Nachhaltig Investieren: Elektromobilität

von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment bei der Raiffeisen KAG.

Der Verkehrssektor ist ein wesentlicher und zugleich auch wachsender Verursacher von Treibhausgasemissionen. Im Jahr 2015 war der Verkehr laut dem Klimaschutzbericht 2017 des Umweltbundesamts – ohne Berücksichtigung des Emissionshandels – für 44,7 % der Treibhausgasemissionen in Österreich verantwortlich. Der laufende technologische Fortschritt bei Antriebstechnologien, die auf fossilen Energieträgern basieren, ist zwar vorhanden, reicht aber zur Erreichung der Klimaschutzziele bei weitem nicht aus. In Österreich betrug die Abnahme der CO2-Emissionen von 2000 bis 2016 gemäß des Sachstandsberichtes Mobilität des Umweltbundesamtes 2019 für neu zugelassene PKWs im Durchschnitt rund 1,6 % pro Jahr. Österreich hat für das Jahr 2050 das Ziel eines weitestgehend klimaneutralen Verkehrssektors formuliert. Maßnahmen sind eine Verkehrsverlagerung, die Forcierung des öffentlichen Verkehrs, die Förderung der aktiven Mobilitätsformen und vor allem auch der Umstieg auf Nullemissionsfahrzeuge, die auf erneuerbarer Energie basieren.

EFFIZIENTE TECHNOLOGIE

Grundsätzlich basieren die Emissionen des Verkehrssektors zu einem wesentlichen Teil auf den Antriebssystemen der Fahrzeuge, wobei das Verkehrssystem gegenwärtig von Verbrennungskraftmotoren geprägt ist. Wegen des erzielten thermodynamischen Wirkungsgrades von lediglich 45 % geht bei diesem Mobilitätskonzept jedoch mehr als die Hälfte der eingesetzten Energiemenge verloren. Demgegenüber liegt die Effizienz eines Elektromotors bei etwa 95 %. Neben dem elektrischen Antrieb zählen auch wasserstoffbasierte Konzepte zu den „sauberen“ Alternativtechnologien, die umfangreiches Potenzial aufweisen. Voraussetzungen für den kurz- bis mittelfristigen Erfolg der E-Mobilität als aktuell im Fokus stehende Alternativtechnologie – sprich für die verstärkte Durchdringung des Marktes – sind das Vorhandensein einer geeigneten Infrastruktur sowie Anreizmodelle, die von Steuervorteilen über sonstige Bevorzugungen wie der Verwendung von Busspuren und dem kostenlosen Parken bis zum Nutzen öffentlicher Ladestationen reichen können.

Weitere Vorteile von Elektromotoren gegenüber dem Verbrennungsmotor sind die einfachere Bauart, die geringere Wartungsintensität, weniger Lärmentwicklung und die lokale Emissionsfreiheit. Aktuell sind große Fortschritte in der Batterietechnologie zu beobachten; Nachteile, wie lange Ladezeiten und kurze Reichweiten im Fahrzeugbetrieb durch beschränkte Energiedichte, verschwinden zusehends. Damit könnte sich die Herstellung eines Elektrofahrzeugs aus Sicht des Umweltbundesamtes in absehbarer Zeit kostengünstiger darstellen als die Produktion von Fahrzeugen mit Verbrennungskraftmaschinen mit zudem immer aufwändigeren Abgasnachbehandlungssystemen.

Neben der Thematik der Treibhausgase kann die Elektromobilität auch dabei behilflich sein, viele andere negative Auswirkungen des Straßenverkehrs zu reduzieren. Bei Elektrofahrzeugen beschränken sich die Luftschadstoffemissionen auf den Abrieb und die Wiederaufwirbelung von Feinstaub. Den genannten Vorteilen von Elektrofahrzeugen – Verbesserung der Luftqualität und Reduktion des Lärmes –, vor allem in urbanen Räumen, steht bei der Frage der Klimaverträglichkeit eine allgemeinere Betrachtung gegenüber. Die Gesamtanalyse zeigt, dass sich beim Einsatz von Elektrofahrzeugen Teile der Umweltprobleme in vorgelagerte Prozesse und andere Teile der Wer tschöpfungskette verschieben. Hierzu zählen Aspekte der Fahrzeugproduktion und der Erzeugung der Batteriesysteme, aber auch die Produktion des verwendeten Stroms. Das Potenzial der Elektromobilität kann nur dann wirklich ausgeschöpft werden, wenn der eingesetzte Strom zu 100 % aus erneuerbaren Quellen stammt.

MISSION 2030

In der Statistik finden sich etwaige Emissionen aus der Stromproduktion und -bereitstellung für Elektromobilität gemäß der internationalen Berichtspflichten nicht im Bereich Verkehr, sondern im Sektor Energieaufbringung wieder. In diesem Zusammenhang gewinnt die Zielsetzung der Bundesregierung, festgehalten in der sogenannten #mission2030, der österreichischen Klima- und Energiestrategie, zusätzlich an Bedeutung: der nationale Gesamtstromverbrauch soll bis 2030 zu 100 % (national bilanziell) aus erneuerbaren Energiequellen gedeckt werden. Für eine erweiter te ökologische Beur teilung ist neben den bei der Energieerzeugung anfallenden Emissionen auch die ausreichende Nutzungshäufigkeit des jeweiligen Fahrzeuges relevant. Für eine tatsächliche CO2-Einsparung durch Elektromobilität ist eine ausreichende Nutzungsintensität notwendig, die, bezogen auf die gesamte Nutzungsdauer, je nach Strom-Mix, bei 30.000 gefahrenen Kilometern beginnt und bei durchschnittlichem Strom-Mix bei 100.000 Kilometern liegt.

