Mikrofinanz und das Ende von „Goldilocks“

von Michael Zink, Chief Customer Officer bei Invest in Visions.

Die Anleger:innen an den globalen Finanzmärkten erfreuten sich in den letzten Jahren am sogenannten „Goldilocks-Szenario“. Ein robustes Wirtschaftswachstum - angetrieben durch billiges Geld, niedrige Zinsen und moderate Inflation - sorgte für Rekorde an den Aktienmärkten und für die längste Hausse der Geschichte am Anleihemarkt. Selbst der Ausbruch der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr konnte dieses perfekte Kapitalmarkt-Szenario nicht nachhaltig brechen. Inzwischen aber scheint sich das Blatt gewendet zu haben: Die Renditen am langen Ende der Zinskurve steigen, die Inflationsraten in den USA und Europa ziehen deutlich an, Lieferengpässe sorgen zunehmend für Produktionseinbrüche und Werkschließungen und die wirtschaftlichen Wachstumsaussichten trüben sich global ein.

Droht Anlegern ein Stagflations-Szenario wie wir es in den 1970er-Jahren erlebt haben?

Ein solches Szenario erinnert an die Zeit der Ölkrise von 1973. Damals sorgten der Ölpreis-Schock und eine massive Abwertung des US-Dollar für einen rapiden Preisanstieg und gleichzeitig steigende Arbeitslosigkeit. Während dieser fast ein Jahrzehnt andauernden Periode der Stagflation waren Investments in Aktien und Anleihen keine gute Entscheidung. Lediglich mit Gold, Öl- und Rohstoffaktien ließen sich damals Kursgewinne realisieren. Auch wenn wir bei Invest in Visions ein langanhaltendes Stagflations-Szenario für die unwahrscheinlichere Variante erachten, sollten Anleger:innen sich über die Auswirkungen eines solchen Umfelds auf ihre Impact-Investitionen im Klaren sein.

Vor 50 Jahren gab es noch keine Mikrofinanzfonds in der uns heute bekannten Form. Dennoch gibt es gute Gründe anzunehmen, dass diese Form des Impact Investments in einer neuen Phase volatiler Märkte zu den stabilsten Anlageformen gehören wird.

Mikrofinanzfonds als attraktive Alternative

Bekanntlich zeichnen sich Mikrofinanzfonds durch eine geringe Korrelation zu anderen Assetklassen (Aktien, Anleihen, Rohstoffen) aus. Sie weisen eine moderate stetige Performance auf, begleitet von niedriger Volatilität und bieten darüber hinaus eine soziale Rendite. Dadurch eignen sie sich ideal zur Portfoliooptimierung. Die folgende Grafik zeigt am Beispiel des IIV Mikrofinanzfonds, wie die Effizienz von gemischten Investmentportfolien aus Aktien- und Anleiheprodukten durch die Beimischung des IIV Mikrofinanzfonds gesteigert wird. Ein solches Portfolio erzielt bei gleichem Risiko eine höhere Rendite bzw. bei gleicher Rendite wird das Portfoliorisiko gesenkt.

Schwankungsarm und Krisenresistent

Ein weiteres Merkmal von Mikrofinanzfonds ist die relative Immunität gegen Schwankungen der Zinskurve. Die durchschnittliche Laufzeit der vergebenen Darlehen im Fonds liegt unter 2 Jahren. Steigende Inflationserwartungen, die sich bei den Renditen am langen Ende der Staatsanleihen-Kurven zunehmend negativ bemerkbar machen, haben nahezu keinen Einfluss auf die durchschnittlich vergebenen Darlehenszinsen an die Mikrofinanzinstitute. Diese liegen im IIV Mikrofinanzfonds seit Jahren stabil bei ca. 6,2% in USD und 4% in EUR.

In der Pandemiephase hat sich bestätigt, dass Mikrofinanz in einer „Parallelwelt“ funktioniert. Es handelt sich größtenteils um Subsistenzwirtschaft (Händler:innen und Kleinfarmer:innen), die von der Welt der Zulieferer und globalen Märkte weitestgehend abgekoppelt ist. Wie die gegenwärtige Krise in Myanmar zeigt, braucht es nicht einmal ein funktionierendes Bankensystem, um die regelkonforme Bedienung der ausgegebenen Darlehen sicherzustellen. Und während in der „entwickelten Welt“ manchmal schon ein (!) querstehendes Schiff am Kanal zu massiven Beeinträchtigungen des Wirtschaftslebens führt, haben die Länder des globalen Südens aufgrund langjähriger und permanenter Krisenerfahrungen eine beachtliche Krisenresistenz entwickelt.

