"Der Konsument bleibt der wichtigste Treiber der Transformation"

Die Transformation Europas hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft – der im Oktober 2020 gestartete European Circular Bioeconomy Fund (ECBF) möchte nicht nur an dieser Transformation teilhaben, sondern vor allem darin investieren, erklärt Dr. Michael Brandkamp, Geschäftsführer der High-Tech Gründerfonds Management GmbH.

Mit der Europäischen Investmentbank (EIB) als Hauptinvestor und Hauck & Aufhäuser Funds Services als Verwalter stellt der ECBF den ersten Venture-Fonds dar, der sich ausschließlich auf die Bioökonomie und die zirkuläre Bioökonomie in Europa konzentriert. Der Fonds will somit als wichtiges Finanzinstrument zur Erreichung der Ziele des European Green Deal beitragen, Europa bis 2050 klimaneutral zu machen. FondsTrends sprach mit Dr. Michael Brandkamp, CEO und General Partner des ECBF, über Impact Investing in Krisenzeiten, das Potenzial biobasierter Kreislaufwirtschaft sowie die Nachhaltigkeit von Nachhaltigkeit.

FondsTrends: Herr Dr. Brandkamp, was ist der European Circular Bioeconomy Funds (ECBF) genau und wodurch zeichnet er sich aus?

Michael Brandkamp: Der ECBF ist ein „Alternative Investment Fund“, der sich an innovativen Wachstumsunternehmen der europäischen Bioökonomie beteiligt. Das Zielvolumen von EUR 250 Millionen wird der ECBF in rund 25 Unternehmen aus Europa investieren, um aus regional agierenden Unternehmen erfolgreiche, pan-europäische oder globale Player zu machen. Alle Unternehmen müssen nicht nur sehr attraktive Renditen erbringen, sondern auch einen deutlichen Beitrag zu den Sustainable Development Goals (SDGs) in Aussicht stellen bzw. die sogenannten Environmental, Social and Governance- (ESG-) Kriterien erfüllen.

Der ECBF ist ferner eine Initiative der Europäischen Kommission und der European Investment Bank (EIB), die dazu beitragen soll, die Finanzierungslücke für innovative „Scale-ups“ in der Europäischen Union und den sogenannten „Assoziierten Länder“ zu schließen. Dafür investiert die EIB als Cornerstone Investor EUR 100 Millionen in den ECBF, dessen Konzept und Team in einem europaweiten Ausschreibungsverfahren geprüft und ausgewählt wurden. Mit dem zweiten Closing am 14. Dezember 2020 konnte der ECBF bereits ein Volumen von EUR 175 Millionen akquirieren und damit auch erstklassige Fachexpertise und ausgezeichnete Netzwerke aus fünf verschiedenen Ländern einbinden.

Der ECBF ist bis August 2021 für weitere Investoren offen, die sinnstiftend investieren und an den Chancen teilhaben wollen, die sich aus der Transformation der fossilbasierten linearen zu einer biobasierten zirkularen Wirtschaft ergeben werden.

FondsTrends: Sie sind seit Januar 2020 General Partner des ECBF. Wenn Sie nun auf die ersten zehn Monate dieses turbulenten Jahres zurückblicken – haben Sie sich bereits in Ihre neue Rolle eingelebt? Welche Aufgaben sind grundlegend neu, an welchen Stellen können Sie aus Ihrem Erfahrungsschatz schöpfen?

Michael Brandkamp: Meine neue Rolle ist so abwechslungsreich, spannend und aufregend, dass man nicht von „Einleben“ sprechen kann. Aber die Rolle macht mir sehr viel Freude und ist mir eine Herzensangelegenheit. Allerdings war das Jahr 2020 sehr abenteuerlich: Der Aufbau des Fonds ist genau in die Zeit der Corona-Pandemie gefallen und durch diese auch in Gefahr geraten. So ist das Fundraising zur Achterbahnfahrt geworden bis wir, mit rund sechs Monaten Verzug, Ende August das erste Closing erreichen konnten. In den ersten acht Monaten des Jahres hatten wir sehr wenige Ressourcen, da wir den Aufbau aus unseren eigenen, privaten Mitteln vorfinanzieren mussten. Aber seit Anfang Oktober ist der ECBF operativ und gibt Gas. Das Team wächst und wir haben jetzt die Möglichkeit, von unseren Erfahrungen zu profitieren. Diese Erfahrungen helfen uns nun, die drei Aufgabenfelder des ECBF effizient und professionell zu bearbeiten:

  1. Fundraising – bis August 2021 planen wir, unser Funding-Ziel von EUR 250 Millionen erreicht zu haben.
  2. Fonds- und Teamaufbau – d.h. Aufbau von Strukturen, Prozessen für die Auswahl und die Due Diligence attraktiver Investmentopportunitäten erfordert viel Erfahrung, die wir mit unserem nun wachsenden Team erweitern werden.
  3. Investitionen  in attraktive Wachstumsunternehmen der Bioökonomie, deren Anfragen uns aus unseren eigenen Netzwerken und den Netzwerken der Europäischen Institutionen bereits in großer Zahl erreicht haben.

FondsTrends: Gehen wir einmal zurück zum Anfang. Wann kamen Sie zum ersten Mal mit dem Thema Impact Investing in Berührung? Was hat Sie schließlich, vielleicht auch speziell am Thema biobasierter Kreislaufwirtschaft, nicht mehr losgelassen?

Michael Brandkamp: Beim High-Tech Gründerfonds, für den ich knapp 15 Jahre als Geschäftsführer tätig war, haben wir den Bereich “Sustainable Chemistry” und dessen Potenziale intensiv analysiert. Die Start-up-Szene war sehr unterentwickelt in diesem Bereich. Der größte Engpass lag aber in der Wachstumsfinanzierung. Ferner haben wir erkannt, dass sich die Land- und Forstwirtschaft, die Ernährungs- und Futtermittelindustrie sowie die Verpackungs- und Textilindustrie umstellen und nachhaltiger wirtschaften werden. Es war und ist offensichtlich, dass Innovationen in diesen Bereichen auf sehr große Märkte gerichtet sind und über erhebliche wirtschaftliche Potenziale verfügen. Neben den Renditepotenzialen spielt vor allem die Erkenntnis eine Rolle, dass Innovationen, die die Transformation zu einer zirkularen Bioökonomie voranbringen, nicht nur das Leben erleichtern, sondern zwingend sind, wenn die Menschheit langfristig auf hohem Lebensniveau auf der Erde leben möchte.

Entscheidend war dabei auch der Impuls meiner jüngsten Tochter, die mich bereits vor drei Jahren streng ermahnt hat, etwas für die Zukunft unseres Planeten zu tun.

FondsTrends: Die Corona-Krise scheint nicht nur diverse Lebensbereiche massiv geprägt, sondern auch das Bewusstsein für nachhaltige Investments geschärft zu haben. Welche Aspekte der ESG-Thematik sehen sie besonders davon betroffen? Ist diese Entwicklung im wahrsten Sinne des Wortes nachhaltig, also „here to stay“?

Michael Brandkamp: In der Tat wächst die Ansicht, dass Rendite- und Impactziele komplementär sind, unter Investoren rasant. Es wird immer deutlicher, dass sich Risiken ergeben, wenn die Investmenttargets die Kriterien für „Enviromental, Social and Governance (ESG)“ nicht erfüllen. Alle drei Themenfelder sind sehr wichtig:

  • E: Wenn Unternehmen die Umwelt belasten, wird das zum Risiko, da z.B. Kohlendioxidemissionen etwa durch Steuern oder Zertifikate teuer werden können.
  • S: Wenn öffentlich wird, dass Unternehmen von Kinderarbeit profitieren oder Mitarbeiter diskriminieren, müssen sie damit rechnen, von Kunden abgestraft zu werden.
  • G: Korruption und Vetternwirtschaft sind nur die Spitze des Eisbergs. Wer hier Schwächen zeigt, wird am Kapitalmarkt gerügt. Gute Transparenz- und Compliance-Regeln sind nicht nur Luxus, sondern führen auch zu besseren Entscheidungen und besseren Renditen in den Unternehmen.

Wir sind fest davon überzeugt, dass Investoren in Zukunft grundsätzlich erwarten, dass die ESG-Kriterien erfüllt werden. Viele Investoren interessieren sich immer mehr dafür, was mit dem Geld passiert – Sie wünschen, dass ihr Geld sinnstiftend eingesetzt wird.

FondsTrends: Im Fokus des ECBF liegen vor allem Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit in diversen Bereichen wie z.B. der BlueEconomy oder der Ernährung setzen. Wo sehen Sie hier am meisten Potenzial? Was bedarf einer größeren, wenn nicht gar der größten Umstrukturierung?

Michael Brandkamp: Die Ernährung ist der größte Wirtschaftssektor der Welt. Um in einigen Jahren nahezu 10 Milliarden Menschen zu ernähren, ohne dabei die Lebensbereiche des Menschen auf der Erde zu zerstören, benötigen wir neue Technologien, neue Nahrungsmittel und eine Nutzung von Abfall- bzw. Wertstoffströmen. Der ECBF hat seine beiden ersten Investments in diesem Feld getätigt. PeelPioneers aus den Niederlanden beispielsweise nimmt Orangenschalen auf und verarbeitet diese in der eigenen Bio-Raffinerie zu wertvollen Ausgangsstoffen für die Nahrungsmittelproduktion. Prolupin aus Deutschland stellt aus der regionalen Lupine vegane Joghurts, Eis und Frischkäse her.

Ferner verlangen Kunden, dass Verpackungen nachhaltiger, Textilien recycelt und z.B. Pflegeprodukte ökologischer werden. Auch das Meer als Quelle von neuen Materialien oder Nahrungsmitteln wird an Bedeutung gewinnen. In diesen Feldern werden die Wertschöpfungsketten völlig neu definiert. Hier liegen erhebliche Investitionspotenziale.

FondsTrends: In Anbetracht von Maßnahmen wie dem European Green Deal– wo sehen Sie den ECBF in zehn Jahren?

Michael Brandkamp: Unser Ziel ist, dass der ECBF in zehn Jahren der führende Investor für innovative Wachstumsunternehmen in der Bioökonomie Europas sein wird. Er wird dann bereits seinen dritten Fonds auflegen, gute Investments tätigen und attraktive Renditen erwirtschaften. Der European Green Deal und viele andere Maßnahmen werden den Wandel von der linearen fossilbasierten zu einer biobasierten Wirtschaft fördern. Regulatorische Anpassungen werden neue Märkte schaffen und neue Unternehmen gute Wachstumschancen eröffnen. Dennoch bleibt der Konsument der wichtigste Treiber der Transformation.

FondsTrends: Zum Abschluss noch eine persönliche Frage: Inwiefern hat die Corona-Pandemie Ihren beruflichen wie auch privaten Alltag verändert?

Michael Brandkamp: Die Krise hat mir in der ersten Hälfte des Jahres 2020 Angst gemacht, da uns viele Fondsinvestoren abgesagt haben und neue Investoren nicht ansprechbar waren. Das Projekt stand kurz vor dem Scheitern. Aber mit Unterstützung der EIB, der vertrauensvollen Investoren preZero und Dr. Hettich Beteiligungen sowie durch den starken Teamgeist haben wir es dann geschafft. In meinem Alltag gab es aber auch sehr schöne Momente, da meine ganze Familie zuhause beisammen war. Zwei von meinen drei wunderbaren Töchtern sind bereits im Studium. Corona hat unserer Familie also auch eine sehr schöne gemeinsame Zeit geschenkt.

FondsTrends: Herr Dr. Brandkamp, wir danken Ihnen für das interessante Interview und wünschen weiterhin alles Gute!


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 18. Januar 2021.

Dr. Michael Brandkamp

Dr. Michael Brandkamp studierte Wirtschaftswissenschaften in Münster, Nairobi und Bonn und promovierte an der Fakultät für Unternehmensinnovation der TU Freiberg. Als Geschäftsführer der High-Tech Gründerfonds Management GmbH schrieb er nicht nur dessen Geschäftsplan, sondern baute auch eine breitgefächerte Organisation auf, die unter seiner Leitung in mehr als 550 Start-ups investierte und mehr als 100 Exits realisierte. Im Dezember 2019 verließ er den HTGF nach mehr als 15 Jahren, um sich als General Partner und CEO dem Aufbau des neuen European Circular Bioeconomy Fund (ECBF) zu widmen, der in innovative Unternehmen an der Schnittstelle aus Bioökonomie und Kreislaufwirtschaft investiert.

Offene Immobilienfonds in Corona-Zeiten: Krisenfest dank neuer Regeln

von Robert Guzialowski, Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG.

Durch die Neuregulierung in Folge der Finanzkrise sind offene Immobilienfonds heute wesentlich weniger anfällig für externe Schocks. Somit haben sich Mindesthalte- und Kündigungsfristen in der Corona-Krise bewährt.

Weitere regulatorische Maßnahmen leisten ebenfalls Abhilfe bei der Erhaltung der Stabilität von offenen Immobilienfonds.

Vor mehr als zehn Jahren sind viele offene Immobilienfonds in der Finanzkrise in Schieflage geraten und mussten einen erheblichen Vertrauensverlust hinnehmen. Überraschenderweise waren beispielsweise offene Immobilienfonds im Kern von der Finanzkrise gar nicht betroffen. Im Gegenteil: Bis zur Finanzkrise erzielten offene Immobilienfonds eine durchschnittliche Rendite von 5,1 Prozent p.a.. Mietverträge mit längeren Laufzeiten waren zudem der Garant, dass die anstehende globale Rezession die Renditen kurz- bis mittelfristig nicht deutlich schmälern würde.

Aus Unsicherheit oder auch, um sich Liquidität zu verschaffen, zogen jedoch vor allem institutionelle Investoren von heute auf morgen Millionenbeträge ab. Die auf Fondsseite vorhandenen Liquiditätsreserven konnten die gesteigerten Rückgabeforderungen oftmals nicht decken. Das hatte zur Folge, dass die Rücknahme der Anteile ausgesetzt werden und Immobilien gewissermaßen im Schnellverfahren verkauft werden mussten, um Rückgabewünsche von Anteilsbesitzern zeitnah erfüllen zu können. Da ein Verkauf illiquider Vermögenswerte wie Immobilien allerdings oft über Jahre hinweg vorbereitet werden muss, ließen sich vielfach nicht die gewünschten Erlöse erzielen. Konnte ein offener Immobilienfonds daraufhin auch nach Aussetzung der Anteilsrücknahme nicht genügend liquide Mittel zur Auszahlung der Anleger auftreiben, so musste der Immobilienfonds geschlossen werden. Damit offenbarte sich ein entscheidender Konstruktionsfehler der Vehikel.

Der Regulator hat mit der Einführung des Kapitalanlagegesetzbuchs (KAGB) im Jahr 2013 – streng genommen bereits kurz zuvor durch das Inkrafttreten des Anlegerschutz- und Funktionsverbesserungsgesetzes (AnsFuG) – diesen entscheidenden Konstruktionsfehler bei offenen Immobilienfonds behoben. Nunmehr gilt für offene Immobilienfonds eine Mindesthaltedauer von zwei Jahren und eine Kündigungsfrist von zwölf Monaten. Eine Flucht aus offenen Immobilienfonds, wie sie während der Finanzkrise zu beobachten war, ist faktisch nicht mehr möglich. Tatsächlich waren dann auch keine Mittelabflüsse in größerem Ausmaß zu verzeichnen (Stand Ende Mai 2020), sodass die Liquidität für offene Immobilienfonds weiterhin gesichert ist. Die Aussetzung von Anteilsrücknahmen gilt nun nicht nur theoretisch, sondern auch tatsächlich als „ultima ratio“, womit dem nicht volatilen Charakter der Immobilien Rechnung getragen wird.

Eine weitere regulatorische Folge der Finanzkrise ist die unabhängige quartalsweise Bewertung der Immobilien durch externe Bewerter. Mit der vierteljährlichen Bewertung soll mehr Transparenz geschaffen werden, denn die enormen Rückgabewünsche in der Finanzkrise waren nämlich unter anderem auf die Sorge vieler Anleger zurückzuführen, dass die Immobilien der Fonds nicht den Verkehrswert innehatten, der in den Fondsbüchern ausgewiesen war. Es stellt sich jedoch die Frage, ob die quartalsweise Bewertung Immobilienfonds volatiler und damit für Krisen entgegen der gesetzgeberischen Intention anfälliger macht. So könnten sich bereits kurzfristige Mietausfälle während der Corona-Krise – vielfach befördert durch das Ende März verabschiedete Notgesetz, das Mietern den Kündigungsschutz auch bei Mietaussetzungen garantiert – negativ in der Immobilienbewertung niederschlagen. Entsprechend müsste sodann der Anteilspreis der offenen Immobilienfonds kurzfristig nach unten korrigiert werden. Fraglich erscheint, ob ein derartiges Prozedere dem Charakter von Immobilieninvestments gerecht wird. Als illiquide Vermögensgegenstände dienen sie zuvörderst der langfristig orientierten Kapitalanlage. Bewertungsansatz und -rhythmus sollten diese grundlegenden Eigenschaften einer Immobilie als Kapitalanlage nicht übermäßig konterkarieren und keine kurzfristigen Schwankungen der Verkehrswerte vorspiegeln, die auf bloßen Momentaufnahmen beruhen.

Bislang haben sich derartige Befürchtungen allerdings nicht bewahrheitet, wie während der Corona-Krise erstellte Bewertungen belegen. Nur temporäre Ertragsstörungen entfalten zunächst keinen wesentlichen Einfluss auf die Parameter zur Ermittlung des Verkehrswertes. Vielmehr gilt weiterhin der Grundsatz, diesen auf Basis eines durchschnittlichen Preises vieler Marktteilnehmer und Objekte zu einem bestimmten Zeitpunkt zu bestimmen, ohne kurzfristige individuelle Entwicklungen, wie einzelne Mietausfälle oder -stundungen, über Gebühr zu berücksichtigen. Insofern entfaltete das Notgesetz keine größeren Auswirkungen auf die Bewertung von Immobilien. Es soll jedoch nicht unerwähnt bleiben, dass sich der Investor im Falle kurzfristiger Mietausfälle, die nicht in den Fondswert einfließen, im Zweifel nicht auf den aktuellen Fondswert verlassen kann. Durch die oben geschilderte Bewertungspraxis entsteht bei nur kurzfristigen Mietausfällen somit ein Spannungsverhältnis zwischen der Stabilität der Immobilienfonds auf der einen Seite und dem Vertrauen des Marktes auf die Richtigkeit des aktuellen Fondswertes auf der anderen Seite. Gerade letzteres stellt erhöhte Anforderungen an die Manager der AIF, um die Risiken zu messen sowie Maßnahmen zu treffen und diese dann an die Investoren zu kommunizieren.

Sollten Dauer und Ausmaß der Mietausfälle höher ausfallen und mittel- bis langfristiger Natur sein – etwa in Folge neuerlicher Verschärfungen der Corona-Regeln oder anhaltender Unsicherheit über den Fortgang der Krise – dürfte dies größere Auswirkungen auf die Bewertung von Immobilien mit sich bringen. Mittel- bis langfristige Mietausfälle, insbesondere aber auch dauerhafte Reduzierungen der Mieten, schlagen sich unweigerlich im Ertragswert von Immobilien nieder, was sich zwangsläufig auch auf die Bewertungen und damit auf den Anteilspreis offener Immobilienfonds auswirkt.

Gerade bei Gewerbeimmobilien, vor allem im Einzelhandels- und Hotelsegment, kam es bereits vermehrt zu Verhandlungen über die Stundung oder Reduzierung der Miete. Auch in diesem Fall spielen regulatorische Rahmenbedingungen eine wichtige Rolle. So sind die Kapitalverwaltungsgesellschaften (KVGen) bei Verhandlungen über Mietreduzierungen im Sinne eines „ordentlichen Geschäftsmanns“ verpflichtet, die Interessen der Anleger bestmöglich zu vertreten, sprich den Schaden so gering wie möglich zu halten. Hier ist auf Seiten der KVGen eine sorgfältige Abwägung gefordert: Inwieweit sind vorübergehende Mietausfälle, -stundungen oder gar dauerhafte Reduzierungen auch nach Auslaufen der gesetzlichen Sonderregeln zu akzeptieren, um Mietern untragbare finanzielle Belastungen zu ersparen und damit den langfristigen Investmenterfolg sicherzustellen? Zwar steht den KVGen hier in aller Regel ein großzügiger Verhandlungsspielraum zu, allerdings sind alle Entscheidungen sorgfältig zu begründen und zu dokumentieren. Im Zweifelsfall hat in diesem regulatorischen Spannungsverhältnis zudem auch die finanzierende Bank ein Wort mitzureden, wenn es entsprechende Vertragsklauseln gibt.

In welchem Ausmaß es hier zu Anpassungen kommen wird, hängt im Wesentlichen vom Fortgang der Corona-Krise ab. Ein neuerlicher Lockdown träfe etliche Mieter mit Sicherheit hart. Bislang aber bleibt positiv festzuhalten, dass die Pandemie, anders als zu Zeiten der Finanzkrise, dank der in großen Teilen umsichtigen Regulierung keine Panikverkäufe zur Folge hatte und offene Immobilienfonds wieder die Stabilität bieten, für die sie bei Anlegern vor der Finanzkrise lange Zeit standen.

Klar ist dabei, dass auch eine starke Regulierung nicht gänzlich vor den Folgen einer Krise schützen kann. Sie kann aber für Rahmenbedingungen sorgen, die einen angemessenen Schutz vor Überreaktionen der Investoren bieten. Wird sie, wie aktuell, von einem sensiblen Handeln der Aufsichtsbehörde – kurzfristig hat die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht das aus massiven Aktienverlusten resultierende Überschreiten der vorgegebenen Immobilienquote von 25 Prozent auf Seiten vieler institutioneller Investoren nicht moniert – flankiert, so leistet sie einen wesentlichen Beitrag dazu, dass Immobilienfonds ihrem Anspruch als langfristig orientierte und krisenfeste Anlagelösungen neuerlich gerecht werden.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 27. Oktober 2020.

