Diese Woche in Crypto

Ein Marktkommentar und Research von 21Shares.  Laut den von CoinMarketCap gesammelten Daten ist der Gesamtmarkt für Kryptoassets in den letzten sieben Tagen um 9,37% zurückgegangen. Bitcoin verlor in der vergangenen Woche 5,7%, während Ethereum um 10% schlechter abschnitt.

 Die UK Inflation erreichte mit 9,4% ein 40-Jahres-Hoch, wobei die Hauptursachen die steigenden Energiepreise waren, die im Oktober voraussichtlich stark steigen werden. Während die Bank of England die Zinssätze im August erhöhen soll, hat die Europäische Zentralbank (EZB) eine Zinserhöhung um 50 BPS vorgenommen, die erste seit 2011, die die Zinsen auf 0% anhebt und damit die acht Jahre beendet, in der Europa mit Negativzinsen experimentiert. Die EZB wird voraussichtlich im September eine weitere Zinserhöhung einleiten. Im vierteljährlichen Gewinnbericht, der bei der Securities and Exchanges Commission (SEC) von Tesla eingereicht wurde, gab das Unternehmen bekannt, dass es 75% seiner Bitcoin-Bestände im Wert von 936 Millionen US-Dollar verkauft hatte. Wie aus dem Report hervorgeht, kostete der Rückgang von Bitcoin um 59% im zweiten Quartal Tesla, MicroStrategy und Block zusammen 5 Mrd. USD. Diese Zahl schreckt jedoch keinen der betroffenen CEOs ab, die kontinuierlich über ihre zukünftigen Pläne, mehr BTC zu kaufen, getwittert haben.
Abbildung 1: Bitcoin Network Value to Transactions Ratio
Quelle: Glassnode
Da immer mehr Technologieunternehmen ihre Gewinnberichte einreichen, ist es wichtig, die On-Chain-Indikatoren wie das Verhältnis von Nettowert zu Transaktionen (NVT) im Auge zu behalten. Wie oben gezeigt, weist ein hohes NVT-Verhältnis darauf hin, dass der Preis von Bitcoin überbewertet ist, während Abwärtstrends wie der vom 24. Juli darauf hindeuten, dass Anleger Bitcoin mit einem Abschlag kaufen. Wenn sich das Verhältnis seitwärts bewegt, bedeutet dies, dass das Kryptoasset in einen Wachstumstrend eingetreten ist.
Key Takeaways
  • Der erste Insider-Trading Fall mit Kryptoassets
  • Ethereum-Börsensalden erreichen den niedrigsten Stand seit Juli 2018
  • Sushi wird zu einem interoperablen DEX
  • Opensea konkurriert mit Solanas Magic Eden
  • zkEVMs, eine neue Ära für die Skalierbarkeit von Ethereum
Makro, Regulierungen; Spot, und Terminmärkte
In den USA hat die SEC den Insiderhandel an Krypto-Börsen untersucht und bereits letzte Woche wurde der erste Fall enttarnt. Ein ehemaliger Produktmanager von Coinbase und zwei weitere wurden wegen Überweisungsbetrugs im ersten Insider-Trading Fall in Krypto festgenommen. In diesem Zusammenhang listete die SEC 9 Token als Wertpapiere auf, darunter unter anderem die von Amp, Rally, DerivaDAO, XYO Network.
Der russische Präsident Wladimir Putin änderte das Gesetz, das die Verwendung von Kryptoassets als Zahlungen verbietet, um andere Token-Typen wie Security Tokens, Utility Tokens und sogar NFTs als Zahlungsmittel für Waren und Dienstleistungen im Land einzubeziehen. Diese drastische Maßnahme ist höchstwahrscheinlich eine Reaktion auf die Krypto-Spenden, die letztes Jahr für Ikonen der russischen Opposition hinter Gittern gesammelt wurden. Ein paar Tage nach dieser Änderung brach die Nachricht aus, dass sich russische Aktivisten Krypto zuwenden, um ukrainische Flüchtlinge zu unterstützen.
On-chain Indikatoren
Der breitere Kryptomarkt wurde letzte Woche optimistisch, als die Nachrichten über den Zeitplan des Ethereum Merge in den sozialen Medien zu kursieren begannen. Obwohl der 19. September als Zieldatum festgelegt wurde, artikulierte Tim Beiko, der ETH-Core-Entwickler, dass sich dies im Falle von Code-Anpassungen in letzter Minute noch ändern könnte.
Abbildung 2: ETH Balance an Handelsbörsen

Quelle: Glassnode
Nichtsdestotrotz wurden die Nachrichten zu einem Katalysator für die breitere Erholung des Marktes und veranlassten die Anleger Ethereum zu horten und auf einen sicheren Cold Storage zu übertragen - auf ein Niveau, das seit Juli 2018 nicht mehr erreicht wurde.  
Den vollständigen Report finden Sie hier
Medienberichte
Die Mitbegründerin und Präsidentin von 21Share, Ophelia Snyder, trat bei ETF TV auf, um über die Nachfrage der Anleger und die Produktentwicklung während des Krypto-Winters zu sprechen. Hier können Sie sich den Ausschnitt ansehen.
Unser Research Director Eliezer Ndinga wurde für einen Bericht auf Forbes interviewt, um über die Preisentwicklung von Bitcoin und hilfreiche Indikatoren in risikoaversen Umgebungen zu sprechen. Den vollständigen Bericht können Sie hier lesen.
Letztlich, wurde unser Research Associate Adrian Fritz im Trend Report über die Adoption von DeFi im Bärenmarkt vorgestellt. Den Bericht können Sie hier lesen.
News
Paraguay erhält 100-MW-Deal für Krypto-Mining
Was ist passiert?
Die Commons Foundation unterzeichnete einen 100-Megawatt-Stromabnahmevertrag mit dem Netzbetreiber von Paraguay, in dem sie über einen Zeitraum von 10 Jahren Energie kauft, um ihr Krypto-Mining zu betreiben. Dies geschieht eine Woche, nachdem das Land ein Gesetz verabschiedet hat, das Krypto-Mining und -Handel reguliert. Es wird geschätzt, dass dieser Deal in den nächsten vier Jahren in Villa Hayes im Bezirk Jose Falcon in Zentralparaguay 1’000 Arbeitsplätze schaffen wird.
Warum spielt es eine Rolle?
Ähnlich wie in vielen Nachbarländern Südamerikas haben die berühmten Flüsse Paraguays den Staat ermutigt, Staudämme zu bauen, wodurch die Strompreise auf bis zu 5 Cent pro Kilowattstunde gesunken sind. Paraguay ist stark auf Wasserkraft angewiesen, mit der fast das ganze Stromnetz des Landes betrieben wird. Der Großteil des Stroms, der von einem der Staudämme Paraguays erzeugt wird, wird im Rahmen eines Abkommens, das im nächsten Jahr ausläuft, nach Brasilien exportiert. Aus diesem Grund versucht die Regierung, Bitcoin-Miner anzulocken, um Gebrauch von der überschüssige Energie zu machen.
Auf einer separaten, aber ähnlichen Anmerkung zeigen die vom BTC Mining Council gesammelten Daten, dass das Bitcoin Mining einen Anteil von 59,5% an nachhaltiger Energie erreichte. Dies geht Hand in Hand mit unserer These bei 21Shares, dass mit steigenden Energiepreisen in Verbindung mit dem daraus resultierenden Marktcrash und Gewinnverlusten der Miner, Regierungen mit einem Überfluss an Energie beginnen werden, Proof-of-Work-Mining-Betriebe als lukrative Möglichkeit zur Erzielung von Einnahmen anzuziehen.
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Der Euro – eine Weichwährung

Ein Marktkommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management. Vor zehn Jahren betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt Eurolands pro Kopf 29.230 Euro, das der USA 40.190 Euro. Zurzeit sind es in der Währungsunion 37.160 Euro, in Amerika 71.840 Euro. Zwar hat sich das europäische pro-Kopf-BIP in diesem Zeitraum um 27 Prozent erhöht, das amerikanische dagegen, in Euro, um 79 Prozent. Relativ gesehen ist Europa ärmer geworden, kann sich für seine Währung weniger kaufen. Für viele, vor allem hochqualifizierte und talentierte Europäer ist der Anreiz inzwischen sehr stark, in die USA auszuwandern (oder in die Schweiz), es kommt zu einem sogenannten Brain Drain, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents beeinträchtigt. Importe haben sich deutlich mehr verteuert als Exporte. Der Hauptgrund für beides: der schwache Euro.

 Wie konnte es dazu kommen? In der Vergangenheit wertete eine Währung tendenziell auf, wenn die Leistungsbilanz einen Überschuss aufwies, denn das bedeutete, dass die Nachfrage nach der Währung aus dieser Quelle größer war als das Angebot. Das Argument mag auch heute noch gelten, hat aber offenbar an Kraft verloren: Euroland hat seit langer Zeit einen Überschuss, die USA dagegen seit gefühlt ewigen Zeiten ein Defizit. Die Leistungsbilanzsalden spielen keine Rolle mehr.

Dito die Situation bei den Staatsfinanzen. Je größer das Defizit, je höher die staatlichen Schulden, desto weniger solide die Finanzpolitik. Wenn ein Land es mit dem Schuldenmachen nicht so genau nimmt, folgern die Teilnehmer an den Devisenmärkten, dass es über kurz oder lang versuchen wird, sie durch Monetisierung zu entwerten, also zu Lasten derer, die Vermögen in dieser Währung halten. Dadurch entsteht ein Verkaufsdruck, der zu einer Abwertung führt. Stimmt auch nicht mehr: Im Durchschnitt betrug das aggregierte staatliche Haushaltsdefizit Eurolands seit Beginn der Coronakrise 5,2% des BIP, in den USA 10,6% (jeweils einschließlich eines Schätzwerts für 2022). Nach Rechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) waren – und sind – auch die gesamtstaatlichen Schulden in Relation zum BIP in den USA deutlich höher als im Euroland: aktuell 126% zu 95%. Trotzdem beeindruckt auch das die Devisenmärkte nicht. Unsolide Staatsfinanzen werden trotz dieser Zahlen eher den Ländern des Euroraums unterstellt.

Das Problem ist natürlich, dass die USA ein Staat sind, mit einheitlicher Fiskalpolitik und einem gewaltigen militärischen Apparat, während die Währungsunion nur ein Verbund von - in Kernkompetenzen autonomer - Staaten ist. Dass sie stets zusammenhalten, durch Dick und Dünn, ist keineswegs ausgemacht, wie sich gerade wieder im neuen italienischen Wahlkampf zeigt, und auch vor Kurzem im französischen, oder bei den Alleingängen und Erpressungsversuchen von Ungarn und Polen. Wenn es ernst wird, müssen die USA zu Hilfe kommen. Kaum ein Anleger scheint zu erwarten, dass Westeuropa einem russischen Angriff auf die baltischen Staaten standhalten kann. Sie werden daher ihr Geld lieber in Dollar als in Euro halten, obwohl die Inflationsaussichten von der Lohnentwicklung her in den USA deutlich schlechter sind als im Euroland.

Hinzu kommt, dass die amerikanische Zentralbank viel entschlossener gegen die Inflation vorgeht als die EZB, also die Zinsen früher und stärker angehoben hat. Das mag in einer Rezession enden, aber da es am Arbeitsmarkt weiterhin hervorragend läuft, lässt sich die Fed nur wenig von dieser Aussicht schrecken. Die US-Leitzinsen dürften noch in diesem Jahr auf etwa 3% steigen und damit das europäische Niveau weiterhin – und um immer mehr – übertreffen. Am amerikanischen Geldmarkt lässt sich mehr Geld verdienen, vor allem in nominaler, weniger in realer Rechnung.

Außerdem ist die Reputation der EZB nicht sonderlich gut: Sie verhält sich nicht, wie man es erwarten sollte, marktneutral, sondern betreibt nebenbei Strukturpolitik, die eigentlich in das Ressort anderer staatlichen Institutionen gehört, indem sie beispielsweise „grüne“ Wertpapiere beim „quantitative easing“ gegenüber anderen bevorzugt, neuerdings direkt Einfluss nimmt auf die Renditespreads von Anleihen unterschiedlicher Provenienz (Länder), oder Banken dafür belohnt, wenn sie ihre Kreditvergabe über gewisse Mindestwerte hinaus erhöhen. Dass sie viele Monate lang verkündet, sie werde die Leitzinsen in diesem Juli um 25 Basispunkte erhöhen, sie aber stattdessen um 50 anhebt, hat ihren Ruf nicht gerade verbessert.

Müssen wir uns ernsthaft Sorgen um den schwachen Euro machen? Grundsätzlich ist eine starke Währung etwas Wünschenswertes, weil sie die Kaufkraft verbessert und die Wirtschaftsstruktur in Richtung solcher Produkte und Dienstleistungen verändert, die sich trotz hoher Kosten und Preise verkaufen lassen, was wiederum hohe Einkommen garantiert. Auf Dauer lohnt es nicht, ein Billiganbieter zu sein. Nach Rezessionen oder in der Frühphase der wirtschaftlichen Entwicklung nützen unterbewertete Währungen, wie zum Beispiel in Deutschland nach dem Krieg. Aber wenn bereits ein großer Kapitalstock vorhanden ist und die Erwerbsbevölkerung gut ausgebildet und motiviert ist – und de facto Vollbeschäftigung herrscht -, macht es keinen Sinn, seine Produkte und Dienstleistungen gewissermaßen zu verschleudern. Ein fester Wechselkurs bedeutet, sein Angebot ständig verbessern zu müssen. Ein solches Angebot schafft seine eigene Nachfrage –  es etabliert Trends und läuft dem Markt voraus, statt ihm mit Billigprodukten hinterher zu hecheln. Mit anderen Worten: Auf Dauer bringt ein schwacher Euro nichts. Dies ist, wie der Leser und die Leserin gemerkt haben wird, ein Plädoyer für rascher steigende europäische Leitzinsen und eine Aufwertung des Euro.

Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management

Vor zehn Jahren betrug das nominale Bruttoinlandsprodukt Eurolands pro Kopf 29.230 Euro, das der USA 40.190 Euro. Zurzeit sind es in der Währungsunion 37.160 Euro, in Amerika 71.840 Euro. Zwar hat sich das europäische pro-Kopf-BIP in diesem Zeitraum um 27 Prozent erhöht, das amerikanische dagegen, in Euro, um 79 Prozent. Relativ gesehen ist Europa ärmer geworden, kann sich für seine Währung weniger kaufen. Für viele, vor allem hochqualifizierte und talentierte Europäer ist der Anreiz inzwischen sehr stark, in die USA auszuwandern (oder in die Schweiz), es kommt zu einem sogenannten Brain Drain, der die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Kontinents beeinträchtigt. Importe haben sich deutlich mehr verteuert als Exporte. Der Hauptgrund für beides: der schwache Euro.