Investor:innen, die angesichts einer möglichen stagflationären Entwicklung ihr Portfolio immunisieren möchten sind gut beraten, die Assetklasse Mikrofinanz in Betracht zu ziehen. Sie stabilisiert das Portfolio, wenn die Kapitalmarkt-Zeiten unruhiger werden. Dass sich neben einer angemessenen finanziellen Rendite auch noch ein messbarer sozialer Ertrag erzielen lässt, macht die Anlage noch attraktiver.


Dieser Beitrag erschien zuerst im Invest In Visions Blog.

Wie ethische Investoren Green Bonds bewerten - Die Sicht der GLS Investments

Nachhaltige Anleihen erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit am Markt. Immer mehr Unternehmen, aber auch supranationale Institutionen oder Staaten begeben Anleihen, mit denen sie ihre Anstrengungen für mehr Klimaschutz oder soziale Gerechtigkeit unterstreichen wollen. Doch Vorsicht ist geboten. Nicht jede Anleihe hält, was sie verspricht. Worauf besonders zu achten ist, verrät Marieke Knußmann, Analystin aus dem Nachhaltigkeitsresearch der GLS Investment Management GmbH.

Frau Knußmann, die GLS Investment Management investiert über den GLS Bank Klimafonds in den Markt nachhaltiger Anleihen. Aus welchen Gründen sind Sie in dem Markt aktiv?

Wir sind eine hundertprozentige Tochtergesellschaft der GLS Bank, dem Pionier für sozial-ökologisches Banking in Deutschland. Wir verstehen es als unsere Mission, Kapital dorthin zu lenken, wo es positiv wirkt – sowohl für die Umwelt als auch für die Gesellschaft. Genau dieses Versprechen geben die Emittenten nachhaltiger Anleihen. Die eingeworbenen Mittel fließen in Green Bonds, welche z.B. Erneuerbare Energien oder nachhaltige Mobilität, oder in Social Bonds, welche erschwinglichen Wohnraum finanzieren. Dies sind spannende Projekte, die wir für sehr attraktiv halten.

Wie gehen Sie vor, wenn eine nachhaltige Anleihe an den Markt kommt?

Wir haben intern einen eigenen Prüfprozess bei Anleiheemissionen installiert, der auf mehreren Stufen beruht. In diesem Prozess ist es wichtig, dass sowohl der Emittent als auch die Anleihe nachhaltig ist und unseren strengen Kriterien entspricht. Deswegen prüfen wir bestimmte Standards auf beiden Ebenen ab. Dies sehen wir als Auftrag unserer Kunden. Hier agieren wir aus unserer Sicht strenger als viele Wettbewerber am Markt.

Womit fangen Sie an?

Zunächst schauen wir uns den Emittenten an. Wir wollen verstehen, wie glaubwürdig er ist. Ist Nachhaltigkeit tief im Geschäftsmodell verankert oder ist es doch nur eher ein Werbeinstrument? Wir schauen uns dabei sehr genau an, wie der Emittent wirtschaftet. Wenn wir Umsätze entdecken, die sich aus fossilen Energien, Waffen oder kontroversen Geschäftspraktiken oder gar Kinderarbeit ergeben, dann investieren wir nicht. Erst wenn wir hier sicher sind, dass der Emittent hier nicht aktiv ist, schauen wir uns die Anleihe selbst an.

Welche Kriterien sind bei der Anleihe entscheidend?

Anfangs untersuchen wir, was der Emittent mit den Anleiheerlösen finanzieren möchte. Fließt das Kapital in Projekte, die unserem Nachhaltigkeitsverständnis entsprechen? Bei Green Bonds bevorzugen wir Projekte, die den klimafreundlichen Transport, die Energieeffizienz von Gebäuden oder die Wasseraufbereitung in Emerging Markets unterstützen. Bei sozialen Anleihen orientieren wir uns an den Social Bond Principles der ICMA. Es geht also um bezahlbaren Wohnraum, Mikrofinanzierung oder Nahrungsmittelversorgung. In jüngster Zeit gewinnen aber auch Themen wie Diversität oder Geschlechtergerechtigkeit eine deutlich höhere Bedeutung für uns.

Wenn dies der Fall ist, wie gehen Sie weiter vor?

