Die Dachfonds-Studie 2026 legt das Maßband an ein lange übersehenes Segment mit einer im Markt seltenen Neutralität. Ihr größter Wert liegt nicht in den Rekordzahlen, sondern in den Widersprüchen, die sie im Mai 2026 offenlegt. Eine Einordnung für institutionelle Investoren.
Der deutsche Dachfondsmarkt hat ein Allzeithoch erreicht, und kaum jemand hat es bemerkt. 210,6 Milliarden Euro verwaltetes Vermögen, 735 zugelassene Fonds, ein Vierteljahrhundert Marktgeschichte: Das sind die Eckdaten der Dachfonds-Studie 2026, die das Greiff Research Institut gemeinsam mit Wellington Management vorgelegt hat. Die nackten Zahlen haben die Fachmedien bereits durchdekliniert. Interessanter als der Rekord ist jedoch, was die Studie über die Verfassung des Segments verrät. Sie hält der Gattung einen Spiegel vor, und das Bild darin ist für die Branche unbequem. Für das Institut, das den Spiegel hält, spricht es dagegen.

https://www.die-dachfonds-studie.de/
Eine seltene Spezies: die unabhängige Marktstudie
Marktstudien im Fondsgeschäft sind selten ergebnisoffen. Häufig stammen sie von Anbietern, die ein Produkt im Schaufenster haben, und das färbt auf die Auswahl der Kennzahlen ab. Die Dachfonds-Studie 2026 ist hier eine Ausnahme. Erstellt wurde sie vom Greiff Research Institut, einer Tochter eines bankenunabhängigen Vermögensverwalters, das seit 2001 mit der Publikation DER FONDS ANALYST und seit 2011 mit der quartalsweisen Capital Studie eine eigene Research-Tradition pflegt. Die Studie verzichtet ausdrücklich auf Produktempfehlungen und versteht sich als deskriptive Markt- und Strukturanalyse. In einem Umfeld, in dem Reichweite oft mit Vertriebsabsicht einhergeht, ist diese Selbstbeschränkung ein Qualitätsmerkmal.
Damit stellt sich die naheliegende Frage nach dem Studienpartner. Wellington Management ist ein Asset-Manager, dessen Produkte selbst Teil der untersuchten Zielfonds-Welt sein könnten. Wer eine Studie über die Fondsauswahl von Allokatoren mitträgt und zugleich Fonds verkauft, muss sich die Frage nach der Unabhängigkeit gefallen lassen. Die Antwort fällt bei genauer Betrachtung zugunsten der Studie aus: Die Partnerinhalte sind als solche erkennbar von der Analyse getrennt, die Auswahl der Fonds folgt einer neutralen, extern vorgegebenen Systematik, und an keiner Stelle mündet die Auswertung in eine Kaufempfehlung. Die Trennlinie zwischen Diagnose und Werbung ist gezogen. Aufmerksame Leser sollten gleichwohl darauf achten, wo die sachliche Analyse endet und wo flankierende Anbieterkommunikation beginnt. Nach diesem Test bleibt festzuhalten: Die Unabhängigkeit ist hier nicht bloß behauptet, sondern hält der Prüfung stand. Genau das macht die folgenden, durchaus kritischen Befunde umso gewichtiger, denn sie stammen nicht aus interessierter Feder.
Was die Studie sichtbar macht
Die Datenbasis stammt aus Morningstar Direct und reicht vom 1. Januar 2000 bis zum 31. Dezember 2025. Das Bild, das sie zeichnet, ist eindrücklich. Im Jahr 2000 verwalteten gerade einmal zehn zugelassene Dachfonds rund 1,6 Milliarden Euro. Ende 2025 waren es 210,6 Milliarden Euro, ein Zuwachs um mehr als das Hundertdreißigfache. Der Weg dorthin verlief nicht geradlinig: Von 2021 auf 2022 brach das Volumen von etwa 206 auf 178 Milliarden Euro ein, ein Minus von mehr als 13 Prozent, bevor 2024 die Marke von 200 Milliarden Euro erstmals wieder überschritten wurde. Trotz dieser Größe bleibt der Anteil der Dachfonds am gesamten deutschen Publikumsfondsvolumen mit rund sechs bis sieben Prozent bescheiden. Das Segment ist relevant, aber es agiert im Schatten der großen Branchendebatten.
Den eigentlichen Erkenntnisgewinn liefert die Studie auf der Zielfondsebene. Auf Basis der jeweils verfügbaren Top-30-Holdings hat das Institut rund 16.488 Positionen ausgewertet und damit offengelegt, woraus deutsche Dachfonds tatsächlich bestehen. Diese systematische Durchleuchtung der Bausteine ist methodisches Neuland, denn solche Daten sind sonst kaum zugänglich. Das Ergebnis ist aufschlussreich und für die Branche zugleich entlarvend: Nach Anzahl der Nennungen dominiert ein einziger Anbieter, Blackrock mit seiner ETF-Marke iShares, die Portfolios mit Abstand. Passive Bausteine prägen das Bild, während aktiv gemanagte Fonds nach Volumen noch knapp die Hälfte ausmachen. Hinzu kommen einheitliche Auswertungen zu Kosten, zur regionalen Allokation mit deutlichem Übergewicht der USA sowie zur SFDR-Einstufung der Fonds.
