Vernetzte Welt

Industrie 4.0 Das Internet der Dinge (IdD) hält nicht nur im Wohnzimmer Einzug, sondern auch in den Fertigungsstraßen von Fabriken und generell in der Industrie. Von Alexandre Mouthon, Senior Product Specialist bei Pictet Asset Management:

Fast 30 cm groß und glänzendes blondes Haar – das sind die Markenzeichen der amerikanischen Kultpuppe Barbie, die erstmals im März 1959 auf der Spielwarenmesse in New York vorgestellt wurde. Fast sechzig Jahre später wird auf der gleichen Messe ein neuer Prototyp der Barbie präsentiert. Die Hello Barbie nutzt künstliche Intelligenz, um sich über Wireless LAN mit einem Cloud-Server zu verbinden. Dort stehen Antworten auf die von den Kindern gestellten Fragen zur Verfügung. Die Interaktion läuft über ein Mikrofon und einen Lautsprecher in der Halskette der Puppe. Die Hello Barbie ist nur ein Beispiel für das wachsende Universum des Internets der Dinge (IdD), das heißt miteinander vernetzter Geräte und Maschinen, basierend auf Cloud Computing und Netzwerksensoren.

NEUE GENERATION VON ROBOTERN

Das IdD wird zu einem immer größeren Teil unseres Lebens; wir verfügen nun über intelligente Kühlschränke, die uns benachrichtigen, wenn wir nicht mehr genug Milch haben, über tragbare Geräte, die persönliche Gesundheits- und Fitnessratschläge liefern, und sprachgesteuerte persönliche Assistenten mit künstlicher Intelligenz. Die Zahl vernetzter „Dinge“ könnte bis 2020 50 Mrd. erreichen, und der IdD-Markt wird sich Schätzungen zufolge bis zum Ende dieses Jahrzehnts auf 3,7 Bio. $ verdoppeln.

Bedeutende technologische Entwicklungen seit den 1960er Jahren

Quelle: Morgan Stanley Research, April 2014 

Doch das IdD bedeutet mehr als intelligente Häuser. Inzwischen weitet es sich auch auf Fabriken aus und leitet ein, was Experten die nächste industrielle Revolution oder Industrie 4.0 nennen. Es handelt sich um eine industrieumfassende Version des IdD, bei der eine neue Generation intelligenter Industrieroboter repetitive, anstrengende und zunehmend komplexe Aufgaben ohne menschliches Eingreifen ausführt. Zudem kommunizieren diese miteinander vernetzten Roboter untereinander – man spricht dann von M2M-(Machine-to-Machine-)Kommunikation. So hat beispielsweise der japanische Roboterhersteller Fanuc eine Technologie entwickelt, die jeweils das „Gehirn“ von über 400.000 seiner Industrieroboter miteinander vernetzt, sodass sie voneinander lernen und so die Performance der Fertigungsanlagen verbessern können.

BRANCHENÜBERGREIFEND

Der japanische Hersteller erklärt, dass sein M2M-Netzwerk durch die Zusammenarbeit mit Cisco, Rockwell Automation (US-Hersteller von Automatisierungslösungen für die industrielle Produktion) und Preferred Networks (Start-up-Unternehmen aus Tokio für maschinelles Lernen) die Effizienz der Produktionsanlagen verbessern und die Profitabilität der Fertigung steigern wird. Fanuc ist nicht allein – der deutsche Konkurrent Kuka etwa arbeitet mit dem chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei daran, seine Industrieroboter auf sehr ähnliche Art zu vernetzen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel – eine Verfechterin der Industrie 4.0 – lobte Kuka als Modell für Deutschlands industrielle Zukunft, als sie das Unternehmen im bayerischen Augsburg besuchte. “Hier ist ein wirklich spannendes Stück deutscher Produktion für die Industrie 4.0“, sagte sie. “Das müssen wir weiterentwickeln, wenn wir weiter vorne dranbleiben wollen.“ Die erste industrielle Revolution, die Mitte des 18. Jahrhunderts in Großbritannien begann, benötigte rund hundert Jahre, um sich auszubreiten und die von Menschen erledigte Arbeit in Europa schrittweise durch Maschinen zu ersetzen. Die Industrie 4.0 dürfte sich sehr viel schneller entwickeln als alle vorherigen Durchbrüche. Sie verändert die strategischen Prioritäten der Produzenten bereits jetzt grundlegend. Der deutsche Autobauer Audi plant, eine „intelligente Produktion“ zu entwickeln, bei der Mensch und Roboter voll integriert arbeiten, 3-D-Drucker komplexe Metallteile herstellen und Drohnen als Transportmittel für Lenkräder fungieren. Und sogar Autos, die pilotiert aus der Montagehalle fahren, gehören dazu.