Wenn wir von den finanzierten Projekten überzeugt sind, prüfen wir die Prozesse und Transparenz des Emittenten. Wir schauen uns sehr genau die Second Party Opinion an. Wir wollen sicher sein, dass es ein ring fencing gibt. Emittenten sollten ein Framework haben, in dem sie ihre Kriterien öffentlich machen. Ebenso wichtig ist, dass Emittenten detailliert ihr Auswahlverfahren für die finanzierten Projekte beschreiben. Wir geben kein Geld in einen Blind Pool.

Damit ist unsere Arbeit nicht zu Ende. Wir schauen uns sehr genau das Impact Reporting an. Wir wollen wissen: Ist das Geld auch wirklich in die Projekte geflossen? Welche positiven Effekte hat die Finanzierung? Wie wurde dies gemessen? Zeigt sich ein zusätzlicher Nutzen?

Dann steht einer Investition nichts mehr im Wege, oder?

Wir sind ein ethischer Investor. Nachhaltigkeit lässt sich nicht nur in Zahlen ausdrücken. Deswegen gehen wir noch einen Schritt weiter: Auch wenn die meisten Vorzeichen gut aussehen, aber wir Bedenken haben, dann haben wir ein Vetorecht eingerichtet. Natürlich müssen Analysten dies begründen. Doch ist es uns wichtig, nicht nur auf kalte Zahlen und Fakten zu vertrauen, sondern auch auf den gesunden Menschenverstand. Es gibt immer tote Winkel, die selbst ein umfangreicher Bewertungsprozess nicht abdecken kann. Diese Bedenken offen äußern zu können, bereichert unsere Arbeit sehr.

Bei Anleiheemissionen muss es schnell gehen. Manchmal fehlt sicherlich die Zeit für eine ausführliche Analyse. Wie überprüfen Sie Ihre Entscheidung?

Ständige Prüfung ist für uns als einer der Qualitätsführer der Branche sehr wichtig. Alle Investitionen, die wir tätigen, lassen wir von unserem GLS Anlageausschuss noch einmal im Nachgang validieren. Der Ausschuss ist ein Entscheidungsgremium aus Nachhaltigkeitsexperten, der sich mehrmals im Jahr trifft. Er schaut noch einmal sehr genau hin, ob wir die richtige Entscheidung getroffen haben. Dies gibt uns, aber auch unseren Anlegern noch einmal Sicherheit, dass unsere Investments im Einklang mit unserem Nachhaltigkeitsverständnis sind.

Frau Knußmann, vielen Dank für das Gespräch


Marieke Knußmann ist seit Juni 2021 Senior Research Analystin im Nachhaltigkeitsresearch der GLS Investments. Sie beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Emittentenprüfung aus den Bereichen Mobilität, Maschinenbau und Elektrotechnik. Zudem ist sie für die Themenbereiche Green Bonds, Monitoring und den Klimafonds zuständig. Nach dem Studium der Politikwissenschaften und Internationalen Studien/Friedens- und Konfliktforschung in Darmstadt, Aberystwyth und Frankfurt am Main arbeitete sie im Sekretariat der Deutschland Extractive Industries Transparency Initiative. Von 2016 bis 2021 war Sie ESG Corporate Rating Analystin bei der Nachhaltigkeitsratingagentur ISS ESG, wo sie für die Branche Aerospace & Defense und das SDG Solutions Assessment zuständig war.

Über die GLS Investments

Die GLS Investment Management GmbH, kurz GLS Investments, vereint als 100%ige Tochter der GLS Bank die Kompetenzen zum Management sozial-ökologischer Investmentfonds. Sie gehört zu den strengsten Akteuren am Markt und ist verantwortlich für das GLS Anlageuniversum, das auf Basis eines mehrstufigen, integrierten sozial-ökologischen Auswahlprozesses erfolgt. Anschließend prüft und bewertet ein Team aus Finanzspezialisten die wirtschaftliche Nachhaltigkeit der Unternehmen. Diese Expertise fließt in das Management der vier bereits bestehenden Investmentfonds. Die GLS Investments hat ihren Sitz in Bochum und ist weltweit tätig. Die bisher aufgelegten Investmentfonds investieren aktuell rund 1,2 Mrd. Euro in Unternehmen und Länder, die eine positive gesellschaftliche Wirkung entfalten und nachhaltige Entwicklung fördern (Stand: 08.10.2021).
Mehr Informationen unter: www.gls-investments.de und kontakt@gls-investments.de

Anmeldung zum Newsletter: http://newsletter.gls.de/f/165422-291881/

Über die GLS Bank

Bei der GLS Bank ist Geld für die Menschen da. Sie finanziert nur sozial-ökologische Unternehmen und macht ihre Geschäfte umfassend transparent. Dabei bietet die Bank alle Leistungen einer modernen Bank: Girokonten, nachhaltige Fonds, Vorsorge und vieles mehr. Als Genossenschaftsbank kann jeder Anteile zeichnen und mitbestimmen. Über ihre Partnerin GLS Treuhand ist der Bereich Stiften und Schenken abgedeckt. Die GLS Bank hat ihren Sitz in Bochum und Standorte in Berlin, Hamburg, Frankfurt, Freiburg, München und Stuttgart.

