RENAIO ist ein unabhängiger Investmentmanager mit Schwerpunkt auf Wasserkraft. Der gemanagte Infrastrukturfonds RENAIO Infrastruktur Wasser ist nach Artikel 9 SFDR klassifiziert und wurde 2019 als erster offener Wasserkraftfonds für kleine bis mittlere Anlagevolumina in Europa aufgelegt. RENAIO verbindet eigenes Engineering und eigene Betriebsführung mit Investitionen in Wasserkraftanlagen in mehreren europäischen Märkten.
Christian Salow von altii sprach mit Andreas Grassl, Gesellschafter und Geschäftsführer der RENAIO Gruppe.
altii: Was zeichnet Wasserkraft als Anlageklasse grundsätzlich aus, und welche Arten von Wasserkraft kommen dabei zum Einsatz, auch in Ihrem eigenen Portfolio?
Andreas Grassl: Wasserkraft gehört zu den etabliertesten Formen der erneuerbaren Stromerzeugung. Viele Anlagen sind seit Jahrzehnten in Betrieb, die Technik ist ausgereift und die Standorte verfügen häufig über sehr lange Nutzungsdauern. Für Investoren ist zudem interessant, dass die Stromproduktion im Vergleich zu Wind und Photovoltaik gut prognostizierbar ist.
Grundsätzlich unterscheiden wir vor allem zwischen Speicher-, Pump- und Laufwasserkraftwerken. Unser Schwerpunkt liegt auf kleinen und mittleren Laufwasserkraftwerken in Mitteleuropa. Diese Anlagen nutzen den natürlichen Abfluss eines Flusses und produzieren kontinuierlich Strom. Sie kommen ohne große Speicherbecken aus und lassen sich bei professioneller Betriebsführung über Jahrzehnte nutzen.
altii: Warum gelten gerade kleinteilige Bestandsanlagen für institutionelle Anleger als verlässlich, und wie entsteht aus ihnen ein stabiler, planbarer und oft inflationsgekoppelter Ertrag über lange Laufzeiten?
Andreas Grassl: Bei Bestandsanlagen kennen wir einen großen Teil der technischen und hydrologischen Historie. Es liegen langjährige Daten zu Wasserführung und Produktion vor, und viele technische Komponenten haben sich über Jahrzehnte bewährt. Das erleichtert die Einschätzung künftiger Erträge.
Hinzu kommt, dass nach der Errichtung vor allem Kosten für Betrieb, Wartung und Instandhaltung anfallen. Ein kostenpflichtiger Energieträger wird für die Stromerzeugung nicht benötigt. Einnahmen entstehen aus dem Stromverkauf, je nach Markt und Anlage über feste Tarife, langfristige Stromlieferverträge oder die Vermarktung am Strommarkt. Teilweise enthalten diese Modelle auch Anpassungsmechanismen an die Preisentwicklung. Entscheidend ist aus unserer Sicht außerdem die Streuung über viele Anlagen und verschiedene hydrologische Regionen. Dadurch hängt das Ergebnis weniger stark von einem einzelnen Standort ab.
altii: Trotz dieser Stabilität ist Wasserkraft in institutionellen Portfolios bisher kaum vertreten, anders als Wind und Photovoltaik. Woran liegt das, und welchen konkreten Diversifikationsbeitrag leistet die grundlastnahe Wasserkraft in einem Portfolio, das Wind und PV bereits enthält?
Andreas Grassl: Der Markt ist deutlich kleinteiliger als bei Wind und Photovoltaik. Es gibt nur wenige große Transaktionen, viele Anlagen befinden sich seit Generationen in privater oder kommunaler Hand. Für institutionelle Investoren war der Zugang deshalb lange schwierig. Genau hier setzt RENAIO an: Wir bündeln viele kleinere Bestandsanlagen in einem professionell gemanagten Portfolio und übernehmen Akquisition, technische Prüfung, Betrieb und laufendes Asset Management. Damit wird aus einem fragmentierten Markt ein investierbares Produkt für institutionelle Anleger.
