Medizinische Grundversorgung

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Die medizinische Grundversorgung der breiten Bevölkerung zählt zu den Hauptaufgaben aller Staaten weltweit. In normalen Umfeldsituationen ist dieses Ziel in der Regel erreichbar, wenngleich in einigen, vor allem wirtschaftlich schwachen Ländern der Welt oft kaum finanzierbar. In einigen Ländern ist der Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung – im Englischen als „Access to Medicine“ bezeichnet – daher keine Selbstverständlichkeit.

Auf Grund dieses Problems steigt in den letzten Jahren der Druck auf die großen, internationalen Pharmakonzerne, kostengünstige Modelle für eine Versorgung mit Medikamenten bereitzustellen. Zugleich wird von der Pharmabranche immerwährende Innovation und hohe Qualität gefordert.

Die Kosten, die der Staat einerseits und die Privaten andererseits für Gesundheit aufwenden, schwanken zwischen den einzelnen Ländern sehr stark. Auch weist die Bedeutung von staatlichen versus privat finanzierten Ausgaben für Gesundheit je nach Staat große Unterschiede auf.

SDG: GESUNDES LEBEN FÜR ALLE

Die definierten Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) betonen ebenfalls die adäquate medizinische Grundversorgung für die breite Bevölkerung. Das dritte Entwicklungsziel ist dem Thema Gesundheit gewidmet und folgendermaßen formuliert: „Ein gesundes Leben für alle Menschen jeden Alters gewährleisten und ihr Wohlergehen fördern.“ Eines der Subziele betrifft dabei speziell das Thema Gesundheitsversorgung.

HOHE RESEARCHKOSTEN

Wie aber ist die strategische Ausrichtung der Pharmakonzerne von der Diskussion rund um einen möglichst kostengünstigen „Access to Medicine“ betroffen? Für die Pharmakonzerne sind im Zusammenhang mit dem Geschäft mit neuen Medikamenten Themen wie Researchkosten zur Entwicklung neuer Wirkstoffe, Patente und Zulassungen von Medikamenten in den einzelnen Ländern generell von Bedeutung. Es sollte nicht vergessen werden, welche umfangreichen Kosten für Pharmaunternehmen mit der Entwicklung neuer Medikamente verbunden sind. Weltweit müssen die Produkte der Pharmakonzerne aufwendige Testphasen der nationalen Gesundheitsbehörden durchlaufen. Der immanente Kostendruck hat die Konzentration der Branche vorangetrieben, Zusammenschlüsse und Übernahmen von Pharmaunternehmen waren in den vergangenen Jahren an der Tagesordnung.

GLOBALISIERUNG UND LIEFERKETTEN

Auch in der Pharmaindustrie zeigten sich in den letzten Jahren rund um die Themen Globalisierung und Optimierung des Produktionsprozesses Phänomene wie Auslagerungen von Produktionsschritten oder der gesamten Herstellung und eine zunehmende Komplexität der Produktion.

Mit den Einschränkungen im grenzüberschreitenden Warenverkehr wird das Lieferketten-Management immer schwieriger zu kontrollieren. Auslagerungen von Produktionsprozessen führen zu neuen oder erst jetzt erkennbaren Risiken, denn die Entscheidung der Unternehmen, verstärkt auf die Alternative des Outsourcings zu setzen und die eigene Fertigung zu reduzieren, basiert auf der Annahme eines freien Warenverkehrs. Handelseinschränkungen, wie durch Pandemien oder Umweltkatastrophen in der Vergangenheit, zeigen die potenzielle Verwundbarkeit des Systems.

Es scheinen aber zum Teil gerade auch die Angst vor Umweltbelastungen oder das Ausweichen in Regionen mit weniger strengen Auflagen in den Bereichen Umweltschutz und Mitarbeiter zu sein, die die Verlagerung von Produktionen aus den Industrieländern in andere Länder verstärken. Als Beispiel in diesem Zusammenhang sei die Produktion von Antibiotika genannt, die aktuell fast ausschließlich in den Ländern China und Indien erfolgt.

Die Öffentlichkeit hat die Rolle der Pharmakonzerne in den letzten Jahren zunehmend kritisch interpretiert, die Branche wurde in Bezug auf den Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung verstärkt unter die Lupe genommen. Der „Access to Medicine Index“ beispielsweise fokussiert auf eine Beurteilung der zwanzig weltweit führenden Pharmaunternehmen entsprechend ihren Bemühungen, ihre Medikamente in Entwicklungsländern besser zugänglich zu machen.

CORONAVIRUS

Die aktuelle Pandemie, die unter Namen wie Corona-Krise oder Covid-19-Pandemie bekannt geworden ist und uns seit Monaten in Atem hält, hat die bereits dargestellten Themen rund um die Finanzierung des Gesundheitswesens und die Forschungsdynamik seitens der Pharmaindustrie noch einmal in den Vordergrund gerückt.

