Regionalität: Lokale Beschaffung im Lebensmittelhandel

Knoblauch aus China und Erdäpfel aus Ägypten sind nur zwei Beispiele aus dem täglichen Leben, die zeigen, wie stark vernetzt die internationalen Warenströme in den letzten Jahrzehnten geworden sind – auch was Lebensmittel betrifft. Die Idee dahinter: „Global Sourcing“ soll Produkte billiger machen und die Herstellung optimieren.

Im Gegensatz dazu kann lokale Beschaffung eine Antwort auf die übertriebene Komplexität der Lieferkette sein. Abhängig von der jeweiligen Branche kann „Local Sourcing“ verschiedene Risiken reduzieren helfen, auch wenn damit vielleicht zunächst höhere Kosten verbunden sind. Die Sinnhaftigkeit lokaler Beschaffung ist wohl am einfachsten erklärbar, wenn es um Nahrungsmittel geht.

Ein mit der lokalen Beschaffung verwandtes Thema ist die Saisonalität von Lebensmitteln. Frisches Obst und Gemüse wird das ganze Jahr über nachgefragt und konsumiert, unabhängig von der lokalen Ernte. Ein nicht an die lokale Produktion angepasster Konsum kann – wie die globale Beschaffung – zu erhöhten Umweltbelastungen durch die damit verbundene Transportintensität führen.

Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich die Branche Lebensmittelhandel genauer angesehen und den Unternehmen Fragen zu den Themen Regionalität und lokale Beschaffung gestellt. Den vollständigen Newsletter mit Case Studies finden Sie links als PDF oder unter www.rcm.at/nachhaltigkeit. Nachhaltigkeitsfonds von Raiffeisen Capital Management finden Sie im altii Produktbereich.

Lokale Beschaffung

Ein wichtiges Argument für die Globalisierung der Warenströme ist die Erwartung, dass mehr Handel und eine verstärkte Arbeitsteilung zu Wohlstandsgewinnen führen könnten. Arbeitsteiliges Wirtschaften und die – manchmal sehr kurzfristig orientierte – Kostenoptimierung der Prozesse haben aber nicht nur Vorteile. Es gibt auch negative Aspekte der Globalisierung wie die durch die Optimierung der Lieferkette hervorgerufene Absiedelung von ganzen Industrien oder Zulieferbetrieben und damit verbundene Arbeitsplatzverluste. Ebenso sind durch erhöhte Transportvolumina negative Umwelteffekte zu erwarten.

Für den Konsumenten bedeutet das, dass man ihm die Frage nach der tatsächlichen Herkunft von in mehreren Schritten hergestellten Waren kaum mehr beantworten kann. Rund um die Globalisierung und die Optimierung des Produktionsprozesses entstehen Phänomene wie Auslagerungen von Produktionsschritten oder der gesamten Herstellung und eine zunehmende Unübersichtlichkeit der Produktion. Zulieferer auf verschiedensten Ebenen erhöhen die Komplexität der Beschaffung spürbar.

Auch was die Herstellung von Nahrungsmitteln betrifft, ist eine zunehmende Komplexität der Lieferkette zu beobachten. Vorfälle wie der Pferdefleischskandal 2013 zeigen die umfangreichen Verflechtungen in der Beschaffungslogistik. Damals enthielten als Rindfleisch deklarierte Produkte Beigaben von Pferdefleisch. Das von einem französischen Nahrungsmittelunternehmen bezogene gehackte (vermeintliche) Rindfleisch wurde von einem ebenfalls französischen Handelsunternehmen erworben, welches das Fleisch von einem zypriotischen Händler bezogen hatte, der wiederum im Eigentum einer auf den British Virgin Islands ansässigen Gesellschaft stand.

Neben derartigen Beispielen für kaum mehr kontrollierbares Lieferketten-Management führen Auslagerungen von Produktionsprozessen aber auch zu weiteren Risiken. Denn die Entscheidung der Unternehmen, verstärkt auf die Alternative des Outsourcings zu setzen und die eigene Fertigung zu reduzieren, basiert auf der Annahme eines freien Warenverkehrs. Handelseinschränkungen wie durch Umweltkatastrophen – etwa den Vulkanausbruch des Eyjafjallajökull in Island 2010 oder das Tohoku-Erdbeben 2011 mit dem anschließenden Tsunami vor der Küste Japans – bzw. die aktuellen Diskussionen um Grenzkontrollen oder Grenzschließungen zeigen die potenzielle Verwundbarkeit des Systems.

Was frische Lebensmittel angeht, so treffen die aufgezählten Argumente und Kritikpunkte rund um die Länge und Ausgestaltung der Lieferketten ebenfalls zu. Der Unterschied besteht darin, dass eine direkte Konkurrenzierung vorliegt und nur bei verarbeiteten Lebensmitteln eine Lieferkette samt diversen Produktionsentscheidungen einzuhalten ist. Äpfel, Kartoffeln oder auch Fleisch können also direkt auf Basis ihrer Herkunft verglichen werden. Bereits vor einigen Jahren entschlossen sich daher etwa britische Supermärkte dazu, den CO2-Abdruck der Produkte in ihren Regalen zu kennzeichnen.

