Fast Fashion in der Textilindustrie

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Der Umfang der globalen Textilindustrie erreicht gemäß einer Einschätzung der Weltbank einen Wert von 2,4 Billionen USD. Bei Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette der Bekleidungsindustrie beschäftigt diese rund 300 Millionen Menschen. Das Wachstum der Branche lag zuletzt bei rund 4 % pro Jahr, in den letzten fünfzehn Jahren hat sich das Produktionsvolumen der Bekleidungsindustrie verdoppelt. Die wesentlichen Treiber des Anstiegs sind neben der wachsenden Weltbevölkerung insbesondere die großen aufstrebenden Ökonomien wie China und Indien, in denen die immer bedeutender werdende Mittelschicht als Käufer an Relevanz gewinnt.

Die Textilindustrie ist aus mehrerlei Sicht ein problematischer Sektor. Auf der Umweltseite sind ein hoher Wasserverbrauch, umfangreicher Chemieeinsatz sowie überdurchschnittliche Energie- und Abfallintensität zu beobachten. Soziale Bedenken gehen in Richtung schlechter Arbeitsbedingungen und geringer Standards für Gesundheit und Sicherheit. Zwangsarbeit und Kinderarbeit begleiten den Sektor auch heute noch.

PRODUKTION UND NUTZUNG

Nach einer Studie der Ellen MacArthur Foundation hat sich die globale Textilproduktion während der letzten fünfzehn Jahre verdoppelt, gleichzeitig hat sich die Verwendungsdauer halbiert. Genauer gesagt kauft der durchschnittliche Konsument 60 % mehr Kleidungsstücke, behält sie aber nur halb so lange wie vor eineinhalb Jahrzehnten. In China, stellvertretend für die neuen Konsummuster in den Emerging Markets, hat sich die Verwendungsdauer von Bekleidung in den letzten fünfzehn Jahren sogar um 70 % reduziert.

Die Anzahl der Kleiderkollektionen ist von 2000 bis 2011 um 100 % angestiegen. Fast Fashion führt bei weiten Teilen der Käufer zu sogenannter „Disposable Fashion“. Das bedeutet, dass rund 50 % aller Fast-Fashion-Bekleidung bereits nach maximal einem Jahr wieder entsorgt wird, unter anderem um Platz für neue Mode zu schaffen. Die Ellen MacArthur Foundation schätzte bereits 2017, dass Konsumenten in einem globalen Kontext jedes Jahr auf 460 Milliarden USD verzichten, weil sie noch tragbare Kleidung wegwerfen.

FAST FASHION

Produktionszyklen für Fast-Fashion-Labels sind extrem kurz. Vor dem Entstehen des Trends zu Fast Fashion vor rund 25 Jahren war bei einer neuen Kollektion mit einer Vorlaufzeit von bis zu zwei Jahren zu rechnen. Diese Vorlaufzeit umfasst typischerweise das erste Design, die Verarbeitung der nötigen Materialien, die eigentliche Produktion, die Distribution und schließlich den Verkauf im Geschäft. Mit der Fast-Fashion-Strategie konnten Unternehmen die Lieferketten ab Mitte der 1990er Jahre substanziell verkürzen und die Vorlaufzeiten auf bis zu fünf Wochen und darunter reduzieren. Seit rund zwanzig Jahren ist es den Unternehmen sogar möglich, auf Basis einer flexiblen und raschen Lieferkette auch innerhalb einer Saison auf Kundenpräferenzen zu reagieren.

In den letzten zwanzig Jahren war das Wachstum der Textilindustrie vor allem volumengetrieben, während die Preisniveaus tendenziell rückläufig waren. Konsumenten sprechen sich für mehr Nachhaltigkeit in der Bekleidung aus, kaufen dann aber oft Billigmarken und günstige Produkte.

Seit wenigen Jahren ist innerhalb der Fast-Fashion-Branche außerdem eine Verschiebung innerhalb der Distributionskanäle zu erkennen. Der Verkauf über Filialnetze und in Kaufhausketten geht dabei merklich zurück. Im Gegenzug gewinnt der Onlineverkauf stark an Bedeutung, auch Rabattketten konnten Marktanteile gewinnen.

FOLGEN FÜR DIE UMWELT

Bei anhaltendem Wachstum der Textilbranche könnten gemäß International Energy Agency (IEA) 25 % des Welt-CO2-Budgets bis 2050 durch den Sektor aufgebraucht werden. Dahinter steht der prognostizierte Anstieg der Gesamtpopulation einerseits und das Wachstum und der steigende Wohlstand der Mittelklasse andererseits. Heute ist der Textilsektor für 8 % der Treibhausgasemissionen weltweit verantwortlich und emittiert damit nach Schätzungen der IEA mehr als die gesamte Luft- und Seefahrt zusammengenommen. Haupttreiber der Emissionen ist dabei die Produktion von Polyester, also Garnen auf Kunststoffbasis.

Der Wasserverbrauch der Branche ist vor allem im Falle der Verwendung des Rohstoffs Baumwolle sehr hoch. Für die Produktion eines Baumwollhemds sind 2.700 Liter Wasser nötig.