Robert Guzialowski

Robert Guzialowski ist Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG. Er verantwortet neben Vertrieb und Kundenmanagement der AIF-Verwahrstelle die Begleitung der KVGen von der Aufnahme der Geschäftsbeziehung über das Onboarding bis hin zu den Fondstransaktionen. Robert Guzialowski ist Rechtsanwalt und veröffentlicht regelmäßig zu aufsichtsrechtlichen Entwicklungen.

„Schutz der Meere und Ozeane durch nachhaltige Aquakultur“

von Reinhard Liebing, Geschäftsführer der SUSTAINABLE INVESTING TRUST StBG mbH.

Durch Innovationen, Digitalisierung, künstliche Intelligenz, Elektrifizierung, Prozessoptimierung von CO2 intensiven Prozessen, und Dekarbonisierung der globalen Wirtschaft kann eine nachhaltigere Zukunft gestaltet werden. Wie schnell und wie weit diese Veränderungen gehen werden, kann derzeit noch nicht gänzlich abgeschätzt werden. Das ökonomische und technische Umfeld steht vor größten Herausforderungen. Hinzu kommen das andauernde Niedrigzinsumfeld und die politischen Unsicherheiten sowie die Klimaveränderungen und ihre physischen Auswirkungen. Langfristige Trends wie das globale Bevölkerungswachstum, die Urbanisierung, und die nachhaltige Ernährung können hierbei allerdings als eine Richtschnur dienen, um die Chancen der Veränderungen auch positiv zu begreifen.

Bevölkerungswachstum, Überfischung, und Aquakultur

Aktuell leben ca. 7,6 Mrd. Menschen auf unserem Planeten. 2030 werden es ca. 8,6 Mrd. Menschen sein. 2050 werden voraussichtlich ca. 9,8 Mrd. Menschen unseren Planten bevölkern. Ein Wachstum um ca. 30 % bei konstanten Ozeanen und Meeren.

Aufgrund der massiven Überfischung sind die Ozeane und Weltmeere an ihrer Grenze. Bedingt durch das Bevölkerungswachstum entsteht eine zunehmende Nachfrage nach Meeresfrüchten als wertvolle Proteinquelle. So wächst die Nachfrage nach Meeresfrüchten und Fisch aktuell doppelt so schnell wie die Zunahme des Bevölkerungswachstums.

Aquakultur gehört nach einem Research Dokument der Rabobank aus dem Jahr 2018 zu den schnellsten wachsenden Sektoren zur Erzeugung von tierischen Proteinen. In nur 6 Jahren hat sich der Wert seit 2010 bis 2016 um fast 100 Mrd. US$ auf ca. 232 Mrd. US$ erhöht (eine durchschnittliche Wachstumsrate von ca. 10 %). In den Jahren davor dauerte es 15 Jahre, für einen Zuwachs von ca. 94 Mrd. US$.

Zu den Zugangswegen für Investoren zählen insbesondere börsengelistete Gesellschaften, Direktbeteiligungen, oder Fondsinvestments. Allerdings ist das Universum der Fondsinvestments mit entsprechenden Managern noch überschaubar.

Mehr als die Hälfte der konsumierten Meeresfrüchte stammt heute bereits aus der Aquakultur. Die bisherige Aquakultur in Teichen und Seegehegen ist stark von den Umweltbedingungen abhängig und unterliegt in deren Folge hohen Produktionsschwankungen.

Nach Angaben der Food and Agriculture Organization (FAO) der Vereinten Nationen aus 2018 haben 93% der Wildbestände die maximale Fangquote erreicht. Folglich ist die Steigerung der Produktion von Meeresfrüchten aus Aquakultur unerlässlich, um die gestiegene Nachfrage von ca. 33 Mio. Tonnen pro Jahr bis 2030 befriedigen zu können.

Fische – effizient und nachhaltig aufzuziehende Tiere

Fische gehören zu den am effizientesten aufzuziehenden Tieren, da ihr Futterverwertungsverhältnis so niedrig ist. Das Futterverwertungsverhältnis ist die Futtermenge, die ein Tier benötigt, um ein Kilogramm Körpergewicht zu erreichen. Aufgrund jahrelanger Forschung über die spezifischen Ernährungsbedürfnisse ist der Atlantische Lachs heute das am effizientesten aufzuziehende Tier mit dem niedrigsten Futterverwertungsverhältnis. Typischerweise benötigt Atlantischer Lachs 1,15 kg Futter, um 1 kg Körpergewicht zu erreichen. Schweine brauchen mehr als doppelt so viel Futter wie Lachse, um 1 kg zuzunehmen, während Schafe fast sechsmal so viel fressen müssen.

Quelle: https://www.skretting.com/en/faq/how-much-wild-fish-is-needed-to-feed-farmed-fish/

Fisch hat auch einen relativ hohen Ernteertrag im Vergleich zu anderen Zuchttieren. Der Ernteertrag ist der Prozentsatz des Tieres, der nach der Entfernung ungenießbarer Teile genutzt werden kann. So hat beispielsweise atlantischer Lachs einen Ertrag von ca. 86%. Huhn hat im Vergleich dazu einen Ernteertrag von nur 47 %.

Lachsaufzucht in Off- und On-Shore Aquakulturen

Im Mittelpunkt der Off-Shore Aquakultur steht die Aufzucht des atlantischen Lachs. Lachse benötigen eine Wassertemperatur von 2-20 Grad Celsius. Daher kann Lachs nur in bestimmten Regionen der Welt, wie Norwegen, Schottland, Chile, und Kanada aufgezogen werden. Die Aufzucht der Lachse im Meer ist jedoch nicht unproblematisch. So werden gegen Parasiten wir die Lachslaus erhebliche Mengen an Chemikalien und Pestiziden eingesetzt, um diese zu bekämpfen. Nach vorliegenden Schätzungen werden von den Gestehungskosten für 1 Kilogramm Lachsfleich ca. 25 % für die Bekämpfung der Lachslaus im Meer aufgewendet. Darüber hinaus belasten die Exkremente der Lachsfarmen das Meerwasser. Aufgrund der Stürme auf See entkommen häufiger größere Fischmengen aus den Gehegen. So sind bei einem der letzten Stürme im August dieses Jahrs vor Schottland Lachsfarmen vom Weltmarktführer Mowi schwer beschädigt worden. Etwa 30.000 Lachse starben in Folge des Sturmes und ca. 50.000 Lachse entkamen aus den Netzen. Ähnliche Vorkommnisse vor Britisch Columbia haben dazu geführt, dass die kanadische Regierung plant die Genehmigungen für die Off-Shore Aquakultur vor Britsch Columbia einzustellen, da die Zuchtlachse für die Meere und die Wildlachse ernstzunehmende Belastungen darstellen. So weist der Premierminister Justin Trudeau in einem Schreiben vom 13. Dezember 2019 die Ministerin für Fischerei an, „mit der Provinz Britisch Columbia und den indigenen Gemeinschaften zusammen zu arbeiten, um einen verantwortungsvollen Plan für den Übergang von der offenen Netzgehe-Lachszucht in den Küstengewässern Britsch-Kolumbiens bis 2025 zu erstellen, und mit der Arbeit an der Einführung des ersten kanadischen Aquakulturgesetztes überhaupt zu beginnen.“

Swiss Lachs als ein Erfolgsbeispiel

Eine Alternative zu der Off-Shore Aufzucht ist die landbasierte Aufzucht der Lachse in sogenannten Kreislaufanlagen, die bereits weltweit im Einsatz sind. Swiss Lachs, eine Indoor Lachsaufzucht im bündnerischen Misox, ist hierfür ein Erfolgsbeispiel, das aktuell sogar noch ausgebaut werden soll. Diese Kreislaufsysteme bestehen aus Aufzuchtbecken, die durch Rohre an ein Filtersystem (in der Regel Biofilter) miteinander verbunden sind. Wasser zirkuliert fortlaufend und bildet insoweit einen geschlossenen Kreislauf. Das Wasser wird ständig gefiltert und bei fortschrittlicher Technik ist nur ein minimaler Anteil an Wasser nachzufüllen. Pumpen lassen das Wasser zirkulieren und erzeugen in den Becken eine künstliche Strömung, die dem natürlichen Bewegungsdrang der Fische entgegenkommt. Durch die Abgeschlossenheit der Systeme wird sichergestellt, dass keine schädlichen Umwelteinflüsse auf die Tiere einwirken. Insofern bedarf es auch keiner Antibiotika und Zusatzstoffe wie Pestizide oder Hormone. Zugleich verbietet sich beim Einsatz von Biofiltern die Verwendung von Antibiotika.

Bislang wachsen alle geschlüpften Lachse zunächst an Land auf und werden erst später ins Meer ausgesetzt. Da in einigen Regionen der Welt mittlerweile keine weiteren Lizenzen für Off-Shore Lachsfarmen vergeben werden, wachsen die jungen Lachs in diesen Regionen der Welt nun schon fast 2 Jahre an Land auf, um die verbleibende Zeit bis zur „Ernte“ im Meer zu verbringen.

Aquakultur – Risikomanagement, Nachhaltigkeit, und Skalierbarkeit der Assetklasse

Bei landbasierten Kreislaufanlagen sind vier zentrale Risikotypen zu beachten:

  • Operationale Risiken, bspw. Technologische Probleme, Biologische Herausforderungen wie Krankheiten, Parasiten, Produktqualität wie Farbe, Geschmack, Struktur
  • Marketing und Vertriebsrisiken, wie Kundenakzeptanz, Preisrisiken, Vermarktungsrisiken
  • Regulatorische Risiken, wie Genehmigungen, Akzeptanz auf lokaler Ebene, Wasserver- und entsorgung
  • Finanzielle Risiken, bspw. hohe Investitionskosten und Profitabilität

Die meisten der vorstehenden Risiken lassen sich mit einem kompetenten und erfahrenen Team, einem passenden Standort und einem Industriepartner mit langjähriger Erfahrung in der Entwicklung und der Umsetzung von Aquakultur Kreislaufanlagen erfolgreich managen, wenn zudem ein starkes Business- und Marketing Konzept vorliegt.

In der Praxis sehen wir Projekte, bei denen nachhaltiger Landlachs unter Berücksichtigung der SDGs in Deutschland zu attraktiven Erträgen aufgezogen werden kann. Dieser Landlachs wächst bspw. in Ostdeutschland in Regionen auf, die hervorragende Wasserqualitäten und -mengen besitzen. Für geplante erste 5.000 Tonnen Jahresproduktionen liegen in dem Fall zudem schon schriftliche LOI´s für jährliche Abnahmemengen von über 7.000 Tonnen von größten deutschen Handelsorganisationen vor.

Fertigstellungsrisiken werden durch entsprechende Fertigstellungsgarantien bonitätsstarker Bauunternehmen abgesichert und der Betrieb der Anlagen in der Anlaufphase durch Funktionsgarantien von Weltmarktführern aus der Aquakulturindustrie reduziert.

Nachhaltig erzeugte landbasierte Lachsaufzucht mit skalierbarer erprobter Technologie für die Märkte der Regionen bittet attraktive Renditen mit einem hohen SDG Impact. Biosicherheit in Kombination mit Biofutter und Transparenz der Nahrungsmittelproduktionsketten lässt sich somit erreichen. Voraussetzung hierfür ist allerdings ein kompetentes und erfahrenes Team, dass gemeinsam die Herausforderungen der Aquakultur managend. Wie die Covid 19 Pandemie zeigt, unterliegen ganze Wirtschaftsstrukturen wie Luftfahrt, Transport und Touristik biologischen Risiken, die durch entsprechende Hygienekonzepte gesteuert werden müssen. Eine ganzheitliche Betrachtung der wirtschaftlichen Eco-Systeme verknüpft mit den ökologischen Eco-Systemen vor dem Hintergrund der vorhandenen Megatrends ist ein Schlüssel in eine nachhaltigere Welt.


Kontakt: info@susi-trust.com

Folgen der Corona-Krise – was auf Immobilienfonds jetzt zukommt

von Robert Guzialowski, Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG.

Das ganze Ausmaß, in dem sich die derzeitige Krise auf die Wirtschaft und die einzelnen Sektoren auswirkt, ist noch unklar. Das gilt auch für den Immobilienmarkt, dessen einzelne Segmente sowie für Immobilienfonds. Allerdings lassen sich aus einer Vorher- und Nachher-Perspektive auf die Corona-Krise Tendenzen erkennen.

Immobilienfonds stehen weiterhin hoch im Kurs

Immobilienfonds erfreuten sich in den vergangenen Jahren wachsender Beliebtheit. Eine der Hauptursachen dafür waren die niedrigen Zinsen. Deshalb, und weil sich die Konjunkturaussichten zuletzt eingetrübt hatten, galten Immobilien als sichere Anlageklasse. Entsprechend hoch waren die Investitionsvolumina. Bei Wirtschaftsimmobilien (u.a. Büro, Logistik, Hotel) erreichte das Transaktionsvolumen im Jahr 2019 mit 72,6 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Lediglich im Einzelhandelsbereich waren Schwächen auszumachen; er litt, mit Ausnahme des Nahrungsmittelsegments, unter dem verstärkten Trend zum Online-Handel, weshalb sich dort das Transaktionsvolumen zuletzt das zweite Jahr in Folge verringerte. Dagegen stand der Wohnsektor bei Investoren ebenfalls hoch im Kurs, was einen Kaufpreisanstieg von zuletzt 9,5 Prozent zur Folge hatte.

Insgesamt lässt sich über fast alle Nutzungsklassen hinweg deshalb feststellen, dass sich die einzelnen Immobiliensegmente vor der Corona-Krise einer anhaltend hohen und wachsenden Nachfrage gegenübersahen. Doch wie sich schon in der Finanzkrise zeigte, bleiben auch Immobilien von Krisen nicht unberührt. So hat sich nach einer Umfrage von Savills das Transaktionsvolumen bei Wohn- und Gewerbeinvestments im April im Vergleich zum Vorjahr von 5,1 Mrd. Euro auf 2,3 Mrd. Euro mehr als halbiert.

Wie beeinflusst Corona die künftige Miet- und Preisentwicklung?

Die wichtigste Ursache für diese Entwicklung: Die derzeitige Unsicherheit über die künftige Miet- und Preisentwicklung. Aktuellen Schätzungen zufolge sind je nach Immobiliensegment Preiskorrekturen von bis zu 20 Prozent denkbar. Es stellt sich also die Frage, wie viel Sicherheit Immobilienfonds nun bieten? So hatte die hohe Nachfrage für die Zeit vor Corona zu deutlich steigenden Kaufpreisen geführt. Doch weil die Mieten bei Neuverträgen nicht im gleichen Maße wie die Immobilienpreise nach oben gingen, könnte der eine oder andere Objektwert unter Umständen inzwischen zu hoch angesetzt sein.

Dazu kommt, dass der Immobilienmarkt zwar auch dieses Mal im Vergleich zu den volatileren Märkten zeitlich nachgelagert reagierte. Anders als in der Vergangenheit war der Abstand aber geringer. Am deutlichsten zeigte sich das im Hotel-Bereich. So führte der Lockdown schnell zu einem massiven Einbruch bei den Hotelübernachtungen. Das wiederum hatte Mietausfälle zur Folge. Nun drohen Insolvenzen der Pächter und womöglich eine Konsolidierung des Marktes, die auch Auswirkungen auf Hotel-Investoren haben wird.

Immobilienfonds sehen sich deshalb bereits immer zahlreicheren Anfragen von Mietstundungen oder -verhandlungen gegenüber. Das könnte zu Umsatzeinbußen für Immobilien-AIF führen. Wie stark sich die Corona-Pandemie letztlich auf den Hotelmarkt und somit die Performance der sie haltenden Fonds auswirken wird, hängt von der Dauer des Lockdowns ab. Jedoch sind die Übernachtungszahlen in den vergangenen zehn Jahren stetig gestiegen. Langfristig ist deshalb mit einer Rückkehr zu diesem positiven Trend und einer Erholung des Hotelsektors zu rechnen.

Das könnte im Einzelhandel, soweit es den Nicht-Lebensmittelbereich betrifft, anders aussehen. Auch dort sind Ausfälle von Mietzahlungen festzustellen. Wie erläutert, hatte es dieses Segment, das unter einem veränderten Konsumverhalten leidet, auch vor der Krise schon nicht leicht. Jetzt ist denkbar, dass sich dieser strukturelle Wandel durch die Corona-Pandemie beschleunigt. Das könnte eine steigende Zahl von Insolvenzen und Ladenschließungen bedeuten. Die Folge wären erhöhte Leerstände und möglicherweise eine deutliche Korrektur bei den Mieten und Preisen. Die Auswirkungen auf Immobilienfonds könnten hier deshalb womöglich nicht nur temporär sein.

Optimistischer Ausblick für Logistik- und Wohnimmobilien

Positiver stellt sich die Lage bei Büro-, Logistik- und Wohnimmobilien dar. Trotz der spürbaren Auswirkungen und den ungewissen Aussichten für die nahe Zukunft sollten sich diese aller Voraussicht nach relativ schnell erholen – und entsprechend sollten Immobilienfonds durch diese Segmente auch nicht allzu stark beeinträchtigt werden. Gerade für die Bereiche Logistik und Wohnen sind die langfristigen Prognosen eher positiv. Wegen des zunehmenden Trends zum Online-Handel und der sich abzeichnenden Tendenz zur Regionalisierung von Lieferketten, eine Folge der De-Globalisierung, dürfte die Nachfrage nach Logistikobjekten sogar eher zunehmen.

Zugleich ist die Mietnachfrage bei Wohnimmobilien vielerorts stabil. Auch wenn die Renditen niedrig sind, könnte hier ein wachsendes Interesse sicherheitsorientierter Anleger zu weiter steigenden Preisen führen. Etwas gemischter fällt das Bild bei Büroimmobilien aus. Aufgrund der durch den Lockdown erzwungenen Umstellung auf Heimarbeit ist im Bürosektor ein gewisser Rückgang bei der Flächennachfrage zu erwarten – Stichwort Desk Sharing. Dem entgegen steht derzeit zwar die geringe Leerstandsquote, weshalb es vorerst nicht zu starken Preiskorrekturen kommen dürfte. Doch dürfte dieser Leerstands-Puffer aufgrund hoher Fertigungszahlen bei Büroimmobilien im kommenden Jahr aufgezehrt werden. Langfristig könnte sich das Bild deshalb eintrüben.

Fazit

Die Auswirkung der Krise auf die Gesamtwirtschaft für den Immobiliensektor wird entscheidend sein. Kommt es zu einem schweren Konjunktureinbruch, der Unternehmen und Konsumenten gleichermaßen trifft, dann wird dies nicht ohne Folgen für die Immobilienmärkte bleiben. Dennoch gilt diese Anlageklasse als sicherer Hafen. Denn als Sachwerte bieten Immobilien gerade in Krisenzeiten ein höheres Maß an Stabilität als viele andere Anlageklassen. Immobilienfonds sollten aus dieser Krise deshalb gestärkt hervorgehen.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 16. Juni 2020.

Robert Guzialowski

Robert Guzialowski ist Leiter Real Assets Deutschland bei Hauck & Aufhäuser Privatbankiers AG. Er verantwortet neben Vertrieb und Kundenmanagement der AIF-Verwahrstelle die Begleitung der KVGen von der Aufnahme der Geschäftsbeziehung über das Onboarding bis hin zu den Fondstransaktionen. Robert Guzialowski ist Rechtsanwalt und veröffentlicht regelmäßig zu aufsichtsrechtlichen Entwicklungen.

Ausländische Asset Manager in Deutschland – ihre größten Herausforderungen prae Covid-19

von Hagen Gerle, Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche.

Spezifische Anforderungen von Kundenseite, die fondsbezogene Regulierung und der Zugang zu Vertriebspartnern sind die größten Herausforderungen für ausländische Fondsgesellschaften auf dem deutschen Markt – oder waren es zumindest bis zum Beginn des Coronavirus-Lockdowns. Die höchste persönliche Schwierigkeit für Mitarbeiter und Dienstleister von Investmentgesellschaften war bis dato der Umstand, dass Deutschland sehr dezentralisiert ist und viele unterschiedliche Finanzzentren hat.

Das sind die Kernergebnisse der Umfrage „Welche Hürden müssen ausländische Fondshäuser auf dem deutschen Markt überwinden?“, welche die spezialisierte Kommunikationsberatung Gerle Financial Communications (GFC) initiiert hat. An der Online-Umfrage beteiligten sich zwischen Januar und März dieses Jahres Vertreter von 18 Unternehmen, die bei ausländischen Fondshäusern arbeiten oder für diese Dienstleistungen erbringen, vor allem im Vertrieb.

Die teilnehmenden Investmentfirmen stammen aus Europa (neun Unternehmen), Nord- und Südamerika (acht) sowie Asien (eine Firma) und repräsentieren ein gesamtes weltweit verwaltetes Vermögen von rund 4,3 Billionen Euro (Stand Dezember 2019).

Deutsche Kunden haben besondere Erwartungen und Anforderungen

In der Befragung nannte mehr als ein Viertel (26 Prozent) der Teilnehmer die besonderen Anforderungen deutscher Fondskunden – etwa in Bezug auf das Reporting für gesonderte Anteilklassen, individuelle Zielgruppen und obligatorische Kennzahlen – als die größte Herausforderung, gefolgt von der fondsspezifischen Regulierung und dem Zugang zu den richtigen Vertriebspartnern mit jeweils 22 Prozent. „Informationsmaterial in deutscher Sprache“ landete auf dem dritten Rang (17 Prozent).