Gerade darin liegt auch der Diversifikationsbeitrag. Wasserkraft folgt anderen Erzeugungsmustern als Wind und Photovoltaik. Laufwasserkraft produziert über weite Teile des Jahres kontinuierlich und kann saisonal gerade dann einen Beitrag leisten, wenn die Solarproduktion geringer ist. In einem bereits mit Wind und PV ausgestatteten Erneuerbaren-Portfolio kann sie deshalb das Erzeugungsprofil verbreitern und die Abhängigkeit von einzelnen Wetterfaktoren reduzieren.
altii: Ihr Portfolio liegt schwerpunktmäßig in Italien, während Österreich und Deutschland nur mit wenigen Anlagen vertreten sind. Wo finden Sie derzeit die attraktivsten Objekte, wie fragmentiert ist dieser Markt, und was bedeutet das für deutsche und österreichische Investoren?
Andreas Grassl: Italien ist für uns derzeit besonders relevant, weil dort mehrere Faktoren zusammenkommen. Vor allem in Norditalien gibt es aufgrund der alpinen und voralpinen Topografie einen großen historisch gewachsenen Bestand an Wasserkraftanlagen und viele bereits erschlossene Standorte. Gleichzeitig ist der Markt stark fragmentiert, weil sich zahlreiche kleinere Anlagen noch im Besitz von Familien oder lokalen Betreibern befinden. Das eröffnet Chancen für spezialisierte Käufer, setzt aber lokale Marktkenntnis, technische Kompetenz und die Fähigkeit voraus, viele kleinere Transaktionen umzusetzen.
Hinzu kommt, dass sich bei Bestandsanlagen durch Modernisierung, bessere Steuerung und professionelle Betriebsführung häufig zusätzliche Ertragspotenziale erschließen lassen. Auch hydrologisch lohnt die Differenzierung: Für Teile Norditaliens deuten unsere Analysen weniger auf einen generellen Rückgang der Jahresniederschläge als auf eine stärkere saisonale Verschiebung hin.
Auch in Deutschland und Österreich gibt es interessante Bestandsanlagen. Das Angebot ist dort jedoch begrenzter, und gute Standorte wechseln vergleichsweise selten den Eigentümer. Für deutsche und österreichische Investoren bedeutet ein europäischer Ansatz deshalb vor allem Zugang zu einem größeren Anlageuniversum und zu Märkten, in denen sich attraktive Bestandsportfolios überhaupt in ausreichender Breite aufbauen lassen.
altii: RENAIO verbindet Engineering und Banking und betreibt die Kraftwerke über eigene Leitstände selbst. Wie wird aus dieser aktiven Betriebsführung ein messbarer Werttreiber für Verfügbarkeit, Cashflow-Stabilität und Rendite?
Andreas Grassl: Bei Wasserkraft entscheidet der Betrieb unmittelbar darüber, wie viel von der technisch möglichen Produktion tatsächlich erreicht wird. Deshalb begleiten wir unsere Anlagen mit eigenen technischen Teams und überwachen sie laufend über unsere Leitstände. So können wir Abweichungen früh erkennen und schneller reagieren.
Dabei verbinden wir die technische Perspektive mit der eines langfristigen Investors. Investitionsentscheidungen, Finanzierung, Stromvermarktung und technische Maßnahmen betrachten wir gemeinsam und prüfen sie auf ihre Wirkung auf Risiko, Cashflow und Rendite.
Oft lassen sich Wertsteigerungspotenziale bereits durch gezielte technische Maßnahmen erschließen. Verbesserte Rechenanlagen können beispielsweise Produktionsverluste durch Treibgut verringern. Moderne Steuerungen ermöglichen eine präzisere Nutzung des verfügbaren Wassers, und kontinuierliches Monitoring hilft, Wartungsbedarf frühzeitig zu erkennen. Bei einer unserer italienischen Anlagen soll eine Investition von rund 300.000 Euro die jährliche Stromproduktion um etwa 300.000 Kilowattstunden erhöhen. Solche Maßnahmen verbessern die Verfügbarkeit und wirken direkt auf den operativen Cashflow.
altii: Wo ist der Fonds aufgelegt, welche rechtliche Struktur und regulatorische Klassifizierung hat er, und welchem Anlegerkreis steht er offen?
