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Der Verlust der Artenvielfalt wird zur Priorität für Investoren

OpinionsDer Verlust der Artenvielfalt wird zur Priorität für Investoren

Von Paul LaCoursiere, Global Head of ESG Investments, und Bhaskar Sastry, ESG Content Manager, Janus Henderson Investors

  • Der Verlust der Artenvielfalt könnte zum wichtigsten Nachhaltigkeitsproblem nach dem Klimawandel werden
  • COP15 und TNFD-Rahmen fördern Bewusstsein bei Investoren hinsichtlich der Biodiversität
  • Steigende Komplexität von ESG führt zu intensiver Auseinandersetzung mit den Themen

Unter Biodiversität versteht man die reiche Vielfalt des Lebens und die komplexe Art und Weise, wie Lebewesen und nicht lebende Gebilde wie Gestein und Boden zusammenwirken, um die natürliche Welt zu schaffen. Aufgrund der zunehmenden Ausweitung menschlicher Aktivitäten befindet sich die Natur heute in einer Krise.

Biodiversität betrifft jeden von uns – noch mehr ihr Verlust

Fast 70 % der Tierarten sind in den letzten 50 Jahren ausgestorben (siehe Abbildung 1). Derzeit sind eine Million Arten in den kommenden Jahrzehnten vom Aussterben bedroht. Aufgrund dieser deutlichen Warnzeichen sprechen Wissenschaftler von einer „biologischer Vernichtung” und einem „sechsten Massenaussterben”.

Abbildung 1: Rund 70 % der Wirbeltierarten sind seit 1970 ausgestorben

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Quelle: WWF/ZSL –„WWF Living Planet Report 2022”. Der globale Living Planet Index zeigt, dass eine Untergruppe von 31.821 Populationen von 5.230 Wirbeltierarten zwischen 1970 und 2018 um durchschnittlich 69 % in ihrer Häufigkeit zurückgegangen ist. Die weiße Linie zeigt die Indexwerte und die schattierten Bereiche stellen die statistische Sicherheit des Trends dar (95 % statistische Sicherheit, Bereich 63 % bis 75 %).

Für Investoren ist dies deshalb von Bedeutung, da die Natur eine Vielzahl von Leistungen für die Menschheit erbringt. Ihr monetärer Nutzen beläuft sich jedes Jahr auf 44 Billionen US-Dollar – mehr als die Hälfte des weltweiten BIP –, ganz zu schweigen von den unzähligen Vorteilen für unser Wohlbefinden. Die Funktion ganzer Wirtschaftszweige, nicht zuletzt der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft, hängt von der Natur ab.

Bislang haben Regierungen, Unternehmen und Investoren kaum etwas für die Natur getan. Wir gehen jedoch davon aus, dass sich dies 2023 aus drei wichtigen Gründen ändern wird:

COP15 gibt die Richtung vor: Nach vier Verschiebungen aufgrund der Corona-Pandemie findet derzeit die UN-Konferenz über biologische Vielfalt (COP15) in Montreal statt, um den globalen Handlungsrahmen für die biologische Vielfalt nach 2020 zu verabschieden. Darin werden die „strategische Vision und ein globaler Fahrplan für die Erhaltung, den Schutz, die Wiederherstellung und die nachhaltige Bewirtschaftung der Biodiversität und der Ökosysteme für das nächste Jahrzehnt“ festgelegt. Da aktuelle Herausforderungen – darunter die Pandemie und die Energiekrise –, die Regierungsfinanzen belasten, erwarten wir keine bahnbrechenden Ankündigungen. Angesichts der Dringlichkeit gehen wir jedoch davon aus, dass sich die Länder auf ambitioniertere, transparentere und fristgebundene Naturschutzziele einigen und gemeinsam an der Erreichung der globalen Ziele arbeiten werden.