„Ob Deutschlands Dezentralität mit seinen verschiedenen Finanzzentren nach Covid-19 noch eine Hürde für ausländische Asset Manager sein wird, bleibt abzuwarten.“
Hagen Gerle, Geschäftsführer Gerle Financial Communications

Knapp die Hälfte der Befragten (47 Prozent) bezeichnete Deutschlands dezentrale Struktur mit seinen verschiedenen Finanzzentren als die höchste persönliche Hürde, die sie zu nehmen hatten, als sie nach Deutschland kamen. „Das ist allerdings eine Hürde, die angesichts von Social Distancing, stark eingeschränktem Reiseverkehr und dem wachsenden Zuspruch für Online-Seminare und Video-Konferenzen künftig niedriger ausfallen könnte“, sagt GFC-Geschäftsführer Hagen Gerle.

Qualifiziertes Personal einzustellen (16 Prozent), die deutsche Sprache (13 Prozent) und das deutsche Steuerwesen (neun Prozent) folgten mit weitem Abstand. Einen passenden Job für den Lebenspartner (eine Nennung) oder Zugang zu guten Schulen für die Kinder zu finden (keine Nennung) stellten offensichtlich keine Schwierigkeiten dar.

ESG und Regulierung machen mehr Arbeit als im Heimatmarkt

Im Vergleich zu ihren Heimatmärkten sind vor allem die Regulierung sowie das Sichten und Auswählen von nachhaltigen und sozial verantwortlichen Investments (ESG/SRI) für ausländische Fondsgesellschaften in Deutschland aufwändiger. Mehr als die Hälfte der Teilnehmer (56 Prozent) haben danach mit den Themen „Regulierung“ sowie „ESG/SRI“ in Deutschland mehr Arbeit als in ihren jeweiligen Heimatländern. „Digitalisierung“ (88 Prozent) sowie „New Work“ (65 Prozent), also neue flexible Arbeitskonzepte, bereiten hierzulande hingegen weniger oder genauso viel Arbeit wie in den Ursprungsländern der Asset Manager.

„Als wir die Umfrage starteten, war natürlich nicht abzusehen, welche tiefgreifenden Folgen Covid-19 haben würde. Und die Frage nach den ,größten Herausforderungen für ausländische Asset Manager auf dem deutschen Markt‘ zu beantworten, schien uns im Verlauf der Krise nicht mehr angemessen“, kommentiert Gerle. „Zumal sich diese Herausforderungen ganz stark, speziell für kleinere Gesellschaften, auf den reinen Fortbestand reduzieren.“

Zwar repräsentiere eine Anzahl von 18 Antworten nur einen kleinen Teil der ausländischen Asset Manager und ihren Blick auf die deutsche Fondsbranche. „Da die Teilnehmer unserer Befragung aber eine gute Bandbreite abdecken – von globalen Top-Ten-Häusern bis hin zu spezialisierten Investmentboutiquen aus aller Welt – geben sie einen interessanten Einblick in die Schwierigkeiten, welche ausländische Asset Manager bei ihrem Start in Deutschland haben – nach wie vor einem der am stärksten gefragten Märkte weltweit“, sagt Kommunikationsberater Gerle. Es werde sicher aufschlussreich werden, die Frage nach den höchsten Hürden in einem Jahr erneut zu stellen und dann den Einfluss von Covid-19 auf das Geschäft in Deutschland festzuhalten.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 05. Juni 2020.

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften. 2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main: Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

Requirements for Security Token Issuance

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Security tokens have been introduced from this legal perspective in part one of this article. This part focuses on the security token offering requirements.

Services of token issuer and token generator

Token issuer are persons who publicly offer tokens on behalf of third parties. This includes not only sales, but also other forms of offering, such as an award for a fee or a gift (eg, airdrop). A possible application is trading venues that carry out ICOs or IEOs for their customers.

In addition, persons who carry out their own issuance must also register if the equivalent value of the tokens issued in one year exceeds or will exceed CHF5 million.

As far as we understand under token issuer mainly of utility tokens (ICO or IEO in case the token issue is conducted primarily by a known exchange) and security tokens (STO) fall those who issue tokens professionally in the name of a client or in their own name in the amount of CHF5 million or more to be issued within a period of 12 months.

In general, every token issuer has to be registered in the FMA register. The obligation does not apply in cases in which the issuer sells his own tokens for the amount less than CHF5 million within twelve months to the public.

Services of a registered token generator who generates tokens technically are also needed within the TVTG framework. Project planning fundraising using tokens could either seek the registration as token generator or use services of the registered token generator on site. Requirements for token issuer registration can be summarised as follows:

Personal, management and shareholders have to be reliable in terms of bankruptcy and criminal law. An organisation structure with defined areas of responsibility, including procedures for dealing with conflicts of interest must exist. Furthermore, a minimum capital of 50,000 Francs, 100,000 Francs and 250,000 Francs have to be at the company’s disposal if tokens with a total value respectively of up to and including CHF5 million, of more than CHF5 million and of more than CHF25 million are issued within a period of 12 months. 

Publication of basic information and notification for token issuance 

Article 30 TVTG contains an obligation to prepare, report and publish basic information which should contain information about the tokens to be issued and associated rights.

An issuer of tokens that are offered to the public is obliged to create and publish appropriate basic information in advance. The corresponding obligation to provide information serves to protect users and is intended to adequately inform the interested public about the purpose of the token issue and the associated opportunities and risks.

The central difference between a securities prospectus according to Securities Prospectus Act and basic information according to TVTG is that basic information according to TVTG must be brought to the attention of the FMA in good time before the token issue; the information must also be published, eg, on the issuer's website. However, no formal approval of the information by the FMA is required.

Assumingly publication of the basic information is the major requirement for ICO/IEO or an STO which does not need to publish a prospectus, ie, raising from CHF5 million to CHF/EUR8 million.

TVTG provides for an exemption to publish basic information for the case if there is already an obligation to publish qualified information about the public offering of tokens according to other laws. Additionally, token issuer must notify the FMA of any token issuance in advance.

Requirements under prospectus regulations and access to single market

Liechtenstein as part of the European Economic Area (EEA) has to implement the European Directives into national legislation, which is the case with EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG).

This section is based mainly on existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980), as well as FMA’s instructions and communication to be found at FMA’s website.

In summer 2018, the FMA approved a first securities prospectus for security tokens in the entire European Union. These securities prospectuses combine the features of classic securities prospectuses on the one hand and the elements of blockchain technology on the other.

Existing regulations, tailored to traditional securities (such as Delegated Regulations (EU) 2017/1129, supplemented by Regulations (EU) 2019/979 and 2019/980) can only be applied to security tokens if their security characteristics are fulfilled. The security property is generally assessed based on the three criteria of transferability, standardisation and tradability.

Securities

When offering securities to the public or admitting securities to trading in a regulated market, information disclosure is key to investor protection as it eliminates information asymmetries between investors and issuers.

In the public offering of securities, information disclosure is of central importance to investor protection, as it eliminates the information asymmetry between investors and issuers. Offering securities to the public generally requires preparation and publication of a securities prospectus under the EEA Securities Prospectus Implementation Act (EWR-WPPDG) (Article 1, Paragraph 1 EWR-WPPDG).

A public offering of securities in Liechtenstein may therefore only take place if previously according to the provisions of Regulation (EU) 2017/1129 and the Delegated Regulation (EU) 2019/980 and Delegated Regulation (EU) 2019/979 prospectus drawn up and approved has been published.

Prospectus Content

The minimum content of the prospectuses is specified in the Annexes to Delegated Regulation (EU) 2019/980. The Annexes to the Delegated Regulation (EU) 2019/980 contain in particular the registration forms, the securities descriptions and information on the minimum content. The type of the underlying asset is decisive, ie, depending on the focus and orientation of the security, the relevant appendices must be observed.

A securities prospectus must be approved by the FMA and published as required by law in order to be considered valid. There is no obligation to publish a prospectus if an exemption applies under Article 1 of Regulation (EU) 2017/1129. In any case, a security prospectus may be published voluntarily in order to extend the offer to the whole EEA.

Exemptions to the prospectus obligation can be found in Article 1, Paragraph 4 Regulation (EU) 2017/1129 and Article 3 EEA-WPPDG.

The most frequently used exemptions are private placement not falling under description of the public offering and exclusively qualified investors are approached. Offer of securities to the public means a communication to persons in any form and by any means, presenting sufficient information on the terms of the offer and the securities to be offered, so as to enable an investor to decide to purchase or subscribe for those securities. This definition also applies to the placing of securities through financial intermediaries.

However, such exempted offers of securities to the public should not benefit from the passporting regime under the regulation. 

Resale of securities

It is important to mention, that subsequent resale of securities which were previously the subject of one or more of points (a) to (d) of Article 1(4) shall be considered as a separate offer and the definition set out in point (d) of Article 2 shall apply for the purpose of determining whether that resale is an offer of securities to the public. The placement of securities through financial intermediaries shall be subject to publication of a prospectus unless one of the exemptions listed in points (a) to (d) of Article 1(4) applies in relation to the final placement.

No additional prospectus shall be required in any such subsequent resale of securities or final placement of securities through financial intermediaries as long as a valid prospectus is available in accordance with Article 12 and the issuer or the person responsible for drawing up such prospectus consents to its use by means of a written agreement.

Voluntary prospectus approval

If a further public resale on a trading platform is planned, it could be recommended to obtain a voluntary prospectus approval. Where an offer of securities to the public or an admission of securities to trading on a regulated market is outside the scope of this Regulation in accordance with Article 1(3), or exempted from the obligation to publish a prospectus in accordance with Article 1(4), 1(5) or 3(2), an issuer, an offerer or a person asking for admission to trading on a regulated market shall be entitled to voluntarily draw up a prospectus in accordance with this Regulation.

Since Liechtenstein is an EEA member, the prospectus, including any supplements, is valid in any number of EEA member states without an additional approval procedure for a public offer or admission to trading (European passport). The FMA shall send the necessary documents to the competent authorities of the host Member State and the European Securities and Markets Authority (ESMA) within one working day of receipt of the application or approval.

Conclusions

Security token offering requirements in Liechtenstein look as follows in brief:

  • securities prospectus registration is required with FMA if token qualifies as security;
  • registration as token issuer in case of professional activity or issuance over CHF5 million;
  • basic information publication in case of issuance under CHF5 million/other exemptions from prospectus obligation; and
  • notification of the token issuance.

Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

Rechtsanwälte Lennert Partners

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Security Token Offering for Fundraising and Assets Tokenisation under Liechtenstein Blockchain Act

by Yanina Petrovskaya, Alexander Yudovich, and Philipp Lennert, Rechtsanwälte Lennert Partners.

After over 80% of unregulated initial coin offerings (ICOs) turned out to be scams, regulated security token offerings (STOs) became more popular. It turned out that almost every asset can be linked with token as entry in a decentralised register which leads to the appearance of security token, tokenised or digital security.

Security tokens, together with cryptocurrencies, are a fairly new topic in financial market reality and law. The potential of the security tokens or assets tokenisation markets is claimed to be worth billions. In 2018-19 we have seen the rise of security token offering both as a method of fundraising and an attempt to make some illiquid assets such as real estate more liquid. Global STO research with statistics was provided by a swiss tokenisation platform Blockstate, which can be used as illustration for the above statements.

Switzerland and Liechtenstein, as countries with reputable financial markets, recognised the potential of asset tokenisation for their financial market early in its development, and have done much work to provide relevant legal frameworks. In 2018-2019 around fifteen STOs were conducted in Switzerland and around seven in Liechtenstein. The Principality of Liechtenstein as possible jurisdiction for initial coin offerings (ICO) and blockchain projects in general got on the radars together with Switzerland as it published ICO fact sheet in 2017. 

One of the first prospectuses on security token issue in Europe was approved by regulators starting from August 2018, ie, prospectus of the NEON Exchange by Financial Market Authority (FMA) Liechtenstein.

Also the “Alpine Malta” attracted attention of the international and especially European crypto-community, when it announced to be one of the first countries in the world to adopt a special legislation on blockchain namely the Token and TT Service Provider Act (Token and Trustworthy Technology Service Provider Act, TVTG, Blockchain Act), also called the Liechtenstein Blockchain Act, which has been enforced from the beginning of 2020, creating one of the world’s first safe and regulated environment for token related services.

This forward-thinking act creates legal security and trust for blockchain service providers as well as protects investors from fraud. The Liechtenstein Blockchain Act serves as an optimal environment for established companies as well as start-ups and investors to take their businesses to the next level by creating an excellent, innovation-friendly and technology-neutral framework.

Unique Civil Law for Tokens

The Liechtenstein Blockchain Act seems to be quite a unique regulation giving first the civil law definition for token, blockchain and blockchain transactions.

The law uses the term "Trustworthy Technology" (or TT) for blockchain and possible future technologies. These are technologies through which the integrity of tokens, the clear assignment of tokens to TT Identifiers and the disposal of tokens is ensured. A TT identifier allows for the clear assignment of Tokens ("public key"), whereas a TT key allows for disposal of Tokens ("private key").

A token container model was developed alongside the Blockchain Act, meaning a token can represent rights to all possible assets.

A “token” is a piece of information on a TT System which can represent claims or rights of memberships against a person, rights to property, or other absolute or relative rights, and is assigned to one or more TT Identifiers.

Key points for effective transfer of tokenised assets are:

  • the holder of the private keys has right of disposal (Verfügungsgewalt) over the token; 
  • they are presumed to be the authorised person with “proprietor’s rights” (Verfügungsberechtigte) over the token; and
  • the disposal over the token effects the disposal over the right represented by the token.

Security Tokens from a Legal Perspective

Though when introducing token container model the government wanted specifically not to provide any classifications of tokens, the classical swiss classification from FINMA ICO Guidelines should be mentioned.

FINMA introduced ICO guidelines with major simplified classification of tokens based on its content for the sole purpose of financial market law:

  • utility tokens;
  • security or asset tokens; and
  • payment tokens.

Utility token's give access to services or infrastructure also used for crowdfunding, as donations more known as initial coin offering (ICO) (ie, Bluenote, Smart Valor, Tezos, Ubex etc). Security or asset tokens represent shares in a company, claim or financial instrument (Mt Pelerin, Healthbank, Nexo, HYGH, BlockState, Swiss Alps Mining, eLocations, BlueShare etc). Payment tokens function as a means of payment (Bitcoin, Ether, Ducascopy etc).

A more detailed classification is to be found in the Conceptual Framework for Legal and Risk Assessment of Crypto Tokens ("BCP Framework").

Intense discussions took place in Liechtenstein and Switzerland regarding the legal nature of security tokens. In conclusion, the Liechtenstein government proposed to include uncertified security (or book-entry security) with all the functions of a traditional security of public faith with new articles in Final Part of the Persons and Company’s law (PGR).

The basis of a genuine book-entry security is an electronic register in which both the issue and the transfer of book-entry securities must be recorded. At the same time, Section 81a, Final Part PGR, creates a new interface between the TVTG and securities law. Because the value right register can also be kept on the basis of a blockchain or TT system, such systems are particularly suitable for this purpose because they enable a clear and seamless assignment of legal title to each book-entry security and cannot be manipulated.

Consequently, the issuing of securities and the clearing and settlement of securities transactions on TT Systems are considered to be one of the key potential applications for TT technologies.

Behind the security token could be various types of traditional securities, such as registered shares, participation certificates or profit participation certificates (Swiss and Liechtenstein equivalents of non-voting shares), bonds, collective investment scheme shares and also new uncertificated securities which could be created using tokenisation, ie, derivatives as rights to future income, rights to future commissions (Neon/Nash exchange), derivative security with features of a structured bond (Crowdli project about real estate investments), etc.

Asset tokenisation models for real estate as well as for other illiquid and quite expensive assets such as collectable cars, art objects, precious metals and stones can look as follows:

  • Tokenisation of bonds;
  • Tokenisation of company equity;
  • Tokenisation of collective investment scheme shares;
  • Tokenisation of co-ownership in a specific object;
  • Tokenisation of future revenue streams etc.

Conclusions

Liechtenstein has paved the way for blockchain with the ICO fact sheet, the first security token prospectus registered in Europe and with numerous drafts of the Blockchain Act, which has now been in force since the beginning of 2020. It is a unique legislation for tokens, asset tokenisation and security tokens, and provides legal certainty for international projects looking for fundraising or more liquidity for existing assets and their investors. Part two of this article focuses on the security token offering requirements in Liechtenstein.

Risks related to application of blockchain technology are mostly in relation to the technology itself, the lack of security tokens trading platforms and the globally fragmented regulations.

Though potential risks of technological and economic nature exist, the potential of tokenisation to transform the assets world is quite large. For now, the market remains in its early stages, with the lack of secondary market holding back the development. Overall, only the application of the new regulations in the real world will provide proof of the success of the regulators approach.


Rechtsanwälte Lennert Partners (RLP Lawyers) provide legal support for distributed ledger technology (DLT)/blockchain projects in Liechtenstein and beyond. RLP Lawyers are regularly retained by domestic and global technology companies to advise on their major transactions in Liechtenstein. Services include company incorporation in Liechtenstein and Switzerland, STO advisory services, tokenised investment fund and crypto exchanges registration, opening of bank accounts, tax compliance services as well as company maintenance in Switzerland and Liechtenstein. The firm has a powerful, flexible, small team of 4 partners and 2 associates and a high-profile international network with a focus on DACH LI, USA, Russia and the CIS countries. The firm is a member of the STO Working Group of the Crypto Valley Association and the Global Legal Blockchain Consortium (GLBC), an organisation of legal and technology industry stakeholders.

Yanina Petrovskaya is an experienced adviser to blockchain projects with over eight years of international legal consulting experience. Coming from an international consultancy background, Yanina used to work as head of compliance in a fund management company before joining RLP Lawyers as of counsel. Yanina is a speaker at international blockchain events such as Blockchain Leadership Summit, Blockchain and Bitcoin Conference, Axess Think Tank, St. Moritz Institutional Investors Summit, etc, as well as partner and lecturer of the supplementary education program Blockchain Lawyers (BCL).

Alexander Yudovich has a field of activity that includes advising private individuals and international companies on all aspects of Russian and international tax law. With over ten years of consulting experience with international law firms in Germany and Russia, he is particularly appreciated by his clients for his cross-border competence in Russia and the CIS issues. As head of tax of a large German law firm in Moscow, he has supported several international business projects from a tax perspective. Alexander sees himself as a problem solver and an international legal intermediary for the goals of his clients.

Philipp Lennert counsels entrepreneurs in questions of international asset succession planning, tax optimisation and asset protection. As a qualified trustee expert, he advises non-profit foundations and their beneficiaries in DACH LI. The focus is on the planning and implementation of structural measures in coordination with the responsible supervisory authorities and the financial administration in Liechtenstein and abroad. As a member of the Board of Trustees, Philipp works on a pro bono basis for various charitable projects.

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Nachhaltigkeit und verbundene Risiken im Finanzsektor Luxemburgs

von Mevlüde-Aysun Tokbag und Fabian Frankus, beide Wildgen S.A.

Die Auswirkungen des Klimawandels sind bekannt und führen unter anderem zu „Fridays for Future“ und zur Thematisierung auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos. Wie aber wirkt sich das auf den Finanzsektor aus?

Die so oft kritisierte Finanzindustrie, die von Gesetzes wegen zu einer ordnungsgemäßen Geschäftsorganisation und einem angemessenen Risikomanagementsystem verpflichtet ist, kann sich diesem Aufruf zu mehr Nachhaltigkeit nicht mehr entziehen und will dies offenbar auch nicht. Die Einbeziehung der Nachhaltigkeit und der damit verbundenen Risiken in den Finanzsektor spiegeln den gesellschaftlichen Wandel wider, wobei der Finanzsektor an den zum Teil selbst festgelegten Zielen gemessen werden wird.

Nachhaltigkeit – Begriff und Bedarf

Der Begriff Nachhaltigkeit als solcher ist nicht unbekannt und jeder wird sich hiermit in Bezug auf sein eigenes Handeln bereits auseinandergesetzt haben. Unternehmensbezogen versteht man unter Nachhaltigkeit, im Sinne von Environmental, Social and Governance („ESG“), ob und wie bei Entscheidungen von Unternehmen und der unternehmerischen Praxis ökologische und sozialgesellschaftliche Aspekte sowie die Art der Unternehmensführung beachtet bzw. bewertet werden. In anderen Worten: Wie können Gewinne umwelt- und sozialverträglich erwirtschaftet werden? Für die Finanzindustrie stellt sich daher die Frage, wie sie ESG-konform, d.h. verantwortungsvoll, investieren kann.

Diese Frage ist mangels einer einheitlichen Definition von ESG keine einfache und wird daher durch die einzelnen Akteure des Finanzsektors sehr unterschiedlich beantwortet. Dies ist auch der Weite der einzelnen unter ESG zusammengefassten Themen geschuldet, denn ESG meint nicht nur Umweltthemen, wie den Klimawandel, sondern umfasst auch Arbeitsbedingungen in Unternehmen und Unternehmensführung. So ist das Ergebnis einer Bestandsaufnahme der Fondsindustrie nicht überraschend. Es gibt eine Vielzahl an Fonds, die sich selbst als ESG-konform, grün, nachhaltig o.ä. bezeichnen. Oftmals werden hierbei zwar einzelne ESG-Faktoren berücksichtigt, aber das Prädikat „nachhaltig“ kann nicht vergeben werden. Dennoch ist es wichtig festzustellen, dass sich die Finanzindustrie dieses Themas bereits seit längerem angenommen hat.