Bei der Analyse der unterschiedlichen Verbreitung und Mortalität von Covid-19 wurde unter anderem die Qualität der jeweiligen staatlichen Gesundheitssysteme – gemessen etwa an verfügbarem Personal, Betten, Größe der Intensivstationen und Qualität der vorhandenen Geräte – als wesentlicher Faktor für die erfolgreiche Bekämpfung des Virus ins Treffen geführt. Weitere Theorien rund um das unterschiedliche Ausmaß des Ausbruches der Pandemie betrafen auch das jeweilige Klima der Regionen und das Ausmaß der Umweltverschmutzung. Durch schlechte Luft bereits an Atemwegserkrankungen leidende Menschen – so die auf dem Thema Umweltverschmutzung aufbauende These – könnten natürlich umso anfälliger für ein Virus wie SARS-CoV-2 sein. Auch demografische und soziale Unterschiede könnten die Ausbreitung und Mortalität des Virus beeinflussen. Ein hoher Anteil von alten Personen an der Bevölkerung könnte die genannten Statistiken ebenso negativ beeinflussen wie eine starke soziale Verflechtung, sprich das häufige Zusammenleben von jungen und alten Familienmitgliedern in einem Haushalt.

Auf der anderen Seite stellt sich die Frage, ob auch die Zahlen und Statistiken aus den einzelnen Ländern und Regionen selbst tatsächlich vergleichbar sind. So wird weltweit mit veröffentlichten Daten, beispielsweise der Anzahl der durchgeführten Tests, der damit verbundenen Dunkelziffer sowie nicht zuletzt der Definition der Todesfälle, auf sehr unterschiedliche Art und Weise umgegangen.

Auf wissenschaftlicher Ebene ist die Frage einer möglichen Mutation des Virus und einer damit eventuell verbundenen erhöhten Aggressivität respektive Mortalität in die Diskussion miteingebracht worden.

FOLGEN VON CORONA FÜR DEN SEKTOR „GESUNDHEIT“

Was die Corona-Krise jedenfalls verändert hat, ist einerseits die Bereitschaft von Entscheidungsträgern, zumindest vorübergehend mehr in das Gesundheitssystem zu investieren, und andererseits, von den Pharmaunternehmen noch viel mehr und schneller Lösungen für ein aktuelles Problem zu erwarten. Der Ruf nach Medikamenten zur Behandlung von Covid-19 und Impfstoffen gegen SARS-CoV-2 wurden bereits wenige Wochen oder sogar Tage nach dem ersten bekannten Ausbruch des Virus in China laut.

In diesem Zusammenhang könnten sich mit der Covid-19-Pandemie auch neue Möglichkeiten der Zusammenarbeit ergeben. So haben einige der global bedeutendsten Pharmaunternehmen die Bereitschaft zur Zusammenarbeit bei der Entwicklung, Herstellung und Bereitstellung von Impfstoffen, Diagnostika und Behandlungen für das Coronavirus angekündigt. Zunächst haben fünfzehn Unternehmen der Branche vereinbart, Teile ihrer firmeneigenen Datenbanken zur Verfügung zu stellen. Unterstützt wird das Projekt rund um den Covid-19-„Therapeutics Accelerator“ zur Beschleunigung der Forschungsinitiativen von der Gates Foundation sowie den Unternehmen Wellcome und Mastercard.

MEDIZINISCHE GRUNDVERSORGUNG IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN ESG

E (Environment)

Die Produktion von Pharmazeutika ist bei fehlenden Umweltschutzmaßnahmen oft mit massiver Umweltverschmutzung verbunden, was die Themen Globalisierung und Produktionsverlagerung in den Mittelpunkt rückt. Auch die nicht fachgerechte Entsorgung von Altmedikamenten birgt negatives Potenzial.

S (Social)

Der kostengünstige Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung ist ein wichtiges humanitäres Anliegen, gleichzeitig muss aus Sicht der Pharmaindustrie die Forschung nach neuen Medikamenten und Handlungsmethoden finanziert werden. Private und öffentliche Finanzierung der Gesundheitssysteme stehen in vielen Staaten nebeneinander und führen zu sozialen Spannungen.

G (Governance)

Die Ausgaben für das Gesundheitswesen sind in einer alternden Gesellschaft eine immer dominantere Position der nationalen Budgets. Medizinische Versorgung und Risikovorsorge für Extrembelastungen des Gesundheitswesens sind dabei abzuwägen.

Fazit

Für Raiffeisen Capital Management ist die nachhaltige Ausgestaltung des Gesundheitswesens ein wichtiges Thema. In unseren nachhaltigen Investments zählen Unternehmen dieses Sektors zu den wesentlichen Investments, oft sind Titel im Bereich Gesundheit im Vergleich zum Gesamtmarkt übergewichtet.


Die aktuelle Ausgabe von Raiffeisen Capital Management's NACHHALTIG INVESTIEREN zum Thema Covid-19 und Gesundheit finden Sie links als PDF.