Nachhaltige Investments: Schwellenländeranleihen und ESG

Warum Anleger in Schwellenländer-Staatsanleihen auf Umwelt, soziale Belange und Unternehmensführung achten sollten, erklärt Mary-Therese Barton, Head of Emerging Market Debt bei Pictet Asset Management.

Die in den sozialen Medien kursierenden Bilder von Bergen nahezu wertloser Geldscheine in Simbabwe oder Venezuela, mit denen die Bevölkerung Grundnahrungsmittel wie Brot und Fleisch bezahlt, sind eine Warnung, wie wichtig eine richtige Führung für die Volkswirtschaften der Schwellenländer ist. Aber zu versuchen, Hinweise auszumachen, die darauf hindeuten, wie sich die Bedingungen verändern, sei es zum Guten oder zum Schlechten, ist schwer.

Was die Sache noch komplizierter macht, sind die sozialen und ökologischen Dimensionen, die bei der Entscheidung für oder gegen ein Investment eine gleichermassen kritische Rolle spielen. Die Abholzung in Haiti und der Arabische Frühling zum Beispiel hatten dramatische Folgen und mündeten in einer Währungsabwertung.

GUTES TUN LOHNT SICH

Performance von Schwellenländer-Staatsanleihen, nach ESG-Punktzahl von 1-100*, umbasiert zum 27.12.2017 = 100.

* Ohne Emittenten mit Punktzahl unter 20
Quelle: Pictet Asset Management, JP Morgan. Daten vom 31.10.2018.

In der Vergangenheit hatten Anleger jedoch grosse Probleme, ESG-Merkmale von Ländern übergeordnet oder systematisch miteinander in Verbindung zu bringen, vor allem an den Anleihemärkten.

Ein Grund, warum Anleger in Staatsanleihen viel länger als beispielsweise Aktienanleger brauchten, um die Bedeutung von ESG zu erkennen, ist der relative Mangel an brauchbaren Informationen. ESG-Faktoren werden auf Unternehmensebene zunehmend quantifiziert und bei Aktien- und Anleihen-Investments einbezogen. Viel weniger erforscht ist allerdings, inwieweit diese Überlegungen die Bonität von staatlichen Emittenten beeinflussen.

Mittlerweile reagieren Beratungsunternehmen und Ratingagenturen auf die wachsende Nachfrage nach ESG-Analysen für Staatsanleihen. Und der Bedarf wird weiter zunehmen, weil die Anleger einen direkten Zusammenhang zwischen dem Abschneiden staatlicher Emittenten bei verschiedenen ESG-Kriterien und der Performance ihrer Anleihen sehen. Es gibt beispielsweise immer mehr Belege, dass eine Korrelation zwischen guter Staatsführung und niedrigerem staatlichem Ausfallrisiko und den Spreads besteht1. Einer anderen Studie zufolge, die vor kurzem veröffentlicht wurde, ist der durchschnittliche Schuldendienst von Schwellenländern infolge des Klimawandels um 117 Basispunkte gestiegen, während diejenigen, die in soziale Entwicklung investierten, die Kosten um 67 Basispunkte senken konnten2.

Informationsbedarf

Ratings von Agenturen können helfen, sind aber kein Wundermittel – länderbezogene ESG-Analysen sind keine Blackbox, die eindeutige Antworten ausspuckt. Zum einen verändern sich einige ESG-Kennzahlen nicht stark oder oft. Zum anderen können diese Faktoren unterschiedliche Effekte auf Volkswirtschaften haben. Das soll heissen, dass einige relevanter sind als andere – alles hängt von den besonderen Gegebenheiten eines Landes ab. Es bedarf daher eines nuancierteren Ansatzes bei der Integration von ESG-Kriterien in traditionellere Kennzahlen.

“Am sinnvollsten für ESG-Investments ist sicherlich ein branchenweiter Ansatz.”

Da sich ESG-Faktoren in der Regel über längere Zeiträume entwickeln, erfordert ihre Berücksichtigung bei der Portfoliozusammenstellung ein langfristiges Engagement seitens des investierenden Akteurs. Dazu gehört unter anderem der direkte Kontakt mit staatlichen Emittenten – ständiger Dialog mit Finanzministerien in Form von persönlichen Gesprächen, schriftlicher Kommunikation, gezielten Fragebögen und ESG-bezogenen Fragen bei Roadshows. Dieser Kontakt kann sogar so weit gehen, dass Staatsbedienstete in Sachen ESG und dessen Bedeutung geschult werden.

Entwicklung eines Modells

Ein Ansatz besteht darin, ESG-Faktoren in Länderrisikomodelle einzubeziehen. Wir greifen auf eine Fülle von ESG-Daten aus externen und internen Quellen zurück , die dann eine bestimmte Punktzahl für ein Land ergeben. Zu den von uns beobachteten Umweltfaktoren gehören Luftqualität, Anfälligkeit gegenüber Klimawandel, Abholzung und Wassermangel. Bei der sozialen Dimension spielen Bildung, Gesundheitswesen, Lebenserwartung und wissenschaftliche Forschung eine wichtige Rolle. Beim Kriterium der Staatsführung werden Aspekte wie Korruption, Wahlverfahren, Stabilität der Regierung, richterliche Unabhängigkeit und Recht auf Schutz der Privatsphäre berücksichtigt.

