Engagement – Verantwortung als Investor

von Wolfgang Pinner, Leiter Sustainable and Responsible Investment, Raiffeisen KAG.

Der aus dem Englischen stammende Begriff Engagement steht als Sammelbegriff für Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung. Er wird aber oft auch nur als Synonym für den Dialog mit Unternehmen verwendet. Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung haben das Ziel, alle Möglichkeiten und Rechte, die der Aktionär gegenüber dem investierten Unternehmen hat, zu nutzen. Man spricht auch von Active Ownership oder übersetzt von aktivem Aktionärstum.

Engagement ist auf verschiedenen Ebenen möglich, als Einzelengagement in Form von One-on-One-Gesprächen, als thematisches oder branchenbezogenes Engagement bei Schwerpunktthemen und als gemeinschaftliches Engagement über Plattformen. Jedenfalls bezeichnet Engagement den aktiven Dialog des Anlegers mit dem Unternehmen. Dieser kann über informelle Gespräche, die oft als Soft Engagement bezeichnet werden, über standardisierte Dialoge oder unter Ausnutzung formeller Kanäle in Form von Stimmrechtsausübung (Voting) bei Hauptversammlungen erfolgen. Welche Form des Engagements letztendlich die bessere Erfolgschance hat, hängt von der spezifischen Situation ab. Wenn die Variante des Soft Engagements und des bloßen Dialogs keine Früchte trägt, besteht noch die Möglichkeit durch Stimmrechtsausübung und Redebeiträge bei der Hauptversammlung publizitätswirksam auf das Unternehmen einzuwirken. Der Begriff Aktivismus steht für eine auf Öffentlichkeitswirksamkeit ausgerichtete Art des Engagements und wird unter anderem gerne von NGOs angewendet.

Engagement kann unterschiedlichen Zwecken dienen. Die traditionellen Fondsmanagerinnen und Fondsmanager der Raiffeisen KAG bedienen sich dieses Mittels gerne zur genaueren Einschätzung der finanziellen Situation und der Entwicklung der Unternehmen. Man könnte sagen, sie erhalten auf diese Weise einen Blick hinter die Kulissen. Aus nachhaltiger Perspektive dient Engagement zusätzlich der Überzeugungsarbeit bei Unternehmen im Sinne einer verbesserten Corporate Social Responsibility (CSR), also der unternehmerischen Gesellschaftsverantwortung oder verbesserten Nachhaltigkeit im jeweiligen Unternehmen selbst. Diese Verbesserung soll dem Unternehmen und damit letztendlich auch den Eigentümern nachhaltige Vorteile bringen, welche sich langfristig auch in einem verbesserten operativen Ergebnis widerspiegeln sollten.

Die Möglichkeiten der Beeinflussung von Unternehmen durch nachhaltig orientierte Investoren steigen mit dem Umfang derjenigen Mittel, die von verantwortungsvollen und nachhaltigen Investoren gehalten werden. Ein solcher Einfluss kann von erhöhter Transparenz über eine verstärkte Integration von Nachhaltigkeitsthemen bis hin zu einer Änderung der Unternehmensstrategie führen. Akademische Studien gehen davon aus, dass ab einem Anteil von 25 bis 33 %, wenn also etwa einem Viertel bis zu einem Drittel der Aktien des jeweiligen Unternehmens in den Händen nachhaltig investierender Investoren liegen, das Potenzial für eine starke Einflussnahme in Richtung verstärkter nachhaltiger Ausrichtung des Unternehmens gegeben ist – unabhängig von der Unternehmensgröße. Zusätzlich dazu können bereits Anregungen von kleinen Investoren dazu führen, dass ein Unternehmen eine weitere Kennzahl, wie beispielsweise den CO2-Ausstoß oder den Energieverbrauch, veröffentlicht und so mehr Transparenz schafft.

Eine der jüngsten Entwicklungen zum Thema Einfluss einer großen Investorengruppe lässt sich derzeit in der Schweiz beobachten. Eine von Swiss Sustainable Finance koordinierte Initiative soll dazu führen, dass Unternehmen im Bereich kontroverser Waffen aus bekannten Indizes von großen Anbietern wie MSCI, S&P und STOXX ausgeschlossen werden. Die Initiative hat in letzter Zeit enorm an Dynamik gewonnen, mittlerweile stehen mehr als 140 Asset-Manager, Vermögensverwalter und Vermögensdienstleister mit einem Volumen von 6,8 Billionen US-Dollar dahinter. Zum Zeitpunkt der Verfassung dieses Artikels gab es noch keine offiziellen Statements der Indexanbieter, das enorme Volumen lässt jedoch auf eine Umsetzung der Forderungen hoffen.

Unternehmensdialoge und Stimmrechtsausübung sind für die Raiffeisen KAG ein wesentlicher Bestandteil der Nachhaltigkeitsstrategie. Im Bereich der Unternehmensdialoge wird dabei zwischen proaktivem Engagement und reagierendem Engagement unterschieden. Der proaktive, konstruktive Dialog mit Unternehmen dient dazu, mögliche Risiken, vor allem bezogen auf die Dimensionen Umwelt, Gesellschaft und Corporate Governance (Environment, Social, Governance, kurz ESG) zu identifizieren. Durch das gezielte Ansprechen aktueller Entwicklungen – über die Schiene des reagierenden Dialogs – wird eine möglichst aktuelle Einschätzung des Unternehmens samt seinem Umfeld und potenzieller ESG-Risiken sichergestellt.

Unternehmensdialoge

Ausgangspunkt für Engagements auf Basis von Unternehmensdialogen sind bei der Raiffeisen KAG oft aktuelle Themen oder branchenübergreifende Kontroversen. Bei unseren Unternehmensdialogen gehen wir entweder alleine vor oder kooperieren mit anderen, gleichgesinnten Investoren (Collaborative Engagement). Dabei spielt das PRI-Clearinghouse der Vereinten Nationen eine wesentliche Rolle. Als Unterzeichner der Principles of Responsible Investment (PRI) nützen wir dieses Angebot der koordinierten Vorgehensweise.

Grundsätzlich unterscheiden wir zwischen drei Formen des Engagements via Unternehmensdialog:

  • Direkter Unternehmensdialog im Einzelgespräch oder im Rahmen von Group-Meetings – hier steht das Unternehmen und seine spezifische Nachhaltigkeitsleistung im Mittelpunkt.
  • Direkter Unternehmensdialog im Rahmen von Themen- oder Branchenresearch – hier stehen das Thema oder branchenspezifische Nachhaltigkeitsfaktoren im Fokus.
  • Direkter und indirekter Unternehmensdialog im Rahmen eines gemeinschaftlichen Engagement-Prozesses – dabei arbeiten wir mit anderen nachhaltigkeitsorientierten Investoren zusammen und adressieren einen Themenschwerpunkt auf breiter Basis. Die Themen werden in der Regel von PRI und deren Initiativen für Collaborative Engagement vorgegeben. Ein Unternehmen kann dabei entweder als Lead Investor oder als Supporting Investor agieren. Lead Investors bereiten den Unternehmensdialog im Detail auf und organisieren Kontakte zum Unternehmen, Supporting Investors sind in die Dialoge miteingebunden und unterstützen den Prozess zum Teil auch inhaltlich.

Weitere Informationen, speziell zu den Unternehmensdialogen von Raiffeisen Capital Management, finden Sie in der Ausgabe von Nachhaltig Investieren.