Derzeit dreht sich die Diskussion über eine Förderung von sauberen Energien vor allem um die Elektrifizierung des Verkehrs und in diesem Zusammenhang um eine Beschränkung auf die Segmente Personenkraftwagen (PKW) und leichte Nutzfahrzeuge (LNF). In diesen Bereichen scheinen die technologischen Entwicklungen am weitesten fortgeschritten, außerdem existieren Fördermaßnahmen und Programme auf politischer Ebene. Aus heutiger Sicht wird der Güterverkehr und damit verbunden die Elektrifizierung von Lastkraftwagen (LKW) erst im Zeitraum nach 2030 an Bedeutung gewinnen.

1,2 MILLIONEN E-FAHRZEUGE BIS 2030

Das vom Umweltbundesamt im Rahmen des Sachstandsberichtes Mobilität untersuchte Szenario auf Basis der aktuell bestehenden Maßnahmen, ohne zusätzliche Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität, geht davon aus, dass die Fahrzeugbestände bis zum Jahr 2020 auf etwa 70.000 vollelektrische Fahrzeuge (BEV) und Plug-In-Hybridfahrzeuge (PHEV) anwachsen werden. Im nächsten Schritt wird im Jahr 2030 bereits mit knapp 1,2 Millionen teil- und vollelektrischen Fahrzeugen gerechnet.

Für 2050 ergeben die Schätzungen dann beinahe 4,5 Millionen BEV und PHEV im PKW-Bereich. Dies entspricht bei einem weiter wachsenden Fahrzeugbestand einem Anteil von 69 % der Gesamtfahrzeugflotte.

Allerdings könnte man auch mit der Erreichung dieser Zahlen die angepeilte, annähernd vollständige Dekarbonisierung des PKW-Verkehrs bis 2050 nicht bewältigen. Im genannten Szenario würden die bisherigen Maßnahmen zur Förderung der Elektromobilität in der derzeitigen Intensität fortgeführt. Dies würde eine Fortführung der ökonomischen Rahmenbedingungen, wie die Ausfälle bei Einnahmen aus der Mineralölsteuer, Sachbezugsregelung, Vorsteuerabzugsfähigkeit, Förderung von gewerblich und privat genutzten Elektrofahrzeugen sowie die Umsetzung der Maßnahmen des Umsetzungsplans Elektromobilität sowie des nationalen Strategierahmens Saubere Energie im Verkehr als Umsetzung der Richtlinie 2014/94/EU der Europäischen Union über den Aufbau der Infrastruktur für alternative Kraftstoffe bedeuten.

Die Beschlüsse der EU in Richtung neuer Klimaschutzziele für die Automobilindustrie vom März 2019 unterstützen die bereits vorhandenen politischen Ambitionen. Um die Klimaziele der EU zu erreichen, sollen PKW-Hersteller bis 2030 den CO2-Ausstoß ihrer Neuwagen im Vergleich zum Jahr 2021 um 37,5 % reduzieren. Für leichte Nutzfahrzeuge ist eine Senkung der Emissionen um 31 % im Vergleich zum Jahr 2021 vorgesehen. Dieser Beschluss steht in engem Zusammenhang mit dem gesamten Reduktionsziel von mindestens 40 % bis 2030, zu dem sich die EU im Rahmen des Pariser Klimaabkommens verpflichtet hat.

FÖRDERMAßNAHMEN

Mögliche Intensivierungen der begleitenden Einführungsmaßnahmen könnten zum einen eine Anhebung der Mineralölsteuer auf Diesel im Sinne einer Angleichung des vergleichbaren Steuersatzes für Benzin sowie die Indexierung der nominalen Mineralölsteuersätze für Benzin und Diesel mittels Verbraucherpreisindex ab 2020 sein. Andererseits könnten der Basistarif der motorbezogenen Versicherungssteuer angehoben und die Normverbrauchsabgabe respektive die Besteuerung von Dienstwagen in Richtung geringerer CO2-Emissionswerte reformiert werden. Die Förderaktion des Bundes für den Ankauf von PHEV und BEV Elektrofahrzeugen könnte verlängert werden.

Zusammenfassend ist das Ziel einer breiteren Flottendurchdringung mit rein elektrischen respektive Plug-In-Hybridfahrzeugen zur Erreichung einer deutlichen Reduktion der Treibhausgasemissionen des Verkehrssektors nur dann realistisch, wenn die bestehenden Fördermaßnahmen weiterhin bestehen bleiben und noch ergänzt werden – bezüglich der steuerlichen Rahmenbedingungen sowie anderer Maßnahmenbündel, die unter anderem auch den deutliche Ausbau der Ladeinfrastruktur betreffen.

Sieht man sich die aktuellen Absatzentwicklungen im internationalen Vergleich an, zeichnet sich nicht nur ein klarer Trend in Richtung einer erhöhten Anzahl an abgesetzten BEV und PHEV ab, sondern auch ein steigender Anteil der in Asien abgesetzten Fahrzeuge. Allein in China wurden bis 2018 mehr Autos verkauft (2,07 Millionen) als in den fünf nächstgrößten Ländern in Europa und Nordamerika, USA, Norwegen, Großbritannien, Deutschland und Frankreich zusammen (1,9 Millionen). Dies ist zum einen auf die derzeit noch vorhandenen Förderprogramme und zum anderen natürlich auch auf die enorme Bevölkerungszahl Chinas zurückzuführen.

