Nachhaltigkeitsbewertung von Textilien

Die Textilindustrie mit ihren Sweatshops gilt oft als Sinnbild für die Missachtung von Arbeitsrechten wie auch für die Auswüchse von Global Sourcing. Der Ruf nach fairen Produktionsweisen wird spätestens dann laut, wenn neue Enthüllungen über unmenschliche Arbeitsbedingungen von Beschäftigten in der Textilbranche publik werden. Der „Produktionsfaktor Mensch“ tritt in diesem Fall zumindest vorübergehend aus der Anonymität heraus.

Dass sich die Textilindustrie in Bezug auf Arbeitsrechtsverstöße und Kinderarbeit so oft in den Schlagzeilen wiederfindet, liegt an den prinzipiell recht einfachen Fertigungsprozessen. Geringe technologische Anforderungen und die unkomplizierte Verlagerung von Produktionen führen zu einem enormen Kostendruck und zu einem Wettlauf um die günstigsten Lohngefüge, bei dem sich Länder mit ihren Produktionsstätten regelrecht unterbieten.

Nur ein verschwindend geringer Anteil des Kaufpreises von Textilien landet letztlich in der Fertigung und bei den dort tätigen Beschäftigten. Vor allem teure Labels haben daher mit einem nicht zu unterschätzenden Reputationsrisiko zu kämpfen. Das Nachhaltigkeitsteam von Raiffeisen Capital Management hat sich einige Textilunternehmen genauer angesehen und Fragen rund um das Thema Arbeitsrechte in der Fertigung gestellt.

In der jüngste Ausgabe von "nachhaltig investieren", die unter der Federführung von Mag. Wolfgang Pinner, Leiter der Abteilung Nachhaltige Investments, erstellt wurde, beleuchtet das Team von Raiffeisen Capital Management die Nachhaltigkeitsbewertung von Textilien. Die vollständige Ausgabe einschließlich einer Case Study finden Sie links als PDF.

Textilien

Es ist kein Zufall, dass sich verschiedensten Analysen zufolge die meisten Verstöße gegen Arbeitsrechte in der Textilbranche ereignen. Denn bei der Textilindustrie handelt es sich um einen Sektor, der sich durch relativ einfache Fertigungsprozesse in Verbindung mit nur geringen technologischen Anforderungen auszeichnet. Zur Branche zählen vor allem traditionelle Bekleidungshersteller und Unternehmen, die Spezialisierungen in den Bereichen Sport, Leder oder Schmuck aufweisen. Der Absatz erfolgt meist über den Einzelhandel, zum Teil auch über eigene Geschäfte.

Die einfache Austauschbarkeit der Hersteller am untersten Ende der Wertschöpfungskette führt zu starkem Druck auf die Herstellungskosten, was wiederum beinharte Konkurrenz mit der Folge geringerer Löhne und sonstiger Aufwendungen in den Fabriken nach sich zieht. Dabei sind auch die Sicherheitsstandards ein großes Thema.

Dem Fabrikseinsturz in Sabhar / Bangladesch mit über 1100 Toten im Frühjahr 2013 gingen gravierende Sicherheitsmängel voraus. Eine Untersuchungskommission stellte grobe Fahrlässigkeit fest, zudem waren für den Bau des Hauses minderwertige Materialien verwendet worden, das Bauland war für ein mehrstöckiges Gebäude nicht geeignet gewesen. Als Folge des Unglücks unterzeichneten große europäische und US-amerikanische Textilfirmen außerdem das mit internationalen Gewerkschaftsdachverbänden sowie NGOs ausgehandelte „Abkommen zum Brand- und Gebäudeschutz in Bangladesch“.

Beschäftigt man sich mit dem Thema Arbeitsrechte im Detail, so ist es die ILO (International Labor Organisation), die so genannte Kernarbeitsnormen festgelegt hat. Damit verbunden ist das Ziel, dass diese Normen als Sozialstandards menschenwürdige Arbeitsbedingungen und einen hinreichenden Schutz der Arbeitnehmer gewährleisten sollen.

Zu den acht Kernarbeitsnormen zählen Konventionen über Zwangsarbeit, Vereinigungsfreiheit und Schutz des Vereinigungsrechts, das Vereinigungsrecht und Recht zu Kollektivverhandlungen, Gleichheit des Entgelts, Abschaffung der Zwangsarbeit, Vermeidung von Diskriminierung, Mindestalter, Verbot und unverzügliche Maßnahmen zur Beseitigung der schlimmsten Formen der Kinderarbeit.