(siehe Grafik im Anhang)
 
Wie konnte es dazu kommen? In der Vergangenheit wertete eine Währung tendenziell auf, wenn die Leistungsbilanz einen Überschuss aufwies, denn das bedeutete, dass die Nachfrage nach der Währung aus dieser Quelle größer war als das Angebot. Das Argument mag auch heute noch gelten, hat aber offenbar an Kraft verloren: Euroland hat seit langer Zeit einen Überschuss, die USA dagegen seit gefühlt ewigen Zeiten ein Defizit. Die Leistungsbilanzsalden spielen keine Rolle mehr.

Dito die Situation bei den Staatsfinanzen. Je größer das Defizit, je höher die staatlichen Schulden, desto weniger solide die Finanzpolitik. Wenn ein Land es mit dem Schuldenmachen nicht so genau nimmt, folgern die Teilnehmer an den Devisenmärkten, dass es über kurz oder lang versuchen wird, sie durch Monetisierung zu entwerten, also zu Lasten derer, die Vermögen in dieser Währung halten. Dadurch entsteht ein Verkaufsdruck, der zu einer Abwertung führt. Stimmt auch nicht mehr: Im Durchschnitt betrug das aggregierte staatliche Haushaltsdefizit Eurolands seit Beginn der Coronakrise 5,2% des BIP, in den USA 10,6% (jeweils einschließlich eines Schätzwerts für 2022). Nach Rechnungen des Internationalen Währungsfonds (IWF) waren – und sind – auch die gesamtstaatlichen Schulden in Relation zum BIP in den USA deutlich höher als im Euroland: aktuell 126% zu 95%. Trotzdem beeindruckt auch das die Devisenmärkte nicht. Unsolide Staatsfinanzen werden trotz dieser Zahlen eher den Ländern des Euroraums unterstellt.

Das Problem ist natürlich, dass die USA ein Staat sind, mit einheitlicher Fiskalpolitik und einem gewaltigen militärischen Apparat, während die Währungsunion nur ein Verbund von - in Kernkompetenzen autonomer - Staaten ist. Dass sie stets zusammenhalten, durch Dick und Dünn, ist keineswegs ausgemacht, wie sich gerade wieder im neuen italienischen Wahlkampf zeigt, und auch vor Kurzem im französischen, oder bei den Alleingängen und Erpressungsversuchen von Ungarn und Polen. Wenn es ernst wird, müssen die USA zu Hilfe kommen. Kaum ein Anleger scheint zu erwarten, dass Westeuropa einem russischen Angriff auf die baltischen Staaten standhalten kann. Sie werden daher ihr Geld lieber in Dollar als in Euro halten, obwohl die Inflationsaussichten von der Lohnentwicklung her in den USA deutlich schlechter sind als im Euroland.

Hinzu kommt, dass die amerikanische Zentralbank viel entschlossener gegen die Inflation vorgeht als die EZB, also die Zinsen früher und stärker angehoben hat. Das mag in einer Rezession enden, aber da es am Arbeitsmarkt weiterhin hervorragend läuft, lässt sich die Fed nur wenig von dieser Aussicht schrecken. Die US-Leitzinsen dürften noch in diesem Jahr auf etwa 3% steigen und damit das europäische Niveau weiterhin – und um immer mehr – übertreffen. Am amerikanischen Geldmarkt lässt sich mehr Geld verdienen, vor allem in nominaler, weniger in realer Rechnung.

Außerdem ist die Reputation der EZB nicht sonderlich gut: Sie verhält sich nicht, wie man es erwarten sollte, marktneutral, sondern betreibt nebenbei Strukturpolitik, die eigentlich in das Ressort anderer staatlichen Institutionen gehört, indem sie beispielsweise „grüne“ Wertpapiere beim „quantitative easing“ gegenüber anderen bevorzugt, neuerdings direkt Einfluss nimmt auf die Renditespreads von Anleihen unterschiedlicher Provenienz (Länder), oder Banken dafür belohnt, wenn sie ihre Kreditvergabe über gewisse Mindestwerte hinaus erhöhen. Dass sie viele Monate lang verkündet, sie werde die Leitzinsen in diesem Juli um 25 Basispunkte erhöhen, sie aber stattdessen um 50 anhebt, hat ihren Ruf nicht gerade verbessert.

Müssen wir uns ernsthaft Sorgen um den schwachen Euro machen? Grundsätzlich ist eine starke Währung etwas Wünschenswertes, weil sie die Kaufkraft verbessert und die Wirtschaftsstruktur in Richtung solcher Produkte und Dienstleistungen verändert, die sich trotz hoher Kosten und Preise verkaufen lassen, was wiederum hohe Einkommen garantiert. Auf Dauer lohnt es nicht, ein Billiganbieter zu sein. Nach Rezessionen oder in der Frühphase der wirtschaftlichen Entwicklung nützen unterbewertete Währungen, wie zum Beispiel in Deutschland nach dem Krieg. Aber wenn bereits ein großer Kapitalstock vorhanden ist und die Erwerbsbevölkerung gut ausgebildet und motiviert ist – und de facto Vollbeschäftigung herrscht -, macht es keinen Sinn, seine Produkte und Dienstleistungen gewissermaßen zu verschleudern. Ein fester Wechselkurs bedeutet, sein Angebot ständig verbessern zu müssen. Ein solches Angebot schafft seine eigene Nachfrage –  es etabliert Trends und läuft dem Markt voraus, statt ihm mit Billigprodukten hinterher zu hecheln. Mit anderen Worten: Auf Dauer bringt ein schwacher Euro nichts. Dies ist, wie der Leser und die Leserin gemerkt haben wird, ein Plädoyer für rascher steigende europäische Leitzinsen und eine Aufwertung des Euro.

Wie können Klimarisiken gemessen und Länder bewertet werden?

Von Hervé Chatot und Gaël Binot, Fixed Income Portfolio Manager, ESG Spezialisten, La  Française AM. Um die Klimarisiken eines Landes zu messen und zu verstehen, müssen mehrere Faktoren analysiert werden.

Wir glauben, dass Adaptation und Transition die beiden wichtigsten Aspekte bei der Bewertung von Klimarisiken sind.

  •  Adaptation: von physischen Risiken zur Anpassungsfähigkeit
  •  Übergang: von der CO2-Wirtschaft zu grünen Chancen

Unser Ansatz zielt darauf ab, Länder zu identifizieren und zu favorisieren, die dem Klimawandel standhalten und eine kohlenstoffarme Wirtschaft schaffen, um den Herausforderungen des Klimawandels zu begegnen.[1]

ZWEI-SÄULEN-BEWERTUNGSMODELL

Unsere Analyse der Anpassungsfähigkeit basiert auf zwei Hauptfaktoren: die Gefährdung eines Landes durch den Klimawandel und seiner Anpassungsfähigkeit. Bei der Gefährdung eines Landes werden zwei Parameter berücksichtigt: die Exposition des Landes gegenüber klimawandelbedingten Ereignissen und die Kosten der Schäden (wirtschaftliche und menschliche Verluste). Die Exposition kann als das Ausmaß definiert werden, in dem ein Land physischen Auswirkungen (Temperaturanstieg, Anstieg des Meeresspiegels, Wasserknappheit usw.) ausgesetzt ist, und kann mit der geografischen Lage des Landes zusammenhängen. Einige Länder sind stärker von Überschwemmungen (Indien), Waldbränden (Australien), Stürmen (USA) usw. betroffen.

Nachdem wir Gefährdung jedes Landes durch den Klimawandel ermittelt haben, prüfen wir, ob das Land anpassungsfähig ist oder nicht.

Bei der Anpassungsfähigkeit berücksichtigt unsere Methodik drei Parameter: die Effektivität der Governance, die soziale und wirtschaftliche Reife des Landes. Wir glauben, dass Investoren mit zunehmendem Klimawandel verstärkt die Anpassungsfähigkeit berücksichtigen müssen.

Interessant ist, dass einige einkommensstarke Länder, wie die USA, Japan und Australien, sehr anfällig für den Klimawandel sind, aber über starke Anpassungsfähigkeiten verfügen, die ihnen helfen, Klimarisiken abzumildern.

Unsere Analyse des Übergangsrisikos stützt sich auf zwei Hauptfaktoren: die CO2-Wirtschaft und die umweltfreundlichen Möglichkeiten.

Die CO2-Wirtschaft umfasst zwei Parameter: Treibhausgasemissionen und die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Im Zuge des Übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft müssen die Länder ihre THG-Emissionen drastisch senken und ehrgeizigere klimapolitische Maßnahmen ergreifen, um die Ziele des Pariser Abkommens zu erreichen. Das Erreichen von Netto-Null-Emissionen bis 2050 erfordert eine Umstellung des globalen Energiemixes. Die Treibhausgasemissionen müssen bis 2030 um 50 % reduziert werden.

Der grüne Übergang erfordert eine Abkehr von fossilen Brennstoffen hin zu erneuerbaren Energien. Die Länder müssen ihren Energiemix bei Produktion und Verbrauch dekarbonisieren und diversifizieren. Fossile Brennstoffe machen derzeit rund 83 % der gesamten weltweiten Primärenergieversorgung aus, erneuerbare Energien nur 12 %. Will man ein „grünes Szenario“ erreichen, muss der Anteil an erneuerbaren Energien bis 2050 auf 85 % steigen.[2]

Wir untersuchen die folgenden Indikatoren, um den CO2-Wirtschaftsfaktor zu bewerten: Treibhausgasemissionen pro Kopf, Treibhausgasemissionen im Verhältnis zum BIP, Einnahmen aus fossilen Brennstoffen und Anteil der fossilen Brennstoffe an den Exporten und an der Primärenergieversorgung.


Folgerichtig haben die Länder, die sowohl bei den Einnahmen als auch beim Verbrauch stark von fossilen Brennstoffen (Kohle, Öl, Gas) abhängig sind, die höchste CO2-Intensität.

Die grünen Chancen werden anhand von zwei Parametern gemessen: erneuerbare Energien und grüne Investitionen.

Der grüne Übergang bedeutet nicht nur eine erhebliche Verringerung der Treibhausgasemissionen, sondern erfordert auch den massiven Einsatz neuer Technologien wie der erneuerbaren Energien und einen massiven Investitionsfluss in grüne Technologien bis 2030. Erneuerbare Energien, Elektrifizierung (Verkehr, Gebäude, Industrie) und Energieeffizienz sind die wichtigsten Säulen der Energiewende.

Die Energiewende erfordert große Investitionen in Infrastruktur und Technologie. Trotz der unsicheren Entwicklung schätzt das BNEF, dass sich die jährlichen Investitionen in saubere Energien auf etwa 3,1 bis 5,8 Billionen US-Dollar mehr als verdreifachen müssen, um bis 2050 Netto-Null-Emissionen zu erreichen. Dies wird Millionen von Arbeitsplätzen schaffen und zu zusätzlichem Wirtschaftswachstum beitragen, vor allem im Energiesektor.

Zuletzt berechnen wir den Übergangs-Score, der sich aus dem Durchschnitt der Werte für die CO2-Wirtschaft und die grünen Investitionen zusammensetzt.

DEFINITION DER KOHLENSTOFFMATRIX

Die Kohlenstoffmatrix ermöglicht eine vergleichende Analyse verschiedener Länder, ihrer Gefährdung durch Klimarisiken und ihrer Fähigkeit, Maßnahmen zur Minderung des Klimarisikos zu ergreifen.

Die Werte der vertikalen Achse entsprechen dem Anpassungswert und die horizontale Achse dem Übergangswert. Die Matrix ist in vier Quadranten unterteilt. Die Quadrantenlinien entsprechen dem Median der Anpassungs- und Übergangswerte der Grundgesamtheit.

Die Länder werden in Bezug auf die Klimarisiken und -chancen in 4 Gruppen eingeteilt: Gewinner des Klimawandels, Überlebende, Außenseiter und Verlierer (Abbildung 1).

ABBILDUNG 1: DIE HAUSEIGENE CO2-MATRIX VON LA FRANÇAISE AM

ImageQuelle: La Française AM, eigene Darstellung

  • Gewinner des Klimawandels (oberer rechter Quadrant): Diese Länder weisen eine geringe Gefährdung durch Klimarisiken auf. Sie sind für den Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft gut aufgestellt und verfügen über starke Anpassungsfähigkeiten. Beispiel: Spanien, Schweden, Großbritannien, Chile, Costa Rica, Ungarn.
  • „Überlebende“ des Klimawandels (unterer rechter Quadrant): Diese Länder befinden sich im Übergang zu einer grünen Wirtschaft, sind aber sehr anfällig für physische Risiken. Sie müssen ihre Anpassungsfähigkeit erhöhen, um die negativen Auswirkungen des Klimawandels (Katastrophenereignisse) abzuschwächen. Beispiel: Brasilien, Mexiko, Dominikanische Republik, China, Indien.
  • Außenseiter des Klimawandels (oberer linker Quadrant): Diese Länder hinken bei der Energiewende hinterher. Sie verfügen über die Kapazitäten und wirtschaftlichen Ressourcen zur Anpassung, müssen aber dringend Maßnahmen ergreifen. Beispiel: Australien, Kanada, Japan, Uruguay, Rumänien, Südafrika.
  • Verlierer des Klimawandels (unterer linker Quadrant): Diese Länder sind am stärksten durch Klimarisiken gefährdet (d. h. niedrigste Werte für Übergang und Anpassung). Sie haben ihre Energiewende noch nicht eingeleitet. Es sind dringende Maßnahmen erforderlich, um den Klimawandel zu bekämpfen und den Übergang zu einer grünen Wirtschaft zu schaffen. Beispiel: Kuwait, Katar, Oman, Mosambik, Äthiopien, Pakistan.

Für Anleger, die eine Ausschlussstrategie für ihr Anlageuniversum anwenden wollen, wäre der Ausschluss von Klimawandel-Verlierern angemessen.

ABBILDUNG 2: EIN VON FRANÇAISE AM ENTWICKELTES MODELL ZUR BEWERTUNG DES KLIMARISIKOS

Image

Quelle: La Française AM, eigene Darstellung
 

SCHLUSSFOLGERUNG

Der Klimawandel wird zunehmend zu einer Priorität für Investoren.

Die auf zwei Säulen basierende Klima-Scoring-Methode ist ein Instrument für Staatsanleihen-Investoren, die an der Energiewende teilhaben wollen, indem sie in kohlenstoffarme Strategien investieren.

Unser Ansatz bietet für Staatsanleihen-Investoren eine zuverlässige Methodik zur Quantifizierung länderspezifischer Klimarisiken. Die nüchterne Kategorisierung in vier Untergruppen ermöglicht es Investoren, das Klimarisiko ihrer Portfolios zu steuern.