Bis hierhin ist die Studie eine saubere, lange überfällige Vermessung. Ihr kritisches Potenzial entfaltet sich erst, wenn die Befunde zu Ende gedacht werden.
Die eigentliche Pointe: das Diversifikationsparadox
Der Daseinszweck eines Dachfonds ist Diversifikation. Er bündelt unterschiedliche Zielfonds, um Anlageklassen, Regionen und Managementstile zu streuen und damit Schwankungen zu glätten. Die Holdings-Analyse der Studie stellt dieses Versprechen leise infrage. Wenn ein Großteil der untersuchten Dachfonds auf dieselben wenigen Kernbausteine desselben dominanten ETF-Anbieters zurückgreift, dann konvergieren vermeintlich unabhängige Produkte auf eine gemeinsame Grundlage.
Die Folge ist ein Paradox: Eine Anlageform, die Streuung verkauft, erzeugt auf aggregierter Ebene Gleichlauf. Mehrere Dachfonds, die jeweils für sich diversifiziert wirken, können untereinander und gegenüber dem Index hoch korreliert sein, weil sie sich aus demselben Baukasten bedienen. Für einen institutionellen Investor, der mehrere Dachfonds nebeneinander oder einen Dachfonds zusätzlich zu Direktbeständen hält, ist das keine akademische Spitzfindigkeit, sondern ein konkretes Klumpenrisiko. Auf Look-through-Ebene addieren sich Überlappungen, die in der einzelnen Produktbetrachtung unsichtbar bleiben. Die scheinbare Risikostreuung über mehrere Manager hinweg löst sich teilweise auf, sobald man durch die Hülle hindurchschaut.
Dieser Befund ist die schärfste Lesart der Studiendaten, und er richtet sich nicht gegen die Studie, sondern gegen den Zustand des Segments. Greiff liefert das Material, das diese Diagnose erst ermöglicht. Wer aus der Blackrock-Dominanz lediglich eine Anbieterrangliste macht, bleibt an der Oberfläche. Die institutionell relevante Konsequenz lautet: Die Diversifikationswirkung eines Dachfonds-Portfolios muss über die Bausteine hinweg geprüft werden, nicht über die Zahl der Etiketten auf den Produktverpackungen.
Dachfonds-Studie 2026, offizielle Studienseite, Greiff Research Institut:
https://www.die-dachfonds-studie.de/
Der Kostenstapel, institutionell gelesen
Der bekannteste Vorwurf gegen Dachfonds ist die doppelte Kostenebene. Gebühren fallen auf der Dachebene und auf der Zielfondsebene an, und in der Summe liegt die Belastung häufig oberhalb von 1,5 Prozent pro Jahr. Die Studie verschärft diesen Vorwurf, weil sie zeigt, dass viele Dachfonds heute überwiegend günstige ETFs als Bausteine einsetzen. Der strukturelle Widerspruch ist offensichtlich: Für eine zunehmend passive Konstruktion wird weiterhin ein aktiver Preis verlangt.
Für institutionelle Investoren greift die reine Kostenempörung allerdings zu kurz. Publikumsmedien vergleichen den Dachfonds mit dem ETF und kommen zwangsläufig zum Urteil: zu teuer. Die richtige Vergleichsgröße auf der Buy-Side ist eine andere. Die Gebühr auf der Dachebene bezahlt nicht den ETF, sondern eine Dienstleistung: die ausgelagerte Selektion von Zielfonds, das laufende Monitoring, die Governance und die operative Vereinfachung auf eine einzige Portfoliozeile. Deshalb lautet die entscheidende Frage nicht, ob der Dachfonds teurer ist als ein ETF, sondern ob diese delegierte Leistung günstiger und verlässlicher ist als ihr interner Aufbau. Dort, wo ein Investor weder das Personal noch die Systeme für eine eigene Managerselektion vorhalten will, kann die Hülle ihren Preis wert sein. Dort, wo am Ende ohnehin nur Standard-ETFs zusammengesetzt werden, ist er es nicht.
Diese Value-for-Money-Logik verzahnt sich mit der regulatorischen Debatte über Kosten-Nutzen-Verhältnisse von Fondsprodukten. Die Studie liefert dafür erstmals die empirische Grundlage je Kategorie. Sie ersetzt das Bauchgefühl durch Zahlen, und sie erlaubt es Investoren, die Kostenfrage präzise zu stellen, statt sie nur zu beklagen.