Der Textilsektor weist häufig eine kaskadenartige Konstruktion im Fertigungsprozess auf. Die gesamte Lieferkette, von der Fertigung über viele Stufen bis zum Einzelhändler, ist vielfach nicht transparent genug. Die an Sublieferanten outgesourcte Produktion wird auf tiefere und wieder tiefere Ebenen weitergegeben, sodass für den Textilkonzern als Auftraggeber letztlich ein Kontrollproblem entsteht. Verschärfend wirken die immer kürzeren Lieferzyklen für neue Kollektionen, die die Kurzfristigkeit der Fertigung und eine damit verbundene breite und undurchsichtige Auffächerung der Produktion verstärken.

Mit der Undurchsichtigkeit der Lieferkette und der Kostenoptimierung verbundene potenzielle Imageschäden stellen ein Risiko für Marken und Retailer dar. Es sind dabei vor allem teure Labels, die im Falle von negativen Medienberichten vor einem großen Reputationsproblem stehen. Angesichts des geringen Anteils der Herstellungskosten an den Verkaufspreisen im Einzelhandel ist jeder arbeitsrechtliche Verstoß dem Konsumenten gegenüber nur sehr schwer zu argumentieren.

Daher bemühen sich viele prominente Textilhersteller, ein möglichst aktives Lieferkettenmanagement umzusetzen. Eine Verbesserung der Standards für die Herstellung, die fast immer an Partner ausgelagert wird, steht dabei im Mittelpunkt.

Unternehmen, egal ob Retailer oder Textilkonzerne, können der problematischen Entwicklung insofern gegensteuern, als sie für ihre gesamte Lieferkette eine tiefgreifende Due-Diligence-Prüfung einführen. In diesem Fall werden die Lieferanten aktiv gemanagt und einem Monitoring- und Auditierungs-Verfahren unterzogen. Zulieferer, die kritisch eingeschätzt werden, können auf diese Weise regelmäßigen intensiven Kontrollen unterzogen werden.

Ein Bonus-System für Lieferanten für überdurchschnittlich gute Arbeitsbedingungen kann zudem einen positiven Wettbewerb auslösen. Unzureichendes Wissen über Arbeitsstandards kann durch Best-Practice-Beispiele erweitert werden.

Aktuell zählen in der Textilindustrie Bangladesch, Vietnam und zuletzt auch Myanmar zu den Ländern, in denen die Arbeitskräfte am schlechtesten entlohnt – also am „günstigsten verfügbar“ – sind. Dabei rückt bei der Analyse der Entlohnung in den Fabriken immer stärker der Begriff der fairen „living wages“ – auf Deutsch übersetzt: das Existenzminimum – in den Mittelpunkt. In Bangladesch liegt der Mindestlohn aktuell bei rund 20 % des Existenzminimums, in China immerhin bei fast 50 %.

Fazit: Raiffeisen Capital Management ist derzeit in ein Unternehmen, das im Rahmen des Engagement-Prozesses adressiert worden ist, investiert.

Nachhaltigkeitsbewertung

Das aus Nachhaltigkeitssicht vordringlichste Thema im Zusammenhang mit der Textilindustrie ist jenes der Arbeitsbedingungen in der gesamten Lieferkette. Immer wieder werden Produktionen in so genannten Sweatshops, also Ausbeutungsbetrieben, aufgedeckt. Die wesentlichsten Charakteristika sind dabei das Fehlen von Tarifverträgen, überlange Arbeitszeiten, fehlender Kündigungsschutz und eine absolut wie auch relativ geringe Bezahlung.

Eine Möglichkeit für Unternehmen zur Verbesserung der sozialen Standards in der Lieferkette ist neben dem Fokus auf Transparenz auch die Kontrolle durch externe Organisationen. Arbeitsbedingungen in den Fabriken können vor Ort durch unabhängige Gutachter wie die FLA (Fair Labor Association) überprüft oder gemäß ISO (International Organization for Standardization), OHSAS (Occupational Health and Safety Assessment Series) oder EMAS (Eco-Management and Audit Scheme) zertifiziert werden.

Im Zusammenhang mit dem Thema Textilien zielt der Unternehmensdialog des Nachhaltigkeitsteams von Raiffeisen Capital Management auf Unternehmen in den Bereichen „Textil-Vormaterialien“ und „Textilhandel“ ab.