VORBILD NORWEGEN

Geht man einen Schritt weiter und wirft einen Blick auf den Anteil der verkauften Elektrofahrzeuge am gesamten Automobilabsatz innerhalb eines Landes, gibt es einen klaren Gewinner aus Europa, nämlich Norwegen. Im Jahr 2018 stieg der Absatz von vollelektrischen Autos von 20,8 % im Jahr 2017 auf einen Rekordmarktanteil von 31,2 % an. Zählt man die Plug-in-Hybride dazu, sind es beinahe 50 % – weit mehr als in jedem anderen Land. Im März dieses Jahres gelang es den Norwegern sogar erstmals, in einem Monat mehr reine Elektroneuwagen zu kaufen als konventionelle Autos.

Doch wie schafft Norwegen diesen sukzessiven, erfolgreichen Umstieg auf Elektrofahrzeuge? Im Prinzip aufgrund des Vorhandenseins der oben genannten Grundvoraussetzungen. Der Staat Norwegen subventioniert den Kauf von batteriebetriebenen Fahrzeugen nicht nur mit Steueranreizen, sondern auch mit Initiativen wie Gratisparkplätzen und der kostenfreien Benützung von Ladesäulen. Das Land verfügt zudem über ein gut ausgebautes Netz an Ladestationen, ohne das ein derart rapider Anstieg an Elektrofahrzeugen nicht zu bewältigen wäre. Zu guter Letzt stammt ein Großteil des Stroms in Norwegen aus Wasserkraftwerken, die hinsichtlich der CO2-Bilanz sehr positiv abschneiden. Mischt man all diese Komponenten zusammen, entsteht ein optimales Umfeld, um eine Vorreiterrolle in Sachen alternativer Antriebsformen einzunehmen. Diese Chance hat Norwegen eindeutig genützt.

ELEKTROMOBILITÄT IM KONTEXT DER DREI NACHHALTIGKEITSDIMENSIONEN

E (Environment)

Bei einer Gegenüberstellung von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs haben Batterie-Elektrofahrzeuge bei allen umweltrelevanten Parametern Vorteile gegenüber anderen Antriebs- und Bauarten. Größter Vorteil der E-Autos ist der Wegfall von Abgas-Emissionen auf lokaler Basis. Wesentliche Faktoren bei einer Gegenüberstellung der Ökobilanzen von Benzin-, Diesel- und Elektro-PKWs sind die Parameter Fahrsituation, Akku-Lebensdauer und Fahrzeugherstellung. Was die Fahrsituation anbelangt, so ist die innerörtliche Verwendung von E-Autos aus umwelttechnischer Sicht optimal, während konventionell betriebene Fahrzeuge auf den Betrieb außerhalb der urbanen Strukturen ausgelegt sind. Auch was die Stickstoffoxidemissionen und Partikelemissionen betrifft, haben E-Fahrzeuge gegenüber Benzin- und Dieselfahrzeugen deutliche Vorteile.

S (Social)

Die sinkenden Kosten der Elektromobilität werden in fernerer Zukunft das notwendige Förderungsvolumen reduzieren helfen und die Akzeptanz der Technologie bei Käufern aller Einkommensklassen erhöhen.

G (Governance)

Ein Erfolg der „sauberen“ Alternativtechnologien generell und der E-Mobilität im Besonderen hängt von unterstützenden staatlichen Maßnahmenpaketen ab. Treiber dahinter sind die im Rahmen des Pariser Klimaabkommens kommunizierten Commitments der einzelnen Länder im Zusammenhang mit dem Klimaschutzprotokoll.


Diesen Beitrag finden Sie mit Grafiken sowie weiteren Informationen in der jüngsten Ausgabe des Nachhaltigkeitsletters „nachhaltig investieren“ der Raiffeisen KAG. Die vollständige Ausgabe zum Thema „Elektromobilität“ finden Sie links als PDF.

Secular Outlook: Fünfjahresausblick für die Anlageklassen und Märkte

Was für eine unglaubliche Entwicklung. In den vergangenen zehn Jahren haben die außergewöhnlich lockere Geldpolitik und die Senkung der Unternehmenssteuern zur längsten Aktien-Hausse aller Zeiten geführt. Weiter kam den Anlegern zugute, dass sich die Preise für Kapitalanlagen ungewöhnlich gut entwickelten – die Volatilität bei Anleihen und Aktien war in den letzten zehn Jahren unterdurchschnittlich. Das dürfte sich aber ändern – aus mehreren Gründen.

Was bedeutet das für die Anleger?

Laden Sie unseren neuesten Secular Outlook mit unseren Renditeprognosen für die Anlageklassen für die kommenden fünf Jahre herunter. Darin gehen wir auch auf die strukturellen Trends ein, die die Investmentlandschaft grundlegend verändern werden.


