„Gut ist, wer dazulernt“

Der Trainer, Coach und Interviewer Mario Müller-Dofel (43) hat ein Buch verfasst, in dem er den Akademisierungstrend hinterfragt und eine Lanze für beruflich Qualifizierte bricht. Hier wird er befragt – und spricht über einseitige Bildungsdebatten, Chancenvielfalt und Vorbilder ohne Studium.

Das Interview können Sie links mit Bildern und weiteren Informationen zum Buch downloaden. Weitere Informationen zum Buch finden Sie auch auf der Website karriere-ohne-studium.de.  Presseinformationen zum Buch finden Sie hier. Den Blog von Mario Müller-Dofel auf altii finden sie hier.

Herr Müller-Dofel, was hat Sie für Ihr Buch motiviert?
Mario Müller-Dofel:
Motiviert haben mich zum Beispiel viele TV-Sendungen, in der ausnahmslos Akademiker darüber diskutierten, warum unser Bildungssystem ungerecht sei, Nichtakademiker wenig Chancen auf eine tolle Berufswege hätten und deshalb immer mehr junge Menschen studieren müssten. Dies ist seit mehr als 15 Jahren herrschende Meinung in Politik und Öffentlichkeit. Dabei gibt es auch andere chancenreiche Bildungs- und Karrierewege, die von den Diskutanten viel zu wenig reflektiert werden. Darauf möchte ich aufmerksam machen, damit wir unsere Chancenvielfalt in Deutschland erhalten.

Wie passt „Chancenvielfalt erhalten“ mit einer anderen herrschenden Meinung zusammen: dass Deutschland ein Land mit ausgeprägter Chancenungerechtigkeit ist.
Das sehe ich anders, zumal ich mich lieber mit Menschen und ihren Stärken beschäftige als mit Statistiken, die jegliche Vielfalt auf Durchschnittswerte, also Mittelmaß eindampfen. Und selbst der Durchschnitt kann je nach Interessenlage und Weltsicht anders interpretiert werden. Mir und Millionen anderen Menschen hierzulande haben das deutsche Ausbildungs- und Fördersystem, mutige Chancengeber und ein hohes Maß an Selbstmotivation erfolgreiche Berufswege ohne Studium ermöglicht. Deutschland ist ein Ort dafür!

Warum haben Sie nicht studiert?
Anfangs, weil mir in der DDR wegen gefärbter Haare, Ohrringen, meiner Abneigung gegen die Nationale Volksarmee und manchmal einer großen Klappe das Abitur verweigert wurde. Damals war es mir egal. Später hätte ich manchmal gerne studiert, vor drei Jahren hätte ich sogar fast angefangen: Wirtschaftspsychologie – gibt’s leider nicht als Berufsausbildung. Aber dann fehlte mir die Zeit dafür. Nun bleibe ich halt erstmal bei meinen drei Berufsausbildungen und drei umfangreichen Fortbildungen. Meine akademischen Pläne habe ich aufs Rentenalter verlegt und studiere derweil weiter die Praxis (lacht).

Im Buch interviewen Sie fünf erfolgreiche Nichtakademiker zu deren Berufswegen. Einen Fliesenlegermeister, Starkoch Tim Mälzer und Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer zum Beispiel. Was wollen Sie mit den Interviews erreichen?
Ich möchte dazu beitragen, dass Menschen wie diese öfter angehört werden, wenn es um Bildung, Berufe und Karrieren geht. Man braucht in Deutschland nicht den Kopf in den Sand zu stecken, wenn einem das Studium fehlt. Wir haben so viele hervorragend aus- und fortgebildete Facharbeiter, Fachangestellte, Meister, Techniker, Fachwirte oder Selbstständige, die ein zufriedenes Berufsleben führen – viele davon können für jeden von uns echte Vorbilder sein.

