Analyse von Grace Yan, Nikko AM: Weit über 100 Millionenstädte gibt es in China. Die meisten davon sind hierzulande unbekannt. Von mittleren und Kleinstädten ganz zu schweigen. Doch in ihnen ist eine der wichtigsten Konjunkturstützen Chinas verankert: der Binnenkonsum. Grace Yan, Senior Portfolio Manager bei Nikko Asset Management, hat Potenzial und Besonderheiten dieses Konsums in den kleineren Städten unter die Lupe genommen:
Rund 70 % der 1,4 Milliarden Menschen Chinas leben in mittelgroßen und vor allem in kleineren Städten. Dort sind auch dreimal so viele junge Chinesinnen und Chinesen (im Alter von 18 bis 30 Jahren) zu Hause wie in den Mega- und Großstädten.
Die Löhne sind in kleineren und mittleren Städten zwar niedriger als etwa in Guangzhou und Shanghai, aber Wohlstand und verfügbares Einkommen (bei geringeren Wohnkosten) steigen auf breiter Front an. Dieser steigende Wohlstand kommt Bereichen wie Freizeitbekleidung, Unterhaltungselektronik und Lebensmitteln zugute. Gerade die jungen Verbraucher in den kleineren Städten sind tendenziell ausgabefreudiger als die der Großstädte, da sie über eine beträchtliche Kaufkraft verfügen.
Vieles spricht dafür, dass die Konsumausgaben in den kleineren Städten bis 2030 das erwartete Konsumwachstum in China ankurbeln werden. Dort erwies sich der private Verbrauch auch während der Corona-Zeit als widerstandsfähiger, da Abriegelungen die Großstädte stärker betrafen.
Unterstützung kommt auch von der Politik. Peking möchte die Anbindung kleinerer Städte verbessern, was Konsum und Wohlstand dort anfachen dürfte. Die Regierung hat die Infrastruktur als Schlüssel zur Verbesserung der Konnektivität und zur Förderung der städteübergreifenden wirtschaftlichen und technologischen Entwicklung erkannt. Insbesondere soll das Bahn-Hochgeschwindigkeitsnetz bis 2025 um fast ein Drittel erweitert werden.
Das veränderte Verbraucherverhalten könnte das Konsumwachstum zusätzlich befördern. Chinas Verbraucher sind heute wählerischer und achten mehr auf das Preis-Leistungs-Verhältnis. Dabei sind es nicht mehr nur die ausländischen Marken, die für Qualität und Status stehen. Chinesische Marken und Anbieter, die die lokalen Bedürfnisse besser verstehen und das traditionelle chinesische Erbe berücksichtigen, sind heute vermehrt gefragt. Junge Verbraucher legen beim Konsum zunehmend Wert auf innovative Produkte und einzigartige Marken. Vor allem die Generation Z neigt dazu, sich durch neuartige Produkte, eine individuelle Gestaltung und maßgeschneiderte Dienstleistungen auszudrücken – und nicht zwingend durch höchste Exklusivität.
Insgesamt mag die Verbraucherstimmung derzeit landesweit schwächeln. Die langfristigen Aussichten für Chinas Konsumsektor aber sind attraktiv. Der Trend zu einem qualitätsorientierten Konsum dürfte im Zusammenspiel mit steigendem Wohlstand und demografischen Entwicklungen sowohl den Konsum als auch den Aufstieg von Chinas mittleren und kleineren Städten begünstigen.