Fintechs in Frankfurt-Rhein-Main: Noch nicht auf der Pole-Position, aber auf der Überholspur.

Die Region Frankfurt-Rhein-Main zeichnet sich im Gegensatz zu den meisten anderen deutschen Metropolregionen in Deutschland durch seine Polyzentralität aus. Kernstädte der Region sind auf hessischem Gebiet Frankfurt, Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt. Hinzu kommen die rheinland-pfälzische Hauptstadt Mainz sowie das unterfränkische Aschaffenburg. Ca. 5,7 Millionen Menschen leben in dieser Region, mit stetig steigender Tendenz. Assoziieren die Neuankömmlinge die Region zunächst mit Bankentürmen auf weitestgehend versiegelten Flächen, ändert sich der Blickwinkel zumeist schnell. Unter den deutschen Metropolregionen nimmt Frankfurt-Rhein-Main mit nahezu 40 Prozent Waldfläche einen Spitzenplatz ein, Heilbäder, Seen, Weinberge und malerische Altstädte passen erstmal nicht in das vorgeprägte Bild einer glitzernden Bankenwelt.

Trotzdem gilt: Frankfurt-Rhein-Main ist einer der stärksten Wirtschaftsstandorte, sowohl in Deutschland als auch in Europa. Das Pro-Kopf-Bruttoinlandsprodukt liegt rund 20 Prozent über dem bundesdeutschen Durchschnitt, die Kaufkraft liegt in einzelnen Kreisen sogar mehr als 30 Prozent darüber. Wichtigste Arbeitgeber sind die chemie- und pharmazeutische Industrie, die Automobilindustrie und natürlich auch die Finanzindustrie. Deutschlandweit gilt die Main-Metropole als Bankenhauptstadt. Neben Europäischer Zentralbank und Bundesbank befinden sich hier rund 200 Geldhäuser, davon etwa 160 Auslandsbanken, die ihr Deutschland- bzw. Europageschäft von hier aus betreiben.

Trotz der vielfältigen Kompetenzen im Finanzsektor haben es Frankfurt und die Region jedoch lange Zeit versäumt, sich als Standort für Fintech-Startups zu positionieren. Berlin beherbergt noch immer eine höhere Anzahl an jungen Unternehmen der Fintech-Szene und gilt als bevorzugtes Ziel von Neugründungen im Tech-Bereich. Doch Besserung ist in Sicht!

In einer ersten Euphoriephase der Fintech-Branche wurde immer wieder deren disruptiver Charakter angesprochen, welcher die Geschäftsmodelle der traditionellen Geldhäuser bedrohe. Immer mehr kristallisieren sich die Banken jedoch als wichtige Partner der Fintechs heraus - ob als Investoren, Ideengeber oder als Anbieter relevanter Infrastruktur. Dies betrifft sowohl die Geschäftsmodelle des B2B-Bereichs als auch jene, die sich direkt an den Endkunden wenden. Verschiedene Frankfurter Foren bieten Möglichkeiten für die Anbahnung solcher Kooperationen.

Hinzu kommen verschiedene Akteure, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Standort als Fintech-Hub zu etablieren. Ansässige Banken, das Land Hessen und die Stadt Frankfurt haben verschiedene Initiativen auf den Weg gebracht. Auch die Deutsche Börse tritt als Akteur auf die Bühne des Geschehens. Neben der Übernahme der Devisenplattform 360T für 725 Millionen Euro stellt sie insgesamt 4 Fintech-Startups vorerst kostenlose Büroflächen zur Verfügung. Ein weiterer Meilenstein ist das vom Hessischen Wirtschaftsministerium und weiteren Partnern initiierte Techquartier, welches seit November 2016 Gründungsimpulse unter anderem für Fintech-Startups bietet.

Weitere Fintech-Center bieten attraktive, günstige Büroflächen und kreative Austauschmöglichkeiten in unmittelbarer Nähe zu den großen Banken. Die Deutsche Bank hat in Frankfurt eine Digitalfabrik gegründet, die bis 2020 mit etwa 750 Millionen Euro ausgestattet wird. Der Standort profitiert nicht nur durch geplante 400 Stellen in der Softwareentwicklung, sondern auch durch weitere 50 Arbeitsplätze, die eingerichtet werden, um mit Partnern aus der Fintech-Branche zu kooperieren.

Einzigartig ist die Etablierung eines Fintech-Studiengangs an der Frankfurt School of Finance. Seit dem Wintersemester 2016/17 haben 20 Studierende die Möglichkeit, in Kooperation mit der in Frankfurt ansässigen Fintech Group AG ein duales Studium zu absolvieren. Nimmt man die mehrfach ausgezeichnete Technologiekompetenz der Technischen Universität Darmstadt hinzu, verfügt die Region Frankfurt-Rhein-Main über einen weiteren essentiellen Standortvorteil.

Was spricht des Weiteren für die Region? In einer neuen digitalen Arbeitswelt gelten neue Standortfaktoren. Gerade Real-time-Anwendungen verlangen verlässliche digitale Infrastrukturen. Frankfurt verfügt mit dem weltweit wichtigsten Internetknoten über das Rückgrat digitaler Prozesse. Datencenter sprießen wie Pilze aus dem Boden. Der Energiebedarf der ansässigen Datencenter übersteigt mittlerweile den des wichtigsten deutschen Flughafens. Eine aktuelle Studie der Boston Consulting Group belegt die volkswirtschaftlichen Multiplikatoreffekte von Investitionen in Rechenzentren. Die Investitionssumme von einer Million Euro in ein solches entspräche der Gründung eines mittelständischen Unternehmens mit 11 Mitarbeitern, so die Botschaft der Studie.

Einige Früchte haben die bereits implementierten Maßnahmen schon getragen. Eine EY-Studie, die die Fintech-Szenerie der vergangenen Jahre analysiert, sieht erhebliche Erfolge im Aufholprozess, sowohl deutschlandweit als auch in der Rhein-Main-Region. Zudem haben sich in jüngster Vergangenheit einige Fintechs dazu entschieden, von Berlin nach Frankfurt umzuziehen. Weitere Städte des Rhein-Main-Gebiets sind zudem Heimat führender Startup-Unternehmen aus den Bereichen Insuretech, Proptech und E-Health. Eine Übersichtskarte des Inkubators der Goethe-Universität Frankfurt (innovation-map.de) gibt einen ersten Überblick über die Startups der Region, Investoren, Gründungszentren und weiteren relevanten Infrastrukturen für JungunternehmerInnen.

Die ersten Hausaufgaben zur Etablierung eines Gründungsmilieus sind also getan, die handelnden Akteure haben die Relevanz von innovativen Gründungen erkannt und die notwendigen Infrastrukturen geschaffen. Und trotzdem bleibt noch genügend Spielraum, die Region zur ersten Adresse für junge Tech-Unternehmen zu machen.