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Über den Autor

Luca Paolini kam 2012 als Chefstratege zu Pictet Asset Management. Davor arbeitete er als Aktienstratege bei Credit Suisse Securities, wo er für die Vermögens-, Sektor- und geografische Allokation verantwortlich war. Von 2005 bis 2007 war er bei Union Investment als Anlagestratege tätig. Luca Paolini begann seine Karriere 2001 bei Allianz Dresdner Asset Management. Im Rahmen seiner Tätigkeit im Bereich Asset-Allokation und Anlagestrategie wurde er zum Prokurist befördert. Luca Paolini hat einen Master in Volks- und Betriebswirtschaft von der SDA Bocconi School of Management in Mailand und ein Laurea Magistrale in Politikwissenschaften von der Universität Bologna.

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Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 165 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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Wie modelliert man einen Handelskrieg?

von Christoph V. Schon, CFA, CIPM, Executive Director, Applied Research, Axioma.

“Wie modelliert man einen Handelskrieg?“ ist eine Frage, die uns in den vergangenen 12 Monaten des Öfteren gestellt wurde. Trotz vermeintlicher politischer „Fortschritte“ zu Beginn des Jahres ist das Thema in jüngster Zeit wieder aktueller denn je—insbesondere nach den neuerlichen gegenseitigen Zollerhöhungen seitens der Vereinigten Staaten und China. Auch die Entscheidung über eventuelle Sonderabgaben auf Europäische Autoimporte in die USA liegt nur temporär auf Eis.

In einer kürzlichen Studie untersuchten wir, wie sich eine weitere Ausweitung des Konfliktes zwischen China und den USA auf verschiedene Anlageklassen auswirken könnte. Unter Zuhilfenahme der Stresstest-Funktionalitäten in unserer Axioma Risk™ Portfolioanalyse-Plattform modellierten wir ein Szenario, in dem wir einen simultanen Kursverfall am amerikanischen und chinesischen Aktienmarkt von 15% bzw. 20% unterstellten. Damit einher ging eine durchschnittliche Dollarabwertung von 5% und ein Renditerückgang bei 10-jährigen US-Staatsanleihen von 45 Basispunkten. Als Prognosehorizont nahmen wir einen Dreimonatszeitraum an. Die übrigen Preisfaktorbewegungen schätzten wir basierend auf historischen Wechselwirkungen während verschiedener Phasen des Handelskrieges in den letzten zwei Jahren: Ausbruch, Eskalation, Entspannung und erneute Eskalation.

In allen modellierten Umfeldern zeigte sich ein konsistentes Bild: die deutsche Wirtschaft würde aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von der Automobilindustrie und der Technologiebranche überproportional hart getroffen. Sichere Häfen wie Bundesanleihen, Schweizer Franken, Yen und Gold sollten dagegen von einer Qualitätsflucht profitieren. Aber auch defensivere Anlagen wie Versorgungsbetriebe und Basiskonsumgüter könnten mit geringeren Verlusten rechnen. Am Rentenmarkt sollten in solch einem Umfeld hauptsächlich Hochzinsanleihen und peripherere Emittenten vermieden werden. Italien erscheint dabei aufgrund des erhöhten politischen Risikos besonders anfällig für Erhöhungen der Risikoprämie.

Definition eines Stresstests: Variablenschocks und Präzedenzfälle

Bei der Definition eines Stresstestes sind grundsätzlich zwei Entscheidungen zu treffen: (1) welche Variablen sollen geschockt werden und um wieviel, und (2) welche (historische) Periode eignet sich am besten, um die damit einhergehenden Bewegungen der andere Preisfaktoren zu schätzen? Die letztere Frage stellt sich oft als die schwierigere heraus, insbesondere wenn ein Szenario modelliert werden soll, welches es in dieser Form so noch nicht gab (zum Beispiel ein nuklearer Konflikt auf der koreanischen Halbinsel oder die Zeit vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016).

Allerdings waren für ein Handelskriegsszenario ausreichend Präzedenzfälle vorhanden, die zur Kalibrierung der Kovarianzen und Betas herangezogen werden konnten. Der erste war der Ausbruch des Handelskonfliktes im März 2018, als Präsident Trump die ersten Sonderzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus China ankündigte. Die nächste Eskalation konnten wir im darauffolgenden Juni beobachten, als die US-Administration Abgaben auf weitere 200 Mrd. Dollar androhte. Dies war auch die Zeit, in der der amerikanische Präsident zum ersten Mal Strafzahlungen auf Automobilimporte aus der Europäischen Union mit der Begründung ins Spiel brachte, dass diese ein potenzielles Sicherheitsrisiko für die Vereinigten Staaten darstellten.

Die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Handelsdelegationen aus China und den USA im 1. Quartal 2019 brachte dann eine temporäre Erleichterung, und die Aktienkurse stiegen zusammen mit Anleiherenditen und dem US-Dollar. Die Erholung hielt bis in den April an, drehte sich dann aber schlagartig wieder um, als der US-Präsident erneute Sonderabgaben ankündigte. Auch die jüngste Entscheidung, die Europäischen Autozölle aufzuschieben, sorgte nur vorübergehend für Entspannung.

Ähnliche Korrelationsmuster für die „Flucht in Qualität“

Was all diesen verschieden Phasen des Handelskrieges gemein war, war das Wechselspiel zwischen den großen Anlageklassen. Nach der ersten Ankündigung der Zölle im März und während der Eskalation im 2. Quartal 2018 kam es zu einer „Flucht in Qualität“ aus riskanten Aktieninvestments und dem US-Dollar heraus und in „sichere Häfen“ wie hochqualitative Staatsanleihen beziehungsweise den Schweizer Franken und den japanischen Yen hinein. Die exakt umgekehrten Flüsse konnten wir dann Anfang 2019 beobachten, als wachsender Optimismus über die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen China und den USA den Risikoappetit der Marktteilnehmer wiederanfachte.

