Kryptowährungen gelten seit ihren Anfängen als Zahlungsmittel für Betrüger, Drogenhändler und Erpresser. Die Daten für 2025 scheinen das zu bestätigen: Nie zuvor flossen so viele Krypto-Assets an Adressen, die Analysefirmen illegalen Akteuren zuordnen. Hinzu kommen aktuelle Vorwürfe aus Washington, wonach Stablecoins zur Umgehung von Sanktionen gegen Russland und Iran in großem Stil genutzt werden.
Für institutionelle Investoren, Banken und Asset Manager, die Digital Assets in ihre Strategie aufnehmen, ist die Frage deshalb nicht akademisch. Sie berührt Reputationsrisiken, Compliance-Anforderungen und die Bewertung von Anbietern. Ein genauer Blick auf die Daten zeigt zweierlei: Der kriminelle Anteil am Gesamtvolumen ist klein, und öffentliche Distributed Ledger sind für Täter ein auffällig schlechtes Versteck. Das Risiko liegt vor allem an den Übergängen zwischen Ledger und realer Wirtschaft.
Rekordvolumen bei kleinem Anteil
Die beiden führenden Blockchain-Analysefirmen kommen für 2025 zu ähnlichen Ergebnissen. Nach dem Crypto Crime Report 2026 von Chainalysis erhielten illegale Krypto-Adressen mindestens 154 Milliarden US-Dollar. TRM Labs beziffert das Volumen auf 158 Milliarden US-Dollar, fast 145 Prozent mehr als im Vorjahr. In absoluten Zahlen ist Krypto-Kriminalität damit so groß wie nie.
Das relative Bild sieht anders aus. Chainalysis schätzt den illegalen Anteil am zuordenbaren Transaktionsvolumen auf unter 1 Prozent. TRM kommt auf 1,2 Prozent, nach 1,3 Prozent im Jahr 2024 und 2,4 Prozent im Jahr 2023. Das legitime Volumen ist also schneller gewachsen als das kriminelle.
Zur Einordnung hilft der Vergleich mit dem klassischen Finanzsystem. Die UNODC schätzt, dass weltweit jährlich 2 bis 5 Prozent des globalen BIP gewaschen werden, also 800 Milliarden bis 2 Billionen US-Dollar. Europol hält fest, dass die von Ermittlern entdeckten Geldwäschemethoden überwiegend traditionell sind und Bargeld weiterhin zu den bevorzugten Mitteln zählt. Der Großteil krimineller Gelder bewegt sich demnach außerhalb von Blockchains.
Die Zahlen haben drei Schwächen, die eine seriöse Einordnung benennen muss. Erstens sind sie Untergrenzen: Chainalysis klammert Erlöse aus nicht krypto-nativer Kriminalität wie dem klassischen Drogenhandel aus, weil solche Zahlungen on-chain nicht von legitimen zu unterscheiden sind, und TRM weist darauf hin, dass Schätzungen im Zeitverlauf meist nach oben korrigiert werden. Zweitens hängt der Anteil von der Bezugsgröße ab; TRM ergänzt deshalb eine Kennzahl, nach der illegale Akteure 2025 rund 2,7 Prozent der verfügbaren Krypto-Liquidität absorbiert haben. Drittens stammen die Daten von Unternehmen, die Analysesoftware an Behörden und Finanzinstitute verkaufen. Sie sind dennoch die belastbarste verfügbare Grundlage.
Vom Darknet-Händler zum Staat
Der Anstieg 2025 geht weniger auf Einzeltäter zurück als auf Staaten, die Sanktionen umgehen. TRM ordnet rund 93 Milliarden US-Dollar der Sanktionsumgehung zu, überwiegend mit Russland-Bezug. Allein über den rubelgedeckten Token A7A5 liefen danach 72 Milliarden US-Dollar. Chainalysis nennt Nordkorea, Russland, iranisch ausgerichtete Netzwerke und chinesische Geldwäschegruppen als wichtigste Treiber.