Alle Länder unterscheiden sich in Bezug auf die Risiken und das Tempo des Übergangs. Anleger müssen daher eine flexible Allokation zwischen den Gewinnern, den Außenseitern und den Überlebenden des Klimawandels berücksichtigen, um ein Portfolio aufzubauen, das den Klimarisiken standhält und für Länder repräsentativ ist, die sich auf einem guten Weg zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft befinden.

Auf diese Weise können Anleger die Kohlenstoffintensität ihrer Portfolios verbessern (bessere Anpassungs- und Übergangswerte als eine Benchmark) und Klimarisiken reduzieren.

Kommentar zur EZB-Sitzung

Kommentar von Willem Verhagen, Senior Economist bei NN Investment Partners, zu der EZB-Sitzung. Die EZB ist von ihrer im Juni abgegebenen Prognose einer Zinserhöhung um 25 Basispunkte im Juli abgewichen und hat stattdessen eine Anhebung um 50 Basispunkte vorgenommen. Lagarde nannte dafür zwei Gründe. Erstens hätten die Inflationsrisiken zugenommen, da die Inflation erneut überraschend gestiegen sei und sich der Preisdruck verstärke. Zweitens ist die EZB der Ansicht, dass flexible PEPP-Reinvestitionen und das neu eingeführte Transmissionsschutzinstrument (Transmission Protection Instrument, TPI) eine reibungslose Übertragung des geldpolitischen Kurses auf alle Länder gewährleisten können.

Natürlich hat die Abkehr von früher gegebenen Prognosen ihren Preis: Alle künftigen Prognosen werden nur noch bedingt glaubwürdig sein. Derzeit lehnt die EZB es auf jeden Fall ab, überhaupt Prognosen abzugeben, was in einem höchst unsicheren stagflationären Umfeld wahrscheinlich eine sinnvolle Strategie ist. Die EZB geht davon aus, dass eine fortlaufende Normalisierung der Geldpolitik angemessen ist, doch wird sie das Vorgehen von Sitzung zu Sitzung, auf der zum jeweiligen Zeitpunkt verfügbaren Datengrundlage, festlegen. Vermutlich bedeutet Normalisierung der Geldpolitik, dass die EZB den Leitzins in Richtung eines neutralen Wertes bringen wird. Die Zentralbank lehnt es jedoch ab, einen Hinweis darauf zu geben, wo in ihren Augen der neutrale Wert liegen könnte. In Verbindung mit dem äußerst unsicheren wirtschaftlichen Umfeld bedeutet dies, dass die Märkte keinen klaren Anhaltspunkt haben, welche Maßnahmen die EZB künftig ergreifen wird. Dies könnte in Zukunft zu zusätzlicher Volatilität an den Anleihemärkten führen.

Die EZB möchte dem Risiko einer Loslösung der Inflationserwartungen entgegenwirken und steht damit vor einer Herausforderung, die Zentralbanken anderer Industrieländer nicht haben. Die Währungsunion ist durch ein zu geringes Maß an realer, finanzieller und sicherlich auch fiskalischer Integration beeinträchtigt. Dies macht die Eurozone sehr anfällig für destabilisierende interne Kapitalströme. Sollte dies eintreten, hätten Kreditnehmer mit identischen Risikomerkmalen je nach Land, in dem sie ihren Wohnsitz haben, unterschiedliche Kreditkosten zu tragen. Eine solche finanzielle Fragmentierung ist eindeutig unerwünscht.

Ein geldpolitischer Straffungszyklus hat das Potenzial, solche destabilisierenden internen Kapitalströme auszulösen, weil er die Divergenz der Wirtschaftsleistung im Euroraum verstärken könnte. Insbesondere liegen die Gleichgewichtsrenditen in den Peripherieländern aufgrund der seit mehr als einem Jahrzehnt anhaltenden Unterfinanzierung und der allgemein restriktiveren Finanzbedingungen wahrscheinlich deutlich unter denen im Kern. Daher wird ein für die Region im Durchschnitt neutraler geldpolitischer Kurs für die Peripherieländer restriktiv wirken. Dies könnte dazu führen, dass die Anleger zunehmend an der Tragfähigkeit der Staatsschulden der Peripherieländer zweifeln. Sollten die Anleger beginnen, auf diese Zweifel zu reagieren, werden diese zu einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung, wie es während der Staatsschuldenkrise von 2010-12 der Fall war.

Um diese negative Entwicklung zu unterbrechen, benötigen die Staaten eine Liquiditätsgarantie, die nur die EZB bieten kann. Die Zentralbanken anderer Industrieländer können dies problemlos leisten, da sie es nur mit einem einzigen Staat zu tun haben. Die EZB hat es jedoch mit 19 (bald 20) verschiedenen Staaten zu tun, und jeder von ihnen könnte in dem Wissen, dass die Kosten eines solchen Handelns weitgehend von anderen getragen werden, der Versuchung einer Finanzverschwendung nachgeben. Bei der Ausgestaltung einer Liquiditätssicherung durch die EZB muss daher ein Gleichgewicht zwischen der Notwendigkeit, Staatsanleihen ein gewisses Maß an Sicherheit zu verleihen, und der Notwendigkeit, Staaten, die sich nicht an die Haushaltsregeln halten, durch höhere Kreditkosten zu disziplinieren, gefunden werden.

Die jüngste politische Unsicherheit in Italien ist ein gutes Beispiel dafür, dass ein solches Disziplinierungsinstrument von Zeit zu Zeit nützlich sein kann. In den Jahren 2018-19 hatte Italien eine Regierung, die sich über die Haushaltsregeln hinwegsetzen wollte, ihre Pläne aber aufgrund der Ausweitung der italienischen Spreads aufgeben musste. Nach dem Rücktritt von Draghi ist eine vorgezogene Neuwahl wahrscheinlich, die erneut eine italienische Regierung an die Macht bringen könnte, die die Spielregeln der Währungsunion nicht ernst genug nimmt.

Das richtige Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Disziplin bei der Gestaltung einer Liquiditätssicherung zu finden, ist eindeutig ein Prozess, in dem die EZB mit der Einführung des TPI einen weiteren Schritt getan hat. Dieses neue Instrument soll neben den bestehenden Liquiditätssicherungsinstrumenten, d. h. den flexiblen PEPP-Reinvestitionen und den OMT (Outright Monetary Transactions), eingesetzt werden. Das TPI wird im Falle einer ungerechtfertigten gestörten Marktdynamik eingesetzt, womit die EZB vermutlich einen sich selbst verstärkenden Anstieg der Spreads in den Peripherieländern meint, der nichts mit den zugrunde liegenden Fundamentaldaten zu tun hat.

Eine Schlüsselfrage in diesem Zusammenhang: Wie hoch sollte der grundsätzliche Spread eines Staates in einer Währungsunion sein? Vermutlich wird dies durch das Redenominierungs- und Ausfallrisiko (neben einer Liquiditätsprämie) bestimmt, aber da es sich hierbei um Ereignisse mit unvorstellbaren Folgen handelt, ist es für die Märkte sehr schwierig, diese Risiken genau zu bewerten. Natürlich ist dies genau der Grund, warum die Renditen der Peripherieländer anfällig für sich selbst verstärkende Ausweitungen sind.

Aus diesem Grund und weil die EZB das Risiko minimieren will, der monetären Finanzierung hoch verschuldeter Staaten beschuldigt zu werden, wird sie einen großen Ermessensspielraum behalten, unter welchen Umständen das TPI aktiviert werden sollte und wie schnell die Ankäufe dann erfolgen sollten. In jedem Fall wird das TPI prinzipiell für alle Mitgliedstaaten gelten, sofern sie bestimmte Kriterien der fiskalischen und makroökonomischen Nachhaltigkeit erfüllen. Bei der Bewertung dieser Kriterien wird die EZB auch die Meinung anderer internationaler Organisationen wie der Europäischen Kommission, des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) und des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit einbeziehen. Außerdem verspricht die EZB, dass das TPI nicht in den geldpolitischen Kurs eingreifen wird, bleibt aber vage, wie sie das erreichen will.

Alles in allem bleibt abzuwarten, ob die bisher bekannten Details des TPI die Nerven der Anleger beruhigen können. In einer idealen Welt würde die EZB eine glaubwürdige Liquiditätssicherung mit unbegrenzter Schlagkraft ankündigen. Wäre sie dazu in der Lage, käme kein Anleger auf die Idee, sich mit der EZB anzulegen, und die EZB müsste infolgedessen keine einzige Anleihe kaufen. In der realen Welt ist die EZB jedoch erheblichen politischen Zwängen unterworfen. Wie ihre 23-jährige Geschichte deutlich zeigt, können diese nur überwunden werden, wenn der Druck dazu groß genug wird. Das letzte Wort über die Liquiditätssicherung ist also möglicherweise noch nicht gesprochen.

Federated Hermes: EU bereitet sich auf einen kalten Winter vor

Marktupdate von Silvia Dall'Angelo, Senior Economist bei Federated Hermes Limited: Die größte Herausforderung der EU wird in diesem Winter die Sicherstellung ausreichender Gasreserven sein. Zudem könnte ein vollständiger Stopp der russischen Gaslieferungen das Bruttoinlandsprodukt der Europäischen Union im schlimmsten Fall um bis zu 1,5 Prozent verringern.

Seit dem 21. Juli fließt zumindest wieder eine gewisse Menge Gas durch Nord Stream 1. Wie es weitergeht, bleibt aber ungewiss. Ein vollständiger Stopp der russischen Gaslieferungen könnte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Europäischen Union um bis zu 1,5 Prozent verringern. Dies, so warnte die Europäische Kommission in einem am 20. Juli veröffentlichten Entwurf des EU-Dokuments "Save gas for a safe winter", könne eintreten, wenn der nächste Winter kalt ist und die Region keine vorbeugenden Maßnahmen zum Energiesparen ergreift. Die Auswirkungen auf das BIP könnten zwischen 0,6 und 1 Prozent liegen, wenn der Stopp mit einem durchschnittlichen Winter zusammenfällt.


Die Europäische Kommission plant auch eine Reihe von Empfehlungen an die Mitgliedstaaten. Darunter die Reduzierung des Heiz- und Kühlbedarfs und einige marktbasierte Maßnahmen. Dadurch sollen die Auswirkungen einer möglichen vollständigen Unterbrechung durch Russland, der größten Importquelle, ausgeglichen werden. Diese Maßnahmen werden freiwillig sein, und die Regierungen werden aufgefordert, im September über konkrete Schritte Bericht zu erstatten. Die Kommission wird sich auch das Recht einräumen, zu einem späteren Zeitpunkt bei Bedarf Verbrauchseinschränkungen zu erzwingen.

Die größte Herausforderung für die EU in diesem Winter ist die Sicherstellung ausreichender Gasreserven, um die Nachfragespitzen bei Heizung und Strom zu bewältigen. Während die Speicherbestände im vergangenen Jahr um 10 Prozentpunkte niedriger waren als im Zeitraum 2016 - 2018, entsprechen sie laut EU-Dokument derzeit dem historischen Durchschnitt von über 63 Prozent, was 46 Tagen Winterverbrauch entspricht.

Die hier vertretenen Ansichten und Meinungen sind die des Verfassers. Sie decken sich nicht zwangsläufig mit den in anderen Mitteilungen ausgedrückten oder wiedergegebenen Ansichten. Diese Mitteilung ist weder eine Aufforderung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf der darin erwähnten Wertpapiere oder Finanzinstrumente.

EZB-Schritt kann die Energiewende um Jahre verzögern

Kommentar zum Zinsentscheid der EZB von Cristian von Angerer, Chief Investment Officer bei Inyova. Die EZB-Erhöhung wurde lange erwartet, um der Inflation in den EU-Ländern entgegenzuwirken. Ihre Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaft und die Märkte sind den Marktteilnehmern ziemlich klar. Aber was bedeutet sie für die Nachhaltigkeit und den Übergang zu erneuerbaren Energien? Die EZB hat beschlossen, ihre Leit-Zinssätze um 0,5 % zu erhöhen - dies wird die Umstellung auf erneuerbare Energien noch schwieriger gestalten. Untersuchungen, darunter eine Analyse von Prof. Dr. Tobias Schmidt, Leiter der Energie- und Technologiepolitik an der ETH Zürich, zeigen, dass 75 % der großen Unternehmen im Bereich der erneuerbaren Energien hoch verschuldet sind und die Kosten für die Kapitalbeschaffung durch Zinsanstiege erheblich steigen könnten. Die Analyse kommt zu dem Ergebnis, dass in einem Szenario mit einem moderaten Zinsanstieg die aufgrund des Wissens- und Technologiefortschritts niedrigeren Kosten von Solarkraftwerken durch höhere Zinsbelastungen kompensiert würden. D. h. höhere Zinsen könnten uns um Jahre im technologischen Fortschritt zurückwerfen.

Metaverse – ohne Smartphone ins Jahr 2030

Marktkommentar von Mikko Ripatti, Senior Client Portfolio Manager DNB Asset Management. Metaverse steht für digitale Erlebniswelten. Aufgrund der hohen Rechenleistungen erwarten Experten eine vollständige Realisierung frühestens in 20 Jahren. Mikko Ripatti, Senior Client Portfolio Manager bei DNB Asset Management sieht das differenziert:

Eigentlich ist Metaverse schon heute Realität, vor allem bei den Gaming-Firmen und den von ihnen geschaffenen Umgebungen. Allerdings bleibt insgesamt abzuwarten, was das Metaverse tatsächlich genau sein wird und wie es sich entwickeln wird. Es jetzt schon zu definieren, könnte die Vorstellungskraft der Visionäre beeinflussen.

Wer werden die Gewinner des neuen Internets sein?

In dieser Hinsicht gibt es einen gewissen Hype um das Thema. Die Nutzererfahrung wird und muss sicherlich noch besser werden. Denn Augmented Reality und Virtual Reality sind wichtige Teile der Metaverse-Idee. Und das scheint aktuell die Richtung zu sein, in die sich die Dinge entwickeln werden. Erst kürzlich erklärte der CEO von Nokia, dass es Smartphones, wie wir sie heute kennen, im Jahr 2030 nicht mehr geben wird. Er bezog sich dabei anscheinend auch auf die Tatsache, dass wir dann andere Geräte haben werden, die mit unserem Körper verbunden sind und direkt mit anderen Menschen kommunizieren. Die menschliche Kommunikation ist das Kernstück des Metaverse, während Echtzeitkommunikation, Benutzerfreundlichkeit und ein Gefühl des Verschmelzens mit dem Internet seine Erkennungsmerkmale sind. Letztendlich geht es um dieses Verschmelzen des `Real Life`mit der virtuellen Welt.

