Welche Wirkung hat Mikrofinanzierung auf die Sustainable Development Goals?

Die Sustainable Development Goals (SDGs) erfreuen sich am Kapitalmarkt wachsender Beliebtheit. Auch Mikrofinanzfonds nutzen das Rahmenwerk, um die positive Wirkung ihrer Investitionen darzustellen. Doch welchen Beitrag kann Mikrofinanzierung tatsächlich leisten, um die Welt nachhaltiger zu gestalten? Was sind Potenziale, aber auch Grenzen dieser Art von Anlagen?

Dazu spricht altii mit Rebecca Weber, Co-Teamleiterin Nachhaltigkeitsresearch sowie Stefan Fritz, Spezialist Investmentfonds GLS Investment Management GmbH.

Herr Fritz, Mikrofinanzierung gilt ja als eine klassische Form des Impact Investing. Sogar wird sie explizit in den Sustainable Development Goals genannt, beispielsweise bei SDG 1, Keine Armut. Trägt Mikrofinanzierung aktiv zur Bekämpfung von Armut bei?

Stefan Fritz: Unbestritten ist in den Anfangsjahren der Mikrofinanz, also 1970er Jahren in Bangladesch, dies ein wesentliches Argument für diese damals neue Finanzierungsform gewesen. Auch heute existiert mitunter die Wahrnehmung, dass Mikrofinanz ein wirksames Mittel zur Bekämpfung von Armut sei.

Doch leider ist dies aus wissenschaftlicher Sicht schwer zu belegen. Als wir unseren Mikrofinanzfonds Ende 2015 aufgelegt haben, haben wir eine Studie in Auftrag gegeben, um zu prüfen, was wir mit einem Engagement in diesem Bereich bewirken können.

Die Ergebnisse der Forschung zu Mikrofinanz als Mittel der Armutsbekämpfung waren doch ernüchternd. Systematische Erhebungen, wie Mikrofinanzierung einen positiven Einfluss auf die Einkommensverhältnisse von Kreditnehmer*innen hat, gab es wenige. Wissenschaftliche Instrumente waren nicht ausgereift, Untersuchungsmethoden unterschieden sich, es gab nur sehr wenige so genannte randomisierte Kontrollgruppen, um positive Effekte zu validieren. Es zeigte sich, dass ein anderer Aspekt vordringlich ist.

Und der wäre?

Rebecca Weber: Bevor wir über die positiven Effekte von Mikrofinanz sprechen, ist es entscheidend, dass negative Effekte bestmöglich vermieden werden. Insbesondere müssen die Empfänger der Mikrokredite geschützt werden.

Zunächst geht es also um faire Kreditkonditionen: Wir achten darauf, dass die Kreditkonditionen im lokalen Kontext angemessen sind. Das betrifft sowohl die Höhe der Zinsen als auch die Zahlungsbedingungen.

Sehr wichtig ist dann, eine Überschuldung der Kreditnehmer*innen zu vermeiden. Dazu gibt es ja auch immer wieder kritische Berichte in den Medien, dass Menschen Kredite erhalten, die überhaupt nicht dazu in der Lage sind, die Schuldenlast zu tragen.. Wir verwenden hier den so genannten Mimosa-Score, um den Überschuldungsgrad in klassischen Mikrofinanzländern zu ermitteln oder sind in kritischen Fällen mit NGOs oder Instituten vor Ort aktiv im Dialog.

Wenn all dies sichergestellt wird, wie schaffen Sie dennoch einen positiven Beitrag zu den SDGs?

Stefan Fritz: Bei Mikrofinanzierung geht es um finanzielle Inklusion, also den angemessenen Zugang zu Finanzdienstleistungen für Menschen, die andernfalls keinen Zugang zu diesen Finanzdienstleistungen erhalten würden. Ich möchte dies am Beispiel von Georgian Credit erläutern. Dieses eher kleine Institut in Georgien vergibt Kleinstkredite an Kleinbäuer*innen, die von konventionellen Banken schwerlich Geld erhalten hätten. Mehr noch: Die Kreditkonditionen sind an den Erntezyklen angepasst. Sie müssen die Zinsen also erst nach der Ernte bezahlen. Ebenfalls bietet das Institut eine Versicherung an, welche ihren Kund*innen bei Extremwetter die verlorene Ernte ersetzt. Die Kleinbäuer*innen können somit in finanzieller Sicherheit Gemüse anbauen. Dies zahlt also eher auf Ziel 2, kein Hunger, sowie Ziel 13, Maßnahmen zum Klimaschutz, ein, da es verwundbaren Menschen die Möglichkeit gibt, sich gegen Klimarisiken abzusichern.

Häufig wird auch davon gesprochen, dass Mikrofinanz einen Beitrag zur Geschlechtergerechtigkeit, sprich SDG 5 leisten kann. Hätten Sie auch dazu ein Beispiel? 

Rebecca Weber: In der Tat beabsichtigen viele Mikrofinanzinstitute eine verbesserte finanzielle Teilhabe von Frauen. Ein gutes Beispiel ist die Small Enterprise Foundation NPC (SEF), eine Nichtregierungsorganisation, die 1992 von John De Wit und Matome Malatji gegründet wurde.