Parallel hat sich das bevorzugte Instrument verschoben. Stablecoins machen nach Chainalysis inzwischen 84 Prozent des illegalen Transaktionsvolumens aus, weil sie wertstabil und grenzüberschreitend leicht übertragbar sind. Das spiegelt die allgemeine Marktentwicklung wider: Dieselben Eigenschaften, die Stablecoins für den legitimen Zahlungsverkehr attraktiv machen, nutzen auch sanktionierte Akteure.
Die politische Reaktion ist in vollem Gang. Ende September stellte ein Bericht aus dem US-Senat Tethers USDT ins Zentrum des iranischen Schattenbankensystems; Tether bestreitet die Vorwürfe und verweist darauf, Iran-bezogene Guthaben von rund 550 Millionen US-Dollar eingefroren zu haben. Anfang Oktober stufte das US-Finanzministerium das A7-Netzwerk als transnationale kriminelle Organisation ein. Wer über Krypto-Kriminalität spricht, spricht also zunehmend über Geopolitik.
Das Ledger vergisst nichts
Die verbreitete Vorstellung, Bitcoin und vergleichbare Netzwerke seien anonym, ist technisch falsch. Transparente Blockchains sind pseudonym: Adressen tragen keine Namen, aber jede Transaktion wird dauerhaft und öffentlich gespeichert. Für Ermittler entsteht damit ein Beweisarchiv, das es im Bargeld- oder Korrespondenzbankverkehr so nicht gibt.
Dass sich dieses Archiv auswerten lässt, zeigte die Forschung früh. Eine Studie von Meiklejohn und Kollegen wies bereits 2013 nach, dass sich Adressen über Heuristiken zu gemeinsamem Besitz bündeln und so ein erheblicher Teil der Bitcoin-Ökonomie realen Akteuren zuordnen lässt. Seitdem sind die Methoden kommerzialisiert und deutlich verfeinert worden.
Die Praxis bestätigt den Befund. Nach dem Hack der Börse Bitfinex von 2016 beschlagnahmten US-Behörden 2022 rund 94.000 Bitcoin, damals 3,6 Milliarden US-Dollar wert. Der Täter hatte fast fünf Monate gewartet, bevor er Mittel bewegte, und einen Mixing-Dienst mehrfach genutzt; geschützt hat ihn beides nicht. Im Fall Colonial Pipeline verfolgte das FBI die Lösegeldzahlung über mehrere Wallets und stellte 63,7 der 75 gezahlten Bitcoin sicher.
Aktuelle Fälle zeigen, dass sich die Werkzeuge weiterentwickeln. Ein ehemaliger Beamter der britischen National Crime Agency, der 2017 beschlagnahmte Bitcoin über einen Mixer entwendet hatte, muss nun rund 2,4 Millionen US-Dollar zurückzahlen. Nach dem Diebstahl von 387 Millionen US-Dollar bei Bitget am 24. September 2026, der nordkoreanischen Akteuren zugeschrieben wird, verfolgte Chainalysis die Mittel mit KI-Werkzeugen über vier Blockchains und verkürzte einen Abgleich von über 20 Stunden auf unter zehn Minuten. Bei Stablecoins kommt ein weiterer Hebel hinzu: Der Emittent kann Guthaben einfrieren, was bei Bargeld unmöglich ist.
Wo die Spur abreißt
Die Transparenz hat Grenzen, und professionelle Täter kennen sie. Die erste liegt in Privacy-Technologien. Kryptowährungen wie Monero und Zcash verschleiern Transaktionsdetails gezielt; die Bitget-Angreifer haben bereits 4 Millionen US-Dollar in den privaten Pool von Zcash verschoben. Europol beschreibt den Tausch bekannter Coins in weniger bekannte oder in Privacy Coins als typisches Muster, das die Nachverfolgung erschwert.
Die zweite und wichtigere Grenze liegt beim Ausstieg in die reale Wirtschaft. Je besser On-Chain-Analysen werden, desto mehr verlagert sich die Verschleierung an die Schnittstellen. Chainalysis beziffert die On-Chain-Geldwäsche für 2025 auf über 82 Milliarden US-Dollar, nach rund 10 Milliarden im Jahr 2020. Chinesischsprachige Netzwerke, die über Telegram informelle OTC-Desks, Netzwerke von Finanzagenten und den Handel mit kontaminierten Stablecoins anbieten, wickeln davon etwa 20 Prozent ab. Laut TRM übernehmen solche Broker gestohlene Werte in großem Umfang und rechnen außerhalb der Blockchain ab, sodass Tat und Auszahlung entkoppelt werden.