Auch für Unternehmen wird Metaverse eine wichtige Rolle spielen. Zum Beispiel werden virtuelle Besprechungen sich zukünftig real anfühlen. Gerade im Industriesektor werden sich Menschen aus der ganzen Welt in virtuellen Meetings treffen können und aufgrund der fortschrittlichen Technologie das Gefühl haben, dass sie wirklich anwesend sind. Darüber hinaus gibt es auch viele Möglichkeiten im Retailbereich. So haben Luxusmarken von Balenciaga und Ralph Lauren bis hin zum schwedischen Mode-Giganten H&M bereits die Chancen des Metaverse erkannt, um ihren Kunden digital eine weiteres Einkaufsuniversum zu bieten. Am weitesten sind schon heute Firmen wie Nike, das die RTFKT-Studios, eine Firma mit Schwerpunkt auf digitale Objekte, Ende 2021 übernahm. Bald darauf wurden ihren Fans erstmals „digitale“ Sneaker zum Kauf angeboten, die sich schnell als Sammlerstücke entwickelten. Bis heute werden sie ausschließlich von Avatars spazieren geführt.

Neue Wege wird es auch im Immobiliensektor geben, beispielsweise beim Kauf eines Hauses. Kunden, die sehen möchten, wie ein potenzielles Haus aussieht, können dies zukünftig ganz einfach über Metaverse machen. Bereits heute nutzen diverse Einrichtungshäuser Augmented Reality, um ihren Kunden zu zeigen, wie sich das Möbelstück in ihren vier Wänden einfügen würde. 

Investitionsstrategie bei Metaverse-Playern

Damit das Metaverse allerdings Realität wird, werden Unternehmen wie Nokia oder wie Nvidia gebraucht, welche sowohl die Rechenleistung als auch die Chips oder die Infrastruktur liefern. Die Investitionsstrategie könnte hier also genauso aussehen wie heute bei Elektroautos: Eine Möglichkeit ist es, in beispielsweise einen Tesla zu investieren. Die andere Möglichkeit besteht darin, an der Wertschöpfungskette eines Elektroautos zu partizipieren. Diese Unternehmen sind oftmals potenziell deutlich billiger als die sozusagen offensichtlichen Player. Bisher gibt es allerdings nicht viele Unternehmen, die am Markt hinsichtlich Metaverse aktiv sind, aber die Zahlen steigen.

Über Venture Capital und Private Equity wurden in den ersten fünf Monaten des Jahres 2022 bereits mehr als 120 Milliarden Dollar in das Metaverse investiert, mehr als das Doppelte der 57 Milliarden aus 2021. Große Technologieunternehmen sind die größten Investoren - und zwar in weitaus größerem Umfang, als sie es beispielsweise bei der künstlichen Intelligenz (KI) in einem ähnlichen Entwicklungsstadium waren.

Bereits recht aktiv auf dem Metaverse-Terrain sind viele Gaming-Unternehmen und aufgrund der Marktkorrektur können Einstiege sinnvoll sein. Zudem sind die Erträge relativ gut im Vergleich zu vielen anderen Bereichen. Außerhalb der Gaming-Branche sind viele Unternehmen gerade erst in der Business-Plan Phase für ihre Metaverse-Aktivitäten. Hier zahlt man eventuell einen zu hohen Preis für noch zu unkonkrete Geschäftspläne. Besonders Branchen wie die Logistik oder Telekommunikation könnten bei der Umstellung auf das Metaverse zurückfallen. Kurzum Metaverse und seine Investmentmöglichkeiten sind aufgrund der Unsicherheit noch stark zu beobachten.

Was letztendlich Meta bzw. das ehemalige Facebook betrifft, bleibt abzuwarten, wie erfolgreich sie sein werden. Denn Meta setzt aktuell alles auf eine Karte. Vergangenes Jahr hat das Unternehmen mehr als 10 Milliarden Dollar in das Metaverse-Ökosystem investiert. Sie gehen eindeutig ein großes Risiko ein, gleichzeitig versuchen sie aber auch in dieser Transition die Führung zu übernehmen. Aktuell wird Meta mit einer recht interessanten Bewertung gehandelt. Einzig die Gewinnvisibilität ist schwer einzuschätzen.

Plastikflaschen adé: Aluminium ist der stille Held der Kreislaufwirtschaft

Marktkommentar von Claire Marwick, Investment Manager, Global Equities, bei Aegon Asset Management. In den 1950er Jahren war ein Pelzmantel der Inbegriff von Glamour. Heutzutage würden die meisten von uns nicht im Traum daran denken, mit einem Pelzmantel auf die Straße zu gehen. Die Zeiten ändern sich, und mit ihnen die Einstellungen. 

Wird das Trinken von Wasser aus einer Plastikflasche in absehbarer Zeit ebenfalls gesellschaftlich inakzeptabel werden? Vor nicht allzu langer Zeit war es völlig normal, aus einem Einwegplastikbehälter zu trinken. Eine kürzlich von Ipsos durchgeführte Umfrage ergab jedoch, dass drei Viertel der in 28 Ländern befragten Personen ein schnellstmögliches Verbot von Einwegplastik wünschen. Die Befragten würden es vorziehen, wenn Hersteller und Einzelhändler die Führung bei der Reduzierung, Wiederverwendung und dem Recycling von Kunststoffverpackungen übernehmen würden. Wenn jedoch die meisten Optionen in Plastik verpackt sind, weiß man als Verbraucher manchmal nicht, wo man anfangen soll. 

Recycling von Kunststoff ist sehr aufwendig

Die Verpackungsindustrie ist sich der enormen Nachfrage nach recyceltem Kunststoff bewusst und arbeitet kontinuierlich an Innovationen, um diesen Bedarf zu decken. Doch das Recycling von Kunststoff ist nicht einfach. Gebrauchter Kunststoff, der zum Recycling bereit ist, ist oft mit Lebensmitteln und anderen Partikeln verunreinigt und besteht häufig aus einer Mischung verschiedener Kunststoffe, was den Recyclingprozess ebenfalls erschwert. Außerdem verschlechtert sich die Qualität des recycelten Kunststoffs, wenn er recycelt wird. Dies schränkt die Verwendungsmöglichkeiten des recycelten Produkts und die Gesamtzahl der Wiederverwertungsmöglichkeiten ein. 

Aluminiumdose zu 70 % aus recyceltem Material

Eine einfache Möglichkeit zur Verringerung von Einwegplastik gibt es bereits bei Getränken: die Umstellung auf Dosenverpackungen. Getränkedosen bestehen aus Aluminium, das sich bei der Wiederverwertung nicht zersetzt. Die Aluminiumdose, aus der Sie heute trinken, kann in nur 6 Wochen wieder als neue Dose im Supermarktregal stehen. Das Recycling von Aluminium verbraucht nur 5 % der Energie, die für die Herstellung einer Dose benötigt wird. Das Recycling von Aluminium ist nicht nur möglich, sondern wird auch schon seit langem praktiziert. Im Durchschnitt besteht eine Aluminiumdose zu 70 % aus recyceltem Material, und 75 % des gesamten jemals von der Menschheit produzierten Aluminiums wird weiterhin verwendet. Aluminium ist der stille Held der Kreislaufwirtschaft. 

Dennoch ist Aluminium keine perfekte Lösung. Die Recyclingquoten sind zwar viel höher als die von Kunststoff und Glas, müssen aber von ihrem derzeitigen Niveau von 70 % noch steigen. Vor allem die Vereinigten Staaten müssen ihre Recyclingquote von nur 45 % verbessern. Die erstmalige Herstellung von Aluminium erfordert den Abbau, die Veredelung und die Schmelze von Bauxit, Prozesse, die Emissionen und Umweltschäden verursachen. Die erstmalige Herstellung einer Plastikflasche ist weniger umweltschädlich. Da sich Aluminium jedoch leicht und effizient recyceln lässt und dies bei Kunststoffen relativ schwierig ist, ist Aluminium über seine gesamte Lebensdauer hinweg die bessere Umweltoption. Die Aluminiumhersteller können einen Beitrag leisten, indem sie erneuerbare Energien nutzen und ihre Wasser- und Energieeffizienz verbessern. 

Nachhaltigkeit – Kunden wünschen sich umweltfreundliche Produktion

Die Herstellung von Aluminiumdosen ist ein globaler Wirtschaftszweig, in dem eine kleine Anzahl von Herstellern Dosen in riesigen Mengen an Getränkehersteller in aller Welt liefert. Die Dosenhersteller sehen eine steigende Nachfrage, da die Getränkehersteller versuchen, den Wunsch ihrer Kunden nach einer möglichst umweltfreundlichen Produktion zu erfüllen, und sie eröffnen neue Dosenfabriken, um diese Nachfrage zu erfüllen. Unternehmen wie der Weltmarktführer Ball Corporation arbeiten ebenfalls an Innovationen, um Aluminiumdosen praktischer zu machen, zum Beispiel durch die Einführung von Aluminiumbechern und wiederverschließbaren Dosen. 

Angesichts der enormen Menge an Plastik, die weltweit verbraucht wird, wird es noch lange dauern, bis Plastikflaschen zusammen mit Pelzmänteln in die Geschichtsbücher eingehen. Aber jedes Mal, wenn wir zu einem Getränk in einer Dose statt in einer Einweg-Plastikflasche greifen, helfen wir unserem Planeten, indem wir den Energieverbrauch und die Plastikverschmutzung reduzieren. Darauf stoße ich an.

 

Energiekrise: Wenig Anzeichen, dass politische Entscheidungsträger das Risiko eines Gas-Lieferstopps angehen

Marktkommentar von Katharine Neiss, Europäische Chefvolkswirtin bei PGIM Fixed Income. Die Abwärtsrisiken für die europäische Wirtschaft nehmen zu, aber wir haben nur wenige Anzeichen dafür gesehen, dass die politischen Entscheidungsträger bereit sind, das immer wahrscheinlicher werdende Risiko eines vollständigen Stopps der russischen Energielieferungen anzugehen. In unserem Basisszenario sehen wir das Wachstum im Euroraum in diesem Jahr immer noch bei etwa 2,9 %, bevor es sich auf 1,3 % im Jahr 2023 abschwächt. Ein plötzlicher Stopp würde Deutschland und Italien am stärksten gefährden und das Risiko einer stärkeren Rationierung von Energie erhöhen. Es könnte auch zu einem schwerwiegenden Szenario führen, bei dem das Wachstum deutlich unter unserem Basisszenario liegt, wie in der nebenstehenden Grafik dargestellt. 

In einem Szenario mit plötzlicher Unterbrechung könnten die Rationierungen unserer Meinung nach im Winter beginnen und etwa ein Jahr lang andauern, und die Energieversorgung würde wahrscheinlich vorrangig für soziale Dienste und Haushalte bereitgestellt. Grob gesagt schätzen wir, dass ein Anstieg der Energiepreise um 10 % die Gesamtinflation in dem betreffenden Quartal um 0,2 Prozentpunkte erhöht. 

In der Zwischenzeit werden energieeffiziente Industrien, wie z. B. die Pharmaindustrie, wahrscheinlich Vorrang vor der Metall-, Chemie- und anderen Schwerindustrien haben. Wir gehen auch davon aus, dass die politischen Entscheidungsträger den Energieunternehmen möglicherweise einen finanziellen Rückhalt bieten werden, wenn Europa sich beeilt, die von Russland hinterlassene Lücke zu schließen. Wir erwarten, zumindest in der Anfangsphase, keine große Gegenreaktion gegen die Rationierung, da die Haushalte nur relativ einfache Anpassungen vornehmen müssen. Das Fehlen konkreter Pläne zur Überbrückung der Energielücke könnte jedoch eine langwierige Phase der Unterbrechung bedeuten, die den Boden für öffentliche Unzufriedenheit und eine stärkere politische Polarisierung bereitet, wenn die Stagnation der Realeinkommen in einen schmerzhaften Kaufkraftverlust umschlägt. 

Da der reale effektive Wechselkurs des Euro auf ein Krisenniveau gesunken ist und sich ein immenses Stagflationsrisiko abzeichnet, läuft der Euroraum Gefahr, in eine klassische Emerging Markets-Story abzurutschen, in der die Zentralbank angesichts hoher Inflation und schwachen Wachstums gezwungen ist, die Zinsen anzuheben. In der Vergangenheit führten Zeiten extremer Dollarstärke zu Vereinbarungen zwischen den globalen Zentralbanken über eine Normalisierung der Wechselkursbewegungen, wie z. B. das Plaza-Abkommen im Jahr 1985. Die derzeitige Schwäche des Euro und des Yen könnte sich nicht nur als konjunkturelles Merkmal erweisen, sondern auch als strukturelle Kraft, die letztlich die globalen Märkte beeinflusst. 

Die politischen Unruhen in Großbritannien sind ein weiterer Unsicherheitsfaktor in der ohnehin schon schwierigen Wirtschaftslage. Die Erholung nach der Pandemie ist in verschiedenen Bereichen - von den Exporten über die privaten Investitionen bis hin zur Erwerbsbeteiligung - im Vergleich zu den USA und dem Euroraum ins Hintertreffen geraten. Die Konservative Partei versucht, das breite Feld der Anwärter auf das Amt des nächsten Premierministers einzugrenzen und bis zur Sommerpause am 21. Juli einen neuen Vorsitzenden zu wählen.

Holprig, hart oder gar nicht – wie landet die Wirtschaft?

Marktkommentar von Dr. Marco Willner, Head of Investment Strategy bei NN Investment Partners. Nach fast fünf Monaten wirkt sich der Ukraine-Konflikt deutlich und nachhaltig auf die Weltwirtschaft aus. Er trieb die Inflation auf den Höchststand seit mehreren Jahrzehnten, was die Zentralbanker zu Zinserhöhungen zwang. Dies wiederum beschleunigte den wirtschaftlichen Abschwung nach einem Jahr mit Rekordwachstum. Die Veränderungen sind so gravierend, dass sie neue Szenarien rechtfertigen. Unsere „Landungsszenarien“ zeigen drei Möglichkeiten auf, wie diese Entwicklungen sich lösen und den nächsten Zyklus in Gang setzen könnten.

„Holprige Landung“: das Basisszenario

Der Ausgangspunkt unserer Überlegungen sind die außergewöhnlich hohen Inflationsraten fast überall. Eine wichtige Hypothese des Basisszenarios ist, dass die Inflation in den USA und Europa im zweiten oder dritten Quartal ihren Höhepunkt erreicht oder bereits erreicht hat, und dass sich die Inflationsraten 2023 und darüber hinaus allmählich normalisieren werden.

Mit anderen Worten: Wir gehen davon aus, dass Faktoren wie Energiepreise und Lieferkettenprobleme so stark sind, dass die Inflation nur allmählich zurückgeht. Sie ist jedoch nicht stark genug, um die Inflation von den derzeit hohen Niveaus aus viel höher zu treiben. Die Löhne werden in diesem Jahr voraussichtlich überdurchschnittlich steigen, aber die schwächelnde Wirtschaft und die Maßnahmen der Zentralbank werden dafür sorgen, dass die Inflation in den kommenden Jahren nicht außer Kontrolle gerät.

