Das unterschätzte „S“ in ESG

von Johannes Haubrich, Head of Product Management Fixed Income & Equity bei Nordea Investment Funds S.A.

Investitionen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (Environmental, Social and Governance = ESG) sind beliebter denn je. Die verwalteten Vermögenswerte in diesem Segment werden voraussichtlich innerhalb der nächsten vier Jahre USD 53 Bio. erreichen und damit ein Drittel der erwarteten globalen AUM ausmachen1.

Während der ESG-Trend anhält, erweitern die Anleger ihren Horizont über das „E“ hinaus, um auch Faktoren zu berücksichtigen, die in die ‘Kategorie „S“, also den sozialen Bereich, fallen. Dazu gehören Arbeitnehmerrechte und -standards, Gesundheit und Sicherheit, Entwicklung des Humankapitals und Vielfalt – sei es im Hinblick auf Religion, Alter, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.

Unternehmen die diesen Aspekten nicht die angemessene Aufmerksamkeit schenken, laufen Gefahr, sich Reputations- und regulatorischen Risiken auszusetzen, die dauerhaften Schaden anrichten und den Aktienwert senken können. Unternehmen mit schwacher Bilanz bei der Einhaltung von Menschenrechten oder Arbeitspraktiken werden wahrscheinlich unter zunehmenden Störungen in der Lieferkette leiden. Das beeinträchtigt die operative Leistung als auch den Ruf der Marke2. Andererseits kann eine Führungsrolle im ESG-Bereich für Aufwärtspotenzial sorgen. Eine wachsende Zahl empirischer Daten deutet darauf hin, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen ESG und der Finanzperformance gibt3.

Soziale Erwägungen sind daher wichtige Faktoren, nicht nur für die Performance von Unternehmen, die dadurch vielfältiger, stabiler und widerstandsfähiger werden, sondern auch für die allgemeine soziale Verbesserung, indem Lieferketten und die Gesellschaft im Ganzen robuster werden.

Die Pandemie macht es deutlich: Soziale Aspekte sind wichtiger denn je

Wenn uns etwas die Bedeutung von sozialer Stabilität und Kohäsion gelehrt hat, dann ist es sicherlich der Ausbruch von Covid-19. Jedes Land, jeder Sektor und jede Einzelperson ist von der Pandemie betroffen. Dies hat die Bedeutung einer genaueren Untersuchung der Nachhaltigkeit globaler Geschäftsmodelle deutlich gemacht. Covid war auch ein guter Lackmustest für Investoren, um zu beurteilen, wie widerstandsfähig Unternehmen angesichts der Krise waren und wie sie auf zukünftige Störungen vorbereitet sind.

ESG-Überlegungen bei Investitionen haben angesichts der anhaltenden Gesundheitskrise eine besondere Bedeutung erlangt. Das Virus hatte einen grundlegenden Einfluss auf die Weltwirtschaft. Die als Reaktion darauf verhängten anfänglichen Lockdowns führten zu einem Einbruch des Ölpreises, einem breit angelegten Ausverkauf von Risikoanlagen und einer beispiellosen Abbremsung der Wirtschaftsleistung. In diesem Umfeld entwickelten sich ESG-Anlagelösungen stark und rückten den Bereich zusätzlich ins Rampenlicht.

Die Pandemie hat nicht nur die sozialen Herausforderungen, denen sich einige Geschäftsmodelle gegenübersehen, besonders deutlich gemacht. Sie hat auch gezeigt, dass die Agilität von Unternehmen, die sich leichter an neue Arbeitsweisen anpassen konnten und deren Geschäftsmodell im Kampf gegen die Herausforderungen der Pandemie gedeihen konnte, von zentraler Bedeutung sind. So war beispielsweise der chinesische E-Health-Anbieter Ping An für die rasant steigende Nachfrage nach seinen Dienstleistungen während der Covid-Pandemie besonders gut aufgestellt. Ping An bietet Online-Gesundheitsdienste an und ermöglicht es Menschen beispielsweise, sich online vom hauseigenen Ärzteteam beraten zu lassen. Mit rund 300 Millionen registrierten Nutzern erreichet der Software-Anbieter rund ein Fünftel der chinesischen Bevölkerung und trägt dazu bei, die medizinische Versorgung in schwer zugänglichen Landesteilen zu verbessern. Mit diesem Geschäftsmodell konnte Ping An in diesen schwierigen Zeiten dazu beitragen, die Belastung von Krankenhäusern zu verringern. Die Zahl der neuen Nutzer auf seiner digitalen Plattform stieg im Januar 2020 um fast 900% gegenüber dem Vormonat.