NEUE HORIZONTE FÜR ANLEGER

“Die Automobilproduktion, wie wir sie heute kennen, wird es in Zukunft nicht mehr geben“, sagte Audi-Produktionsvorstand Prof. Dr. Hubert Waltl dem Magazin des Unternehmens. „Sie wird noch vernetzter, intelligenter und effizienter. Dabei bleiben unsere Mitarbeiter Treiber einer erfolgreichen Produktion. Neue Berufsgruppen wie zum Beispiel Netzwerkarchitekten werden verstärkt in unser Geschäftsfeld einziehen.“ Die Industrie 4.0 wird die Spielregeln verändern. Unternehmen stehen bereits unter Druck, alte Geschäftsmodelle zugunsten eines neuen Ansatzes aufzugeben. Die Produzenten werden die Früchte der Industrie 4.0 ernten. McKinsey erwartet, dass die Lagerhaltungskosten um bis zu 50% fallen werden, da die IdD-Geräte die Echtzeitverwaltung der Lagerbestände ermöglichen. Auch der Maschinenstillstand dürfte sich insgesamt halbieren, da Fabriken die Maschinen dank Informationen von IdD-Sensoren effizienter nutzen (vgl. Grafik 2).

So schafft die Industrie 4.0 Wert

Quelle: McKinsey, August 2016

Es werden neue und attraktive Anlagemöglichkeiten entstehen. Das Marktpotenzial ist groß. Das Beratungsunternehmen Accenture geht davon aus, dass die Industrie 4.0 bis 2030 mindestens 14 Bio. $ zur Weltwirtschaft beitragen dürfte, und der Berater PwC erwartet bis 2020 jedes Jahr Investitionen von mehr als 900 Mrd. $ in Technologien und Geschäfte in Verbindung mit der Industrie 4.0. Mehr als die Hälfte der großen weltweiten Unternehmen, die befragt wurden, rechnete mit einer Kapitalrendite innerhalb von zwei Jahren.


Über den Autor
Alexandre Mouthon kam 2012 zu Pictet Asset Management und ist Senior Product Specialist für Themenfonds. Er ist verantwortlich für die Strategien Security, Robotic, Digital, High Dividend und Global Megatrends Selection.

Pictet Asset Management ist seit über 20 Jahren ein Pionier im Bereich thematischer Anlagen. Wir erkannten das Potenzial thematischer Strategien bereits während der 1990er Jahre und gehörten zu den ersten Anlageverwaltern, die ein Biotech-Produkt anboten. Darauf folgte unsere Wasserstrategie, die nach wie vor eine der sehr wenigen Strategien ist, die dieser einzigartigen Ressource gewidmet sind und die noch immer vom ursprünglichen Investmentmanager verwaltet wird. Im Laufe der folgenden Jahre haben wir eine umfassende thematische Produktpalette aufgebaut, darunter Branchen wie Gesundheit, Holz und Robotik. Auf diese Weise haben unsere Investoren Zugriff auf eine beliebige Anzahl an Anlagemöglichkeiten, die die verschiedenen Megatrends repräsentieren.

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