Automatisierte Vermögensmanager: Wo liegen die Herausforderungen im Hinblick auf Sicherheit?

Von Dr. Patrick Kolb, Fondsmanager, Credit Suisse.

Der technologische Fortschritt verändert unsere Gesellschaft und unser geschäftliches Umfeld. Gemäß Gartner Inc., einem Research- und Beratungsunternehmen im Bereich der Informationstechnologie, werden wir alle innerhalb der kommenden zwei Jahre ein Teil der „Digitalwirtschaft“ sein. Laut diesem Institut wird bis 2025 jeder dritte Arbeitsplatz an Software, Roboter, Drohnen oder intelligente Maschinen verlagert werden. Thomas Frey, Senior Futurist beim US-amerikanischen DaVinci Institute, identifizierte kürzlich über 100 gefährdete Berufsbilder, die durch fahrerlose Autos, fliegende Drohnen, 3D-Drucker, Big Data, künstliche Intelligenz und Roboter beeinträchtigt werden.
Unter Berücksichtigung der genannten technologischen Trends möchten wir die Vermögensverwaltungsbranche näher betrachten. Laut MyPrivateBanking Research, einer in der Schweiz ansässigen Finanz-Research-Firma, stellen auf Algorithmen basierende Websites mit Online-Vermögensverwaltung (auch bekannt als automatisierte Vermögensverwaltung oder „Robo-Advisors“) eine echte Bedrohung für die Geschäftsmodelle konventioneller (menschlicher) Vermögensverwalter dar.
In diesem Bericht definieren wir in einem ersten Schritt den Begriff „automatisierte Vermögensverwaltung“. Danach betrachten wir die Chancen und Herausforderungen unter besonderer Berücksichtigung der IT-Sicherheit und beenden diesen Artikel mit einer kurzen Zusammenfassung.

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Automatisierte Vermögensverwalter: Was ist das?
Automatisierte Tools zum Vermögensmanagement können als eine Kategorie von Finanzberatern beschrieben werden, die Online-Portfoliomanagement mit minimaler menschlicher Beteiligung anbieten.4 Mit anderen Worten: Es handelt sich um IT-Plattformen, die auf Algorithmen basierend, automatisierte Anlagelösungen für ihre Kunden schaffen. Statt zeitintensiver, persönlicher Gespräche offerieren sie benutzerfreundliche Schnittstellen und einen Prozess zur individuellen Erstellung von Risikoprofilen, um eine optimale Vermögensaufteilung für die Portfolios der Anleger festzulegen. Die meisten dieser Berater beschränken sich nur auf Portfoliomanagement. Sie gehen nicht auf verwandte Themen der Finanzplanung wie Immobilien oder Kapitalflussmanagement ein.5 Die IT- Plattform (ebenso wie ein menschlicher Berater) befragt die Kunden, wer sie sind und worauf sie sparen, um ihre finanzielle und persönliche Situation zu beurteilen. Darauf basierend erstellt der Algorithmus gemäß Lehrbuch maßgeschneiderte Empfehlungen, die zum Aufbau eines optimalen Portfolios verwendet werden (z. B. stabilere Anleihen für Personen kurz vor dem Ruhestand oder volatilere Aktien für einen jüngeren Anleger). Ist der Kunde mit dem Vorschlag einverstanden, so weist das System die ihm anvertrauten Kundengelder jenen Fonds zu, die den Zielen des Kunden am besten entsprechen und gewichtet die Vermögen bei Marktbewegungen resp. Ein- und Auszahlungen neu. Ein im Economist veröffentlichter Artikel zeigt, dass fast alle automatisierten Vermögensverwalter dem Kunden ein Portfolio aus Indexprodukten anbieten, die kostengünstig große Anleihen- oder Aktienindizes nachbilden.6 Laut der Financial Times betragen die Gesamtkosten 0,5 % des Volumens oder weniger. Sie liegen unter den für Standardberatung und Vermögensverwaltung für Privatkunden üblichen 1,5 % bis 2 % (vgl. Abb. 2).Eine von der Beratungsfirma A.T. Kearney durchgeführte Studie zeigt, dass die Beliebtheit sprunghaft ansteigen wird: Im Dezember 2014 wurden die von Robo-Beratern verwalteten Vermögen auf USD 19 Milliarden geschätzt8; es wird jedoch ein Anstieg um 68 % pro Jahr auf rund USD 2,2 Billionen bis 2020 erwartet (vgl. Abb. 1). Rund die Hälfte dieses Betrags dürfte aus Mitteln stammen, die bereits angelegt sind, der Rest hingegen aus noch nicht angelegten Vermögenswerten.9

