Hohe Renditen, hohes Risiko?

Emerging Markets sind für viele institutionellen Investoren bereits eine etablierte Assetklasse. Spannender sind die ­Frontier Markets – Länder, mit einem geringen Pro-Kopf-Einkommen und politischen Unsicherheiten. Andererseits weisen ­diese Länder ein hohes Wirtschaftswachstum und oftmals eine geringe Staatsverschuldung auf. Beste Voraussetzungen für ­institutionelle ­Investoren, die hochverzinste Anleihen im Portfolio haben möchten. 

altii: Herr Scheepe, wie definieren Sie Frontier Markets?
Roy Scheepe: Es gibt keine eindeutige Definition. Ganz allgemein sind es zumeist kleinere Länder, die ein niedriges bis mittleres Einkommensniveau haben, unterentwickelte Finanz­märkte und nur wenige Unternehmen, die börsennotiert sind. Sie starten wirtschaftlich auf einer sehr niedrigen Basis, aber wir glauben, dass sie substanziell wachsen werden. 
Es gibt weltweit eine Gruppe von Ländern, die eine gewaltige Entwicklung vor sich hat. Aber anders als im vorherigen Zyklus sind sie weniger in Asien zu finden als vielmehr in Afrika. Wir denken da an Länder wie Mozambique, die Elfenbeinküste oder Angola. Diese Länder klingen heute noch recht exotisch. Aber das klangen Brasilien, Indien, China oder Indonesien vor 20 Jahren auch. Damals waren das für uns Frontier Markets. Wir haben es hier mit der nächsten Generation der Emerging Markets zu tun. 

altii: Sind Investments in diesen Ländern nicht besonders risikoreich?
Scheepe: In diesem frühen Stadium der Entwicklung gibt es sehr große politische Unsicher­heit. Oftmals ist alles sehr intransparent. Also ja, es gibt einige Risiken, wenn man in diese Länder investiert. Aber wir glauben, dass viele dieser Risiken als zu hoch eingeschätzt werden. 

altii: Wo zum Beispiel?
Scheepe: Nehmen Sie etwa Nigeria, ein etwas etablierterer Frontier Market. Hier hören sie derzeit nur schlechte Nachrichten über entführte Menschen und Terroranschläge. Das macht es für Investoren nicht gerade attraktiv, dort zu investieren. Wenn man aber genauer auf die wirtschaftlichen Daten schaut, sind die keineswegs so negativ. 
Gleiches gilt für Myanmar. Das Land war 20 Jahre lang isoliert. Nun sehen wir langsam positive Aktivitäten, wie den Versuch, eine Aktienbörse aufzubauen. Myanmar ist reich an Mineralien. Ich wäre nicht überrascht, wenn das Land bald eine Anleihe begeben würde – vielleicht nicht in diesem Jahr, aber im nächsten. Für uns ist der positive Trend entscheidend.

altii: Dennoch scheuen sich viele Anleger, in diese Länder zu investieren.
Scheepe: Viele Investoren glauben, dass diese Länder schlechte Schuldner sind. Dabei ist deren Zahlungsfähigkeit besser, als allgemein erwartet wird. Eine beachtliche Zahl dieser Länder hat eine geringe Staatsverschuldung, weil sie noch keine Anleihen begeben haben. Einige von ihnen haben sogar nennenswerte Währungsreserven, weil sie Güter exportieren. Damit ist deren Fähigkeit, Schulden zu bedienen, relativ hoch. Außerdem sind die Regierungen nicht dumm. Wenn Sie schon in dieser frühen Phase ihre Schulden nicht zurückzahlen würden, würden sie sich schwer tun, weitere Bonds zu begeben. 

altii: Was macht die Länder noch interessant?
Scheepe: Interessant ist auch, dass einige dieser Länder nicht so sehr davon abhängig sind, was in der Welt vor sich geht. Ob etwa das Wachstum in China zurückgeht, hat kaum Einfluss auf diese Länder. Sie haben ihr eigenes Momentum. 

altii: In der Vergangenheit hat man aber gesehen, dass insbesondere Maßnahmen der US-Notenbank durchaus Einfluss auf die Entwicklungsländer haben.
Scheepe: Das ist richtig. In den letzten 20 Jahren wurden die Emerging Markets immer mehr in die globalen Entwicklungen integriert. Der Einfluss auf die Frontier-Länder ist aber noch sehr gering. Vielleicht ist das in zehn oder 15 Jahren anders. Ich sage nicht, dass sie immun gegen Einflüsse sind, aber sie reagieren weniger stark. Die meisten dieser Länder sind relativ klein. Was an der Elfenbeinküste passiert, hat keinen Einfluss auf den Lauf der Welt. 

altii: Welche Länder haben Sie derzeit im Fokus?
Scheepe: Momentan sind es 29 Länder, darunter beispielsweise Angola, die Dominikanische Republik, Georgien, Ghana, Belize bis hin zu Vietnam und Sambia. Die Liste wird aber immer länger. Wir glauben, dass etwa Kenia bald an den Markt gehen wird. Ruanda hat vor Kurzem Anleihen begeben. Sie alle profitieren vom wachsenden Interesse der Investoren. Je mehr die Nachfrage steigt, desto mehr trauen sich diese Länder, Anleihen an den Markt zu bringen. 