Lokale Beschaffung setzt im Gegensatz zu Global Sourcing auf den bevorzugten Kauf bei Lieferanten, die sich in geografischer Nähe des Unternehmens befinden. Verschiedenste Studien zeigen, dass Konsumenten, vor allem was Frischwaren betrifft, eine regionale Herkunft der Produkte vorziehen. Potenzielle Vorteile des Local Sourcings ergeben sich aus einem positiven Image-Effekt durch die Bevorzugung lokaler Anbieter und die Sicherung von Arbeitsplätzen mit den damit verbundenen gesellschaftlichen Vorteilen. Dazu kommen eine Risikoreduktion im Transport – wie im Fall einer Einschränkung des freien Warenverkehrs – sowie geringere Transportkosten. In vielen Fällen kann aufgrund höherer Standards vor Ort von einer im Vergleich zum Zukauf aus Billiglohnländern ökologisch vorteilhaften Herstellung ausgegangen werden. Auch die Produktqualität und die Produktsicherheit profitieren von lokal hohen Mindestlevels.

Aspekte wie eine unreife Ernte und Nachreife während des Transports unter Zuhilfenahme von Chemikalien können durch den Kauf lokaler Produkte vermieden werden.

Das Thema der nachhaltigen Produktionsweise hat zwar mit lokaler Beschaffung zunächst nichts zu tun. Überdurchschnittlich strenge gesetzliche Regelungen und Standards bezüglich nachhaltiger Faktoren schaffen aber eine gute Basis.

Nachhaltigkeitsbewertung

Wegen der zunehmenden Konzentration im Einzelhandel wächst die Bedeutung der großen Konzerne für das Thema Beschaffung immer mehr. Eine Orientierung maßgeblicher Player im Einzelhandel in Richtung Regionalität und lokale Beschaffung kann dem Thema weitere Unterstützung verleihen und helfen, Strukturen zu verändern.

Im Zusammenhang mit dem Thema Lieferkette und lokale Beschaffung zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management daher auf die großen Einzelhandelskonzerne ab.

  • Wie wichtig sind für Ihr Unternehmen die Themen Regionalität und lokale Beschaffung?
  • Bevorzugen Sie bei der Lieferantenauswahl gezielt regionale Anbieter?
  • Haben Sie für verschiedene Produktkategorien Lieferanten wegen der langen Beschaffungswege ausgeschlossen?
  • Geht Ihre Strategie bei frischen Lebensmitteln in Richtung eines saisonal orientierten Produktangebots oder wird bewusst die gesamte Produktpalette zu jeder Jahreszeit angeboten?
  • Fragen Kunden verstärkt Produkte aus regionaler Produktion nach, gibt es Kundenreaktionen bei Änderungen des Herkunftslandes?
  • Kritisieren Kunden verstärkt ein Sourcing aus offensichtlich nicht nachhaltigen Quellen (Knoblauch aus China etc.)?
  • Kennzeichnen Sie für den Kunden den ökologischen Fußabdruck, die CO2- Intensität der angebotenen Waren und Ähnliches?

Generell werden die Themen Regionalität und lokale Beschaffung vor allem von den europäischen Unternehmen als wichtig eingestuft. Metro gibt etwa an, dass bei einer Befragung 80 % der Kunden Regionalität als wichtig eingestuft haben. Die Bedeutung ist dabei allerdings von Produktkategorien abhängig. Die Nachfrage konzentriert sich auf Bereiche wie Obst, Gemüse, Fleisch, Wein, Bier oder Feinkost. Außerdem gilt, dass je preiswerter und schwerer das Produkt ist, desto wichtiger auch das Sourcing aus der Region genommen wird.

Die Einzelhandelskonzerne wälzen die Verantwortung für Themen wie Regionalität und lokale Beschaffung zum Teil auf ihre Lieferanten, etwa multinationale Konzerne, ab. Leider ist eine wirkliche Priorisierung von lokalen Lieferanten, beispielsweise im Fall von etwas höheren Einkaufspreisen, für Einzelhändler bisher kaum ein Thema. Auch der Ausschluss von Lieferanten wegen überlanger Transportwege wurde bis jetzt von keinem der befragten Unternehmen in Betracht gezogen. Einen interessanten Ansatz hat der britische Einzelhandelskonzern Tesco gewählt und einen so genannten „F-Plan“ entwickelt. Hinter diesem steht das Ziel kürzerer Transportwege („fewer miles“), geringerer Leerstandsraten („fuller containers, fuller pallets“) und eines reduzierten Kraftstoffverbrauchs („fuel economy“).

Generell besteht rund um das Thema der lokalen Beschaffung das Problem einer gewissen Unschärfe, da der Begriff der Regionalität nicht klar definiert ist. Der deutsche Einzelhandelskonzern Metro etwa zieht das Land als Basis heran und nicht die Region. Auch der australische Retailer Woolworth sieht die nationale Ebene im Vergleich zur regionalen als wichtiger an. Tesco markiert alle Produkte deutlich mit dem Herkunftsland.

Es gibt aber auch Faktoren, welche die Möglichkeit für den Einzelhandel, regional zuzukaufen, einschränken. Dazu zählt etwa die Problematik, dass kleine regionale Lieferanten die erforderlichen Qualitätssicherungsstandards zum Teil nicht erfüllen. Für die Auswahl der Zulieferer sind außerdem Liefersicherheit und die logistischen Voraussetzungen wichtige Themen.

Was die Nachfrageseite betrifft, erwarten nicht alle Kunden, dass die komplette Produktpalette über das gesamte Jahr hindurch angeboten wird. Gemäß Metro schwächt sich beispielsweise die Nachfrage nach Erdbeeren durch die Endkunden in den Wintermonaten deutlich ab. Die Gastronomie und viele Restaurantbetreiber hingegen ändern ihr Angebot zumeist nicht und fragen auch „exotische“ Produkte das gesamte Jahr über nach.