Obwohl die absoluten Marktbewegungen in beiden Szenarien entgegengesetzt verliefen, waren die relativen Ströme und damit die Korrelationen sehr ähnlich; d.h. die Kursverluste oder -gewinne an den Aktienmärkten wurden durch Preisanstiege bzw. -verfälle bei den Rentenpapieren teilweise ausgeglichen. Dadurch ergaben sich, vor allem in den Baissemärkten, gute Diversifikationsmöglichkeiten. Der Effekt der Währungsallokation hing allerdings vom Standort des Anlegers ab. Am günstigsten waren die Bedingungen für US-Investoren, da ihre ausländischen Aktienverluste durch das Aufwerten der Fremdwährung gegenüber dem Dollar abgemildert wurden. Europäische Anleger hingegen mussten aufgrund des schwächeren Umtauschkurses doppelte Verluste hinnehmen.

Länge der Kalibrierungsperiode: weniger ist oft mehr

Aufgrund der konsistenten und erwartungsgemäßen Korrelationsmuster eignen sich die genannten Perioden gut, um die voraussichtlichen Marktbewegungen im Falle einer erneuten Eskalation des Handelskonfliktes zu modellieren. Was die Länge der Kalibrierungsperiode betrifft, ist erfahrungsgemäß weniger oft mehr. In einem Stresstest soll, wie der Name andeutet, ein extremes Szenario—mit oft extremen Korrelationen—modelliert werden. Wählt man die Kalibrierungsperiode zu lang, ist häufig zu beobachten, dass die Betas und Korrelationen geringer ausfallen, was dann zu schwächeren Abhängigkeiten und weniger ausgeprägten Preisveränderungen führt. Auf der anderen Seite sollte man aber auch den Zeitraum nicht zu kurz wählen, da ansonsten nicht genügend Datenpunkte zur Verfügung stehen. Unserer Erfahrung nach stellen tägliche Renditen über einen Zeitraum von 12 Wochen oftmals einen guten Kompromiss dar.

Konkret verwendeten wir die folgenden Zeitfenster zur Kalibrierung der Stresstests:

  • Ausbruch des Konfliktes mit China: 15. Januar bis 6. April 2018
  • Eskalation und Ausweitung auf EU: 9. April bis 29. Juni 2018
  • Entspannung und Verhandlungen: 14. Januar bis 5. April 2019
  • Erneute Re-Eskalation: 8. April 2019 bis 31. Mai 2019

In allen vier Fällen wandten wir die obengenannten Schocks an: US-Aktien -15%, China -20%, Dollar Index -5% und 10-Jahre US-Treasury -45 Basispunkte. Im Entspannungsumfeld waren dabei die modellierten Marktbewegungen entgegengesetzt zu den tatsächlich im 1. Quartal 2019 beobachteten. Dies führte jedoch aufgrund der gleichartigen Korrelationsmuster erwartungsgemäß zu ähnlichen simulierten Renditen wie in den anderen drei Szenarien.

Deutschland wahrscheinlich am stärksten betroffen

Die untenstehende Tabelle zeigt simulierte Renditen von ausgewählten Ländern und Sektoren in Axioma‘s euro-denominierten Multi-Anlageklassen-Portfolio. Die Spalten beziehen sich dabei auf die obengenannten Zeitperioden. Die Ergebnisse zeigen konsistent, dass Deutschland aus allen großen, europäischen Ländern von einem solchen Szenario am stärksten betroffen würde. Ein wichtiger Treiber ist dabei die starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie. Aber auch die Technologiebranche und das produzierende Gewerbe—weitere wichtige Standbeine der deutschen Ökonomie—zeigen schwere Verluste. Generell werden zyklische Sektoren wie Nicht-Basiskonsumgüter, zu denen auch die Automobilbranche zählt, stärker betroffen sein als defensivere Anlagen, wie Versorgungsbetriebe oder Basiskonsumgüter.

Hochqualitative Staatsanleihen aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden sollten von der Flucht in Qualität profitieren, zusammen mit anderen sicheren Häfen wie Gold, dem Schweizer Franken und dem japanischen Yen. Periphere Emittenten und Unternehmensanleihen—Hochzinspapiere insbesondere—müssen hingegen mit erhöhten Risikoprämien und damit Verlusten rechnen. Der Ölpreis sollte ebenfalls aufgrund seiner hohen Korrelation mit dem Aktienmarkt fallen.

Simulierte Renditen auf ausgewählte Länder und Sektoren

Anlageklasse

Ausbruch

Eskalation

Entspannung

Re-Eskalation

Aktien

 

 

 

 