Andreas Grassl: Der Fonds ist als offener Infrastrukturfonds strukturiert und nach Artikel 9 der Sustainable Finance Disclosure Regulation klassifiziert. Er richtet sich an institutionelle und professionelle Anleger, die langfristig in erneuerbare Infrastruktur investieren möchten.
altii: Ihr Fonds ist nach Artikel 9 SFDR eingestuft, dem strengsten Nachhaltigkeitsstandard. Zuletzt wurden jedoch viele Artikel-9-Fonds herabgestuft. Wie stellen Sie sicher, dass die Einstufung Bestand hat, und was bedeutet sie im Tagesgeschäft für Anleger mit eigenen ESG- und Reportingpflichten?
Andreas Grassl: Bei einem reinen Wasserkraftportfolio ist die Nachhaltigkeitswirkung unmittelbar mit dem eigentlichen Geschäftsmodell verbunden. Die Anlagen erzeugen erneuerbaren Strom, gleichzeitig müssen wir die jeweiligen ökologischen Anforderungen der Standorte und Konzessionen einhalten. Dazu gehören beispielsweise Vorgaben zu Restwassermengen und der laufenden Überwachung des Anlagenbetriebs.
Für institutionelle Anleger ist entscheidend, dass die relevanten Daten nicht erst für das Reporting zusammengestellt werden. Viele davon entstehen bereits im laufenden Betrieb. Produktionsmengen, technische Verfügbarkeit und weitere Betriebsdaten werden kontinuierlich erfasst. Das schafft eine belastbare Grundlage für das Nachhaltigkeitsreporting der Anleger.
altii: Zum Abschluss: Wo liegen die größten Risiken einer Wasserkraft-Investition, etwa bei Konzessionen, Wasserrechten, Strompreisen oder Genehmigungsverfahren, und wie steuern Sie diese im Sinne Ihrer Anleger?
Andreas Grassl: Wasserkraft ist eine langfristige Infrastrukturinvestition, deshalb müssen wir Risiken über einen entsprechend langen Zeitraum betrachten. Eine zentrale Rolle spielen die Konzession und die damit verbundenen Wasserrechte. Vor einem Erwerb prüfen wir deshalb sehr genau, welche Laufzeiten, Auflagen und Verlängerungsmöglichkeiten bestehen.
Hinzu kommen hydrologische Risiken. Die Wasserführung schwankt von Jahr zu Jahr, und der Klimawandel verändert die Verteilung von Niederschlägen. Das stellt den Investmentcase für Wasserkraft nicht grundsätzlich in Frage, verändert aber die Kriterien, nach denen Anlagen und Portfolios bewertet werden müssen. Entscheidend sind belastbare hydrologische Analysen über historische Durchschnittswerte hinaus, lokale operative Expertise, eine geografische Streuung über möglichst unabhängige Einzugsgebiete sowie aktives Asset Management und die gezielte Modernisierung bestehender Anlagen. Durch die Streuung über verschiedene Regionen lässt sich die Abhängigkeit von einem einzelnen Flusssystem reduzieren.
Beim Strompreis nutzen wir je nach Markt unterschiedliche Vermarktungsmodelle, darunter feste Tarife und langfristige Lieferverträge. Technische Risiken steuern wir über eigene Betriebsführung, kontinuierliches Monitoring und gezielte Investitionen in den Bestand. Die Kombination dieser Ebenen ist aus unserer Sicht die Voraussetzung dafür, aus vielen kleineren Anlagen ein institutionell investierbares Portfolio zu machen.
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