Indes ist das gestiegene Bewusstsein für ESG innerhalb der Finanzindustrie nicht nur dem Verständnis von der eigenen Verantwortung geschuldet, sondern vielmehr ein Selbstzweck. Der gesellschaftliche Wandel und das Bewusstsein für ESG, das hiermit einhergeht, haben einen „neuen“ Anlegertypus geschaffen. Diese „neue“ Art von Anlegern bevorzugt es, in ESG-konforme Anlagen zu investieren, die sich an ihren ethischen Vorstellungen von nachhaltigen Investitionen orientieren. Daher ist es für die Finanzindustrie eine neue Herausforderung, diese Anleger für sich zu gewinnen und folglich die gewohnten Pfade zu verlassen. Dass diese Anleger oftmals bereit sind, eine geringere Rendite in Kauf zu nehmen, wenn sie sich über die ESG-Konformität sicher sind, ist nur ein schwacher Trost, denn Anleger erwarten Rendite. Rendite ist auch auf ESG-konforme Weise zu erreichen und diejenigen Akteure, die sich diesem Thema bereits widmen, scheinen sich einen Vorteil zu Ihrer Konkurrenz – nicht nur im Werben um Investoren – zu erarbeiten, in dem sie einen sich verändernden gesetzlichen Rahmen antizipieren.

Rechtsrahmen in Luxemburg

Derzeit ist es jedoch nicht gewährleistet, dass ESG-Investitionen tatsächlich nachhaltig sind, auch wenn die diversen Akteure des luxemburgischen Finanzsektors den für sie geltenden gesetzlichen Bestimmungen, die unter anderem im allgemeinen Sinne, eine ordnungsgemäße Geschäftsorganisation und ein angemessenes Risikomanagementsystem vorschreiben, unterliegen. Denn bis dato besteht in Luxemburg „lediglich” eine Pflicht für die Akteure des Finanzsektors, alle wesentlichen Risiken zu identifizieren, zu bewerten, zu überwachen, zu steuern und zu kommunizieren. Die Nachhaltigkeitsrisiken im ESG-Sinne sind jedoch aufgrund eines bisher fehlenden Rechtsrahmens (noch) nicht zu berücksichtigen, auch wenn diese bereits auf die bekannten Risikoarten einwirken. Dementsprechend erfolgt auch keine nachhaltigkeitsbezogene Beaufsichtigung solcher Anlagen.

In Bezug auf die Nachhaltigkeitsrisiken und die von den Akteuren durchzuführenden Risikoidentifikations-, Risikosteuerungs- und Risikocontrolling-Prozesse bedeutet dies konkret, dass zum Beispiel Kreditrisiken (Geschäftsmodell des Kreditnehmers wird durch Nachhaltigkeitsrisiken beeinflusst), Marktrisiken (Marktstimmung führt aufgrund regulatorischer Maßnahmen zu Abwertungen), Liquiditätsrisiken (zwingende Veräußerung von Aktiva nach massiven Geldabfluss zur Schadensbeseitigung nach Naturkatastrophen), versicherungstechnische Risiken etc. unter Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken neu bewertet werden müssen, um ESG-konform zu sein und in der Folge neue Anleger für sich zu gewinnen.

Derzeitige Marktpraxis in Luxemburg

Im luxemburgischen Finanzsektor sind die Begriffe „Nachhaltigkeit“ bzw. ESG, wie bereits gesagt, nicht unbekannt, trotz eines mangelnden Rechtsrahmens.

So hat die Luxemburger Börse bereits im Jahre 2016 die erste globale Plattform für grüne, sozial verantwortliche und nachhaltige Wertpapiere gegründet: Die Luxembourg Green Exchange. Dies bedeutet, dass an der luxemburgischen Börse grüne, soziale oder nachhaltige Wertpapiere gehandelt werden können.

Auch können in Luxemburg Fondspromoter bereits seit 2016 ein Anlagekennzeichnungssystem nutzen, mit dem sie ein für Investoren sichtbares Zeichen für nachhaltige und transparente Anlagen setzen. Die beiden in diesem Bereich relevanten staatlichen Labels des LuxFLAG-Anlagekennzeichnungssystem sind das Climate Finance Label und das ESG Label. Mit dem Climate Finance Label wird den Investoren versichert, dass ein Fonds mindestens 75% seines Gesamtvermögens in direktem Zusammenhang mit dem Klimaschutz und/oder der Anpassung an den Klimawandel investiert. Mit dem ESG Label wird den Investoren die Gewissheit gegeben, dass ein Fonds sein Vermögen während des gesamten Anlageprozesses tatsächlich unter Berücksichtigung von ESG–Aspekten anlegt.

Als Beispiel für diesen in Luxemburg bereits etablierten Markt, können verschiedene Produkte von Bankhäusern wie auch anderen Institutionellen genannt werden.

Ein sich wandelnder Markt bedarf eines geänderten Rechtsrahmens

Die Bedürfnisse der Investoren erfordern einen klaren Rechtsrahmen.

Wie so oft ist es die EU-Gesetzgebung, die einen solchen Rahmen schafft. In Bezug auf die Nachhaltigkeit im Finanzsektor sind es vor allen Dingen zwei Verordnungen, die diesen Zusammenhang berücksichtigen. Zum einen die Verordnung (EU) 2019/2089 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 zur Änderung der Verordnung (EU) 2016/1011 hinsichtlich EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte (die “ESG-Referenzwerteverordnung”). Zum anderen die Verordnung (EU) 2019/2088 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 27. November 2019 über nachhaltigkeitsbezogene Offenlegungspflichten im Finanzdienstleistungssektor (die “Verordnung”).

Durch die Verordnung (EU) 2016/1011 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 8. Juni 2016 über Indizes, die bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten als Referenzwert oder zur Messung der Wertentwicklung eines Investmentfonds verwendet werden, und zur Änderung der Richtlinien 2008/48/EG und 2014/17/EU sowie der Verordnung (EU) Nr. 596/2014 (die „Referenzwerteverordnung“) wurde ein gemeinsamer Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität von Indizes eingeführt, die als Referenzwert bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden (Artikel 1 der Referenzwerteverordnung).

Wie der vollständige Name der Referenzwerteverordnung (siehe vorherigen Absatz) erahnen lässt, gelten Indizes, welche bei Finanzinstrumenten und Finanzkontrakten oder zur Messung der Wertentwicklung von Investmentfonds in der EU verwendet werden, als Referenzwerte. Unter der Referenzwerteverordnung gilt jede Zahl als Index, (i) die veröffentlicht oder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird, (ii) ganz oder teilweise, durch Anwendung einer Formel oder einer anderen Berechnungsmethode oder durch Bewertung bestimmt wird und (iii) auf der Grundlage eines Wertes oder mehrerer Basispreise, einschließlich geschätzter Preise, tatsächlicher oder geschätzter Zinssätze, Quotierungen und verbindlicher Quotierungen oder sonstiger Werte oder Erhebungen erfolgt. Die Referenzwerteverordnung hatte – nicht nur, aber auch in Anbetracht der Skandale um die Referenzwerte LIBOR und EURIBOR – zum Ziel, einen präventiven Regulierungsrahmen zu schaffen, Interessenkonflikte und Manipulationsspielräume bei der Bereitstellung von Referenzwerten zu vermeiden und die Ermittlung von Referenzwerten transparenter zu machen. An dieser Stelle kann darauf hingewiesen werden, dass der LIBOR zum Jahreswechsel 2021/2022 eingestellt wird.

Die ESG-Referenzwerteverordnung verfolgt die gleichen oben genannten Ziele der Referenzwerteverordnung und ergänzt diese um ESG-Kriterien.

Bezogen auf die Referenzwerte ändert die ESG-Referenzwerteverordnung die Referenzwerteverordnung insofern ab, als dass sie EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel, hinsichtlich auf das Übereinkommen von Paris abgestimmter EU-Referenzwerte sowie hinsichtlich nachhaltigkeitsbezogener Offenlegungen für Referenzwerte, einführt. Diese Änderungen wurden notwendig, um einen harmonisierten Rahmen zur Sicherstellung der Genauigkeit und Integrität der wichtigsten Kategorien von Referenzwerten für CO2-arme Investitionen zu schaffen und um hierdurch das reibungslose Funktionieren des Binnenmarktes zu gewährleisten. In anderen Worten: Durch die Änderungen der Referenzwerteverordnung wird ein Regulierungsrahmen eingeführt, in dem auf EU-Ebene Mindestanforderungen an EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmte EU-Referenzwerte festgelegt werden.

Somit enthält die Referenzwerteverordnung (durch die ESG-Referenzwerteverordnung) nunmehr auch ESG-Kriterien für Finanzinstrumente. Die neuen Bezeichnungen „EU-Referenzwerte für den klimabedingten Wandel“ und „Paris-abgestimmter EU-Referenzwert“ sind für Anleger in der gesamten EU leicht erkennbar und verlässlich, da nur Administratoren, die die Anforderungen der Referenzwerteverordnung erfüllen, diese Bezeichnungen bei der Vermarktung von EU-Referenzwerten für den klimabedingten Wandel und Paris-abgestimmten EU-Referenzwerten in der EU verwenden dürfen. An dieser Stelle darf auf unseren Artikel über eine die Referenzwerte betreffende Mitteilung der CSSF verwiesen werden.

Die Verordnung dagegen richtet sich an die in Artikel 2 Nr. 1 der Verordnung aufgeführten Finanzmarktteilnehmer. Mit dieser Verordnung werden harmonisierte Vorschriften für Finanzmarktteilnehmer und Finanzberater über Transparenz bei der Einbeziehung von Nachhaltigkeitsrisiken und der Berücksichtigung nachteiliger Nachhaltigkeitsauswirkungen in ihren Prozessen und bei der Bereitstellung von Informationen über die Nachhaltigkeit von Finanzprodukten festgelegt (Artikel 1 der Verordnung).

Diese beiden Verordnungen finden – so wie es ihnen eigen ist – unmittelbare Anwendung in den Mitgliedsstaaten der EU, sodass die hierin festgehaltenen Pflichten durch die betroffenen Akteure und für die Instrumente auch in Luxemburg zwingend sind. Angemerkt sei jedoch, dass die Verordnung erst ab dem 10. März 2021 gilt, wobei die Referenzwerteverordnung seit dem 10.Dezember 2019 Anwendung findet.

Konkret bedeutet dies in Bezug auf die Transparenzpflichten der Verordnung, dass die Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken die Transparenzanforderungen erhöhen. So enthält die Verordnung Transparenzbestimmungen zu

  • den Strategien für den Umgang mit Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Unternehmens,
  • der Vergütungspolitik im Zusammenhang mit der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • der Berücksichtigung von Nachhaltigkeitsrisiken,
  • den nachteiligen Nachhaltigkeitsauswirkungen auf Ebene des Finanzprodukts,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale in vorvertraglichen Informationen,
  • der vorvertraglichen Informationen bei nachhaltigen Investitionen,
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen auf Internetseiten, und
  • der Bewerbung ökologischer oder sozialer Merkmale und bei nachhaltigen Investitionen in regelmäßigen Berichten.

Den Adressaten der Verordnung wird die Veröffentlichung einer Vielzahl der genannten Punkte betreffenden Information auf ihrer Internetseite vorgeschrieben. Auch müssen in den vorvertraglichen Informationen zusätzliche Erläuterungen mitaufgenommen werden und unter gewissen Umständen müssen auch die regelmäßigen Berichte zusätzliche Angaben enthalten. Ein Mehr, bezogen auf die Instrumente, ist dann bereits durch die Referenzwerteverordnung sichergestellt.

Dieses „Mehr“ an Transparenz seitens der Akteure wird den Anlegern zu Gute kommen, da die Vergleichbarkeit der ESG-Anlagen in der EU vereinfacht wird. Auch wird sich die Spreu vom Weizen trennen, d.h. etwaige schwarze Schafe im derzeitigen ESG-Umfeld werden vom Markt verdrängt werden.

In Luxemburg besteht, wie bereits erwähnt, derzeit (noch) keine national eigene Pflicht zur Berücksichtigung der Nachhaltigkeitsrisiken, außer den EU-Verordnungen.

Aufgrund dieser europarechtlichen Vorgaben ist jedoch davon auszugehen, dass die lokale Aufsichtsbehörde der Finanzwelt (CSSF) sich bereits dem Thema angenommen hat. Daher dürfte die Veröffentlichung nationaler Bestimmungen oder entsprechender Vorgaben nur eine Frage der Zeit sein.

Vielleicht kann man auch das deutsche Nachbarland als Vorbild nehmen, welches bereits seitens der eigenen Aufsicht (BaFin) entsprechende Vorgaben erst kürzlich herausgegeben hat.

Zu sämtlichen allgemeinen Nachhaltigkeits- bzw. ESG-Fragen sowie Rechts- und Anwendungsfragen zu den angesprochenen europarechtlichen und nationalen Veröffentlichungen stehen die Autoren Ihnen zur Verfügung.


Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 25. März 2020.

Mevlüde-Aysun Tokbag

Mevlüde-Aysun Tokbag ist Partnerin & Rechtsanwältin bei Wildgen S.A. und hat mehr als 10 Jahre Erfahrung im Fonds- sowie Finanzmarktrecht, überwiegend im grenzüberschreitenden Deutsch-Luxemburgischen Rechtsverkehr. Seit 2015 leitet Frau Tokbag auch den kanzleiintern neu gegründeten German Desk und betreut mit ihrem Team, bestehend aus mehreren Rechtsanwälten, vorwiegend deutsche Unternehmen, Versicherungsgesellschaften sowie Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in ihren luxemburgischen Projekten.

Fabian Frankus

Fabian Frankus ist Associate & Rechtsanwalt bei Wildgen S.A. Als Mitglied des kanzleiinternen German Desk berät er insbesondere deutschsprachige Mandanten bei ihren luxemburgischen Projekten im Bereich Investmentfonds und im Gesellschaftsrecht.

COVID-19: Wie kann Künstliche Intelligenz helfen?

von Prof. Dr. Martin Vogt, Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Equity Partner und Scientific Advisor bei CURE S.A. und Independent Director.

Die COVID-19-Pandemie betrifft momentan fast die gesamte Welt und verändert auf dramatische Art und Weise unser Leben, Handeln und Arbeiten. Noch gibt es kein Medikament und keinen Impfstoff gegen die Krankheit.

Im Kampf gegen die Krankheit setzt Deutschland deshalb vor allem auf das Tragen eines Mundschutzes, auf Abstandsregeln sowie eine geplante Tracking App. Gerade die App lässt aufhorchen: Wie kann KI in Corona-Zeiten auch für Unternehmen genutzt werden?

Kann Künstliche Intelligenz in Corona-Zeiten helfen?

Die kurze Antwort lautet: Ja! Künstliche Intelligenz kann sowohl bei der Bekämpfung der Krankheit als auch beim Umgang mit der Krankheit helfen. Zudem können (Finanz-)Unternehmen gerade jetzt Künstliche Intelligenz auf verschiedene Weisen nutzen. Mehr denn je gilt: Kreativität zahlt sich aus.

Im Folgenden sollen aus der Fülle der Anwendungsmöglichkeiten zwei herausgegriffen und im Zusammenhang mit COVID-19 und der Finanzbranche beleuchtet werden: Bilderkennung und Social Media Intelligence. Zunächst wird generell beschrieben, wie die Methoden zur Bekämpfung von COVID-19 helfen können, und anschließend werden spezifische Anwendungsfälle für den Finanzsektor herausgearbeitet.

Bilderkennung zur COVID-19-Bekämpfung

COVID-19 ist eine Lungenkrankheit. Forscher entwickeln derzeit einen Algorithmus zur Erkennung von Mustern, der auf Basis von Computertomografieaufnahmen Hinweise auf COVID-19 erkennen soll (siehe ZEIT-Beitrag). Hierzu werden Bilder der Lunge von Menschen mit COVID-19-Erkrankung verwendet, um ein Neuronales Netz zu trainieren. Die Basisidee dabei ist wie folgt: Ein Bild besteht aus Pixeln. Je nachdem, welche Pixel hell oder dunkel sind, wird ein anderes Objekt beschrieben. So stellt etwa das folgende Bild einen Sneaker dar (siehe Klassifikation).

Das Bild besteht aus 28 mal 28 = 784 Pixeln und die Werte geben an, wie dunkel oder hell eine Stelle ist. Diese 784 Pixel können nun genutzt werden, um ein Neuronales Netz zu trainieren. Beispielsweise könnte der Algorithmus lernen: Bilder von Sneakern sind links oben tendenziell hell.

Allgemein besteht ein Neuronales Netz aus verschiedenen Schichten: Input Layer, Hidden Layer und Output Layer (siehe Abbildung).

Die 784 Pixel des Sneakers werden in je einen Input-Neuron gespeist. Diese Neuronen werden über Gewichte und Aktivierungsfunktionen mit den Hidden-Neuronen und dem/den Output Neuron(en) verbunden. Sowohl bei der COVID-19-Anwendung als auch dem Sneaker-Beispiel wird supervised learning verwendet: In dem Trainingsdatensatz ist bekannt, ob ein Patient an COVID-19 erkrankt ist oder nicht. Dieses Wissen wird genutzt, um die Gewichte des Neuronalen Netzes geeignet einzustellen. Nach erfolgtem Training sowie einer Testphase kann das Modell verwendet werden, um Bilder neuer Patienten zu analysieren und auf eine Erkrankung zu schließen.

Bilderkennung in der Finanzwelt

Bildanalysen sind nicht nur zur Entdeckung von Krankheiten nützlich, sondern können auch in verschiedenen Abteilungen im Marketing, Vertrieb und dem Risikocontrolling eingesetzt werden.

Da die Reisemöglichkeiten momentan eingeschränkt sind, nutzen Unternehmen verstärkt andere Kanäle, wie z.B. Social Media, um potenzielle Kunden zu erreichen. Auch hier kann die Bilderkennung dabei helfen, den Marketing- und Produktmix zu optimieren, etwa indem folgende Fragen beantwortet werden: Wie oft wird mein Logo im Vergleich zur Konkurrenz gezeigt? In welchem Zusammenhang? Welche Gegenstände oder wie viele Personen sind noch auf dem Foto zu erkennen?

Eine weitere spannende Anwendungsmöglichkeit ergibt sich im Rahmen des Portfolio- und Risikomanagements durch die Auswertung von Satellitendaten. Hierdurch können gerade bei Real Asset-Fonds wie Immobilien- oder Infrastrukturfonds der momentane visuelle Status und der visuelle Projektfortschritt von der Ferne aus beobachtet werden. Insbesondere in Zeiten von Reisebeschränkungen kann dies eine nützliche Ergänzung zu den klassischen Datenquellen darstellen.

Die folgenden Abbildungen sollen die Anwendungsmöglichkeiten verdeutlichen. Das obere Bild zeigt ein Satellitenfoto der Stadt Frankfurt. In dem unteren Bild wurde ein einfaches Clusterverfahren angewendet, um einzelne Farbcluster zu bilden. Ganz deutlich ist etwa der Main zu erkennen. In weiteren Schritten der Analyse können nun etwa alle Gewässer oder Häuser automatisch markiert werden. Solche Analysen können auch als Basis für verschiedene Wirtschaftsanalysen dienen, etwa um aus der Anzahl der Schiffe, der Füllmenge gewisser Lagerplätze oder dem Umschlag eines Hafens Rückschlüsse auf die Weltwirtschaft bilden zu können.


Quelle: SentinelHub

Social Media Intelligence zur Bekämpfung von COVID-19

Neben Bildern können natürlich auch Texte ausgewertet werden. Durch die Auswertung zahlreicher Quellen konnte etwa die Firma BlueDot den Ausbruch von COVID-19 vor allen anderen vorhersagen. Hierzu wurden insbesondere auch Digital Media-Daten verwendet. Eine mögliche solcher Datenquellen bilden Twitter-Tweets.

Im Rahmen eines gemeinsamen Projektes mit der Luxemburger Agentur CURE S.A. wurde dieser Ansatz aufgegriffen und getestet, ob die Zahl von Grippe-Fällen mittels Social Media-Daten geschätzt werden kann. Hierzu wurden die offiziellen Daten des Robert-Koch Instituts (RKI) mit Daten aus Twitter und Google Trends verglichen. Um die Twitter-Daten zu erhalten, wurden etwa Tweets mit einer bestimmten Kombination aus Hashtags wie Kopfweh oder Fieber ermittelt und normiert. Die untere Abbildung zeigt eindrucksvoll, dass ein Zusammenhang insbesondere zwischen den Twitter- und den RKI-Daten zu erkennen ist. Die Schwierigkeit einer solchen Analyse besteht vor allem auch darin, geeignete Daten zu ermitteln und aufzubereiten.

Social Media Intelligence in der Finanzwelt

Darüber hinaus bieten Social Media-Kanäle gerade in Zeiten des Social Distancing die Möglichkeit der kontinuierlichen Kommunikation mit dem Kunden. Die verstärkte Nutzung von Textanalysen (Text Mining) von Social Media-Daten eröffnet somit Finanzunternehmen, ähnlich wie bei der Bildanalyse, vielfältige Chancen gerade im Marketing, Vertrieb oder Risikomanagement und hilft bei der Beantwortung zahlreicher Fragen, etwa: Wie wird mein Unternehmen im Vergleich zum Wettbewerb wahrgenommen? Welche Reichweite hat meine Vertriebskampagne? Wie wurde meine ESG-Initiative gesehen? Welche Reputationsrisiken gibt es in den Sozialen Medien? Welche Kritikpunkte gibt es an meinem Unternehmen? Welche Influencer beschäftigen sich besonders mit meinem Unternehmen und welche Aussagen treffen diese? Was denken meine Kunden über ein bestimmtes Produkt? Gibt es bei Investments Hinweise auf ESG-Verletzungen? Zusätzlich können Textanalysen genutzt werden, um wesentliche Informationen aus längeren Texten, wie Verträgen, Gesetzen oder Zeitungsartikeln, zu ziehen und diese für die Kostenoptimierung zu nutzen.