Langsam aber stetig: Die Verschiebung in Richtung “S”

Neben dem pandemiebedingten Anlegerfokus hat ESG auch innerhalb der Regulierungslandschaft an Bedeutung gewonnen. Dies zeigte sich in Form neuer Anforderungen zur Berichterstattung über bestimmte ESG-Aspekte – einst ausschließlich freiwillig, jetzt jedoch obligatorisch – in vielen Rechtsordnungen, darunter Großbritannien, die EU und Hongkong Kong (und die USA werden wahrscheinlich nachziehen)4.

Die Regulierung zu ESG-Themen hat sich bisher überwiegend auf das „E“ und das „G“ konzentriert – was wir auch in Bezug auf die Verfügbarkeit von Unternehmensdaten sehen. Dies liegt zum Teil daran, dass soziale Fragen etwas schwieriger zu definieren und qualitativ hochwertiger sind. Das zeigt sich auch an der Diskrepanz zwischen den Standards und Ratings, die den Anlegern zwischen „E“, „S“ und „G“’ zur Verfügung stehen. Die Finanz- und Anlagewelt hat eine Reihe von Instrumenten zur Messung und Berichterstattung von Umweltauswirkungen (z.B. CO2-Fußabdruck) identifiziert. Die Sozialberichterstattung hinkt hier weit hinterher, und es ist noch wenig Konsens darüber erzielt worden, wie oder was Unternehmen berichten sollten.

Aber das ändert sich. Die Regulierung wird im Hinblick auf soziale Belange stärker definiert und – wie schon bei der Umweltberichterstattung – entwickelt sich die Sozialberichterstattung von der Freiwilligkeit zur Verpflichtung. In Europa wird beispielsweise erwartet, dass die Europäische Kommission bald eine Richtlinie herausgibt, die eine Sorgfaltspflicht für Unternehmen mit Sitz (oder mit Niederlassungen) in der EU vorsieht5. Die im März 2021 in Kraft getretene EU-Offenlegungsverordnung für nachhaltige Finanzen (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) verpflichtet die Finanzmarktteilnehmer, über die Nachhaltigkeit ihrer Fonds – einschließlich negativer Auswirkungen – zu berichten und dort zahlreiche soziale Aspekte mit abzudecken. Die erste obligatorische Berichterstattung soll im Juli 2022 erfolgen6.

Mit der EU-Taxonomie-Verordnung wurde das Fundament für mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft gelegt. Sie ist ein Klassifizierungssystem für ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten und bildet einen Rahmen, anhand dessen wirtschaftliche Aktivitäten als nachhaltig oder nicht nachhaltig beurteilt werden können. Während sie sich derzeit nur auf die Ermittlung detaillierter Kriterien für die ökologische Nachhaltigkeit konzentriert, werden in den nächsten Schritten soziale Kriterien berücksichtigt.