Was sind die Chancen und die Herausforderungen?
Derzeit ist Wealthfront in diesem schnell wachsenden Bereich führend, aber es gibt zahlreiche andere Anbieter wie Betterment, FutureAdvisor, Nutmeg etc. (vgl. Abb. 2). Wir gehen davon aus, dass Robo- Beratungsdienstleistungen sich in den kommenden Jahren zum Mainstream entwickeln werden, insbesondere die Millennials sind große Fans. Wealthfront gibt an, dass 90 % seiner Kunden jünger als 50 Jahre und 60 % jünger als 35 Jahre sind.10 Die Unternehmen versprechen den Kunden, durch niedrige Verwaltungsgebühren und die Vermeidung teurer Anlageprodukte Geld zu sparen. Ein weiteres wichtiges Verkaufsargument für automatisierte Vermögensverwaltung ist das Versprechen, dass diese Firmen über die Jahresgebühr hinaus keine weiteren Gebühren von ihren Kunden verlangen.11
Bislang hat die Regulierung Robo-Berater beim Einstieg in das Geschäft unterstützt. Die Unternehmen betonen, dass die Vermögenswerte von dritten Depotbanken gehalten werden. Anleger würden demnach kein Geld verlieren, wenn eines der Unternehmen den Geschäftsbetrieb einstellt. Alle Institutionen werden von der gleichen Behörde reguliert wie die traditionellen Finanzintermediäre.12 Aus unserer Sicht bestehen bei diesen automatischen Vermögensverwaltern jedoch gewisse Herausforderungen, die berücksichtigt werden müssen:

  • Erstens: Ihr Track Record ist begrenzt: Daher ist es durchaus nicht unüblich, dass einige Anleger in einem ersten Schritt nur einen geringen Anteil ihrer Anlagen bei diesen Firmen platzieren.
  • Zweitens: Würden Menschen einen großen Anteil ihres Geldes einem IT-System anvertrauen, das auf einem Algorithmus basiert? Wir glauben, dass besonders in der Vermögensverwaltungsbranche der menschliche Kontakt extrem wichtig ist. Darüber hinaus ist ein passiver Ansatz für Anleger mit komplexen finanziellen Bedürfnissen möglicherweise nicht geeignet, weil dieser im Prinzip eine „Einheitslösung“ darstellt.13
  • Drittens: Der Fragebogen kann hilfreich, aber auch irreführend sein, denn viele Menschen neigen bei guter Marktentwicklung zu übermäßigem Optimismus und umgekehrt. Das heißt, die meisten Anleger haben wenig Gespür, wie viel Risiko sie aushalten können. Daher könnte ein guter menschlicher Berater ihnen dabei helfen, ein Portfolio zusammenzustellen und Fehlverhalten und Fallstricke zu vermeiden.14
  • Viertens: Aufgrund der zunehmenden Attraktivität steigt die Wahrscheinlichkeit für Systemfehler wegen Computerfehlfunktionen oder gar Datenlecks. Wir glauben daher, dass Themen der IT-Sicherheit sich am stärksten auf den künftigen Erfolg automatischer Vermögensverwalter auswirken werden.

Fazit
Wir glauben, dass automatisierte Vermögensverwalter ein neues Element im Beratungsgeschäft darstellen. Derzeit sind diese Wettbewerber noch nicht groß genug, um nachhaltig profitabel zu sein. Die Wachstumsraten sind zwar attraktiv, aber um in dieser Branche Erfolg zu haben, müssen sie unserer Auffassung nach Hunderte Milliarden an Vermögen verwalten. Darüber hinaus müssen sie die heute 20- bis 30-jährigen Kunden überzeugen, über die nächsten Jahre hinweg den automatisierten Dienstleistungen treu zu bleiben.
Wir sehen auch Herausforderungen: Die Algorithmen der Robo-Berater erfassen beispielsweise nicht den Umfang und den Charakter des Humankapitals eines Anlegers. Die Einkommensströme der meisten wohlhabenden Anleger ähneln einem illiquiden, festverzinslichen Anlageinstrument. Zudem ist sehr oft ein erheblicher Vermögensanteil konzentriert und gebunden in einem privaten Familienunternehmen.15 Schließlich glauben wir, dass die IT-Plattformen dieser Unternehmen absolut sicher sein müssen, denn ohne eine geeignete IT-Sicherheitsumgebung ist das Potenzial automatisierter Vermögensverwalter tendenziell begrenzt.
Unserer Meinung nach ist das Anlagethema IT-Sicherheit für langfristig orientierte Anleger sehr reizvoll und steht erst am Anfang eines langfristigen Wachstumszyklus. Daher gehen wir davon aus, dass Anlagen in diesem Bereich künftig zunehmen werden. Aus diesem Grund halten wir Beteiligungen an führenden Unternehmen und innovativen Lösungsanbietern für Big Data, Business Intelligence und Netzwerksicherheit.