Das unterschätzte „S“ in ESG

von Johannes Haubrich, Head of Product Management Fixed Income & Equity bei Nordea Investment Funds S.A.

Investitionen in den Bereichen Umwelt, Soziales und Governance (Environmental, Social and Governance = ESG) sind beliebter denn je. Die verwalteten Vermögenswerte in diesem Segment werden voraussichtlich innerhalb der nächsten vier Jahre USD 53 Bio. erreichen und damit ein Drittel der erwarteten globalen AUM ausmachen1.

Während der ESG-Trend anhält, erweitern die Anleger ihren Horizont über das „E“ hinaus, um auch Faktoren zu berücksichtigen, die in die ‘Kategorie „S“, also den sozialen Bereich, fallen. Dazu gehören Arbeitnehmerrechte und -standards, Gesundheit und Sicherheit, Entwicklung des Humankapitals und Vielfalt – sei es im Hinblick auf Religion, Alter, Geschlecht, Hautfarbe oder Herkunft.

Unternehmen die diesen Aspekten nicht die angemessene Aufmerksamkeit schenken, laufen Gefahr, sich Reputations- und regulatorischen Risiken auszusetzen, die dauerhaften Schaden anrichten und den Aktienwert senken können. Unternehmen mit schwacher Bilanz bei der Einhaltung von Menschenrechten oder Arbeitspraktiken werden wahrscheinlich unter zunehmenden Störungen in der Lieferkette leiden. Das beeinträchtigt die operative Leistung als auch den Ruf der Marke2. Andererseits kann eine Führungsrolle im ESG-Bereich für Aufwärtspotenzial sorgen. Eine wachsende Zahl empirischer Daten deutet darauf hin, dass es einen positiven Zusammenhang zwischen ESG und der Finanzperformance gibt3.

Soziale Erwägungen sind daher wichtige Faktoren, nicht nur für die Performance von Unternehmen, die dadurch vielfältiger, stabiler und widerstandsfähiger werden, sondern auch für die allgemeine soziale Verbesserung, indem Lieferketten und die Gesellschaft im Ganzen robuster werden.

Die Pandemie macht es deutlich: Soziale Aspekte sind wichtiger denn je

Wenn uns etwas die Bedeutung von sozialer Stabilität und Kohäsion gelehrt hat, dann ist es sicherlich der Ausbruch von Covid-19. Jedes Land, jeder Sektor und jede Einzelperson ist von der Pandemie betroffen. Dies hat die Bedeutung einer genaueren Untersuchung der Nachhaltigkeit globaler Geschäftsmodelle deutlich gemacht. Covid war auch ein guter Lackmustest für Investoren, um zu beurteilen, wie widerstandsfähig Unternehmen angesichts der Krise waren und wie sie auf zukünftige Störungen vorbereitet sind.

ESG-Überlegungen bei Investitionen haben angesichts der anhaltenden Gesundheitskrise eine besondere Bedeutung erlangt. Das Virus hatte einen grundlegenden Einfluss auf die Weltwirtschaft. Die als Reaktion darauf verhängten anfänglichen Lockdowns führten zu einem Einbruch des Ölpreises, einem breit angelegten Ausverkauf von Risikoanlagen und einer beispiellosen Abbremsung der Wirtschaftsleistung. In diesem Umfeld entwickelten sich ESG-Anlagelösungen stark und rückten den Bereich zusätzlich ins Rampenlicht.