20 % der weltweiten industriellen Wasserverschmutzung sind auf die chemische Färbung, das Bleichen oder andere Behandlungsmethoden von Textilien zurückzuführen.

12,8 Millionen Tonnen Altkleidung landen derzeit jährlich im Müll. Das meiste davon wird deponiert. Zudem ist die Textilindustrie der größte Verursacher von Plastikmüll in den Ozeanen.

LIEFERKETTE

Die Lieferketten der Textilindustrie sind noch immer stark fragmentiert, was zur Folge hat, dass es große Ketten indirekt oftmals mit tausenden Sublieferanten zu tun haben. Diese Struktur macht die Kontrolle und die Einführung von einheitlichen Standards schwierig. Auf der anderen Seite ist die Textilbranche ein wichtiger Arbeitgeber und stellt Millionen Menschen einen Arbeitsplatz bereit. Spätestens mit dem Einsturz des Gebäudes Rana Plaza in Bangladesch im Jahr 2013 wurde einer breiteren Öffentlichkeit vor Augen geführt, dass diese Arbeitsplätze oftmals mit sehr schlechten Arbeitsbedingungen und Löhnen unterhalb der lokalen Mindestlöhne verbunden sind. Gender Inequality bzw. ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen ist in etlichen Ländern Asiens ein Problem. Die Branche stellt mehrheitlich Frauen ein, in Ländern wie Kambodscha, Vietnam und Thailand beträgt der Anteil der weiblichen Arbeitskräfte jeweils rund 75 %.

INITIATIVEN

In den letzten Jahren wurde eine Vielzahl von Brancheninitiativen ins Leben gerufen, die ESG-Themen in der Textilbranche mehr Bedeutung verleihen sollen. Dabei geht es einerseits vor allem um erhöhte Transparenz und Fairness der Lieferketten, andererseits haben diese Initiativen respektive Joint Ventures auch die Forschung im Visier. Ziel der Forschungsaktivitäten ist beispielsweise die Weiterentwicklung von alternativen Grundmaterialien zur Gewinnung von Fasern, die zu Bekleidung verarbeitet werden können. Derartige Alternativen sind insbesondere Obst-, Pilz- und Lebensmittelbasierte sowie im Labor gezüchtete Fasern. Die genannten Innovationen stellen in größerem Umfang nur dann eine wirkliche Alternative dar, wenn keine Konkurrenzierung zum Thema Lebensmittelversorgung entsteht.

DIE EINSCHÄTZUNG DES TEXTILSEKTORS IN BEZUG AUF DIE EINZELNEN NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN SIEHT WIE FOLGT AUS

E (Environment)

Die Textilindustrie weist bei Berücksichtigung der vorgelagerten Wertschöpfungskette einen bedeutenden CO2-Fußabdruck auf. Die vielleicht noch größere Herausforderung bei der Textilveredlung sind der hohe Wasserverbrauch und die Wasserverschmutzung. Ein weiteres wichtiges Thema für die Textilindustrie ist die Verwendung giftiger Chemikalien und das damit verbundene Gefahrstoffmanagement.

S (Social)

Ein großer Teil aller Verstöße gegen Arbeitsrechte weltweit ereignet sich in der Textilbranche. Bei der Textilindustrie handelt es sich um einen Sektor, der sich durch relativ einfache Fertigungsprozesse in Verbindung mit nur geringen technologischen Anforderungen auszeichnet. Die einfache Austauschbarkeit der Hersteller am untersten Ende derWertschöpfungskette führt zu starkem Druck auf die Herstellungskosten, was wiederum beinharte Konkurrenz mit der Folge geringerer Löhne und sonstiger Aufwendungen in den Fabriken nach sich zieht.

G (Governance)

Der Textilsektor weist häufig eine kaskadenartige Konstruktion im Fertigungsprozess auf. Die gesamte Lieferkette, von der Fertigung über viele Stufen bis zum Einzelhändler, ist vielfach durch eine ungenügende Transparenz charakterisiert. Die an Sublieferanten outgesourcte Produktion wird auf tiefere und noch tiefere Ebenen weitergegeben, sodass für den Textilkonzern als Auftraggeber letztendlich ein Kontrollproblem entsteht. Die staatlichen Organe haben über Gesetze und Vorschriften jedoch für geeignete Arbeitsbedingungen Sorge zu tragen. Wesentlich ist auch das Monitoring dieser Vorgaben durch staatliche Stellen wie auf Unternehmensebene. In diesem Zusammenhang ist das Problem der Korruption, die eine wirksame Arbeitnehmerpolitik untergraben kann, von großer Bedeutung.

Fazit

Raiffeisen Capital Management investiert derzeit punktuell in Textilunternehmen, mit dem Fokus auf Nachhaltigkeit sowohl auf Produktebene als auch auf Ebene der strategischen Ausrichtung. Fast Fashion wird generell differenziert gesehen, auf Initiativen in Richtung erhöhter nachhaltiger Orientierung wird ein besonderes Augenmerk gelegt.