Nachhaltigkeitsbewertung von Kohle

Der Wert und die Bedeutung, die Kohle vor allem in der Vergangenheit beigemessen wurden, finden sich nicht zuletzt in der synonymen Bezeichnung für Geld wieder. Ob allerdings auch in Zukunft viel „Kohle“ mit Kohle zu machen sein wird, kann bezweifelt werden, meint Wolfgang Pinner, Leiter SRI (Sustainable and Responsible Investment) bei Raiffeisen Capital Management. Den vollständigen Newsletter mit Case Studies finden Sie links als PDF oder unter www.rcm.at/nachhaltigkeit. Nachhaltigkeitsfonds von Raiffeisen Capital Management finden Sie im altii Produktbereich.

Der Hauptgrund der massiven Kritik an Kohle im Zusammenhang mit dem Klimawandel ist, dass sie im Wesentlichen aus Kohlenstoff besteht. Die Verbrennung ist daher mit vergleichsweise hohen CO2-Emissionen verbunden. Dazu kommen Schadstoffemissionen von Schwefeldioxid, Stickstoffoxiden und Feinstäuben. Die durch den Tagebau bei Braunkohle entstehenden Umweltschäden können nur durch Rekultivierungen beseitigt werden.

Der Beginn der „Divestment“-Idee geht bis in den Herbst 2010 zurück. Genau genommen stand am Anfang eine kleine studentische Initiative in den USA. Mittlerweile hat die Idee eines Abzugs von Investments aus Unternehmen, deren Geschäftsfeld in den Bereich der Förderung oder Verarbeitung fossiler Energieträger liegt, jedoch stark an Bedeutung gewonnen.

Eine Vielzahl institutioneller Investoren hat sich inzwischen dazu bekannt, vor dem Hintergrund des Kampfes gegen den Klimawandel Geldanlagen in betroffenen Unternehmen zu reduzieren, zu begrenzen oder gar völlig auszuschließen.

In diesem Zusammenhang ist auch eine finanzielle Argumentation für „Divestment“ zu erwähnen. Auf Basis von Berechnungen von McKinsey und Carbon Trust könnte eine Umsetzung des sogenannten „Zwei-Grad-Ziels“ mit umfangreichen Maßnahmen zur Reduktion der weltweiten CO2-Emissionen die Energiebranche massiv treffen und den Börsewert von fossilen Energiekonzernen um bis zu 30 bis 40 Prozent reduzieren. Hinter diesen Berechnungen steht die Annahme, dass ein Teil der Kohle-, Erdöl- und Erdgasreserven dieser Unternehmen nicht mehr genutzt – sprich verbrannt – werden und damit wertlos werden könnten.

Fossile Energieträger profitieren von einer nach wie vor gängigen eindimensionalen Kostenbetrachtung in der Energiewirtschaft. Das größte Problem rund um fossile Energieträger und ihre vermeintliche Wirtschaftlichkeit besteht nämlich in den mit ihrer Nutzung verbundenen Exertnalitäten. Unter Externalitäten, die auch als externe Effekte bezeichnet werden, versteht man Kosten und Nutzen, die nicht beim Verursacher, sondern bei Außenstehenden anfallen. Die „Wirkung am Markt vorbei“ führt dazu, dass diese Effekte nicht in den Marktpreisen reflektiert werden. Unter die negativen Externalitäten, also die Kosten des Verbrauchs von fossilen Energieträgern, fallen beispielsweise Gesundheitsschäden, Umweltverschmutzung und natürlich nicht zuletzt der Einfluss auf das Klima – der Beitrag zum Klimawandel.

Der Begriff der fossilen Energieträger umfasst im wesentlichen Steinkohle, Braunkohle, Torf, Erdgas und Erdöl. Genau genommen sind fossile Energieträger aus Biomasse entstandene Stoffe, die unter Luftabschluss von der Atmosphäre nicht verrotten konnten und auf diese Weise ihre chemische Energie behalten. Steinkohle wird überwiegend in Schächten, Braunkohle ohne großen technischen Aufwand im Tagebau gewonnen. Der Fokus bei der Verwendung von Kohle liegt in der Stromerzeugung via Dampfkraftwerke. Steinkohle ist Teil vieler Prozesse in der Stahlerzeugung.

In den letzten Jahrzehnten ist auf globaler Ebene eine Elektrifizierung des Energiekonsums zu beobachten. Aktuell werden rund 20 Prozent des Energieverbrauchs aus elektrischer Produktion gedeckt, was einer Verdoppelung gegenüber vor 40 Jahren entspricht. Über die nächten 20 Jahre könnte sich erneut eine Verdoppelung ergeben. Der Wirkungsgrad von Kohlekraftwerken liegt meist zwischen 35 und 45 Prozent, also deutlich unter dem Wert moderner Gaskraftwerke, die durchaus einen Wert von 55 Prozent erreichen können. Was die CO2-Emissionen einzelner Kraftwerkstypen betrifft, so liegen Kohlekraftwerke beim doppelten Ausstoß im Vergleich zu Gas.