Der anhaltende Inflationsdruck lässt vermuten, dass die Zentralbanken ihren Zinserhöhungszyklus zumindest in diesem Jahr fortsetzen werden. Wir gehen davon aus, dass der Leitzins Ende 2022 bei 3,50 % und der Zinssatz der EZB-Einlagefazilität bei 0,75 % liegen wird.

Wir erwarten, dass sich die Konjunktur in den USA deutlich abschwächen, aber eine Rezession vermieden wird, während wir für die europäische Wirtschaft in der zweiten Jahreshälfte eine moderate Rezession erwarten.

Zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Kommentars könnten sich die USA bereits kurz vor einer technischen Rezession befinden, die als zwei aufeinander folgende Quartale mit negativem Wachstum des realen BIP definiert ist.

Das makroökonomische Basisszenario ist geprägt von einem Wirtschaftsabschwung, gefolgt von einer schwachen Erholung, einer hohen Inflation, die sich nur langsam normalisiert, und einem Zinserhöhungszyklus, der innerhalb eines Jahres seinen Höhepunkt erreichen könnte. Wir bezeichnen dieses Szenario als „holprige Landung“, weil es eine „harte“ Rezession vermeidet und weil die Bezeichnung „weiche Landung“ angesichts der Volatilität, des Drucks und der Unsicherheit nicht angemessen erscheint.

Vor diesem Hintergrund erwarten wir, dass die Märkte für den Rest des Jahres mehr Wachstums- und Inflationssorgen einpreisen werden. Dies bedeutet niedrigere Aktienbewertungen, moderat höhere Zinsen und weitere Credit Spreads. Für die Märkte ist dies ein Stressszenario, bei dem in der zweiten Jahreshälfte mit hoher Volatilität und einem Ausbrechen in die eine oder andere Richtung zu rechnen ist. Ein Zeichen für einen möglichen Wendepunkt wird sein, dass die Zentralbanken ihre Zinserhöhungen einstellen, weil sie mit der Inflationsentwicklung zufrieden und die Wirtschaftsdaten nicht mehr rückläufig sind. Ein solcher Wendepunkt wird natürlich zu attraktiven Bewertungen an den Aktien- und Spread-Märkten führen.

Die Renditen der nächsten drei Jahre, die mit dem Basisszenario übereinstimmen, erfassen daher sowohl die Abschwung- als auch die Erholungsphase. Der erwartete Anstieg der Staatsanleihenrenditen macht diese Anlageklasse unattraktiv. Das lange Ende (30 Jahre) ist besonders betroffen, da wir davon ausgehen, dass sich die derzeitige ungewöhnliche Umkehrung des 30-10-jährigen Spreads irgendwann normalisieren wird. Die Risikobereitschaft bei Anlagen wie Aktien und renditestarken Spread-Investments dürfte belohnt werden. Allerdings liegen die erwarteten Renditen in den meisten Anlageklassen unter ihrem langfristigen Durchschnitt. Mit anderen Worten: Wenn sich das Basisszenario bewahrheitet und die Märkte in den nächsten 6-12 Monaten ihren Tiefpunkt erreichen, stehen den Anlegern Einstiegspunkte offen, die eine Rendite erwarten lassen, die eher dem langfristigen Durchschnitt entspricht.

„Keine Landung“: Voraussetzungen für eine strukturell hohe Inflation

In diesem Jahr führen die Anleger eine berechtigte Debatte darüber, ob die jüngsten Inflationsanstiege einen Übergang zu einer strukturell höheren Inflation darstellen. Verschiedene Veränderungen im politischen und wirtschaftlichen Umfeld sprechen für eine solche These. Der zunehmende strategische Wettbewerb zwischen einem Block unter Führung der USA und einem Block unter Führung Chinas ist ein Problem, das die Lösung der globalen Lieferkettenprobleme erschwert. Darüber hinaus ist das Risiko einer weiteren Eskalation des Ukraine-Konflikts hoch, was zu erneuten Schocks bei den Rohstoffpreisen führen könnte.

Das „Keine Landung“-Szenario beschreibt, was unserer Meinung nach notwendig ist, um eine strukturell höhere Inflation zu verursachen. Erstens wäre eine Abfolge von mehreren Inflationsschocks erforderlich, um eine anhaltende Inflationsunsicherheit zu schaffen. Die Erfahrung aus den 1970er Jahren zeigt, dass strukturelle Probleme im Energiesektor eine mögliche Quelle für mehrfache Schocks sind.

Zweitens müssten die Zentralbanker ihre Glaubwürdigkeit bei der Bekämpfung der Inflation verlieren. Deshalb haben verschiedene Zentralbanken, darunter die Fed, die EZB und die Bank of England, in den letzten Monaten das Tempo des Zinserhöhungszyklus deutlich erhöht. Die Finanzmärkte deuten darauf hin, dass die langfristigen Inflationserwartungen derzeit gut verankert sind.

Drittens müsste eine Lohn-Preis-Spirale entstehen, um die Inflationsschocks aufrechtzuerhalten. Wir gehen zwar davon aus, dass die Löhne in diesem Jahr überdurchschnittlich steigen werden, vor allem in den USA, aber die Anzeichen für eine breite und dauerhafte Zunahme des Lohnwachstums sind bisher uneinheitlich.

Das „Keine Landung“-Szenario beschreibt eine mögliche Zukunft, in der es in den kommenden Monaten zu weiteren Inflationsschocks kommt. Die Zentralbanker in den USA und Europa würden den Fehler machen, auf diese neuen Schocks nicht zu reagieren und aufgrund von Rezessionsängsten nicht einmal die erwarteten Zinserhöhungen vorzunehmen. Die Unternehmen würden ihre Marktmacht nutzen, um höhere Inputkosten an ihre Kunden weiterzugeben, während die Arbeitnehmer in den kommenden Jahren höhere Löhne und eine automatische Lohnindexierung durchsetzen würden. In diesem Umfeld würden Anleger und Verbraucher langfristig höhere Inflationserwartungen hegen.

Für die Märkte hätte dies zur Folge, dass die Zentralbankzinsen weniger stark ansteigen würden als im Basisszenario, die Zinsen für Staatsanleihen würden jedoch aufgrund der höheren Inflation und der schwindenden langfristigen Verankerung schneller steigen. Während die Rezessionsängste aufgrund der lockeren Geldpolitik abnehmen würden, würde sich der Wachstumskurs der Industrieländer aufgrund der höheren Unsicherheit verlangsamen. Dies würde die Unternehmensgewinne unter Druck setzen, was wiederum die Aktienbewertungen belasten würde. Die Schwellenländer wären aufgrund eines schwachen US-Dollars weniger stark betroffen. Insgesamt würde das „Keine Landung“-Szenario im Allgemeinen zu niedrigeren erwarteten Renditen führen als das Basisszenario.

„Harte Landung“: das Manuskript für eine US-Rezession

Eine weitere wichtige Debatte unter den Anlegern betrifft die Frage, ob das derzeitige Umfeld mit hoher Inflation und geldpolitischer Straffung die US-Wirtschaft bereits in eine Rezession treibt. Wir haben bereits festgestellt, dass die US-Wirtschaft kurz vor einer technischen Rezession steht. Gleichzeitig sind wir der Meinung, dass die Stabilität des Verbraucher- und des Arbeitsmarktes die US-Wirtschaft vor einer weitreichenden Rezession bewahrt.

Um das „Harte Landung“-Szenario hervorzurufen, müssen die Fed und die EZB aufgrund von Inflationsbefürchtungen ihren geldpolitischen Straffungskurs weiter beschleunigen. Man denke an den Zinserhöhungszyklus der Fed von 2004 bis 2006, als der Leitzins innerhalb von fast zwei Jahren um 4,25 % anstieg. Im „Harte Landung“-Szenario gehen wir von einem schnellen und aggressiven Zinserhöhungszyklus aus, bei dem die Leitzinsen in den USA Ende 2022 bei 4,5 % und im Euroraum bei 2,0 % liegen. Diese übermäßige Straffung würde die Inflation auf Kosten einer Rezession in den USA und einer schweren Double-Dip-Rezession im Euroraum eindämmen.

Die Marktreaktionen dürften früheren Rezessionen entsprechen; allerdings würden die hohen Zinssätze der Zentralbanken auch die auf den Anleihemärkten erzielten Erträge verringern. Die Aktienmärkte würden in diesem und im nächsten Jahr weitere Korrekturen erleben. Trotz einer anschließenden Erholung würden die Aktienmärkte in den nächsten drei Jahren im negativen Bereich enden. Wir sehen die Anleiherenditen in diesem Szenario auf einem höheren Niveau, da der aggressive Zinserhöhungszyklus die Inversion der Renditekurve, die typischerweise während Rezessionen auftritt, überkompensiert. Die Credit Spreads weiten sich auf ein Niveau aus, das einer Rezession entspricht, und die Ausfallraten steigen, allerdings macht der höhere Leitzins Kredite attraktiver, sobald der Tiefpunkt der Rezession überwunden ist. Diese Rezession wäre nicht auf Probleme im Finanzsystem zurückzuführen, sodass die Risikoprämien nicht das Niveau der Krise von 2008-09 erreichen würden. Auf Sicht von drei Jahren wäre das „Harte Landung“-Szenario das schlechteste Szenario für Multi-Asset-Anleger.

Ausblick

Unser Basisszenario „Holprige Landung“ deutet zwar auf wirtschaftliche Herausforderungen bezüglich Wachstum, Inflation und Zinserhöhungszyklus hin, jedoch dürften diese letztendlich begrenzt sein. Wir gehen davon aus, dass die Märkte in den nächsten 6-12 Monaten einen Tiefpunkt erreichen werden. Die Bodenbildung der diesjährigen Marktkorrekturen schafft die Voraussetzungen für höhere Renditen in der Zukunft. Und ein neuer Zyklus mit attraktiveren Bewertungen für die Aktien- und Anleihemärkte wird beginnen. Aktives Management kann dabei helfen.

Die Aktienkurse werden weiter fallen

Marktkommentar von Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management. Seit Jahresbeginn sind die wichtigsten europäischen und amerikanischen Aktienindices um rund 20% gesunken. Noch gibt es keine Anzeichen für eine Trendwende – auf absehbare Zeit spricht mehr dafür, dass es weiter nach unten als nach oben geht.

Das ist vor allem eine Folge der stark gestiegenen Energiepreise und des damit stark gestiegenen Risikos, dass die Welt vor einer neuen Rezession steht. Die Gewinne der Unternehmen werden unter Druck kommen, und mit ihnen die Aktienkurse. Seit 1960 gab es acht Phasen sehr schwachen Wirtschaftswachstums; vier davon, die besonders ausgeprägten, folgten jeweils auf einen rapiden Anstieg der Preise für Rohöl und Erdgas: 1974/75, 1980/82, 2001/02 und 2009. Diesmal hat sich Energie innerhalb kurzer Zeit erneut drastisch verteuert, vor allem Gas, dessen Preis seit 2020 von etwa 15 Dollar pro Megawattstunde auf jetzt rund 170 Dollar gestiegen ist, ein Plus von mehr als 1000%. Die Produzenten und Exporteure von Kohle, Gas und Erdöl erzielen dadurch natürlich hohe Gewinne, aber weil sie deutlich in der Minderheit sind, handelt es sich für die Weltwirtschaft insgesamt um einen gewaltigen Verlust an Kaufkraft – der wiederum höchstwahrscheinlich der Auslöser für eine globale Rezession sein wird.

Da Haushalte und Unternehmen kurzfristig kaum in der Lage sind, ihre Energienachfrage nachhaltig einzuschränken, schlägt die Preisexplosion an den Weltmärkten fast ungebremst auf die Preise des Endverbrauchs durch. Nur da, wo es bereits hohe Steuern und Einfuhrzölle auf Energie gibt, ist der Effekt, relativ gesehen, etwas milder. Inzwischen wird erwartet, dass private Haushalte in den OECD-Ländern im Jahr 2022 etwa 8% mehr für ihren Konsum ausgeben müssen als 2021, viel mehr als sie an Lohnerhöhungen erwarten können. Für sie ist es ein Schock.

Gleichzeitig befürchten die Zentralbanken, dass sich eine Inflationsmentalität breitmachen könnte, wenn jetzt die Arbeitnehmer nach jahrelanger Zurückhaltung darangehen, den drastischen Rückgang ihrer Reallöhne in den kommenden Verhandlungen wettzumachen. Sie befinden sich fast durchgängig in einer guten Verhandlungsposition, ablesbar an der bis zuletzt erstaunlich starken Zunahme an Jobs und der oftmals rekordniedrigen Arbeitslosigkeit. Bekanntlich sind die Löhne, insbesondere die sogenannten Lohnstückkosten (= Löhne minus Arbeitsproduktivität), der beste Prädiktor für die künftige allgemeine Inflation. Wenn es hier zu einer Trendwende kommt, sind gefährliche Zweitrundeneffekte sicher wie das Amen in der Kirche. Die Fed und die EZB befinden sich daher in einer Zwickmühle: Obwohl sie wissen, dass die hohen Energiepreise erfahrungsgemäß eine Rezession nach sich ziehen und die Inflation auf diese Weise von allein verschwinden dürfte (wofür es aktuell erste Anzeichen gibt), sind sie sich dessen nicht so sicher. Die Bevölkerung ist jedenfalls höchst beunruhigt und drängt, etwas gegen die Inflation zu unternehmen. Das passiert. Die Wende in der Geldpolitik ist inzwischen eingeläutet, die Zinsen steigen.

Weil am Markt erwartet wird, dass die Federal Funds Rate, der amerikanische Leitzins, von jetzt 1,5% bis 1,75% per Ende 2022 auf 3,25% bis 3,5% steigen wird (was dann der höchste Wert in diesem Zyklus sein soll), hat sich die gesamte Zinskurve der USA seit Jahresbeginn deutlich nach oben verschoben und ist sehr flach geworden. Danach zu urteilen gehen Schuldner und Sparer offenbar davon aus, dass die Inflation nicht außer Kontrolle geraten wird.

Die EZB lässt sich mehr Zeit und nimmt hin, dass der Euro in letzter Zeit eine Schwachwährung geworden ist und tendenziell die Inflation weiter anheizt. Geht es nach den Marktteilnehmern sowie dem, was die EZB selbst verkündet, wird der Leitzins von jetzt null Prozent bis zum ersten Quartal 2023 auf 1,25% steigen, bleibt also niedrig. Da zehnjährige Bundesanleihen gegenwärtig eine Rendite von etwa 1,35% haben, ist die aktuelle Zinskurve sehr steil und wirkt damit weiterhin extrem expansiv. Das Ziel scheint zu sein, die Zügel etwas anzuziehen, aber nicht wirklich restriktiv zu wirken. Es ist überhaupt nicht klar, auf welche Weise die EZB beabsichtigt, die Inflation in die Nähe ihres Zielwerts von 2% zu bringen. Die kommende Rezession wird’s schon richten?

