„Frankreich nimmt eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt“

Im nachhaltigen Finanzbereich nimmt Frankreich eine Vorreiterrolle ein, so Stefan Fritz, Spezialist Investmentfonds der GLS Bank, einem bedeutenden Akteur nachhaltiger Finanzen in Deutschland, sowie zuvor Analyst des französischen Researchzentrums Novethic in Paris, wo er für die Auditierung des FNG Siegels zuständig war. Im Interview mit AEF info erklärt er die unterschiedlichen Ansätze zwischen den Ländern. Während Frankreich aufgrund gesetzlicher Initiativen eine Vorreiterrolle eingenommen hat, setzt der deutsche Markt auf freiwillige Initiativen. Aber die europäische Sustainable Finance Initiative könnte die Situation grundlegend verändern.

Welche gesetzlichen Mittel gibt es in Frankreich, die es nicht in Deutschland gibt?

In Deutschland gibt es bisher wenige Instrumente, die den Markt für nachhaltige Geldanlagen gesetzlich regulieren. Hier nimmt Frankreich europaweit eine Vorreiterrolle ein, die in Deutschland nicht unbemerkt bleibt. Dies gilt besonders für den so genannten Artikel 173, der institutionelle Anleger mit mehr als 500 Mio. Euro verwalteten Vermögens verpflichtet, über die Klimawirkung ihrer Investments zu berichten. Diese 2016 umgesetzte Regulierung folgt in Frankreich einer langen Tradition. Bereits 2010 mussten Vermögensverwalter im Rahmen des loi grenelle 2 gegenüber Investoren angeben, wie sie Umwelt-, Sozial- und Governance-Kriterien berücksichtigen.

Der deutsche Gesetzgeber hält sich mit gesetzlicher Regulierung dagegen sehr zurück und vertraut eher auf Brancheninitiativen. Diese unterschiedliche Vorgehensweise zeigt sich sehr gut an Zertifizierungssystemen für nachhaltige Investmentfonds. In beiden Ländern gibt es am Markt etablierte Siegel, die einen Mindeststandard für Nachhaltigkeit definieren. In Frankreich ist der Staat der Träger dieser Siegel. Das Umweltministerium verwaltet ein Siegel für Klimafonds (label greenfin), das Finanzministerium ein weiteres für allgemeine Nachhaltigkeitsfonds (label ISR). Demgegenüber hat im deutschsprachigen Raum der Branchenverband selbst, das Forum Nachhaltige Geldanlagen (FNG), ein Siegel für Nachhaltigkeitsfonds an den Markt gebracht (FNG Siegel).

Wie ist die Qualität bei der Erhebung, Nutzung, Darstellung und Kommunikation von Nachhaltigkeitsinformationen?

Die meisten Vermögensverwalter, sowohl in Deutschland als auch in Frankreich, hängen von den Nachhaltigkeitsdaten externer Researchagenturen ab. Diese sind mittlerweile alle fest in amerikanischer Hand. Das französische Haus vigeoeiris wurde vor rund einem Jahr von Moody´s mehrheitlich erworben. Der bekannteste deutsche Anbieter, die oekom research AG, gehört seit Anfang 2018 zu ISS ESG, einem der wichtigsten Stimmrechtsberater der Welt. Diese Agenturen bieten standardisierte ESG-Analysen für Unternehmen an, die in den wichtigsten Indizes weltweit gelistet sind. Kleinere Unternehmen werden nur zum Teil abgedeckt. Hier herrschen Qualitätsunterschiede. Die Bewertungsansätze unterscheiden sich je nach Motivation der Anbieter (Risikominimierung, Reputationsschutz, Erzielung einer Nachhaltigkeitswirkung) teilweise sehr stark. Wir hinterfragen diese Ansätze intern durchaus kritisch. 

Ein großer Unterschied zwischen Deutschland und Frankreich ist zudem, dass es in Deutschland bedeutend seltener interne ESG-Researchabteilungen gibt. Die GLS Bank ist hier eher die Ausnahme als die Regel. Aufgrund des geringeren gesetzlichen Drucks berichten deutsche Anbieter auch weniger über die Nachhaltigkeitsleistung ihrer Investments. Insbesondere die Klimareportings französischer Häuser sind deutlich ausgefeilter und umfangreicher. Wir bei der GLS Bank versuchen, mit gutem Beispiel voranzugehen und ermitteln, ob unsere Anlagen und Finanzierungen im Einklang mit dem Pariser Klimaschutzabkommen sind.

Seit einigen Jahren bemühen sich Anbieter zudem, verstärkt den Impact ihrer Investitionen darzustellen, vor allem im Hinblick auf die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen. Diese Reportings sind aber mit großer Vorsicht zu genießen.

Tragen die staatlichen Siegel in Frankreich zur Förderung einer nachhaltigen Finanzwirtschaft im Land bei? Welche Auswirkungen hat dies auf europäischer Ebene? 

