Interview - „Für die derzeitigen geopolitischen Risiken reagieren die Märkte zu wenig“

Peter Doherty investiert als Fonds-Manager des Tideway UCITS Global Navigator Fund in Anleihen von Banken und Versicherungen sowie von Versorgern und Infrastrukturunternehmen. Angsichts der geopolitischen und finanzpolitischen Verwerfungen findet er die Märkte ruhig – zu ruhig. Er setzt lieber auf Absicherung, wie er im altii-Interview verrät. 

altii: Herr Doherty, die geopolitischen Risiken sind in den vergangenen Monaten kräftig gestiegen. Die Konflikte im Nahen und Mittleren Osten sowie in der Ukraine mögen hier nur als Beispiel dienen. Wie haben die Anleihenmärkte reagiert?
Peter Doherty: Ich bin sehr überrascht, dass die Märkte so ruhig darauf reagiert haben und die geopolitischen Risiken so leicht zu nehmen scheinen. Für die derzeitigen Risiken reagieren die Märkte meiner Meinung nach zu wenig. Ein weiterer Effekt ist, dass das Timing für Zinserhöhungen in den USA und UK ein wenig nach hinten geschoben wird. Das heißt, dass die niedrigen Zinsen für Staatsanleihen, der risikofreie Zins, weiter dauerhaft niedrig bleiben werden. 

altii: Ihr Fonds investiert in Anleihen von Banken, Versicherungen und Versorger / Infrastrukturunternehmen. Spüren Sie in diesen Segmenten irgendwelche Auswirkungen?Doherty: Uns sorgt viel mehr das schlechte Betragen der Banken. Schauen Sie auf die ganzen Manipulationen bei der Preissetzung von bestimmten Assets – ob es sich um das Gold-Fixing handelt, die Preisfeststellung bei Währungen oder anderen Edelmetallen wie Silber. Was mich nervös stimmt, sind die großen und wiederholten rechtlichen Auseinandersetzungen, denen die Banken ausgesetzt sind. Aus diesem Grund habe ich gegenüber dem Vorjahr mein Exposure gegenüber Bankanleihen stark heruntergefahren. Dafür habe ich mehr Versicherungsanleihen ins Portfolio genommen.

Wenn jede Bank die Stresstests besteht wird es heißen, dass der Test zu lasch war

altii: In einem früheren Interview anlässlich eines Vortrages auf dem 109. Hedgework-Event im Oktober 2013 gaben Sie noch zu Protokoll, dass Sie gerne in systemrelevante Finanzinstitute investieren. Neben den ganzen rechtlichen Unwägbarkeiten, die Sie bereits angesprochen hatten, stehen nun auch noch der Stresstest der EZB bevor und auch einer der Europäischen Bankenaufsicht EBA. Was erwarten Sie?
Doherty: Nun, wenn jede Bank die Stresstests besteht wird es heißen, dass der Test zu lasch war. Wenn zu viele durchfallen, dann reden wieder alle davon, dass wir eine Systemkrise haben. Ich denke, das Ergebnis wird irgendwo in der Mitte liegen. Das Positive an dem Test liegt für Investoren darin, dass wir einheitliche Risikobewertungen über alle Banken und ihre risikobehafteten Assets haben werden.         

altii: Unabhängig von den aktuellen geopolitischen Entwicklungen und den Stresstests droht ja auch noch das Damoklesschwert der Zinserhöhungen über den Anleihenmärkten. Im Interview im November 2013 sagten Sie, dass Sie 2014 keine großen Bewegungen erwarten würden. Bleiben Sie bei dieser Meinung?
Doherty: Ich bleibe dabei. Ich erwarte für 2014 keine großen Anstrengungen bei der Erhöhung der Zinsen. Wir werden zwar einige Bemühungen sehen, die Zinssätze etwas nach oben zu bekommen. Aber ich fürchte, dass die Zinssteigerungen gar nicht diese Auswirkungen auf die Realwirtschaft haben werden, wie sie einige erwarten.