Das Institut ist in Südafrika beheimatet. In Südafrika herrscht keine ausgeprägte Sparkultur wie beispielsweise in vielen westlichen Ländern. Nur ein Drittel der Einwohner zahlt Geld auf Sparkonten ein. Die langfristige Sparquote gehört zu einer der geringsten auf der Welt. Aus diesem Grund bietet die SEF Sparprodukte sowie Trainings in Finanzangelegenheiten und Gleichberechtigung an, und zwar ausschließlich an Gruppen von Frauen in ländlichen Gebieten. Themen sind Sparverhalten, HIV-Prävention oder Geschlechtergerechtigkeit. In der Folge besitzen die finanzierten Frauen finanzielle Möglichkeiten sowie auch ökonomische Bildung, ein erfolgreiches Gewerbe zu betreiben. Dies wiederum stärkt ihre Position in der Familie und Gemeinschaft.

Schulung ist ein gutes Stichwort. Können Mikrofinanzfonds auch selbst mit Maßnahmen vor Ort Kleinstkreditnehmer*innen vor Ort fördern?

Stefan Fritz: Mikrofinanzfonds haben die Möglichkeit, ein Instrument aus der Entwicklungszusammenarbeit zu nutzen, die so genannte Technical Assistance. Dies sind auf maßgeschneiderte Schulungs- und Weiterbildungsmaßnahmen, mit denen Mitarbeitende in den Instituten aber auch Kleinstkreditnehmer*innen gefördert werden können.

In vielen Ländern des globalen Südens nutzen Kleinbäuer*innen Pestizide. Alternative Düngemethoden sind ihnen nicht vertraut. Deswegen hat 2020 und 2021 der GLS AI – Mikrofinanzfonds Trainings in Nicaragua,Ecuador und Peru organisiert, mit denen der ökologische Einsatz von Düngemitteln vermittelt wurde. Dabei wurden leicht verständliche Informationsbroschüren erstellt und auch ganz praktisch auf den Feldern erklärt, wie die Düngemittel eingesetzt werden müssen. Diese Maßnahmen haben positive Effekte. Zum einen ermöglichen sie menschenwürdigere Arbeitsbedingungen, dann geringere Gesundheitsrisiken sowie natürlich eine nachhaltigere Feldbewirtschaftung mit geringeren Auswirkungen auf die Biodiversität.

Übersicht: Primärer Beitrag von Mikrofinanz zu den Sustainable Development Goals

 

Das klingt alles nach sehr positiven Maßnahmen und Ideen. Wie weisen Sie nach, dass Sie am Ende auch wirklich etwas bewirken?

Rebecca Weber: Der Begriff Wirkung ist am Kapitalmarkt ja in aller Munde. Umso vorsichtiger sollten wir als Anbieter damit umgehen, um Anleger*innen nicht in die Irre zu führen.

Mikrofinanzfonds sind gewissermaßen ja schon die Vorreiter des Impact Investing. In diesem Feld sind sie Wertpapierfonds doch weit voraus. Trotzdem ist die Wirkungsmessung auch hier eine Herausforderung. Es ist relativ einfach, das Volumen von Krediten zu erfassen und zu berichten oder auch, wieviel Mittel für Technical Assistance aufgewendet werden. Das wäre der Input. Auch lässt sich, häufig durch Schätzungen und Mittelwerte errechnen, wie viele Endkreditnehmer erreicht werden können, wie hoch ihr Sparvolumen ist, oder welche Personengruppe erreicht werden. Diese Output-Indikatoren werden nicht selten als Impact-Indikatoren dargestellt. Doch da endet die Wirkungskette noch lange nicht. 

Es soll ja eine bewusste Veränderung angestoßen werden, z.B. der wirtschaftliche Erfolg der Kreditnehmer, eine Einkommenssteigerung durch Kredite, die Fähigkeit der Kreditnehmer, durch Versicherungen und Sparen auch krisenresistent zu sein, etc. Dies ist der Outcome. Erst wenn dieser ausgelöst wird, dann kann es zu einem Impact kommen. Das Wohlergehen der Kreditnehmer kann durch eine erhöhte Teilhabe und Resilienz erreicht werden.

Die Kernfrage für Anbieter von Mikrofinanzfonds ist somit, wie sie den Outcome gezielt durch Mikrokredite fördern können.

Wie ist ihre Antwort darauf?

Rebecca Weber: Wir bleiben nicht beim Output stehen, sondern bemühen uns darum, durch verschiedene Maßnahmen gezielt auf den Outcome hinzuwirken. Dies nennen wir “Wirkhebel” oder “ermöglichende Faktoren”. Das beginnt damit, dass wir bei der Auswahl der Mikrokredite zusätzliche Positivkriterien anwenden. Wir schauen genau hin, ob die Institute bewusst Versicherungen oder auch Sparangebote im Sortiment haben, ob es Beratungsangebote hat, vor allem für Frauen oder die ländliche Bevölkerung. Ganz wichtig sind hier, ich sprach es eingangs an, die strikte Beachtung von Negativkriterien, also das Vermeiden von Überschuldung, Raubbau an Wäldern, etc. Ein weiterer Punkt sind Lokalwährungskredite, mit denen wir verbesserte Refinanzierungsbedingungen für die Institute vor Ort sicherstellen.