Als Beispiel sind in der oberen Abbildung die häufigsten Wörter dargestellt, die Bundesgesundheitsminister Jens Spahn in seinen letzten 500 Tweets verwendet hat. Eindeutig ist der Bezug zum Coronavirus zu erkennen. Neben der einfachen Darstellung der Häufigkeit können vielfältige Analysen durchgeführt werden. So können etwa die gewählten Emotionen (positiv/negativ) oder Wortkorrelation mit hinzugenommen werden. Darüber hinaus bietet Twitter die Möglichkeit, Informationen über Follower zu analysieren. Die untere Landkarte etwa stellt verschiedene Follower von Jens Spahn auf der Weltkarte dar. Firmen können dies nutzen, um zum Beispiel herauszufinden, wo über ein bestimmtes Thema geschrieben wird.

Fazit

Durch die COVID-19-Pandemie (Corona) verändern sich momentan Lebens- und Arbeitswelt dramatisch. Künstliche Intelligenz kann zum einen dabei helfen, die Krankheit zu diagnostizieren, früher zu erkennen und etwa mit Hilfe einer Tracking-App zu bekämpfen. Zum anderen können Unternehmen KI nutzen, um sich auf die veränderte Situation einzustellen. Hier ist insbesondere die Auswertung von Bild- und Social Media-Daten zu nennen.

Ergänzend können Unternehmen eventuell freigewordene Kapazitäten aber auch dafür in Anspruch nehmen, den Übergang in das Digitale Zeitalter zu beschleunigen. So könnten etwa Vorhersagemodelle für Bedarfsvorhersagen, Kundenanalysen, Risikoanalysen oder die Durch- bzw. Einführung anderer Auswertungen genutzt werden.

Der Königsweg bei der Datenanalyse ist übrigens die Multi Source Estimation, das heißt die Einbeziehung verschiedener Datenquellen und Datenformate in eine Analyse. Zum Beispiel können im Rahmen des Marketings Bilder (etwa Satellitendaten) mit Zahlen (etwa Verkaufszahlen) und Texten (etwa Social Media) miteinander verbunden werden. Dadurch lassen sich zahlreiche tiefgehende Analysen durchführen.

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 07. Mai 2020.


Prof. Dr. Martin Vogt

Prof. Dr. Martin Vogt ist Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, und ist zudem Equity Partner und Scientific Advisor bei CURE S.A. und Independent Director. In diesen Rollen untersucht er insbesondere die Themen Predictive Analytics, Machine Learning und Data Science sowie deren Anwendungen in der (Finanz-)Wirtschaft. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche tätig. Prof. Vogt ist Certified Financial Risk Manager (FRM), Diplom-Mathematiker und hält einen Doktor in Statistik.

Künstliche Intelligenz: Anwendungsfälle in der Finanzwelt

von Prof. Dr. Martin Vogt, Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director.

Das Thema Künstliche Intelligenz beherrscht momentan die Schlagzeilen der Zeitungen. Auf der einen Seite steht dabei die Faszination gegenüber den neuen Möglichkeiten und auf der anderen Seite die Angst etwa vor Arbeitslosigkeit oder Überwachung. Der Titel der Süddeutschen Zeitung Online (08. Juli 2019) „Künstliche Intelligenz: Entlasten oder Entlassen?“ fasst diesen Tenor sehr gut zusammen. Obwohl viel über Künstliche Intelligenz geschrieben wird, bleiben die Hintergründe der neuen Technik oft im Dunklen.

Was ist Künstliche Intelligenz?

Die luxemburgische Finanzaufsichtsbehörde CSSF (Commission de Surveillance du Secteur Financier) definiert Künstliche Intelligenz in ihrem White Paper „Artificial Intelligence: Opportunities, Risks and Recommendations for the Financial Sector“ im Einklang mit dem Financial Stability Board: “The theory and development of computer systems able to perform tasks that traditionally have required human intelligence.” Die Grundidee Künstlicher Intelligenz nach dieser Definition ist also, die Intelligenz der Menschen mit Hilfe von Computern nachzubauen. Darunter werden etwa die folgenden Fähigkeiten verstanden (siehe Tabelle):

Bei der Einteilung der Künstlichen Intelligenz gibt es im Wesentlichen zwei große Bereiche: Machine Learning und Symbolic Learning. Symbolic Learning basiert auf einer formalen Beschreibung, etwa mit Hilfe von Formeln. So könnte ein Roboter die Programmierung erhalten, bei einem Hindernis umzudrehen. Im Unterschied hierzu verwendet Machine Learning große Datenmengen, um zu lernen. So können einige Tausend Kreditkartenrechnungen dabei helfen, ein Modell zu trainieren, um Unregelmäßigkeiten wie Betrug zu erkennen.

Wo kann Künstliche Intelligenz verwendet werden?

Es gibt zahlreiche Anwendungsfälle für Künstliche Intelligenz in der Finanzwelt. Die CSSF erwähnt einige davon in ihrem White Paper (siehe Tabelle).

Fallbeispiel: Twitter und Hauck & Aufhäuser

Im Folgenden wird exemplarisch skizziert, wie die Tweets von Hauck & Aufhäuser (Twitter-Account @Privatbank1796) analysiert werden können. Twitter bietet eine Schnittstelle, über die Daten heruntergeladen und analysiert werden können. Neben dem Text der Tweets beinhalten die Daten zahlreiche weitere Informationen, wie das Datum der Erstellung oder den Standort des Twitter-Nutzers. Für das Fallbeispiel wurden am 03.12.2019 alle 2464 Tweets des Accounts @Privatbank1796 der Hauck & Aufhäuser heruntergeladen und aufbereitet.

Anschließend wurden die Wortkorrelationen gebildet. Aus der Abbildung ist zu erkennen, dass etwa das Wort „schwächer“ häufig im Zusammenhang mit „Börsen“ und den „USA“ verwendet wurde.

Abb.: Wortzusammenhänge der Hauck & Aufhäuser Tweets

Solche Analysen können im Rahmen des Vertriebs dazu dienen, das eigene Produkt besser einschätzen zu können, Wettbewerber zu analysieren oder Reputationsrisiken zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Zusätzlich können zahlreiche weitere tiefergehende Analysen durchgeführt werden, etwa über die Struktur der Follower oder die verwendeten Sentimente (Emotionen).

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 10. Dezember 2019.


Prof. Dr. Martin Vogt

Prof. Dr. Martin Vogt ist Inhaber der Professur für Business Intelligence, insbesondere Advanced Analytics an der Hochschule Trier, Berater und Independent Director. In diesen Rollen untersucht er insbesondere die Themen Machine Learning und Data Science sowie deren Anwendungen in der (Finanz-)Wirtschaft. Zuvor war er viele Jahre in leitenden Funktionen in der Finanzbranche tätig. Prof. Vogt ist Certified Financial Risk Manager (FRM), Diplom-Mathematiker und hält einen Doktor in Statistik.

Vom Nice-to-Have zum Must-Have – ESG-Kommunikation im Asset Management

von Julie Didier und Louis W. Wagner Ley, Yuzer Group.

Ob nun als jüngstes Leitmotiv des jährlichen Mahnbriefes von BlackRock-CEO Lawrence Fink oder als dominanter Gegenstand führender Fachkongresse – das Thema Nachhaltigkeit ist innerhalb der letzten Jahre in der Finanzbranche endgültig angekommen und hat sich auch in der Unternehmenskommunikation als Aspekt von interner wie auch externer Bedeutung etabliert. Besonders im Asset Management nehmen die ESG-Elemente (ESG = Environmental, Social, Governance) eine tragende Rolle ein, stellen Vermögensverwalter aber auch vor eine wichtige Frage: Wie können sie Investoren ihr Angebot praxisbezogen und individualisiert schmackhaft machen?

Anspruchsvollere Investoren fordern zunehmend Transparenz

Mit der zunehmenden Präsenz des ESG-Komplexes haben sich auch die Anforderungsprofile von Investoren geändert. Transparenz und Differenzierung sind Grundvoraussetzungen im Nachhaltigkeitsbereich, zudem reichen die Wünsche der Anspruchsgruppen kontinuierlich über die Bereitstellung eines simplen Nachhaltigkeitsberichtes hinaus: Unternehmensrelevante Nachhaltigkeitsziele gilt es mit interpretier- und vergleichbaren Daten zu belegen; strategisch relevante Initiativen müssen glaubwürdig dokumentiert und in die Gesamtstrategie integriert werden. Einer Studie des Wirtschaftsprüfers KPMG zufolge waren Ende 2018 allein in Europa bereits knapp EUR 500 Mrd. Assets under Management (AuM) in über 2.800 nachhaltigen Fonds investiert1 – Tendenz steigend, denn vor allem die Nachfrage von Investoren steigt unaufhaltsam. Dennoch gilt es auch weitere Qualitätsdimensionen zu beachten, wenn diese Nachfrage für die eigenen Produkte gezielt genutzt werden soll.

Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit, Verständlichkeit und Dialogangebot

In Zeiten, in denen Unternehmenskommunikation zunehmend über multimediale Inhalte funktioniert, hat dies notwendigerweise auch Konsequenzen für die ESG-Kommunikation. Die alleinige Kommunikation mittels eines gesonderten Berichts ist nicht mehr ausreichend, ein Nachhaltigkeitsbericht darf nicht mehr als separates Medium verstanden und wahrgenommen werden. Insbesondere die interaktive Einbettung eines integrierten Berichts, der Geschäfts- und Nachhaltigkeitsdaten verbindet, signalisiert den strategischen Stellenwert der Nachhaltigkeit im Unternehmen. Doch vor der eigentlichen Umsetzung sollte die strategische Komponente zunächst klar definiert sein (s. Infografik).

Infografik: Das Fundament der ESG-Kommunikation

Ein integriertes Kommunikations-Framework bezieht die langfristige Zielsetzung, eine klar definierte Investitionsstrategie und unterschiedliche Stakeholder-Ansprüche gleichermaßen mit ein und untergliedert diese jeweils in einem zweiten Schritt.

Informationen sollten auf der Unternehmenswebsite und über Social Media-Kanäle eingebettet werden, um das große Potenzial der interaktiven Vermittlung von Inhalten voll auszuschöpfen (oft nutzen Asset Manager hierzu LinkedIn und Twitter als Hauptkanäle). Ein Link zu den Social Media-Plattformen, um Inhalte zu teilen und weiter zu verbreiten, ermöglicht zudem die nutzerfreundliche Vermittlung von Nachhaltigkeitszielen. Ein Interview oder eine Videobotschaft des CEO zur Nachhaltigkeitsstrategie kann zusätzlich für eine glaubwürdige Verankerung sorgen.

Zu den Qualitätsdimensionen Nutzerfreundlichkeit und Dialogangebot tragen Feedbackmöglichkeiten bei, beispielsweise in Form von kurzen Umfragen, Kontaktformularen oder Kontaktdaten von Ansprechpersonen. Auch hier bietet sich die Integration sozialer Medien gut an, um die direkte und persönliche Ansprache zu fördern. Die Verständlichkeit von Inhalten kann hier insbesondere durch Video-Elemente und interaktive oder animierte Grafiken gestärkt werden. Wie eine Fidelity-Umfrage jüngst zeigte, gibt es für potenzielle Investoren gerade bei ESG-Investments eine hohe Hemmschwelle. Hier können Anbieter punkten, die durch eine „Verständlichkeitsoffensive“ solchen Hemmnissen aktiv entgegenwirken.

Kohärente Kommunikation als Schlüssel zum Erfolg

Jede Form der Kommunikation bedarf der Glaubwürdigkeit. Insbesondere in Zeiten des sogenannten „Greenwashing“ – also unternehmerischer Bemühungen, durch Marketing und PR ein „grünes“ Image zu erlangen, ohne jedoch entsprechende Maßnahmen in der Wertschöpfungskette zu verankern – ist es daher umso essenzieller, dem Kunden Vertrauen zu verschaffen. Dies vermag speziell die Verifizierung präsentierter Daten durch unabhängige dritte Parteien wie Labels oder Ratings zu leisten. Ausführungen anerkannter Richtlinien (z.B. der United Nations Global Compact oder die UN Principles for Responsible Investment (PRI)), die sich dynamisch in Online-Berichte integrieren lassen, dienen somit der Vergleichbarkeit der Nachhaltigkeitsleistungen und stellen ein zusätzliches Bekenntnis zu etablierten ESG-Maßnahmen dar.

Entspricht die Strategie jedoch nicht vollständig den ESG-Kriterien, ist auch die Anpreisung nachhaltiger Fonds unzureichend. Hier sollte auf eine bedachte Kommunikation zurückgegriffen werden, Schritte für eine nachhaltige Strategie gehören ausführlich dokumentiert.

Pioniergeist statt Standard

Damit ist zwar die strategische Komponente berücksichtigt – doch welche Themen interessieren die Stakeholder überhaupt? Welche Kundengruppen sind auf welchen Kanälen wirklich aktiv? Diese grundlegende Frage gilt es im Voraus jeder Kommunikation zu beantworten. Frequenz, Umfang und Multimedialität der Informationen geben hier Aufschluss über den Stellenwert der Nachhaltigkeit seitens der Vermögensverwalter.

Die für jede Stakeholder-Gruppe relevanten Inhalte können vorab durch ein sogenanntes Materiality-Assessment identifiziert werden2 und ermöglichen so eine zielgenaue Ansprache. Neue Kundengruppen können durch die Inhaltsvermittlung über ein exakt definiertes Targeting in Verbindung mit Social Media-Anzeigen auf LinkedIn oder Twitter erschlossen werden; dabei sollten allerdings im Vorfeld sämtliche Kanäle grundlegend in Betracht gezogen werden, um einer einseitigen und eintönigen Kommunikation vorzubeugen. Ein durchdachtes, innovatives und individualisiertes Kommunikationskonzept, von der strategischen Ebene bis hin zur kreativen Umsetzung, ist unerlässlich, um den Investor vom Wert nachhaltiger Investments zu überzeugen und etwaige Hemmschwellen abzubauen.

Der Text stammt von FondsTrends – Die Zukunft des Fondsgeschäftes, veröffentlicht am 09. März 2020.


1) KPMG Report: European Responsible Investing Fund market 2019 – A focus on „tagged“ sustainable funds, p. 8-9.
2) Bereits 2018 veröffentlichte der US-amerikanische Rat für Nachhaltigkeitsberichterstattungsstandards, das Sustainability Accounting Standards Board (SASB), den weltweit ersten Satz branchenspezifischer Standards sowie eine Klassifizierung wesentlicher ESG-Kriterien. So sind für Unternehmen bspw. im Lebensmittelhandel Treibhausgasemissionen, Energiemanagement, faire Arbeitspraktiken sowie faires Marketing wesentlich, während bei Internet- und Mediendiensten neben Energiemanagement auch Datensicherheit und Kundenschutz eine essenzielle Rolle spielen. Diese unterschiedlichen Anforderungen gilt es im Vorfeld festzulegen und die Strategie darauf abzustimmen. Quelle: Harvard Business Review, „The Investor Revolution“, May-June 2019 Issue.

Julie Didier

Julie Didier ist seit Juni 2019 Managing Partner bei Yuzer Group, einer sich auf strategische Kommunikation und digitales Marketing spezialisierende Beratungsagentur. Zuvor hat sie als Head of Marketing & Communication bei der nachhaltigen Finanzassoziation LuxFLAG gearbeitet. Julie besitzt einen Abschluss in Marketing und Kommunikation der Universität St. Gallen und hat eine Weiterbildung in digitaler Marketingstrategie an der Harvard Universität absolviert.

Louis W. Wagner Ley

Louis W. Wagner Ley ist Co-Founder und Managing Partner bei Yuzer Group. Zuvor war er bei Credit Suisse im Asset Management sowie im Mid-Market M&A für EMEA-domizilierte Kunden tätig. Er hält einen Master of Science in Financial Economics der Erasmus University Rotterdam sowie einen Bachelor of Arts in Volkswirtschaft der Universität Zürich.

Federated Hermes, SASB and CERES: ESG guidance during Coronavirus

Just as investors are getting to grips with the importance of environmental, social and governance issues (ESG) to their investment strategies, economic orthodoxy has gone out of the window as the world fights to control the coronavirus pandemic.

Some say that this means ESG issues, such as climate change, human rights in supply chains, diversity and executive pay, will slip back down the agenda as governments focus on resurrecting their economies. But others say that the pandemic and its knock-on effects reinforce the need for investors to consider these issues.

Access the full Reuters Events whitepaper, including exclusive analysis, insights and forecasts from SASB, CERES, and Federated Hermes. Download for free, click here!

“Never has the need to build a more sustainable, inclusive economy been clearer or more urgent,” says Mindy Lubber, CEO of sustainable investing non-profit Ceres. “This pandemic is a painful reminder of our universal interconnectedness, our vulnerability to the seismic risks and sudden shocks our current capital markets systems expose us to, and the need for mass mobilization to tackle a common crisis.”

And there is growing evidence that companies with good performance on ESG are faring better in the face of the extreme economic shock and they are more resilient not just to this shock but to other disruptions such as the ongoing climate emergency. Bloomberg and MSCI say that ESG indexes and funds have outperformed their benchmarks.

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Investors seem unlikely to abandon their interest in ESG, not least because the pandemic is the latest ESG issue to make its presence felt on financial markets and the wider economy. The impact of ESG issues is increasingly easy to see as more and better data becomes available and technologies such as artificial intelligence and machine learning help to analyse it.

Both individual investors such as Blackrock and coalitions such as Climate Action 100+ have targeted companies in order to get them to take ESG issues seriously.

Nigel Green, CEO of $12bn financial advisory group De Vere, says that “the coronavirus pandemic will trigger a ‘skyward surge’ in sustainable, responsible and impactful investing over the next 12 months for three key reasons. First, before the pandemic, research has revealed that investments that score well in terms of ESG credentials often outperform the market and have lower volatility over the long-run. Since the Covid-19 public health emergency up-ended the world, the latest broad analysis shows that ESG funds have typically continued to outperform others.”

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“Second, the coronavirus pandemic has underscored the vulnerability and fragility of societies and the planet. It has underscored that increasingly companies will only survive and thrive if they operate with a nod from the wider court of public approval.

Green adds that “demographic shifts will support the trend.  Millennials cite ESG investing as their top priority when considering investment opportunities. This is crucial because the biggest-ever generational transfer of wealth – likely to be around $30trn - from baby boomers to millennials will take place in the next few years. ESG investing was already going to reshape the investment landscape in this new decade – but the coronavirus will quicken the pace of this reshaping.”

This whitepaper was made in association with the upcoming ESG Investment Summit North America, an event by Reuters Events. For more information, please visit the website or get in touch with a member of the team.


Contact

Dominic Grocott
Head of ESG Investment – Reuters Events
+44 7535656597 
Dominic.grocott@reutersevents.com

IFD / IFR – die neue Regulierung für Finanzdienstleister

von Jochen Kindermann und Lena Menger, Simmons & Simmons LLP.

Erst kürzlich hat sich die EU auf neue Aufsichtsregeln für Wertpapierdienstleistungsunternehmen („WpDU“) geeinigt. Diese neuen Regelungen finden ihren Niederschlag in der Investment Firm Directive1 („IFD“) und der Investment Firm Regulation2 („IFR“), welche beide am 5. Dezember 2019 veröffentlicht wurden.

Mit der IFD und der IFR, den beiden neuen Regelwerken für alle Finanzdienstleister, sollen Wertpapierdienstleistungsunternehmen (WpDU) administrativ entlastet und der Verwaltungsaufwand insbesondere bei kleineren WpDU reduziert werden. Grundlage bildet eine 3-Klasseneinteilung. Abhängig von der Eingruppierung unterscheiden sich diverse Anforderungen, wie zum Beispiel, die Eigenmittelanforderungen, die Offenlegungs- und Meldepflichten und die relevanten Liquiditätsanforderungen. Dieser Artikel gibt einen Ausblick auf das neue Regelwerk.

Mit der Einführung der neuen Regulierung soll der Tatsache Rechnung getragen werden, dass trotz sehr unterschiedlicher Risikoprofile zwischen WpDU und Kreditinstituten viele Unternehmen dem sehr komplexen Regelwerk der Capital Requirements Regulation („CRR“) unterliegen. Dass dieser Ansatz nicht sachgerecht ist, zeigt sich bereits daran, das WpDU gerade keine Kredite gewähren oder Einlagen entgegennehmen dürfen. In der Folge wurde schon länger an gesonderten Regelwerken für Kreditinstitute und WpDU gearbeitet.

Durch die IFR / IFD wird nicht nur ein neues Regelungssystem für WpDU eingeführt, sondern es erfolgt auch eine neue Kategorisierung der WpDU. Künftig wird zwischen drei verschiedenen Klassen von WpDU unterschieden:

  • Klasse 1: systemrelevante WpDU
  • Klasse 2: nicht-systemrelevante WpDU, die weder Klasse 1 noch Klasse 3 sind
  • Klasse 3: kleine und nicht verflochtene WpDU

In welche dieser Klassen ein WpDU einzustufen ist, entscheidet sich anhand des Risikos, welches grob nach der erbrachten Dienstleistungen des WpDU, seiner Bilanzsumme und seiner Einbettung in eine Gruppe bestimmt wird.

Als WpDU der Klasse 1 werden solche WpDU eingestuft, deren Bilanzsumme einzeln oder gruppenweit konsolidiert über 30 Mrd. € beträgt und die Eigenhandel oder Emissionsgeschäft betreiben. Sie werden künftig als Kreditinstitut eingestuft. Ausgenommen sind jedoch Kapitalverwaltungsgesellschaften und Versicherungsunternehmen.

WpDU, die das Emissionsgeschäft betreiben oder Eigenhandel erbringen und deren konsolidierte Bilanzsumme unter 30 Mrd. €, aber über 15 Mrd. € liegt, müssen weiterhin die Regelungen der CRR / CRD IV für CRR-Investmentfirmen anwenden.

Ob ein WpDU der Klasse 2 oder Klasse 3 unterfällt hängt von der jeweils ausgeübten Tätigkeit ab. Unter Klasse 3 fallen alle kleinen und nicht verflochtenen WpDU. Eine Einstufung als Klasse 3 erfolgt, sofern die in der Tabelle dargestellten Schwellenwerte eingehalten werden.