Neben der CO2-Belastung ist auch auf die auf einer breiteren Definition basierende Umweltbelastung in der Stromerzeugung zu beachten. Dabei wird die Belastung der Umwelt von der Gewinnung bis zur Entsorgung der Rohstoffe betrachet. Neben dem CO2-Ausstoß werden in dieser Berechnung andere Emissionen, radioaktive Abfälle sowie Wasser- und Landverbrauch berücksichtigt. In einer eigenen Betrachtung speziell für Standorte in der Schweiz etwa schneiden Kohlekraftwerke im Vergleich zu anderen Energieträgern zwar relativ betrachtet besser ab, bleiben aber absolut sehr problematisch. Vor allem Kernkraftwerke weisen im Rahmen der breiteren Betrachtung deutlich höhere Belastungswerte auf als bei einer Analyse, die sich nur auf die CO2-Belastung beschränkt.

Nachhaltigkeitsbewertung

Das Umfeld für die Elektrizitätswirtschaft hat sich innerhalb der letzten Jahre massiv verändert. Neue gesetzliche Rahmenbedingungen, die Subventionierung verschiedener umweltschonender Technologien (erneuerbarer Energien) und zuletzt auch das Thmea „Fossil Divestment“ haben zu einer grundlegenden Änderung der Rahmenbedingungen geführt.

Im Zusammenhang mit dem Thema Kohle zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf die großen Versorgerunternehmen in den Industriestaaten ab, bei denen Potenzial für einen Teilausstieg oder völligen Ausstieg aus fossilen Energieträgern besteht.

  • Welche Implikationen hat das Thema „Fossil Divestment“ für Ihr Unternehmen? Besteht in Ihrem Unternehmen grundsätzlich die Bereitschaft, sich damit auseinanderzusetzen?
  • Sehen Sie die Dringlichkeit eines Rückzugs aus fossilen Energieträgern unterschiedlich, was Kohle, Erdgas und Erdöl betrifft?
  • Welche Maßnahmen könnte Ihr Unternehmen im Sinne einer „Fossil Divestment“-Strategie ins Auge fassen?
  • Glauben Sie daran, dass „Fossil Divestment“, COP 21 und andere Maßnahmen gegen den Klimawandel zu spürbaren Änderungen im Marktgefüge führen werden – mit Auswirkungen auf Marktpreise, Absatzbeschränkungen, der Forcierung neuer Technologien etc.?
  • In welchen neuen Technologien im Bereich Energie-/Elektrizitätsproduktion sehen Sie Potenziale für Ihr Unternehmen?

Die Antworten zeigen, dass sich die Branche aktuell bereits sehr intensiv mit dem Thema „Divestment“ aus fossilen Energieträgern auseinandersetzt. Dabei hängen die gewählten Ansätze und Strategien der Unternehmen sehr stark vom Umfeld des Landes – respektive der Region – ab, in dem oder der sie tätig sind. Deutsche Unternehmen etwa sind in ihrer Herangehensweise stark durch die „Energiewende“ geprägt, kanadische Unternehmen durch die reichlich vorhandenen Ressourcen an Erdgas.

Die Zukunftsfähigkeit für fossile Energieträger wird nur mit Abstrichen bejaht. Im Bereich der erneuerbaren Energien sieht man eine stufenweise Reduktion der – auch länderspezifisch unterschiedlichen – Subventionierungen und ein verstärkt marktorientiertes System.

Die Strategien der einzelnen Länder zur Erreichung der Klimaziele gemäß COP 21 sind für die Unternehmen ebenfalls bereits wesentliche Determinanten für ihre Strategie in Bezug auf CO2 und fossile Energieträger. Oft existieren Pläne darüber, welche Anlagen, die mit fossilen Energieträgern befeuert werden, vom Netz genommen werden sollen. Auf der anderen Seite führt die wachsende Bedeutung von nicht laufend zur Verfügung stehenden Kapazitäten im Bereich der erneuerbaren Energien zu Herausforderungen für die Energienetze einerseits und zu erhöhten Volatilitäten der Energiepreise andererseits. Hohe Einspeisungen aus Windenergieanlagen haben die Spotpreise für Strom in Europa in der jüngeren Vergangenheit sogar in den negativen Bereich fallen lassen.

Unternehmen wie die finnische Fortum sehen in Solar- und Windkraft, neuen Entwicklungszusammenarbeiten für zukunftsweisende Technologien sowie Investitionen in Produktivität und Effizienz auch Wachstumspotenziale für das eigene Unternehmen. Die fallenden Kosten einer technologisch mittlerweile gereiften erneuerbaren Energieproduktion aus Sonne und Wind haben diese Methoden strategisch interessanter gemacht. Neue Technologien – wie im Bereich der Energiespeicherung und Netztechnologie – und die Digitalisierung sind neben der Dekarbonarisierung die wesentlichsten Zukunftsthemen der Branche.

Einige Unternehmen setzen sich klare Ziele: Die italienische Enel will 2019 bereits 52 Prozent der Energieproduktion aus erneuerbaren Quellen erzielen, die diesbezügliche Latte bei der portugisischen EDP liegt bei 75 Prozent. Die mangelnde Bepreisung von COs wird von den Unternehmen als großes Manko betrachtet, der Zertifikate – basierte Emissionshandel sollte in seiner Effektivität von der Politik unterstützt werden.

Fazit: Die Nachhaltigkeitsfonds von Raiffeisen Capital Management sind derzeit weder in Kohleabbau tätigen Unternehmen noch in einem der im Rahmen des Engagementprozesses adressierten Unternehmen investiert.