Die Pandemie hat nicht nur die sozialen Herausforderungen, denen sich einige Geschäftsmodelle gegenübersehen, besonders deutlich gemacht. Sie hat auch gezeigt, dass die Agilität von Unternehmen, die sich leichter an neue Arbeitsweisen anpassen konnten und deren Geschäftsmodell im Kampf gegen die Herausforderungen der Pandemie gedeihen konnte, von zentraler Bedeutung sind. So war beispielsweise der chinesische E-Health-Anbieter Ping An für die rasant steigende Nachfrage nach seinen Dienstleistungen während der Covid-Pandemie besonders gut aufgestellt. Ping An bietet Online-Gesundheitsdienste an und ermöglicht es Menschen beispielsweise, sich online vom hauseigenen Ärzteteam beraten zu lassen. Mit rund 300 Millionen registrierten Nutzern erreichet der Software-Anbieter rund ein Fünftel der chinesischen Bevölkerung und trägt dazu bei, die medizinische Versorgung in schwer zugänglichen Landesteilen zu verbessern. Mit diesem Geschäftsmodell konnte Ping An in diesen schwierigen Zeiten dazu beitragen, die Belastung von Krankenhäusern zu verringern. Die Zahl der neuen Nutzer auf seiner digitalen Plattform stieg im Januar 2020 um fast 900% gegenüber dem Vormonat.

Langsam aber stetig: Die Verschiebung in Richtung “S”

Neben dem pandemiebedingten Anlegerfokus hat ESG auch innerhalb der Regulierungslandschaft an Bedeutung gewonnen. Dies zeigte sich in Form neuer Anforderungen zur Berichterstattung über bestimmte ESG-Aspekte – einst ausschließlich freiwillig, jetzt jedoch obligatorisch – in vielen Rechtsordnungen, darunter Großbritannien, die EU und Hongkong Kong (und die USA werden wahrscheinlich nachziehen)4.

Die Regulierung zu ESG-Themen hat sich bisher überwiegend auf das „E“ und das „G“ konzentriert – was wir auch in Bezug auf die Verfügbarkeit von Unternehmensdaten sehen. Dies liegt zum Teil daran, dass soziale Fragen etwas schwieriger zu definieren und qualitativ hochwertiger sind. Das zeigt sich auch an der Diskrepanz zwischen den Standards und Ratings, die den Anlegern zwischen „E“, „S“ und „G“’ zur Verfügung stehen. Die Finanz- und Anlagewelt hat eine Reihe von Instrumenten zur Messung und Berichterstattung von Umweltauswirkungen (z.B. CO2-Fußabdruck) identifiziert. Die Sozialberichterstattung hinkt hier weit hinterher, und es ist noch wenig Konsens darüber erzielt worden, wie oder was Unternehmen berichten sollten.

Aber das ändert sich. Die Regulierung wird im Hinblick auf soziale Belange stärker definiert und – wie schon bei der Umweltberichterstattung – entwickelt sich die Sozialberichterstattung von der Freiwilligkeit zur Verpflichtung. In Europa wird beispielsweise erwartet, dass die Europäische Kommission bald eine Richtlinie herausgibt, die eine Sorgfaltspflicht für Unternehmen mit Sitz (oder mit Niederlassungen) in der EU vorsieht5. Die im März 2021 in Kraft getretene EU-Offenlegungsverordnung für nachhaltige Finanzen (Sustainable Finance Disclosure Regulation, SFDR) verpflichtet die Finanzmarktteilnehmer, über die Nachhaltigkeit ihrer Fonds – einschließlich negativer Auswirkungen – zu berichten und dort zahlreiche soziale Aspekte mit abzudecken. Die erste obligatorische Berichterstattung soll im Juli 2022 erfolgen6.

Mit der EU-Taxonomie-Verordnung wurde das Fundament für mehr Nachhaltigkeit in der Wirtschaft gelegt. Sie ist ein Klassifizierungssystem für ökologisch nachhaltige Wirtschaftsaktivitäten und bildet einen Rahmen, anhand dessen wirtschaftliche Aktivitäten als nachhaltig oder nicht nachhaltig beurteilt werden können. Während sie sich derzeit nur auf die Ermittlung detaillierter Kriterien für die ökologische Nachhaltigkeit konzentriert, werden in den nächsten Schritten soziale Kriterien berücksichtigt.