Gesamteuropäisch

-15,1

-11,5

-11,1

-14,2

Informationstechnologie

-19,3

-15,4

-17,5

-28,9

Industrie

-16,1

-13,9

-12,8

-19,4

Nicht-Basiskonsumgüter

-14,9

-14,2

-12,9

-18,8

Roh-, Hilfs- & Betriebsstoffe

-15,6

-14,8

-15,4

-18,6

Finanzwesen

-14,7

-13,5

-17,4

-15,8

Gesundheitswesen

-16,4

-12,2

-11,2

-15,8

Telekommunikationsdienste

-13,1

-8,1

-7,2

-9,8

Energie

-15,0

-11,2

-10,6

-9,3

Immobilien

-11,2

-4,5

-2,2

-7,8

Basiskonsumgüter

-13,1

-5,7

-9,6

-5,8

Versorgungsbetriebe

-11,9

-6,6

-5,8

-0,3

Deutschland

-18,4

-13,8

-12,6

-18,7

Automobile & Komponenten

-18,8

-20,1

-18,3

-19,0

Frankreich

-15,8

-10,9

-12,3

-17,0

Niederlande

-17,3

-11,7

-12,3

-14,6

Italien

-14,5

-10,4

-10,6

-13,0

Schweiz

-15,6

-12,0

-9,6

-12,7

Großbritannien

-13,3

-11,9

-13,2

-11,5

Spanien

-14,8

-9,0

-8,8

-9,6

Euro-Staatsanleihen

 

 

 

 

Italien

-0,1

-5,2

-2,8

-0,6

Spanien

0,8

0,3

-0,5

-0,7

Niederlande

1,1

1,7

0,9

0,8

Frankreich

0,6

1,2

0,7

0,9

Deutschland

1,1

1,7

1,0

1,0

Unternehmensanleihen

 

 

 

 

Investment Grade

-1,9

-1,5

0,0

-0,1

High Yield

-8,2

-9,1

-0,9

-5,0

Fremdwährungen ggü. EUR

 

 

 

 

USD

-4,4

-4,0

-1,3

-3,3

GBP

-1,8

-2,0

3,0

-0,7

CHF

1,4

-0,4

0,4

0,9

JPY

3,6

0,8

2,5

3,5

Rohstoffe

 

 

 

 

Gold

7,8

3,0

5,4

11,5

Öl

-11,9

-10,1

-14,6

-18,3

Quelle: Axioma Risk™


Christoph V. Schon, CFA, CIPM

ist seit Mai 2016 als Executive Director für das Applied Research in EMEA bei Axioma in London verantwortlich. Er verfügt über mehr als 10 Jahre Erfahrung im Bereich der Portfoliorisiko- und Performanceanalyse bei verschiedenen Systemanbietern (POINT, UBS Delta) und war davor für 6 Jahre als Rentenanalyst bei der Dresdner Bank tätig. Er besitzt ein Diplom in Wirtschaftsingenieurwesen (ET) von der TU Darmstadt.

Axioma

ist ein weltweit führender Anbieter von innovativen Risiko­management- und Portfoliomanagement­lösungen für Finanzinstitute. Mit Schwerpunkten auf Innovation, Einsatz moderner Technologien und herausragendem Service bietet Axioma seinen Kunden leistungsfähigere Systeme mit mehr Flexibilität für maßgeschneiderte Lösungen. Mit Hauptsitz in New York und Niederlassungen in Europa und Asien hat Axioma eine globale Reichweite und bietet gleichzeitig lokale Unterstützung.

Der Impact von Publikumsfonds

Stefan Fritz, Investmentfonds & Research, GLS Bank, beleuchtet im zweiten Teil der Serie 'Impact Investing – wie der Finanz-Mainstream einen Nischenmarkt entdeckt' Fonds die entsprechend den Sustainable Development Goals (SDG) investieren.

Haben Sie sich schon einmal die Top 10-Positionen von sogenannten SDG-Publikumsfonds näher angeschaut? Sie werden erstaunt sein. Denn darin finden Sie häufig Aktien und Anleihen der weltweit größten Konzerne. Vertreter der Finanzindustrie tummeln sich dort ebenso wie Pharmakonzerne, Konsumgüterhersteller oder Big-Data-IT-Unternehmen.

Unternehmen in den Top 10-Positionen von Impact/ SDG-Indizes und -Fonds (Auswahl)

Unternehmen

Branche

Marktkapitalisierung 

 (10. Mai 2019)

ABBvie Inc. 

Pharma

101 Mrd. Euro

Air Liquide

Industrie

49 Mrd. Euro

Apple Inc.

IT

821 Mrd. Euro

Microsoft Corp.

IT

853 Mrd. Euro

Procter & Gamble Co.

Konsumgüter 

233 Mrd. Euro 

Unilever N.V. 

Konsumgüter

182 Mrd. Euro 

United Health Group Aktie

Pharma

204 Mrd. Euro

Visa Inc.

Finanzen

247 Mrd. Euro

Quelle: Eigene Recherche

In den Fonds befinden sich also häufig Unternehmen, die in konventionellen Investmentfonds bereits prominent vertreten sind. Dabei ist die Kernidee des Impact Investings doch, absichtlich eine messbare sozial-ökologischen Wirkung zu erzielen (siehe Teil 1). Sollte dafür nicht Kapital direkt in Firmen mit innovativen Geschäftsmodellen fließen, die andernfalls womöglich keine Gelder erhielten? Wie kommt es, dass die sehr rege gehandelten Anteile von Großkonzernen als impactwürdig gelten und in die Fonds aufgenommen werden? Um dies zu verstehen, hilft ein kritischer Blick auf den Nachhaltigkeitsansatz von Impactfonds-Anbietern.