SFDR: die ungeklärte Frage hinter den Zahlen
Die Studie weist die SFDR-Einstufung der Fonds aus, und die Verteilung wurde bereits breit zitiert: Die strengste Kategorie nach Artikel 9 spielt im Dachfondsmarkt praktisch keine Rolle, der Großteil verteilt sich auf Artikel 6 und Artikel 8. Die spannendere Frage stellt niemand. Sie lautet: Passt die Nachhaltigkeitseinstufung auf der Dachebene überhaupt zu den Einstufungen der darunterliegenden Zielfonds?
In einer mehrstufigen Struktur ist dieser Look-through schwierig, und er ist regulatorisch heikel. Dachfonds werden aus den gängigen Analysen des Artikel-8- und Artikel-9-Universums üblicherweise sogar ausgeklammert, was die Datenlage zusätzlich verdunkelt. Ein als nachhaltig vermarkteter Dachfonds, dessen Zielfonds in der Breite kein entsprechendes Profil tragen, geriete spätestens dann unter Druck, wenn die geplante Reform der Offenlegungsverordnung die bisherigen Artikelkategorien ablöst und die Anforderungen an Multi-Manager-Strukturen schärft. Für institutionelle Investoren mit Nachhaltigkeitsmandat ist das ein Reporting- und Reputationsrisiko, das die Studie zwar nicht auflöst, aber sichtbar macht. Auch hier gilt: Greiff liefert die Datenbasis, die nötige kritische Frage muss der Leser stellen.
Wo die Studie an ihre Grenzen kommt
Eine seriöse Einordnung benennt auch die Grenzen, und es spricht für das Institut, dass es die wichtigsten selbst offenlegt. Drei Punkte sind zu nennen.
Erstens der Survivorship Bias. In die historischen Bestands- und Volumenangaben konnten nur Fonds einfließen, die zum Erhebungszeitpunkt noch existierten. Fonds, die zwischen 2000 und 2025 verschmolzen oder aufgelöst wurden, fehlen. Da gerade schwächere Produkte vom Markt verschwinden, überzeichnen Auswertungen, die nur Überlebende betrachten, tendenziell die langfristige Performance. Untersuchungen beziffern diesen Effekt für aktiv gemanagte Aktienfonds auf eine Überzeichnung des mittleren Mehrertrags von rund 0,6 Prozentpunkten pro Jahr. Für die Strukturanalyse zum Stichtag ist das verschmerzbar, für lange Renditereihen weniger.
Zweitens die Abhängigkeit von der Klassifizierung. Die gesamte Auswahl steht auf der Morningstar-Systematik. Das Institut hat bei der Erstellung selbst Fehleinstufungen festgestellt und an den Datenanbieter gemeldet, die Auswertung aber bewusst auf der einheitlichen Grundlage belassen. Das ist methodisch sauber, bedeutet aber, dass Klassifizierungsfehler des Datenlieferanten in die Ergebnisse durchschlagen können. Daraus folgt eine unangenehme Frage für die gesamte Branche, nicht nur für diese Studie: Wie belastbar sind die kommerziellen Datenbanken, auf die sich Investoren auch für ihr eigenes Reporting und ihre Selektion verlassen?
Drittens der deskriptive Charakter. Die Studie beschreibt, sie prognostiziert nicht, und sie urteilt nicht über einzelne Produkte. Das ist im Sinne der Neutralität eine Stärke. Es ist zugleich eine Grenze, denn die Interpretation der Befunde, also der Schritt von der Beobachtung zur Entscheidung, bleibt dem Leser überlassen.
Bemerkenswert ist, dass keine dieser Grenzen die Studie schwächt. Sie sind Eigenschaften jeder ehrlichen Untersuchung dieser Art, und ihre offene Benennung unterstreicht die Sorgfalt des Instituts.
Fazit: ein Diagnostiker, dem man glauben kann
Die Dachfonds-Studie 2026 ist nicht deshalb wertvoll, weil sie einen Rekord meldet, sondern weil sie ein selten beleuchtetes Segment mit Daten unterlegt und sich dabei nicht scheut, dessen Widersprüche offenzulegen. Sie zeigt eine Gattung, die Diversifikation verspricht und sich zugleich auf wenige Bausteine verengt, die Streuung verkauft und einen aktiven Preis für eine passive Konstruktion verlangt, die Nachhaltigkeit etikettiert, ohne dass die Konsistenz über die Ebenen hinweg geklärt wäre.
Das ist eine Zumutung für die Branche und ein Verdienst des Instituts. Greiff erweist sich als glaubwürdiger Diagnostiker, dessen Unabhängigkeit der Prüfung standhält. Die kritischen Schlussfolgerungen aber, allen voran das Diversifikationsparadox, ergeben sich nicht aus einem Makel der Studie, sondern aus dem konsequenten Weiterdenken ihrer Befunde. Wer die Studie liest, gewinnt ein belastbares Werkzeug. Wer sie zu Ende denkt, gewinnt unbequeme Erkenntnisse. Beides ist mehr, als der Markt vorher hatte.
Dachfonds-Studie 2026, offizielle Studienseite, Greiff Research Institut:
https://www.die-dachfonds-studie.de/
Bild © Greiff Research Institut
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