Kriterien

Schwellenwerte

Verwaltetes Vermögen*

< € 1.2 Mrd.

Täglich abgewickelte Kundenaufträge*

< € 100 Mrd. pro Tag für Kassageschäft oder € 1 Mrd. pro Tag für Derivate

Gesicherte und verwaltete Vermögenswerte

0

Gehaltene Kundengelder

0

Täglicher Handelsfluss

0

Nettopositionsrisiko

0

Ausfall des Handelspartners

0

Bilanzsumme*

< € 100 Mio.

Jährliche Gesamtbruttoeinnahmen aus Wertpapierdienstleistungen*

< € 30 Mio.

*Anwendungen auf konsolidierter Basis für die Gruppe

Was ändert sich nun?

Abhängig von der Einstufung wird die IFR / IFD für das betroffene WpDU zu vielen Veränderungen führen.

Für WpDU gilt sicher, dass sie ein höheres Anfangskapital aufzubringen haben. Die jeweiligen Erhöhungen des erforderlichen Anfangskapitals sind jedoch nur marginal. Zum Beispiel muss eine Wertpapierhandelsbank anstatt 730.00 € künftig 750.000 € Anfangskapital aufbringen.

Kompliziert sind die neuen Eigenmittelanforderungen, die für WpDU der Klasse 2 gelten. Danach dürfen Eigenmittel nicht niedriger sein als der höchste Betrag aus:

  • 1/4 der fixen Gemeinkosten des Vorjahres,
  • der permanenten Mindestkapitalanforderung oder
  • der nach der K-Faktor Berechnung ermittelte Wert.

Eine echte Herausforderung stellen die sog. K-Faktoren dar. Die K-Faktoren setzen sich zusammen aus den Risiken für den Kunden, den Markt sowie das WpDU. In Bezug auf die K-Faktoren ist noch vieles unklar, da es bisher keine Berechnungsmethoden gibt . Diese müssen noch von der EBA und der ESMA in Form sog. technischer Regulierungsstandards festgelegt werden. Auch in diesem Zusammenhang werden WpDU der Klasse 3 bevorzugt. Sie müssen die K-Faktor-Anforderungen nicht zu erfüllen.

Zudem müssen WpDU der Klasse 2 und 3 künftig auch Veränderungen an ihren liquiden Mitteln vornehmen. Nach der IFR / IFD müssen die liquiden Aktiva mind. 1/3 der Anforderungen für die fixen Gemeinkosten, welche mind. 1/4 der fixen Gemeinkosten des Vorjahres aus machen, betragen. Auch hier werden WpDU der Klasse 3 bevorzugt. Sie können durch die zuständige nationale Behörde von der Anwendung der neuen Liquiditätsvorgaben ausgenommen werden.

Des Weiteren gibt es neue Regelungen zur Vergütung und zur Unternehmensführung für WpDU der Klasse 2. Im Gegensatz zu den Regelungen in der CRR gibt es künftige keine Begrenzung der variablen Vergütung mehr. Die neuen Regelungen zur Unternehmensführung stellen eine Überarbeitung der Governance- und Vergütungsanforderungen aus der CRD IV dar.

Eine weitere Erschwernis für WpDU der Klasse 2 ergibt sich daraus, dass sie künftig die Obergrenzen für Großkredite aus der CRR beachten müssen. Diese wurden in den neuen Regelungen übernommen. Bei einer Überschreitung der Obergrenzen wird eine unverzügliche Meldepflicht an die zuständige Behörde ausgelöst.

Hinzu kommt, dass WpDU künftig weitere Melde- und Offenlegungspflichten beachten müssen. Den zuständigen Behörden müssen vierteljährlich Informationen in Bezug auf die Höhe und die Zusammensetzung der Eigenmittel, die Eigenmittelanforderungen sowie deren Berechnung und den Umfang der Tätigkeit gemeldet werden. Für WpDU der Klasse 3 gilt auch hier eine Erleichterung, denn hier genügt die Vorlage eines Jahresberichts . Darüber hinaus müssen WpDU der Klasse 2 sowie solche der Klasse 3, die Instrumente des zusätzlichen Kernkapitals (AT1) emittieren, mit der Veröffentlichung des Jahresabschlusses weitere Informationen wie die Risikomanagementziele und -politik, der Governance-Standard, die Eigenmittelausstattung, die Eigenkapitalanforderungen, die Vergütungs- und Anlagepolitik sowie die ESG-Risiken, offengelegen.

Wann gelten nun die neuen Regelungen?

Die IFD / IFR sind bereits am 25. Dezember 2019 in Kraft getreten. Die Mitgliedstaaten haben 18 Monate Zeit, um die IFD in nationales Recht umzusetzen. Die IFD ist demnach frühestens ab dem 26. Juni 2021 zu beachten. Die IFR gilt ab dem 26. Juni 2021.

Gibt es Ausnahmen?

Die IFR enthält in Art.57 eine Übergangsbestimmung, welche gleichzeitig eine Erleichterungen für WpDU darstellt. Danach dürfen WpDU für einen Zeitraum von fünf Jahren ab dem 26 Juni 2021 niedrigere Kapitalanforderungen anwenden. Dies gilt dann nicht, wenn am oder nach dem 26. Juni 2019 die Zulassung des WpDU erweitert wird.

Fazit

Es bleibt festzuhalten, dass die neuen Regelungen gravierende Änderungen bei den WpDU mit sich ziehen. Hiervon sind insbesondere WpDU der Klasse 2 betroffen. Aufgrund der Vielzahl der neuen Regelungen sind bei ihnen umfassende Systemveränderungen erforderlich. WpDU müssen nun im Rahmen einer Bestandsaufnahmen prüfen, ob sie als WpDU der Klasse 1, 2 oder 3 einzustufen sind. Im nächsten Schritt sind dann, je nach der Einstufung, entsprechende Veränderungen einzuleiten. Es bleibt abzuwarten, ob der deutsche Gesetzgeber sich entscheidet ein eigenes Gesetz für die neuen Klasse von WpDU zu verabschieden.


1) Richtlinie (EU) 2019/2034.
2) Verordnung (EU) 2019/2033.

Jochen Kindermann ist Partner bei der Kanzlei Simmons & Simmons LLP in Frankfurt am Main. Er berät seit mehr als 10 Jahren Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in Bezug auf aufsichtsrechtliche Fragestellungen und insbesondere zu Compliance-Themen. Er verfügt darüber hinaus über eine umfassende Expertise im Bereich Asset Management.
Schwerpunkte seiner Tätigkeit bilden die aufsichtsrechtliche Beratung in Bezug auf grenzüberschreitende Sachverhalte und der internationale Vertrieb von Finanzinstrumenten. Als ehemaliger Compliance-Officer und Alumni der Börsenmakler-Ausbildung hat er umfangreiche Kenntnisse vom Handel mit Finanzinstrumenten und der Organisation von Finanzinstituten. Jochen Kindermann hat deutsche und ausländische Fondsstrukturen errichtet und Asset Manager hinsichtlich deren buy side- und sell side-Aktivitäten beraten. LinkedIn
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Email: jochen.kindermann@simmons-simmons.com

Lena Menger ist als Rechtsanwältin bei der Kanzlei Simmons & Simmons LLP in Frankfurt am Main tätig und berät Kredit- und Finanzdienstleistungsinstitute in Bezug auf aufsichtsrechtliche Fragestellungen. Sie berät Banken, Zahlungs- und Finanzdienstleister in Fragen der Compliance und des Risikomanagements vor und nach der Gründung ihres regulierten Geschäfts.
Tel.: +49 69 907454 30
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Big Data als Basis für KI-gesteuertes Asset Management

Der Investorentrend hält an – weiterhin findet eine rapide Verschiebung von aktiven Managern hin zu passiven Vehikeln statt. Die Asset Management-Industrie steht daher vor einer großen Herausforderung.

Es gilt, innovative Konzepte zu entwickeln, die den Entscheidungs- und Investmentprozess auf eine neue Grundlage stellen. Die Catana Capital GmbH ist einer dieser Asset Manager, die sich der Weiterentwicklung und Digitalisierung der aktiven Vermögensverwaltung verschrieben haben. FondsTrends sprach mit Holger Knauer, Geschäftsführer der Catana Capital GmbH, über Herausforderungen und Potential von Big Data und künstlicher Intelligenz in der aktiven Vermögensverwaltung.

FondsTrends: Herr Knauer, die Entwicklung hin zu passiven Geldanlagen schreitet weiter voran. Was spricht überhaupt noch für aktives Fondsmanagement?

Holger Knauer: Wir haben eine Dekade hinter uns, in der fast alle Assetklassen weltweit eine signifikant positive Wertentwicklung verzeichneten. Damit waren auch passive long-only-Produkte besonders attraktiv. Gleichzeitig hatten aktive Manager keine wirklichen Produktinnovationen zu bieten, die diesem Trend entgegenwirken konnten. Aus meiner Sicht steht die Asset Management-Industrie vor der großen Herausforderung, Prozesse im aktiven Management effizienter zu gestalten und mit Hilfe von Digitalisierung Kosten zu senken. Auf diesen beiden Feldern bietet die Digitalisierung daher beträchtliche Möglichkeiten, die unbestrittenen Vorteile des aktiven Managements zu erhöhen.

FondsTrends: Die angesprochene Digitalisierung schreitet in allen Lebensbereichen voran, doch speziell im deutschsprachigen Raum scheint das Asset Management hinterherzuhinken. Wie beobachten Sie diese Veränderungen?

Holger Knauer: Da kann ich zunächst nur einmal zustimmen. Das Asset Management ist nun nicht gerade auf der Überholspur, was das Thema Digitalisierung angeht. Dies gilt aber meinem Empfinden nach für den Großteil des Finanzmarktsektors. Gründungsgedanke der Catana war es daher auch, die höchstmögliche Prozessautomatisierung im Asset Management auf der operativen Seite mit dem Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz bei unseren Investmententscheidungen zu kombinieren.

FondsTrends: Die Schlagwörter Big Data und insbesondere künstliche Intelligenz werden ja zurzeit beinahe inflationär gebraucht. Doch was genau können wir uns unter dem Einsatz von künstlicher Intelligenz vorstellen? Ein Supercomputer, der selbstständig Handelsentscheidungen trifft?

Holger Knauer: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass meiner Meinung nach der Einsatz von künstlicher Intelligenz immer noch in den Kinderschuhen steckt. Dennoch ist sie bereits im Alltag weit verbreitet: sei es im Navigationssystem unseres Handys, bei der digitalen Bilderkennung oder in Assistenten wie Siri und Alexa. KI-Anwendungen eignen sich hervorragend für Mustererkennungen in einem bestimmten Bereich. Ich bin fest überzeugt, dass diese Begriffe im Asset Management hingegen sehr häufig als reines Marketinginstrument gebraucht, aber kaum in der Praxis angewendet werden.

FondsTrends: Wie helfen Ihnen konkret Big Data und künstliche Intelligenz beim Investmentprozess?

Holger Knauer: Fangen wir vorne an. Grundlage unserer Handelsstrategie ist eine Big Data-Datenbank, die täglich um mehr als 2 Millionen Nachrichten, Artikel, Research-Berichte, Blog- & Foreneinträge sowie Tweets erweitert wird. Die gesammelten Artikel sind in Deutsch, Englisch oder Chinesisch verfasst und enthalten Informationen zu mehr als 45.000 Wertpapieren weltweit. Die überwiegende Mehrheit dieser Texte stammt dabei aus nutzergenerierten Inhalten, die es so vor zehn Jahren überhaupt noch nicht gab. Diese Daten stellen die Grundlage für unsere Handelsentscheidungen dar. Meiner Meinung nach liegt gerade in dieser Andersartigkeit der verwendeten Daten ein maßgebliches Unterscheidungskriterium zu traditionellen Asset Managern.

FondsTrends: Und diese Vielzahl an Daten werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz ausgewertet?

Holger Knauer: Richtig. Anders ist das bei 23 Nachrichten in der Sekunde überhaupt nicht möglich. Zunächst werden die Texte mittels Natural Language Processing (NLP) ausgewertet und in einen Stimmungs-Score umgewandelt. Diese Scores werden mit Hilfe etablierter Machine Learning-Verfahren ausgewertet, um abschließend daraus Handelsentscheidungen abzuleiten. Davon versprechen wir uns Informations- und daraus resultierend Wettbewerbsvorteile gegenüber traditionellen Asset Managern.

FondsTrends: Wie setzen sie diese Strategie konkret um?

Holger Knauer: Wir sind vor einigen Wochen mit dem Data Intelligence Fund (ISIN: DE000A2H9A76) an den Markt gegangen, in dem gleichzeitig eine aktive Titelselektion als auch eine Allokationsstrategie kombiniert wird. Unser Ziel ist es, uns mit diesem neuartigen UCITS-Fonds zu etablieren und weitere innovative Produkte zu entwickeln. Ganz bewusst gehen wir vertriebsseitig auch auf die Zielgruppe „Digital Natives“ zu, da dort die Wahrnehmung für ein derartiges Produkt eine andere ist und diese von traditionellen Fondsprodukten sowie deren Marketing nicht angesprochen werden. Wir sind der festen Überzeugung, dass vertrieblich neue Wege notwendig sind, um neue Kundengruppen für Investmentfonds zu interessieren. Daher haben wir in den letzten Wochen an einem Marketingkonzept gearbeitet, Erklärvideos zum Fonds produziert und sind mittlerweile auch auf allen wichtigen Social Media-Plattformen aktiv.

FondsTrends: Herr Knauer, wir danken Ihnen für das Gespräch und wünschen viel Erfolg mit dem Data Intelligence und weiteren möglichen Produkten.


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Künstliche Intelligenz im Investment Management

Der Einsatz von Big Data und künstlicher Intelligenz bietet Asset Managern ungeahnte Möglichkeiten und dürfte die Branche grundlegend verändern. Die in Frankfurt ansässige Catana Capital GmbH hat ein Fondsprodukt entwickelt, das auf der Realtime-Analyse von Millionen von Onlineinhalten beruht. Dabei werden mit Hilfe künstlicher Intelligenz redaktionelle und nutzergenerierte Nachrichten ausgewertet, um anschließend daraus Handelsentscheidungen abzuleiten.

Holger Knauer

Holger Knauer ist seit März 2016 Geschäftsführer und Chief Risk Officer der Catana Capital GmbH. Der gelernte Bankkaufmann und Wertpapierhändler startete nach einem BWL-Studium seine Karriere als Assistent der Geschäftsleitung der Universal-Investment GmbH. Danach war er dort lange Jahre als stellvertretender Abteilungsleiter für das institutionelle Geschäft tätig, ehe er 2012 als Vorstand zur Celios Investment AG (vormals Prisma Investment AG) wechselte.

Datenqualität als Herausforderung oder Mehrwert?

von Michael Günther und Pablo Hess, den Fondsmanagern des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG.

Zwei von drei Anlegern (70 Prozent) versprechen sich von der Verarbeitung und Nutzbarmachung großer Datenmengen den größten Wertbeitrag für eine moderne Fondsstrategie. Allerdings erwartet fast die Hälfte (47 Prozent) der Anleger, dass die Qualität der Daten künftig die größte Herausforderung beim Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) im Portfoliomanagement sein dürfte. Dies ist das Ergebnis einer aktuellen qualitativen Umfrage der Frankfurter Asset Management-Gesellschaft Tungsten Capital unter mehr als 50 Anlegern, darunter vornehmlich institutionelle und semi-institutionelle Investoren.

Spannenderweise ist Rendite nicht der wichtigste Faktor, mit dem Anleger den Einsatz neuer KI-Technologien bei der Geldanlage bewerten. Lediglich 26 Prozent der Befragten nennen Performancevorteile als Top-Priorität. Dagegen kommen der Verbesserung des Chance-Risiko-Verhältnisses (51 Prozent) und der Eliminierung des Behavioral Bias (43 Prozent), also emotionaler Einflüsse, jeweils eine deutlich höhere Bedeutung zu (Mehrfachnennungen waren möglich). Schlüsselkriterium ist jedoch die Berücksichtigung einer Vielzahl von Variablen und relevanter Datenquellen (70 Prozent). „Das Thema Daten spielt für Investoren eine wichtige Rolle“, kommentiert Michael Günther, Portfoliomanager von Tungsten TRYCON, die Ergebnisse. „Fortschritte in Hard- und Software ermöglichen es, die Portfolioauswahl mittels maschineller Intelligenz und Analysetechnologien zu unterstützen. Der Aufwand für die Rechenleistung und Datenverknüpfung ist dabei mithin immens“.

Allerdings nimmt ein großer Teil der Anleger (47 Prozent) die Qualität der verfügbaren Daten auch als größte Herausforderung bei der Umsetzung einer von Algorithmen gestützten Investmentstrategie wahr. „Inwieweit die Leistungsfähigkeit von KI den menschlichen Analysten ergänzt und welche Art von Daten dabei zum Einsatz kommen, dies wird die Asset Management-Branche in den nächsten Jahren verstärkt beschäftigen“, führt Pablo Hess, ebenfalls Portfoliomanager von Tungsten TRYCON, weiter an. „Einige Anbieter nutzen bisher vornehmlich strukturierte Finanzinformationen und Zeitreihen, etwa Preis- und Umsatzdaten, andere versprechen sich Erkenntnisse beispielsweise aus Social Media-Nachrichten wie Twitter oder Blogs“.

Hinkt die Finanzindustrie anderen Branchen hinterher?

Während in anderen KI-Anwendungsbereichen – etwa Spracherkennung für Mobiltelefone – eindeutigere Muster vorherrschen, sind die Kapitalmärkte von einem hohen Maß an Ungewissheit geprägt. Fast jeder zweite Teilnehmer (47 Prozent) hält daher neben der Datenqualität die Eigenheiten und Komplexität der Finanzmärkte für die größte Herausforderung in der Praxis. „Künstliche Intelligenz im Fondsmanagement arbeitet mit Wahrscheinlichkeiten für den Eintritt möglicher Szenarien und Kursentwicklungen. Eine Gewissheit über zukünftige Entwicklungen kann auch die KI nicht geben“, bekräftigt Michael Günther. Vorangegangene Umfragen, etwa jüngste Studien des BVI, fokussierten vornehmlich auf administrativen, prozessualen sowie IT- und vertriebsseitigen Einsatzgebieten von KI. „Mit unserer Umfrage verfolgten wir das Ziel, einige qualitative Einschätzungen aus Anlegersicht dezidiert zum Nischenthema KI im Investment Management einzuholen“. Die Ergebnisse legen nahe, dass die Umfrageteilnehmer die Finanzbranche beim Einsatz von KI im Branchenvergleich nur auf einem der hinteren Plätze verorten. Im Automobilsektor wird KI aus Sicht der befragten Anleger bislang am erfolgreichsten eingesetzt (Platz 1), gefolgt von der Telekommunikations- und Pharmaindustrie. Die Finanzbranche rangiert auf dem letzten Platz, knapp hinter dem Energiesektor. „Die Anwendung von KI in der Finanzbranche ist vermutlich weniger greifbar als in anderen Industrien, denkt man nur an das autonome Fahren. Automatisierungen und Prozesseffizienzen sind nur eine Einsatzmöglichkeit von KI im Finanzbereich, die Identifizierung von Handelsgelegenheiten im Portfoliomanagement bildet eine weitere“, gibt Pablo Hess zu bedenken. „Gleichsam wird das Thema auch innerhalb der Finanzbranche nicht immer trennscharf – zum Beispiel gegenüber Robo-Advisory – behandelt“.

Aufholpotenzial gegenüber USA und China

Fortschrittliche KI-Technologien wurden bisher, so die Ausgangsthese für die Umfrage, vornehmlich mit dem Silicon Valley assoziiert. Die Ergebnisse der Umfrage deuten darauf hin, dass die befragten Anleger Nachholbedarf für Deutschland und Europa sehen. Bei der Frage, welche Länder und Regionen künftig KI-Zukunftstechnologien dominieren werden, konnten die Teilnehmer Schulnoten (1 = sehr gut bis 6 = ungenügend) für die Wettbewerbsfähigkeit der Standorte vergeben. Den USA und China stellen die Anleger mit der Note 2 jeweils ein gutes Zeugnis aus, Deutschland und Europa schneiden nur mit Note 4 ab.

Inwieweit KI im Fondsmanagement in Deutschland weiter Verbreitung finden wird, dies wird aus Sicht der Autoren nicht nur auf der Angebotsseite entschieden. „Wir gehen davon aus, dass mehr Anbieter die Potenziale von KI erschließen wollen und entsprechende Technologiekenntnisse an Bord holen werden“, so Michael Günther. „Die Umstellung auf einen größeren Anteil der KI im Investmentprozess wird die Branche in den nächsten drei bis fünf Jahren ein Stück weit verändern“. Wichtig sei aber, dass dieser Innovationsschub mit der Nachfrageseite korrespondiert. „Investoren erwarten einen Mehrwert gegenüber einer Anlagelösung, die keine KI einsetzt“. Wenn die Branche ihre Hausaufgaben macht, dann dürfte der Wertbeitrag von KI im Investment Management aus Sicht der befragten Anleger künftig hoch (62 Prozent) oder sogar sehr hoch (13 Prozent) sein. Über drei Viertel der Umfrageteilnehmer (81 Prozent) gehen davon aus, dass die Nachfrage nach KI-basierten Investmentstrategien in den nächsten fünf Jahren (erheblich) zunehmen wird.