altii: Sie kaufen hauptsächlich Staatsanleihen in diesen Ländern. Wie suchen Sie diese aus?
Scheepe: Wenn Länder ihre ersten Bonds begeben, wie etwa Ruanda, schauen wir natürlich auf die fundamentalen wirtschaftlichen Daten. Dann fragen wir uns, warum will das Land eine Anleihe begeben. Soll mit dem Geld ein Flughafen oder eine Eisenbahn gebaut werden, oder will sich der Präsident einen weiteren Palast gönnen? Wenn es für den Ausbau der Infrastruktur verwendet wird, kann das ein guter Katalysator für weiteres Wachstum sein. Solche Investments sorgen für hohe Produktivitätsgewinne. Die Regierung wird das natürlich nicht offen sagen, aber man bekommt schon eine Idee dafür, wofür das Geld verwendet wird.

altii: Was macht Anleihe-Investments attraktiver als Investitionen in die Aktienmärkte oder über Private Equity direkt in die Infrastruktur dieser Länder?
Scheepe: Alle diese Investments haben Vor- und Nachteile. Aktien aus den Frontiers Markets sind deutlich volatiler als Fremdkapital. Eine Vielzahl unserer Kunden ist indes sehr interessiert daran, in Hochzinsanlagen zu gehen, weil die Zinsen in den USA oder in Europa so niedrig sind. Sie bekommen in den Frontier Markets einen signifikanten Zinsvorteil. 

altii: Wie hoch fällt der aus?
Scheepe: Es gibt einen Unterschied zwischen den Hartwährungsanleihen, die zumeist in US-Dollar oder auch in Euro aufgelegt werden, und Bonds in den lokalen Währungen. US-Dollar-Bonds haben kein Währungsrisiko. Dafür bekommen Investoren etwa bei einem US-Dollar-Bond aus Nigeria einen Zinsaufschlag von vier bis fünf Prozentpunkten gegenüber einer US-Staatsanleihe. 

altii: Sehen Sie einen langfristigen Trend, in diese Länder zu investieren, oder ist das nur der momentanen Suche nach höheren Renditen geschuldet und das Geld fließt wieder ab, sobald es andernorts wieder mehr Zinsen gibt?
Scheepe: Das ist die Frage. Es gibt im Moment heißes Geld, das in diese Märkte fließt. Teilweise besteht die Gefahr, dass dieses Geld wieder abfließt. Aber es gibt auch viele Anleger, die langfristig investieren. Einige unserer Kunden haben lange Zeit in die Emerging Markets investiert und das Auf und Ab gesehen. Nun schauen sie, wo es das nächste Wachstumsmoment gibt. Die Frontier Markets haben dieses Potenzial. 

altii: Wie viele Fonds sind in diesem Bereich aktiv? 
Scheepe: Wir stehen ganz am Anfang einer Entwicklung. Als wir unseren Fonds Ende vergangenen Jahres konzipierten, haben wir zwei weitere Fonds identifiziert. Einer ist mit 500 Millionen Dollar schon sehr groß, hat aber seinen Fokus auf den lokalen Währungen. Wir konzentrieren uns auf harte Währungen. Wir finden das gut so. Dann haben Investoren die Wahl.

altii: Gibt es denn genug Chancen für mehrere Fonds?
Scheepe: Die Märkte sind noch sehr klein. Sie machen weniger als zehn Prozent der gesamten Emerging Markets aus. Daher sind wir nicht unglücklich, wenn das Interesse noch nicht allzu groß ist. Der Diversifizierung kommt in diesen Märkten eine besondere Bedeutung zu. Die Liquidität ist geringer als in anderen Märkten. Wir wollen ja nicht nur attraktive Bonds kaufen, wir wollen sie auch wieder verkaufen können. 

altii: Wie hat sich Ihr Fonds bislang entwickelt?
Scheepe: Die gesamte Assetklasse hat sich in den letzten Monaten sehr gut entwickelt. Seit Dezember liegen wir beinahe zehn Prozent im Plus. Wir erwarten noch zwei bis drei Prozentpunkte mehr im Laufe des Jahres. Aber jeder Investor muss sich bewusst sein, dass es Risiken gibt. Insbesondere das Liquiditätsrisiko ist hoch. Langfristig gibt es hingegen keinen Grund, weshalb diese Assetklasse nicht ebenso gut laufen sollte wie die Emerging Markets.

 

Im Interview: 

Roy Scheepe
ist Senior Client Portfolio Manager, Emerging Markets Debt-Strategien bei ING IM. Er ist unter anderem verantwortlich für den ING Fund Renta Frontier Markets Debt, der in die Frontier Markets investiert. Zuvor war Scheepe bei der ING für die asiatischen Märkte zuständig. Er verfügt über fast 30 Jahre Investmenterfahrung.

ING Investment Management
ist ein globaler Asset Manager und Teil der ING Group, einem globalen Finanzdienstleister. ING IM International hat seinen Hauptsitz in Den Haag, in den Niederlanden, und verwaltet weltweit ca.168 Milliarden Euro (31. März 2014) Assets under Management für institutionelle Kunden und Privatanleger. ING IM International beschäftigt mehr als 1.100 Mitarbeiter und ist in 18 Ländern in Europa, im Nahen Osten, Asien und den USA vertreten.