Die Lücke schließen

Im Jahr 2015 hat die internationale Gemeinschaft die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ins Leben gerufen, in Anerkennung der Notwendigkeit, das zukünftige Wohlergehen unserer Gesellschaften zu sichern. Für Unternehmen und Investoren bieten die SDGs einen Rahmen, mit dem sie die langfristige Wertschöpfung mit den drängendsten Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang bringen können. Um die Ziele der SDGs bis 2030 zu erreichen, sind geschätzte jährliche Investitionen in Höhe von 5 bis 7 Bio. US-Dollar erforderlich. Die aktuellen Investitionen in SDG-bezogene Themen belaufen sich auf 3 Bio. US-Dollar pro Jahr, was eine jährliche Investitionslücke von 2 bis 4 Bio. US-Dollar hinterlässt7. Während die meisten ESG-Zuflüsse auf das „E“ in ESG ausgerichtet sind, orientieren sich 11 der 17 SDGs an der Stärkung sozialer Belange. Wir glauben, dass dies eine große Chance für Unternehmen darstellt, die diesen Bedarf erfüllen können. Für Investoren bedeutet dies, die bestehende finanzielle Kluft zu überbrücken, indem sie die Unternehmen unterstützen, die soziale Güter und Dienstleistungen anbieten. Dabei geht es nicht nur um die Priorisierung sozialer Fragen, sondern auch darum, ob es finanziell Sinn macht.

Vor allem für die Jüngeren werden soziale Aspekte immer wichtiger

Die jüngsten Bewegungen und Initiativen für soziale Gerechtigkeit und die Call-out-Kultur betonen, dass die Menschen mehr von den Unternehmen verlangen. In der Tat unterstreicht ein Bericht der OECD die Tatsache, dass Investoren zunehmend beides suchen: eine langfristig bessere Rendite und zudem eine gesellschaftliche Ausrichtung ihrer Investitionen, um die finanziellen und sozialen Renditen zu maximieren8. Dies gilt insbesondere für jüngere Anleger, die „den Maßnahmen der Unternehmen als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie und die unverhältnismäßigen finanziellen und sozialen Widrigkeiten von Covid-19“9 stärkere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da Millennials in den nächsten 40 Jahren 30 Billionen US-Dollar erben werden10, ist dies eine klare Gelegenheit, die Unternehmen und Investoren nutzen können, um die Nachfrage zu decken.

Jetzt ist die Zeit zu handeln

Auch wenn bisher die soziale Säule bei den Investitionszuflüssen vernachlässigt wurde, so hat sich der Anwendungsbereich von „S“ in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend erweitert. Darin erkennt man das sich entwickelnde Geschäftsumfeld des 21. Jahrhunderts, in dem Unternehmen und Märkte zunehmend miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Ungleichheiten im Gesundheitswesen, im Bildungswesen und im Arbeitsschutz ist es unabdingbar, in Unternehmen zu investieren, die Lösungen für das „S“ priorisieren oder anbieten, wenn wir einen wirklichen Wandel zum Besseren erreichen wollen. Wir bei Nordea glauben, dass hinter diesem Megatrend eine spannende Investitionsmöglichkeit steckt. Jetzt ist die Zeit zu handeln.


Autor: Johannes Haubrich, Head of Product Management Fixed Income & Equity bei Nordea Investment Funds S.A.

1) Bloomberg Intelligence, ESG assets may hit $53 trn by 2025, a third of global AUM, 23 Feb 2021.
2) UNPRI, ‘ESG Integration: How Are Social Issues Influencing Investment Decisions?’ (2017)
3) Marina Apaydin et al, ‘The importance of Corporate Social Responsibility Strategic Fit and Times of Economic Hardship’ (2021) British Journal of Management, Vol.32, 399–415; Gunnar Friede et al, ‘ESG and Financial Performance: Aggregated Evidence from More than 2000 Empirical Studies’ (2015) Journal of Sustainable Finance & Investment, Vol.5, Issue 4, 210-233
4) Raconteur, ‘Sustainable Investing 2021’ (The Sunday Times, 14 February 2021)
5) Jacquelyn MacLennan et al, ‘Pressure mounts on EU regulator to deliver on Mandatory Human Rights, Environmental and Governance Due Diligence’ White & Case (17 March 2021)
6) PWC, ‘Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR)’ (2020)
7) Gemäß UNCTAD
8) OECD (2020), OECD Business and Finance Outlook 2020: Sustainable and Resilient Finance, OECD Publishing, Paris
9) Peter Goncalves, ‘ESG investors prioritising climate change over diversity – research’ (Investment Week, 20 May 2021)
10) N 9 (NYU Stern)

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