Joschka Fischer ist vielleicht etwas hochgegriffen.
Warum? An seinen Charaktereigenschaften und Verhaltensweisen gemessen, ist er vergleichbar mit vielen anderen beruflich erfolgreichen Menschen. Am Ende seiner Politikerkarriere hatte er eben einen seltenen und besonders verantwortungsvollen Job. Nach dem Interview empfand ich Joschka Fischer in vielen Punkten als sehr gutes Vorbild.

Was erfahren die Leser von Fischer und Co?
Sie erfahren, wie die Fünf ihre Zukunft angepackt haben, statt sie wegen des fehlenden Studiums perspektivlos zu denken. Sie erfahren, was sie geprägt, wer sie blockiert und wer sie gefördert hat. Und sie erfahren, was Menschen neben Fachwissen brauchen, um ihre beruflichen Vorstellungen umzusetzen. Diese Interviews sind sehr persönlich, teilweise bewegend emotional.

Zudem haben Sie mit fünf Personalexperten wie Bundesarbeitsagentur-Chef Frank-Jürgen Weise und Psychologieprofessor Heinz Schuler gesprochen. Was tragen diese bei?
Sie rütteln auf, indem sie die menschlichen Seiten sozialer Undurchlässigkeit erläutern. Sie regen an, indem sie einseitige Positionen und unfaire Vorurteile hinterfragen. Sie machen Mut, auch talentierten Menschen berufliche Entwicklungschancen zu geben, denen formale Voraussetzungen fehlen. Arbeitsagentur-Chef Weise wünscht sich zum Beispiel, dass Personalverantwortliche „formale Ausbildungsabschlüsse weniger hoch gewichten als bislang üblich in Deutschland und sich stattdessen mehr mit Talenten und Kompetenzen befassen.“ Bei den Experteninterviews kommen die Risiken und Nebenwirkungen des Akademisierungstrends sehr deutlich zur Sprache.

Wie haben Sie die Interviewpartner ausgewählt?
Das war insbesondere bei den Nichtakademikern erst schwer und dann leicht. Schwer, weil Hunderttausende „High Potentials“ in Frage gekommen wären. Und leicht, weil ich mich angesichts dieser Masse einfach für fünf verschiedene Berufe entschieden habe, damit die Leser auch in dieser Hinsicht Vielfalt erleben. Zudem fand ich eine Mischung aus Promis und weniger bekannten Persönlichkeiten wichtig – und dass die Nichtakademiker schon über längere Zeit erfolgreich sind.

Wie haben Sie Ihre Gesprächspartner befragt? Eher provokant, suggestiv, auf bestimmte Thesen hinarbeitend?
Nein, ganz anders als üblich in der journalistischen Praxis. Ich habe versucht, meine Ansichten weitgehend herauszuhalten. Sehr viele Fragen habe ich offen gestellt, um den Interviewten einen großen Antwortspielraum zu lassen.

Wer soll das Buch lesen?
Schulabgänger, Nichtakademiker, Akademiker, Eltern, Lehrer, Personaler, andere Unternehmensentscheider und Politiker, die sich zum Mut machen und Umdenken bewegen lassen möchten.

Sie waren erst im Immobilien- und Finanzierungsvertrieb und dann im Wirtschaftsjournalismus erfolgreich. Jetzt sind Sie’s auch beim Training und Coaching. Wie geht’s Ihnen als Exot in der akademischen Welt?
Exot? In der Statistik bin ich das wohl, aber nicht von meinen Neigungen und Fähigkeiten her. Ich bin unter Akademikern und beruflich Qualifizierten gleichermaßen zu Hause und habe in beiden Gruppen tolle Freunde. Wünschen würde ich mir, dass sie sich viel mehr vermischen, weil beide Gruppen voneinander lernen und sich ergänzen könnten. Warum das im Berufsleben leider nur schlecht statt recht klappt, steht ebenfalls im Buch.

Haben Sie eine Aussage im Kopf, die sich die Leser an den Spiegel kleben könnten?
Na klar, die letzten Worte im Buch: „Gut ist, wer dazulernt.“

Vielen Dank für das Gespräch.