Das Zurückfahren der FED-Bilanz wird Opfer fordern

altii: Wie bewerten Sie die Politik der EZB?
Doherty: Die EZB versucht sowohl die Banken zu stärken als auch ihr Kreditvergabeverhalten zu stimulieren, insbesondere in Süd- und Mitteleuropa. Aber trotz der Tatsache, dass die Zinssätze für Banken so niedrig sind kann man nicht feststellen, dass Kredite für Kreditnehmer billiger geworden wären oder sie leichteren Zugang zu solchen Krediten hätten. Insbesondere im Süden Europas kann ich da noch keinen wirklichen Erfolg sehen.

altii: Und wie bewerten Sie die Politik der FED?
Doherty: Ich warte noch auf den großen Schmerz, der da kommen wird. Ich bin sehr skeptisch, dass das Zurückfahren der FED-Bilanz keine Opfer fordern wird.

altii: Kommen wir zu Ihrem Fonds, dem Tideway UCITS Global Navigator Fund, der im November drei Jahre alt wird. Wie kommentieren Sie diese ersten drei Jahre?
Doherty: Es waren erfolgreiche drei Jahre. Wir haben alle unsere Ziele erreicht und zum Teil sogar übertroffen, zum Beispiel was die niedrige Volatilität anbetrifft und auch das Ziel bezüglich des Maximum Drawdown. Wir haben auch viel gelernt in dieser interessanten Zeit, insbesondere wie man die richtigen Anleihen auswählt, wie wichtig gutes Risikomanagement ist und wie stabile Renditen erreicht werden können.

altii: 2012 hat Ihr Fonds mit einem Plus von 23,48 Prozent Aufmerksamkeit erregt. Wie kam es zu diesem hohen Ertrag?
Doherty: 2012 war ein Ausnahmejahr. Wir hatten eine sehr spezielle Situation mit einer generellen Neubewertung der Risiken von Banken und Versicherungsunternehmen und deren Assets, insbesondere der nachrangigen Titel. Das hat zu diesem einmaligen hohen Ertrag geführt.

Wir zahlen momentan richtig viel Geld für Absicherungen

altii: Im Jahr darauf, 2013, hat Ihr Fonds mit 6,59 Prozent Plus abgeschlossen und damit im Zielkorridor, der bei sechs bis acht Prozent liegt. Sind Sie mit diesem Ergebnis zufrieden?
Doherty: Wir sind mit diesem Ergebnis sehr zufrieden. Das Jahr hat sehr herausfordernd angefangen. Denken Sie nur an die Tapering-Rede von Ben Bernanke und die Turbulenzen, die danach an den Finanzmärkten aufgetreten sind. Aber wir haben ein sehr gutes Risikomanagement gezeigt. Wir haben früh die Assets mit den meisten Risiken aus dem Portfolio genommen. Und dann hatten wir noch ein sehr starkes Schlussquartal, so dass wir alle unsere Ziele erfüllen konnten und auch weit vor unseren Wettbewerbern landeten.

altii: Im laufenden Jahr haben Sie bislang 3,65, Prozent (Ende Juni) erzielt. Das schaut ganz danach aus, als würden Sie auch in diesem Jahr Ihren Zielkorridor erreichen?
Doherty: Das hoffen wir sehr! Es wird aber ein sehr schweres zweites Halbjahr geben, weil die Märkte weitgehend alles eingepreist haben und die Zeit für Zinsanstiege immer näher rückt.

altii: Ihr Fonds arbeitet auch mit Hedging auf der Makro-Ebene. Welche Absicherungen sind Sie derzeit eingegangen?
Doherty: Wir zahlen momentan richtig viel Geld für Absicherungen. Ich bin short auf der Aktienmarktseite, insbesondere FTSE und S&P. Und ich habe insgesamt eine negative Duration auf der Anleihenseite bei den 10-jährigen UK-Bonds über Shorts. Angesichts der geopolitischen Risiken halte ich es für möglich, dass plötzlich eine Neubewertung der Assets einsetzt. Wenn wir das noch vor dem Hintergrund möglicher steigender Zinsen in den USA und IK sehen, fühlen wir uns mit der Absicherung wohl. Auch, wenn sie momentan Rendite kostet. 

 

Peter Doherty
Ist Partner und Chief Investment Officer bei Tideway Investment Partners LLP, einem in London ansässigen Vermögensverwalter. Das Unternehmen wurde im Jahr 2009 gegründet und hat sich auf festverzinsliche Anlagen sowie Währungen (Overlay-Strategie) unter makroökonomischen Gesichtspunkten spezialisiert.

 

Tideway Investment Partners LLP
ist ein in London ansässiger Vermögensverwalter unter Aufsicht der englischen Finanzaufsichtsbehörde FSA (Financial Services Authority). Das Unternehmen wurde im Jahr 2009 gegründet und hat sich auf festverzinsliche Anlagen sowie Währungen (Overlay-Strategie) unter makroökonomischen Gesichtspunkten spezialisiert.