Sicher ist, dass die Sätze, mit denen künftige Unternehmensgewinne auf die Gegenwart abdiskontiert werden und so den Aktienkurs bestimmen, im Steigen begriffen sind und zu den Kursverlusten beitragen.

Rezessionsgefahren, steigende Kapitalkosten, rekordhohe Schulden von Haushalten, Unternehmen und Regierungen sowie immer noch sehr ambitionierte Bewertungen von Aktien, Bonds und Immobilien ergeben eine gefährliche Mischung, in den USA mehr als im Euroraum. Wenn jetzt die Umsätze der Unternehmen in der Rezession zurückgehen und gleichzeitig die Kosten von Eigen- und Fremdkapital steigen, dürften immer mehr Firmen Konkurs anmelden, ohne dass die bereits jetzt überforderte Finanzpolitik viel dagegen tun kann. Daraufhin werden viele Anleger versuchen, vor dem drohenden Unheil zu flüchten und ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen. Von diesem Kipppunkt an, auch Minsky-Moment genannt, kann es leicht zu einer Panik, also einem Ausverkauf von handelbaren Assets kommen. Ein weiterer Einbruch der Aktienkurse wäre die Folge. 50%? Oder mehr, wie 1929 bis 1938?

Ich muss zugeben, dass ich mir das schon mehrmals so ausgemalt habe, ohne dass es tatsächlich zu einem worst-case-scenario gekommen wäre. Finanzkrisen sind ein zentrales Element der kapitalistischen Wirtschaft, und die Märkte finden nicht immer von allein zum Gleichgewicht zurück. Es kann also passieren. Aber der ganz große Ausverkauf ist doch eher selten. In einer alternden Gesellschaft, in der immer mehr Menschen erwarten, in höherem Alter von Erspartem leben zu müssen, gibt es offenbar zu jedem Zeitpunkt genug anlagebereite Mittel, die letztlich den freien Fall aller Märkte verhindern. Die obige Analyse sollte daher eher als eine Warnung, denn als Prognose verstanden werden.

Über Wermuth Asset Management

Wermuth Asset Management (WAM) ist ein Family Office, das auch als BAFIN-regulierter Anlageberater tätig ist. Das Unternehmen hat sich auf klimawirksame Investitionen über alle Anlageklassen hinweg spezialisiert, wobei der Schwerpunkt auf EU-"exponentiellen Organisationen" nach der Definition der Singularity University liegt, d.h. Unternehmen, die ein großes Problem der Menschheit profitabel lösen und exponentiell wachsen können. Das Unternehmen investiert über eigene und fremde Fonds in Private Equity, börsennotierte Anlagen, Infrastruktur und Sachwerte. WAM hält sich an die UN Principles of Responsible Investing (UNPRI) und den UN Compact und ist Mitglied der Institutional Investor Group on Climate Change (IIGCC), des Global Impact Investing Network (GIIN) und der Divest-Invest-Bewegung.

Jochen Wermuth gründete WAM im Jahr 1999. Er ist ein deutscher Klimafolgeninvestor, der im Lenkungsausschuss von "Europeans for Divest Invest" tätig war. Seit Juni 2017 ist er auch Mitglied des Anlageausschusses für den 24 Milliarden Euro schweren kerntechnischen Entsorgungsfonds (KENFO).

China – trotz Antizyklik in Politik und Märkten gilt Vorsicht bei den Positionsgrößen

Global Makro Kommentar von Martin Roßner, ThirdYear Capital & Fondsmanager ART Global Macro. 

Die Portfolio-Übergewichtung europäischer und amerikanischer Märkte führt bei den westlichen Investoren dazu, dass sie derzeit auf das einheimische Inflationsrisiko fokussiert bleiben. Die Inflationsraten von um die 8 Prozent in der Eurozone und in den USA haben das Ziel der Zentralbanken im internationalen Vergleich am meisten verfehlt, wenn man von noch extremeren Fällen in wenigen Entwicklungsländern wie zum Beispiel der Türkei absieht. Weil die Fed und EZB weitere Zinserhöhungen planen, stellt sich also weiterhin die Frage nach erfolgreicher überregionaler Diversifikation. Im ersten Halbjahr waren die Chancen im Rest der Welt allerdings begrenzt. Einige Aktienmärkte, wie zum Beispiel der Japanische, hielten sich zwar besser, allerdings teilweise auf Kosten erheblicher Währungsabwertung. Die Straffungsmaßnahmen in den USA und Europa beeinflussen, wegen des hohen Gewichts der Wirtschaftsregionen, die Märkte und Konjunktur in den meisten Ländern.

Von den wichtigen Volkswirtschaften und Märkten zeichnet sich nur in China eine gegenläufige Entwicklung ab. Die proaktive Straffung des letzten Jahres führt dort aktuell zu einer vergleichsweise niedrigeren und stabileren Inflation. Zudem unterstützt die Politik mit etlichen Maßnahmen die Wirtschaft, vor allem weil die Arbeitslosigkeit schon deutlich anstieg. Der Aktienmarkt profitierte während der letzten Wochen von dieser Entwicklung. Leider sind in China vermehrt politische Risiken zu berücksichtigen, wie zum Beispiel die anhaltende Zero-Covid-Politik oder auch potentielle Kapitalkontrollen. Trotz der antizyklischen Chance empfiehlt sich deshalb dort vorerst keine Positionsgröße, die dem enormen wirtschaftlichen Gewicht China’s entspricht. Dieses Beispiel unterstreicht, wie schwierig es für Investoren war und bleibt, das Portfolio erfolgreich zu diversifizieren. Aus Sicht der Portfoliokonstruktion sind überdurchschnittliche Risiken in fast allen Regionen und Anlageklassen weiterhin zu vermeiden.

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Martin Roßner / ThirdYear Capital
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Martin Roßner ist seit März 2015 Gründer und Geschäftsführer von ThirdYear Capital. Zuvor sammelte er über 8 Jahre Erfahrung bei der Man Group in verschiedenen Bereichen wie Global-Macro-Research, Risikomanagement und Asset Allokation. Er ist Träger eines Master-Abschlusses in Quantitative Economics der Universität St. Gallen und hat zahlreiche Weiterbildungsexamen wie CFA, CAIA und FRM bestanden.

Die Third Year GmbH ist bankenunabhängiger Anbieter „quantamentaler“ Makro-Strategie und Absoluter Returns mit Sitz in München. Das Team vereint langjährige Global Macro-Research und Investment Erfahrung bei einem führenden alternativen Asset Manager mit akademischer Präzision. Die Firma nutzt Daten und Technologien, um ein tiefes Verständnis der Volkswirtschaft systematisch und in Echtzeit auf liquide Anlageklassen anzuwenden. Das Unternehmen begann im Jahr 2015 mit der Strategie-Entwicklung und der Publikation ökonomischer Analysen. Seit August 2020 wird die Strategie systematisch im ART Global Macro (UCITS) Fonds angewendet und stetig optimiert.

Weitere Informationen unter www.third-year.com 

AGATHON Capital
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Die AGATHON CAPITAL GmbH ist ein Spezialist für innovative und nachhaltige Fondsstrategien. Mit einem betreuten Volumen von über 1,8 Mrd. Euro gilt AGATHON seit mehr als 12 Jahren als unabhängiger und verlässlicher Partner für liquide und illiquide Finanzprodukte im Bereich Spezial- und Publikumsfonds.

Das altgriechische Wort „agathon“ steht für „das Gute, das Nützliche“. Der Name ist zugleich Verpflichtung. Als Bindeglied hilft AGATHON institutionellen und semi-institutionellen Investoren Renditen zu sichern, Risiken zu steuern und mit innovativen Fondslösungen die Kapitalanlage zu diversifizieren. AGATHON bündelt finanzwissenschaftliches Know-how mit leistungsstarken Produkten ihrer Fondspartner und legt so die Grundlage für ein umfassendes Leistungsspektrum mit bestmöglicher Performance für ihre Kunden. Seit 2016 ist AGATHON Fondsinitiator der ART Fonds-Familie. Ziel ist es, spezialisierte Asset Manager zu finden und zu entwickeln, die in jedem Börsenzyklus eine attraktive Rendite generieren können. Im Rahmen des Core-Satellite-Ansatzes erhalten somit professionelle Investoren maßgeschneiderte Satelliten-Lösungen.

Weitere Informationen unter www.agathon-capital.de 

 

CO2-Emissionen: rapider Anstieg, keine Wende in Sicht

Dieter Wermuth, Economist und Partner bei Wermuth Asset Management: Einmal im Jahr veröffentlicht BP seinen Statistical Review of World Energy. Mittlerweile in der 71. Auflage, ist es das unverzichtbare Nachschlagewerk für alle, die wissen wollen, wie es um das Klima steht und was die wichtigsten Trends sind. Eine der vielen Tabellen enthält die Daten über CO2-Emissionen: Sie steigen weiter, nachdem sie durch die Weltrezession des Jahres 2020 um 5,6% zurückgegangen waren, und haben inzwischen wohl den Rekordwert des Jahres 2019 wieder erreicht, nämlich 39,2 Mrd. Tonnen. Die Welt steuert immer noch auf die Klimakatastrophe zu.

Im Trend haben die Emissionen in der Welt im vergangenen Jahrzehnt um 0,7% pro Jahr zugenommen: Zwar gehen sie in den reichen Ländern des Westens inzwischen zurück, vor allem in Europa (-1,8%) und Nordamerika (-0,9%) - in Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien war der Rückgang im Trend fast identisch (-2,0% pro Jahr) -, die Erfolge im OECD-Bereich konnten allerdings den trendmäßigen Anstieg im asiatisch-pazifischen Raum (+1,8%), in der ehemaligen Sowjetunion (+0,7%), im Mittleren Osten (+1,8%) und in Afrika (+1,5%) nicht ausgleichen. Auf diesen Teil der Welt entfallen inzwischen 70,2% aller CO2-Emissionen.

Der Aufholprozess der ärmeren Länder bedeutet bislang, und wohl auch auf absehbare Zeit, dass sie immer mehr fossile Brennstoffe verfeuern. Weiterhin gilt für sie: steigender Wohlstand gleich steigender Verbrauch von Ressourcen und ungehemmte Zerstörung der Umwelt. Am schlimmsten ist es in China, verantwortlich für inzwischen 30,9% der globalen Emissionen: Dort betrug der Anstieg der CO2-Emissionen in den vergangenen fünf Jahren im Durchschnitt nicht weniger als 2,7%.

BP veröffentlicht auch einige Tabellen zum Thema erneuerbare Energien. Sie sind stark im Kommen. Im Zehnjahrestrend der Welt ist ihr Verbrauch um jährlich 12,8% gestiegen und damit stärker als alle anderen Arten von Energie. Trotzdem trugen sie 2021 nur 6,7% zum Primärenergieverbrauch bei, während auf Erdöl, Gas und Kohle immer noch 82,3% entfielen; deren Anteil geht im Trend um etwa einen Prozentpunkt pro Jahr zurück. Die Energiewende ist, global gesehen, ein äußerst langwieriger Prozess.

Hinzu kommt, dass auch die Erneuerbaren irgendwann an ihre physikalischen Grenzen stoßen werden. Sie sind sehr flächenintensiv. Der Zeitpunkt, an dem das ein relevanter Faktor sein wird, mag noch lange nicht erreicht sein, trotzdem sollte sich die Welt darauf vorbereiten. Auf Dauer muss angestrebt werden, die Wachstumsrate des Primärenergieverbrauchs auf Null oder auf einen negativen Wert zu senken – sie lag im vergangenen Jahrzehnt bei +1,3% pro Jahr. Themen wie „de-growth“ und eine langsamere Zunahme der Weltbevölkerung werden einen größeren Raum in der klimapolitischen Diskussion einnehmen müssen. Langfristig heißt die einzige Lösung des Klimaproblems „bescheidener leben!“.

ESG im Fokus – Biodiversität und Klimawandel

Von Sonya Likhtman, Lead Engager – Federated Hermes Biodiversity Fund, EOS bei Federated Hermes: Ein Versagen der Klimapolitik („climate action failure“) und der Verlust der biologischen Vielfalt („biodiversity loss“) sind laut dem Global Risks Report 2022 des Weltwirtschaftsforums die beiden größten Risiken, denen unser Planet in den kommenden zehn Jahren ausgesetzt sein wird. Zwar stehen unter dem Aspekt „E“ („Environment“) der ESG-Kriterien Fragen rund um den Klimawandel nach wie vor im Mittelpunkt. Das Thema Biodiversitätsverlust hat jedoch rapide an Bedeutung gewonnen.

Der Verlust von Biodiversität stellt ein systemisches Risiko für die Wirtschaft und ein Risiko für Anleger dar. Wenn der Fokus allein auf das Thema Klimawandel gerichtet wird, werden Anleger kaum in der Lage sein, angemessen zur erfolgreichen Bewahrung von Biodiversität und Ökosystemen beizutragen. Hier ist eine effizientere Vorgehensweise bei der Integration von Unternehmen in den Dialog über diese Themen notwendig.

Untrennbar verbunden: Kampf gegen Biodiversitätsverlust und gegen den Klimawandel

Der Klimawandel ist eine der fünf Hauptursachen für den Verlust von Biodiversität. Durch die immer stärker werdenden Auswirkungen des Klimawandels, etwa Temperaturveränderungen und Extremwetterereignisse, wird dieser Verlust voraussichtlich noch zunehmen (Quelle 1). Der Schutz und die Wiederherstellung der Biodiversität würden es uns ermöglichen, die negativen Folgen des Klimawandels zu begrenzen und Anpassungsmaßnahmen zu treffen: etwa über die Kohlenstoffbindung in Böden, Wäldern, Mooren und anderen Ökosystemen oder durch den natürlichen Schutz vor Überschwemmungen und Stürmen.

Bei der 26. Weltklimakonferenz in Glasgow stand die Rolle der Natur bei der Bekämpfung des Klimawandels verstärkt im Fokus. Die Länder vereinbarten, den Waldverlust und die Verschlechterung der Böden zu stoppen und umzukehren. Finanzinstitute und Anleger verpflichteten sich, in ihren Portfolios durch Due Diligence und den Dialog mit Portfoliounternehmen gegen die fortschreitende Entwaldung anzugehen. Anders als beim Klimawandel, für dessen Erfassung CO2-Emissionen gemessen werden können, ist der Biodiversitätsverlust schwieriger zu beurteilen und zu vergleichen. Denn dessen Auswirkungen sind häufig lokal begrenzt und über verschiedene Lieferketten hinweg verteilt. Für die Anleger stellt dies eine Herausforderung dar: Die Bewertung der Auswirkungen auf die Biodiversität und die Abhängigkeit eines Unternehmens von diesem Faktor ist kompliziert – auch wenn die „Taskforce on Nature-related Financial Disclosures“ einen Beitrag zur Stärkung und Harmonisierung entsprechender Maßnahmen leisten dürfte.