Und wie berichten Sie darüber?

Stefan Fritz: Eine quantitative Darstellung von Indikatoren ist mitunter schwierig, da muss man ehrlich sein. Natürlich stellen wir wie auch unsere Wettbewerber einige Output-Indikatoren in unserem Monatsbericht dar. Darüber hinaus stellen wir qualitativ einzelne Institute sowie Geschichten über Endkreditnehmer*innen in unseren Informationsbroschüren vor.

Zusätzlich berichten wir in unserem Investitionsbericht darüber, wie viele Lokalwährungskredite wir vergeben haben und auf wie viele Positivkriterien die von uns finanzierten Institute einzahlen.

Zum Schluss: Versetzen Sie sich in die Lage eines Anlageberaters bzw. einer Anlageberaterin. Angesichts dieser Informationen, wie empfehlen Sie ihm, das Thema Mikrofinanz Kund*innen zu vermitteln?

Stefan Fritz: Ich würde Anlageberater*innen Folgende 5 Anregungen gerne mitgeben. Zum einen ist Mikrofinanzierung natürlich ein Impact Investing im klassischen Sinne. Das Geld fließt direkt zu den Instituten und dann den Endkreditnehmer*innen. Zum zweiten sollten Anlageberater*innen aufpassen, Mikrofinanz nicht als Mittel zur Armutsbekämpfung darzustellen. Sie sollten besser von finanzieller Teilhabe sprechen. Drittens sollten sie auch darauf hinweisen, wie Anbieter von Mikrofinanzfonds gezielt Schaden abwenden. Viertens sollten sie ehrlich zeigen, welche Wirkung nachweisbar ist – und welche nicht. Die Industrie ist noch am Anfang, die Datenlage schwierig. Ein Beispiel sagt manchmal mehr als 1.000 geschätzte Kennzahlen. Sprechen Sie von SEF oder auch der Schulung zum Umgang mit Düngemitteln. Das macht es für Kundinnen und Kunden erlebbar. Last but not least: lassen sie sich nicht von der Regulatorik verunsichern. Mikrofinanz ist nicht im Visier der Aufsichtsbehörden. Deswegen passen die Gesetzestexte alle nicht so recht auf Mikrofinanzfonds. Sich auf eine Zahl oder einen Artikel 8 oder 9 zu verlassen, könnte trügerisch sein. 

Frau Weber, Herr Fritz, vielen Dank für das Gespräch.


Über Rebecca Weber

Rebecca Paloma Weber ist Co-Leiterin des Nachhaltigkeitsresearch der GLS Investment Management GmbH. Rebecca Weber ist Expertin für Mikrofinanz und Entwicklungsfinanzierung. Sie ist Vorsitzende des Anlagebeirats des GLS Alternative Investments – Mikrofinanzfonds und Mitglied im Kriterienausschuss des Fair World Fonds.

Über Stefan Fritz

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds mit Fokus Sustainable Finance Regulatorik, Prozessmanagement und Fachkommunikation der GLS Investment Management GmbH. In den Jahren 2015 bis 2018 war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete und für das Audit des FNG-Siegels zuständig war.

Über die GLS Investments

Die GLS Investment Management GmbH, kurz GLS Investments, vereint als 100%ige Tochter der GLS Bank die Kompetenzen zum Management sozial-ökologischer Investmentfonds. Sie gehört zu den strengsten Akteuren am Markt und ist verantwortlich für das GLS Anlageuniversum, das auf Basis eines mehrstufigen, integrierten sozial-ökologischen Auswahlprozesses erfolgt. Anschließend prüft und bewertet ein Team aus Finanzspezialisten die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Unternehmen. Diese Expertise fließt in das Management der vier bereits bestehenden Investmentfonds. Die GLS Investments hat ihren Sitz in Bochum und ist weltweit tätig. Die bisher aufgelegten Investmentfonds investieren aktuell rund 1,2 Mrd. Euro in Unternehmen und Länder, die eine positive gesellschaftliche Wirkung entfalten und nachhaltige Entwicklung fördern (Stand: 08.10.2021).
Mehr Informationen unter: www.gls-investments.de und kontakt@gls-investments.de

Anmeldung zum Newsletter: http://newsletter.gls.de/f/165422-291881/

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Sie finanziert nur sozial-ökologische Unternehmen und macht ihre Geschäfte umfassend transparent. Dabei bietet die Bank alle Leistungen einer modernen Bank: Girokonten, nachhaltige Fonds, Vorsorge und vieles mehr. Als Genossenschaftsbank kann jeder Anteile zeichnen und mitbestimmen. Über ihre Partnerin GLS Treuhand ist der Bereich Stiften und Schenken abgedeckt. Die GLS Bank hat ihren Sitz in Bochum und Standorte in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, München und Stuttgart.

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