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Künstliche Intelligenz im Investment Management

Die Umfrage „Künstliche Intelligenz im Investment Management 2019“ wurde in diesem Jahr erstmals von TRYCON im Zeitraum 6. bis 14. Mai 2019 online durchgeführt. An der Umfrage nahmen 53 Anleger teil, davon ca. 82 Prozent institutionelle Investoren, Vermögensverwalter, Family Offices und Anlageberater sowie ca. 18 Prozent Privatanleger. Die Umfrage ist qualitativ (sie erhebt nicht den Anspruch einer quantitativen Erhebung) und beleuchtet Einschätzungen und Trends zur Wahrnehmung der Vorteile und Herausforderungen beim Einsatz von KI in Fonds und Investmentstrategien.

Michael Günther

Michael Günther ist einer der zwei Fondsmanager des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG. Sein Schwerpunkt ist neben dem Portfolio Management die Programmierung und Weiterentwicklung der proprietären Portfolio- und Risk Management-Software auf Basis von MATLAB. Herr Günther ist außerdem seit 2002 Vorstandsmitglied der TRYCON G.C.M. AG.

Pablo Hess

Pablo Hess ist einer der zwei Fondsmanager des Tungsten TRYCON Basic Invest HAIG. Sein Schwerpunkt ist neben dem Portfolio Management das Research und die (Weiter-)Entwicklung von Multi-Asset-Handelsstrategien insbesondere für börsengelistete Derivate. Im Fokus stehen hierbei hochentwickelte quantitative Modelle. Aber auch Trendfolgemodelle oder Optionshandelsstrategien bilden einen weiteren Schwerpunkt. Herr Hess ist außerdem seit 2002 Vorstandsmitglied der TRYCON G.C.M. AG.

Nachhaltige Investments mit dem Bio-Rohstoff Hanf

Der Gesellschaft wird zusehends die globale klimatische Entwicklung bewusst, sodass nachhaltige und ökologisch korrekte Investments seit Jahren an Priorität gewinnen. Einige Innovationen sind in sich widersprüchlich, wie etwa die Mobilitätsthematik und E-Antriebstechnologien, mit hohem Bedarf an Lithium und Kobalt. Hanf scheint hingegen ein berechtigtes Trendthema zu sein. Richtet man nun den Fokus auf die Pflanze und den daraus entstehenden Bio-Rohstoff entfalten sich facettenreiche Verwendungszwecke, erklärt Daniel Stehr, Geschäftsführer und Initiator der ws-hc.

Ein Bio-Rohstoff sollte schnell wachsen, robust gegen Schädlinge sein, und eine hohe Qualität und vielseitige Nutzung der Bio-Masse bieten.

Hanf wächst hervorragend, ursprünglich aus dem asiatischen Raum stammend bietet die heutige variantenreiche Genetik optimale Anbaubedingungen nahezu rund um den Globus. Vergleicht man Hanf an dieser Stelle mit anderen Bio-Rohstoffen, entfallen somit potenziell die Transportkosten – gut für den Geldbeutel und den geologischen Fußabdruck. Beim Wuchs entfallen anders als bei nahezu jeder anderen industriellen Feldfrucht der Bedarf an Pestiziden (gegen Schädlinge) und Herbiziden (gegen Pilzbefall). Die Cannabinoide THC und CBD, in der Pharmazie und als Genussmittel bekannt, beinhalten optimale natürliche Schutzmechanismen gegen diesen Schadbefall. Noch besser wird die Öko-Bilanz dadurch, dass Hanf während des Wuchs Agrarböden revitalisiert und durch die schnell wachsende Bio-Masse große Mengen CO2 bindet.

Ist der Hanf nun erntebereit bietet er verschiedene Rohstoffe: Fasern, Schäben, Samen, Blätter und Blüten.

Für die Lebensmittelindustrie gilt: Hanfsamen gehören zu den ernährungsphysiologisch hochwertigsten Ölfrüchten. Hanföl, gewonnen aus den Hanfsamen, ist besonders reich an mehrfach ungesättigten Fettsäuren, hier sind besonderes die essenziellen Fettsäuren Linolsäure und Alpha-Linolensäure zu beachten. Die Omega-3-Fettsäure kommt nur in sehr wenigen Speiseölen in dieser hohen Konzentration vor. Hanfprotein, ein veganes Protein aus den Hanfsamen, enthält alle 8 essenziellen Aminosäuren und ist sogar leichter verdaulich als Sojaprotein. Hanf kann potenziell eine tragende Rolle in der Welt-Ernährungsfrage spielen.

In der Bauindustrie ist Hanf geschätzt, 97% der Pflanze können verarbeitet werden. Die Fasern sind langlebig, leicht, reißfest, diffusionsoffen, auch nach Verarbeitung resistent gegen Schädlinge und Pilzbefall sowie ungeeignet für den Nestbau von Nagetieren. Hanfdämmmatten werden z.B. für Wärme und Schalldämmung verwendet.

Papier aus Hanffasern wurde vor 2000 Jahren in China erfunden und gelang im 13. Jahrhundert nach Europa. Es war über Jahrhunderte der meist verbreitete Rohstoff für die Papierherstellung. In der industriellen Entwicklung wurde es jedoch günstiger, Wälder zur Papierherstellung zu roden. Welche gravierenden folgen die gerodeten Waldflächen auf die klimatische Situation haben muss hier wohl nicht erörtert werden. Hanf wächst um ein Vielfaches schneller als Forst und enthält deutlich mehr Zellstoff. Die Faser muss nicht mit Chemikalien gebleicht werden und ist wesentlich stabiler und reißfester, somit langlebiger als die Holzfasern.

In der Textilindustrie konkurriert Hanf mit Baumwolle. Für die globale Baumwollproduktion werden jährlich 256 Kubikkilometer Wasser benötigt, genügend Süßwasser, um jeden Erdenbürger pro Tag mit 120 Litern Frischwasser zu versorgen. Hanf nimmt im Wuchs das doppelte an CO2 auf und benötigt für eine Tonne Faser ca 500 Liter Wasser, Baumwolle hingegen satte 10.000 Liter. 

In der Chemieindustrie kann Hanf petrochemische Kunststoffarten (Kunststoff auf Grundlage von Erdöl) ersetzen.  Die Hanffasern bestehen aus ca. 77% Zellulose, einem Rohstoff, aus dem sich biologisch abbaubarer Kunststoff herstellen lässt. „Bioplastik“ zersetzt sich weitergehend nicht in Mikroplastikteilchen.

In der Mobilität bietet Hanf daher für die Automobil, Luft- und Raumfahrt optimale Rohstoffstrukturen für den treibstoffsparenden und CO2 neutralen Leichtbau. Der größte Abnehmer von Nutzhanf in Deutschland ist die Automobilbranche.


Die ws-hc Stehr & Co Hanf Consulting UG recherchiert und analysiert das gesamte Potenzial des vielseitigen Anlageuniversums der globalen Hanf-Industrie. Zur Risikodiversifikation einer Investition in die Hanfbranche, bedarf es einer breiten Streuung in die Wertschöpfungskette des Hanfs: Anbau, Lizenzen & Patente, Distribution, Forschung, Technologie und Pharmazie. Der erste deutsche aktiv gemanagte Hanf Aktienfonds ws-hc Fonds – Hanf Industrie Aktien Global (WKN A2N84J) bietet seit dem 3.12.2018 eine mögliche Investmentlösung an. Weitere Informationen auf ws-hc.de.

Über Daniel Stehr

Daniel Stehr ist Geschäftsführer und Initiator der ws-hc. Bereits Ende der 90`er Jahre hat Herr Stehr seine ersten internationalen Erfahrungen mit dem Handel der bekannten Titel der New Economy (NASDAQ Chicago) sammeln dürfen. Seit nun zwei Jahrzehnten hat er sich seine Expertise in der nationalen und internationalen Finanzbranche aufgebaut. Im Kundenauftrag hat Herr Stehr bereits zahlreiche Investitionen in die Hanf-Branche Nordamerikas begleitet.

Dies ist Teil 7 der Serie von ws-hc. Weitere Teile finden Sie hier:

Wie modelliert man einen Handelskrieg?

von Christoph V. Schon, CFA, CIPM, Executive Director, Applied Research, Axioma.

“Wie modelliert man einen Handelskrieg?“ ist eine Frage, die uns in den vergangenen 12 Monaten des Öfteren gestellt wurde. Trotz vermeintlicher politischer „Fortschritte“ zu Beginn des Jahres ist das Thema in jüngster Zeit wieder aktueller denn je—insbesondere nach den neuerlichen gegenseitigen Zollerhöhungen seitens der Vereinigten Staaten und China. Auch die Entscheidung über eventuelle Sonderabgaben auf Europäische Autoimporte in die USA liegt nur temporär auf Eis.

In einer kürzlichen Studie untersuchten wir, wie sich eine weitere Ausweitung des Konfliktes zwischen China und den USA auf verschiedene Anlageklassen auswirken könnte. Unter Zuhilfenahme der Stresstest-Funktionalitäten in unserer Axioma Risk™ Portfolioanalyse-Plattform modellierten wir ein Szenario, in dem wir einen simultanen Kursverfall am amerikanischen und chinesischen Aktienmarkt von 15% bzw. 20% unterstellten. Damit einher ging eine durchschnittliche Dollarabwertung von 5% und ein Renditerückgang bei 10-jährigen US-Staatsanleihen von 45 Basispunkten. Als Prognosehorizont nahmen wir einen Dreimonatszeitraum an. Die übrigen Preisfaktorbewegungen schätzten wir basierend auf historischen Wechselwirkungen während verschiedener Phasen des Handelskrieges in den letzten zwei Jahren: Ausbruch, Eskalation, Entspannung und erneute Eskalation.

In allen modellierten Umfeldern zeigte sich ein konsistentes Bild: die deutsche Wirtschaft würde aufgrund ihrer starken Abhängigkeit von der Automobilindustrie und der Technologiebranche überproportional hart getroffen. Sichere Häfen wie Bundesanleihen, Schweizer Franken, Yen und Gold sollten dagegen von einer Qualitätsflucht profitieren. Aber auch defensivere Anlagen wie Versorgungsbetriebe und Basiskonsumgüter könnten mit geringeren Verlusten rechnen. Am Rentenmarkt sollten in solch einem Umfeld hauptsächlich Hochzinsanleihen und peripherere Emittenten vermieden werden. Italien erscheint dabei aufgrund des erhöhten politischen Risikos besonders anfällig für Erhöhungen der Risikoprämie.

Definition eines Stresstests: Variablenschocks und Präzedenzfälle

Bei der Definition eines Stresstestes sind grundsätzlich zwei Entscheidungen zu treffen: (1) welche Variablen sollen geschockt werden und um wieviel, und (2) welche (historische) Periode eignet sich am besten, um die damit einhergehenden Bewegungen der andere Preisfaktoren zu schätzen? Die letztere Frage stellt sich oft als die schwierigere heraus, insbesondere wenn ein Szenario modelliert werden soll, welches es in dieser Form so noch nicht gab (zum Beispiel ein nuklearer Konflikt auf der koreanischen Halbinsel oder die Zeit vor dem Brexit-Referendum im Juni 2016).

Allerdings waren für ein Handelskriegsszenario ausreichend Präzedenzfälle vorhanden, die zur Kalibrierung der Kovarianzen und Betas herangezogen werden konnten. Der erste war der Ausbruch des Handelskonfliktes im März 2018, als Präsident Trump die ersten Sonderzölle auf Stahl- und Aluminiumimporte aus China ankündigte. Die nächste Eskalation konnten wir im darauffolgenden Juni beobachten, als die US-Administration Abgaben auf weitere 200 Mrd. Dollar androhte. Dies war auch die Zeit, in der der amerikanische Präsident zum ersten Mal Strafzahlungen auf Automobilimporte aus der Europäischen Union mit der Begründung ins Spiel brachte, dass diese ein potenzielles Sicherheitsrisiko für die Vereinigten Staaten darstellten.

Die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen Handelsdelegationen aus China und den USA im 1. Quartal 2019 brachte dann eine temporäre Erleichterung, und die Aktienkurse stiegen zusammen mit Anleiherenditen und dem US-Dollar. Die Erholung hielt bis in den April an, drehte sich dann aber schlagartig wieder um, als der US-Präsident erneute Sonderabgaben ankündigte. Auch die jüngste Entscheidung, die Europäischen Autozölle aufzuschieben, sorgte nur vorübergehend für Entspannung.

Ähnliche Korrelationsmuster für die „Flucht in Qualität“

Was all diesen verschieden Phasen des Handelskrieges gemein war, war das Wechselspiel zwischen den großen Anlageklassen. Nach der ersten Ankündigung der Zölle im März und während der Eskalation im 2. Quartal 2018 kam es zu einer „Flucht in Qualität“ aus riskanten Aktieninvestments und dem US-Dollar heraus und in „sichere Häfen“ wie hochqualitative Staatsanleihen beziehungsweise den Schweizer Franken und den japanischen Yen hinein. Die exakt umgekehrten Flüsse konnten wir dann Anfang 2019 beobachten, als wachsender Optimismus über die Wiederaufnahme der Verhandlungen zwischen China und den USA den Risikoappetit der Marktteilnehmer wiederanfachte.

Obwohl die absoluten Marktbewegungen in beiden Szenarien entgegengesetzt verliefen, waren die relativen Ströme und damit die Korrelationen sehr ähnlich; d.h. die Kursverluste oder -gewinne an den Aktienmärkten wurden durch Preisanstiege bzw. -verfälle bei den Rentenpapieren teilweise ausgeglichen. Dadurch ergaben sich, vor allem in den Baissemärkten, gute Diversifikationsmöglichkeiten. Der Effekt der Währungsallokation hing allerdings vom Standort des Anlegers ab. Am günstigsten waren die Bedingungen für US-Investoren, da ihre ausländischen Aktienverluste durch das Aufwerten der Fremdwährung gegenüber dem Dollar abgemildert wurden. Europäische Anleger hingegen mussten aufgrund des schwächeren Umtauschkurses doppelte Verluste hinnehmen.

Länge der Kalibrierungsperiode: weniger ist oft mehr

Aufgrund der konsistenten und erwartungsgemäßen Korrelationsmuster eignen sich die genannten Perioden gut, um die voraussichtlichen Marktbewegungen im Falle einer erneuten Eskalation des Handelskonfliktes zu modellieren. Was die Länge der Kalibrierungsperiode betrifft, ist erfahrungsgemäß weniger oft mehr. In einem Stresstest soll, wie der Name andeutet, ein extremes Szenario—mit oft extremen Korrelationen—modelliert werden. Wählt man die Kalibrierungsperiode zu lang, ist häufig zu beobachten, dass die Betas und Korrelationen geringer ausfallen, was dann zu schwächeren Abhängigkeiten und weniger ausgeprägten Preisveränderungen führt. Auf der anderen Seite sollte man aber auch den Zeitraum nicht zu kurz wählen, da ansonsten nicht genügend Datenpunkte zur Verfügung stehen. Unserer Erfahrung nach stellen tägliche Renditen über einen Zeitraum von 12 Wochen oftmals einen guten Kompromiss dar.

Konkret verwendeten wir die folgenden Zeitfenster zur Kalibrierung der Stresstests:

  • Ausbruch des Konfliktes mit China: 15. Januar bis 6. April 2018
  • Eskalation und Ausweitung auf EU: 9. April bis 29. Juni 2018
  • Entspannung und Verhandlungen: 14. Januar bis 5. April 2019
  • Erneute Re-Eskalation: 8. April 2019 bis 31. Mai 2019

In allen vier Fällen wandten wir die obengenannten Schocks an: US-Aktien -15%, China -20%, Dollar Index -5% und 10-Jahre US-Treasury -45 Basispunkte. Im Entspannungsumfeld waren dabei die modellierten Marktbewegungen entgegengesetzt zu den tatsächlich im 1. Quartal 2019 beobachteten. Dies führte jedoch aufgrund der gleichartigen Korrelationsmuster erwartungsgemäß zu ähnlichen simulierten Renditen wie in den anderen drei Szenarien.

Deutschland wahrscheinlich am stärksten betroffen

Die untenstehende Tabelle zeigt simulierte Renditen von ausgewählten Ländern und Sektoren in Axioma‘s euro-denominierten Multi-Anlageklassen-Portfolio. Die Spalten beziehen sich dabei auf die obengenannten Zeitperioden. Die Ergebnisse zeigen konsistent, dass Deutschland aus allen großen, europäischen Ländern von einem solchen Szenario am stärksten betroffen würde. Ein wichtiger Treiber ist dabei die starke Abhängigkeit von der Automobilindustrie. Aber auch die Technologiebranche und das produzierende Gewerbe—weitere wichtige Standbeine der deutschen Ökonomie—zeigen schwere Verluste. Generell werden zyklische Sektoren wie Nicht-Basiskonsumgüter, zu denen auch die Automobilbranche zählt, stärker betroffen sein als defensivere Anlagen, wie Versorgungsbetriebe oder Basiskonsumgüter.

Hochqualitative Staatsanleihen aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden sollten von der Flucht in Qualität profitieren, zusammen mit anderen sicheren Häfen wie Gold, dem Schweizer Franken und dem japanischen Yen. Periphere Emittenten und Unternehmensanleihen—Hochzinspapiere insbesondere—müssen hingegen mit erhöhten Risikoprämien und damit Verlusten rechnen. Der Ölpreis sollte ebenfalls aufgrund seiner hohen Korrelation mit dem Aktienmarkt fallen.

Simulierte Renditen auf ausgewählte Länder und Sektoren

Anlageklasse

Ausbruch

Eskalation

Entspannung

Re-Eskalation

Aktien

 

 

 

 

Gesamteuropäisch

-15,1

-11,5

-11,1

-14,2

Informationstechnologie

-19,3

-15,4

-17,5

-28,9

Industrie

-16,1

-13,9

-12,8

-19,4

Nicht-Basiskonsumgüter

-14,9

-14,2

-12,9

-18,8

Roh-, Hilfs- & Betriebsstoffe

-15,6

-14,8

-15,4

-18,6

Finanzwesen

-14,7

-13,5

-17,4

-15,8

Gesundheitswesen

-16,4

-12,2

-11,2

-15,8

Telekommunikationsdienste

-13,1

-8,1

-7,2

-9,8

Energie

-15,0

-11,2

-10,6

-9,3

Immobilien

-11,2

-4,5

-2,2

-7,8

Basiskonsumgüter

-13,1

-5,7

-9,6

-5,8

Versorgungsbetriebe

-11,9

-6,6

-5,8

-0,3

Deutschland

-18,4

-13,8

-12,6

-18,7

Automobile & Komponenten

-18,8

-20,1

-18,3

-19,0

Frankreich

-15,8

-10,9

-12,3

-17,0

Niederlande

-17,3

-11,7

-12,3

-14,6

Italien

-14,5

-10,4

-10,6

-13,0

Schweiz

-15,6

-12,0

-9,6

-12,7

Großbritannien

-13,3

-11,9

-13,2

-11,5

Spanien

-14,8

-9,0

-8,8

-9,6

Euro-Staatsanleihen

 

 

 

 

Italien

-0,1

-5,2

-2,8

-0,6

Spanien

0,8

0,3

-0,5

-0,7

Niederlande

1,1

1,7

0,9

0,8

Frankreich

0,6

1,2

0,7

0,9

Deutschland

1,1

1,7

1,0

1,0

Unternehmensanleihen

 

 

 

 

Investment Grade

-1,9

-1,5

0,0

-0,1

High Yield

-8,2

-9,1

-0,9

-5,0

Fremdwährungen ggü. EUR

 

 

 

 

USD

-4,4

-4,0

-1,3

-3,3

GBP

-1,8

-2,0

3,0

-0,7

CHF

1,4

-0,4

0,4

0,9

JPY

3,6

0,8

2,5

3,5

Rohstoffe

 

 

 

 

Gold

7,8

3,0

5,4

11,5

Öl

-11,9

-10,1

-14,6

-18,3

Quelle: Axioma Risk™


Christoph V. Schon, CFA, CIPM

ist seit Mai 2016 als Executive Director für das Applied Research in EMEA bei Axioma in London verantwortlich. Er verfügt über mehr als 10 Jahre Erfahrung im Bereich der Portfoliorisiko- und Performanceanalyse bei verschiedenen Systemanbietern (POINT, UBS Delta) und war davor für 6 Jahre als Rentenanalyst bei der Dresdner Bank tätig. Er besitzt ein Diplom in Wirtschaftsingenieurwesen (ET) von der TU Darmstadt.

Axioma

ist ein weltweit führender Anbieter von innovativen Risiko­management- und Portfoliomanagement­lösungen für Finanzinstitute. Mit Schwerpunkten auf Innovation, Einsatz moderner Technologien und herausragendem Service bietet Axioma seinen Kunden leistungsfähigere Systeme mit mehr Flexibilität für maßgeschneiderte Lösungen. Mit Hauptsitz in New York und Niederlassungen in Europa und Asien hat Axioma eine globale Reichweite und bietet gleichzeitig lokale Unterstützung.

Why ESG trends matter

by François Millet, Head of Strategy, ESG & Innovation – Lyxor ETF.

Spices, silks, and porcelain are just a few of the things people associate with the Dutch East India Company. But the firm was also the first to be targeted by activist shareholders. In the 1600s, its investors filed a petition against the company and lobbied the public to push for better governance and for its finances to be managed more effectively.

Four centuries later, shareholders have become much more active and powerful. The perception is that active managers are the ones taking the activist lead and that passive funds may be “silent” when it comes to tackling firms on governance and ESG factors, but is that fair?

Can passive really be active?

One reason for this perception is that active managers have the power to offload stocks of companies with poor governance or ESG records. However, passive managers lack this exit strategy as they need to invest in the same securities as their benchmarks. Likewise, active managers may prefer stocks of well-governed and responsible companies, which can in turn motivate companies to do more in these fields, so that they are chosen by these funds. But traditional passive managers lack this power, so, in theory, even companies with low ESG ratings could attract investments from these funds, simply by virtue of their inclusion in a benchmark.