Trotz aller Hürden ist es aus ökologischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Gründen unabdingbar, dass Anleger Biodiversität – neben dem Klimawandel – zu einer Stewardship-Priorität machen. Wir fordern Unternehmen dazu auf, bis spätestens 2030 durch ihre Geschäftstätigkeit und Lieferketten einen positiven Nettoeffekt für die Biodiversität zu erzielen (Quelle 2).

Zwei Fliegen mit einer Klappe dank naturbasierter Lösungen

Die Mechanismen zum Erreichen dieses Ziels dürften sich je nach Unternehmen und Sektor unterscheiden, doch einige Strategien sind in der Lage, klima- und umweltbezogenen Herausforderungen gleichermaßen zu begegnen. Wenn Wertschöpfungsketten etwa einen Beitrag zur Bekämpfung der Entwaldung leisten, werden dadurch auch biodiverse Ökosysteme geschützt, die eine wichtige kohlenstoffsenkende Funktion erfüllen. Ebenso ist der Übergang zu einem nachhaltigeren Ernährungssystem von entscheidender Bedeutung, da bis zu 30 Prozent der globalen Emissionen derzeit auf dieses System zurückzuführen sind und für die Nutztierhaltung und den Anbau von Futtermitteln immense Flächen benötigt werden. Mit naturbasierten Lösungen kann auch der doppelten Herausforderung von Klimawandel und Biodiversitätsverlust begegnet werden.

Das Engagement sollte sich auf die wichtigsten Auswirkungen der Unternehmen und den von ihnen ausgehenden Druck auf die Biodiversität fokussieren, etwa im Zusammenhang mit dem Wandel in der Nutzung von Land, dem Klimawandel und der Umweltverschmutzung. Ebenso wird mehr Innovation bei den Produktionsprozessen, den Lieferketten und den Produkten nötig sein, um das ehrgeizige Ziel eines positiven Nettoeffekts auf Unternehmensebene zu erreichen. Diese Ziele sollten von einer starken Unternehmens-Governance, effektiven Messungen, wirkungsvollen Strategien sowie von einer regelmäßigen Berichterstattung begleitet werden.

Schutz der Biodiversität wird noch zu wenig beachtet

Das Engagement für Biodiversität nimmt stetig zu, so etwa in Form der anstehenden gemeinsamen Engagement-Initiative „Nature Action 100“. Allerdings besteht branchenweit noch Bedarf an weiteren Partnerschaften. Ein politisches Umfeld, das Anleger und Unternehmen dazu anregt, effektiv dazu beizutragen, den Verlust von Biodiversität aufzuhalten und umzukehren, ist ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Daher werden wir uns bei der kürzlich auf den Dezember verlegten 15. Vertragsstaatenkonferenz zum Übereinkommen über die biologische Vielfalt (COP15) über die „Finance for Biodiversity Foundation“ auch weiterhin für ein ehrgeiziges Konferenzergebnis im Sinne einer wirkungsvollen Transformation einsetzen (Quelle 3).

Der Mehrwert von Biodiversität und „Ökosystemleistungen“ – der von der Natur bereitgestellten Gemeingüter wie sauberer Luft und sauberem Wasser, fruchtbaren Böden, Bestäubung und günstigen Klimabedingungen – erhält bislang wenig Beachtung von Unternehmen und ihren Anlegern. Wenn wir jetzt nicht handeln, drohen jedoch der Zusammenbruch von Ernährungssystemen, die Überlastung unseres Planeten sowie erhebliche finanzielle Auswirkungen für die gesamte Weltwirtschaft. Der Verlust von Biodiversität und der Klimawandel sind zwar untrennbar miteinander verbunden, doch das Thema Biodiversität wird derzeit kaum beachtet und angegangen. Die Anleger sind jetzt dazu angehalten, die Frage der Biodiversität auf dem gesamten Planeten ganz oben auf ihre Agenda zu setzen und sicherzustellen, dass der Schutz und die Wiederherstellung von Biodiversität zu einer übergeordneten Priorität von Unternehmen wird.

Quellen:
(1) IPBES, Global Assessment Report on Biodiversity and Ecosystem Services (2019)
(2) EOS, Our Commitment to Nature (2021)
(3) Finance for Biodiversity, Aligning financial flows with biodiversity goals and targets (2022)


Die hier vertretenen Ansichten und Meinungen sind die des Verfassers. Sie decken sich nicht zwangsläufig mit den in anderen Mitteilungen ausgedrückten oder wiedergegebenen Ansichten. Diese Mitteilung ist weder eine Aufforderung noch ein Angebot zum Kauf oder Verkauf der darin erwähnten Wertpapiere oder Finanzinstrumente.

Energiekrise: Im Moment ist die „grüne Wende" reine Rhetorik

Der Historiker und Schriftsteller Philipp Blom hielt bei der diesjährigen Nachhaltigkeitskonferenz der Erste Asset Management am 28. April einen viel beachteten Vortrag. Und sparte nicht mit Kritik am Status Quo in Sachen Klimawandel und Klimapolitik. Wir bringen hier die wichtigsten Aussagen.

Weshalb die Welt aus den Angeln geraten ist…

Weil es nicht anders ist als Mitte des 17. Jahrhunderts. Wenn sich die Natur um uns herum ändert, dann ändert sie auch unser Leben. In Amsterdam wurde damals das Getreide knapp aufgrund strenger Winter, die als Kleine Eiszeit in die Geschichte einging. Was haben die Holländer:innen gemacht? Sie haben sich verändert, nach einer neuen Form der Bewirtschaftung ihrer Ressourcen gesucht.

Als Amsterdam zur Weltmacht des 17. Jahrhunderts aufstieg…

Die Holländer:innen kommerzialisierten Ackerbau und Fischfang und bauten eine Handelsflotte auf, die bald mächtiger war als die der zu dieser Zeit alles beherrschenden Spanier:innen. Das Fehlen einer feudalen Tradition, ein hoher Urbanisierungsgrad mit offener bürgerlicher Schicht und ein kräftiges Bevölkerungswachstum waren günstige soziale Faktoren. Amsterdam stieg zur Weltmacht des 17. Jahrhunderts auf.

Die Parallelen zu heute…

Wenn ich mir die Klimastrategien und die krampfhaften Versuche ansehe, dem Wandel zu begegnen, halte ich fest, und das ist meine Neuigkeit: Sie machen es falsch. Wir sind doch alle gleich, wenn es darum geht, lieb gewordene Traditionen über Bord zu werfen. Wir müssen an den Grundfesten rütteln, so wie die bürgerliche Mitte im 18. Jahrhundert, als es um die Erringung der individuellen Freiheiten und Aufklärung ging.

Klimakrise und nötiger radikaler Wandel…

Der Klimawandel kann einen Effekt auf die Gesellschaft haben, die Vorboten sehen wir bereits jetzt: Wie viele Menschen leiden unter Dürre und Hunger? Wie viele haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser? Und selbst in unseren Breiten zeigen die Naturkatastrophen des Vorjahres, dass die Klimakrise keine Fiktion ist. Wenn sich die Natur um uns herum ändere, dann ändert sich auch unser Leben. Es ist kein sinnvolles Verhalten, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Im historischen Konnex sind 2 Grad Klimaerwärmung „verdammt viel“. 2 Grad weltweit bedeuten, dass es in Wien im Schnitt um 8 Grad wärmer wird. Die Finanzindustrie unterschätzt, wie existenziell diese Herausforderung ist.

Weshalb das bisherige System zum Scheitern verurteilt ist…

Sie müssen umdenken! Das ist schwierig, aber nötig! 3% Wachstum pro Jahr bedeutet, dass sich die Wirtschaftsleistung alle 24 Jahre verdoppelt. Aber um welchen Preis? Es ist kein sinnvolles Verhalten, die eigenen Lebensgrundlagen zu zerstören. Das System, das wir derzeit nützen, gibt uns keine sinnvollen Antworten. Menschen können nur lernen und werden offen, wenn sie Erfahrungen sammeln, die ihrem Wissen widersprechen.

Auch heute geht es darum, zu diversifizieren und ökonomisch ein Pionierland für eine grüne Wende zu werden.

Weshalb ein neues Energiegesetz nötig ist…

Ja, das ist die Tragik im Moment: Regime, die zufällig Kontrolle über fossile Brennstoffe haben, profitieren von der aktuellen Situation. Wollen wir das so fortschreiben? Wollen wir zusehen, statt zu handeln? Was im Moment passiert, ist das Gegenteil von vernünftigem Handeln. Wir brauchen ein neues Energiegesetz. Aber wir brauchen dafür tausende Elektroingenieur:innen, die wir nicht haben. Und dann fehlt die Infrastruktur, um den Strom von A nach B zu transportieren. Im Moment sind wir dort, wo die grüne Wende reine Rhetorik ist. Wir haben aber keine andere Wahl. Deswegen bin ich optimistisch, dass die momentane Situation wie eine Initialzündung sein kann.

Erläuterungen zu Fachausdrücken sind im Fonds-ABC der Erste Asset Management zu finden

Der Beitrag erschien unter: https://blog.de.erste-am.com/energiekrise-im-moment-ist-die-grune-wende-reine-rhetorik/ 

Rating-Herabstufung der Schwellenländer in Afrika, Amerika und Osteuropa: Nur Asien zeigt Wachstumspotential

Marktkommentar von Dhiraj Bajaj, Head of Asian Credit, Lombard Odier Investment Managers (LOIM): Die Sanktionen gegen Russland haben erhebliche Auswirkungen auf die Anleger in Anleihen, da russische Vermögenswerte nicht mehr investierbar sind. Im Bereich der Schwellenländeranleihen wurden russische und weißrussische Wertpapiere zum 31. März 2022 aus den wichtigsten Indizes gestrichen, darunter auch aus den Schwellenmarkt-Kreditindizes von JP Morgan wie EMBI und CEMBI. Die effektive Abschreibung russischer Vermögenswerte war beträchtlich: Vor dem Krieg machte Russland zum 31. Dezember 2021 eine Gewichtung von etwa 5 % in den Emerging Markets-Kreditindizes für Unternehmen (z. B. JPM CEMBI) und 10 % im rein staatlichen USD-Index JPM GBI EM Diversified aus. 

Dieses "Tail Event" für die Schwellenländer folgt auf mehrere Jahre schwächerer Staatsschuldenkennzahlen der Schwellenländer seit 2013-2014 und verschärft die durch die Covid-19-Krise ausgelöste Verschlechterung weiter. Seit der Pandemie im Jahr 2020 sind verschiedene Schwellenländer mit weiterem fiskalischem Druck, einem ungünstigen Wachstums-Inflations-Mix und höheren Schuldenständen konfrontiert, was zu Herabstufungen der Staatsratings führt. Eine Reihe von Schwellenländern hat in den letzten zehn Jahren ihren Investment Grade-Status verloren, darunter Brasilien, Russland, die Türkei und Südafrika. Inmitten dieser Entwicklung ist Asien aus makroökonomischer Sicht relativ widerstandsfähig geblieben, da die Region über starke fiskalische Puffer verfügt und in der Lage ist, die Inflation abzufedern und mit einer angemessenen jährlichen Wachstumsrate von rund 5 % voranzukommen. 

Aufgrund der Sanktionen gegen Russland und Weißrussland und der Streichung aus den Indizes ist die GUS/CEE30-Region weitgehend uninteressant. Die Ukraine befindet sich nach wie vor im Krieg und die verbleibende CIS/CEE-Region wird eine Herausforderung bleiben (d.h. pro-russische mitteleuropäische Staaten). 

Die Streuung nimmt exponentiell zu

Wir sehen ein zunehmendes Restrukturierungsrisiko in rohstoffimportierenden Schwellenländern mit einem Rating unterhalb von Investment Grade (High Yield). Dies ist auf die hohe Inflation, die angespannten Außenfinanzierungsmärkte und die daraus resultierende Kreditverschlechterung zurückzuführen. 

Die Türkei, Ägypten und ausgewählte afrikanische Staaten sind mit einer ungünstigen Mischung aus Inflation und Wirtschaftswachstum konfrontiert.

Es wird neue potenzielle Ausfallkandidaten wie Sri Lanka, Sambia, Kenia und Ghana geben.

Das politische Risiko nimmt in wichtigen lateinamerikanischen Märkten wie Brasilien, Chile und Peru zu.

Investment Grade-geratete Staaten mit starken fiskalischen Puffern und Rohstoffexporteure sind am besten in der Lage, das sich verändernde Inflations- und Wachstumsumfeld zu bewältigen Schuldenindizes der Schwellenländer könnten zunehmend anfällig werden Die Indizes für Emerging Markets-Staatsanleihen entwickeln sich zunehmend auseinander. Rohstoffexportierende Investment Grade-Staaten mit einer starken Haushaltsposition werden davon profitieren. Dies gilt auch für Anleihen mit längeren Laufzeiten, die in Bezug auf Rendite und Spread im Vergleich zu US-Treasuries eng gehandelt werden. 

Das trifft auch auf Staaten unterhalb der Investment-Grade-Kategorie zu (insbesondere Staaten mit niedrigerem Rating, einschließlich Single B), die mit Herabstufungs- und Umstrukturierungsrisiken konfrontiert sind. 

Anleger, die in Schwellenländeranleihen investieren, sollten sich neu positionieren: 

1. Erhöhung der Selektivität innerhalb der Emerging Markets-Anleihen. Es wird ein größerer Bedarf an individuellen und maßgeschneiderten Investmentansätzen innerhalb des breiteren EM-Universums bestehen, um strukturell herausfordernde Teile des Marktes zu vermeiden.

2. Abkehr von den immer stärker ausgeprägten Emerging Markets-Indizes.

Es besteht die Notwendigkeit, sich von Indizes zu lösen, die vor Jahren noch homogener zusammengesetzt waren, jetzt aber immer stärker von Barrieren geprägt sind, wie z. B. das EMBI-Universum für Staatsanleihen in Hartwährungen. EMBI wurde früher als Investment Grade eingestuft, ist jetzt aber ein High Yield und erfährt zunehmend eine Rating-Migration nach unten. Anleger würden davon profitieren, wenn sie ihre Asien- und Emerging-Markets-Investment Grade-Allokationen sowie ausgewählte High Yield-Allokationen für Staats- und Unternehmensanleihen klar definieren würden. 