Ein Blick von außen ist schwierig. Sicherlich haben die beiden staatlichen Siegel in Frankreich das Transparenzniveau erhöht und auch geholfen, ein Mindestmaß an Nachhaltigkeit am Markt zu etablieren. Dabei konnte der Staat auf wichtige Erfahrungen zurückgreifen, die das Researchunternehmen Novethic, bei dem ich viele Jahre arbeitete, mit den ersten Nachhaltigkeitssiegeln sammelte.

Vor allem das staatliche Klimasiegel Greenfin hat das Potenzial, hohe Standards bei Klimainvestments zu etablieren. Denn es schließt konsequent Kernkraft und jegliche Form fossiler Energie, also auch Erdgas, aus. Die Geschäftsaktivitäten, die als klimafreundlich gelten, sind eher restriktiv gewählt und orientieren sich an der Climate Bond Initiative. Ebenfalls fordert es eine hohe Transparenz ein. Dieses Anspruchsniveau sollte auch bei der derzeitigen Diskussion eines europäischen Ecolabels für Klimafonds vorherrschen. Erste Zwischenergebnisse zeigen leider eine andere Tendenz.

Wie schätzen Sie die Arbeit des "Sustainable Finance Beirats" ein? Hat er einen Einfluss auf die Branche?

Der Sustainable Finance Beirat ist ein knapp 40-köpfiges Gremium aus Branchenexperten. Sein Ziel ist sehr ambitioniert. Er soll der Bundesregierung Empfehlungen an die Hand geben, wie Deutschland zu einem in Europa führenden Sustainable Finance-Standort ausgebaut werden kann. Anfang März 2020 hat er einen Zwischenbericht veröffentlicht, der vielfältige Vorschläge und zwei konkrete Ziele adressiert: Die Wirtschaft nachhaltig zu transformieren und widerstandsfähiger zu machen. Dazu werden konkrete Handlungsansätze formuliert. Beispielsweise schlagen die Experten vor, die KfW zu einer transformativen Förderbank umzuwandeln. Oder Investoren sollen im Risikomanagement Klimaaspekte stärker berücksichtigen.

Die Arbeit des Beirats ist in der nachhaltigen Finanzmarktszene in Deutschland definitiv ein Thema. Der Zwischenbericht geht in die richtige Richtung, ihm fehlt aber eine klare Zukunftsperspektive. Als GLS Bank haben wir unsere Einschätzung zum Zwischenbericht auf unserer Homepage veröffentlicht.

Welchen Einfluss hat die Sustainable Finance Initiative der EU-Kommission auf Deutschland, insbesondere die Einführung der EU-Taxonomie?

An der europäischen Sustainable Finance Regulierung führt kein Weg vorbei. Das ist den Akteuren am deutschen Finanzmarkt sehr bewusst. Sie ist daher der wesentliche Treiber für die Entwicklung nachhaltiger Investments in Deutschland. Auch wenn die Taxonomie rechtlich (noch) nicht bindend ist, beschäftigen sich Marktteilnehmer jetzt intensiv mit der Frage, wie sie die gesetzlichen Transparenz- und Taxonomie-Vorgaben in ihrem Investmentprozess umsetzen können. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) hat zudem ein vielbeachtetes Merkblatt zum Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken verfasst.

Als einer der Pioniere für nachhaltige Finanzen in Deutschland freuen wir uns einerseits über die Dynamik. Andererseits begleiten wir die Entwicklung kritisch und fragen uns, ob die Gesetzesmaßnahmen tatsächlich zu einer nachhaltigeren europäischen Wirtschaft führen. Bisher sind die Vorhaben sehr auf die Minimierung von Klimarisiken ausgerichtet, nicht auf die nachhaltige Transformation der Wirtschaft im Einklang mit Umwelt und Gesellschaft.

Kann die Coronakrise die Situation in Deutschland grundlegend ändern?

Wir befinden uns derzeit in einer historischen Ausnahmesituation, deren Folgen schwer abschätzbar sind. Deswegen tue ich mich schwer, Prognosen abzugeben. Hoffnungsfroh stimmt mich aber zu sehen, wie beherzt und tatkräftig die Politik handelt, um das gesundheitliche Wohl der Gesellschaft sicherzustellen. Wenn die Politik diese Entschlossenheit auch bei der Bekämpfung der Klimakrise zeigt, dann blicke ich zuversichtlich in die Zukunft. Wo ein Wille ist, da ist ein Weg!


Dies ist eine deutsche Übersetzung. Das französische Originalinterview findet sich hier: https://www.aefinfo.fr/depeche/626208

Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 600 Mio. Euro inklusive des B.A.U.M. Fair Future Fonds an (Stand 31.03.2020).

Weiterführende Informationen zum GLS Bank Klimafonds:

https://www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de