Trotz des Brexit-Chaos können sich Investoren auf verschiedene Szenarien vorbereiten

Nachdem der Streit um das Brexit-Abkommen in Großbritannien eskaliert ist, musste sich die britische Premierministerin Theresa May im Parlament einer Abstimmung über ihr Amt als Chefin der konservativen Regierungspartei stellen. Zwar hat May das Misstrauensvotum überstanden, dennoch dürften sich die Diskussionen über den Austritts-Kurs Großbritanniens aus der Europäischen Union (EU) erneut verschärfen. „Statt sich auf Vorhersagen zu verlassen, sollten Anleger auf verschiedene Möglichkeiten für den bevorstehenden Brexit und deren Auswirkungen auf die Kapitalmärkte vorbereitet sein“, empfiehlt Hetal Mehta, Senior European Economist bei Legal & General Investment Management (LGIM).

Wahrscheinlichkeit für „weichen“ Brexit immer noch hoch

Es bestehe immer noch eine vergleichsweise hohe Wahrscheinlichkeit für einen „weichen“ Brexit, der einen geordneten Austritt aus der EU am 29. März 2019 vorsieht. Damit verbunden wäre eine gesicherte Übergangsphase, während der es keine wesentlichen Änderungen gibt. „Für die Wirtschaft hätte ein ‚weicher‘ Brexit ein trendhaftes Wachstum sowie einen eingeschränkten Arbeitsmarkt zur Folge. Diese Faktoren dürften es der britischen Notenbank Bank of England ermöglichen, eine schrittweise Zinserhöhung wieder aufzunehmen“, lautet Mehtas Prognose. Sollten sich in der nun anstehenden Diskussion die Anzeichen für einen „weichen“ EU-Austritt Großbritanniens im Rahmen eines Abkommens verdichten, dürfte dies die Aufwertung des britischen Pfunds nach sich ziehen.

Trotz der aktuellen Situation gilt ein „harter“ Brexit nach wie vor als unwahrscheinlich. Sollte dieser Fall jedoch eintreten, stünden die Regeln der Welthandelsorganisation zur Disposition. Zahlreiche Handelsstörungen und Verwirrungen wären die Folge. „Das Bruttoinlandsprodukt Großbritanniens könnte in einer Größenordnung von 2 bis 3 Prozent fallen. Zudem dürfte die Bank of England die Zinsen senken und erneut eine lockere Geldpolitik betreiben, um einer wahrscheinlichen Rezession entgegenzuwirken. Sowohl britische Staatsanleihen als auch das Pfund Sterling könnten in diesem Szenario stark fallen“, erläutert die Expertin.

Zweites Referendum steigert Chancen auf Verbleib in der EU

Sollte dagegen ein zweites Referendum stattfinden, steigen automatisch die Chancen, dass der Brexit nicht umgesetzt wird. Denn aktuellen Umfragen zufolge könnte eine erneute Abstimmung zu dem Ergebnis führen, dass Großbritannien in der EU verbleibt. Damit sollten sowohl die Renditen britischer Staatsanleihen als auch das Pfund Sterling steigen. Wie hoch dieser Anstieg ausfällt, dürfte davon abhängig sein, welche Partei die Regierungsverantwortung übernehmen wird. „Sollte bei einer Neuwahl des Parlaments die Labour-Partei gewinnen, werden die Renditen britischer Staatsanleihen relativ gesehen in die Höhe schnellen, weil der Markt eine höhere Wahrscheinlichkeit für eine expansivere Fiskalpolitik berücksichtigt. Das Pfund Sterling könnte geschwächt werden“, sagt Mehta.

Als sanftestes Ausstiegsszenario gelte ein Brexit im norwegischen Stil, der weiterhin den Zugang zum EU-Binnenmarkt bieten würde. Die Auswirkungen auf das Pfund Sterling und die Renditen der Staatsanleihen seien durchweg vorteilhaft. Der Weg zu diesem Ergebnis wäre jedoch kompliziert, und auch hier dürfte die regierende Partei Einfluss auf die Reaktion der Märkte haben. „Unter Berücksichtigung der Eintrittswahrscheinlichkeiten für verschiedene Szenarien könnte das britische Pfund rund 4 Prozent gegenüber dem US-Dollar zulegen. Zudem besteht Potenzial für einen Renditeanstieg britischer Staatsanleihen von rund 30 Basispunkten oder 0,30 Prozent“, fasst die Expertin zusammen.