Die dritte Grenze betrifft die Durchsetzung. Nachverfolgbarkeit bedeutet noch keine Rückführung: Selbst im Fall Colonial Pipeline blieb ein Teil des Lösegelds unauffindbar, und Ermittler betonen, dass Erfolge auf einer Kombination von Methoden beruhen, nicht auf Blockchain-Analyse allein. Wo Täter in Jurisdiktionen ohne Kooperation sitzen, endet die Spur zwar nicht technisch, aber praktisch.
Was daraus für Entscheider folgt
Für institutionelle Marktteilnehmer verschiebt sich die Risikofrage. Die pauschale Gleichsetzung von Krypto und Kriminalität hält den Daten nicht stand; sie taugt weder als Argument gegen Digital Assets noch als Grundlage für eine Risikobewertung. Relevant ist, mit welchen Gegenparteien, Intermediären und Instrumenten ein Haus in Berührung kommt.
Daraus ergeben sich konkrete Prüfpunkte. Bei Stablecoins zählt, ob und wie konsequent der Emittent Sanktionslisten umsetzt und Guthaben einfriert, denn genau das steht derzeit im Fall Tether zur Debatte. Bei Verwahrern, Börsen und Liquiditätsanbietern zählt, ob sie Blockchain-Analysen in ihre Geldwäscheprävention einbinden und Engagements mit OTC-Strukturen ohne Herkunftsprüfung ausschließen. Und für die eigene Compliance gilt: Eine öffentliche Transaktionshistorie ist auch ein Prüfpfad, der sich für Due Diligence nutzen lässt, bevor Mittel angenommen werden.
Offen bleibt, wie weit Regulierung die Lücken an den Schnittstellen schließen kann. Meldestandards wie das CARF der OECD und die EU-Richtlinie DAC 8 erfassen nach einer Analyse von Chainalysis nur rund 14 Prozent der On-Chain-Aktivität, weil dezentrale Börsen, Peer-to-Peer-Transfers und private Wallets außen vor bleiben. Gleichzeitig gewinnen Privacy-Funktionen auf großen Netzwerken an Bedeutung, auch für legitime Nutzer mit berechtigtem Interesse an Vertraulichkeit. Die Abwägung zwischen Privatsphäre und Nachverfolgbarkeit wird damit zur zentralen Gestaltungsfrage für die nächste Phase der Regulierung, und ihre Antwort wird mitbestimmen, ob das Ledger seinen Ruf als Spurenquelle behält. csa
Quellen
- Chainalysis: 2026 Crypto Crime Report, Introduction
- Chainalysis: Chinese Language Money Laundering Networks
- Chainalysis: Bitget-Diebstahl, Nachverfolgung mit KI (01.10.2026)
- Chainalysis: Steuerlich relevante Krypto-Aktivität und CARF (26.08.2026)
- TRM Labs: 2026 Crypto Crime Report, Key Insights
- TRM Labs: 2026 Crypto Crime Report
- TRM Labs: Urteil im Fall Bitfinex
- Crowdfund Insider: Sanktionsumgehung und A7A5
- UNODC: Money Laundering Overview
- Europol: Cash is still king
- Cybernews: Europol zu Krypto und Geldwäsche
- Meiklejohn et al.: A Fistful of Bitcoins (USENIX ;login:, 2013)
- Global News: Colonial Pipeline, Rückholung des Lösegelds
- BTC-ECHO: Iran-Vorwürfe gegen Tether (29.09.2026)
- Decrypt: A7-Netzwerk als kriminelle Organisation eingestuft (02.10.2026)
- Decrypt: Ehemaliger NCA-Beamter muss Bitcoin-Diebstahl erstatten (30.09.2026)
- CoinDesk: Bitget-Hacker nutzen privaten Zcash-Pool (30.09.2026)
* DE: Die ergänzenden Inhalte können KI-generiert sein. EN: The additional content may be AI-generated.