Diese Gesamtpunktzahl wird zu einer der sechs Säulen im Länderrisikoindex (CRI)-Ranking, das von unserem Economics Team erstellt wird.

Gemeinsames Engagement

Der sinnvollste Ansatz für ESG-Investments ist jedoch sicherlich ein branchenweiter. Staaten, die ihr ESG-Profil verbessern müssen, dürften ein stärkeres, stabileres Wachstum aufweisen und besser in der Lage sein, makroökonomischen Gegenwind auszuhalten. Insgesamt würde eine Verbesserung im Bereich ESG in den Schwellenländern die Trend-Performance der Anlageklasse – bzw. das Beta, wie die Experten sagen – beflügeln.

Der einzelne Portfoliomanager hat relativ wenig Einfluss, wenngleich es auch Beispiele gibt, wo sich staatliche Emittenten dem Druck durch Fondsmanager gebeugt haben. Das war z. B. der Fall, als wir Bedenken hinsichtlich der Bodenreformen in Südafrika äusserten.

UNIVERSELL

Vermögen der Investmentbranche mit ESG-Mandat gesamt, in Bio. US-$. Die unterbrochene Linie stellt Prognosen dar.

Quelle: Deutsche Bank

Die Branche insgesamt jedoch hat die nötige Durchsetzungskraft, um Staaten in die richtige Richtung zu lenken – rund 592 Mrd. US-$ der 8,311 Bio. US-$ an umlaufenden Staatsanleihen von Schwellenländern werden von Vermögensverwaltungsgesellschaften gehalten.

Investmentgesellschaften unternehmen bereits Schritte in diese Richtung. Beispielsweise hat die Initiative „UN Principles for Responsible Investment“ mit mehr als 1.800 Unterzeichnern aus der Branche, die ein Vermögen von mehr als 2,25 Bio. US-$ verwalten, vor kurzem eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen der Vermögensverwaltungsbranche und staatlichen Kreditnehmern fördern soll. Die Zahl weiterer Brancheninitiativen wird immer grösser: Der Global Green Finance Council zum Beispiel hat es sich zum Ziel gesetzt, die Bemühungen der verschiedenen Branchenakteure zu koordinieren, um die Entwicklung von umweltverträglicher Finanzierung („Green Finance“) zu fördern.

Der Unterschied, auf den es ankommt

Nachhaltigkeit steht seit jeher im Mittelpunkt unseres Tuns. Das bedeutet konkret, dass wir ESG in alle unsere Investmentprozesse einbeziehen – nicht zuletzt bei unseren Strategien für Schwellenländeranleihen.

Wir stehen nicht nur in direktem Kontakt mit staatlichen Anleihenemittenten, sondern arbeiten auch mit anderen Unternehmen der Branche und multinationalen Einrichtungen zusammen. Ziel ist es, einen branchenweiten Ansatz zu entwickeln, der die Regierungen dabei unterstützt, besser und umweltfreundlicher zu regieren und das zu tun, was für ihre Gesellschaften am besten ist. Weil dies der beste Weg ist, um das Wohlergehen der Menschen in den Schwellenländern zu verbessern – der sich nebenbei auch für unsere Anleger lohnt. Und weil es der richtige Weg ist.


1) Capelle-Blancard et al. „Environmental, Social and Governance (ESG) performance and sovereign bond spreads: an empirical analysis of OECD countries“, Ecole Polytechnique CNRS https://hal-polytechnique.archives-ouvertes.fr/hal-01401718/document 
2) „Climate Change and the Cost of Capital in Developing Countries: Assessing the impact of climate risks on sovereign borrowing costs. UN environment, Imperial College Business School, SOAS University of London

Über die Autorin

Mary-Therese Barton kam 2004 zu Pictet Asset Management und leitet den Bereich Emerging Debt. Bevor sie ihre jetzige Position im Jahr 2018 antrat, war sie Senior Investment Managerin im Team. Mary-Therese fing als Analystin für Schwellenländeranleihen an. Bevor sie zu Pictet kam, war sie bei Dun & Bradstreet als Ökonomin für die Analyse europäischer Länder zuständig. Mary-Therese Barton erwarb am Balliol College der Universität Oxford einen BA (Hon) in Philosophie, Politik- und Wirtschaftswissenschaften. Sie hat ausserdem einen MSc mit Auszeichnung in Finanzentwicklung vom Zentrum für Studien in Finanzmanagement, SOAS (School of Oriental and African Studies), Universität London. Zudem ist sie diplomierte Chartered Financial Analystin (CFA).

Über Pictet Asset Management 

Pictet Asset Management ist ein unabhängiger Vermögensverwalter mit einem verwalteten Vermögen von 163 Milliarden EUR, das wir für unsere Kunden in Aktien, Festverzinsliche, alternative Anlagen und Multi-Asset-Produkte investieren. Wir verwalten Einzelmandate und Anlagefonds für einige der größten Pensionsfonds, Finanzinstitute, Staatsfonds, Finanzintermediäre und deren Kunden weltweit. Bei unserem auf Anlagen basierenden Geschäft verfolgen wir einen langfristigen Ansatz mit einer einzigartigen Kundenorientierung. Unser Ziel ist es, der bevorzugte Anlagepartner unserer Kunden zu sein. Wir schenken ihnen unsere ungeteilte Aufmerksamkeit, bieten Pionier-Strategien und fühlen uns der Exzellenz verpflichtet.

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