Die Entwicklung des TNFD-Rahmens: Die Taskforce for Nature-related Financial Disclosure (TNFD) ist eine globale, marktgesteuerte Initiative, die sich aus Unternehmen, Finanzinstituten und Intermediären zusammensetzt, ähnlich wie die Task Force on Climate-related Financial Disclosures (TCFD) für Klimaangaben. Ihr Ziel ist die Einbeziehung von naturbedingten Risiken und Chancen in die unternehmerische Entscheidungsfindung. Darüber hinaus soll die naturbezogene Finanzberichterstattung durch relevante regionale und sektorale Kennzahlen und Ziele gefördert werden. Dies ist von großer Bedeutung, denn Umfragen zufolge ist der Mangel an verfügbaren Daten und Kennzahlen das Haupthindernis für Investitionen in Biodiversität. Der endgültige Rahmen der TNFD wird im September 2023 veröffentlicht und könnte in bestimmten Rechtsordnungen verbindlich vorgeschrieben werden.

Biodiversitätsrisiken sind Investitionsrisiken: Die Investoren werden sich zunehmend bewusst, dass der Verlust der biologischen Vielfalt ein finanzielles Risiko darstellt, insbesondere für bestimmte Sektoren wie die Lebensmittelindustrie, die Landwirtschaft und das Gesundheitswesen. Der Verlust der Artenvielfalt ist eine systemische Bedrohung, da er mit dem Klimawandel in Wechselwirkung steht und diesen verschärft. Aus diesem Grund haben die Organisatoren der COP27-Klimagespräche einen Tag für die Diskussion dieses Themas vorgesehen. Wir rechnen mit zunehmendem Druck der Kunden auf die Vermögensverwalter, gegen den Verlust der biologischen Vielfalt vorzugehen. Eine Robeco-Umfrage unter 300 Anlegern weltweit ergab, dass 56 % der Befragten Biodiversität in den nächsten zwei Jahren zu einer Kernstrategie machen würden. Dies könnte die Verwendung von Kennzahlen und Zielen für Biodiversität in der Unternehmensanalyse, die Zusammenarbeit mit Unternehmen bezüglich der Biodiversitätsrisiken und gegebenenfalls die Stimmabgabe bei naturrelevanten Beschlüssen umfassen.

Eine komplexe Zukunft ist weniger komplex, wenn man sich mit ihr befasst

Die globalen ESG-Herausforderungen, darunter der Klimawandel und der Verlust der Artenvielfalt, werden sich nicht verringern, sondern sogar noch verschärfen. Die Pandemie und die Russland-Ukraine-Krise haben zu einem wachsenden Einkommensgefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, aber auch innerhalb der Länder geführt. Mit einem ganzheitlichen Investitionsansatz, der diese Herausforderungen berücksichtigt, bietet ESG den Anlegern nicht nur die Möglichkeit auf eine verbesserte Stabilität ihrer Portfolios, sondern auch darauf diese Herausforderungen anzugehen.

2022 hatte ESG allerdings mit heftigem Gegenwind zu kämpfen. Bisher war ESG ein zugängliches und umfassendes Paket von Faktoren, die Anleger nutzen können, um die Eigenschaften eines Investments besser zu verstehen. Die jüngsten Ereignisse haben jedoch einige Nachteile aufgezeigt, wie z. B. die Zusammenführung unterschiedlicher Aspekte wie Kohlenstoffintensität und Diversitätskennzahlen sowie die Frage, wie (oder ob überhaupt) diese Kennzahlen in einer einzigen Bewertung zusammengefasst werden sollten. Im schlimmsten Fall hat die Komplexität dieser Themen den Eindruck erweckt, dass es ESG an Transparenz mangelt.

Dies sind komplexe Probleme, und natürlich muss sich das Thema ESG anpassen und weiterentwickeln, um zu überzeugen. Wir hoffen auf eine offene und ehrliche Debatte darüber, was ESG ist, was damit sinnvollerweise erreicht werden kann und warum es wichtig ist. Dies sollte im Jahr 2023 und darüber hinaus zu konstruktiven Ergebnissen führen.