Die wirtschaftlichen Aussichten sind gut, ebenso die Gewinnerwartungen – der Markt scheint sich die positive Stimmung nicht durch die geopolitischen Schlagzeilen trüben zu lassen. Anthony Willis, Senior Economist bei Columbia Threadneedle Investments, sieht den Bogen jedoch bald überspannt. Nach Grönland und den neuen potenziellen Zöllen für bestimmte Länder der EU könnten weitere Vorfälle, wie beispielsweise erneute Angriffe auf die Unabhängigkeit der Fed, die Marktstabilität gefährden. Mehr dazu im Marktkommentar:
Venezuela, Iran, Grönland – das neue Jahr ist erst drei Wochen alt, und doch jagt eine geopolitische Schlagzeile die nächste. Die Finanzmärkte zeigen sich davon unbeeindruckt – doch wie lange noch?
Venezuela: Höhere Ölproduktion erfordert massive und langfristige Investitionen
Etwas mehr als eine Woche, nachdem die USA den venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro festgenommen haben, besprechen US-Ölkonzerne und US-Präsident Donald Trump bereits das weitere Vorgehen. Die US-Regierung scheint nicht zu weiteren Maßnahmen gewillt zu sein und der neuen venezolanischen Präsidentin Delcy Rodríguez die Kontrolle über das Land überlassen zu wollen – wenngleich mit der unterschwelligen Drohung einer Intervention. Es wird eine ganze Weile dauern, bis die Investitionen der US-Ölkonzerne zu einer Erhöhung des Angebots aus Venezuela führen. Außerdem ist der Umfang der erforderlichen Investitionen erheblich – für derartige Summen braucht es in der Region politische Stabilität, die noch nicht gegeben ist. Der Ölpreis stieg Ende letzter Woche an, da Anleger von einem langwierigen Prozess ausgehen.
Iran: US-Intervention zöge Vergeltungsmaßnahmen mit sich – auch gegen Israel
Die Proteste im Iran, die mit Ladenschließungen als Reaktion auf ausufernde Lebenshaltungskosten und die Abwertung des iranischen Reals begonnen hatten, entwickeln sich zu einem breiten politischen Aufstand gegen die Regierung. Die Menschen fordern echte Veränderungen, und die Unruhen nehmen einen zunehmend gewalttätigen Charakter an. Jetzt haben die USA eine Intervention in Betracht gezogen. Sollte es dazu kommen, wird sich die Stimmung an den Märkten wahrscheinlich deutlich verschlechtern. Eine solche Eskalation wäre ein erhebliches Risiko, da der Iran dann sowohl gegen die USA als auch gegen Israel Vergeltungsmaßnahmen ergreifen würde.
Grönland: Wenig Grund zur Sorge
Im Fall Grönland gibt es dagegen reichlich Spielraum für Kompromisse. Die Insel ist zwar ein autonomes Gebiet, gehört aber letztlich zu Dänemark und damit zur NATO. Damit ist es auf dem Papier ein Verbündeter der USA, die dort seit mehr als 70 Jahren einen Militärstützpunkt unterhalten. Derzeit sind dort etwa 200 Soldaten stationiert, in der Vergangenheit waren es aber bis zu 10.000 – und diese Zahl könnte leicht erhöht werden, wenn man wirklich besorgt ist, dass China und Russland mehr Einfluss auf die Arktis gewinnen könnten.
Federal Reserve: Gerichtsverfahren bedroht Unabhängigkeit der Fed
Deutlich besorgniserregender sind die Entwicklungen rund um die US-Notenbank Federal Reserve (Fed). Letzte Woche wurde bekannt, dass gegen Fed-Vorsitzenden Jay Powell eine strafrechtliche Anklage geprüft werden soll. Der Vorwurf: Irreführung des Kongresses im Zusammenhang mit den Kostenüberschreitungen bei der Renovierung des Fed-Gebäudes. Powell weist die Vorwürfe zurück: Die Debatte habe nichts mit tatsächlichen Kostenüberschreitungen oder möglichem Betrug zu tun, sondern diene vielmehr dazu, politischen Druck auf ihn auszuüben, um weitere Zinssenkungen durchzusetzen. Ein Eindruck mangelnder Unabhängigkeit der Fed wäre für die Finanzmärkte problematisch – und wird von Anlegern erfahrungsgemäß negativ aufgenommen. Entsprechend sind die Preise für Gold und Silber zuletzt bereits gestiegen.
Märkte bleiben widerstandsfähig, doch Stimmung kann jederzeit kippen
Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen sind weiterhin solide, und auch die Erwartungen an die bevorstehende Unternehmensgewinnsaison stützen sich auf eine Reihe starker Ergebnisankündigungen. Die Aktienmärkte haben sich bisher als widerstandsfähig erwiesen, wenngleich es für eine endgültige Einschätzung noch zu früh ist. Meiner Ansicht nach sollte alles gut gehen, solange der Fokus der Marktteilnehmer auf der Wirtschaftsentwicklung und den Unternehmensgewinnen bleibt. Sollten jedoch weitere politische Unsicherheiten oder erneute Zweifel an der Unabhängigkeit der Fed aufkommen, könnte dies die Marktstimmung belasten. In diesem Fall sollten Anleger mit mehr Volatilität an den Märkten rechnen.
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