Die Lücke schließen

Im Jahr 2015 hat die internationale Gemeinschaft die UN-Ziele für nachhaltige Entwicklung (SDGs) ins Leben gerufen, in Anerkennung der Notwendigkeit, das zukünftige Wohlergehen unserer Gesellschaften zu sichern. Für Unternehmen und Investoren bieten die SDGs einen Rahmen, mit dem sie die langfristige Wertschöpfung mit den drängendsten Bedürfnissen der Gesellschaft in Einklang bringen können. Um die Ziele der SDGs bis 2030 zu erreichen, sind geschätzte jährliche Investitionen in Höhe von 5 bis 7 Bio. US-Dollar erforderlich. Die aktuellen Investitionen in SDG-bezogene Themen belaufen sich auf 3 Bio. US-Dollar pro Jahr, was eine jährliche Investitionslücke von 2 bis 4 Bio. US-Dollar hinterlässt7. Während die meisten ESG-Zuflüsse auf das „E“ in ESG ausgerichtet sind, orientieren sich 11 der 17 SDGs an der Stärkung sozialer Belange. Wir glauben, dass dies eine große Chance für Unternehmen darstellt, die diesen Bedarf erfüllen können. Für Investoren bedeutet dies, die bestehende finanzielle Kluft zu überbrücken, indem sie die Unternehmen unterstützen, die soziale Güter und Dienstleistungen anbieten. Dabei geht es nicht nur um die Priorisierung sozialer Fragen, sondern auch darum, ob es finanziell Sinn macht.

Vor allem für die Jüngeren werden soziale Aspekte immer wichtiger

Die jüngsten Bewegungen und Initiativen für soziale Gerechtigkeit und die Call-out-Kultur betonen, dass die Menschen mehr von den Unternehmen verlangen. In der Tat unterstreicht ein Bericht der OECD die Tatsache, dass Investoren zunehmend beides suchen: eine langfristig bessere Rendite und zudem eine gesellschaftliche Ausrichtung ihrer Investitionen, um die finanziellen und sozialen Renditen zu maximieren8. Dies gilt insbesondere für jüngere Anleger, die „den Maßnahmen der Unternehmen als Reaktion auf die Covid-19-Pandemie und die unverhältnismäßigen finanziellen und sozialen Widrigkeiten von Covid-19“9 stärkere Aufmerksamkeit geschenkt haben. Da Millennials in den nächsten 40 Jahren 30 Billionen US-Dollar erben werden10, ist dies eine klare Gelegenheit, die Unternehmen und Investoren nutzen können, um die Nachfrage zu decken.

Jetzt ist die Zeit zu handeln

Auch wenn bisher die soziale Säule bei den Investitionszuflüssen vernachlässigt wurde, so hat sich der Anwendungsbereich von „S“ in den letzten zwei Jahrzehnten zunehmend erweitert. Darin erkennt man das sich entwickelnde Geschäftsumfeld des 21. Jahrhunderts, in dem Unternehmen und Märkte zunehmend miteinander verbunden und voneinander abhängig sind. Angesichts der immer offensichtlicher werdenden Ungleichheiten im Gesundheitswesen, im Bildungswesen und im Arbeitsschutz ist es unabdingbar, in Unternehmen zu investieren, die Lösungen für das „S“ priorisieren oder anbieten, wenn wir einen wirklichen Wandel zum Besseren erreichen wollen. Wir bei Nordea glauben, dass hinter diesem Megatrend eine spannende Investitionsmöglichkeit steckt. Jetzt ist die Zeit zu handeln.


Autor: Johannes Haubrich, Head of Product Management Fixed Income & Equity bei Nordea Investment Funds S.A.

1) Bloomberg Intelligence, ESG assets may hit $53 trn by 2025, a third of global AUM, 23 Feb 2021.
2) UNPRI, ‘ESG Integration: How Are Social Issues Influencing Investment Decisions?’ (2017)
3) Marina Apaydin et al, ‘The importance of Corporate Social Responsibility Strategic Fit and Times of Economic Hardship’ (2021) British Journal of Management, Vol.32, 399–415; Gunnar Friede et al, ‘ESG and Financial Performance: Aggregated Evidence from More than 2000 Empirical Studies’ (2015) Journal of Sustainable Finance & Investment, Vol.5, Issue 4, 210-233
4) Raconteur, ‘Sustainable Investing 2021’ (The Sunday Times, 14 February 2021)
5) Jacquelyn MacLennan et al, ‘Pressure mounts on EU regulator to deliver on Mandatory Human Rights, Environmental and Governance Due Diligence’ White & Case (17 March 2021)
6) PWC, ‘Sustainable Finance Disclosure Regulation (SFDR)’ (2020)
7) Gemäß UNCTAD
8) OECD (2020), OECD Business and Finance Outlook 2020: Sustainable and Resilient Finance, OECD Publishing, Paris
9) Peter Goncalves, ‘ESG investors prioritising climate change over diversity – research’ (Investment Week, 20 May 2021)
10) N 9 (NYU Stern)

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