Stay on trend

When governance goes bad, portfolios can suffer. One of the most infamous cases of recent times concerns Carlos Ghosn – former Chairman and CEO of the Renault-Nissan-Mitsubishi consortium – and his arrest under suspicion of financial misconduct in November last year. Long perceived as a successful and charismatic business leader, it came as a shock to the business community. Corporate governance and the dangers of leaving too much power unchecked in too few hands have been in the spotlight ever since. So, what can you do to try to get a more rigorous grip on governance in your portfolio?

Putting the G in ESG

If you hold a fund with hundreds – if not thousands – of stocks, you’d be forgiven for not having the time or expertise to carry out a thorough due diligence of each and every one of them based on their ESG metrics. The good news is, there are experts who have that kind of know-how. When choosing the strategy underlying our broad ESG ETFs, we chose to partner with index provider and ESG research specialist, MSCI.

MSCI has over 40 years of experience in collecting, cleaning and standardising data on ESG policies. In building their ‘best-in-class’ ESG Leaders benchmark series, their goal is to include companies with the highest ESG rating in each sector, with a 50% sector representation vs. the broad parent index.

At this level already, neither Nissan nor Mitsubishi Motors made the cut for the ESG Leaders indices. They both had an MSCI ESG Rating of CCC – the worst possible ranking. In Nissan’s case, this was mainly to do with weak governance practices, safety, and emission falsifications. Mitsubishi Motors’ score related to similar issues around poor business ethics, fraud, and a fuel test manipulation controversy.

Why it’s worth going the extra mile

Here’s where things get interesting. Renault, according to MSCI1, still scores well in areas like safety and clean tech. So, while not securing the top AAA rating, it still fares relatively well with an A – which is enough for it to feature in European MSCI ESG Leaders indices.

It is possible to take it further however and adopt the MSCI’s ESG Trend Leaders series. Not only do these benchmarks require a high ESG score, they also take that score’s trend into account. If a company has improved its ESG score over a one-year period, it is more likely to be included in one of these indices. A downward trend reduces that likelihood.

Renault, as we’ve said, has a decent ESG score and was in fact rated AA at one stage, but because of “concerns over potential conflict of interests in the role held by the Chairman, Mr. Carlos Ghosn”, and additional concerns over governance practices linked to its complex ownership structure, MSCI downgraded its rating before news of the scandal actually broke.

The key single risk factor identified by MSCI’s ESG research was corporate governance. The downward trend meant Renault was not present in the MSCI ESG Trend Leaders benchmarks tracked by the Lyxor World ESG and EMU ESG ETFs, meaning they were not exposed to the ensuing share price tumble. That’s not to say using Trend is a perfect way to avoid issues of poor governance and there is always the risk that something could slip through the net. It could however give you a head start.

Engagement is everything

It’s not just about how Lyxor ESG funds operate; we also have a broader duty to the world around us. Unlike most other passive managers, we engage directly with companies to induce them to improve their sustainability practices.

We also look to influence companies to become more responsible by using the voting rights given to us as large shareholders. We are committed to promoting sound governance, so we work in tandem with Institutional Shareholder Services, one of the world’s largest proxy organisations, to make our voice heard more often than we otherwise could.

To date, we have voted on more than 2,600 resolutions and, from an AUM perspective, we have voted on €14bn+ of equity positions. We have cast negative votes in 22% of resolutions and voted “against” at least once in 77% of the general meetings we have attended. Most of those votes have involved executive pay as well as board composition, remuneration and issues of transparency. We plan to become even more activist still2.

To sum up, passive managers don’t have to be silent; far from it. We can be as loud as active managers – if not more so – when it comes to keeping watch over companies and influencing management to act in the best interests of shareholders, society and the environment.


1) Source: MSCI, November 2018. Past results are not a reliable indicator of future results.
2) Source: Lyxor International Asset Management as of 31 December 2018. Included €19.6bn of Assets under Advisory

About François Millet

François Millet is Head of Strategy, ESG & Innovation. He joined Lyxor in 2009 as Head of Index and Quantitative Fund Development. Prior to Lyxor, he was Director of Index Funds & ETF at Societe Generale Asset Management AI, where he developed the index management business including passive funds, ETFs, index-enhanced and alternative beta products since 2004. He introduced in 2005 the first range of structured ETFs in Europe (leveraged, short and capital protected). Prior to this, he worked for 14 years with SG Corporate & Investment Banking, holding various executive and management positions within the Equity Capital Markets business line.

Über Lyxor ETF

Mit dem Listing des ersten ETF an der Pariser Börse im Jahre 2001 bereitete Lyxor ETF vor 18 Jahren den Weg zur Erschließung des europäischen ETF-Marktes und ist heute mit 69,4 Milliarden US-Dollar der drittgrößte ETF-Emittent in Europa (Lyxor, Stand: 31. Dezember 2018). Mit mehr als 200 Fonds, die stringenten Qualitätskriterien hinsichtlich Performance, Risikokontrolle, Liquidität und Transparenz unterliegen, deckt Lyxor ETF alle Anlageklassen und -stile ab. Weitere Informationen unter lyxorETF.de

Die Ruhe vor dem Brexit-Sturm

Die Unruhe in der britischen Investmentbranche wächst: Angesichts eines drohenden „No Deal“-Szenarios halten Spekulationen an, wie hoch die Asset-Abflüsse durch den Brexit ausfallen, welche Firmen Großbritannien verlassen und wie viele Mitarbeiter sie mitnehmen werden. Medien, Investmentmanager und Dachverbände fühlen seit dem Brexit-Votum den Puls der Branche. Sie prophezeien: Besonders hart wird es kleine Investmenthäuser ohne EU-Präsenz treffen.

Die deutsche Fondsbranche gibt sich trotz des drohenden „No Deal“-Brexits – also einem Ausscheiden Großbritanniens aus der Europäischen Union ohne Vereinbarung über die künftigen politischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Beziehungen Großbritanniens zur EU – betont gelassen. Laut einer Umfrage des Dachverbandes BVI fühlen sich drei Viertel der deutschen Gesellschaften von einem ungeordneten Brexit ohne Übergangsfrist „überhaupt nicht“ oder nur „wenig“ betroffen. Schließlich hielten Portfoliomanager aus dem Vereinigten Königreich (United Kingdom, UK) auch nur sieben Prozent des Spezialfonds- und drei Prozent des Publikumsfondsvermögens in Deutschland.1

In Großbritannien steigt, wenige Tage vor dem (bislang noch) offiziellen Austrittsdatum am 29. März 2019, die Unruhe dafür umso mehr. Das liegt zum einen an der britischen Wahrnehmung, wie bedeutend die eigene Fondsbranche ist: Nach Angaben der Investment Association verwalteten ihre 240 Mitgliedsunternehmen zum Ende 2017 mehr als 7,7 Billionen GBP im Vereinigten Königreich, und 1,8 Billionen GBP werden für europäische Kunden gemanagt. Insgesamt entspreche das 35 Prozent der gesamten Assets in Europa.2

Zum anderen fürchtet sich die Finanzbranche davor, dass der Brexit einen Exodus in- und ausländischer Asset Manager in nicht gekanntem Ausmaße mit sich bringen wird. Das, so heißt es  nicht nur in den britischen Medien, würde den Abfluss von (dreistelligen) Milliardenbeträgen an Kundenvermögen, den Abzug Dutzender Investmenthäuser sowie den Abbau von mehr als 10.000 Arbeitsplätzen mit sich bringen.

Zwei Drittel der UK-Manager sehen Brexit als Wettbewerbsnachteil

Die Furcht ist begründet: In einer Befragung des CFA-Instituts, des weltweiten Verbandes der Investment Professionals, im März 2018 sagten 68 Prozent der in UK ansässigen Investmentfirmen, das Brexit-Votum habe der britischen Wettbewerbsfähigkeit bereits geschadet.3

Bislang profitieren die Asset Manager, wie andere Finanzdienstleister auch, von den EU-Passporting-Rechten, die bei einem „No Deal“ gefährdet sind (s. hierzu auch den Beitrag von Olivier Carré, PwC, auf FondsTrends).4 Derzeit nutzen 244 britische Asset Manager das Passporting, um ihre Produkte in Europa ohne Hürden anzubieten. Im Gegenzug haben 139 EU-Mitgliedsunternehmen einen „Inbound Passport“ für den Vertrieb in Großbritannien.5 Dass britische Finanzmarktteilnehmer bei einem „No Deal“-Szenario wirklich den Zugang zum EU-Markt verlieren würden, hatte der Chef der europäischen Wertpapieraufsicht ESMA, Steven Maijoor, erst kürzlich in Dublin unmissverständlich klar gemacht.6

67 Prozent der britischen CFA-Mitgliedsfirmen gehen davon aus, dass sie wegen des Brexits ihre Präsenz im Vereinigten Königreich reduzieren werden – von den Unternehmen aus der gesamten EU (ohne UK) äußerten das in der Umfrage sogar 76 Prozent. Als größten Verlierer eines Brexits ohne Vereinbarung sehen über vier Fünftel (85 Prozent) den Finanzplatz London. Als Brexit-Gewinner hingegen gelten Frankfurt, Paris, Dublin, Luxemburg und Amsterdam.7

Ein Umzug der Finanzdienstleister im großen Stil würde empfindliche Auswirkungen auf die Arbeitsmärkte in London, Edinburgh oder Bristol haben. Immerhin stammen zehn Prozent der rund 94.000 Beschäftigten in der britischen Fondsbranche aus Europa.8 Wie kommt es also, dass trotz des Damoklesschwerts Brexit bislang viel weniger Arbeitsplätze ins Ausland verlagert worden sind, als noch vor zwei Jahren befürchtet?

"Gerade kleine britische Asset Manager ohne internationale Präsenz sollten signalisieren: ‚We‘re still open for business!‘"
 

Wann kommen die Umzugswagen?

Damals, im März 2017, kaum neun Monate nach dem Referendum, hatten die Vertreter von Banken, Versicherern und Fondsgesellschaften mit dem Abzug von bis zu 10.000 Jobs, vorrangig aus London, gedroht (s. Infografik 1). Doch laut einer wiederkehrenden Untersuchung der Nachrichtenagentur Reuters sind brexitbedingt bis dato weniger als 2.000 Stellen aus Großbritannien verlagert worden (s. Infografik 2).9

Verfolgt man die britische Presse, dann sind die Gründe für dieses Zögern nicht eindeutig. Liegt es daran, dass die Austrittsverhandlungen auch fast drei Jahre nach dem Referendum noch immer keinen Aufschluss darüber geben, wohin die Reise gehen wird? Scheuen sich CEOs und ihre Vorstandskollegen davor, eine folgenschwere, teure Entscheidung zu treffen? Oder fällt es vielen Asset Managern und Bankern schwer, ihren Familien einen Umzug nach Frankfurt, Paris oder Amsterdam schmackhaft zu machen? Manche Institute sind angeblich bereits dazu übergegangen, ihren Mitarbeitern großzügige Kompensationen anzubieten, wenn sie in einen EU-Staat wechseln.10

Die Ruhe vor dem Sturm darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem die großen Institute ihre Notfallpläne abgeschlossen, Büros in EU-Staaten angemietet und die notwendigen Genehmigungen bei den dortigen Aufsichtsbehörden beantragt haben. So wollen nach Informationen der Financial Times die britischen Asset Manager Columbia Threadneedle, Janus Henderson, Jupiter Asset Management und M&G ihre Niederlassungen in Luxemburg auf- oder ausbauen.11 Die Central Bank of Ireland hatte Ende Januar mehr als 100 Anträge umzugswilliger britischer Finanzinstitute vorliegen.12

Infografik 1: Noch im März 2017 drohten 10.000 Jobs der britischen Finanzindustrie verlagert zu werden; Quelle: Gerle Financial Communications


Infografik 2: Laut der Nachrichtenagentur Reuters sind hingegen bis März 2019 weniger als 2.000 Stellen wegen des drohenden Brexit verlagert worden; Quelle: Gerle Financial Communications
 

Kunden, Assets und der gute Ruf stehen auf dem Spiel

Besonders hart treffen würde ein „No Deal“-Brexit vor allem britische Investmentboutiquen und spezialisierte Asset Manager, die zwar Kunden auf dem europäischen Festland haben, dort aber bislang noch keine eigene Niederlassung betreiben.

Für manche dieser Spezialisten ist ein Umzug zu teuer oder zu aufwändig. Andere fürchten den administrativen Aufwand, der mit Zulassung und Vertrieb ihrer Produkte als UCITS-Fonds verbunden ist. Und der eine oder andere hofft wohl immer noch, mit einem blauen Brexit-Auge davonzukommen. Doch ein solches Aussitzen kann kleinere Unternehmen viel teurer kommen – für sie stehen Kunden, Assets und ihr guter Ruf auf dem Spiel.

Eine aktive Herangehensweise, die auch professionelle Hilfe beim Vertrieb in der EU nicht ausschließt, sowie offene und ehrliche Kommunikation sollten spätestens in dieser kritischen Phase der Brexit-Verhandlungen Vorrang haben. Letztendlich geht es besonders für kleinere UK-Manager darum, ihren Mitarbeitern, Kunden und Geschäftspartnern trotz Brexit zu signalisieren: „We’re still open for business!“


1) Quelle: Artikel dpn, 18. Feb. 2019: „Keine Angst vorm Brexit“, 4. Absatz nach Zwischenüberschrift „Herausforderungen: Margendruck und Technisierung“.
2) Quelle: Info Chart The Investment Association, Dez. 2017: “Asset Management in the UK”.
3) Quelle: CFA-Pressemeldung, 21. März 2018: ”Latest CFA Institute Brexit Barometer”, 3. Absatz.
4) Quelle: Beitrag auf FondsTrends, 25. Feb. 2019: „Das Vereinigte Königreich und Luxemburg nach dem BREXIT“.
5) Quelle: White paper The Investment Association, Juni 2018: “Beyond Brexit”, S. 24.
6) Quelle: Meldung Pensions & Investments, 14. Feb. 2019: ʺUK investors will lose EU market access in no-deal Brexit”.
7) Quelle: CFA-Pressemeldung, 21. März 2018: ”Latest CFA Institute Brexit Barometer”, 5. Absatz.
8) Quelle: White paper The Investment Association, Juni 2018:  “Beyond Brexit”, S. 26.
9) Quelle: Reuters Business Report, 6. Feb. 2019: “Brexit and the City”.
10) Quelle: Financial News, 25. Feb. 2019: “Banks tempt London staff to EU with Brexit sweeteners”.
11) Quelle: Financial Times, 16. Juni 2018: “Brexit contingencies: asset managers put plans into action”.
12) Quelle: Reuters, 31. Jan. 2019: “Irish Central Bank clears over half of Brexit applications”.

Der Beitrag erschien zuerst auf fondstrends.lu.

Hagen Gerle

Hagen Gerle ist Spezialist für die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit von Unternehmen aus der Finanzbranche. Der gelernte Tageszeitungsredakteur und ehemalige Kommunikationsmanager von Fidelity Investments berät seit 1994 vorrangig ausländische Fondsgesellschaften. 2002 gründete er sein eigenes Beratungsunternehmen in Frankfurt/Main: Gerle Financial Communications bietet Kunden strategische Beratung, Medienarbeit, Investment writing und Erstellung von Unternehmenspublikationen. 2011 siedelte Hagen Gerle mit Familie und Geschäft in den Südwesten Englands um, von wo er Finanzunternehmen in verschiedenen Ländern betreut.

Der Vermögensverwalter von heute: auch verantwortlich für Anlegervertrauen

Die Herausforderungen für den Vermögensverwalter sind höher als je zuvor: Kostendruck und die Geschwindigkeit technologischer Veränderungen sowie neuer Regularien definieren das Umfeld, so Steffi Schenkewitz, Senior Manager bei KPMG Luxemburg.

Als wenn das nicht schon genug wäre, so ist noch ein weiteres Wettbewerbsfeld hinzugekommen: der Kampf um das Vertrauen der Anleger.

Vertrauensvolle Geschäftsbeziehungen sind insbesondere in der Vermögensverwaltungsbranche von Bedeutung. Ob direkt mit dem Kunden oder über Vermittler: Die Vertrauensbeziehung zwischen Anleger und Vermögensverwalter ist entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg auf beiden Seiten.

Eine sich wandelnde Branche

Die Vermögensverwaltung zielte bisher hauptsächlich auf vermögende Privatpersonen ab, die oft Private Banker an ihrer Seite hatten. Dementsprechend passten Fondshäuser ihre Arbeitsweisen, Kostenstrukturen und Marketingmaßnahmen an diese Kundengruppe an und schufen damit eine Branche, die eher im B2B-Bereich angesiedelt war.

Die digitale Transformation hat jedoch zeitgleich in vielerlei Hinsicht eine Revolution der Denkweise ermöglicht bzw. ausgelöst. Eintrittsbarrieren wurden in vielen Bereichen gesenkt, angefangen bei Autoren, die E-Books selbst veröffentlichen, bis hin zu Unternehmern, die digitale Geschäfte einfach ins Leben rufen. Das Anlagegeschäft ist hier keine Ausnahme: Mit einem Markt für Investoren, die weniger Geld investieren wollen (zwischen 1.000 € und 100.000 €), haben Robo-Advisor und Social-Trading-Plattformen an Fahrt gewonnen, indem sie ihre Anleger direkt mit dem verbinden, was sie suchen. Für die Nutzer wird die so gewonnene Form der Selbstbestimmung lebendig, sei es, wenn sie ein Buch selbst veröffentlichen, ein Unternehmen gründen oder in einen Fonds direkt investieren.

Dementsprechend erkennen Vermögensverwalter jetzt, dass es um die Befähigung und Zufriedenheit der Anleger geht. Einige Fondsmanager versuchen sogar, ihre Vermittler zu umgehen, um die Kundenbeziehung direkt zu pflegen und noch mehr zu vereinfachen. Wie auch immer die Taktik aussieht, die Wahrheit ist, dass ein Markt für maßgeschneiderte Dienstleistungen und personalisierte Investitionen entstanden ist. Die Anleger verstehen nicht oder wollen nicht verstehen, warum der Kauf eines Fonds anders und komplizierter sein sollte als ihr Einkauf bei Amazon. Es liegt nun also an den Fondshäusern, diesen Erwartungen zu entsprechen und relevante Lösungen zu bieten, um damit durchweg positive Erfahrungen bei den Anlegern zu schaffen.

Tricks und Techniken

Im Mittelpunkt des Anlegervertrauens steht die sogenannte Investor Journey („die Reise des Anlegers“), ein Weg mit vielen Interaktionen und Kontaktpunkte zwischen dem Vermögensverwalter und dem Anleger. Bei einem Robo-Advisor läuft diese Reise vollständig über eine klare und digitale Plattform ab: Ein Algorithmus liefert den Anlegern maßgeschneiderte Portfolios, sie erhalten 24-Stunden-Zugang, Telefon- und Tablet-Apps und vieles mehr. Andere Startups haben sich auf das Onboarding von Kunden fokussiert – ein Schlüsselmoment auf der Reise des Anlegers. Dabei wird der traditionelle Ansatz der Kundenannahme vollständig aufgegeben und durch einen technologie-basierten Ablauf ersetzt. Sogenannte Neobanks verstehen sich in diesem neuen Ansatz und bieten eine äußerst einfache Onboarding-Erfahrung für Kunden.

Letztendlich sollte die Reise für den Anleger unkompliziert sein, auch wenn im Hintergrund eher komplexe und vielschichtige Prozesse ablaufen. Einige der komplexen Faktoren, wie etwa regulatorische Anforderungen, können sogar in erfreuliche Erfahrungen umgewandelt werden: intelligente Fragebögen erlauben beispielsweise einen spielerischen Weg zur Einhaltung der MiFID-Regeln.

Insgesamt geht es darum, den Endkunden zu verstehen, zu bedienen und so sein Vertrauen zu gewinnen. Anstatt ihm zu sagen, welche Fonds am besten für ihn sind, werden Anlagen personalisiert und auf einer einfach zu bedienenden Plattform mit minimalen administrativen Hürden angeboten. Nicht zu vergessen: die Transparenz – ein weiterer Faktor, den Kunden sehr schätzen. Fondsmanager versuchen als Antwort darauf, eine stärkere und transparentere Verbindung zwischen der Fondsgesellschaft und dem Anleger aufzubauen. Sie arbeiten an neuen internen Strukturen und Prozessen, um die nachgelagerten Stellen innerhalb der Fondsgesellschaft auf das Bewusstsein für die Anleger und deren Erwartungen zu fokussieren. So können Fondsgesellschaften die Art und Weise, wie all ihre Mitarbeiter das Markenversprechen einhalten und umsetzen, verbessern.

Ausblick in die Zukunft

Aber was bedeuten diese Veränderungen für die Fondsmanager von heute? In erster Linie bieten sich große Möglichkeiten für die Zusammenarbeit. Vor ein paar Jahren noch schürten neue digitale und regulatorische Trends Ängste. Heutzutage werden sie als nützliche Mittel angesehen, um mit Kunden auf wirksame Art und Weise zu interagieren.

Interessante und kreative FinTechs stehen für jeden Teil der Wertschöpfungskette zur Verfügung. Was also bleibt, um auch in Zukunft wettbewerbsfähig zu sein und das Vertrauen des Anlegers von morgen zu gewinnen, ist neben strategischen Partnerschaften auch das Markenversprechen konsequent umzusetzen, positive Erfahrungen für Anleger zu schaffen und sich an dessen Bedürfnisse permanent anzupassen.


Der Beitrag erschien zuerst auf fondstrends.lu.

Steffi Schenkewitz

Steffi Schenkewitz ist Senior Manager bei KPMG Luxemburg. Sie hat mehr als zehn Jahre Erfahrung in der Prüfung von Banken und Investmentfonds bzw. Fondsgesellschaften gesammelt. Seit drei Jahren ist sie in einer überfunktionalen Rolle tätig und begleitet firmenübergreifende Projekte im Bereich Marktauftritt, Business Development und Markteintrittsstrategien.