Auf große börsennotierte Konzerne ausgerichtet: die Rechtsstruktur offener Publikumsfonds (OGAW)

Am Markt für nachhaltige Investmentfonds dominiert ein Fondstyp, der Organismus für die gemeinschaftliche Anlage in Wertpapiere, der sogenannte OGAW-Fonds. Wie der Name schon sagt, legt er den größten Teil seiner Gelder in Wertpapiere an. Das Gesetz verlangt, dass Wertpapiere zu einem regulierten Börsenhandel zugelassen sind. Dies sind vorrangig Aktien und Anleihen großer Unternehmen, Banken oder öffentlicher Institutionen. Denn die Notierung an einer Börse kostet Geld. Ein Wertpapierprospekt muss erstellt und Börsenregeln eingehalten werden. Kleine Unternehmen können dies kaum leisten. Um für einen OGAW-Fonds investierbar zu sein, müssen klare wirtschaftliche Voraussetzungen erfüllt sein, die vor allem große Unternehmen begünstigen. Somit sind kleinere Unternehmen, die z.B. in innovativen Feldern agieren, für diese Fonds nicht oder nur im begrenzten Maße investierbar.

Impact-Messung bei börsennotierten Unternehmen eine Herausforderung

Wenn ein*e Fondsmanager*in eines OGAW-Fonds Anleihen oder Aktien eines Unternehmens kauft, erwirbt er bzw. sie die Anteile in der Regel über die Börse von anderen Investor*innen. Das Geld fließt also nicht in die Kasse des Unternehmens. Nur im Rahmen von Kapitalmaßnahmen (v.a. Kapitalerhöhungen und Anleiheemissionen) sammeln Unternehmen zusätzliche Gelder ein, um damit neue Projekte zu finanzieren. Dies macht es schwierig, einen direkten Impact des Investors zu ermitteln. Aber mit dem Kauf von Aktien nachhaltiger Unternehmen können Anleger*innen indirekt eine Wirkung erzielen. Denn diese Unternehmen weisen ein geringeres Risikoprofil auf, da ihr nachhaltiges Geschäftsmodell wie ein Risikofilter wirkt. Deswegen können sie günstiger an der Börse Kapital beschaffen. Mit dem eingesparten Geld können sie u.a. neue wirkungsstarke Projekte finanzieren. Dieser positive Effekt wurde in verschiedenen wissenschaftlichen Studien belegt1.

Eine zweite Herausforderung ist das Reporting. Unternehmen berichten bisher nicht oder nur unzureichend darüber, wie ihre Geschäftsaktivitäten eine sozial-ökologische Wirkung entfalten. Zwar geben diverse Nachhaltigkeitsberichte Fondsmanager*innen Aufschluss über Kennzahlen wie Wasser- bzw. Energieverbrauch oder Personalfluktuation. Jedoch fließen diese Zahlen bislang kaum als Steuerungsgröße in Unternehmensstrategien ein. Neue Allianzen, z.B. zwischen PRI, UN Global Compact und der Global Reporting Initiative (GRI), gehen diesen Missstand aktiv an. Sie fordern Unternehmen zur Berichterstattung auf und geben Handlungsempfehlungen. Der Erfolg (oder Misserfolg) wird sich in den kommenden Jahren zeigen.

Enterprise oder Investor Impact? SDG/Impact-Fondsanbieter mit klarem Favoriten

Impact-Fonds begegnen diesen Herausforderungen häufig mit einem eigenen Impact-Verständnis bei der Titelauswahl, das häufig stark variiert. Entscheidend ist dabei nicht, ob ein Investor einem Unternehmen frisches Kapital zur Verfügung stellt mit der Absicht, eine sozial-ökologische Wirkung zu erzielen (Investor Impact). Im Mittelpunkt steht vielmehr die Wirkung der Unternehmensaktivitäten an sich (Enterprise Impact), unabhängig von der Rolle der Investierten.

Impact-Ansätze im Auswahlprozess von Investmentfonds

Name

Investor Impact

Enterprise Impact

Art

Direkte Bereitstellung von Kapital an wirkungsstarke Unternehmen

Identifizierung von Unternehmen mit Impact-Geschäftsfeldern

Wirkungsform

Direkt

Indirekt

Messgröße

Vorab festgelegte Wirkindikatoren (u.a. Schaffung lokaler Arbeitsplätze, Rückgang Virenerkrankungen)

Finanzindikatoren (i.d.R. Umsatz)

Unternehmenstypen

Kleine, lokale Unternehmen

Börsennotierte Unternehmen, darunter globale Konzerne

Rechtliche Fondsstruktur

Alternativer Investmentfonds 

Offener Wertpapierfonds (OGAW)

Zugang für Privatanleger

Begrenzt (Ausnahme: Mikrofinanz)

Gegeben

Handelbarkeit

Begrenzt 

Gegeben

Quelle: eigene Zusammenstellung

Wie genau lässt sich dieser Enterprise Impact börsennotierter Unternehmen ermitteln? Notwendig ist dazu, eine Taxonomie an Themen festzulegen, die aus Anbietersicht eine positive sozial-ökologische Wirkung aufweisen. Die 17 Sustainable Development Goals (SDG) stellen dafür einen Orientierungsrahmen dar, da sie positiv besetzt sowie am Markt bekannt und akzeptiert sind. Analyst*innen ermitteln anhand gängiger Finanzkennzahlen wie z.B. Umsatz, inwiefern die Geschäftsfelder eines Unternehmens einen Beitrag zu den SDGs leisten. Diese Werte werden für jedes Unternehmen im Portfolio erhoben und auf Fondsebene aggregiert.

