufläche, die jedem Menschen auf der Welt rechnerisch zur Verfügung steht. Die Formel dahinter ist einfach: Die Gesamtfläche landwirtschaftlich nutzbarer Fläche, das sind ca. zwei Drittel der Landmasse, geteilt durch die Weltbevölkerung. Auf dieser Fläche lassen sich 8.500kg Kartoffeln, 2.500kg Bohnen oder Futtermittel für 250kg Fleisch anbauen. Von den Kartoffeln werden 9 Menschen durchschnittlich satt, vom Fleisch nicht einmal ein einziger Mensch. In der Praxis wird die landwirtschaftliche Fläche ungleich genutzt. Mehr als 40 Prozent wird für die Nutztierhaltung benötigt, nur 7 Prozent dagegen für die Herstellung pflanzlicher Produkte. Dabei liefern pflanzliche Produkte 80 Prozent die für Menschen nötige Energie und sogar 70 Prozent der nötigen Proteine.


Abbildung 2: Quelle: Our World in Data Base on UN Food and agricultural Organization (FAO) Statistics https://ourworldindata.org/uploads/2013/10/Land-use-graphic-01-01-01.png 

Hohe CO2-Emissionen in der Rindertierhaltung

Es ist also vor allem die Nutztierhaltung, für die der Großteil der Fläche verbraucht wird – und die auch eine Vielzahl an Problemen verursacht. Mehr als 80 Prozent der gerodeten Waldflächen werden zur Produktion von Rindfleisch genutzt. Das Ausmaß dieser Zerstörung ließ sich im Sommer in Brasilien beobachten. Neben sozialen Folgen wie der Vertreibung indigener Bevölkerungsgruppen oder unrechtmäßiger Landnahme ist auch die ökologische Bilanz verheerend. Statt dass diese mit hoher Biodiversität gesegneten Flächen Kohlenstoffdioxid binden, dient das dort angebaute Soja in der Regel als Futtermittel für Tiere in der Massentierhaltung und führt zu erheblichen Treibhausgasemissionen. So werden beim Anbau der Futtermittel massiv Pestizide und Düngemittel eingesetzt. Das Futtermittel muss transportiert werden. Und schließlich produziert eine Kuh in der intensiven Massentierhaltung 2-5 Tonnen CO2-Äquivalente. Zur Veranschaulichung: Weltweit gibt es zwischen 1-1,4 Milliarden Kühe. Das entspricht Treibhausgasemissionen 2-6 Mrd. Tonnen CO2. Der jährliche CO2-Ausstoß von Deutschland beträgt im Vergleich 800 Mio. Tonnen.


Abbildung 3: Emission der Länder Quelle: https://www.climatewatchdata.org/ghg-emissions?gases=178&source=43
Anzahl der Kühe: https://www.statista.com/statistics/263979/global-cattle-population-since-1990/ https://www.dw.com/en/roughly-15-billion-cows-on-the-planet/a-39865474
Methan je Kuh: Journal of Environmental Protection http://file.scirp.org/Html/4-6702462_51796.htm

Weitere Folgen: Gesundheitsschäden, Tierwohl, prekäre Arbeitsverhältnisse, Stress

Nicht nur aus klimatischer oder ökologischer Sicht ist die Tierproduktion bedenklich. Verarbeitetes Fleisch (Geräuchertes Fleisch, Salami, usw.) wurde von der Weltgesundheitsorganisation als ebenso krebserregend wie z.B. Asbest oder Tabak eingestuft. Der hohe Gehalt an gesättigten Fettsäuren (insbesondere in Milch- und Eierprodukten) erhöht die Risiken für Herz- und Kreislauferkrankungen und für Insulinresistenzen, besser bekannt als Diabetes Typ II. Die Behauptung, Fleisch oder tierische Produkte wären für die menschliche Ernährung notwendig, ist wissenschaftlich nicht mehrheitsfähig. Laut vieler Ernährungsgesellschaften (insbesondere der großen US-amerikanische Academy of Nutrition and Dietetics) ist eine pflanzliche Ernährung in allen Lebensabschnitten für eine ausreichende Versorgung mit Makro- und Mikronährstoffen geeignet. Der Konsum von tierischen Produkten ist damit eine Wahl, keine Pflicht.

Auch stellt sich die ethische Frage nach dem Tierwohl. In der von Wissenschaftlern verfassten „Cambridge Declaration on Consciousness” heißt es, dass „nicht-menschliche Tiere“ die gleiche Wahrnehmung des Bewusstseins haben wie Menschen. Damit wurde explizit nicht ausgedrückt, dass Tiere menschliche Intelligenz aufweisen, jedoch in der Lage sind zu fühlen und sich ihrer Selbst bewusst sind. Obwohl es für die Gesundheit also nicht notwendig ist und zudem enorme Ressourcen verbraucht, ist die industrialisiere Tötung von empfindungsfähigen Wesen gesellschaftlich akzeptiert. Jede Sekunde werden 20 Tiere in Deutschland geschlachtet. Insbesondere die Zustände in der Massentierhaltung widerlaufen aufs Extremste der Deklaration. Denn dort werden systematisch Ferkel ohne Betäubung kastriert, männliche Küken bei vollem Bewusstsein ebenso wie hochschwangere Milchkühe getötet oder für Kosmetische Zwecke Tierversuche unternommen.

Hinzu kommt, dass die Angestelltenverhältnisse vieler Mitarbeiter*innen in Schlachthäusern durch Werkverträge mit ausländischen Sub-Unternehmern prekär sind, sie häufig an Posttraumatischen Stress leiden. In keinen anderen Branchen ist die Quote höher als in der Fleischindustrie. Und bei all diesen Herausforderungen wurde immer noch nicht diskutiert, wie wir den Hunger in der Welt mit dieser verschwenderischen Produktion von Lebensmittel bekämpfen wollen.

Doch wie sehen Lösungen aus? Welche neuen Produkte und Anbieter drängen an den Markt? Welche Auswirkung kann dies auf die derzeitige Landwirtschaft haben? Lesen Sie dazu kommende Woche im zweiten Teil, wie sich die Landwirtschaft in den nächsten Jahren verändern wird.


Damian Pilka ist seit 2013 als Wertpapierspezialist in der Angebotsentwicklung der GLS Bank tätig. Der ausge-bildete Wirtschaftswissenschaftler mit Schwerpunkt Finanzwirtschaft ist insbesondere für die Be-treuung und Auflage von Alternativen Investmentsfonds zuständig.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 400 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an. (Stand 31.07.2019)

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de

Wie die GLS Bank zu Ernährung und Landwirtschaft steht

Wie in ihren öffentlich zugänglichen Anlage und Finanzierungsbedingungen festgeschrieben, investiert in und finanziert die GLS Bank Unternehmen, die in der Erzeugung, Verarbeitung und dem Handel von und mit landwirtschaftlichen Produkten und gesunden Lebensmitteln gemäß den anerkannten Richtlinien der ökologische Land- und Lebensmittelwirtschaft tätig sind. Der Einsatz von Mineraldüngern, Pestiziden sowie gentechnisch veränderten Organismen, Massentierhaltung und industrielle Fleischverarbeitung sind durch diese Richtlinien ausgeschlossen. In ihren politischen Forderungen verlangt die GLS Bank eine konsequente Abgabe auf die Nutzung von Pestiziden und Stickstoffdünger. Sie unterstützt die Ackergiftkampagne des Bündnisses für enkeltaugliche Landwirtschaft.
Die GLS Bank ist in keinem der im Artikel erwähnten Unternehmen investiert (Stand 17.10.2019).