Worauf fokussiert das Supply-Chain-Management in Ihrem Konzern in Bezug auf Textilprodukte und textile Vorprodukte?

Gibt es einen eigenen Verhaltenskodex, der die Grundsätze der Arbeitnehmerrechte in der gesamten Supply-Chain vorgibt und soziale Aspekte behandelt?

Veröffentlichen Sie die gesamte Liste Ihrer Lieferanten und Sublieferanten?

Wie stellen Sie sicher, dass Ihre gesamte Supply-Chain vorgegebene Regeln einhält? Existieren Richtlinien zur Beendigung von Geschäftsbeziehungen mit Lieferanten?

Sehen Sie das Thema Korruption als Problem – vor allem an Billiglohn-Standorten wie Indonesien, Bangladesch, Vietnam und Myanmar?

Welche Rolle spielen für Sie Supply-Chain-Zertifizierungen nach Standards wie ISO, EMAS oder OHSAS?

Wie gehen Sie mit dem Thema „living wages“ um und wie definieren Sie diese?

Von den während unseres Engagement-Prozesses kontaktierten Unternehmen haben uns vor allem europäische Player Feedback gegeben.

Nicht alle Textilkonzerne fokussieren ihre Produktion auf Billigstlohnländer. Der spanische Konzern Inditex beispielsweise kauft mehr als die Hälfte seiner Kollektion in Ländern in der näheren Umgebung – diese werden als „proximity markets“ bezeichnet. Hanesbrands produziert 80 % seiner Textilien in eigenen Fertigungsstätten außerhalb der klassischen Billiglohnländer.

Was die Rohstoffseite betrifft, so sind die meisten Textilkonzerne stark auf Baumwolle fokussiert. Auch in diesem Zusammenhang hat Inditex einen anderen Weg gewählt und breiter diversifiziert. Man setzt unter anderem – je nach Modetrend – auf Leinen, Leder oder Viskose.

Die meisten Textilkonzerne setzen auf eine Kombination von internem und externem Monitoring respektive Zertifizierungen der Lieferkette. Manche, wie etwa Gerry Weber, kontrollieren vor allem die erste Ebene im Detail und delegieren die Einhaltung der Standards für weitere Sublieferanten an diese Unternehmen. Die Katastrophe von Rana Plaza im Jahr 2013 scheint die Branche durchaus – und zwar in positiver Weise – aufgerüttelt zu haben.

Oft werden die Zulieferer geratet, je nach Erfüllung oder Teilerfüllung der vorgegebenen Standards. Bei Aussagen zu Gründen für die Beendigung der Geschäftsbeziehung zu Lieferantenunternehmen halten sich alle befragten Unternehmen eher bedeckt. Eine Kündigung aufgrund von Verstößen gegen ESG-Prinzipien scheint eher die Ausnahme zu sein.

Eine vollumfängliche Liste aller Lieferanten und Sublieferanten wird derzeit unter anderem von Adidas und Inditex veröffentlicht.

Adidas hat sich dem Thema Nachhaltigkeit in der Lieferkette sehr generell genähert. Die 2016 gestartete Strategie „sport needs a space“ deckt nicht nur die Produktion, sondern auch das Marketing und die Verwendung der Produkte ab. Für die Lieferkette wurden auch Ziele in Richtung weniger Wasserverbrauch und geringere Abfallmengen festgelegt. Bis 2018 sollen die von Adidas verwendeten Baumwollsorten zu 100 % auf nachhaltige Produktion umgestellt sein.

Zertifikate sind für die Unternehmen in der Regel kein allzu großes Thema, es gibt aber einige sektorweite Initiativen. Gerry Weber hat die BSCI (Business Social Compliance Initiative) unterzeichnet, eine wirtschaftsgetriebene Plattform zur Verbesserung der sozialen Standards in einer weltweiten Wertschöpfungskette. H&M hat mittlerweile das gesamte erste Level an Zulieferern gemäß Higg-Index der Sustainable Apparel Coalition zertifiziert, einem 2012 ins Leben gerufenen industrie-eigenen Standard der Textilindustrie zur Bewertung der Nachhaltigkeit der Lieferkette nach Umwelt- und Sozialkriterien. Auch Amer Sports trat der Sustainable Apparel Coalition 2015 bei.

Das Thema „living wages“ nimmt in der Textilbranche generell an Bedeutung zu, die genauen Definitionen sind aber von Unternehmen zu Unternehmen sehr unterschiedlich.