Auf die Themendefinition kommt es an – 169 SDG-Unterziele weisen den Weg

Dieser Ansatz ist nicht sonderlich neu. In ähnlicher Form bemessen auch viele Anbieter nachhaltiger Themenfonds die Nachhaltigkeitsqualität von Unternehmen. Daher überrascht es auch nicht, dass genauso wie bei nachhaltigen Themenfonds die Umsätze an SDG-Aktivitäten auf sehr unterschiedliche Art und Weise erhoben werden. Es ist ratsam, diese Prozentangaben kritisch zu hinterfragen und genau hinzuschauen, wie streng und umfassend die Impact-Definition des Fondsanbieters ist.

Erfreulicherweise haben Anleger*innen ein Hilfsmittel zu Hand, das in der breiten Öffentlichkeit weniger bekannt ist: Die Vereinten Nationen haben nicht nur 17 Hauptziele verabschiedet, sondern darüber hinaus auch 169 Unterziele, die aufzeigen, wie eine nachhaltige Entwicklung bis 2030 konkret zu erreichen ist. Diese Unterziele richten sich zwar hauptsächlich an Staaten, jedoch sind sie auch im bestimmten Maße für Unternehmen anwendbar.

Die Relevanz dieser Unterziele zeigt sich beispielsweise an SDG 3, Gesundheit und Wohlergehen. So leistet ein Pharmaunternehmen nicht per se einen positiven Beitrag zu den SDGs. Denn die Unterziele sehen vor, weltweit Virenkrankheiten wie AIDS, Tuberkulose und Malaria zu besiegen und Menschen Zugang zu bezahlbarer Medizin und Impfstoffen zu ermöglichen. Dies ist für viele Pharmakonzerne jedoch ein umsatz- und margenschwaches Geschäft. Stattdessen fokussieren sie sich auf den Verkauf von Produkten mit hohen Margen, die für viele Menschen nicht erschwinglich sind.

Unterziele des Nachhaltigkeitsziels 3 „Gesundheit und Wohlergehen“

  1. Die weltweite Müttersterblichkeit senken (< 70 je 100.000 Lebendgeburten)
  2. Vermeidbare Todesfälle bei Neugeborenen und Kinder unter 5 Jahren beseitigen
  3. AIDS, Tuberkulose, Malaria, Tropenkrankheiten besiegen 
  4. Frühsterblichkeit durch Prävention um ein Drittel senken
  5. Prävention und Behandlung des Substanzmissbrauchs (v.a. Alkohol)
  6. Zahl der Toten durch Verkehrsunfälle halbieren
  7. Allgemeiner Zugang zu sexualmedizinischer Versorgung/Aufklärung/Familienplanung
  8. Allgemeine Gesundheitsversorgung, inkl. Absicherung finanzieller Risiken. Allgemeiner Zugang zu bezahlbaren und unentbehrlichen Arzneimitteln (z.B. Impfstoffe)
  9. Zahl der Todesfälle und Erkrankungen aufgrund gefährlicher Chemikalien und Luft/Boden/Wasser-Verschmutzung erheblich verringern

Quelle: https://www.globalgoals.org/3-good-health-and-well-being, eigene Übersetzung und Zusammenfassung

Positiven UND negativen Beitrag erfassen

Die Praxis zeigt, dass viele Unternehmen sowohl einen positiven als auch negativen Beitrag zu diesen Unterzielen leisten. Es ist daher ratsam, beide Seiten zu betrachten und nicht nur den positiven Beitrag hervorzuheben. Viele Nahrungsmittelunternehmen erzielen unter Einsatz von Pestiziden oder gentechnisch verändertem Saatgut hohe Ernteerträge, womit sie den Hunger auf der Welt bekämpfen wollen (SDG 2). Doch damit beeinträchtigen sie zugleich die genetische Vielfalt oder eine nachhaltige und resiliente Nahrungsmittelproduktion, wie es in den Unterzielen definiert ist.

Fazit

Je großzügiger der Fondsanbieter ein SDG-Thema definiert hat, umso mehr Geschäftsaktivitäten eines Konzerns können als impactwürdig eingestuft werden. Deswegen sollten Investoren kritisch darauf achten, wie streng die Impact-Bewertung des Anbieters ist, ob sie die positive und negative Wirkung umfasst und ob diese überhaupt veröffentlicht ist.

Legt ein Anbieter weniger strenge Maßstäbe an, dann kann er mehr Unternehmen als impactwürdig einstufen. In der Folge tauchen dann Titel im Portfolio auf, deren sozial-ökologische Wirkung Fragen aufwirft.


1) Siehe u.a. die Studie von Gordon, Feiner, Viehs „From The Stockholder tot he Stakeholder – How Sustainability can drive Financial Outperformance, March 2015, Updated Version, University Oxford.

Stefan Fritz arbeitet als Spezialist Investmentfonds im Angebotsmanagement des Investmentfondsgeschäfts der GLS Bank. Zuvor war er für das französische Researchunternehmen Novethic mit Sitz in Paris tätig, von wo aus er die Entwicklung des europäischen Marktes für nachhaltige Investments begleitete.

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Die Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum finanziert und investiert nur in sozial-ökologische Unternehmen. Ihre Geschäfte macht sie umfassend transparent. Im Investmentfondsgeschäft bietet sie drei eigene Fonds im Gesamtvolumen von mehr als 350 Mio. Euro sowie zwei Partnerfonds (B.A.U.M. Fair Future Fonds und FairWorldFonds) an.

Weiterführende Informationen

www.gls-fonds.de
investmentfonds@gls.de