Vom Bildschirm in den Raum: Immersive Analytics beim iff

OpinionsVom Bildschirm in den Raum: Immersive Analytics beim iff

iff Immersive Finance Forum, Session vom 8. September 2026: Beteiligungsgeflechte, Ausfallraten, Zinsstrukturen: Bei der September-Session des iff Immersive Finance Forum zeigten Dr. Oliver Everling und Christian Spiekermann unter dem Titel “Immersive Analytics for Finance”, was räumliche Datenanalyse für die Finanzbranche leisten kann. Rund 80 Minuten Vortrag, Live-Demonstration und Diskussion, vollständig in Virtual Reality.

Das iff trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat um 18:30 Uhr auf der Kollaborationsplattform Arthur, zugänglich per Meta Quest. Nach dem Auftakt im August war es die erste Session mit vollem Fachprogramm, und sie löste ein, was das Format verspricht: Der Gegenstand des Vortrags, Finanzdaten im Raum, war zugleich seine Bühne.

Warum zwei Dimensionen nicht reichen

Everling, Geschäftsführer der RATING EVIDENCE GmbH in Frankfurt, begann mit seinem eigenen Weg in die Technologie. Im Oktober 2021, als Meta sich mitten im Kurssturz umbenannte und der Konzern zeitweise rund zwei Drittel seines Börsenwerts verlor, lieh er sich eine Quest-Brille, um das Thema drei Monate lang zu prüfen und dann wieder abzuhaken. Es kam anders.

Der fachliche Kern seines Arguments: Ratings sind ihrem Wesen nach mehrdimensional. Ob Bankenrating nach dem CAMEL-Schema mit den Dimensionen Capital Adequacy, Asset Quality, Management, Earnings und Liquidity oder die Beurteilung von Existenzgründern über Person, Geschäftsplan und Finanzstruktur: Stets werden viele Kriterien miteinander verknüpft. Auf einer zweidimensionalen Tafel wird ein solches Kriteriengeflecht schnell unübersichtlich. Im Raum dagegen bleibt es lesbar, so Everlings These, die er an der 3D-Analyse seines eigenen Aktienportfolios demonstrierte.

Eigentümerstrukturen als begehbarer Baum

Am deutlichsten wurde der Unterschied beim Thema Beteiligungsstrukturen. Everling ist seit knapp zehn Jahren an der Palturai GmbH beteiligt, deren BusinessGraph aus Handelsregistern und weiteren öffentlichen Quellen wirtschaftliche Verflechtungen im DACH-Raum abbildet. Wer wirtschaftlich Berechtigte über mehrere Beteiligungsebenen zurückverfolgt, in einem seiner Beispiele über elf Stufen bis zum letztlich dahinterstehenden Eigentümer, landet schnell bei Grafiken, die selbst auf einem 27-Zoll-Display nicht mehr lesbar sind.

Sein Einwand gegen die naheliegende Abkürzung: Künstliche Intelligenz wird die Frage, wem ein Unternehmen gehört, künftig in Sekunden beantworten. Für Investoren zählt aber mehr als die Antwort, nämlich das Gefühl dafür, worauf man sich einlässt, welche Abhängigkeiten und Nachbarschaften eine Struktur prägt. Everlings Bild dafür: Wer unter einem Baum steht, sieht sofort, welcher Ast wohin gehört. Auf dem Foto desselben Baums gelingt genau das nicht.

Christian Spiekermann, Software-Ingenieur mit Schwerpunkt Corporate Innovation im Finanzumfeld, zeigte anschließend den Workflow, der diese Idee praktikabel macht: Exporte aus dem BusinessGraph oder schlicht Excel-Dateien werden im Browser geladen und als interaktive 3D-Modelle in Umgebungen wie Arthur oder die Mind-Mapping-Anwendung Noda gebracht. Im Unternehmensgraph steht jeder Quader für eine Entität, Kanten codieren Beziehungen, Farben den Status: Aktive Gesellschaften grün, Gesellschaften in Auflösung gelb, aufgelöste rot. Gestrichelte Linien markieren historische Verhältnisse, die Kantenfarbe unterscheidet volle von beschränkter Haftung.