3. Positionierung des asiatisch-pazifischen Raums als Kern innerhalb der Emerging Markets-Allokationen.

Der asiatisch-pazifische Raum sowie die GCC31-Region verfügen über robustere makroökonomische Puffer, und ihre Schuldentragfähigkeit dürfte wesentlich widerstandsfähiger sein, da Asien weiterhin das Zentrum von Wachstum und Nachfrage ist.

In Europa droht die Stagflation

Marktkommentar von Katharine Neiss, Chief European Economist bei PGIM Fixed Income

In Europa droht die Stagflation

„In Europa sind wir besorgt, dass die Wirtschaftszone angesichts niedriger Gasvorräte und Lieferengpässen kurz vor einer Stagflation steht. Die Ausweitung der Spreads in den Peripherieländern ist bemerkenswert, aber das Ausmaß der Bewegungen entspricht dem der Spreads bei den Unternehmen. Nun haben die EZB-Vertreter öffentlich zugesichert, einen Mechanismus zur Beeinflussung der Renditenaufschläge an der Peripherie zu schaffen, obwohl Programme mit vagen Bedingungen und Verpflichtungen in der Vergangenheit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind. Außerdem birgt die Einführung eines unausgegorenen Plans die Gefahr, das Vertrauen der Anleger weiter zu verlieren und kontraproduktiv zu sein.

Die Spreads von Hochzinsanleihen und -krediten weiteten sich in der vergangenen Woche aus, wobei Kredite deutlich unterdurchschnittlich abschnitten. Nachdem sich Hochzinsanleihen in den ersten Phasen der Markterweiterung nach der russischen Invasion in der Ukraine besser entwickelt hatten, blieben sie in den folgenden Monaten hinter ihren Erwartungen zurück, und die Kreditqualität steht weiterhin im Vordergrund. Derzeit bestehen 20-25 % des europäischen Kreditmarktes aus B3-Krediten (im Vergleich zu 5-10 % des Marktes während der globalen Finanzkrise), was die Möglichkeit erhöht, dass die Preise nach unten klaffen könnten, falls ein negatives Makroszenario zu einer Zunahme der Herabstufungen von Kreditratings führt.

Osteuropäische Lokalwährungsanleihen hatten im bisherigen Jahresverlauf unterdurchschnittlich abgeschnitten, da viele Zentralbanken in diesen Ländern wiederholt die Zinsen angehoben hatten. In der vergangenen Woche waren diese Anleihen jedoch die wichtigsten Outperformer im Emerging Markets-Lokalwährungssegment. Die gestiegene Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Europa scheint die Möglichkeiten der Zentralbanken in diesen Ländern zu begrenzen, die Leitzinsen weiter zu erhöhen.“

Wirtschaftskrise in der Türkei: Erdogan weiß, wie sehr die Türkei ausländische Investoren braucht

Ein Kommentar von  Cathy Hepworth, PGIM Fixed Income: „Wie kann die Türkei die hohe Inflation und die Währungsabwertung in den Griff bekommen? Dies ist eine große Herausforderung für Erdogan: Es formiert sich zum ersten Mal seit fast zwanzig Jahren eine glaubwürdige Opposition. Sie könnte ihn möglicherweise bei den Wahlen im nächsten Jahr herausfordern. Es ist schwierig, aus der derzeitigen Situation mit einer hohen Inflation und einer schwachen Währung herauszukommen. Letztlich gibt es immer die Möglichkeit von Kapitalkontrollen. Aber die Türkei hat bereits weiche Kapitalkontrollen: Dabei geht es um Anreize, um die einheimische Bevölkerung davon abzuhalten, Dollar zu halten. Das Leistungsbilanzdefizit ist immer noch groß.

Gibt es eine Alternative zu Kapitalverkehrskontrollen? Ja, aber sie bedeutet eine große Herausforderung für Erdogan: Er könnte sich der Diplomatie zuwenden, um das Land und die Wirtschaft aus der prekären Lage herauszubringen. Erdogan versucht bereits, einige andere große Akteure im Nahen Osten zu erreichen, um zu sehen, ob sie in sein Land investieren werden. Er ist also bemüht, die Dinge umzukehren, weil er weiß, wie sehr die Türkei ausländische Investoren braucht. Und Erdogan versucht, den Balanceakt zwischen Russland und dem Westen, insbesondere mit den USA, zu schaffen.“

Rekordabflüsse aus Short-Bitcoin deuten auf erwarteten Wendepunkt hin

Marktkommentar von James Butterfill, Head of Research CoinShares.

• Bei digitalen Anlageprodukten gab es Abflüsse in Höhe von insgesamt 39 Mio. USD, wobei das gesamte verwaltete Vermögen (AuM) mit 36 Mrd. USD den niedrigsten Stand seit Februar 2021 aufweist und damit 59 Prozent unter dem Höchststand vom November 2021 liegt.

• Bitcoin verzeichnete letzte Woche Zuflüsse in Höhe von 28 Mio. USD und scheint von den schwachen Kursen zu profitieren. Die Zuflüsse belaufen sich im laufenden Monat auf 46 Mio. USD.

• Das Short-Bitcoin-AuM erreichte zu Beginn der letzten Woche ein Allzeithoch von 64 Mio. USD und verzeichnete im Laufe der Woche Rekordabflüsse von insgesamt 5,8 Mio. USD, was darauf hindeuten könnte, dass die eingetrübte Marktstimmung ihren Wendepunkt fast erreicht hat.

Bei Anlageprodukten mit digitalen Vermögenswerten gab es Abflüsse in Höhe von insgesamt 39 Mio. USD, wobei das gesamte verwaltete Vermögen (AuM) mit 36 Mrd. USD den niedrigsten Stand seit Februar 2021 erreicht hat und damit 59 Prozent unter dem Höchststand vom November 2021 liegt. Trotz der jüngsten negativen Stimmung sind die Mittelzuflüsse seit Jahresbeginn mit 403 Mio. USD weiterhin positiv.

Hinter den aggregierten Daten zeigt sich eine deutliche regionale Polarisierung. Die Abflüsse der letzten Woche kamen fast ausschließlich von kanadischen Börsen (141 Mio. USD), während die Börsen in den USA, Europa und Brasilien Zuflüsse von insgesamt 79 Mio. USD, zwölf Mio. USD bzw. zwölf Mio. USD verzeichneten.

Bitcoin verzeichnete in der vergangenen Woche Zuflüsse in Höhe von 28 Mio. USD und scheint von den schwachen Kursen zu profitieren, da die Zuflüsse im laufenden Monat 46 Mio. USD betragen. Das Short-Bitcoin-AuM erreichte zu Beginn der letzten Woche ein Allzeithoch von 64 Mio. USD, verzeichnete aber Rekordabflüsse von insgesamt 5,8 Mio. USD, was darauf hindeutet, dass die negative Stimmung ihren Höhepunkt fast erreicht haben könnte.

Multi-Asset-Investmentprodukte, die in diesem Jahr in Bezug auf die Zuflüsse am robustesten sind, verzeichneten in der vergangenen Woche Zuflüsse in Höhe von insgesamt neun Mio. USD.

Ethereum leidet weiterhin unter Abflüssen in Höhe von 70 Mio. USD in der vergangenen Woche, nachdem es bereits elf Wochen in Folge zu Abflüssen gekommen war. Damit summieren sich die Abflüsse im bisherigen Jahresverlauf auf 459 Mio. USD. Solana scheint von der Sorge der Anleger um „The Merge (ETH2)“ zu profitieren, mit Zuflüssen von 0,7 Mio. USD in der letzten Woche und 109 Mio. USD im bisherigen Jahresverlauf.


Über den Report

In einem wöchentlichen Rückblick analysiert James Butterfill, Head of Research von CoinShares die Zu- und Abflüsse in nachgefragte ETPs, Investmentfonds und OTC-Trusts, die sich auf Bitcoin, Ether und andere digitale Vermögenswerte beziehen. Die Kapitalflüsse sind nach Anbietern und Vermögenswerten ausgewiesen.

Aus dem Report lassen sich die Einflussfaktoren auf die jüngsten Kursbewegungen ableiten und Aussagen über die aktuelle Anlagerstimmung in der Welt der digitalen Vermögenswerte treffen.

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Über James Butterfill

James Butterfill ist Head of Research von CoinShares und verfügt über mehr als 20 Jahre Branchenerfahrung in den Bereichen Fondsmanagement, Investmentbanking und Vermögensverwaltung. Zuvor war James Leiter Research bei ETF Securities. Butterfill ist regelmässig als Medienkommentator tätig und tritt häufig bei Bloomberg TV, CNBC, BBC und anderen Sendern auf. Als Head of Research schreibt Butterfill diverse Research-Whitepapers zu Anlagethemen, identifiziert Anlagemöglichkeiten und hilft Anlegern und Investoren, die Welt der digitalen Vermögenswerte zu verstehen.

Über die CoinShares-Gruppe

CoinShares ist Europas größtes Investmentunternehmen für digitale Vermögenswerte und verwaltet Milliarden von Assets im Auftrag eines globalen Kundenstamms. CoinShares hat das Ziel den Zugang zum Ökosystem der digitalen Vermögenswerte sukzessive für Anleger und Investoren zu erweitern. Hierfür entwickelt CoinShares neue Finanzprodukte und -dienstleistungen, die Anlegern Vertrauen und Transparenz beim Zugang zu dieser neuen Anlageklasse bieten. CoinShares ist an der Nasdaq First North Growth Market unter dem Kürzel CS und an der OTCQX unter dem Kürzel CNSRF notiert. Mehr Informationen unter https://coinshares.com/

Hohe Nachfrage, weltweiter Nachhaltigkeitsdruck und Regulierung kurbeln Interesse an nachhaltigen Aktien an

Ein Marktkommentar von NN Investment Partners: Nachhaltige Aktienanlagen haben in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt, da Anleger ihr Kapital zur Bekämpfung der Klimakrise und sozialer Ungerechtigkeit einsetzen. Drei grundlegende Faktoren treiben diese Entwicklung an: die hohe Anlegernachfrage, der weltweilte Nachhaltigkeitsdruck und die neuen, strengen Regularien. Angesichts der nahenden kritischen Klimafristen wird sich das Wachstum nachhaltiger Aktienstrategien in den nächsten zehn Jahren beschleunigen.

Nachhaltiges Investieren ist nicht neu. Es begann als Nische, ist aber durch die Unterzeichnung des Pariser Abkommens und die Verabschiedung der Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen (SDGs) 2015 zum Mainstream geworden. Diese Initiativen haben Regierungen und Unternehmen dazu veranlasst, Maßnahmen gegen den Klimawandel und wirtschaftliche Ungleichheit zu ergreifen.

Die steigende Anlegernachfrage nach nachhaltigen Investmentprodukten hat das Marktwachstum in den letzten Jahren vorangetrieben. 2021 war keine Ausnahme. Laut Morningstar flossen im vergangenen Jahr weltweit mehr als 600 Mrd. US-Dollar in nachhaltige Fonds. Die beliebteste Anlageklasse waren dabei Aktien.[1]

Die Dynamik hielt im ersten Quartal 2022 an, auch wenn die Finanzmärkte durch Inflationsdruck und Marktturbulenzen infolge des Ukrainekrieges belastet wurden. Obwohl die Zuflüsse im Vergleich zu den vorangegangenen drei Monaten um etwa ein Drittel zurückgingen, behaupteten sie sich weitaus besser als die des gesamten Fondsmarktes, der laut Morningstar-Daten einen Rückgang von 73 % verzeichnete.

Regulierung

Auch die Regulierung hat die Entwicklung nachhaltiger Aktieninvestitionen maßgeblich vorangetrieben. Sie hat Unternehmen und Vermögensverwalter dazu verpflichtet, detailliertere Angaben zu den Umweltauswirkungen ihrer Geschäftstätigkeit sowie zum Management ihrer ökologischen, sozialen und Governance-Risiken (ESG) zu veröffentlichen. Diese Offenlegungspflichten fördern nachhaltige Aktien, indem sie die Transparenz und das Vertrauen in den verantwortungsbewussten Investmentmarkt stärken.

Zu den ehrgeizigsten Regelwerken zählt der 2020 verabschiedete Europäische Green Deal, dessen übergeordnetes Ziel die Klimaneutralität der EU bis 2050 ist. Er deckt ein breites Spektrum ab und ist mit einem Finanzvolumen von mindestens 1 Billion Euro für die nächsten zehn Jahre ausgestattet. So trägt er erheblich zur Erreichung der Emissions- und Nachhaltigkeitsziele bei.

Europa steht an der Spitze, während andere Länder hinterherhinken. Beispielsweise sind in den USA die Pläne von Präsident Joe Biden für eine massive Finanzspritze in Klimaschutztechnologien auf Widerstand gestoßen. Sein „Build Back Better Act“ ist im Senat ins Stocken geraten, und die Zukunft des Gesetzes ist ungewiss.

Langfristiges Investieren

Als die Investitionen Fahrt aufnahmen, folgte die finanzielle Performance, wobei nachhaltige Aktienstrategien den breiteren Markt generell übertrafen.[2] Dieser Trend ist jedoch in der ersten Jahreshälfte 2022 unter dem Druck steigender Inflation und Zinsen sowie der geopolitischen Lage in Europa zum Stillstand gekommen.

Jeremy Kent, Senior Portfolio Manager Sustainable Equity bei NN Investment Partners, erklärt dazu: „Die diesjährige Marktdynamik hat dazu geführt, dass viele Aktien, die von Anlegern nachhaltiger Aktien eher gemieden werden, im Wert steigen. Öl- und Gasproduzenten haben vom Energiepreisanstieg profitiert, während Rüstungsunternehmen von der raschen Aufrüstung der Ukraine durch westliche Länder profitieren. Gleichzeitig werden steigende Zinsen die Kreditaufnahme für wachstumsorientierte Unternehmen, die häufig in nachhaltigen Aktienportfolios zu finden sind, verteuern. Diese kurzfristigen Belastungen könnten die Investitionsbereitschaft der Anleger auf die Probe stellen.

Kent weiter: „Trotz der aktuellen Marktturbulenzen sind die Argumente für nachhaltige Aktienstrategien jedoch nach wie vor gut. Die Berücksichtigung von ESG-Kriterien bei Anlageentscheidungen wird nicht nur als wichtiger Faktor zur Sicherung der Rendite, sondern auch zur Zukunftsfähigkeit von Portfolios angesehen. Nachhaltigkeit ist langfristig eine Alpha-Quelle, weil sie Unternehmen beim Übergang zu einer umweltfreundlicheren, integrativeren Wirtschaft zum Erfolg verhilft.”

Dies ist die Richtung, in die sich die Wirtschaft und der Markt bewegen, und darin liegen die Chancen. Disziplinierte Anleger werden von den Vorteilen profitieren.