Eine zweite Visualisierung übersetzte Ratingklassen von AAA bis C und Laufzeiten von einem bis zehn Jahren in eine begehbare Matrix: Das Volumen der Quader zeigt den anfallenden Zins, ihr Füllgrad das historisch beobachtete Ausfallrisiko. Der Zusammenhang von Bonität, Laufzeit und Risikoprämie wird damit räumlich ablesbar, ein Thema, dem Everling angesichts der laufenden Diskussion um das Spitzenrating der Bundesrepublik besondere Aktualität bescheinigte.

Der dreidimensionale Livestream

Die Überraschung des Abends war Spatial Link, eine von Spiekermann entwickelte Anwendung, die sich als dreidimensionaler Livestream beschreiben lässt: Über den Passthrough-Modus der Quest-Brille überträgt ein Gastgeber seine reale Umgebung, Gäste bewegen sich darin, als stünden sie selbst im Raum. Everling berichtete vom ersten Test, bei dem Spiekermann virtuell in seinem Arbeitszimmer stand, sich umsah und auf Bitten das Wandthermometer ablas.

Für die Finanzbranche liegen die Anwendungsfälle auf der Hand: virtuelle Betriebs- und Objektbesichtigungen bei Unternehmensbewertungen und Immobilientransaktionen, die heute oft allein auf dem Papier stattfinden. Die Diskussion ergänzte weitere Szenarien aus der Praxis: In der Versicherungswirtschaft wird an Risikobegehungen und an der Schadenaufnahme per Datenbrille gearbeitet, bei der ein Sachbearbeiter aus der Ferne den Schadenort sieht. Mit LIDAR-Scans lassen sich ganze Industrieanlagen binnen einer Stunde als begehbares 3D-Modell erfassen.

Dass mehrere Teilnehmer bereits eigene Wege in den Raum gehen, machte die Runde greifbar: Ein Teilnehmer visualisiert Portfoliodaten institutioneller Kunden als begehbare Zeitachse, nicht mit mehr Information als im klassischen Report, aber mit einer anderen Eindrücklichkeit. altii selbst steuerte ein Zinsgebirge bei: Bundesbank-Renditedaten seit 2021, in Python aufbereitet und als 3D-Mesh in den Raum gebracht. Negativzinsphase, Energiepreisschock und inverse Zinskurve werden darin als Relief sichtbar, das sich greifen, skalieren und begehen lässt.

Die KI bereitet vor, entschieden wird im Raum

Everlings Fazit fiel grundsätzlich aus: Der Arbeitsplatz des Finanzanalysten wird dreidimensional. Data2Space, die Initiative hinter dem Vortrag, will dafür keine eigene Plattform bauen, sondern den Ansatz besetzen, Finanz- und Unternehmensdaten in interaktive Räume zu bringen und Entscheidungen zu unterstützen. Die Arbeitsteilung, die Everling skizzierte: Die KI bereitet Entscheidungen vor, getroffen werden sie von Menschen, künftig zunehmend in Umgebungen, in denen alle Faktoren gleichzeitig sichtbar sind. Wie breit sich der Ansatz anwenden lässt, vom Covered-Bond-Rating bis zum Branchenvergleich auf der dreidimensionalen Landkarte, dokumentiert die Initiative fortlaufend auf ihrer Website. Wer sich für den M&A-Bezug interessiert, findet ihn auch in dem von Everling mitherausgegebenen Sammelband ESG als Treiber von M&A (Springer Gabler).

Die nächste Session des iff findet am Dienstag, 13. Oktober 2026, um 18:30 Uhr statt, wieder in Arthur auf Meta Quest, dann mit altii-Geschäftsführer Christian Salow als Referent. Die Anmeldung ist über immersive-finance-forum.de/events möglich. Den sechsstelligen Zugangscode erhalten angemeldete Teilnehmer kurz vor der Veranstaltung.

* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.